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Neue jüdische Presse · 1902-10-31 · Heft 1 (31.10.1902) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 1 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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, ' sicher - sämtlich, ^. wie! die „Nowoje' Wremjä" onstatiert. das! Gymnasium - mit der - goldenen Medaille absolviert haben. Jüdische Gymnasialyüker. welche nur silberne Medaillen erhielten, ourden über Boxd geworfen: Charakteristisch ist Thatfachc, daß die: aufgenommenen Jüden tur, sieben Prozent der Gesamtzahl bilden, trotz-, dem der jüngste Erlaß des UmversitätsministekS' p,a eng er für jüdische Studenten an der Kiewer Universität eine sünfzehnprozentige Norm fest--, gesetzt hat. London Der berechtigte Stolz der Engänder auf ihre tladitionellen Errungenschaften des freiheitlichen Geistes, der unerschütterlichen Gerechtigkeit und der allgemeinen Toleranz kam ' der Zeremonie der königlichen Bestätigung des neuen jüdischen Lordmayor von London Sir Marcus Samuel zum Ausdruck. Mt großem befolge,von städtischen Würdenträgern hatte sich rir Marcus Samuel ins Haus der Lords begeben, lim vom Lordkanzler Earl-Halsbury die königliche Bestätigung als neuer Lordmayor zu erhalten, ichter Fulton stellte Sir Marcus nach altem rauche mit Erzählung seiner Lebensgeschichte vor. bei Lordkanzler erklärte, der designierte Lordtayor sei' in jeder Hinsicht eine Zierde des hohen tmtes, wozu er einstimmig gewählt worden, und dr erteile ihm mit besonderer Freude namens des önigs die Bestätigung. 'Sowohl Sir Marcus als England können sich mit Stolz, rühmen, sagte ord Halsbury, daß er einer Gemeinschaft angeyöre, die in anderen Ländern ungerechten und rausamen Verfolgungen ausgcsetzt sei, während c zu Lande die wahren Grundsätze der Freiheit mb des Rechts geachtet und gewahrt werden lach dieser Zeremonie kreiste, der große silberne iebesbccher mit gewürzten: Weine. Wenn man anderen Landenstatt Ungerechtigkeit und Verfolgungssuchi diese der Kultur des 20. Jahrgunderls allein würdige Toleranz den jüdischen Würgern zuweuden würde, dann könnte man auch da von einer herrlichen Kulturhöhe aus wie in England auf die Früchte seiner das ganze Land defruchtendcn Gerechtigkeitsliebe weisen und in jedem Juden einen treuen und tüchtigen Mitarbeiter an jener Blütezeit erkennen. London. Hier wurde unter dem Namen /.Hathechia" ein Verlag für alle Gebiete der he? hräischen Literatur gegründet/ Lodz. .Wie der „Lodzinskij Listok" meldet, nacht sich unter der jüdischen Bevölkerung von Lodz und Umgebung eine mächtige Bewegung tzur Auswanderung Nach Südafrika bemerkbar. Odessa. Die Pest herrscht gegenwärtig in )dessa. Wie der „Odeßkij Listok" meldet, betrafen konstatierten 35 Pestfälle, darunter 13 mit etalem Ausgange, ausschließlich die armen Juden r Borstädte. Mehr als 400 Juden stehen unter -sanitärer Beobachtung. Sie ersuchten unlängst ' , Ausfolgung von Talessim behuss Abhaltung )cr Gottesdienste. Der.Rabbiner von Odesia gestattete ihnen aber, den Gottesdienst ohne Talessim abzuhalten. - — In allen von Juden bewohnten Städten ußlands wurden in den Synagogen anläßlich s Ablebens von Emile Z o l a.Trauergottesdienste veranstaltet, Krst alle jüdischen Gemeinden der Großstädte haben an die Witwe Zolas Kon- ' olenz-Depeschen gerichtet, in denen Zola als lnwalt der Menschlichkeit und der Wahrheit get und gepriesen wird. ' Paks (Ungarn). Hier starb dieser Tage der allgemein geachtete und als großer Talmudzelehrter bckannte Rabbiner Herr Süßmann ^ofer im, 74. Lebensjahr. Der Verblichene war sehr beliebter , und gewandter Kanzelprediger rnd hat Äs Rabbiner in fejner Gemeinde viele fahre hindurch segensreich gewirkt. Rhma. Nach äsjähriger, reichgesegneter Lhätigkeit tritt unser Lehrer Emmerich in den oohlverdienten Ruhestand. Derselbe hat sich m Schule und Gemeinde bleibende Verdienste rworben. Beim -Abschied aus dem Amte wurde l m der Adler der Inhaber des Hausordens von ohenzollern verliehen, eine Auszeichnung, auf die' der"Dekorierte umsomehr , stolz sein darf! als es in unsrer Gegend' der «rste Fall/ ist, daß ein im Amt ergrauter) israelitischer Lehrer derart geehrt wurde. V ■. v : . .. Warschau. Mit dem Hauptsitz in Warschau soll,'wie wir von gut unterrichteter Seite hören, ein Mrband hebräischer Schriftsteller ins Leben genDkn" werden, der sowohl materielle, als auch ideeue Hebung des Standes bezweckt. Der geistige „ nd Leiter dieser Bestrebungen ist der riftstellcr Marcus Cahan aus Homel sGou- Urneinent Mohilew). - Wien. Rubin Ascher Braudes, hat nach langem Leiden seine Seele 'ausgehaucht. Die zirnistische Partei verliert in ihn: einen ihrer begeistertsten Kämpfer, die jüdische Literatur einen begabten und geschickten Feuilletonisten; besonders sn der Behandlung kleinerer Sujets war er ein Meister. ' ■ BW vsWiöi «w'tyA i (Nachdruck verboten). Ans unfern Tagen von Friedrich Nott. Ter Winter neigte sich zu Ende. Gestern schon hatte die Febrüarsonne die Schneeinasien, die die, Straßen deckten, ausgelöst und die Passage sehr erschwert, über Nacht jedoch war starker Frost eingetreten, der aufgelöste Schnee hatte sich in Eis verwandelt, sog. Glatteis deckte alle Plätze und Wege, vorsichtig mnd zaghast sah man die Fußgänger sich bewegen. Nur jene frische Knaben dort, die mit dem Schulranzen auf dem Rücken oder der Mappe unter dem Arm leichten, festen Schrittes der Schule zuwandertcn, schienen gefeit gegen die Unbilden des Weges. Sie glitten .nicht aus und strauchelten auch nicht, amüsierten sich jedoch königlich, wenn Erwachsene wankten oder zu Boden stürzten, was nicht allzuselten vorkam, denn es existierte zwar eine Verordnung, die jeden Hausbesitzer verpflichtete, bei Glatteis vor seinem Hause Äsche oder Sand streuen zu lasten, ein hochweiser Magistrat hatte jedoch Anderes zu thun, als dafür zu' sorgen, daß die betreffende Verordnung auch befolgt wurde. Beinbrüche und ähnliche Unfälle gehörten in. diesen Tagen nicht zu den Seltenheiten. - Eben hatte sich die Thür eines kleinen Spczereiladens geöffnet, ein kleines Mädchen von ungefähr sieben Jahren war hrransgetrcten, leichtfüßig hüpfte sie die Stufen hinunter, die zur Straße führten. Da ward die. Thür nochmals geöffnet, ein graubärtiger Mann mit dunklem Augenglas ward sichtbar. „Vegele!" rief er ängstlich „Vegele, gieb Acht, daß du nicht fällst!" . : „Vegele! Vegele!" johlten ein halbes Dutzend Knaben, die eben den Laden päffirten. ..Vegele Vogel!" schrie ein anderer, der auf dem Ladenschild den Namen Vogel gelesen hatte. „Vegele Vogel! Vegele Vogel!" brüllten sie nun sämtlich, die jungen Unholde, indem sie lachend dein kleinen Mädchen nachrannten, das wie ein gehetztes Reh vor ihnen hereilte. Da wandte sich einer der Knaben zu seinem neben ihm einherrennenden Hunde und hetzte ihn auf das dahineilende kleine Mädchen. Mit wenigen mächtigen Sprüngen hatte der Köter das Kind erreicht und das Kleid desselben mit den Zähnen erfaßt. Die Kleine schrie, als ob sie am Spieße fftäkc, die Buben mußten sich vor Lachen die Seiten halten, nur Einer sprang zu dem hin. der den Hund auf das Kind gehetzt hatte, und schrie: „Ruff deinen Hund zurück! oder —" „Ich will nicht, Jud! Caro, halt fest!" Doch im -selben Moment hatte er einen wuchtigen Faustschlag in das' Gesicht erhalten, daß ihm ein Blutstrom aus der Nase stürzte Der Andere, aber war hingestürzt zu dem schreienden Kinde und hatte es mit all seiner Kraft , den Zähnen des Hundes entriffen. Die jugendlichen \ Nr. 1 Helden hatten nicht übel Lust für ihren blutenden Kameradcn Partei zu ergreifen und sich in Masse auf den Beschützer des Kindes zu werfen. Aber ' eine Anzahl Erwachsener hatte, diesen bereits um-. ringt, Flüche gegen die rohen Buben wurden laut, v die es darauf hin angezeigt hielten, sich aus dem Staube' zu machen und der nahen Schule zuzucilen. Sie kamen jedoch um mehrere Minuten zu spät . dorthin, der Unterricht hatte bereits begonnen und cs gelang ihnen nicht, sich unbemerkt auf ihre Plätze zu schleichen. Mit höchst ungnädigen Worten, empfing sie der Professor. „Was ist das für eine Manier, so spät in die Schule zu kommen?— Wo haben Sie sich ' so lange herumgetrieben? Und mit wem haben Sie sich derumgeschlagen, - Arnold Wicsner? — Sie sind ja voll Blut über und über." „Ich habe mich mit niemand herumgeschlagen,". erwiederte der Angercdete. „FelixKohn hat mich mit der Faust in's Gesicht geschlagen, ohne daß ich ihm irgend etwas gethan habe." , . . -„Das ist wahrr das ist wahr!" -schrien die Anderen, „und wir haben dann dem Wiesner ■. geholfen, darum sind wir alle zu spät gekommen-" „Jst's möglich!" ries der Professor, „ohne daß Sie ihm etwas gethan haben, hat Felix Kohn. Sie blutig geschlagen?" „Nicht das mindeste habe ich ihm gethan," ' erklärte Wiesner, indem er beteuernd die. Hand. . auf die Brüst legte. „ Unverschämter Judenbengel!— Die jüdische Frechheit wird doch alle Tage ärger. — Aber wo ist denn der Bube? — Felix Kohn!" „Da kommt er!" riefen einige Knaben. In' Wirklichkeit trat der Besprochene soebentit das Schulzimmer- Es war ein hochgewachsener, , , Knabe von'sechzehn Jahren,- nicht der älteste, wohl aber der größte in-seiner Klasse, vor dessen Körperv kraft die Meisten Respekt hatten. „Warum kommen Sie so spät?" herrschte ihn der Professor an. „Ich bitte um Entschuldigung, aber ein kleines Mädchen ist von einem Hunde angefallen worden, der sich in das Kleid des Kindes verbiffen hatte, nur mit größter Anstrengung konnte, ich es losreißen. Das Kind war . aber so außer sich, daß es sich an mich geklammert hat. ich konnte es nicht auf die Erde stellen, ich mußte .. . es in das Haus seiner Eltern tragen." Der Professor schüttelte den Kopf. „Felix Kohn, ich warne Sie, kommen Sie mir nicht mit Lügen, die Geschichte kommt mir sehr,, unglaubwürdig vor." ' v Das intelligente Angesicht des Beschuldigten war im Nu mit heller Röte wie übergossen. „Ich habe nicht gelogen," erklärte er mit vor Erregung bebender Stimme, „jedes Wott/das ich gesprochen, ist wahr, das können, viele bezeugen. , Ihr habet es doch auch gesehen." wandte er sich an die gleich ihm zu spät gekommenen Schüler. ' ' „Nein, nein!" rief einer von denen, „das x haben wir nicht gesehen." \ „Wir haben nur gesehen, wie Du den Arnold x- Wiesner in's Gesicht geschlagen hast," schrie ein Anderer. „Nun, Sie verlogener Jud!" polterte .der - . Professor/ „was sagen Sie nun?" „Ich bin kein verlogener Jud!" rief Per - Knabe, „fragen Sie den Wachmann Hinrichs und den Kaufmann Blaaßen und den Sekretair Kaiser und die Gemüsehändlerinnen, die dort auf der x Straße sitzen,, sie alle Habens gesehen und werden es bezeugen, daß ich die Wahrheit gesprochen - habe." „Na, meinethalben mag es wahr sein," entgegnete der Professor ärgerlich, „aber wie haben Sie es wagen können, einen Mitschüler zu mißhandeln? Ihn, der Ihnen doch gar nichts gethan ' ' hatte/blutig zu schlagen? — Oder war es vielleicht nicht so? haben Sie ihn nicht blutig geschlagen? — oder hat er Sie edva zuerst geschlagen?" „Nein," versetzte-der Knabe, „Wiesner hat . -x mich nicht geschlagen aber —" . „Aber Sie haben ihn geschlagen, frecher Judenlümmel! Wie haben Sie das wagen könnend" ,

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