Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 1 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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gebrächt ^KrSmi^Der-' Tempel ) war zu jener Zeitnichtälleinder Ort religiöser Handlungen, .sondern auch die Schule, das Colleg, die Priester wären die Lehrer' aller' Wissenszweige, und: es ist ganz' natürlich, daß die Bibliothek im Tempel war. Die Schriftzüge haben keilförmigen Charakter. Da. man kein babylonisches Alphabet hat, ist ihre Entzifferung sehr schwierig. Doch hat man schon solche Fortschritte in der Entzifferung gemacht, daß uns eine Ahnung von den Wundern dämmert, welche uns die große Bibliothek bietet. „Die Babylonier", berichtet Hilprecht weiter, „waren große Astronomen und Mathematiker, und habe.ich neuerdings eine Tafel mit einer so genauen Beobachtung der Constellation des Skorpion gesunden, daß daraus deutlich zu erkennen ist, daß die Bewegung der Himmelskörper und ihre Berechnung ihnen so gut bekannt war wie uns". „Ein anderes Täfelchen war mathematischen Inhalts. Die Babylonier, in ihren arithmetischen Tafeln (z. B. eine Multiplikationstafel), gehen weiter als wir. Unsere Multiplikationstafeln gehen bis 12X12, die der Babylonier bis zu 60X60. Die babylonischen Schulkinder werden bei dem Lektion-Wiederholen „Sechzig mal sechzig" gesungen haben. Wirklich wird auch anläßlich astronomischer Berechnungen ihre Multiplikation bis 1300X1300 ausgedehnt. Um die langen Berechnungen zu sparen, wurden die Resultate auswendig gelernt. Die babylonischen Kinder mußten Wunder an Gelehrsamkeit sein. Außer den vier arithmetischen Grundoperationen mußten sie zwei fremde Sprachen lernen, die Sumerische und Babylonische; und zwar , in den Schulen niedrigster Klasse. Wenn man bedenkt, wie wenig Urkunden fünf Kapitel aus Genesis und einige Erzählungen im Talmud — wir von der Zeit vor Abraham haben, gewinnt Pros. Hilprecht's Entdeckung die höchste Wichtigkeit. Er hat schon versichert, daß auch solche Täfelchen in der Bibliothek existieren, die die- Sündflut überdauerten, uns also von den ersten Zeiten der Menschheit Kunde geben. Die Erzählung gleicht ganz der Genesis, nur geht sie so in Details über, daß sie ms Englische übertragen eine Menge Bücher ausmachen würde. Die 20000 Täfelchen — sagt Hilprecht umfassen alle die Periode vor Abraham und seit deffen Wanderung nach Chaldäa, liegen sie an dem Platz, wo man sie jetzt fand. 2280 vor der gew. Zeitrechnung brachten die Elamiten die Bibliothek in Unordnung, wie man sie auch jetzt noch fand. In den Räumen, wo sie lag, fanden die Entdecker auch sozusagen Bücher-Etuis, in welchen die Täfelchen lagen. Zwischen dieser Bibliothek und der vor 25 Jahren von Laird und Smith gefundenen, des großen Königs Aschurbamagab von Ninive, besteht insofern ein Zusammenhang, als die affyrische eine Kopie des babylonischen Originals ist. und daher in der Schöpfungs- und Sündflutsgeschichte übereinstimmt ES ist erwiesen, daß die jetztgefundene babylonische Original ist. Wie schon oben erwähnt, beziehen sich alle Täfelchen auf die Zeit vor Abraham. Als Datum wird die Regierungszeit der einzelnen Könige angenommen. Die Täfelchen wären schon früher gefunden worden, wenn nicht schon seit 3000 Jahren ein Bergesgipfel auf der obersten Schicht, gewesen wäre. Während ein Teil von Ruinen bedeckt ist. . stand auf einem anderen um 435 vor der üblichen Zeitrechnung ein sehr besuchtes Haus des Sohnes von Märaschu zu Nippur. Sein Gewerbe war - das Besorgen von Geschichts-Dokumenten und zwar in der Zeit Artaxerxes und Darms II. Unter anderen Dingen fand auch Proseffor .Hilprecht den Strom Chebar wo Ezechiel durch seine Visionen das Volk im Exil ermunterte Es war ein großer schiffbarer Kanal in Nippur. - Der Platz ist also gefunden, wohin Nebukadnezar -die Kinder Israels ins Exil schickte. Bei den Grabungen wurde auch ein Bauwerk gefunden, welches) bei einer enormen Ausdehnung und kunstvoller Brückenkonstruktion, schon vier Jahrtausende vor der gew) Zeitrechnung / gebaut war. . Seine : länge beträgt 600 Fuß. Auch auf eine Anzahl;errä ootta-Vasen und andere wichtige Alterümer stieß man bei den Ausgrabungen. Die nähere Beschreibung derselben wird Prof. Hilprecht in seinen Donnerstag, den 9. Oktober, beginnenden .lniverfitätsvorlesungen geben. Die Entzifferung dieser Inschriften. iflkCWniand einer besonderen Disziplin in der genaimten Iniverfität und werden wir GekegenheWHaH^ wiederholt auf den Gegenstand zurückzükottimen. Korrespondenzen. Berlin. Die Ausgaben für die beiden Altersversorgungsanstalten der jüdischen Gemeinde beliefen sich im Rechnungsjahre 1901/02 auf Mk. 109000.—; die Einnahmen aus den Zinsen betrugen Mk. 96000.—; aus Jahresbeiträgen Mk. 11780.—. — Der unter Leitung des Herrn Direktor Dr. Hoffmann stehende „Tälmud-Berein" feiert am 2. November das Jubiläum seines 50 jährigen Bestehens. Der segensreich wirkende Verein läßt täglich Talmudvorträge halten, und unterrichtet kostenfrei Knaben in verschiedenen Religionssächern, besonders im Talmud. — Der Verein „Jüdisches Kinder-Genesungsheim" wird am 4. November im ,,Hütet Imperial" ein großes Wohlthätigkeitssest veranstalten, das nach dem Programm desselben außerordentlich glänzend zu werden verspricht- " — Die Statistik weist bezüglich der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen fortgesetzt ungünstigere Zahlen auf. In den Schulen, auf den Universitäten, beim Militär, überall geht das jüdische Contingent zurück, wenn vorläufig die Abnahme prozentualiter auch noch ungefährlich aussieht. Der grade bei uns Juden infolge Rückganges des Mittelstandes immer mehr erschwerte Lebenserwerb dürfte die Hauptursache für diese traurige Erscheinung fein. Fulda. Unter Vorsitz des Herrn Lehrers Schwarzfchild aus Schlüchtern tagte der Verein Jeschurun". Bekanntlich erstrebt dieser Verein die Fürsorge für inaktive Lehrer, deren Witwen und Waisen. Obwohl der Verein erst 5—6 Jahre besteht, hat derselbe bereits ein Vermögen von nahezu 12000 Mk. Er wird dieses Vermögen nur bis 15000 Mk. anwachsen lassen, um alsdann seine Wohlthaten an Anspruchsberechtigte auszuüben. Die Versammlung war zahlreich besucht und beschloß u. Akünftig die General Versammlungen im Anschluß an die isr. Hessische Lehrerkonferenz abzuhalten. Die bisherigen Vorstandsmitglieder Schwarzschild-Schlüchtern, Spiro und Löwenstein-Fulda sowie Neu in Hanau wurden einstimmig wiedergewählt. Hamburg, 22. Oktober. Die heutige Sitzung der Bürgerschaft wurde jäh unterbrochen. Der Präsident Siegmund Hinrichsen erlitt, während er sprach, einen Schlaganfall und verschied nach einigen Minuten. Hinrichsen spielte in Hamburg eine bedeutende Rolle, gehörte jedoch dem Judentum nur dem Namen nach an. Hamburg. Proseffor Haupt-Baltimore machte auf dem 13. Orientalisten-Kongreffe in Hamburg sehr interessante Mitteilungen über seine neuen Forschungen betreffs des in der Bibel vorkommenden Wortes Tarfis. Wir entnehmen seinen Ausführungen Folgendes: Im Alten Testament wird an verschiedenen Stellen der Steine von Tarfis Erwähnung gethan. Tarfis ist der biblische Name des Bergwerksdistriktes des südwestlichen Spanien, und noch heute führen die einer englischen Aktiengesellschaft gehörigen Kupferminen nördlich von Suelva diesen Namen, der den Bergwerken aber erst im 19. Jahrhundert von norddeutschen Ingenieuren beigelegt worden ist. Die griechische Bibel behält an mehreren Stellen den Namen Tarfis für diesen kostbaren Stein einfach bei. An anderen Stellen dagegen gibt sie diesen Ausdruck durch Chrysolith wieder, worunter wir jetzt eine edlere Varietät des Olivins verstehen. aette; Gewöhnlich sagt man. daß nach einer Stelle i>. Plinius' Naturgeschichte. der Name Chrysolith von den Alten für den Tobas gebraucht worden ei. Mer das beruht auf einem Mißverständnis.. ) Luther übersetzte Türkis wegen des Namen-Anlanges; andere haben an Bernstein gedacht. Abe^ peder Bernstein, noch Türkis, noch Topas finden sirdm Spanien und die Steine von Tarfis müffem f ein Mineral bezeichnen, das für Spanien speziell ' charakteristisch war. Sieht man die angezogene- -Pliniusstelle genauer an, so ergibt sich, daß die Tarfisstatue oder Chrysolithe Zinnoherkrystate qus den Oueckfilbergruben von Almaden waren; auch Anthrax, das die griechische Bibel für Tarfis bietet, wurde von dem römischen Kriegsingenieur Ditruv zur Zeit des Kaisers Augustus im Sinne von Queckfilbererz. woraus Zinnober gewonnen - wird, gebraucht. Zinnober ist ja Schwefelqueckfilber und enthält über 86 Prozent Quecksilber. Nun sagt Plinius 37. 126 von den Chrysolithen) „Die besten find die, welche, wenn sie mit Gold. zusammengebracht werden, das Gold wie Silber) erscheinen lassen" — was natürlich auf dem Queckfilbergehalt beruht. (Optima« sunt, guas) inovolantionk au rum atbioars guackam argenti! facie count — lautet die Stelle bei Plinius ) Ferner berichtet Plinius, daß die Römer Zinnober fast ausschließlich aus Spanien bezogen und daß die beste Sorte aus Sisapo, den heutigen Quecksilbergruben von Almaden. nördlich von Cordoba, komme, wo es in den sorgfältig bewachten Staatsbergwerken gewonnen wurde. Plinius nannte Zinnober Minium, worunter wir jetzt Mennige verstehen. Die Alten nannten den Lapis lazuli, aus dem bis zum Jahre 1830 die Ultramarinfarbe hergestellt wurde, Saphir. Sie erhielten Lapis lazuli ausschließlich aus den berühmten Minen in dem turkestanischen Mpenlande Badachschan im nordöstlichen Afghanistan. 1500 Fuß hoch über dem Spiegel des Koktschar, eines Nebenflusses des Qxus an der Nordostseile des Hindukusch- Gebirges, des Paropamisus der Alten. Affarhaddon. '!■ der Sohn Sanheribs, nennt diesen Lapis lazuli- ) Bera Biku und sagt, daß er im fernsten Mästen gelegen sei. Affarhaddon muß schon bis zum Paropamisus vorgedrungen seiir, genau so wie 300 Jahre später Alexander der Große, und der mazedonische- Eroberer hätte seinen Siegeszug vielleicht nicht so weit nach Osten ausgedehnt, wenn er nicht in Babylon Nachrichten über diese Länder erhallen hätte. Nachdem sestgestellt ist. daß Saphir Lasurstein bedeutet, während dm Steine von Tarfis Zinnober-Kristalle bezeichnen, wird auch die rätselhafte Strophe in den biblischem Liebesliedern verständlich, wo das Mädchen bei der Schilderung der Schönheit ihres Geliebten sagt : Seine Arme find goldene Rollen Besetzt mit Tarsis-Steinen Sein Leib ein Elfenbein-Kunstwerk eingelegt mit blauem Saphir. Das heißt: seine von der Sonne gebräunten)! bronzefarbenen Arme find mit Zinnoberot tätowier^ während sein vor der Sonne geschützter elfenbeinfarbener Leib mit Lasurfarbe tätowirt ist- Dia- Tätowierung ist noch jetzt in Syrien und Pakästina sehr verbreitet und es finden sich verschiedene Hinweise auf die Sitte im Alten und Neuen, Testamente. Auch das Kains-Zeichen, das der Hern dem Brudermörder bestimmte, damit ihn niemand totschlage, war ein tätowiertes Stammeszeichen. Budapest- Der ungarische Unterrichts-) Minister v. Wlasiics gab wieder einmal dem schlagenden Beweis deffen. daß die Gewissens-) freiheit jeder Konfession durch ihn vollauf re-) spektirt werde. Der Minister verordnete nämlich.) daß im Interesse jener jüdischen Schüler, die am Samstag vom Schreiben befreit sein wollen, dek) Dispens ganz erleichtert werde. Ohne jedes Ansuchen auf einfaches Verlangen der Eltern muß.) nunmehr der Direktor der bezüglichen Anstalten diese Ausnahme bewilligen. Kiew. Die Ergebnisse der Ausnahme post/ Studenten in die Univerfitätzu Kiew find nunmehr) offiziell festgestellt worden. Im Ganzen wurden/ 421 Studenten ausgenommen, darunter 32 Juden^