Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 1 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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„Wiesner hat feinen Hund auf das Kind gehetzt, ich habe ihn ausgefordert, den . Hund zu rückzurufen. er aber hat ihm. zugerufen: Caro, -halt' fest!"' ' Der Angeredete errötete: „Es war nur ein Judenmädel" murmelte er. „ Vegele Vogel." rief einer - der Kameraden. . Die ganze Klaffe kicherte, auch um die Mundwinkel des Herrn Professor zuckte ein nur mit Mühe verhaltenes Lächeln, aber seine Stimme war ernst.und streng als er sprach: - „Sie haben sehr Unrecht gethan, Arnold Wiesner, wenn ich auch eine Abneigung, gegen eine fremde Raffe begreiflich finde. Sie hätten sich nicht so weit Hinreißen lassen dürfen. Eigentlich müßte ich Sie bestrafen, aber Sie mögenden empfangenen Schlag in's Gesicht als wohlverdiente Strafe betrachten. Ihnen aber. Mix Kohn, kann ich. die-Strafe nicht erlaffen. Sie erhalten einen Dreier in Sitten. Denn wenn ich auch Ihr Verhalten gegenüber dem- Kinde nicht tadeln kann, so muß ich doch ein solches Vorgehen gegen einen . Mitschüler im höchsten Grad' mißbilligen, und ich warne Sie, sich ein zweites Mal derartiges zu Schulden kommen zu lassen." — Die Knaben, die sich so feindlich gegen ihn gezeigt hatten, waren von den ihm gewordenen Tadel im höchsten Grade erfreut und sie ließen dieser Freude Ausdruck, indem sie ihm hinter dem Rücken des Professors Grimassen zuschnitten, -die Zunge entgegenstreckten ri. dgl. m. Er aber rief, sich stramm aufrichtend: „Und wenn ich's nochmals sehen würde, daß-irgend jemand einen Hund auf einen Menschen hetzt, so würde ich den gleichfalls schlagen, und wenn ich dafür einen Fünfer in Sitten erhalten würde." Der Professor zuckte die Achseln. „Es fehlt euch Juden an Ehrgefühl. — Aber ich ergebe mich der Hoffnung, daß keiner von euch, sich von seiner Idiosynkrasie wieder zu Ausschreitungen verleiten lassen wird. — Ich würde sehr, sehr strenge sein. — Mißversteht mich nicht," fuhr er mit erhobener Stimme fort, nachdem in der Klasse ein Murmeln laut geworden war, „ich weiß sehr wohl, cs liegt in der menschlichen Natur, namentlich in der feinern, edleren des Ariers, gegen alles Unschöne, Unfeine sich ablehnend zu verhalten, aber ich wiederhole, Ihr dürft euch dadurch nicht zu Ausschreitungen verleiten lassen, die euch gar leicht mit dem Strafgericht in Konflikt bringen könnten, das den Jargon des Juden, seine krümme Nase - und sein unsauberes Aeußere schwerlich als Entschuldigung gelten kaffen würde. Doch genug von dieserunerquicklichen Geschichte, nehmt eure Hefte her zum Extemporale." sfr * S Es war in der Mittagsstunde, die Familie des Großhändlers Kohn war eben im Begriffe, sich zu Tische zu setzen, als der Hausherr mit zornglühendem Gesichte in das Speisezimmer stürmte.- . „Wo ist Felix?" schrie er, „Felix!" „Hier bin ich. Papa!" entgegnete der Gerufene, indem er sich erhob, „was wünschest Du?" Doch statt zu antworten, stürzte er auf den Sohn zu und versetzte ihm mehrere wuchtige Schläge in's Gesicht- Seine Frau schrie laut aus und umklammerte seinen Arm. „Großer Gott! was ist denn geschehen? was hat Felix verbrochen?" „Was er verbrochen hat?" schrie Kohn, indem er sich vergebens bemühte,- seinen Arm frei zu machen, vermutlich um seine Züchtigung fortzusetzen. „Elender Hund, Du! warte nur, geschenkt ist es Dir noch nicht." „Aber ich habe doch nichts gethan." stotterte der Knabe, seine thronenden Augen und schwebenden Wangen in feinem Tuche bergend. . „Es wird ein Irrtum sein," stammelte, die Mutter, „Papachen, ich bitte Dich um's Himmelswillen, sage doch, was glaubst Du. daß Felix gethan hat. Du siehst doch, er weiß es nicht." „Er wird schon wissen, daß er den Sohn vön unserm ersten Bürgermeister, den Arnold Wiesner, blutig geschlagen - hat. Frau Bürgermeister Wiesner hat hergeschickt und es mir sagen lasten, damit ich den Nnglücksbuben exemplarisch bestrafe, sonst wird sich ihr Mann in anderer Weise Genugthuung zu verschaffen wiffen. Und daß er das kann, ist keine Frage. Wiesner ist nicht nur Bürgermeister, er ist auch Vorsitzender )es Verwaltungsrates, hat so und so viele Lieferungen zu vergeben und —" £ „Um's Himmelswillen. Felix! wie hast Du nur so roh sein können?" rief seine „was hatte ec Dir denn aethan?" ' V' „Er hatte seinen Hund auf ein kteiiW Mädchen gehetzt, der Hund hat das Kleid des Kindes mit den Zähnen gepackt, und ich habe den Wiesner ausgefordert, den Hund zurückzurufen und weil er das nicht wollte, habe ich ihn geschlagen." „Dazu warst Du nicht berechtigt", erwiderte die Mutter, wie eile chtert aufatmend, „aber Deine Entrüstung ehrt Dich und darüber freue ich mich." . „Was?" schrie Kohn „Dir redest ihm noch das Wort? was kümmert das ihn. was Andere thun, er ist nicht unseres Herrgottes Polizei." „Aber lieber Mann, ich bitte Dich, Du willst deinen Sohn doch nicht tadeln, daß er nicht ruhig zusehen konnte, -daß ein Hund auf ein Kind gehetzt worden ist?" „Wie heißt, ich werde ihn deshalb nicht tadeln? Gewiß tadle ich ihn deshalb, und Felix, ich schwöre Dir zu. wenn Du Dich noch ein einziges Mal an einem Christenknaben vcrgreisst, so schlage ich Dich zum mindesten halbtodt." „Papa hat recht, Felix, Du darfst keinen schlagen, am allerwenigsten einen Christenknaben und nun gar den Sohn vom Bürgermeister!" „Soll er nicht den Hund auf ein Kind hetzen," murmelte der Knabe. „Das geht Dich nichts an!", schrie Kohn. „wie oft soll ich Dir das noch sagen? — So nimm doch Vernunft an! — Was hEs geschadet, wenn der Hund das Kleid von dem Kind zerrissen hätte, das vielleicht nicht drei Kronen gekostet hat? Aber was es schaden wird, wenn der Bürgermeister die Lieferungen, die ich in diesem Jahre habe, nächstes Jahr dem Konkurrenten geben wird? Daran hättest du denken müssen, alt genug bist du schon dazu" „Daray habe ich nicht denken können, wenn ich ein Kind in Gefahr sehe." „Bagatelle! Vegele Vogels Kavalier!" „Was? das kleine Mädchen von dem Spezereihändler Vogel". „Er war vorhin bei mir, wollte dem Felix danken, daß er, wie er sich ausdrückte, seinem Kinde das Leben gerettet. Das Volk übertreibt alles." „Ob das Leben des Kindes in Gefahr war, weiß ich nicht", sagte Felix, „aber es hat sich in seiner Angst so fest an mich geklammert, daß ich es in das Geschäft des Vaters getragen habe, dort aber hat es sofort Zuckungen bekommen, es war schrecklich anzusehen, sie haben den Doktor gerufen". „Ja, ja," bestätigte Kohn, „so hat es Vogel auch erzählt, und er hat hinzugefügt, der Doktor hätte gesagt, sie könnten froh sein, daß das Kind mit dem Leben davon gekommen ist". Frau Kohn erhob sich und trat ju_ ihrem Sohne, indem sie den Arm um seinen Hals schlang, drückte sie einen Kuß auf seine Stirn. „Mein braver wackerer Felix, ich bin stolz auf Dich. Und ich bin überzeugt, der Papa wird Dir auch verzeihen. Es war zwar nicht recht, daß Du den Wiesner geschlagen hast, aber Du hast doch gezeigt, daß Du das Herz auf der rechten Stelle hast und das ist doch die Hauptsache. Nicht wahr, Papachen, Du zürnst Deinem braven Sohn nicht mehr?" Kohn zog die Stirn in Falten, eine leise Röte stieg ihm in die Wangen, er schämte sich doch vielleicht ein wenig. „Bitte den Wiesner um Entschuldigung und trachte, daß Du gut Freund mit ihm wirst. Das ist unbedingt notwendig, denn der Arnold ist ein Muttersöhnchen, seine Mutter thut alles, was er will, und daß der Bürgermeister unter dem Pantoffel steht, das ist stadtbekannt. Du mußt daher alles mögliche auflieten. daß er den Schlag, den Du ihm versi säst, Dir nicht nachträgt, sonst hätte ich allzugrof Schaden." „Bitte um Entschuldigung. Felix." sagte Mutter, ihm die Wangen streichelnd, „thu's meinetwillen. Willst Du?" Er zog ihre Hand an seine Lippen. „ Deinetwillen, liebe Mama, würde ich alles ihr Aber sei unbesorgt, es ist nicht allzuschwer, Wiesner zu versöhnen. Er ist der schlecht« Schüler der ganzen Klasse und wenn ich ihm )en schriftlichen Hausarbeiten helfen und ih wenn er herauskvmmt und nicht weiter kann, vagen werde, so wird er mir ein sehr gu Freund werden." ..Also thue das," sagte der Vater, „wie ihn Dir zum guten Freund machst das ist einerlei. Aber nimm Dich in Acht, daß derart« nicht wieder vorkommt, das würde ich Dir zi zweiten mal nicht so leicht hingehen taffen, de ich lege den höchsten Wert daraus, in. Friei und Freundschaft mit unser» christlichen M bürgern zu leben." „Unser Felix ist nicht streitsüchtig," sai Frau Kohn. Ihr Gatte zuckte die Achseln. „Streitsüch ist, wer Streit sucht, und wer sich, in Sack mischt, die ihn nichts angehen, der sucht Stre Das aber verbiete ich Dir allen Ernstes. Schc Du solltest Gott danken, daß Du in Dein Aeußern so gar nichts Jüdisches haßt- Bei Dein Hellem Haar, Deiner weißen Haut und Deil grade» Nase würde kein Mensch den Semiten' Dir vermuthen, wenn Du nicht bei jeder Gelegenhi bei der ein Jude angegriffen wird, aus der He fahren würdest." - . . Die Mutter winkte dem errötenden Knak freundlich zu. „Dafür kann ich nichts," murme dieser, „ich kann nicht ruhig zusehen, wenn Jemant unrecht geschieht, ob cs sich dabei um Juden oi Christen handelt, das ist mir einerlei." „Das soll Dir aber nicht einerlei sei, eiferte der Vater, „wenn es sich um einen Chris handelt, ich meine, wenn ein Christ angegrif wird, da habe ich nichts dagegen, wenn Du ü helfen willst, das ist mir sogar ganz recht- Al Juden darfst Du nicht helfen, das verbiete ich einfür allemal, das macht böses Blut, bin überzeugt, der ganze Antisemitismus kam davon her, daß man zu viel Lärm gemacht h wenn z. B. einem jüdischen Hungerleider Haufiren verboten worden ist oder dergleichen. „Daher sollte der Antisemitismus kommen sagte feine Frau ungläubig den Kops schüttet „Und woher denn sonst?" ries er ärger! „Glaube mir, wir Juden selbst find an der gan antisemitischen Bewegung Schuld. Wir find ungenügsames, unzufriedenes Volk. Unsere Greller» haben in den engen finstern Judengaf gewohnt, wir wohnen in den schönsten Skas der Stadt. Unsere Voreltern hat man mit Füßen getreten, bei uns kommen die Honorati zu Gast und wir find auch zuweilen ihre Gä Und wenn man fich's nur ein bischen kosten läßt, was kann man da nicht alles haben! Ehre. Ansehen und Lieferungen u. s. w. sollten wir doch zufrieden sein. Aber um jüdischen Hungerleider darf man sich nicht kümm und darf nicht gleich draus los schlagen. w> ein Knabe aus vornehmen Hause sich einen! macht mit einem schmutzigen Judenkind, st verdirbt man alles und bringt eS zu nichts" Felix wechselte die Farbe und preßte Lippen fest aufeinander, es ward ihm ersichtlich schr die gemeinen Aeußerungen des Vaters unerwi zu lasten. Doch um seiner Mutter willen schv er. denn er wußte,, wie peinlich ihr derar Contreversen zwischen ihm und feinem Datier würden, deshalb bezwang er fich. (Fortsetzung folgt). ' ,