Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 102-103 (30.12.1925)
- Date
- 1925-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652691-2652784--17949-2692043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 102/103 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 847 \ k sc :n 1? im di tsne :r- יה: >riS-;ca ich Frauenarbeit in Palästina Von Helene Hanna Thon (Jerusalem). Die Franenkonfcrcnz in Wien hat cs leider versäumt, sich prinzipiell mit der Frage zu befassen, welche .Aufgaben heute unter den Begriff der sozialen Frauenarbeit in Palästina fallen, was zur Erfüllung dieser Aufgaben bereits geschieht und was, resn. in welcher Weise, in Zukunft gearbeitet werden soll. Da bei den jüdischen Frauen aller Länder ein dringendes Bedürfnis nach Aufklärung über diese. Frage bcsteht, soll im folgenden ein Versuch zur Naeuuolung des Versäumten unternommen werden. _ Es würde von vicien Frauen in Palästina freudig begrüßt werden, wenn diese Ausführungen die Grundlage zu einem Meinungsaustausch zwischen innen und den Zionistinnen des Auslandes bildetcr.: Die sozialen Aufgaben der Frau. Man hört mitunter die Meinung, daß in einem so modernen Gemeinwesen wie das werdende Palästina cs ist, überhaupt kein Raum für einen Zusammenschluß der Frauen zu besonderen sozialen Arbeiten sei; cs müsse ihnen jede Möglichkeit zu voller Gleichberechtigung im öffentlichen Leben gewährt werden, und cs sei ihre Pilicht, dafür allenthalben in gleicher Weise wie der Mann am Aufbau der Gesellschaft teilzunehmen. Es mag sein, daß wirklich einmal in der mcnscliliehen Gesellschaft und vielleicht speziell im neuen Palästina ein solcher Zustand der Gleichstellung in Rechten und Pilichtcn der Frau erreicht wird — vorläufig׳ aber sind wir davon noch weit entfernt. Noch gehört die Mitwirkung der Frau am öffentlichen Leben zu den Ausnahmen, und eben erst muß sogar die Frage, ob diese Mitwirkung von der Bcvölkcrung überhaupt gewünscht wird, vor dem bevorstehenden Zusammentritt des Nationalratcs durch ein yolksreferendum geklärt werden. Jedenfalls besteht vorläufig eine ausgcsprochene Tendenz auf Seiten der Frau, ihren Teil zu der sozialen Aufbau-Arbeit durch Anschluß an andere Frauen in einer ihrer besonderen weiblichen Eigenart entsprechenden Weise bcizuntcucrn — eine Tendenz, die man eben als eine Realität ausnutzen muß und nicht gegen einen Wechsel auf die Zukunft cintauschen darf. Sobald man aber die Zweckmäßigkeit und Existcnzbcrcchtigung besonderer Frauenorganisationen als gegeben ansieht, erhebt sich die Frage, welche speziellen Aufgaben im Aufbau des Gemeinwesens diesen Frauenorganisationen Zufällen. Um sic zu beantworten, muß man einen kurzen Blick auf die allgemeine soziale Situation Palästinas werfen. Im Gegensatz zu allen europäischen und vielen anderen staatlichen Gemeinwesen kümmern sich in Palästina Staatliehe und städtische Behörden überhaupt nicht oder nur in verschwindend geringem Maße um die Vo Ik s wo 111 f a h rt. Die Fürsorge für die schwachen Volksclemcnte, die anderwärts durch die Regierung oder mindestens unter starker Anteilnahme derselben erfolgt, bleibt hier gänzlich unbcrücksichtigt: für Kranke, Sieche, Greise, Säuglinge, Schwangere, sittlich Gefährdete, Waisen, für allgemeine und fachliche Volksbiklung wird seitens der Regierung nicht oder nur ein Bruchteil des Notwendigen getan. Alles bleibt der gemeindlichen und privaten Fürsorge überlassen. Aber auch die soziale Arbeit der religiösen Gemeinden beschränkt sich auf ein Minimum und erzielt — da sic vorwiegend in der Verteilung von Baralmoscn besteht — nicht eine Hebung, sondern eine Demoralisierung der Beschenkten. Selbstverständlich bemüht sich die Zionistische Organisation, innerhalb der durch ihre Propaganda ins Leben gerufenen Gemeinwesen, eine möglichst nach allen Seiten hin gut versorgte Gesellschaft zu erzielen, doch mangelt; cs ihr nicht nur. an. dea hierzu erforderlichen ״roßen Mitteln, sondern auch an den verantwortlichen Körperschäften im Lande seihst, von denen aus die einzelnen Zweige sozialer Arbeit systematisch und zentralisiert bearbeitet werden können. Bei einer gesunden Entwicklung des Waad Leumi ist wohl 7u hoffen,!laß dieser sich zu einer solchen Zentralstelle für jüdische Volkswohlfahrt ausbiidet, doch fehlen heule noch nehtige Vorbedingungen hierzu. Nun bleibt auch dort, wo Behörden und Gemeinden in ganz anderer Weise als in Palästina für das Volkswohl sorgen, noch ein großes Arbeitsfeld für private Hilfsgesellschäften. Hier macht sich ein starker Mangel an solchen fühlbar — wahrscheinlich deshalb, weil die Mehrzahl der Männer so sehr mit ihrer Berufsarbeit und Schaffung der materiellen und geistigen Grundlagen iiircr Existenz ausgefüllt ist, daß sie für regelmäßige soziale Arbeit keine Zeit übrig behalten. Infolgedessen bleibt ein Arbeitsfeld von unge« heurer Größe den Frauen Vorbehalten, die — wenngleich die meisten von ihnen durch die Schwierigkeiten, die Haushaltsführung und Kindcrcrzichung in Palästina bieten, stark in Anspruch genommen sind — doch noch Zeit für soziale Arbeit erübrigen, die ihnen das befriedigende Bewußtsein gibt, in direkter Weise am Aufbau des Landes tcilzunchmen. Uebcrblickt man nun das Gebiet der den Frauen zufallenden Aufgaben, so ergeben sich hier drei ganz bestimmte, scharf umrissene Arbeitsgebiete: t. Die Arbeit am neuen Ji scluib. In dem neuen Jischub, soweit er aus. produktiven Eiementen bestellt, beschränkt sich die soziale Hilfsarbeit im wesentlichen auf die Erziehung und Ausbildung zur produk« tiven Arbeit. Obgleich cs seit Jahren feststcht, daß die Entwicklung des Jischub dadurch beeinträchtigt wird, daß es an den Erfordernissen entsprechend ausgcbildetcn weibliehen Kräften fehlt, hat sich die allgemeine zionistische Verwaltung bisher niemals entschließen können, Mittel für die berufliche Ausbildung von Frauen aus ihren allgemeinen Fonds bcrcitzustcllcn.. Es ist also sowohl eine allgemeine nationale Aufgabe wie auch eine Notwendigkeit, um den Anspruch auf gleiche Frauenrechte durch den Hinweis auf die Männcrlcistungcn gleichwertige Fraucnleistungcn zu begründen, daß die Frauen selbst für eine vollwertige Ausbildung der Pionierinnen des Landes sorgen. Wenn also heute die landwirtschaftliche und gärtnerische Ausbildung der Chaluzoth in besonderen Frauengruppen (Mädchcnkwuzoth), die ihre Mittel selbst erkämpfen, sowie durch besondere, von Frauen geschaffene Institute (die Mädchcnfarm in Nahalai und das Hostel in Jaffa der W. J. Z.O.) erfolgt, so entspricht das einer unbestreitbaren Notwendigkeit. Nur ist damit natürlich noc!1_ keineswegs die gesamte Aufgabe der Fraucnausbildung erfüllt. In der werdenden Gesellschaft in Palästina ist natürlich nicht nur Raum für Bäuerinnen, sondern auch für Frauen in ganz anderen Berufen: Leiterinnen und Gehilfinnen in Küchen und Haushaltungen, Kranken- und Säuglingspflcgcrinncn, im Lande ausgcbildetc und mit den Erlordernlsscn des Landes vertraute Elementar- und Fach- *hrcrlnnen und Kindergärtnerinnen, Wäscherinnen, Schneiderinnen, Bürokräfte usw. Für die Schulung dieser beruflichen Kategorien ist nur zum Teil durch die Seminare des Waad Hachlnuch, die Hada^sah, private Handelsschulen usw. gecorgt, und‘es ist dringend notwendig, daß Frauen selbst‘an der Ausbreitung und Vertiefung der beruflichen Kenntnisse ihrer Schwestern arbeiten. Ein zweiter Kreis von Aufgaben zum Wöhle der Pio- 1»ierinnen bietet sich den Frauen: das Leben der eingewan- Werten Mädchen und Frauen wird m einer ganz unnötig Gesundheit und Arbeitsmut gefährdeten Weise erschwert durch «len Mangel an wohldurchdachtcn, in sozialem Geist geführten Unterkunits- und Erholungsstätten. Wohnheime mit guten und billigen •Verpflcgungsmoglichkcitcn, Abendhdmc für die Stunden nach der Arbeit, Sportplätze müßten den Arbeiterinnen offenstchcn — sic sind ein dringendes Bedürfnis für die aus ihren Familien hcrausgcrisscncn Mädchen und Frauen, die sich vielfach nur deshalb zu mehr oder minder losen und oberflächlichen Verbindungen mit Männern entschließen, weil sie nicht wissen, wohin sic ihre Einsamkeit tragen sollen. Derartige Institute, wenigstens die Wohnheime, könnten sich ganz oder doch teilweise selbst erhalten — die Hauptsache wäre ihre Einrichtung und Leitung in wahrhaft sozialem Geiste. י; Ebenso notwendig für die zum großen Teile jungen, ungclciletcn Pionierinnen sind Arbeitsnachweise und Berufs- Beratungsstellen, unter der Führung von erfahrenen Frauen, die cs sielt auch zur Aufgabe machen müßten, den an der Schwere des Pionierlebens gescheiterten Existenzen — deren es leider in Palästina genug gibt — auf den Weg zu neuen Lebensmöglichkeiten zu helfen. ׳ Wohl ist die Notwendigkeit aller genannten Institute der Arbeiterorganisation bekannt, und es besteht bei ihr das ernste Streben zu ihrer Schaffung. Da ihr aber die Möglichkeit fehlt, das alles aus eigener Kraft hin/ustellcn, so sollten die Frauenorganisationen hierbei helfen. Dabei ist nicht gesagt, daß alle notwendigen Institute aus eigenen Mitteln und ganz selbständig von Frauen geschaffen werden müssen, sondern vielfach wird es nur notwendig sein, daß Frauen bei der Zionistischen Organisation und ihrer» Unterabteilungen sowie bei den zionistischen Parteien den Anstoß zu solchen Gründungen geben und ihnen bei der Schaffung der nötigen Mittel Hilfe leisten. Abgesehen von diesen ganz konkreten Aufgaben aber gibt es andere, denen die Frauen sich widmen müßten. Es ist oft genug und in letzter Zeit wieder in besonders nachdrück- Heiler Weise auf das Arbeitcrinncnproblcm im allgemeinen hingewiesen worden: auf die Schwierigkeit der Arbeitsbeschaffung für sic sowie besonders auf das ernste Problem der werdenden und der stillenden Mutter und ihrer Stellung in der Genossenschaft, ohne daß man bisher der Lösung dieser Fragen wesentlieh näher gekommen wäre. Wenn cs auch in radikalen Arhcitcrinncnlcreisen vielfach ahgelchnt. wird, daß cs eine Gemeinschaft und die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen ihnen um! den Frauen anderer Stände gibt, wenn sie auch alle ihre Probleme lediglich als Probleme des Standes der produktiven Arbeiter nufgefaßt sehen möchtciij so sollten doch die Frauen aller Kreise sich von dieser Resistenz nicht abschreckcn lassen, sondern ernstlich die einschlägigen Verlültnissc studieren und mit den führenden Arbeiterinnen zu einer Klärung dieser tiefernsten Fragen zu kommen suchen. 2. F ü r s 0 r g c f ü r d i c Frauen der vierten AI i j a h. Mit der vierten Alijah: diesem Zuzug eines ganzen Stromes kleinbürgerlicher, schwach bemittelter und zu einem großen Teil kulturell hinter den früheren Einwanderern zurückstehender Elemente, sind viele Frauen fns Land gekommen, die vielleicht in den altbekannten Verhältnissen ihrer Heimat einigermaßen ihren Weg fanden, unter den neuen, schwierigen Bedingungen aber ganz verloren sind und sicherlich nicht das allgemeine Niveau der neuen Gesellschaft heben. Für sic sollte die Gemeinschaft und in ihr besonders die Frauen, welche die Hilflosigkeit dieser Mitschwestern und deren bcdenklichc Folgen für den kulturellen Stand der Bevölkerung erkennen, denken und sorgen. Es wären für diese Frauen — größtenteils Hausfrauen — eine Reihe von Instituten notwendig, die weniger den Charakter von Ililfsinstitutcn als vielmehr den von kooperativen Gemcinschaftsinstitutcn tragen müßten. Fast das einzige, was cs bisher auf diesem Gebiet gibt, sind die in verschiedenen Orten bestehenden Säuglings- Stationen und Mütterberatungsstellen. Dazu müßten Speisehäuscr nach Art der europäischen Mittelstamlsküchcii kommen, die cs verheirateten Frauen wesentlich erleichtern würden, einer beruflichen Tätigkeit mchzugchcii. Persoualnacliwrise wären notwendig, durch welche Familienmütter jederzeit, bcsonders aber in Krankheitsfällen oder bei anderen dringenden Gelegenheiten Hausgehilfinnen erhalten könnten. Für diese Kreise wäre cs auch dringend notwendig, eine intensive Propaganda für die hebräische Sprache zu entfalten und das System der hebräischen Kurse zu erweitern, damit die neuen Siedlerinuen die Sprache des Landes erlernen, wodurch sic erst wirklich die Möglichkeit erhalten, ain Erwerbsleben teilzunehmen und in den Geist des neuen Landes elnzudringen. Für diese Kreise bestellt auch die Notwendigkeit einer Propaganda für die hebräischen Kindergärten ebenso wie für eine systematische Berufsausbildung der schulentlassenen Töchter, die in vielen Familien — nach der im europäischen Osten verbreiteten Sitte oder Unsiilc — beschäftigungslos henimsitzen. Diesen hcranwuchscndcn Mädchen müßte in besonderen Benifsberatungsstcllen der Weg gewiesen werden. Es ist auch sehr zu erwägen, ob nicht, mit Rücksicht auf diese verstärkte und veränderte Einwanderung, der Unterrieht in den Mädchenschulen in neue, mehr auf das praktische Leben zugeschnittene Bahnen gelenkt werden sollte — was vielleicht nur durch eine Einflußnahme auf die Schulen seitens der Frauen möglich sein wird. Ueber den Rahmen^ der Schaffung rein sozialer Institute hinaus aber geht eine Erziehungsaufgabe, die im wesentlichen durch die langer Ansässigen an den Frauen der vierteil Ahjah geleistet werden müßte. Es gilt, die noch abseits Stehenden, für das Verständnis nationaler und bürgerlicher Pflichten nicht genügend Vorbereiteten gesellschaftlich so hcranzuzichcn, daß sic beginnen, sich in Land und Gesellschaft cinzuleben und sich in Sprache, Gewohnheiten und Anschauungen anzupassen. Zu diesem Zweck müßten vor allem populäre Vo;träge iiher Fragen der Hairdialt-teelmik, Kindererziehung, Gesundheitspflege, aber auch über allgemeinere Fragen des palästinensischen Lebens veranstaltet werden. Auch die Veranstaltung von geschmackvollen geselligen Zusammenfünften, bei denen sich die einzelnen Volksschichten bcgegnen, könnten diesem Zweck dienen. Bei der Einrichtung aller sozialen Institute müßten natürlich die, welchen sic dienen sollen, in weitestem Maße zur Beratung und Mitbestimmung 11 crangezogen werden. Der alte Jischub. Fine Aufgabe von ungeheurer Tragweite bietet sieh der palästinensischen Bevölkerung in der Fürsorge für diejenigen Elemente, die man gewohnt ist, unter den» Namen ״Clialukah- Juden“ zusammenzufassen, obgleich dieser Name längst nicht mehr zu ihrer Charakteristik ausreicht. In der Zeit vor dem Kriege gab cs allerdings in Palästina Tausende von Existenzen, die ganz oder zu einem großen Teil durch Spenden aus den orthodoxen Kreisen aller Länder erhalten wurde. Im Kriege erfuhr bekanntlich diese Spendenzufuhr eine radikale Unter- Brechung, und es scheint, daß die ganze Institution sich nicht wieder im früheren Umfange beleben will. In den Tausenden von Familien, die durch das Aufhören der Chaluknh der äußersten Armut überliefert wurden, kommen nun Unglückscligcrwcisc neue Tausende von Einwanderern auf der gleichen wirtschaftlichen und einer noch tieferen kulturellen Stufe. Es sind das die orientalischen Einwanderer, die in den letzten Jahren nach Palästina gekommen sind, teils weil sic sich in ihren Hcimatsgcmcinacn wirtschaftlich mcht länger halten konnten, teils weil sic — in einer unglückseligen Verquickung der Vorstellungen von Zionismus und von Chalukah — sich Palästina als cm Land vorstclltcn, in dem jeder durch seine Arbeit oder mindestens durch dea Bettel sein Brot findet; und schließlich weil sich In diese Motive eine naive Sehnsucht nach dem Lande des Messias, des Erlösers vor» allen Nöten, und Entbehrungen mischte. Dieser große, wirtschaftlich unselbständige Bevölkerung*• teil lebt nun in den palästinensischen Städten in bestimmten, sich ständig ausdchncndcu Vierteln; weiche die schlimmsten europäischen ״Slums“ an Schmutz und Elend weit übertreffen. Es konnte eine Zeit geben, da inan einen strengen Bindestrich zwischen dem neuen Jischub und diesen Elenden machte und dci^ Kolclim die Fürsorge für sie überließ. Seitdem diese , aber mittellos geblieben sind, seitdem der neue Jischub ein aus den heterogensten Elementen zusammengesetztes Gebilde geworden ist und die Regierung sowie die übrige Welt begonnen hat, den gesamten palästincnsischcn Jischub als einen einheitlichen Körper der arabischen und der christlichen Bevölkerung gcgcnübcrzustcllen, ist cs unmöglich geworden, daß die anderen Teile des Jischub sich. an diesem schwächsten Teil einfach desinteressieren. Es ist. dies auch deshalb unmöglich, weil die schlechten hygienischen Bedingungen, das niedrige kulturelle und in manchen .Dingen moralische Niveau dieser Volksschichten in verhängnisvoller Weise das Gesamtniveau herabziehen und weil sic .eine Belastung einiger jüdischer Institute — Kranken- und Waisenhäuser, Schulen und Kindergärten — bilden, denen diese gar nicht gewachsen sind. Um für diese Einwanderer in wahrhaft wirksamer Weise zu sorgen, müßte ein ganzes System von Fürsorgeinstituten geschaffen werden, deren wichtigste Aufgabe in der Ec- Schaffung von Arbcitsmöglichkcitcn für die vorläufig ganz oder fast Arbeitslosen zu bestehen hätte. Daneben wäre eine umfassende hygienische und organisatorische Aufgabe zu leisten. Es ist selbstverständlich unmöglich, daß der riesige Aufgabenkomplex, der sich hier bietet, von den Frauen allem bewältigt wird. Es wäre nur dringend notwendig, daß Frauen die genaue Erforschung der gegenwärtigen Verhältnisse und der Hilfsmüglichkcitcri zu ihrer Angelegenheit machen — überhaupt erst einmal die noch gar nicht bestehende mcuschliehe Verbindung zwischen diesen fremdartigen Elementen und den anderen Bevölkerungskreisen schaffen. Schon jetzt sind cs fast ausschließlich Frauen, die sich überhaupt um diese Verlassenen kümmern und mit Arbeitsstuben, Säuglings- Stationen, Suppenküchen usw. sich den Weg in ihre Elendsviertel und zu ihrem Vertrauen bahnen. Um •wirklich einen Weg zu diesen Gedrückten, durch Sprache, Sitten und äußersten Mangel von ihrer Mitwelt Getrennter» zu finden, müßte man wohl das Mittel wählen, das in England und Amerika der sozialen Arbeit zu ihren großen Erfolgen verhilft: die Einrichtung von Settlements (sozialen Nacliharschaftszcntrcn) inmitten der Elendsviertel. Durch die Einrichtung von fünf bis sechs solcher Nachbarschaflshauscr in Jerusalem und je eines ähnlichen Institutes in anderen palästinensischen Orten mit je einer angestellten Gcmcindcpflcgcrin und einer Reihe freiwilliger Hilfskräfte wäre man imstande, die Hilfsarbeit ganz einheitlich und systcmatisch zu gestalten. Schon heute zeigt ein einzelner, mit ganz unzureichenden Mitteln in einem Jerusalemer Armut.'־.- viertel unternommener Versuch, auf wie vielen Gebieten ein solches Nachbarschaftshaus Heilung sozialer Schaden bringen könnte: in jenem -— von Frauen eingerichteten — sozialen Zentrum konnten die folgenden Arbeiten aufgenommen werden: Einrichtung einer kunstgewerblichen Handarbeits- Industrie, durch die zirka 100 Frauen Arbeit erhalten; Säuglingsfürsorge und Beschaffung von Kindermilch; Kinderbäder; Suppenverteilung; hebräische Kurse für frisch cingcwanderte Frauen und •Analphabctiimcu; Nacl1mittagskur.se für schulentlassene Mädchen; Anmeldung von Kindern in Schulen und Waisenhäusern; Schwangerenfürsorge; Klcidervertcilungen und eine mehr individuelle Familien- und I launfürsoxge. Alle diese Arbeiten bleiben vorläufig lückenhaft und unve-vlmäßig, weil es an Mittein für eine Gemeiudepflcgcrin fehlt, doch beweisen die gemachten Erfahrungen, daß dies der Weg ist, auf dein Frauen zu einer ־tatkräftigen Hilfe an ihren nllcrclendcsten Schwestern herangezogen werden können. Alle erwähnten Arbeiten in allen drei Kategorien sind Aufgaben für Frauen insofern, als von Frauen der Anstoß zu ihrer Ausführung ausgehen müßte, weil nur Frauen die Bedürfnissc von anderen Frauen und von Kindern ganz vorstehen. Das aber bedeutet nicht, daß alle diese gewaltigen Aufgaben lediglich aus den materiellen Mitteln, die 1 rauen aufbringen und allein durch Frauenorganisationen angeführt werden müßten. Besonders im Falle der Fürsorge für den alten Jischub und seinen Zuzug mit dessen dringenden Nöten auf allen Lcbensgcbictcn ist es den Frauen ganz unmöglich, nur aus eigenen Mitteln und eigener Organisation heraus zu helfen. Aber Frauen und Frauenorganisationen müssen alle diese Fragen genau. studieren und energisch bei den zuständigen Stellen — den Abteilungen der Zionistischen Ovganisation und bei den allgemeinen jüdischen Hilfsgesellschäften — auf ihre Lösung hinarbeiten. Es erschließt sich liier den Frauen ein Arbeitsgebiet von ungeheurer Größe, dem sic sich — als den eigentlichen Frauenaufgaben — ernst widmen sollten, anstatt sich, ans Mangel an Erkenntnis ihrer wirklichen Aufgaben, als Helferinnen bei dieser oder jener Schnorrcrci zur Verfügung zu stellen. Esther Rachel Kaisisska gestorben Am 26. Dezember starb in Warschau die große jüdische Schauspielerin Esther Rachel Kaminska, die ,,Mutter des jiddisehen Theaters“, wie sie allgemein genannt wurde. Sie erreichte ein Alter von 55 Jahren. Anläßlich ihres Todes blieb das größte jüdische Theater in Warschau drei Tage geschlossen. Die Warschauer Blätter bringen ־ausführliche Nachrufe, i* denen die Bedeutung dieser großen jiddischen Darstellerin gewürdigt wird. Wir behalten uns vor, der künstlerische;» Persönlichkeit der Frau Kaminska nächstens ausführlicher gerecht zu werden. Die Jüdische Sebnlsprachc in Rusäaien Bukarest, 20. Dezember. (J.T. A.) Das vielumk:impitc Privatschulgesctz wurde in der gestrigen Naciimittagssitzung der rumänischen Kammer verabschiedet. Es wurden 27 Ab« änderungsantriige angenommen. Beim Artikel betreffend die Festsetzung der Unterrichtssprache für die jüdischen Schulen entspann sich eine lebhafte Debatte. Dcp. Rabbi Ziere Isohn verlangte alternativ das Recht für die Juden, in Rumänisch, Jiddisch oder Hebräisch Unterricht zu erteile:», ln dem gleichen Sinne sprach der Sozialist Dr. Pistir.er. Untersiaatssekretär Vaida sprach dagegen und wandte ein, daß die Juden in dieser für ihr nationales Leben entscheidenden Frage sich nicht einigen konnten. Es wurde sodann ein Aus^lciclisantrag angenommen, wonach der Unterricht ln den jüdischen Schulen in rumänischer oder in der üblichen Umgangssprache der Juden erteilt wird. Der rumänische Senat nahm eine Vorlage au, laut der die jüdische Bevölkerung des Landes jeweils durch den Oberrabbincr des Landes im Senat vertreten sein soll.