Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1925-12-30 · Heft 102-103 (30.12.1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 102-103 (30.12.1925)
Date
1925-12-30
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2652691-2652784--17947-2692041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 102/103 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Seite $45 :rc!!־ incrv Hier{ I ist: c::1 viele: vor; der Inder. tue!; rcn,: :bc ::׳ Da•, ini״ des bei len. ndc Getcr* Ucn Incr wir »us..' U11■;; kei!!es)!arc' des *01c Ziel lieh ist, :ale •c;1, ber U 1er ו;ic, ' kleine Gcschichic von .,Bcrclc dem Mamscr und Surclc dem Kazews“ zeigt gleichfalls diese primitiven Linien. Zur großen Literatur verlangt sic nicht gezählt zu werden, aber sic hat keinen falschen Ton und die einheitliche Natur des Kirnstlers Granach verleugnet sich nicht. Allen Beteiligten wurde reicher Beifall zuteil. Es war ein anregender Vormittag. Ruth M 0 r o I d. Der Talmud 11s ״lebendises Buch“ Im ״Institutuni judaicum“, das der Berliner Universität angrglicdert ist und der Erforschung des iiarlibihlischci! Judentum.־, aut historischer Grundlage dient, hielt Prof. Dr. Guttmann aus Breslau einen Vortrag über den Talmud. Dabei führte er u. a. folgendes aus: ln den babylonischen Schulen des 3. und»5. Jahrhunderts wurde die gcdächtnismaPiigc Torrn der Kenntnis und Verbreitung dos Talmuds gepflegt. So entstand eine große literarische Merk- Würdigkeit: nämlich das ״lebendige Buch". Diese ״lebengfgen Talmud-Exemplare“ bestanden aus je 50 bis 60 Schülern, von denen jeder einzelne einen bestimmten Text mit größter Genauigkeit cinstudicrcn mußte. Der ganze Aufbauplan war ganz fest organisiert, so daß durch das Zusammenwirken bestimmter Studierender immer je ein Talmud-Exemplar outstand. Es kam schließlich durch Uebung so weit, daß jede .Schule in Babylon über ein derartiges lebendiges Talmud- Exemplar verfügte. Am Ende des 5. Jahrhunderts erfolgte die erste schriftliche Fixierung des großen Werkes, das nunmehr zu einer Einheit gestaltet wurde. Trotzdem gab cs mjch noch später lebendige Exemplare; so hatte ein Urenkel des berühmten Talmud-Kommentators ״Raschi“ im 12. Jahrhundert ein ״lebendiges Buch“, das aus 60 bis 70 Schülern bestand. •*־ Der Leiter des ״Institulum judaicum“, der bckannte christliche. Judaist Prof. Dr. Greßmann, dankte dem Vortragenden für den großzügigen Uebcrblick, in dem er vieles gegeben habe, das auch der Wissenschaft unbekannt war. ÄrzI und Schitlowski (־y) Auf der Schitlowski-Fcicr in Riga berichtete in seiner Festrede Dr. M. Schatz u. a. auch von der Stellung Hcrzls zu Schitlowski, wobei er eine Episode zum besten gab, die bislang noch unbekannt war. Als Hcrzl aus Petersburg zurückkohrtc, hciief er tele* graphisch Dr. Schitlowski zu sich und cröffncte ihm folgendes: PI eh wc proponlertc mir, daß die jüdischen Revolutionäre ihre Tätigkeit für fünfzehn Jahre cinstcllen sollen. Die Juden würden dafür nach fünfzehn Jahren einen Charter auf Palästina bekommen. Meinen Sic, Herr Doktor, daß sich dies durchführen ließe? Im ersten Augenblick war Schitlowski überrascht.. Dann erwiderte er: — Nein, das würde sich nicht durchführen lassen. Hcr/l richtete sodann an ihn eine zweite Frage: Und wie ist Ihre Meinung betreffs des Ugandavorschlagcs der englischen Regierung? Schitlowski, der damals mit dem Tcrritorialismus symp.itliisinti־, erwiderte, daß, falls die Zionisten auf Palästina verzichteten, die jüdische Arbeiterschaft die Ugandakolor.isation unterstützen würde. Lächelnd erwiderte Herzl: Auf Zion werden wir niemals verzichten. Ugar.da ist für uns bloß eine Frage der Taktik. Wir können doch nicht diesen Vorschlag der englischen Regierung glatt ablchncn. Auch die Pichwc-Angclegcnhcit bedeutet für uns nichts mehr als einen taktischen Schritt. Bilclierschan Tycho Brahe Von M a x B r o <! s Rom an .,Tycho B r a h c s Weg zu Gott“ ist soeben (im Verlag Kurt Wolff, München, Preis 3,50 M.) eine neue Auflage erschienen. Wir wollen den Anlaß nicht voriiln-rgclirn lassen, ohne auf dieses Buch, das in mehr als einer Hinsicht eine Vorstufe des heute viel gelesenen Romanos ״Retibeui“ bildet, hin/uweisen. Der Gestalt des großen Astronomen, der von :.einer ,.Klugheit“ und Leidenschaft zerrissen und aufgewühlt wird, während d־1־׳ un* angefochfcne Kepler in weltentrückter Sclbstsichcrhcit vor* harrt, wird hier ein menschlich erschütterndes und dichterisch bedeutendes Denkmal gesetzt. Einen der Höhepunkte des Buches bildet die Szene, in der Tycho im Vorgemach des Königs dem .,Hohen Rabbi Low“' begegnet und von diesem Einblick in Schicksal upd Lehre des Judentums erhält, vor allem die Kunde*, da.fl Gott selbst der Hilfe des Gerechten harrt. Tycho empfindet hier das Judentum als Symbol seines Lebens, cs weist ihm im entscheidenden Moment den ״Weg zu Gott“. Brod hat in Tycho diese jüdische Idee gestaltet. Das Buch ist daher in gutem Sinne ein jüdisches Buch, eines jener Bücher, die unsere jüdische Generation lieben muß. E. Harder, Arabisch-Deutsches Taschenwörterbuch. Hcidclberg 1925, Julius Groos, Verlag. 15 M. Das Erscheinen dieses Taschenwörterbuches wird in den Kreisen der Arabischlcrncndcn,. zu denen erfreulicherweise in steigendem Maße auch Zioniden gehören, auf da-, freudigstc begrüßt werden. Hat sich doch das Fehlen eines solchen Hilfsmittels überaus empfindlich fühlbar gemacht, und die Benützung arabisch-englischer oder arabisch-französisciicr Wörterbücher war ein nicht allen zugänglicher Ersatz. Das Buch umfaßt in handlichem kleinen Format, sehr gut und deutlich gedruckt, 804 zwcigcspaltcnc Seiten, sein Wortschatz berücksichtigt nicht nur die klassische Literatur (Koran), sondern auch die moderne Schriftsprache der Zeitungen und des Verkehrs, die Umgangssprache und zahlreiche Fremdwörter. Die Wörter sind selbstverständlich nach Stämmen geordnet. Wir müssen Verfasser .und Verlag dankbar sein, daß sie das Erlernen der arabischen Sprache für Dcutschsprcchcndc mit diesem Buch wesentlich erleichtert haben. Arthur Schweriner, Ein verpfuschtes Leben? Heiteres aus den! Tagebuch eines Unentwegten. Mit sechs Original- Zeichnungen von Otto Franz Kutscher. Verlag' ״Der Silberne Leuchter“, Bcrlin-Tcmpelhof. Eine Anckdotcnsammlung sehr alten Stils für Anspruchslose. Der Verfasser hat jahrelang den. Antisemitismus bckämpft und erzählt humoristische Episoden aus seinem Leben. Die Kriegsdienstgegner der ganzen Welt. Bericht über die Bewegung in 20 Ländern und über die Internationale Konferenz in Hoddesdon im Juli 1925. Verlag der Internationale der Kricgsdicnstgcgnc:\ 11, Abbey Road, Enfield, Middlcscx, England. 1 M. —־ Dem Ausschuß, dessen Vorsitzender der bekannte englische Sozialist Fenner Brockway ist gehört auch Dr. Hans Kohn (Palästina) an. Die Broschüre gewährt interessante Einblicke in die pazifistische Bewegung. Neue Wege Von Dr. Arjch Tartakower. Die Kolonisierung eines neuen Landes ist unter allen Umständen ein sehr schwieriges Werk. Es müssen kostspicligc und verantwortungsvolle Vorarbeiten gemacht, gceigj netes Mcnsohcnmatcrial muß gefunden und unter Aufwendüng von Riesensummen angesicdclt werden und auch dann ist man lange Jahre hindurch nie sicher, ob nicht das Ganze doch an inneren oder äußeren Schwierigkeiten zerschellen wird. Unendlich größer sind aber die Schwierig- Leiten und Hindernisse, die w i r bei Durchführung unseres Kolonis.1־tionsw׳crkc$ zu bewältigen haben. Wir haben ein durch jahrhundertelange Mißwirtschaft erschöpftes, noch wenig erforschtes, jedenfalls aber nicht sehr fruchtbares Land zu kolonisieren, wir haben mit einem Sicdlcrmatcri.il zu tun, das fast nur aus Städtern besteht und zur Landwirtschaft erst mühevoll erzogen werden muß, zur Finanzierung des Kolonisationswerkcs sind wir auf Spenden angewiesen und daher auch nie sicher, ob wir die absolut notwendigen bedeutenden Mittel auch tatsächlich und regelmäßig aufbringen werden, wir haben im Lande eine autochthonc Bevölkerung vor uns, die seit Jahren zum Haß gegen uns erzogen wird und nacli all dem haben wir noch sehr oft, ja fast immer, gegen Gleichgültigkeit oder sogar Feind- Seligkeit in den Reihen unseres Volkes auzukämpfeu, wo nicht selten versucht wird, uns Steine vor die Füße zu werfen, um uns zu Fall zu bringen. Unter solchen Umständen gehört wahrlich ein Wagemut sondergleichen dazu, um doch vorwärts zu schreiten und sieli nicht abschrcckcn zu lassen. Es ist aber auch verständlich, daß infolge derartiger Schwierigkeiten unser Sicdlungswerk noch bis zum heutigen Tage ein großes Fragezeichen darstcllt, daß wir auf Schritt und Tritt auf immer neue Fragen stoßen, die sich gerade wogen der vielen sonstigen Hindernisse fast immer stark komplizieren und auf die daher eine absolut sichere Antwort nur sehr selten gegeben werden kann. Man muß sieh diese, übrigens schon ziemlich oft wiederhohen Tatsachen vor Augen halten, wenn mau die Ein- Stellung W i 1 k a 11 s k y s zu unserer Kolonisationspolitik vorstehen will, wie sie sich aus seinem letzten Werk ergibt*). Das Werk, das eine Sammlung von Aufsätzen darstcllt, die in den Jahren 1921—21 erschienen sind, stellt allerdings in mancher llim.iciii ein signtiiu tempoiis dar. Die Aufsätze sind in der Periode der großen Enttäuschung geschricben, die nach dein Zusammenbruch der maßlos aufgcbauschten politischen Erwartungen und dem Versagen der großen nationalen OpfenvilligUeit, die man erwartet hatte, cingelrctcn ist. Das (allerdings in vielen Hinsichten anormale) Aufblühen des palästinensischen Wirtschaftslebens in den letzten anderthalb Jahren und die sieli daraus ergebenden Probleme hat Wiikansky noch nicht vor Augen gehabt. Sein Urteil würde dann vielleicht in mancher Hinsicht anders ausgefallen sein. Aber die Bedeutung des Werkes liegt nicht so sehr in kritischen Einzelheiten, als vielmehr darin, daß wir cs hier mit einem bestimmten K 0 1 011 i s ב t i o n s System 711 tun haben. Es ist eine logische Wcitcrcntwickiurig der Gedanken, die die früheren Arbeiten Wilkanskys kennzeichnen. Seine scharfe, entschiedene Formulierung der Antworten bringt cs mit sich, daß diese uns manchmal geradezu paradox, zumindest aber sehr einseitig scheinen. Und doch haben wir cs mit dem Werk eines Mannes zu tun, der mitten drin im palästinensischen Leben als einer der Leiter und Mitschöpfer des Kolonisationswerkcs steht. So müssen denn diese harten Antworten immer sehr ernst erwogen werden, und mag mau auch bezüglich dieses oder jenen Details einer anderen Meinung sein, die Gruiidciir.tellung, die zum Kolonisationssystom Wilkanskys geführt hat, muß unseres Erachtens als richtig anerkannt werden. Einen einzigen Ausgangspunkt hat das System: eine geradezu fanatische B c g i c r d c n a c h Boden. Die Erwerbung von Boden, und zwar in der Hauptsache von landwirts c h a f 11 i c 11 c m Boden, ist für Wiikansky die Hauptsache. In der Erkenntnis unserer anormalen Lage im Lande und der i׳e:.e!:räu!.thci; der uns zur Verfügung stehenden Mittel scheint ihm die Schaffung einer ausreichenden Boden!aserve die einzige Rettung zu sein. So sicht er denn in jedem Pfennig, der ohne absolute Notwendigkeit für andere Zwecke als 150dcnkauf verwendet wird, eigentlich vergeudetes Geld. Hieraus ergeben sich manche im ersten Augenblick paradox dünkende Konsequenzen. In erster Reihe eine entschiedene Befürworhmg der extensiven Wirtschaftsweise, ln ihr sicht er die heute einzig mögliche Wirtschaftsweise. Um int c r. s i v wirtschaften zu können, müßten wir viel, sehr viel Kapital in dm Boden 11i;u'in!c׳;cn. mehr noch als in anderen Ländern, weil der palästinensische Boden besonders erschöpft ist. Dafür können aber die uns zur Verfügung .stehenden Mittel nicht verwendet werden, weil wir dann keinen neuen Boden kaufen könnten. Wir müssen aber auch die Methode der Ausstattung unserer Wirtschaften mit den modernsten Maschir.cn und Werkzeugen aufgeben, da sic erstens viel zu viel Geld in Anspruch nimmt, zweitens im schreienden Widerspruch zu dem äußerst niedrigen Lebensniveau der Siedler steht und drittens angesiclit der geringen Ertrage unserer Wirtschaften einen tragikomischen Widerspruch schafft zwischen unseren Ausgaben, die einem hochkompliziertcn Bc* trieb entsprechen, und unseren Einnahmen, die die der primitiven arabischen Wirtschaften kaum bedeutend übersteigen. Das Dilemma, das vor uns .steht, ist also: entweder die arabische Wirtschaftsweise nachzunhmcn, die äußerst primitiv ist, aber gerade deswegen noch rentabel genannt werden kann, da fast der ganze (allerdings sehr geringe) Ertrag Reinertrag ist, oder aber versuchen, den amerikanischen Farmern glcichzukommcn, die viel Geld in ihre Wirtschaften hcrcinstcckcn, aber auch sehr viel herauswirtschaften. Tertium non datur. Der erste Ausweg ist für uns nicht möglich, da wir unseren Siedlern weder zumuten können noch dürfen, auf das Lebensniveau der Fellachen herabzusinken. Bleibt bloß der zweite, den wir langsam und stufenweise zu erreichen •) Izehak Wiikansky: M i d 01, Tcl-Awiw 1921, Verlag ״Haarcz wchaawoda“ (hebräisch). Eine Broschüre in englischer Sprache, die eine Zusammenfassung der Hauptgedanken des Werkes enthalt, hat die Palcstinc Economic Society zur Zeit des letzten Zionistenkongresses herausgebracht. . ס* ס יד «<דן J /fN 1 ז v'■רך <l2J suchen müssen. Der all mäh liehe Uebergang von der extensiven zur intensiven Wirtschaft wird uns ermöglichen, dieses Ziel sicher und mit eigenen Kräften der Siedler zu erreichen, während die Ausstattung der noch unentwickelten Wirtschaften mit den modernsten Maschinen und Einrichtungen sinnlos und künstlich ist und unsere Siedliingcn von vornherein zur Unrentabilität verurteilt. Aus dieser Einstellung ergibt sich folgerichtig einerseits die Ablehnung des Großbetriebs, der den Uebergang zur intensiven Wirtschaft nicht vollziehen kann, andererseits die scharfe Bekämpfung des Gedankens einer horhiutensiven Ko- Ionisation, der im Zusammenhang mit den Plänen Soskins in den letzten Jahren sehr aktuell geworden ist. In erster Hinsicht weist Wiikansky auf den großen Unterschied zwischen der Landwirtschaft und der Industrie hin. Alles was in der Industrie für den Großbetrieb spricht, die Verwendung von Maschinen, Arbeitsteilung, einseitige Ausbildung der Arbeiter, Möglichkeit einer fast unbeschränkten Ausdehnung der Produktion in einem einzelnen Betrieb, hat für die Landwirtschaft entweder gar keine oder nur eine sehr beschränkte Bede!rkmg. Mit dem Vordringen des Klein- und Mittelbetriebs in der Landwirtschaft hat sich schließlich auch der Sozialismus abfinden müssen. Was aber die hochintensive Kolonisation bctrifft, so widersprechen dem in erster Reihe die Wirtschafts- Verhältnisse i:1 Palästina selbst. Abgesehen davon, daß es ausgeschlossen ist, auf den von Soshin angegebenen 1 Liehen selbst unter den besten Verhältnissen halbwegs anständige Wirtschaften zu begründen (die arabischen Bauern, die in der Umgebung von Jerusalem Gartenbau treiben, hungern, und die von So.skin für Kalifornien angeführten Ziffern sind, sofern cs sich um selbständige Landwirte bandelt, falsch), so sind auch die Arbeitsverhälthisse in Palästina keineswegs dazu geeignet, die Existenz von hochintensiven Wirtschaften zu ermöglichen. Die Kaufkraft der Bevölkerung im Lande ist klein. Der Bedarf des ganzen Landes an Milch, Eiern, Gemüse und dergleichen kann von wenigen Wirtschaften gedeckt werden, um so mehr, als man noch im Lande selbst mit der Konkurrenz der billigen ausländischen Produkte zu kSmpfe» hat und in diesem Konkurrenzkampf keinerlei Schutzzölle helfen würden, da der Großteil der Bevölkerung eben keine höheren Preise zahlen kann. Im Ausland aber stoßen wir auf Schritt und Tritt auf die Konkurrenz der anderen Länder, die die Märkte bereits erobert haben und im Kampf mit ihnen werden wir ganz gewiß den kürzeren ziehen müssen, sofern es sich nicht etwa um einige wenige hochwertige Produkte (Orangen, Weine, vielleicht auch Tabak) handelt, die auf dem paListmensischcn Boden besonders gut gedeihen und deren Anbau wir kräftig fördern sollen. Darüber hinaus aber keinerlei Träume von einer ausschließlichen hochintensiven Koloni:..!tion! Eine gesunde und den Verhältnissen im Lande entsprechende Volkswirtschaft können wir nur aufbaucn auf Grundlage von gemischter Wirtschaft, die alle Zweige der Land- Wirtschaft umfaßt, die Lcbcnsmittclbediirinisse der ganzen Bevölkerung befriedigt und nur einige Monopolprodukte, die fast auf sicheren Absatz rechnen können, auf die Weltmärkte wirft. Die scharfe Bekämpfung des Gedankens einer hochintensiven Kolonisation führt Wiikansky auch zur Ablehnung des in vielen Hinsichten ähnlichen Gedankens der Garten- Städte, die in der Nähe von Großstädten entstehen und die Versorgung derselben mit Gemüse und Moikereierzeugnissen als Nebenberuf der Einwohner übernehmen sollen. Die Reweggriincle, die zu diesem Gedanken geführt haben, scheinen Wiikansky viel anormaler zu sein, als bei den anderen Völkern (bei denen der allmähliche Uebergang von Stadt zu Dorf, bei uns die Angst vor dem Dorf und die Sehnsucht nach der Stadt). Ansonsten aber gibt cs heute und wird es wohl auch in der Zukunft in Palästina keine eigentlichen Großstädte geben, deren Versorgung von einer größeren Bedeutung werden könnte, und darüber hinaus spielt in dem kleinen Palästina, das bereits heute bei gebesserten Vcrkchrsvcrhältnissen in wenigen Stunden Automobilfahrt durchquert werden kann, die mehr oder weniger geringe Entfernung von der Stadt keine große Rolle. Schließlich muß auch noch darauf hingewiesen werden, daß derartige Gartenstädte für die cigcntliUic jüdische Landwirtschaft im Lande eine sehr unliebsame Konkurrenz bedeuten und auch den Uebergangsprozeß zur Landwirtschaft erschweren wurden. Nur wenn wir uns den überaus starken Landhunger vor den Augen halten, der Wilkanskys Gedanken zugrunde liegt, wird uns auch seine Antwort auf nvei weitere überaus wichtige Fragen des palästinensischen Wirtschaftslebens verständlich. Wiikansky ist ci:1 entschiedener Gegner sowohl der zionKtisehen Aufforstungspolitik, wie auch der nationalen l’.od»׳uk;>ufe in den Städten. Die Aufforstung ist Sache der 1 ar.ucsrogiVrung. Für uns ist sic angesichts unserer beschränkten Mittel c;!:e offenkundige Luxussachc, um so mehr, als auf absehbare Zeit hinaus keine nennenswerten Erfolge in dieser Hinsicht zu erwarten sind.■ Wir werden noch jahre* und vielleicht auch jahrzehntelang Bau- und Brennholz ::ach Palästina 1mportieren müssen, ebenso wie wir cs im Altertum getan haben. Aber auch die Festlegung der nationalen Mittel im städtischen Grund und Boden ist nicht erwünscht, da der Boden in der Stadt sehr teuer ist und wir t’ür dasselbe Geld bedeutend größere Flächen landwirtschaftlichen Bodens erwerben konnten. Die Wohnungstcuerung in den palästinensischen Städten glaubt Wiikansky auf andere Gründe als hohe Bodenpreise zurückführen zu können (sehr starke Nachfrage, hohe Baukosten, Mangel an Baukrediten und dergl.). Die Intervention des nationalen Kapitals ist also in dieser Beziehung zwecklos. Um nun gleich bei dieser Frage zu bleiben, so scheint uns in dieser Anschauung einer der wenigen wunden Punkte des Gedankensystems Wilkanskys zu liegen. Der National- Ökonom Wiikansky hat sich da durch den Landwirt Wiikansky hinters Licht führen lassen. Die städtische Bodenspekulation ist eine der traurigsten Erscheinungen im palästinensischen Wirtschaftsleben überhaupt und in unserer Kolonisation*- gcschichtc insbesondere. Sie hat allerdings erst im Lauf des letzten Jahres sehr bedenkliche Formen angenommen, ist 3ber als solche bereits viel älter, fast so alt, wie die jüdische Kolonisation im Lande*). De Zurückziehung des jüdischen Nationalfonds von den städtischen Bodenkäufen würde nicht nur ein weiteres zügelloses Anschwcllcn der Mietzinse in den *) Vgl. meinen Aufsatz über ״Bodenfrage und Bodenpolitik in Palästina‘* im ,.Juden“ 1922. Heft 12.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.