Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 102-103 (30.12.1925)
- Date
- 1925-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 844 JUEDISCHE RUNDSCHAU Politische Literatur Die höchste Aufgabe ecs Menschengeschlechtes im heub• gen Moment ist die politische Erziehung: dies ist die .Erkenntnis, die der bekannte englische Schriftsteller 11. G. Wells atn Ende seines prachtvollen Werkes ״Die Grund• linicn der Weltgeschichte“ verkündet (in deutscher Geber- Setzung im Verlag für Sozialwisscnschaftcn, Berlin SW öS). Dies ist ein im besten Sinne populäres Buch, das man jedem Heranwachsenden Menschen ׳und möglichst vielen erwachsenen) in die Hand geben sollte, Es liest sich packend und fesselnd wie ein Roman - der Dichter kann sich nicht verleugnen; hier ist nicht trockene Darstellung von Ereignissen, sondern lahrtauscndc werden mit dein Hauch des Lebens erfüllt. Das Buch ist von einer Idee erfüllt, von der Idee der Einheit der Menschheit, die notwendig zu einem ״Wcltbundstaat“ führen muß. Demgemäß zeigt cs auch wirklich Weltgeschichte, von der Entstehung unseres Planeten durch alle Jahrtausende prähistorischer Zeit bis auf unsere Tage; durch diese Per• spektive schrumpfen viele von prafrmatischer Gcschtchtsdar- Stellung aufgebauschte Ereignisse in ihrer Bedeutung zusammen, dagegen treten die großen Linien der Entwicklung hervor, vor allem die geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen Veränderungen, die die eigentlich ausschlaggebenden und hewegenden Mächte der Geschichte sind. Diese Art zu sehen, ist an sich schon fruchtbar, sic weitet den Horizont und verleiht durch ihre Aufdeckung von Zusammenhängen cm Wissen, das politisches Denken aufs höchste befruchten muß. Die Schlußfolgerung seiner Gcschichtsdarstclhmg ist eine praktische; er leuchtet in das ״nächste Stadium der Geschichte“ hinein, das unmcrklich kommt, an dessen Kommen heute unsichtbar unzählige Faktoren arbeiten wie erst vor einem Jahrhundert an der ״mechanischen Revolution“, deren Tragweite man auch *icht vorhersah. Vielleicht werden noch Rückschläge und Zwischenstadien des Unheils kommen, aber schließlich muß die Weltordnung cintrcten, wo zwar auch nicht alle Stürme uod Konflikte aufhören, aber doch die Menschen ״nicht soviel hassen, nicht soviel fürchten, nicht so verzweifelt betrügen“ werden. ״Der Leser braucht n r die ersten Zeittafeln unseres Buches 7.u betrachten, um das wahre Maß und die Vor* §änglichkcit aller Konflikte. Entbehrungen, allen Elends unserer poche zu erkennen, die düster und schmerzlich, im ganzen aber doch hoffnungsreich ist.“ Und bei der Darstellung der Geschichte der Hebräer (Druckfehler: zweimal Josua statt Josia) heißt es von den Propheten: ״Von dieser Zeit an durch die menschliche Gedankenwelt, manchmal schwach und dunkel, manchmal wieder mit gesammelter Kraft, der Gedanke einer einzigen Herrschaft ln der Welt, der Glaube au die Verheißung unö die Möglichkeit eines wahrhaft friedliehen und glücklichen Zusammenlebens der Menschen.“ ln diesem Sinne also entspricht sein ״Wcltstaat“ — ohne daß man mit den Einzelheiten von Wells׳ utopischer Konzeption übercinstimmcii muß — einer jüdischen Gnmdvorstellung. Wells ist Skeptiker und Wahrheitssucher, seine Geschichte ist positivislisch, rationalistisch: sic erhebt keinen Anspruch auf selbständige wissenschaftliche Leistung, fußt aut dem Material der anerkannten Forschung, ist aber doch höchst originell v ln ihrem Gcsamtcharaktcr. Geschichte ist eine Lchrmcistcrin; auch in beschränkterem Sinne als dem von Wells. Wer sich politisch orientieren will, für den ist ein gewisses Maß Gcschichtskcmttnis unentbehrlich. Daher für uns Zionisten heute vor allem die c n g 1 isch_c G cschichte von Bedeutung ist; denn mir wenn wir den historisch gewordeneu Charakter des englischen Imperiums begreifen, können wir auch die Rolle Palästinas in der englischen Wcltpolitik richtig abschätzen. Daher seien hier zwei neue Biieher empfohlen, die diese Einführung geben. Carl Brinkmann hat die ״Englische Geschichte 1815 bis 1014“ (Deutsche Vcrlagsgescllschaft für Politik und Ge• schichte, Berlin W S) dargcstellt und Prof. Ludwig Rieß gibt einen Ucbcrblick über die ganze englische Geschichte, jedoch ״hauptsächlich in neuester Zeit“, und das heißt in dem Fall bis 1025 (Berlin 1026, Nauck C: Jüngling, Vcrlagsbtich• haiidlung). Brinkmanns Daistelhing ist sehr aufschlußreich, da er hinter den oberflächlichen Anlässen zu den wirklichen tieferen Beweggründen der politischen Wandlungen Englands vorzudringen sucht: er untersucht nicht nur die gcsellschaftliehen und wirtschaftlichen Zustände des Landes, sondern die stetige Entwicklung und das Wachstum des Kolonialreiches mit all seinen Wcchsclfällen in ihren politischen Auswirkungen, und er vermag dabei ein klares Bild der einzigartigen politisehen Formen, in denen sieh die Dialektik der parlamentarischen Demokratie Englands vollzieht, anschaulich zu machen — dies schon ist politische Schulung in unserem Zeitalter der traditionsloscn_ und impotenten Parlamente. Brinkmann stützt sich auf die Fülle der großartigen politischen Memoiren-Literatur, die kein Volk in ähnlichem Alaß wie England besitzt (das Literaturverzeichnis ist eine besonders willkommene Bcig3be). Rieß hat sich eine dem Umfang nach weitere Aufgabe gestellt, kann daher nicht das 19. Jahrhundert so gründlich und wissenschaftlich behandeln; dagegen gibt er einen Einblick in die Entstehung englischer Großmachtpolitik bereits im IS. Jahrhundert (״Gleichgewicht der Mächte“) und führt seine. Erzählungen durch alle Verwicklungen in flotter Dar* Stellung bis zum zweiten Kabinett Baldwill. Das Verhältnis zur Türkei bildet schon im 19. Jahrhundert eines der Schlüssel- Probleme der englischen Politik; und bis zum heutigen Tage (Mossul!) scheint die Türkei ein schicksalscliwercr Faktor. kolonialen hxpansion aarstcllt, werden nur kur/ gestreift. In der Beurteilung der neuesten Geschichte werden nicht alle Leser Rieß׳ Ansichten teilen, so in Kleinigkeiten, z. B. wenn er Lloyd George über Gladstonc und Disraeli stellt, aber auch in der Abschätzung der englischen Nachkricgsproblcmr, die mit Imperial Preference nicht erschöpft sind (vgl. z. B. die vorzügliche Darstellung in dem kleinen Schriftchcn von M. Beer, England, Verlag für Sozialwissenschaften, Berlin). Aber im ganzen gibt das Buch von Rieß doch die Möglichkeit einer vorzüglichen Orientierung über Englands Politik Neuere englische Geschichte Ist für uns Juden besonders noch dadurch interessant, daß sic untrennbar verbunden ist mit einer der merkwürdigsten jüdischen Persönlichkeiten. Die Gestalt Disraclis spielt natürlich in beiden genannten Werken eine große Rolle, wobei - wie bei diesem Manne unerläßlich — nicht nur seine politischen Qualitäten, sondern auch sein persönlicher Gharaktcr, seine blendende Begabun״ und Erscheinung, besonders sein eigentümliches Verhältnis zur Königin Victoria dargcstellt wird. Diese seine menschliche Eigenart wird uns noch intimer vertraut durch das soeben (im Verlage S. Fischer, Berlin) in vorzüglicher deutscher Uebersctzung (von Hans Reisiger) erschienene Buch ,Queen Victoria“ von Lytton Strachcy. im Leben der Königin bildet Disraeli eines der zauberhaftesten, bcclückcndsten Kapitel. Wie er cs verstanden hat, ihr Herz zu gewinnen, wie er zuerst in höfischer Ergebenheit, aber durch sein menschliches Verständnis für_ ihre tiefsten Herzensfragen und ihre weiblichen Gefühle in immer näherer Vertrautheit der Königin dient, wie er diese Beziehung mit künstlerischer Zartheit aufbaut und doch gleichzeitig seiner Politik dienstbar macht, das wird ln dem Buch von Strachcy wie ein spannender phantastischer Roman erzählt. Die Ge- •) Siehe ״Jüdische Rundschau« N17 79/80,' 81. schichte der Königin• Victoria, die 61 Jahre regierte und immer mehr zum Symbol der Nation, zu der die menschlichen Gefühle des Volkes in sich sammelnden Landcs-״Muttcr“ wurde, das Hausfraucnidcal 'eines bürgerlichen Zeitalters versinnbildlichte, ist in dieser klassischen Biographie in ko liebenswürdiger Welse mit der Darstellung der in ihre Zeit fallenden Politik verflochten, daß dieses Buch auf angenehmste Art in den Geist eines Zeitalters cinführt, das das moderne englische Imperium schuf und dessen Traditionen in der heutigen stark veränderten Zeit noch nach wirken. (Wird fortgesetzt.) Eine traurige Statistik Die von der Universitätsbibliothek Jerusalem herausgegebene Vicrtcljahrsschrift für hebräische Bibliographie ״Kirjath Sepher“ veröffentlicht regelmäßig eine bibliographische Liste der hebräischen Drucke. Das eben erschienene siebente Heft der Zeitschrift enthält den Schluß der Liste der im Jahre 56S5 erschienenen hebräischen Bücher, und cs ist leicht, an Hand der Zeitschrift eine Statistik der hebräischen Veröffentlichungcn des vergangenen Jahres zu machen. Die Resultate sind erschreckend. Wenn man von den Zeitschriften und Flugblättern absieht, liefert eine Zählung nach den Listen von ״Kirjath Sepher“ das folgende Ergebnis: Im vergangenen Jahre sind zirka 160 hebräische Bücher gedruckt worden. Auch wenn wir annehmen, daß die Herausgeber der genannten Zeitschrift einige in der Diaspora erschienene hebräischen Bücher nicht zu Gesicht bekommen haben, so bleibt doch die furchtbare Sicherheit, daß im ganzen Jahre kaum mehr als 200 hebräische Bücher gedruckt worden sind, zirka ein Buch auf hunderttausend Juden. Die in ״Kirjath Sepher“ angeführten 160 Bücher verteilen sich auf Palästina und die Diaspora: Palästina 106, Diaspora 53 Bücher. Es ist ein schwacher Trost festzustcllcn, daß in Palästina doppelt so viele Bücher gedruckt werden als in der Diaspora. Tatsächlich ist die hebräische Bücherproduktion der Diaspora so gut wie zerstört, und die geistigen Folgen wird vor allem Palästina verspüren. Noch schlimmer sind die Resultate, wenn man die gedruckten Bücher nach Fächern verteilt. Da ergibt sich: Judaistischc Forschung 29 Geisteswissenschaften 13 Schöne Literatur 27 Kinderbücher 13 Rabbinica 25 Naturwissenschaften S Palästinakolonisatiüii 16 Politische Literatur 7 Arbeiterbewegung 15 Verschiedenes 6 Die Durchsicht dieser Liste ergibt das Resultat, daß gegen 50 Bücher nur für kleine Kreise von Spezialisten gedruckt worden sind, so daß im besten Falle 100 Bücher übrig bleiben. 13 Kinderbücher. Und da sind schon die kleinen Heftchen der ״Kupath Sepher“ mitgczählt. Wenn wir die Kinderbücher in zwei Stufen teilen, die ״Jugend“ und die ״hcranwachscndc Jugend“, so ergeben sich 6 Bücher iin Jahre für das jüdische Kind. Die Rubriken Geistcswissenschaftcu und Naturwissenschäften sind mit Nachsicht gezählt. Tatsächlich kann man die auf diesen Gebieten erschienenen wertvollen Bücher an den Fingern einer Hand abzählcn. Furchtbar sind die Folgen dieses Zustandes für Paiästina. Wir hatten auf ein geistiges Zentrum gehofft und stehen vor der Gefahr einer kulturlosen Icvantinischen Gemeinschaft. In Palästina ist eine neue Art von Analphabctismus entstanden. Als vor drei Jahren die Arbeiterorganisation eine Zählung veranstaltete, stellte sich heraus, daß ein nicht geringer Bruchteil der Arbeiterschaft hebräisch spricht, aber nicht schreiben und lesen kann. Die nach Palästina Eingewanderten erwerben sich wohl eine sehr oberflächliche Kenntnis des gesprochenen Hebräisch, aber die hebräische Literatur bleibt ihnen fremd. Man sagt: Ucbcrgangsgeschlccht. Erst das zweite Geschlecht wird wahrhaft in die hebräische Kultur hincinwachscn. Die obigen Zahlen geben die Antwort. In Palästina wächst uns ein Geschlecht heran, dessen geistiger Horizont der Armut der Bücherproduktion entspricht. Für den palästinensischen Jüngling ist die Zeitung die einzige Biidungsqucilc. Und wenn auch fcstgcstclli werden muß, daß einzelne unserer Wochenschriften auf einem sehr hohen Niveau stehen, so kann dies doch keinen Ersatz für die Tatsache geben, daß cs keine hebräischen Biieher gibt. Es wäre interessant, wenn die zionistische Exekutive in ihren Schulen einmal eine Intclligenzprüfung vornehmen ließe und die Schüler der höheren Klassen auf einige Fragen der ״Allgemcinbiklung“ antworten ließe. Die Resultate würden recht traurig sein, und der Unterschied zwischen den jungen Leuten, die in Palästina aufgcwachscit sind und denen, die halberwachsen aas der Diaspora kamen und eine Kenntnis einer fremden Sprache und Literatur mitbrachten, würde in die Augen springen. Welches die Folgen dieses büchcrlosen Zustandes für die nächste Generation, für die Stellung Palästinas innerhalb des Judentums und für die Zionistische Organisation sein werden, läßt sich leicht Voraussagen. Am nächsten wird die Universität betroffen werden. Wenn sic nicht — was bisher nicht geschehen ist — die Initiative ergreifen wird, um der palästlncnsischcn Jugend die Möglichkeit einer gründlicheren Bildung mit Hilfe des hebräischen Buches, vor allem mit Hilfe von Ucbcrsctzungcn zu verschaffen, wird Ihr Niveau degradiert werden. Sie wird sich, ob sic will oder nicht, dem geistigen Niveau des Palästinensers anpassen müssen. Sic wird Icvantinisch werden. Darüber hinaus aber wird unser gesamtes nationales Leben die Spuren des schrecklichen Zustandes des hebräischen Büchermarktes aufwclscn. Jerusalem. ' Hugo Bergmann ״Kirjath Sepher“. Das 7. Heft der Vicrtcljahrsschrift für hebräische Bibliographie (Organ der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem) ist soeben mit folgendem Inhalte erschienen: Nachrichten der Bibliothek. — Bibliographie der palästinensischen Drucke, der Hebraica und judaica aus den letzten drei Monaten. —׳ S. Krauß: Ein handschriftliches Gebetbuch nach dem Ritual des Isaac Luria. — S. Dubnow: Sind die Briefe des Baal Sehen) echt oder gefälscht? — M. Probst: Ziffcrnmatcnal zur Oeschichte der Entwicklung der jüdischen Presse (mit 11 Tafeln). — A. Tauber: Drucke von Korelz. — Abonnent cnbprcis der Zeitschrift Va engl. Pfund jährlich. , _____Nr. 102/103 I Ans der Jugendbewegung ( ״M a m i s c h m a r — so heißen die Gruppen von Jür;׳r• 1 also von Jungen im Alter von 10-15 Jahren, die sich'1^' ־ halb der Züge des Juiigcnbundcs bilden sollen.“ So dcfiii•^ das kürzlich erschienene, hier schon kurz angc/cigtc seinen eigenen Titel und seinen Gegenstand. Das Buch' nicht die Schilderung eines Bestehenden, sondern cs ist Programm für die Zukunft; eine ״Utopie“ nennt cs — v*?i leicht .etwas zu pathetisch — der Herausgeber, cs ist -r': allem Anleitung für den Blau-Wciß-Führcr, den Erzieher d / Jüngeren. Obwohl cs also in erster Linie für diese iin Bu^; tätigen jungen Menschen geschrieben ist, so ist cs doch für den Außenstehenden von größtem Interesse, zu erfahre-: wie unsere Jugend heute über Erziehung und über Jugcnd!cb־׳-; denkt, welche Ideale sic beseelen, welche Wege sie geht. D F־ Buch gibt manchem, der bisher den Blau-Weiß nur kannte, ein•:!! gewissen Einblick in Leben und Denken 0tV: Bundes. Und cs soll nicht verschwiegen werden, daß ס/ solchem Nähertreten auch manche Bedenken gestärkt werden' Aber es ist müßig, nun die sich in dem Buche offenbarend׳‘' Gesamtanschauung kritisch zu zergliedern; denn in ihrer GCJ schiosscnhcit vermag sic zweifellos erziehlich, Charakter•' bildend zu wirken, und dies ist die Hauptsache. Wir solle!•, der Jugend fair Chance geben, die volle Möglichkeit ihrer Enü fnltung nach ihren Ideen, zumal die Erfahrungen einer jüdischen Erziehung anderer Art nicht so waren, daß ״־;• das Recht hätten, auf sic pochend Neues abzuweisen. Das Leben der ״Jüngeren“ ist bestimmt durch eine auv gesprochen hellenische Grundcinstclhmg, die Ausbilder und Schulung des Körpers, der Sinnesorgane, Handfertigkeit und praktische ״Leistung“ (dies ein Licblingswort des Buches) voranstclit. Die Erziehungsmethode ist ״ganz aufs Sichtbare und Deutliche eingestellt“ und wendet sich gegen jede,־ ״Grübeln und Zweifeln“. Auch dies mag — besonders jdiesem Lebensalter — cingcräumt werden, als Reaktion auf jahrhundertealte Körpcrvcrkriippclnng und Gcistcsschulung, ab Abwehr der Uebcl der Großstadt. Aber eine solche Paro!; bedarf der schärfsten Selbstkontrolle, denn das Ziel der Erziehung muß ein geistiges sein, und wenn auch eine edle Harmonie von Körper und Geist anzustreben h:, so besteht doch die Gefahr, daß die ״ritterlichen“ Ideale die geistigen verdrängen oder gar nicht aufkommen lasser, sobald einmal dieser Weg beschritten ist. Dies ist aber heute besonders für jüdische Jugend, die zu ihrem Volk steht, bedenklich, denn wohl fordert dieses Volk von seiner Jugend ״Leistung“ und ״Können“, aber cs ist selbst in die Schleier einer sdiicksalgcgcbcncn Problematik gehüllt, und wer nicht in die Tiefen dieser Problematik cindringt, wird den dauernde): und fruchtbaren Kontakt mit der Volks-R c a l i t ä t nicht finden. Die Bejahung des hier vom Blau-Weiß propagierten Systems erfordert u. E. also zumindest die Einschränkung, daß beim Aufstieg vom ״Jüngeren“ zum — heißt cs ״Ae!• teren“? ~ die entscheidende geistige Erziehung und Ec• lchrung nicht ausblcibt. Die Einzelheiten des Erzichungsprogramms liier wieder.־)!• geben würde zu weit führen. Sic sind mit großer Snrgf.11! für alle Gebiete der jugendlichen Betätigung ausgearbeitet. Die Wandertechnik, die lebendige Berührung mit der Natur, die Erkenntnis der Naturgesetze usw. — für alle Stufen u;:d alle ״Könncrschaftcn“ werden Schemen aufgcstcllt und er* läutert, Literatur angegeben usw. Dies muß in dem Buck selbst, dem wir viele Leser wünschen, nachgeschlagcn werden. Die Beziehung zum Volke wird vor allem durch die Zu• gehörigkclt zum Bunde hergcstcllt; so wird der Einzel« in einen organischen Zusammenhang cingcrciht. Ob dieser Zusammenhang sich später auf natürlichem Wege auch wirklich zu dem konkreten jüdischen Volk erweitert, das ist, wie schon erwähnt, nicht ohne weiteres zu bejahen. Bisher ist dieser Schritt im Westen nur kleinen Gruppen von Jugendliehen, und nicht gerade aus dem Bhu-Weiß, gelungen. Aber starke Bindungen wie die des Bundes sind Immerhin Werte, die bei entsprechender Intention national fruchtbar werde! können. 0. c. brauch-Großbirt-Mallace Im Rahmen der Z. V. f. D., Gruppe Ost, veranstalteter Frieda Blumcnthal, Herz Großbart und Alexander Granach gemeinsam einen literarischen Vormittag in der Aula der jüdischen Mädchenschule, Kaiscrstraßc. Perez und Scholcm Alcchcm, diese beiden überragenden Dichter jidcll• scher Sprache, standen im Mittelpunkt des Programms. Her: Großbart illustrierte mit zurückhaltender und doch 1:ngemein großer Kunst der Charakterisierung die Ghetto• Situation in der bekannten Novelle ״Nischt vimisclipct“. ..nicht verurteilt“. Im Städtchen ist Unruhe, Hungrige schlagen Schaufensterscheiben ein; die Juden zittern: Geht cs auch gegen sic? In einem Stübchen sitzen ein paar arme Juden. Fiuer wird nusgesandt, einen Gänsemagen zu kaufen. Unter• wegs nehmen Polizisten ihm den kostbaren Kauf weg, ההרז schlägt ihn und er muß schließlich noch froh sein, daß er wenig ־Uns nicht verurteilt wird. Frieda Blumenthai zoj alle Register ihres vielseitigen Talents. Besonders gut L2 ihr von Perez: ״A Kaas vun a Jüdene“ .ה wörtlicher Uebersetzung ״Der Zorn einer Jüdin“. Elend, Verzweiflung und halbes Zurücksinkcn, gebrochener Wille, alle di.י Ghetto־ übel, die Heine zusammenfaßt in die Worte: ״arm!, krauKC Juden“, alles das ist wieder einmal der Inhalt einer Ge• schichte jüdischen Lebens und Perez schildert cs groß '!r.J nackt. In diesen jüdischen Frauen, die elementar ihr Leben verteidigen und das ihrer Kinder dazu, in ihrem nervösen, kreischenden Schreien, in ihrem Naturzusammenhang!!egt das Bereich der großen Kunst Frieda Rlumentha's. (N•?״ Es scheint, daß sich hier die deutschen Bühnen für Hexen• rollen und phantastisch Groteskes eine gegebene Darstclle:״־' entgehen lassen!) Granach war stimmlich nicht ganz auf der Höhe, aber im Gassenpoiker von Halpcrn verdeckte sein prachtvolles Temperament die Indisposition. Granachs Programm war ganz auf der• Ton dieser natürlichen Rhythmen und eine primitive, einfache Volkskunst gestellt. Seine Kunst •־!!* Schauspieler gewinnt gerade aus solchen primitiven Ge־!halten wie der Gassenpoiker Anhalt zur Improvisation, sic sind nicht nur absichtlich wie der von Halpern, sondern auch rein als Figur die personifizierte volksmäßigc Thcatcrfrcudc, die gleiche, die auch den geborenen Schau♦ Spieler zur Bühne treibt. Eine von Granach selbst verfaßte *) Hamisclunar: Vom Leben der Jüngeren im Blau-Weiß. Hcrausgcgcbcn von der Bundcslcitung des Blau-Weiß, Berlin 1925. (Zu beziehen Berlin SW 19, Scydclstraße 3, Preis 5,50 M.) . i klei Kai Lit« kei ler! reit Un : nac , hie1, J dem bat; gec 1 Tal wü, *Z vor Ge;; bes; sta:' Sch: Ex< die, *rK ן des ' hui,' bej kai : de!'1 er bei!י , I in , i g ri ihr. \vö 1 lä9!:t du.־!. erv de!1 ־ pa1 ׳ lei £ Juj die Ai alä MM ■sr» ZÜ,1. laf J me‘, Re Sft Sr 1׳:"ן. Bi, ,־. Ke", Ei. 1 all haj L<5 , r״;! De jei•;., י■'1& di c so ־j ur ‘ 11 E, l «1 tu , Z. ' re > .st! bi .1 D '< ha < '< ’ lj 10 M s נ 8 n; 1 M!ן sl!< w :e Hi It Hi ' I 1