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Jüdische Rundschau · 1925-12-30 · Heft 102-103 (30.12.1925) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 102-103 (30.12.1925)
Date
1925-12-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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JUEDISCH11 RUNDSCHAU Seite 843;03 j 102/103• .זא c nie: beut•] ״np&.] ai/rucl dir*-‘ זז¬! & Ä II (SUTM °־־ז יד;n kulturgeschichtliches Za Feuerbachs Bearteilaag des Jude&Sams*) Dokument des 19. Jahrhunderts.);s qi Von S. Rawidowicz. ־meir| Ludwig Feuer hach, der bekannte Führer der ״links* E>c:f;.,C1j3nischcn“ und antihcgclianischen Richtung in der deutschen ror;ilosophic, der große Kritiker des Christentums und der ihxc- ׳'£’on überhaupt, Vorgänger von Marx und E n g e 1 s , djlv;t auch dem Judentum große Aufmerksamkeit" gewidmet.!rlcJ;,1 ■ *einer Religionskritik־ und -philosophic wird nicht nur tn״־; ' biblische Judentum in die begriffliche und Wissenschaft- J <lr;he Diskussion hinemge/ogen, durch HugoGrotius wurde ׳ i’•1■ .־rjrrbadi auch auf Maimonides wie durch andere ältere * de.!;toriker und Philosophen auf verschiedene nachbiblische ז^ך?. ^blcmc aufmerksam gemacht. Es soll hier nicht eine kritische |ivlegung von Feuerbachs Auffassung der jüdjschcn Rcligions- *leine und des jüdischen Volkscharaktcrs gegeben werden, ttrun-t ■cs s^c^c Rh für eine größere Arbeit zurück); ich greife aeinד!;!'׳ nur das Problem heraus, wie kommt es eigentlich, daß r>.v;scr radikale Wnhrhcitssuchcr, dieser Revolutionär auf * 2^;?.•;;tigern wie auf politischem Gebiete, das Judentum als? d׳-r •;testen Egoismus und gröbsten Materialismus (wenn auch ^]-besonderem von ihm geprägten Sinne) auffassen und an der rophetie und den ethischen Idealen des Judentums ganz ‘,10M?;übergehen konnte. Diese Frage ist sehr wichtig, da cs ncifcllos fcststcht, daß die abfälligen Urteile Feuerbachs über dic*c'־JS Judentum Allgemeingut und Ueberzeugung der von *jeuerbaeU und seiner Schule beeinflußten מ die:icncration wurden. Ich verweise hier nur ganz kurz auf knen.j,arl Marx's feindliche Stellung /.um Judentum, die meiner l\ * ri f‘nu״ £״ach hauptsächlich — was das Religiös-Kulturelle an- •irifft — auf das ״Wesen des Christentums“ und die anderen e°<,;.“׳'Crke Ludwig Feuerbachs zurückzuführen ist. ־,idv1 Von Hause aus war der Sohn des berühmten bayerischen rärtLge•:ästen Anselm Feuerbach ganz und gar nicht ״judennich;.’ndlich“. Da er sich für das Studium der Theologie voraiisscs :-•rcitctc, widmete er sehr viel Zeit der Erlernung des braötj;bräischen. Feuerbach erzählt selbst, daß ihm die Dosis 1 kriS תה er• luder ischen hebräischen Sprache seines Gymnasiums nicht genügte H deshalb nahm er bei einem Rabbiner Wassermann ^71'יbisbach) hebräische Privatstumlcn. (Vgl. L. Noak, ״Jahrbuch chaftir *P^ulativc Philosophic“, IS 16.) Mit dessen Sohne (der ^•ötcr in Stuttgart als Rabbiner amtierte) hat Feuerbach eine reibe;'.'1^־r innige Freundschaft unterhalten. Der junge Gymnasiast lieber.,ןeucrbach wurde von dem nur wenige Jahre jüngeren Oppv?ifcbincrsohn in der Ausarbeitung seiner hebräischen Auf- ,clnacrLbcii unterstützt, wofür er ihm Latein beigebracht hatte. ■?>1 erzählt einer der Jünger Ludwig Feuerbachs (W. Bolin, F., 1S91, S. 312) eine für die damals im Westen herrebrn־ landen Verhältnisse sehr interessante Tatsache, die er vom unj];maligen Stuttgarter Rabbiner erfahren batte. Dieser Ansridstc; •‘her ״Judcnknabc“ war der erste in seiner Gemeinde, ‘kuc;• ' es gewagt hat, Latein zu erlernen. (Es wird sich wohl ו das Jahr 1S15 handeln.) Wenn er zu seinem jungen '^!cin-Lehrcr zu gehen pflegte, wurde er fast immer von .],assenbuben“ mißhandelt. Eines T3gcs wurde der junge icn 5.' jäbbincrsohn von den ״frommen“ Knaben oder Halbicindc'ywachscncn der Gemeinde so mißhandelt, daß er erkrankte n Dr. :d das Ncrvcnficbcr bekam, eine Krankheit, die damals und ä ansteckend galt. Und ״keiner von den Schul- und .!aubensgenossen des Rabbincrsohncs“ traute sich dem ־anklicgcndcn Vcrprügeltcn einen Besuch zu machen, er junge Ludwig Feuerbach w־ar der Einzige, der es bei '!er Angst der Ansteckung für seine Pflicht gehalten hatte, n'cstcr!•:m Rabbinersohne seine Anteilnahme persönlich zum Aus-; dem ,־uck zu bringen. geben | Auf andere Einzelheiten will ich hier nicht cingchcn.;i'h will nur auf die Quellen himveisen, aus denen der reifende : rv׳i:’lJ Pllilos°Phicrc״dc Ecucrbach seine Kenntnisse über das 0'i;ci: 1 ^cntum schöpfte. Außer den jüdischen Quellen, die er im säüon 1 rl2‘3״l beherrschte, war nicht Herder allein sein GetgungDbrsniann. Er lernte viel aus Eisenmengers ״Entwählt | eck t e s Judentum“, das ihn mehrere Male veranlaßt d er-■ j-ttc, den Weg der festen historischen Einsicht zu verlassen,;ürdc, per Feuerbach hatte auch viele Freunde, die ihm unzuvcrara*:i«iges Material über das Judentum lieferten. Tele- ] ^0״ ^cso״dcrcm kultur-historischem Interesse dürfte für ps der kuriose Brief Daumers an Feuerbach sein, durch ir za- 1f[1 w‘r über die gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts in Juden;'Indien philosophischen Kreisen Deutschlands herrschende re ar.־; tnntnis des Judentums besonders unterrichtet werden können. Juden Dieses Probestück soll hier aus der Vergangenheit oder;1מ!• >;htiger aus der völligen Unbekanntheit hervorgezogeu *״•!■erden. ך ^; | Der Nürnberger philosophisch produzierende Gymnasial- :.ittet;זזזי Georg Friedrich Daum er (1800—1875), wenn auch hun״ \ ßber ein scharfer Gegner Ludwig Feuerbachs (vgl. z. B. i!c für. ’ n 18 M erschienenes Werk: ״Der Anthropologismus und dien, r־■tizismus ־<lcr Gegenwart“), war doch zuerst mit demselben 'RR' Jjäcundet und ging mit ihm ein Stück Weges zusammen. 0‘*cr , :1!mer, der sich wahrschcinlicli für einen der besten Juden- .״kenner seiner Zeit hielt, betrachtete cs als eine moralische ]1 historische Pflicht, den großen revolutionären Rcligionsihisch; j losophcn mit der Fülle seiner Judentumkenntnisse vertraut gegen j• machen. So empfahl er seinem Freunde Fcucrbacli, Eisenp'gcrs ״Entdecktes Judentum“ zu studieren, wo er uu- ^ige Belege dafür finden könnte, daß das Judentum eine *ligion des Egoismus“ sei. Im Jahre 1812, bereits nach ה׳ Erscheinen des ״Wesen des Christentums“, schickte ^umer an F'cucrbach einen besonders sensationellen Brief, '• dem er ihm die unglaublichsten Dinge über das historische •d neuere Judentum mittciltc (Briefwechsel und Nachlaß :״ Feuerbachs, I, 312 ff.).! Er sei da ״hinter wunderliche Geheimnisse“ der jüdischen!׳'den gekommen. Die Karäer allein seien ״brave“ Leute, :־rin von Glauben“. Dagegen aber die ״rabbinistischcn und /kindischen“ wie auch die ״sabbathinischcn“ (als ob derNürn- . •,?er Gymnasiallehrer eine Sekte des Sabbatai Zwi — Juli;:Ö auffinden könnte) und insbesondere die in den slavischcn ,'1*lorn vorherrschenden ״chassidäischen Sekten“, von diesen .־»sc Cr nun ganz genau, daß sie ״blutige Mysterien“ haben, , -ß sie ״fremde und eigene Kinder׳‘ als Opfer darbringen. י *) Dieser Aufsatz ist einer größeren Abhandlung des .'dkssers entnommen, (Die Red.) ׳ *Syffl ge-!;!s zu ־; lieh legt , liegt r zu /.nnt. uro■!:heit Während Dnumer aber die ,,r.ibbinistischen“ Sekten nicht so ..mysteriös“ darstcllt, bekommt der Chassidismus eine Würdigung, die besonders jet/t bekannt zu werden verdient. ״Die Cbassidäcr haben eine Art von präsentem Christus (!) und' hohcnpricstcrlicheii Heiland, den sie göttlich verehren, der unbedingt herrscht, im Ucberüussc schwelg־! und kein anderes Amt hat, als sich für seine Gemcindc zum Opfer 7» bringen und sie durch sein Blut mit Gott zu versöhnen (letzteres von Daumer selbst gesperrt), worauf sein Grab und seine Reliquien verehrt werden und von Sünden reinigen“ Aber nicht mir der Chassidismus allein. Daumer berichtet an Fcucrbacli, er hätte so viel Neues in der Bibel ״entdeckt“, daß, wenn er ihm all dies erzählen sollte, Feuerbach ihn für ״rein toll“ halten würde. Hier kommt noch etwas hesoudcrcs. Daumer erklärt Feuerbach den Sinn des jüdischen Feiertages Purim. ״Es wird u. s. w. die wildeste, wüsteste Phantasie eines Fiehertraumes übertroffen. Das jüdische Purim- oder Hair.ansfest - ich kann doch nicht ganz schweigen (!) — war ein Keltertest, wobei man Menschen kelterte und deren a 11 s g c p r c I! t e s Blut als F c s t w c i n trank, wie noch die Juden im Mittelalter einzeln getan haben sollen.“ Daß der cliassitlischc Rabbi mit Christus und Heiland gleichzusctzcn ist, daß er sieb buchstäblich für die Chassidim opfert, um durch sein Blut sic mit Gotr zu versöhnen, mag vielleicht auf einer Komplikation von ״Mißverständnissen heruhen, die bei uns zwar ein Lächeln auslöscn, aber in Anbeträcht der über das Judentum /irkuiierendeii ״Kenntnisse“ und Einsichten uns nicht sehr wundernehmen kann. Aber wo konnte Daumer das ״Geheimnis“ des ״K c 11 e r f c s t c s“ Purim entdeckt haben? Purim ist ein Blutfest!! Da Daumer selbst in diesem Zusammenhänge von Jesaia spricht, so ist cs mir ganz zweifellos, daß wir es hier mit einer leider sehr üblichen Mißdeutung einer Bibelstelle zu tun haben. Dieser große ״Entdecker“ hat wohl an die bekannten Jesaiaverse, Kap. 63, gedacht, wo cs heißt; וכעכים אץ, א"ג• א־־.' ואדרכב באפי וארכבב בהצ־.י וין נצ״דם (Kautzsch: ״Warum ist rot .בגדי ונר כלבו«״ אנארר״י״ dein Gewand, und deine Kleider wie des, der in der Kelter stampft? Die Kelter (,ב*רד> trat ich allein, und von den Völkern war niemand mit mir, und ich zertrat sic in meinem Zorn und zerstampfte sic in meinem Grimm, da spritzte ihr Saft an meine Kleider und all mein Gewand befleckt' ich“.) Daumer hat cs einmal gewagt, die Bibel im Originale zu lesen, und da hat er aus ״Purah“ — ״Purim“, und aus Purim ein Biut-Keltcrfcsi gemacht. Diese Feststellung, ohne eine Verallgemeinerung zu werden, läßt doch erkennen, wie manche Wortführer ersten und zweiten Ranges des deutschen Geisteslebens des 19. Jahrhunderts das Judentum im Originale verstanden haben. Und das konnte wohlgcincrkt bei der zugäugliche.n und auch übersetzten Bibel geschehen, also ganz, zu schweigen von den nachbiblischen Quellen. Aber dieser Jesaiakommeutator beschränkt sich nicht bloß auf diese Stelle allein, er verspricht Feuerbach, eine ungeheure Fülle von Geheimnissen ähnlicher Art zu entdecken. ״Die Bibel ist voll von Anspielungen auf diese Abscheulichkeit. Manches Erstaunlichc der Art verhüllen die IJcbcrsct/ungcn. Der Talmud redet von ihr (d. h. vom ״Kclterfcste“ Purim). -- — Was für Kannibalismen im Talmud stehen, davon hat niemand eine Ahnung.“ Seine ״mysteriösen“ Mitteilungen sollten als Anreiz für Feuerbach dienen, zu Daumer nach Nürnberg zu kommen und einen Einblick in dessen geheimnisvolles Material zu gewiunen. Am Schluß erzählt Daumer etwas ganz. ״Schreckliches“: ״Ich habe jüngst in Nürnberg die alten Keller und unterirdischen Oefen der Juden untersucht und merkwürdige Resuitatc gefunden. Ein Ofen lieferte Gebeine, urd eine Tradition!aßt einen großen Rabbi in der Otenkammer der alten Synagoge begraben sein.“ Kann schon sein, daß die Herren der Nürnberger Folterkarnmer einen Juden oder Rabbiner auf diese Weise ums Leben gebracht haben. Daumer drängt sich geradezu Feuerbach auf, ihn für alle ״enthüllten“ Einzelheiten ״Nachweise — mitsamt den Quellen, wenn I>u willst, es sind jüdische -«■ zu liefern. Ob Daumer diese ״Nachweise“ geliefert hat, ist uns nicht bekannt Aber daß ״Enthüllungen“ solcher Art auf den radikalen, humanen, anthropologistischcn Philosophen Feuerbach nicht ohne ungünstigen Einfluß bleiben konnten, daran ist gar nicht zu zweifeln. Zwar finden wir nicht, daß Feuerbach diese Daumcrschcn Feststellungen in seine Werke mitaufgenommen hat. ln seiner 1SV7 erschienenen ״Thcogonic“ wo er fast auf jeder Seite das Judentum zu Worte kommen läßt, sind die Spuren dieser Entstellungen nicht anzutrclfen. Aber in diesen Daumcrschcn und ihren ähnlichen Feuerbach angcbotcucn Urteilen ül>cr das Judentum liegt doch der Grund für seine Verkeimung des historischen Judentums. Hier Ist, wie gesagt, einer der Gründe für die In den von Feuerbach und Marx beeinflußten Kreisen herrschenden Abneigung gegen die Geisteswclt des Judentums. Auf die Auffassung Ludwig Feuerbachs von den Problcrnen der jüdischen Religion und Volkspsycliologic h*bcn wir hier nicht einnigehen. Wir wollten nur dieses ״Urteil“ über Israel und seine Geschichte registrieren, als ein kulturgeschichtliches Dokument einer noch heute nachwirkenden Epoche. ״Jszcsbs Traem“ ia Maskat! Nach einer Pause von sieben .Monaten wurde das Hebräische Theater Ilabimah, das mm wieder zu einem subventionierten Staatstheatcr erhoben worden ist, weder eröffnet. Gegeben wurde das biblische Drama ״J a a cob s Trau m“ von Richard B cc r- II 0f f m a n n. Das Ensemble erntete für die meisterhafte Darstellung reichen Beifall. Der Regisseur Suschkicwitsch, der Direktor Zetnach und die Hauptdarsteller wurden unzählige Male vor die Rampe gerufen. Schon Anfang Januar 1926 tritt das Ensemble der Ilabimah unter der Führung des Direktors Zcinach die Tournee über Europa an. CDJ. 1111 Heber das Gesetz*) Als 1 ranz Rosen/ w t i g nach der Vollendung seiner akademischen Studien mit seinem umfangreichen Buche über Hegel die. Schuld der Dankbarkeit an tien deutschen Geist abgetragen hatte, der seine Jugend leitete, da mag cs ihm zu Mute gewesen sein wie einst der Klagenden aus dem Holicn Liede: Meinen Weinberg 11:1b ich nicht gehütet . . . Und er zog aus, um die beiden Gipfel der heutigen Jndcnhcit wie sie ihm erschienen, kennen zu lernen: Hermann Cohen und Martin Bub er. Ein Ergebnis seiner Cohen-Gefolgschaft ward dann der Brief, den er aus dem Eehle au Hermann Cohen schrieb, ״Zeit ists“ genannt. Ein Brief, der von der Not- Wendigkeit des jüdischen Lernens handelt, ein Gesehiechl von neuen Lehrern in neuen Schulen erziehen wollte und seltener Lohn einer geistigen Tat -~ eine Tat des wirklichen Lehens zum Licht erweckte: cs folgte ans jenem Briefe die Gründung der Akademie fiir die Wissenschaft des Judentums, die freilich den ursprünglichen Plan allmählich!ungestaltete. Diesem Briefe .111 Cohen reiht sich, durch Jahre getrennt und doch im Innersten verwandt, mm ein Brief Rosen/weig.s an Martin Buber an, der den Namen ״Die Bauleute“ trägt und vom jüdischen Gesetz handelt. Es ist die Wiederaufnahme einer vor Jahren schon in der Bnbersdicn Zeitschrift ״Der Jude“ erschienenen Studie; und wer diese Blätter damals gelesen hatte, der begrüßt es doppelt, daß sie aus der Vorschollcnhcit der Bibliotheken erlöst und einem größeren Kreise zugänglich gemacht werden. Denn dieser Hall braucht einen Widerhall, um lebendig zu werden. Es ist hier die Rede vom jüdischen Gesetz. Al>er Rosenzweig versteht darunter nicht ״die prunkvolle Armut einiger Grundbegriffe״, auf die das neunzehnte Jahrhundert Gesetz wie Lehre einscluänken wollte. Sondern cs handelt sieh ״um das Gesetz der Jahrtausende, das gelebte und gelernte, /erdachte und umsimgcne, all- und todcstäglichc, kleinliche und erhabene, nüchterne und sagenschwere, Hauskerzen- und Scheiterhaufen um!i:un;n1e Gesetz.. Pflanzung, die Akiba ver/äuntc und Achcr cimili, Wiege, der Spinoza entsprang, Leiter, drauf der Baal Schein aufstieg, das Gesetz, immer übersteigert, nie erreicht und doch stets fällig, zu jüdischem Leben zu werden und zu jüdischen Gesichtern.“ An Martin Buber richtet sich dieser Brief, weil er au ein Problem anschließt, das hei diesem ״Vor- und Fürsprecher unserer Generationen“ immer wieder aufgeworfen worden ist. Denn cs handelt sich ja hier nicht um die Frage, die historisch abwägendc, sachlich cinordncndc; Was ist das Gesetz? sondern um die andere flnnwnenbewehrtc, vor der unsere Jugend steht: Was sollen wir tun? Diese Frage hat Buber nicht beantwortet, der die Frage des Gesetzes noch im Jahre 1019 kaum anders stellte als im Jahre 100'X Und auch Rosenzweig beantwortet sie nicht in der vorliegenden Schrift; will sic nicht beantworten. Denn nicht so sehr tun theoretische Kiärting dieser Frage ist cs ihm hier zu tun, sondern um das drängende Muß der Forderung: Was sollen wir tun? Nicht aus der Erfahrung des Ziels spricht er, wie er es selbst bekennt, sondern aus der Erfahrung des Suchcns und dc> Wegs. Klarheit muß vor allem darüber bestehen, daß cs sieh bei der Antwort auf diese Lebensfrage, weder um das ״Nur‘ des Liberalismus, noch auch um das ״Nur“ der westlichen Ortiu» doxie liaudcln kann. Auf dem Wege des Suchers hilf* uns nur die Frage weiter: Was ist lebendiges Judentum? Es darf grundsätzlich kein Bezirk des Lclxms mehr preisgegeben werden: überall muß dem Brauch und dem Sinn der gleiche Rang und die gleiche Unverbrüchlichkeit werden wie dem Gesetz, Dann erst wird nicht mehr das Verbot, sondern das Gebot den Charakter des Gesetzes bestimmen. ״Man hält die Arbeit«verböte des Sabbaths um des Ruhegebotes willen, man empfindet in der F.nthaltnng von den verbotenen Speisen die Freude, mit dem Alltäglichen und Allmcnschlichcn des leiblichen Lebens noch Jude sein zu dürfen. Das Unterlassen selber wird Tun.“ Damit ist die Richtlinie gegeben: Gebot. da> sich unmittelbar in Tat umsetzt, muß das Gesetz wieder werden. ״Wir wollen tun und hören“, antwortete das Geschlecht derer, die aus Acgvplcn gezogen waren, mit dieser genialen Zusammcnballimg die Unmittelbarkeit der Tat dem Gesetz gegenüber, ja fast ihm voranstcllcnd. ,.Das Gesetz, muß aufhören Inhalt zu sein und sich in Tat, unsere Tat, verwandeln. Es muß die Heftigkeit wicdcrbckommcn, die alle großen jüdischen Zeiten als die einzige Bewährung seiner Ewigkeit empfunden haben.“ Wenige Seiten nur, überreich an Inhalt. Ihrem Sinne entspricht cs, daß sic nicht Worte erzeugen wollen und ment Bücher, sondern Taten. Jüdische Taten. Aber freilich sind jüdische Taten untrennbar von jüdischen Einsichten. Zu rechter Zeit erinnert mich ein Freund, daß das schone Wort, wohlbekannt in den jüdischen Lchrbäusern, das Rosenzweig seiner Schrift vorauslcllt, in der urlümlicheii Weisheit hebräischer Sprache nicht nur: die Bauleute, sondern auch: die Erkenner heißen kann. Solche erkennenden Erbauer wünscht man als Leser der Roscnzwcigschen Worte. Dann wird ihr wahrer Zweck erfüllt sein. Bertha B a d t - S t r a u ß. Etac Rdi5iossd^?cI:U0a ia Fr23';!5r» Das ״Jüdische Wochenblatt“ (Frankfurt) berichtet: Im Rahmen des Freien jüdischen Lehrliauscs fanden m der vergangenen Woche Vorträge des bekannten prototamisehen Pfarrers Hermann Schafft statt, die sich durch die Anwesenheit von Dr. Martin Buber zu einer Art modernen Rcligicmsdisputation ausgcstaUctcn. Der Streit ging ait beiden Abenden um das Problem der religiösen Wirklichkeit, das Buber innerhalb des Protestantismus für gefährdet hielt, da dort das religiöse Element nicht sinnfälligelementar genug werde, sondern sich zu leicht in die bloße symbolischc Verflüchtigung nufiöse. Demgegenüber wie« Pfarrer Schafft auf die umgekehrte Gefahr des Judentums hin: Rationalisierung innerhalb der gelebten f ormen. J>io Auseinanderset/ungon fanden auf einem sehr hohen Niveau und im Geiste wirklicher gegenseitiger Achtung statt und sollten bei anderer Gelegenheit fortgesetzt werden. *) Franz R ose 1t z w ei g: Die Bauleute. Leber ua« Gesetz. Berlin 1925. Hhk>-Vahg und Buchhasdhitfg; G. m, b. H.

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