Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 100-101 (23.12.1925)
- Date
- 1925-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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)1 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 829 Kr. 100 101 ,urch Brie! aas Polen Von unserem Korrespondenten, je ökonomische Not. — Rettungs plane. — :ratung des zionistischen Oberrats. — Pastinabewegung. — Die Tätigkeit der zionistisehen Finanzinstitute. —g, Warschau, 18. Dezember. Die Lage der Juden Polens ist eine verzweifelte. Die v!:;hrichtcn, die ins Ausland dringen, geben auch annähernd :rte^ ה riehII,,.5־ Bild von der Situation, m der die polnischen ichtfsjrn infolge der unerbittlichen und falschen Finanzpolitik iife!:.;י1נ•kls geraten sind. Es gibt hcrcits in Polen keinen Pal ii^rhen Mittelstand. Der allergrößte Teil ist ökonomisch kcii '!lständig zusammengebrochen, so, daß auch von einer dr: .rnir.lcn Prolctarisicrung der jüdischen Massen gar nicht?ri!'- * Rede sein kann. olitU j Her Oberrat der vereinigten allgemeinen Zionistischen chen “■;anisation Polens ist in Anbetracht der grausamen Ver- 3U{ •;:nisse zu einer außergewöhnlichen Session, gewidmet nur Herr.' ז Betrachtung der ökonomischen Lage, zusammcngctrctcn . ’ji hat n.־.־h Anhörung der ausführlichen Referate Dr.!;umels, Senator Dr. Rottenstreichs und Dr. Da- °f0r idsohns eine erschöpfende Debatte über Mittel und Wege sa;r״...... ־ *־ng der polnischen Judenschaft durchgeführt. Der ilpji };:!pttcil der Debatte drehte sich um die Frage der aussli.gir rtigen Hilfe, hauptsächlich aus Amerika, für die polnischen i'stü ].Jen. Der Vorsitzende des jüdischen Sejmklubs, Abg. Dr. derlei eh, gab eingehende Aufklärungen über die vorhandenen }׳:glichkciten, in Amerika. K r c d i t e für eine hierzu zu!teilei^ffende Organisation der polnischen Juden zu bekommen. 12ch;l':n gewisse Hoffnungen auf einen Teil der Jointgclder, “j‘ je in Amerika in den nächsten drei Jahren gesammelt ־, '׳ erden. Man hörte Stimmen, daß eine größere Aufklärungopaganda in Amerika notwendig ist, tun einen Verhältnisil!!g größeren Teil aus den erhofften Eingängen für Polen j erwirken. Dabei wurde allseitig mit großer Entschlossenheit ge- •rdert, daß diese Gelder nicht in Form von Gaben oder bilden verteilt werden und daß kein zweiter bürokratischer •intapparat, wie vor Jahren, in Polen eingerichtet wird, -:ulern, daß eine große einheitliche wirtschaftliche Körperhaft geschaffen wird, die den nötigen Hilfsplan ausarbeitet, ui gestützt auf den auswärtigen, vorzugsweise amerikani- I1׳.n Hih'squcilen, produktive Hilfe dem ruinierten lischen Kaufmanns* und Handwerkerstand zu bringen hat. r. Klumel u. a. verlangten, daß die bereits existierende dischc Kooperativbank diese Funktion übernehmen solle. Es fehlte nicht an skeptischen Stimmen, die vor überiebenen Hoffnungen warnten und zur Selbsthilfe cten. Man gab von berufener Seite zu, d3S vor Jahren ■ h mügli h war, eine starkfundierte wirtschaftliche Organi* :tion; ins Leben 7u rufen, die in der jetzigen Situation r.prießiichcs geleistet hätte. Diese Gelegenheit hat man Ser verpaßt und heute ist cs ausgeschlossen, mit eigenen 1ittehi etwas Positives zu schaffen. Man sprach auch von beruflicher Umschich-! n g, von notwendigen Anstrengungen, um einen erheb* ■hen Teil der jüdischen Bevölkerung der Landwirtschaft :d anderen produktiven Berufen zuzuführen. Obzwar %ser, übrigens schon längst von zionistischer Seite als besten Mittel vorgeschlagcnc Weg, von niemandem * :/kämpft wurde, war. man -aber doch einstimmig, daß dieser j-'cg ein sehr schwieriger und — allzu langsamer wäre, aaugenblickliche, schnelle Hilfe tut aber not. hat! Die neue Regierung, die bereits so manches zu sanieren |f gönnen hat und vor allem, wenn auch zögernd, den bereits .;;;r;*;:ge von jüdischer Seite vorgeschlagenc.n weg der Budget* ’]CTJ .luzierun״ bei־• frn hat, — scheint aber doch nicht in der i:ühr^י׳ך ־° zu sein, der Situation Herr zu werden und was die betrifft, mit ihrer verkappten antijüdischen Politik I-ל.jdruhören. Der neue Finanz.mmBter konnte sein national* yr,K:jpmokratisches Programm doch nicht abstreifen und zog j. ^הי5־ der Sejmtribüne gegen den Kaufmannsstand (Juden) i'rorl.; und kündigte die Fortsetzung der unbarmherzigen ’ f :ciicrschraubc Grabskis an. Das weitere Sinken des Zloty, j;klärte der Finan/minister auf Befragen eines Journalisten, |:i nur eine — Intrige der — Juden. In Wahrheit heln'Kll 1זזי mt niemand so stark die Valutakrisis zu spüren wie der ChnK'r. Pcr-f Was ist zu tun? Line große Emigration würde star* ■zur und die gestrigen ״Kaoitnlisten“ stürmen beute die Machlatoth Awodah (Arbeitsabteilungon) wegen Zertifikate, deren Zahl der Nachfrage kaum entspricht. Und so Ist die Bewegung, die viel von einer •״kapitalistischen“ Auswanderung nach Palästina sprach, stark zusainmcngcsehrumpft. Das Verhältnis der Mehrzahl der polnischen Juden gegenüber Palästina hat sich, im Grunde genommen, nicht geändert, die Stimmung ist nur eine andere. Der Enthusiasmus wurde durch eine ruhige Abschätzung der Wirklichkeit abgelöst. Die unlängst in Warschau eröffnet(: Palästinaaus Stellung hat nur noch diese positive Tendenz bcstärkt. Die Eröffnung, der der polnische Handclsministcr, der Präsident der Hauptstadt, der polnische Konsul in Jerusalem und andere prominente jüdische und nichijüdischc Persönlichkeiten beigewohnt haben, hatte auch starke propagandiatischc Wirkung. Die Ausstellung ist stark besucht, auch von Niclitjudcn und solchen Juden, die bisher der Palästinabewegung ganz fern standen. Die Sammelaktion der zionistischen F i n a u z i!1 s t i t u t c, des Keren Hajessod und Keren Kajemeth, wird energisch geführt, muß aber in Anbetracht der schlechten finanziellen Lage der jüdischen Bevölkerung mit kleineren Resultaten als im Vorjahr rechnen. Eine gewisse Umstellung der Sanunelmethoden wurde auch notwendig. Der Keren Kajemeth entfaltet eine großzügige Propaganda mit Hilfe der Arbeiter* delegierten ans Palästina. Dajan und Schurcr (Nahalal), Rabinowicz (Nachlath Jakob), Dr. Juris (Tel-Awiw), Sehenhabi (Beth Alfa). Das Hauptsammcimittd ist die Büchse mul sonstige kleine Spcndengclcgcnhciten. Der Keren Hajessod hat cs viel schwieriger. Ende Dezember laufen viele Zahlungstermine der K. H.-Zaliler ab und es wird der größten Anstrengungen bedürfen, um neue Zahlungsverpflichtungen zu erlangen. Die Jüdische Not in Pole« Warschau, 11. Dezember. (J. T. A.) Die Not unter den jüdischen Arbeitslosen in Lodz ist ungeheuer. Ltwa 150 verzweifelte jüdische Arbeiter erschienen vor dem Lokal der jüdischen Gemeinde und wünschten, eine Deputation /nin Vorstand zu entsenden. Da gerade eine Vorstandssitzung tagte, wurde die Abordnung nicht empfangen. Daraufhin drangen die Arbeiter in den Sitzungssaal ein, demolier- $cn denselben vollständig und verletzten fünf Vorstandsmitgiieder nicht unerheblich. Durch Eingreifen des Präsidenten Dr. Rosen bl .ז זר beruhigten sirii die Arbeiter. Anlaß zu dem Konflikt gab ein Beschluß des Vorstandes, die aus Amerika für Hilfe an jüdische Arbeiter eiugctroffonen 600 Dollar nur unter verheiratete Arbeiter zu verteilen. Eine Abordnung jüdischer Handwerker erschien bei Ministerpräsident Skrzynski und schilderte ihm die traurige Lage des jüdischen *Handwerkerstandes. Sie wies darauf hin. daß die Annahme der Vorlage betreffend huhit-ic und Handwerk einen schweren Schlag gegen die jüdischen Handwerker bedeuten würde, da sic dann vollkommen von den polnischen ״Gilden“, in denen ein judenfeindlicher Geist herrscht, abhängig sein würden. Der Minister versprach, die Angelegenheit eingehend zu untersuchen. New York, 20. Dezember. (J. T. A.) Das Joint Distribution Committee hat telegraphisch 150000 Dollar zur Hilfeleistung an in Not gekommene Juden in Polen überwiesen. nie Steiger-Heize geht weiter Lemberg. 10. Dezember. Im Zusammenhang mit den Berichten über die Freisprechung Steigers wurden drei hiesige Blätter, und zwar ״Slowo Polskic“ (Organ der nationaldcmokratischcn Partei), ״Gazeta Poranna“ und ״Gazeta Codzienna“ (das berüchtigte Lemberger Hetzblatt, dem der Kommissär I.ukomski Informationen g3b und das übrigens von einem Judcnstämmling namens Thuinim geleitet wird), konfisziert. Nichtsdestoweniger wird die H c t z k a in p a g n c der Lemberger antisemitischen Presse gegen Steiger fortgesetzt; sie erstreckt sich auch auf Steigers Verteidiger; besonders heftige Angriffe richtet die Uetzprcssc gegen den Präsidenten der Lemberger Advokatenkammer, Dr. Grek, der Steiger:, Anwalt in beiden Prozessen, vor dem Stand* gcricht und vor den Geschworenen, war. Da in den Hetzartikc'n auch zu Gewalttaten aufgclordcrt wird, werden die Wohnungen Dr. Greks und Steigers von der Polizei bewacht. J:cnj «Der Chanukk311lr;jum“ 6'r] ״K i n d c r 1 a n cJ — M 3 r c h c 111 a n d“. die Wahrheit 1™']::-•fs Worte:־, bewies die von der Jüdisch-nationalen Zcn-I ׳;,[jcnvcrcinigimg zugunsten des Jüdischen Schul- E;״d|creins am Sonntag, den 20. d. M., vormittags im Theater!cc-'ics Westens veranstaltete Aufführung des von Frau Lina ^־!׳,agner - Tauber gedichteten Märchcnspicls. Schi:n- ־! "^׳יTr,de und glänzende 1 raum gestalten, Waldfcc und Traum-!!f'f j׳״־;I — Frau Rnhcl Kaufmann sang i:1 dieser Partie in ihrer jtion ־4־!.muten svmpathischcn Weise mit schönem satten Alt und ־ 1 ״'ccltcr Innigkeit jiddische Wiegenlieder — Nachtfalter, daß i;nprn, Kobold und vieles andere marschiert wie in einer n־iru ri'itigrn Revue — oder einem richtigen Kindertraum — 61' j ringend und singend auf. Am Morgen nach ihrem Cha- £« 1 äkahtraum linden die im Walde verirrten Kinder, Brüderlein at־-r,4-־d Schwcstcrlein, den Weg in die Arme ihrer besorgten der ]gern zurück. Die Nacht, die die Kinder schlafend im Walde ־oh׳ - '׳:bringen, gehört dem Traume, da ziehen an ihnen die 'ne: «!er der tanzenden Elfen, der Turner- und der Fcchtricgc, iren j׳r Kundschafter, von Schülern der jüdischen Schule in hebrä-!;W Sprache dargcstclit, der überaus zierlichen, trippelnden iarrü i ״)•׳(Irrpuppen und, wie cs sich für einen richtigen ChanukknhcYc ] ־um gehört, die lebendige Menorah vorüber. Die kleinen S!d,-.. r>.?.flcr haben unter der Leitung Frau Wagner-Taubers lag“ jbhschcs geleistet. Erwähnt 6ei unter den von Frau Grimm- 1d > I 'itcr einstudierten Tänzen der Matrosentanz von Dova Giegor id ■■Ml der putzige Katzehentanz. Um die begleitende Musik ׳:; .!}ריs Stückes haben sich I. O. Stein und S. Hildesheimer ver- oder!gemacht, so daß das Ganze einen harmonischen, j 'zernden, klingenden echten Kinderfesttraum bildete. Das ■riilich erschienene Kinderpublikum war für die vielen Herrhkcltcn dankbar und bewahrte, was bei ihnen mehr ist d‘ v Beifall, während der Aufführung, von bewundernden Ah׳s Y™;־d Oh’s abgcsclicn, schweigsame Aufmerksamkeit Zum ץ! 'hluß war heller Jubel und Bedauern, daß der Traum schon J־V|0rbd. Ra.LL lc!y Nachschrift der Redaktion: Aber nicht nur für 2,s i 5 Kinder war diese gelungene Matinee ein Genuß, auch alsS7 Erwachsene, die bet dieser Gelegenheit wieder für paar 1cn• Runden jung werden konnten (auch dies leider nur cm 1!r««n . . .). Wer mit der in solchen Fällen meist bcrcch- Ulca Skepsis hinkamt wurde angenehm enttäuscht Die An• erkt.. g gil.'.l.it /unärhst Frau Wagner-Tauber, die eine einfache und kimlhaftc Handlung in gut klingende, lustige Verse zu bringen verstanden hat, wobei auch das Jüdische ohne Aufdringlichkeit mit cinfloß (über kleine Einzelheiten, die wir anders gewünscht hätten — 7״ B. die Charakteristik des Dienstmädchens — wollen wir nicht rechten); sodann den kün: t'.c. r.chcn und Dilcttanten-Kräften, die der Aufführung Tempo und Geschmack gaben; zuletzt (aber nur der Reihen* folge nach) dem Jüdischen Schulvcrcin, und diesem nicht nur für diese Aufführung, sondern für das von ihm, d. h. von einigen wenigen hingebungsvoll arbeitenden Menschen gesclialfenc und geleitete «Schulwcrk. Wir sahen im ״Chanukkahträum“ auch Produktionen der Schulkinder: Sic spielten im Vorspiel, das dem Ganzen den Rahmen gab, ferner in ein- /einen Szenen des ״Tsaumes“, hier vor allem in den zwei hebräischen Einlagen, aber auch gerade in den hübschesten GruppcnauffiY.’.rungcn (Timr/cn? und Punpcntnnz).. Es!i׳gt uns fern, Kinder und Schule nach schauspielerischen Darbiciungcn zu beurteilen; aber die Kinder zeigten so viel natürliche Anmut, Intelligenz, Nettigkeit — 7, T. gerade in ihrer unposierten Kindlichkeit —, daß man daraus schon einen gewissen Eindruck gewinnen kann. Auch die langen hebrä• ischcn Dialoge wurden ,gut und verständig gesprochen; die Sprache klingt in ihrem Mund noch etwas schwerfällig und ungewohnt, aber ein solches Resultat Ist immerhin doch bemerkenswert Wenn dieses MärchcnspicI, das erfreulicherweise gut besucht war, dazu brigeiragen hat, die Auf merksamkeit weiterer Kreise auf den Schulvcrcin und sein Schulwerk zu lenken und ihnen Freunde zu gewinnen, dann hat dieses Kinderfest, zu dessen Erfolg wir den Schulvcrcin beglückwünschen, eine ganz besonders erfreuliche Neben- Wirkung gehabt. _ Stal! Levy mit y Lustspiel von Anton Hcrrnfcld. (Hcrmfeld-Thcatcr im Intimen Theater, Bülowstraßc.) Beim Namen Hcrrnfcld denken die meisten an antisemitische Pikantcricn. Es war für mich eine interessante Erfahrung, daß dieser Ruf unbegründet ist, zumindest bei dein Siück, das jetzt einige Monate dort gespielt wurde. Knapp vor Torschluß entschloß ich mich, cs zu sehen und will hier kurz darüber berichten, falsches Vorurteil berichtigend. I Der Freispruch Steigers Lemberg, 17. Dezember. (J. T. A.) In der ganzen Stadt wurde das Urteil mit Genugtuung aufgenommen. Viele tausende Menschen hatten vor dem Gerichtsgebäude auf die Verkündung des Urteils gewartet. Stci״cr selbst brach, als ihm der Freispruch mitgotcilt wurde, in krampfhaftes Weinen aus. Nachdem der Staatsanwalt eine Nichtigkeitsbeschwerde wegen des Freispruchs nicht angcmcIJet hat, wurde Steiger sofort auf freien Fuß gesetzt. S:i;1c Verteidiger brachten ihn in einem Automobil in die Wohnung seiner Elter״. Warschau, 20. Dezember (J. T. A.) Da der Staatsanwalt die Frist zur Einreichung einer Nichtigkeitsbeschwerde gegen den Freispruch Steigers bis zum 10. Dezember ungenützt verstreichen lieft, ist der Freispruch Steigers endgültig geworden. Offiziell wird mitgcieilt, daß der als der Verfolger Steigers berüchtigt gewordene Lemberger PoÜzciinspcktor Lukomski endgültig aus seinem Amt entfernt wurde. Pressfstiaimm Die ״Vossische Zeitung“ meint, die Vcnnuuing sei nicht von der bland zu weisen, daß ohne das Eingreifen der größeren Ocffciulichkeit auch atißcrhalh der polnischen Grenzen ein Fchlspruch gefällt worden wäre. ״So i־.t der Lemberger Attentatsprozeß zu einem Dokument der SYH.ulät der Kulturwelt im Kampfe gegen das Unrecht geworden.“ Das ״Berliner Tageblatt“ .stellt Ist, daß die Freisprechung des jüdischen Studenten Steiger zugleich die denkbar schärfste Verurteilung des Lemberger Untersuchungsrichters, des Staatsanwalts und seiner Methoden und eines großen Teils der Lemberger Polizeibehörde ist; Die Zeitung schließt: ״So erfreulich cs ist,'daß schließlich doch das Recht gesiegt hat, so erschütternd ist der Gedanke, daß um ein Haar die antisemitische Hetze wieder einmal ein Todesopfer gefordert hätte.“ Der ״Vorwärts“ meint ebenfalls, daß der Prozeß Slci gor von Anfang an eine antisemitische Machenschaft war, und schließt seine Bötrachtimg mit den Worten: ״Der Steiger- Prozeß gehört sicher zu den dunkelsten Kapiteln der neu* polnischen Geschichte, aber die Zweidrittelmehrheit der Oeschworenon hat in diesem Fall das Ansehen des polnischen Staates gerettet.“ Die Warschauer Tageszeitung ״H a j n t“ schreibt: Falschbeit mul Heuchelei, Schwindel und Niedertracht, persönliche Ambition und schlecht verstandenes Staatsintere ־sc haben ein Net/ gesponnen, haben für den unschuldigen Juden Galgen und Sarg vorbereitet . . . Dennoch hat das Gewissen gesiegt, wenn auch nur mit S zti 4 Stimmen. Es muß gesagt werden, daß die besseren Elemente der polnischen Gesellschaft aut unserer Seite standen. Die zweite große Tageszeitung, ״Moment“, schreibt: Die. jüdische Bevölkerung wie die gesamte Kulturwelt sah auf das Lemberger Ringen wie auf einen Kampf zwischen Wahrheit mul Lüge. Die Wahrheit hat gesiegt. Die ein* fachen Söhne des polnischen Volkes, die das Urteil zu sprechen hatten, gingen den Weg des polnischen Gewissens. Exzfsse In Lemberg Warschau, 20. Dezember. (W. T. B.) In Lemberg kam es gestern Nachmittag zu polnisch-nationalistischen Straßenkundgebungen aus Anlaß des Freispruches Steigers. Die Demonstranten durchzogen die Stadt, veranstaUctcn eine Kundgebung vor dem Hause o’cs Verteidigers Steigers und warfen in einem Cafe, in welchem die jüdische Bevölkerung גת verkehren pflegt, die Fenster ein. Die Soubrette Pasternak, die in dem Prozeß als Hauptbclastungszcugin aufgetreten war, wurde von der Menge auf Händen getragen. Einige Juden, die gelegentlich der Absingung des deutschfeindlichen Haßliedes ״Rota“ den Hut abzunehmen sich weigerten, wurden verprügelt. Als aber die I>emonstranten zur Beraubung von wilden Devisenhändlern übergingen, griff die Polizei ein und stellte die Ruhe wieder her. Die liochatigcsc.hcnc holländische Tageszeitung ״All* gemeen Handels blad Nieuwe Amsterdanische Courant“ veröffentlicht eine Reihe interessanter Berichte aus Palästina aus der Feder Dr. Adolf Friede in anns, der unlängst von einer Reise in Palästina nach Holland zurückgekehrt ist, wo er wiederum die Leitung der Keren Hajessod-Aktion übernommen hat. Aus dem Stück, das die Abenteuer eines Berliner Tschceben, Vinzenz Kratki, mit Pferden, Turf!eilten (lies: Juden), Irrenärzten — er wird nämlich für verrückt erklärt — und so weiter behandelt, ist nichts unverständlich außer dem Titel. Dieser wird ein oder zweimal in dom Stück genannt; Kratkis (oder seines jüdischen Mentors Naftaiin -- ״früher hieß er Petroleum, als cs noch billiger war“) Pferde und die ״wahre Begebenheit von der Trabrennbahn Ruhlebcn“ hätten wahrheitsgemäß ,Stal! Kratki“' mit i heißen sollen. Wenn r!1 nicht irre, wird krälky (l'urz) Tschechischen nämlich mit y geschrieben. Trotz dieser philologischen Verwahrung muß man zugeben, daß das Spie! echtes Herrnfcld-Thcater ist, hr.tig, harmlos, mit Situation*- imd Milicukomik nach den Rezepten der alten guten Zeit, ohne viel komplizierte Psychologic, Thcatcrcffckten. geschickten Aufbau der Handhing u. ä. moderne Requisiten. Das Stück ist ja auch ganz nebensächlich, die Darstellung ist die Hauptsache. 1 Yd ist allerdings glänzend. Anton Hcrrnfcld in der I iauptroilc erregt mit seiner fabelhaft gelungenen Kopie wahre Lachstürme. Ferdinand Grünecker als Naftaiin übcrtrifll ihn aber. Er stellt die Figur eines Berliner jüdischen Agenten in ihrer gerade durch den Mangel jeder AuHri:1״!i־h!<e:t und Uebertriebenhdt bezaubernden Komik mit einer ganz reifen, ganz vollendeten Kunst auf die Bühne. Er mauschelt rieht mehr als cs in Wirklichkeit Leute dieses Schlages tun, er karikiert nicht, trägt nicht auf — uubc ehreibli'h aber Micnenspicl und Aiigcnaufschlag. wenn er, die Hände erhebend, ausruft: ״Großer Gott!“ Unangenehmer ist die zweite jüdische Figur des Alwin Aufsesscr, die auch viel schlechter gespielt wird und darum auch etwas antisemitreh wirkt. Der cr<te und der zweite Akt sind flott und amüsant geschrieben; der dritte l.iiit dagegen ganz ab, er wird auch durch die 1 ri.ks, mit denen die beiden Juden jetzt den dummen Goj hineinlegen, nicht besser. Im übrigen aber ist das Stück frei von jeder falschen Verteilung, von Licht ur.d Schatten. *A. Hellmann. Soeben erschien eine Monographie von Wilhelm Michel: ״Martin Buber, Sein Gang in die Wirklichkeit“ (Rütten & Loening, Frankfurt a. M., 1026, Preis 1 M.).