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Jüdische Rundschau · 1925-12-11 · Heft 97-98 (11.12.1925) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 97-98 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 811 Nf. 87 08 S8C״ 1״e 1icM Jüdisches hei Georg Herssann! Von Bertha Badt-StrauD. 1 Georg Hermann, dem deutschen Publikum jüdischen so- | wohl wie christlichen Glaubens und Unglaubens wqhl noch L* 1 immer am bekanntesten als der Autor der vielgclescncn Ro- |£| nianc ״Jcttchen Gebert“ und ״Henriette Jacoby“, hat kürzlicli j jn der Antwort auf die Umfrage der ,,Jüdijch-libcralcn Zeitung“ . : mit bemerkenswerter Offenheit und Bemühung versucht, das l;r. j Jüdische in seinem Wesen und Schaffen zu kennzeichnen. ״Oer l;;. 1 Jude wider Willen“ könnte man diese Selhstschau nennen. Ix: j Selten zeigt sich so unverhüllt wie hier, wohin das deutsche l״<:; Judentum der Vorkriegszeit trieb — und wie die ״drei gcwal- I ] tigen Gesellen“ cs umwandeltcn. Ob sie cs wirklich um* |/; | wandelten? oder mir verschüttete Brunnen der Urvater mit '1 der harten Hacke der Not wieder aufgruben? — i Aus weit assimilierten Kreisen des norddeutschen Juden* j!ums stammend, der jüdischen Religion ganz entfremdet, | wenn auch mit ihren Sitten noch erstaunlich vertraut, hat lj״; j sich Georg Hermann, wie er selbst erzählt, bis zum Jahre 1014 I“;,! j mit der deutschen Umwelt völlig eins gefühlt. Aber auch zu |drr j jcncr Zeit schon waren, wie er selbst mit einiger Verwunderung : bemerkt, seine Helden durchweg Juden: halb oder ganz ge- 101i taufte Juden, Juden mit christlichen Frauen, Jüdinnen, die 1נ• | sich in die Fremdheit des Andersrassigen verlieben wie Jcttchcn i:/ j Gebert in Doktor Kößling. Freilich — kein ganzer, kein 1"ן’* \ bewußter Jude in dieser bunten Reihe. Aber wer wird vom | Dornbusch Feigen verlangen? —• Schon jetzt könnte man einen ן Abriß der Geschichte des Berliner Assimilationsjudcntums \ allein aus den Hcrmannschcn Judentypen schreiben. ] Der Reihe dieser Judentypen fügt sich nun mit besonderer | iUdeutsamkiil der Held — oder sagen wir besser (denn bei i Hermann werden die Helden im Verlaufe seines Schaffens : immer unhcldischer, immer mehr erlebend, immer weniger! handelnd) die Mittclpunktsgcstalt seines neuen Romans ״D c r : kleine Gast“ ein*). Mit besonderer Bedeutsamkeit: denn J1'־ i waren schon bisher alle Helden Georg Hermanns ״irgend* ־"; ,"ן.siehe Seclcnspaltungcn“ seiner selbst, so ist dieser Schrift- 1 steiler Fritz Eisner fast völlig ein Abbild seines Dichters mit | :einen Schicksalen und Enttäuschungen, seiner Schwäche und i Stärke. Auch seiner Stellung zu jüdischen Dingen. Er fühlt j sich als Jude, ״wenn er auch niemals viel Gebrauch davon gemacht hat“. — ״Daß er gar zu oft gebetet, das zu glauben wird mir schwer. Jenes Zucken seiner Lippen kommt wohl : nicht vom Beten her....“ Aber er läßt sich nicht taufen wie sein zwiespältiger Schwager, der Privatdozent Eginhard Meyer; und seine Sympathien gehören augenscheinlich vielmehr dem l'rcunde, dem genialen Mediziner Doktor Spanier, der stolz : sich der Traditionen seiner sefardischcn Familie lx־wußt bleibt j und darum, als cs sich darum handelt die Professur in Bonn P) neu zu besetzen, hinter einem unbedeutenden Herrn von j Vansefoh zurücksteheu :miß. ,,Gott, es ist vielleicht doch ein Unterschied: wir haben es eben im Blut. Seine Vorfahren;•;'nahen gewiß schon vor dreihundert Jahren nur Wunden•־ge-•;schlagen; und meine haben schon vor dreihundert Jahren nur; } Vuaden geheilt.... Es gibt doch bei uns Juden so Familien-;/,legenden.... Und jedenfalls hat mein verstorbener Vater . l immer behauptet, daß der Efraim Bonus, den schon Rembrandt ■ radiert hat, — wissen Sie den Arzt, das bekannte Blatt, -־ daß | der ein Vorfahre von :ins gewesen ist. Aber ich glaube, ich |/ i muß wieder in die Sprechstunde.“ Von der Judenfragc wird kaum gesprochen in diesem f!־ | Buche. Aber man steht mitten in ihr, wie diese Beispiele *',1 ‘י zeigen. Man urteilt nicht; man richtet nicht. Man schaut •— j und schildert. Die Milieuschilderung dieses letzten Buches י rautet uns, vielleicht heute ein ganz klein wenig vergilbt; an — aber ach! wie beruhigend, wie kulturgesättigt wirken י Bilder nach dem amerikanisierten Filmtempo unserer : :huch Bücher. Man denkt au Fontane; und darf an ihn denken.; Es passiert eigentlich nicht viel in dic6cm dicken Buche. Aber 1 «wer überhaupt ein Ohr hat für diese leisen Dinge, der muß 1•! dis Wortes eines Stammesgenossen von Georg Hermann |K : denken. ,.Bei Geschriebenem ist der Jnhalt eigentlich gleich- . \ gültig.“ Und freut sich an dieser reifen, gänzlich unpathe- |r; tischen Klugheit und Menschlichkeit. ״Denn du lassest alle Selten.״‘ Was Brahma, dem Herrn der Welten, zum Ruhme : whgesagt wurde, das kann diesem späten Enkel des ״Paria- :;yolkes“ der Juden nicht zur Unchrc gereichen. Nur — ein ^;Kampfer will er nicht,sein. Nicht auf diesem Felde.! i Aber eine Stelle am Wege dieser Gcgcnwartsschilderung 1 ■/bt es, wo auch diese scheinbare Kühle und Lcidenschafts-/ . losigkeit sieb erwärmt und durchblutet. Schon in Jcttchcn/ c! Gebert klang dieser Ton einmal ganz leise an: als Kößling ' s;d1 wundert, daß bei den Geberts von dem Leben und i -!erben eines kleinen Jungen so viel Aufhebens gemacht; i /rd. Bei seiner Schwester in Braunschweig waren doch auch j r indor zur Welt gekommen, und manche waren wieder ge- 5!°rbcn, und neue waren wieder geboren worden.... Das;*זב nun einmal so.... Eltern und Kinder, Kinder und *־Itcrn: hier ist Georg Hermann, der Assimilierte, ganz und 'זג Jude, ״Stockjude“, wie Lcssings Nathan sagen würde, ^hon die Stellung Fritz Eisners zu seiner Mutter, einer ‘;-gen alten F'rau mit warmem Herzen, ist wortkarg und ',*!sagend zugleich geschildert. Und dann steht im Mittel: : rankte der Erzählung ein Kind — eben jener kleine Gast, p;' dem Buche den Namen gegeben hat. Es ist ein ganz ';■!eines Kind, ein Kind, das noch nicht einmal ein Jahr alt i-st. 5>c kann man ein solches doch nur rein vegetativ existierendes |JKcböpfchcn in den Mittelpunkt des Geschehens stellen? i;is ich in einer Besprechung, die ein Nichtjude geschrieben :/he. Hermann weiß dies alles. Audi bei ihm ist’s nicht etwa ,andc Elterncitclkcit, die erzählt, ״das das klügste Jingelchcn •ר Cheder“ wie jüdische Sclbstironfc sic kennzeichnet. Hier ״c£en die Quellen tiefer. Bei der Schilderung dieses Kindes;"־acht jüdisches Urgefühl in ihm: das Gefühl von der Kette!־ 1זי/ Geschlechter, an der wir alle uns als bescheidene Glieder /reihen; das Gefühl, Kinder unserer Väter zu sein und /!er unserer Kinder als Grundgefühl des Lebens. Das Kind '־' dem Vater Bürge der Ewigkeit. Das Kind stirbt. Und die :/״»gcn Seiten, in denen Hermann die Todesnacht des Kindes J^chrcibt — während unfern dem Bcttchcn im Gruncwald 2־ Gläser klingen und die Menschen durcheinander wirren —, *) Sämtliche Romane Georg;Hermanns sind in der /,ätschen Vcrlagsanstalt Stuttgart erschienen. sie gehören zu dem menschlich Größten, was dem Künstler bis jetzt überhaupt gelungen ist. Das hat nicht der Kritiker und nicht der überlegene Beobachter des Lebens und der Kunst geschrieben: das hat der Poet und der Jude geschrieben. Der hebrSiscfie Dichter David Vogel Von Hugo K11 ö p f m a c h c r. Mau sagt von alten Kultursprachen, daß sie oft selbst statt dessen, der spricht, da:; Wort ergreifen, daß sie dem, der sich ihrer bedient, viele fertige Bilder und Gedanken in die Hand geben, so daß es ihm schwer fällt, getreu das zu sagen, was er gerade zu sagen hut, daß sich bei ihnen zwischen Gedachtem und Gefühltem einerseits und dem Ausdrucke andererseits Konvention und Literatur dnschiebe, statt daß sich inneres Erlebnis ungebrochen in Worte ausströme. Im Rivalitätssircite zwischen Jiddisch und Hebräisch sagt man das auch vom Hebräischen. Es ist aber mir halbe Wahrheit. Wahr ist, daß es für Epigonen und Dilettanten leichter ist, in einer alten Kultursprache zu schreiben oder zu dichten, als in einer Sprache ohne Kunsttradition, daß in einer alten ( Kultursprachc das allgemeine Niveau des Ausdrucks höher liegt, daß in ihr eine ganze Theatergarderobe fertiger Wortgewänder bereit steht, die anlegcn kann, wer da will, auch der, dem sic nicht passen und am Leibe schlottern wie dem kleinen Gernegroß. Wahr ist aber auch, daß die alte Kultursprachc dem wirkliehen Künstler weit reicheres Material bietet als eine erst gestern zur Schriftsprache gewordene Umgangssprache, daß ihr mehr und feinere Mittel des Ausdrucks zu Gebote stehen, da das geistige Leben von Jahrhunderten an ihr geschaffen hat und in ihr fonlebt. Und wahr ist, daß ein Meister dem alten Instrument Klänge von einer Schönheit entlocken kann, die dem neugebauten versagt ist. Unter der Hand eines Künstlers, dem bildnerische Kraft und Willen zur Wahrheit gegeben ist, gewinnt Abgegriffenes und Verblaßtes unver* sehens neuen Glanz und der alte Stoff empfängt neue, nie dagewesene Form. Das gilt von allen Sprachen mit großer Kulturvcrgangcnheit, das gilt noch in ganz besonderem Sinne vom Hebräischen. Hier ist Form und Inhalt der Sprache eine besonders feste Verbindung eingegangen. Mit jedem Worte klingen Eritinerungen an die alte biblische und rahhinischo Literatur und die Liturgie an, ein Wort, eine Redewendung läßt in dem kundigen Leser Erinnerungen und Beziehungen auftauchen, die die Ausdrucksfähigkeit der Sprache vervielfachen und bewirken, daß der geistige Besitzstand vergangener Zeiten in jedem ihrer 5vät7c gegenwärtig ist. Sicherlich hat dieser Umstand viel hohles Geschreibsel verschuldet, ebenso sicher ist, daß hierin gerade der spezifische Reiz der Werke der mittelalterlichen hebräischen Dichter und in gewissem Maße auch der Modernen, Mcndclcs, Bialiks und Tschcrnichowskis liegt. Diese Eigenart des Sprachstils set/t hohe literarische Bildung des Schreibenden und Lesenden voraus, sie ist hezeichnend für eine Sprache, die eher geschriebene als gesprochene Sprache ist. Nun geht aber das moderne Hebräisch den Weg von der Litcratursprachc zur Umgangssprache, den umgekehrten Weg wie das Jiddische, und je mehr es wieder zu einer alles Leben umfassenden, weltlichen, gesprochenen Sprache erneuert wird, um so mehr lockert sich auch die strenge Bindung an die Phraseologie der alten Schriften. Und gerade mit dieser ״Betrciuiig“ erzielt die moderne hebräische Literatur ganz, eigenartige Wirkungen, und hier ist ihr Raum gegeben, in ihrem Stile .schöplcriscli zu sein. Einer ihrer jüngsten Dichter, bei dem sich die der früheren hebräischen Literatur besonder«: Stilart der Anspielungcn und ״Winke“ nicht mehr findet, ist David Vogel. Er spricht die unsagbar zarten Gefühle seiner Seele mit einfachen hebräischen Worten aus und die alte Sprache hat plötzlich einen ganz neuen Schimmer und die hinreißende Schönheit ihrer Melodik trifft uns wie etwas Wohlbekanntes und doch bi:. 11er nicht Vernommenes. Kurz und gewichtig ist die Sprache des Hebräers, sparsam und ehrlich setzt Vogel das Wort, setzt cs an die rechte Stelle, daß es in seiner ganzen Bedeutung dastcht. Seine liebste Kunstform ist der freie Rhythmus, denn Strophenbau und Reim verleiten manchmal /!! unwahren! Schmuck und selbst hei guten Dichtern sitzt bisweilen ein ״Wiesel“‘ im ״Bachgcriescl“, nur um des Reimes willen. * Die einzige GebmKlcnhe.it seiner freien Rhythmen ist die Musik und der Rhythmus der hebräischen Sprache selbst, ist die Musik und der Rhythmus seiner Eigenart zu fühlen und zu erleben. Einige Beispiele in deutscher Uebertragung mögen eine schwache Ahnung geben: Schwarze Fahnen flattern 1111 Winde Wie Flügel gefangener Vögel. Still und gebeugt * Gehen wir I>urch Tage und Nächte, Bis wir k«anuue11 An das große, dunkle Tor. Wie erschrockene Kinder Stehen wir Zage und hoffend Vor dem großen, dunklen Tore. Das Original dieses und der folgenden Gedichte findet sich in einer im Jahre 1023 in einem Verlage Machar (d. h. Morgen) in Wien erschienenen Gedichtsammlung Vogels, welche den Sammcltitcl ״Lifne hascha'ar haafcl“ d.h. ״Vor dem dunklen Tore“ trägt. Sic erinnern in ihrer Grund- Stimmung zuweilen an die ״Hymnen an die Nacht“ von Novalis. Ein .schwarzer Vorhang Deckt den Tag, Traurig sind wir vom Tag. Was :;ollen wir sagen Liner dem andern? Im Flusse ruh’u dunkel Die Ertrunkenen. . Aus Fingst versunkenen Schiffen Steigt Stille in die Welt. Fin Säugling, 11er :.(umm verhungert ist, Kommt Und klopft au unsere Seele. Ach wir Stummen!• Was wollen wir sagen Einer dein andern? Düster und traurig ist die Welt David Vogels, die Worte ״traurig“, ״leise“ und ״dunkel“ stehen fast in jedem seiner Gedichte, Auf meinen! bleichen Lager leuchtet Still Mein bloßer Leib Wie des Mondes Schimmer. Meiner Haare Nacht Fällt wie ein schwarzer Wasserfall Auf den bunten Teppich. Komm mein Oeliobter! Ewig lodert meine reine Schönheit Deiner Augen Blau entgegenI Komm! läocli ein einsamer Abend Kommt über mein Lager Und breitet über mich .Li« schwarzes Kleid! Die hellen Ströme Meiner Glieder Soli ich nicht mehr! Ich weine in! Dunkel. Die Zartheit seiner Bilder und die Unmittelbarkeit des Gcfühlsausdruckcs erinnert bisweilen an japanische und chinesische Lyrik. Nicht verschwiegen soll sein, daß Vogels Dichtung bisher in weiteren Kreisen noch nicht recht bemerkt worden ist und daß sein Volk nichts getan hat, um seinen Weg zu erleichtern. Vorlesung A. N. Stenfzcl 1111 kleinen Vortr.igsraum des jüdischen Arbeiterhcinis ln der Linienstraße las der von der Ungunst der Behörden verfolgte junge Dichter vorwiegend im Kreise junger Chaluzim eine Dichtung, die den Umständen nach fast grotesk scheinen muß, seine Dichtung von Deutschland, das neue lyrisch epische Gedicht ״Der Brocken“. Wie er erklärend selbst sagte, ist auch dieses neue Werk auf gleichem (}rund erwachsen wie seine andern Dichtungen, seine Lieder und Gedichte aus dem Buche ״Und du bist Gott“, wie die Liebes« liedrr und die ״Tate Mnmmdicdcr“, dessen schönstes das Lied von der ״Tschinnc“, kürzlich in einer ausländischen Revue erschien. Fs ist an dieser Stelle noch nichts gesagt über den Cha« rakter seiner Dichtungen. Am besten erklärt ihn das kerndeutsche Wort taufrisch. Man steht bei Stenfzcl immer vor dem frischen Erlebnis, vor der Genesis. Für ein Stückchen blauen Himmels, für eine kleine Zartheit der Natur weiß er Worte, die klingen wie frisch gefunden. Knorrig wie Baumrimle im Wald ist manches Bild, vieles ist verzerrt, gotisch aufgenagelt, das Erleben von Krieg und Nachkricgsnot dringt prophetisch und nnklngend, schmerzhaft aufgerissen oder in cinfachsclilichter Qual durch viele Verse. So schrieb er die bewegte Klage der neunten Symphonie. Beethovens neunte als apokalyptischer Gesang, als Erlebnis eines Menschen heutiger Zeit, und cs gibt Zeilen darin, die Spiegelungen sind vom Erlebnis dieser grandiosen Melodie. — Weil Stenfzcl den ganzen ״Brocken“ las, kam dieses Gedieht diesmal nicht zum Vortr.iff. — Aber ebenso ruft auch im ״Brocken“ der ״Trompeter vom Gnlgcnbcrg“ primitiv im Linzclschmcrz des leidenden Menschen und wcltvcrbundcn durch Kosmos und Zeit: für jeden Tropfen Blei ein Menschenleben, für jedes Lot Silber sieben Jahre Hunger! Um den jungen Menschen seines Auditoriums Einblick zu geben in die Art seiner Dichtung — eine kurze Einführung gab auch der Leiter der Veranstaltung — las er zuerst Proben aus den bekannten ersten Gedichten und den Liebesliedern und sprach dann die legendenartige Prosncr/ühhmg von ״Rabbi Schamschc dem Lichtigcn“. Eine Geschichte, tief versponnen in die Chassidüinvdt. Der Rabbi trägt das Leid der Welt; weil er aber von plötzlichem Lebenshunger gepackt, sein Päckl nimmt und wandern geht, trägt iii/wischni :.«•in Diener Schamschc «las Leül mul bricht unter ihm zu• s.animcn. — Die Idyllenprosa, aus der wir von Stont/el schon im Vorjahre manches Schöne kennen lernten, ist ganz bcsonders die Form, in der sich sein Talent gegenwärtig entwickelt. Der ,.Brucken“ selbst besteht aus drei Teilen. Dem eilten Erlebnis der Stadt, die bei ihm die Großstadt ist, mit ihren Fabriken voll gequälter Menschen und dem zweiten Teil, dem Aufstieg: ״über alle Berge“. Beide Teile erfüllt von allgemeinem kosmischen Erlebnis, dem ׳Naturcrlchnis eines Menschen, der cs lauge entbehrte oder der zum ersten Male Augen dafür bekommt. Und emilieh dein dritten Teil, dem Abstieg in das jüdische Städtchen Halbcrstadt, das er empfindet wie eine jüdische Kleinstadt des Ostens. In der Abcndmüdigkclt, wenn das Geiühl vom Geschauten ins eigene Selbst zurückkchrt, ist cs bei Stent äI die jüdische Gefühlswelt, die erwacht, mit der er lebt, die ihn quält oder auch tröstet. Wcltcrlebnis und jüdisches Erlebnis verschlingen;.ich traumhaft zu einer jüdischen Walpurgisnacht. Wie ein Traumrrlebnis klingt die Geschichte vom Rabbi, der drei!;ihre Witwer ist, und der versucht wird von Lilith seihst, von i.ilith, die ein Geschöpf des .Satans ist und zugleich ein Geschöpf aus Wald und Natur, ein Geschöpf der Lichtung. Und aus Traum und Wirklichkeit gemischt ist die Gegenwart der jüdischen Schenke, die Gegenwart der wandcrndcu Juden, die er hier trifft wie anderswo und, die mit ihrem Suchen, ihrer jüdischen Not, mitten im Leben stehen, das immer beginnt mit einem irgendwo, einer großen Unsicherheit und einer großen Hilflosigkeit. Wenn es das Zeichen des Dichters ist, daß er Erlebnis gibt und Ahuung und kündet von Fühlen und Sehen, dann ist dieser junge Stont/el gewiß ein Dichter. Daß er so fest wurzelt in der hebräischen Welt,: formt seine Sprache, die dem Juden des Westens schwerer verständlich Ist, als 7. B. die von David Hoffstein, aber das Erlebnis einer seltenen Frische und Ursprüngliclikeit vermittelt. Es ist ein trauriges Zeichen der Not des Büchermarktes, daß ein zweiter Band Stentzeis, diesmal Liebesgedichte, beim Drucker liegt und vorläufig nicht aufgelegt wird. Ma:1 kauft zu wenig Bücher.; In einer Zeit, in der oft das Nötigste zum Leben fehlt, ist das nicht zu umgehen. Es zeigt sich aber immer wieder, daß es noch eine Anzahl Bibliophilen gibt, die Freude haben am schönen und gut gebundenen Buch. Sollte cs da nicht möglich sein, daß eine gewisse Zahl von Subskribenten numerierter Drucke die billige Ausgabe ermöglicht? Denn wir sind ja gar nicht so reich an jungen Dichtern und man sollte nicht den wenigen, die es trotzdem wagen, zu schreiben und zu existieren, den Weg gänzlich versperren, Ruth Morold.

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