Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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05 “JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 793 Vf. 05 -. —׳׳< j p3S Erscheinen Viktoria Lcdls vor Gericht war zweifellos sd1\vcrcr Tag für die Verteidigung. Plötzlich gesellte :ה Cr ־', der Pasternak eine zweite Person, welche unter Eid 3 ׳ רץע׳Ucr Bestimmtheit Steiger als den Attentäter agnoszierte. ־ derste Eindruck dieser Zeugenaussage war ein ungeheurer: :: °׳ 'c 56־jährigc Person, im Trauergewand, religiös veranlagt, :VC.; : einem ernsten, vergrämten Gesichtsausdruck־, schlank ge- ' die aus Wien hcrbcigccllt ist, um, —- wie sie errtc —» dem Unrecht einer eventuellen Befreiung Steigers 1..״r־ •';rjbcugen. ״Ich bin eine Polin — sagte Viktoria Ledl — rr|f!'י■ Ji mußte mich darum dein Gerichte zur Verfügung stellen.״ j Sehr bald kam aber der innere Wahrheitsgehalt der ff0r'i sagen dieser ״schwarzen Dame" zum Vorschein. Als sic ';־’r”c ׳y'dcni Lokalaugenschcin den Standort des Angeklagten 1-rhcii sollte, plazierte sic ihn auf einem Orte, der mehrere;C c •:er ומחיי Punkte, in welchem die Pasternak ihn gesehen;;■hrn will, entfernt ist Fast alle Erklärungen stellen iin 1‘;.sscn Widcrsnruc.11 zu den Aussagen der Pasternak und ׳r übrigen Zeugen der Arrcticrungsorganc. Kein Mensch arretierenden Poli/ciorgane und die Pastzrnak cingc- 1n:'70' tosen), hat die Ledl bei der Arretierungsszenc bemerkt, ansct!-i־dC1n sic eine außerordentlich charakteristische Gestalt ist; , sich im Gedächtnis cinprägcn mußte. ‘c• j Die vollständige Demaskierung der Ledl erfolgte aber nachdem ihr Bruder, in dessen Gesellschaft sic sich ) i'ircnd des Attentats befand, im Gcriclvtssaal erschien. Er ־ וtc nichts Entscheidendes über die Attentatsausführung zu;t K-. | jhlc11, trotzdem er ununterbrocJicn in ihrer Gesellschaft st ausund hörte auch nicht von ihr an Ort und Stelle über angcblichcn folgenschweren Wahrnehmungen, trotzdem :Jenti־;.:. zusammen den Tatort verließen. Die Aussagen des Bru- '״re:.. haben klar erwiesen, daß Viktoria Ledl einer Steiger-!:׳- -;די;••ktion von sehr bösartiger Natur erlegen ist. Es hat nicht ׳:! dazu gefehlt, daß ihre, durch diese Infektion offenbar H־r:־ :•-rierten unwahren Aussagen, in hohem Maße den Ausgang ktion‘ Prozesses hätten beeinflussen können. j Zum Glück gibt cs aber auch Menscher., welche von der Srirv‘::;cr-Infcktion gutartig inspiriert, erhebliches zur Aufhellung :stak-;•ז Wahrheit beigetragen haben. Zu ihnen gehört Sophie , u:; )rlick a, die anmutige Arzttoehter aus Rowno. Sic;;c Dkl während des Attentats oben auf dem Balkon des ״Cafe :׳ m•la Paix" und blickte hinunter in die zum Präsidenten- :3 h־.: '-plang angcsammcltc Menge. Einen Moment blieb ihr Blick :־» Ls ד einem Punkte hängen, wo sich ein Mann befand,, dessen s־dv.;e ׳:ysiognomic sic ganz präzis beschreibt und der im Augenblick ״.isc'-t;s Vorbeifahrens des Präsidentenwagens seine Hand er- ״ d*;;הסל und die Bombe geworfen habe. Sie kennt St-igers; vsiognomic genau, da sie ein fahr lang in demselben :;:!se wie Steiger wohnte und schließt darum entschieden jede :ד c.1 ־־ hii'ichkeit. des von ihr beobachteten Attentäters mit Steiger Die kleine Dame behielt ein Jahr lang in ihrem Busen das ״tfda heimnis ihrer entscheidenden Beobachtung. Sie hatte inyrur.ktive Scheu vor den Gcrichtsrampen. Als aber das Echo ן .:;5ר.ז Kampfes um die Wahrheit im Lemberger Gcrichtssaat :cn :;'.nach Rowno drang, da begann die S10 i g er -1 n f e k - p״!e:L-j.on bei der kleinen Arzttoehter zu wirken. Sie hatte ruhiges Gewissen mehr und setzte sich bald mit der ”5 er. i.nridjgung in Verbindung. יב::נג;| Einige Wochen später bekam sic eine Zeugenvorladung;1 מ Stoigerprozeß. Ihre Aussagen wirkt״n scnsa'ionell. Ist; doch neben der Pasternak und der Ledl die dritte Zeugin, ׳; "d■;; :.,ehe den Attentäter gesehen zu haben behauptet. Der : ans -j :rsitzende begnügte sich nicht nur mit der Entgegennahme ־:v::?r ׳•'׳ Wahrnehmungen, sondern nahm auch eine grimd'rbc :w.6 dustricrung ihres ganzen Vorlebens vor. Es handelte sich :M די,;־•:׳ offenbar um die Erforschung ihrer Glaubwürdigkeit. Sie :: r;•!•״de einem sehr peinlichen Verhör unterzogen and. über ::r.־oert Dinge befragt, die mit der Steigersache gar nichts ־ .:;׳ז;ד: tun haben. Doch die kleine Dame hielt wacker stand. ׳'’:<־׳ ו bean'wortc'c durch vier Stunden hindurch alle möglichen •:r‘c ,.ח0ך«ר klar und eindeutig.- Sic ist i!n' Gegensatz zu den ־;!״•. i'bMungszcugen keine Antwort schuldig geblieben und hat 1•'.;:kr:.! h in keinen Widerspruch verstrickt. Sie konnte dabei allertfr:' rgs die Erfahnmg machen, daß die Zeugen.v ־sa״c vor :׳ :1 ז aem Gericht nicht immer zu den Annchmlichkcilcn des Lehens ׳ er: : ׳hört. "07G• j * ::her• j urt:r j Zu den Menschen, denen der Steigerprozeß die innere : F׳c• ■■:11c zerstört hat, gehört auch die Obcrsileutnantsgaftin :3״ Harnisch. Sic hat die Attentatsszene von dem ■; aister ihrer hart am Tatort liegenden Wohnung durch das icrnglas beobachtet und behauptet, daß die Bombe von oben, t.- ״:.. .j Ara E2ra20?0 Afe־©raraora§GraI Die Post verlangt von uns die Anmeldung der vom!.Januar 1926 ab zu liefernden Exemplare bis zum 15. Dezember. Wir sind daher gezwungen, die Abonncmenisgebühren von denjenigen Abonnenten, die die ,Jüdische Rundschau״ direkt bei uns abonnieren, in den ersten Dezemberfagen zu erheben, und zwar werden wir ihnen zu diesem Zweck Nachnahmen zugehen lassen. Wir bitten darum, in Ihrem eigenen Interesse dafür Sorge zu tragen, da& diese Nachnahmen prompt clngelöst werden, da sonst Unreßclmfiftigkcitcn in der Zustellung der Jüdischen Rundschau״ nicht zu vermeiden sein dürftca Berlin, im November 1925. Ver 522 ״Jüdische Etandschau* Berlin VJ15, Melnckesiraße 10 r /. :־ ... .. ־.7 . j also nicht von Steiger, der unieii gestanden hat, geschleudert worden ist. Sie hat ein Jahr lang ihre Wahrnehmung dem Gerichte vorcnthaücn, weil auch sie keine besondere Lust hatte, als Gerichtszeugin zu erscheinen. Je länger aber der Steigerprozeß dauerte und je drohender die Gefahren, welche sich über Steigers Haupt häuften, wurden, um so lauter wurden ihre Gewissensbisse. Die ehrwürdige christliche Dame hatte ihren Schlaf verloren. Steiger erschien ihr unzählige Male im Traume und forderte sie auf, ln den Dienst der Wahrheit zu treten. Er appellierte im Traume an ihre Mutter־ gefülile und fragte?ric, was sic täte wenn ihren Sohn ein solch schwerer Verdacht belasten würde. Frau Harnisch stellte sich der Verteidigung als Zeugin zur Verfügung und bekam seit diesem Tage täglich anonyme Drohbriefe, in welchen sic verdächtigt wird, sich den luden verkauft zu haben. Die antisemitische Revolverpresse begann sic zu beschmutzen. Die wackere, ältere Dame wich aber nicht mehr zurück. Sic erschien vor Gericht und legte Zeugenschaft ab. Der Angeklagte schluchzte leise während ihrer Aussagen. Wer weiß — vielleicht dämmerte in diesem Momente hei diesem schmcrzbcladcncn Menschen der Gedanke auf, daß cs trotz, allem doch noch so etwas gibt, was die Menschen über die nationalen und religiösen Unterschiede hinaus verbindet: das Gefühl der Nüdistenlicbe und der menschlichen Soll* darität Wer weiß .... * Es gab aber noch einen Zeugen; in diesem Prozesse, der das Geheimnis seiner Wahrnennuing ein ganzes Jahr in sich trug. Der Stnnislaucr Rechtsanwalt Dr. David Jonas war Zeuge des Attentats und iW Arrelirrungssmu?. Er hat Dinge gesellen, die hundert andere Zeugen ebenfalls bemerkt haben und darum betrachtete er seine Zeugenschaft als überflüssig. Als er aber die Aussagen der Frau Viktoria Ledl gelesen habe, konnte er nicht mehr schweigen. ״Ich erachtete cs als meine Bürgerpflicht — erklärte Dr. Jonas — hier zu. erscheinen und die Wahrheit zu bezeugen." Dr. Jonas stand hart neben dem Angeklagten während seiner Arretierung. Er blickte zusammen mit dem arretierendem Polizciagcntcn in die Legitimation des Angeklagten hinein und las aus ihr den Namen Stanislaus St'Iger heraus. Mit Empörung las er in den Zeitungen, daß Frau Ledl hehauplctc, bei der Legitimierung Steigers anwesend gewesen zu sein und bei dessen Arretierung mitgewirkt zu haben. Dr. Jonas bestreitet energisch -diese Aussagen der Frau Ledl. Er habe bei der Arretierung außer dem Erl. Parternak niemanden bemerkt. Dt. Jonas gab seine Erklärungen In einer sehr vorsichtigen Weise ab. Aber seine Worte wirkten wie Hammerschläge. Einer der wenigen Zeugen, an welchen weder der Staatsanwalt, noch die Verteidiger!־ragen richteten. Fr erzählte alles so erschöpfend und plastisch, daß jedes Narhforsrhrn sich erübrigte. Als Dr. Jonas die Zeugenbank verließ, fühlte man: Die Wahrheit ist auf dem Marsche. ״u.■־'; ״nn Wort zusammenzuckt? Wie ein Hammer fahr: cs y.;J ihn nieder, einen Moment ist er ganz fassungslos, dann ״atistert er sich und geht. Aber in diesem Moment muß ’־ "■די. Umschwung in seiner Seele vor sich gegangen sein.; ״/;;,ך hat rin für allemal gesehen, daß cs hier keine Gemein- ) VL >ft gibt. \ Max: Gewiß muß er solange ein Fremder bleiben,;״.r.!־־- er sich nicht den herrschenden gesellschaftlichen An•!!y. j'Uuungcn anpaßt. Warum nimmt de Levis nicht die Duell- ,!; ,Irrung •תר? Dieser Jude hat nicht den geringsten Zug ..',.).ג■ י Ritterlichkeit. Danev verschmäht zum Schluß den;׳r• ,־:v.; :rr.cn Ausweg einer Flucht nach Marokko und erschieß; -; d׳; was eine Figur wie de Levis in seiner Lage getan VA -!!t w-eiß ich nicht. Kurz, ich Ende diesen Juden einfach;;y.,.’ ’ heuCMicVi. Er ist eine Ausgeburt des Anti<rmitismus, gerade! . *ic Shvlock, der ja auch, wenn du willst, im ,.Rechte";.'!.,'’.und für den sogar Heinrieh Heine schwärmt, der aber . '׳h auf jeden normalen Zuhörer abstoßend wirkt. Ich liihle -,,יו״ ־‘־, 1־ . ג* diesen Juden. Ich gehöre gar nicht zu ihnen,; j ' Frhüre zu den anderen.;,י ׳ Heinrich: Dennoch fühlst du dich getroffen. Sei mir :: bös*, aber ich will dir etwas sagen: ich glaube, du Selbst in einer ähnlichen Situation wie dieser de Lcv!s. ׳ wir ׳ er sagt doch ״ich gehöre zu den anderen", bevor die; v,-. , ';^n ihn verstoßen. Von den anderen als. gleicher .-הר ז; ו<- zu werden, war sein Lebensziel. Es ist ihm miu- Kl :5’:) יpA und plötzdidi zeigte ihm ein Anlaß, wie isoliert er i', :'.׳ F N-'mzc Zeit war. Sem weiteres Verhalten ist nur die c.iE y^tion darauf. Zwar erwacht dann in ihm der Stolz, aber ■ vtrmag nicht zu Ende zu denken und glaubt zum ׳ Schluß r> eine großmütige Geste sich doch wieder das Eintritts- ״ y yt in die Gesellschaft erkaufen zu können. Er i־-t keine r) ז:ד\ darum auch keine tragisclic Natur. Aber sein Schicksal;ecu-,?י’ ‘a die Sphäre der Allgemeinheit gehoben, einen Zug tt t: j ב Es ist die Tragik des Entwurzelten. ז..-:; ' Max: Wer bich einer Gemeinschaft wirklich •innerlich : i;,־-. •Gehörig fühlt, der läßt sieh auch durch die Ablehnung l'r: ‘׳ andet«־n nicht davon abbringen. Ihr jüdischen Natio- : A-. ״;,tcn macht die Sache nur noch ärger. .Meinst du nicht, r - nach Dancys Tode der Antisemitismus seinem ganzen;’etfi viel stärker geworden ist? Ich bleibe dabei, de Levis c :':tc schweigen sollen. «... Heinrich: Du vergißt, in welche Situation er da gerät. lr'.: י »einst, solche Dinge lassen sich einfach dekretieren. Das ..... ״'-hl spricht doch mit, und zwar auf beiden Seiten. Wie ד;י::?? man denn leben, wenn man dauernd den angetanen s &1^ ׳»pf hcruntcrschluckcn muß, und dann noch den Spott ־־^ hat. Das Erlebnis für de Levis ist ja nicht der Dieb• stahl, sondern die überraschende Erfahrung, daß nicht ein einziger von all den angeblichen Freunden zu ihm halt, der doch im Recht ist, sondern alle geschlossen zu dem, der im Unrecht ist. Die Großen und die Kleinen, die Lords und die Kolonialwarcnhändlcr — du brauchst nur ein bißchen zu kratzen und der Antisemit kommt zum Vorschein. Auch wenn sie in ruhigen Zeiten sich Mühe geben, er. nicht merken zu lassen. Die Emanzipation hat zwar die Ghettoma«ern umgelegr. aber die Gleichbcrrrhtigun;.: war eine Illusion. Ich konnte euch nie verstehen, daß ihr euch zufrieden gebt mit einer Gleirhherechtigung, die doch mir solange gilt, als ihr euer Judentum verbergt, und euer Geld spielen lasset. Etic.h eile umgeben unsichtbare Ghottonuuern, die Theodor Ilerzl gefühlt lut, als er sein schlechtes Stück ״Das neue Ghetto" schrieb, aus dem doch die Qtnl einer verwundeten Seele spricht. .,Dar. neue Ghetto" und Nordnus ״Dr. Kohn“ behandeln im Grunde denselben Gegenstand, wie Galsworthvs ״Gesellschaft". Die ״moralische Judennot" nennen wir das. Man muß sie bi-; auf den Grund gefühlt haben, tun zu vorstehen, daß die Judenfrngc nach der alten Methode unlösbar ist. Denn sie beruht auf einer Vcrscliicvlcnheit des Instinkts, läßt sich daher durch Vcmunftgrfindo gar nicht brikommen. Je mehr wir den Tatbestand verschleiern, desto unerträglicher wird er. Und wenn wir uns dessen bewußt werden, daß wir gar. nichts zu verbergen haben, so ist das ein erlösendes Gefühl. Die Fremdheit zwischen uns und den andern! kann nur dadurch überwunden werden, daß man sie offen ausspricht und die Distanz hält, die tatsächlich besteht. Tut man dies nicht, dann wuchert der unausgesprochene Gegensatz im Unbewußten weiter und erzeugt diese Neurose, die auf Seite der Nichtjuden als Antisemitismus, auf Seite der Juden als Kriecherei und Anbiederung in Erscheinung tritt. Beides sind pathologische Erscheinungen. Sic werden nur verschwinden, wenn der Krankheitsherd beseitigt wird. Statt immer weiter in das nebelhafte Chaos von Verlogenheit, Liebedienerei und Verschwommenheit zu versinken, müssen war Klarheit über uns seihst gewinnen, unser eigenes Wesen bejahen, unsere e.igenc Gemeinschaft vor den Augen der ganzen Welt organisieren und für höhere Ziele erziehen. Ware dieser de I.r.vis 30 unsympathisch wie. er in der Tat ist, wenn er nicht den vornehmen Leuten so luchlicfc, ihre Klubs als Ziel der höchsten Sehnsucht erstrebte, kurz, sich ganz von ihrer Welt blenden ließe? Wäre er nicht von dieocra Streben besessen, wäre er sich bewußt, ein Mensch anderer Art und darum doch nicht minderwertig zu sein, so könnte er dieser Gesellschaft völlig unbefangen gegenübertreten. Schließlich müssen nicht Rennpferde und Klubs die Ideale eines Juden sein. }*Veiche Achtung würde er 6ich Der Verbzsdlszgsberidi! Der Präsident des Lemberger Schwurgericht« erwrett bereits das Protokoll des neuen Geständnisses Olszanskis vor dem Berliner Polizeipräsidium. Wie wir telephonisch aus Warschau erfahren, ist die Ver- Icsung des Berliner Protokolls am 2. Dezember erfolgt und hat geradezu sensationell gewirkt. Am 1. E>czcn1ber erfolgte die Gegenüberstellung des In-־ spektors Sawicki und der Pasternak. Montag, den 30. November verkündete der Vorsitzende vor Eingang in die Verhandlung den Beschluß des Tribunals über die Anträge der Staatsanwaltschaft und Verteidigung zwecks Vernehmung neuer Zeuge״. Das Tribunal hat im allgemeinen die Anträge der Staatsanwaltschaft gutgeheißen, die der Verteidigung jedoch ab gelehnt Die Verlcsuug der Antwort Seve rings Im Preußischen Landtage, die Vorladung des Bcuthener Richters Seidel, dir sich .׳*!!. Zeuge über seine Beobadilurnvn bei der Einvernahme Olszanskis angeboten hatte, sowie die Vorladung des Bruders der Zeugin Ledl, der die Glaubwürdigkeit der Led! bezweifelt, wird also nicht erfolgen. Leutnant Regenst reif,, der seinerzeit die in Steigers Hause gefundenen Granaten dorthin gebracht hat, liegt krank in Warschau und kann darum vor Gericht nicht erscheinen. In seiner Schriftliehen Aussage gibt er au, daß er aus den ilim vorgclegtcn Granatsplittern nicht zu erkennen vermöge, ob sic Teile der von ihm seinerzeit nach Hause mitgenommenen Granaten sind. Der russische Kolonisüliousplan lur 1926 Moskau, 25. November. (J. T. A.) Die soeben zu Ende gegangene Konferenz der Vertreter der Comzet (Regierungskommissiou für jüdische Landausiedlung) in ganz. Rußland hat einen detaillierten Plan der Kolomsationstät.'gkeit für das Jahr 1920 ausgearbeitet. Gemäß dem Beschlüsse, auch den ganz armen jüdischen Familien die Landansicdlung zu ermöglichen, wurden vier Beisteuern festgesetzt, die die Kolomstciifamilien selbst zu investieren haben werden: ganz arme Familien werden sich über den Besitz von 150, 300 ode. 500 Rubel atiszuweLsen haben. Im allgemeinen wurde angenommen, daß ungefähr der dritte Teil der zukünftigen Ncukolonistcn ohne jedes eigene Kapital angcsiedclt werden wird. — jede Genossenschaft soll mindestens 7 und höchstens 20 Familien zählen. Jede Genossenschaft hat das Recht, diejenige Wirtschaftsform zu akzep• ticren, die ihr am besten zusagt. Zunächst sollen die in diesem Jahre angcsicdelten etwa 5500 Familien richtig cingcordnct werden, sodann werden die für das Jahr 1926 vorgesehenen 10 100 neuen Sicdlcrfamilicn mit Boden, Inventar und Baumaterialien versehen werden. Für die neuen Kolonisten sind 814 Parzellen bereits anbauf־׳rtig hcrgcstellt, die restlichen 9556 Parzellen werden in Kürze anbaufähig gemacht werden. Im ganzen werden 250000 Desjatin Land zur Verteilung gelangen. Für die Arbeit im Jahre 1926 sind folgende Kapitalien erforderlich: 3 Millionen Rubel für die 1925er Kolonisten, und 13 Millionen Rubel für die Kolonisten des Jahres N26; außerdem 1 Million Rubel für Vorhercitimgsarhcitru. Man rechnet damit, daß die Kolonisten selbst 2 450 0CO Rubel aufbringen werden; die Regierung wird eine M'lliou Rubel bei^-uern. Fe-ner werden Fisten: die Landwirtschaft- und Gcv. ( rb:bank 2 Millionen Rubel, A g r o - J 0 i n t 4 900 C00 Rubel, ICA. 200 009 Rubel. Verband ״ORT" 150 000 Rubel, andere Kredite 1 Million Rubel; insgesamt also 11 736000 Rubel. Es fehlen also zur Verwirklichung des gesamten Arbeitsplanes ungefähr 5 Millionen Rubel, die durch öffentliche Mittel, besonders im Ausland (Amerika) aufzubrjngen sein werden. Die Gründung der Landwirtschaftlichen- und Gewerbebank (Agro-Kustar Bank) ist mit Hilfe verschiedener Gesellschaften bereits in Angriff genommen worden. Von der Instruktionsabteilung der landwirtschaftlichen Versuchsstation der Ziomstisehen Exekutive wurden in Beth alpha Kurse fü- Bewässcrungsanlagcn veranstaltet. Es bctri'igtcn sich an d:c־cn unter Leitung der Instruktoren der Versuchsstation zirka 20 Chawerim als Delegierte der wichtigen Wirtschaften. erzwingen, wenn er den Leuten zeigte, daß er leichten IIer/:cns a״f ihren Tand verzichtet und sich als ein Mcnr.ch besonderer Eigenart fühlt! Dann erst könnte sich ein Verhältnis wirklicher Gleichberechtigung entwickeln. Max: Du redest dich ja ganz warm! Was würde aber, v׳enn de Levis so wäre, aus dem Stück? Heinrich: Du hast recht, ich spreche in Wahrheit gar nicht mehr von diesem de Levis. Ich rede von uns, von dir und mir. Und dann von diesem Publikum, von dieser Komödie der Gesellschaft und Gesell rhaft d׳-r Komödie, daß diese Menschen, die allabendlich das anmutige und n:־ht billige Luxustheater füllen, gar nicht merken, daß th1־. was hier gespielt wird, ihr eigenes Schicksal ist. Wenigstens lav-cn sic das nach außen nicht merken. Wenn wir in öffentlichen Versammlungen die Stellung des Juden in der Gesellschaft so charakterisieren wie Galsworthy cs in diesem Stück vorführr. dann würde dieses Publikum nicht so st:11 sitzen. E< ist allerdings nicht Sache des Dichter־, die Lösung der Judenfrage zu geben oder den Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Aber er tut das scinige, indem er das Symptom einer Krankheil zeigt. Das genügt. Wenn die Nh 1a:״.l;rn nicht ganz stumpf sind, so muß sie, was sic hier beklatschen, zum Nachdenken anregen. Und wir Zionisten verlangen zunächst nichts anderes, als daß man über die JndenPage nachzudenken beginnt. Das Resultat kann nicht /wnfolh.att sein, wofern man ehrlich ist gegen sich selbst. Max: Da hättest du ja wieder einen Agitatior.s*ro:f. Mit dir ist nicht zu reden. Heinrich: Vielleicht kommt das Unbehagen, das das Stück dir verursacht hat und das dich schon vor Worben veranlaßt hat, mich darüber zu interpellieren, daher, <Laß du instinktiv erkennst — und dir doch nicht eingestehen willst —, wie deine eigene Position erschüttert wird durch die Tatsachen, die du da im Drama erlebt hast. Und das begrüße ich. Schließlich wirst auch du erkennen, wo du stehst. Und dann wirst du dich innerlich frei fühlen, dein Unbehagen wird schwinden, und du wirst auch ein Stück wie dieses nicht peinlich empfinden und einen so ausgezeichneten Theaterabend unbefangen genießen können. Max: Ich will nicht sagen, daß du recht hast, aber etwas, was du da sagtest von der Befangenheit, darübcT muß ich doch etwas nachdcnken. Heinrich: Das genügt mir. Leb wohl für heute. Max * Auf Wiedersehen. Michael Walter.