Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 702 JUEDISCHE RUNDSCHAU Binicrgrönde des Steigerprozeßes Von unserem Spczialkorrcspondcnten Dr. Nathan Mclzcr. L e m b e r g, am 27. November 1924. In federn Strafprozeß spielt das Resultat der ersten nolizei- . liehen Voruntersuchung־ eine erhebliche Rolle. Im Steigerprozeß hat die polizeiliche Voruntersuchung eme geradezu verhängnisvolle Bedeutung bekommen. In acn Händen der Polizciorganc lag anfänglich der Schlüssel der Situation. Sic konnten den durch die Verhaftung Steigers begangenen Irr- *«m im ersten Moment gutmachcn und die sofortige Frei- Erssung Steigers verfügen, ohne überhaupt die Qerichtsorganc mit dieser Angelegenheit zu belasten. Diesen einleuchtenden radikalen Eingriff waren aber die Lemberger Polizeibehörden offenbar nicht imstande vorzunehmen, weil einige hohe Polizcifunktionärc allen Grund hatten, im Zusammenhang mit dem Attentat den Verlust ihrer Amtsstcllcn befürchten zu müssen. Konnten sic nicht dem Attentat Vorbeugen, so mußten sie wenigstens des Attentäters . habhaft werden. Und zwar möglichst bald. Die ersten kostbaren Stunden nach dem Attentat sind nutzlos verstrichen. Die Polizei hat sich in diesen Stunden eine ganze Reihe von Unterlassungsfällen! zuschulden kommen lassen. Dies ist ausdrücklich vom Polizeichef Swolken in seinen Gerichtsaussagen bestätigt worden. Der wirkliche Attentäter ist somit dank diesen Umständen entflohen. Und so mußte die Arretierung Steigers von den verantwortlichen Polizeiorganen als Rettung in der Not angesehen werden. Man war einfach glücklich, irgend jemand, welchen ein angeblicher Zeuge als Attentäter bezeichnen zu können glaubte, erwischt zu haben. Man ist dabei ganz skrupellos in Widerspruch zu allen Regeln der Technik einer Polizeiuntersuchung geraten. Dies ist nicht nur vom Polizeikommissär Suchcnek, sondern auch von einem zweiten hohen Polizeibeamten, welcher in diesem Prozeß als Zeuge aufgetreten ist, bestätigt worden. Die diesbezüglichen Aussagen des Chefs der polilsclien Polizei bei der Lemberger Wojewodschaft, des Polfzciinspcktors Sawfcki wt kten geradezu sensationell. Sawicki hat'.e Gelegenheit die Pasternak in der ersten Viertelstunde nach dem Attentate ein’uvcmchmen: Sie demonstrierte damals Steigers Handbewegung beim Bombenwurf ganz anders als jetzt im Ocrichtssaal. Und wäs noch wichtiger Ist: sic leugnete kategorisch, das Bombenpaket fn Steigers Hand gesehen zu haben. Herrn Sawicki ist diese Lücke in den Beobachtungen des Frl. Pasternak sofort aufgefallen. Für den Chef der politischen Polizei bei der Lemberger Wojewodschaft war n־׳ch sehr problematisch all das, was Herr Lukomski als unumstößlich bewiesene Tatsache betrachten zu sollen glaubte. Aber das war nicht die einzige Meinungsverschiedenheit zwischen Lukomski und Sawicki. Es tauchte ein zweiter erheblicher Gegensatz in der Frage des Attentatsmotivs auf. Sawicki suchte als Chef der politischen Polizei nach dem Motiv der Tat Und er konnte dieses Motiv gerade bei Steiger und gerade beim Milieu, aus welchem Steiger entstammte, schwerlich finden. Steiger wurde zwar zwecks Erforschung seiner politischen Anschauungen speziell von Sawicki und Lukomski gemeinsam ein vernommen. Doch beide Polizeifunktionäre haben von dieser Einvernahme einen ge* radezu entgegengesetzten Eindruck dnvongetragen. Lukomski reproduziert als Niederschlag dieser Einvernahme eine Brand- . rede, welche Steiger gegen Polen gehalten haben soll, während Sawicki bloß von einem harmlosen Gesp־äch, in welchem Steiger recht zahme, pazifistische politische Aeußerungen machte, zu erzählen weiß. Dem Herrn Lukomski ist jedenfalls nach gewiesen worden, daß er seine Angaben über Steigers ״HaÖrede" ein . halbes Jahr später vor dem Untcrsüchungsrfchtcr machte, trotzdem dieses ״politische Verhör" einige Tage nach dem Attentat stattgefunden hat. Für Sawicki war diese politische Einvernahme Steigers bloß noch ein Beweis mehr, daß der Attentäter in ganz anderen Kreisen zu suchen ist. Und so bi’dctcn sich allmählich Im Zusammenhang mit der Steigeraffärc zwei dcutlieh ahgegrenzte Polizcilagcr heraus: die Kriminalpolizei der Stadt Lemberg mul die politische Poli/ci der Wojewodschaft Lemberg.. Die erstcre forcierte mit ihrer ganzen Autorität den Bcschuldigungsakt gegen Steiger, während die andere den entgegengesetzten Standpunkt einnahm. Die Warschauer Polizeifunktionäre (Swol'ccn, Piontkicwicz, Suchcnek) schlossen sich der politischen Polizei an. Und so waren wir in diesem Prozeß Zeugen eines wunderbaren Phänomens. Die Tatsachen wurden von den als Zeugen erschienen Polizeifunktionären verschieden gewertet, je nach der dienstlichen Zuteilung des betreffenden Polizeifunktionärs. Der berüchtigte Polizcihcnkcr Kajdan, welcher Steiger ohrfeigte, sagte wie ein getreuer Diener Lukomskis aus. Der Oberkommissar Iwachow deckte sich fn seinen Aussagen mit den Ausführungen des Herrn Sawicki. Der Gegensatz zwischen der Lemberger Kriminalpolizei und der politischen Wojcwcdschaftspolizci kam in diesem Prozeß dcutlieh zum Ausdruck, wobei sich allerdings hcrausstelltc, daß die Funktionäre der politischen Polizei denen der Kriminalpolizel an Bildung, Takt und Sachkenntnis weit überlegen sind. Der Kampf zwischen den zwei Polizei lagern ist nicht die einzige Seltsamkeit dieses Prozesses. Das sonderbarste ist die Art der Protokollierung der Zeugenaussagen in der richterlichen Voruntersuchung und der Geist, welcher diese beherrschte. Diese unangenehmen, für die Lemberger Justi׳« organe nicht gerade ehrenvollen Dinge sind zum ersten Male im Jägerprozeß, welcher ja bekanntlich mit dem Steigerprozeß' eng verknüpft i*.t, aufgc'aucht. Der dama’igc Hauptangckhgtc Mylirtyn wußte recht drollige Geschichten über die’ Art und Weise, wie der Untersuchungsrichter Rutka und der GcrichtsprotokoIIant Piotrowskl seine Aussagen zu präparieren versuchten, zu erzählen. So erwähnte z. B. Mvkietyn, daß ihm der Untcrsuchungsrich'cr Rutka das herüchtigtc judcnfrcsscrische Pamphlet Niemojewskis ״Die Judcnsccic im Lichte des Talmud" einhändigte, um ihn so- Zusagen antisemitisch zu slin1mcn. Wir erfuhren damals, daß der GcrichtsprotokoIIant Piotrowskl den Angeklagten Mvkietvn genauestem ins'ruierte, wie er sich bei dar Konfron* tation mit seinen Jüdischen Angeklagten zu verhalten habe. Diese Aussagen wirkten seinerzeit verblüffend. Es (raten dann im Jägerp ozeß mehrere Zeugen, welche Mylchtyns diesbezüg’iche Aussagen s'ützcn konnten und ihre eigenen״ mit dem Herrn Rutka und Piotrowskl gemach'en Erfahrungen dem Gcrfchtstribnnal mi'tetlen wollten, auf. Es waren darunter solche glaubwürdige Zeugen wie z. B. der Warschauer Po’izef- Inspektor Piont׳ iewlcz. wc’cher ausdrücklich erldärte, er könne keine Verantwortung für die mit ihm in der Voruntersuchung verfaßten Protokolle übernehmen. Leider verriet der dama'igc und heutige Tribunalvor itzende Landgerichtsrat Franke wenig Neigung, diese fragwürdigen Manipu’ationcn der richterlichen Untersuchungsorgane rcst'os aufniklären. Konn'c er die diesbezüglichen Aussagen Mvkietyns nicht verhindern, da es einem Angeklagten frePteht alles anzuführen, was Ihm zu seiner Verteidigung notwendig erschein♦, so hat er im 15gerpmz.cn um so eifriger a'Icn späteren Zeugenaussagen einen Riegel vorgeschoben, Indem er alle Fragen, welche mit der Art der Führung der Voruntersuchung lin Zusammenhang stehen, prinzipiell aus der Prozeßmntcrie ausscha’tcte und diesbezügliehe Zcugenau^sa״cn einfach nicht zuließ. Diese Handhwgsweis? ist° menschlich zu verstehen. Richter Franke mußte diese Enthüllungen als ernste Erschütterung des Prestige der Ocrichtsomanc empfinden. Erst der Stcigcrp־׳o׳־cß brachte eine crhcb'Ichc Vcrmchrung dieser Belege. Eine ganze Reihe von Zeugen klagte über Tcrro»־Henu1״svcrsuchc seitens dos Herrn Piotmwski. Dennoch galt die Position der Herren Rutka und Piotrowskl als unerschütteri, solange die Revelationen über deren Hand- Imigswcisc in der Voruntersuchung von Person?״ «tamnPen, deren ethisches Niveau und soziale Stellung keine ahsolutc Gewähr der Glaubwürdigkeit gaben. Die voIMändige Ent’arvung des Herrn Piotrowskl erfolgte erst, als ein hoher Poljzeifun^tionär vom Range des Inspektors Sawicki sensationelle Erklärungen über die Art, wie er in der Voruntersuchung efnveruommcn 'wurde. nb1;״b.' Herr Sv wicki schi'derte in eingehender Weise wie Piotrowskl bemüht war, die politischen Aeußerungen, welche Steiger vor Sawicki und Lul'onid•( machte. nrot׳'ko'larlsci! als ״Kommunistische" zu bezeichnen, ungeachtet dessen, daß Sawicki diese Be* Zeichnung ablchntc und als unzutreffend erachtete. Sawicki erzählte, daß sich während seiner Zeugeneinvernahme eine theoretische Diskussion über Ziel und Wesen des Komm״• nismus zwischen Dm und Piotrowskl entwickelt, ohne daß es zu einem Einverständnis gekommen sei. Sawicki weigerte sich hartnäckig ein Protokoll, in dem Steigers Aeußerungen als kommunistisch bezeichnet werden, zu fertigen. Sawicki machte wiederholt Piotrowskl atrftnerksam, daß die Ouali* fizjerung von Aeußerungen nicht Sache des Zeugen und des Protokollanten, sondern der Rirhtcrbank sei. Dreimal wur* den die Protokolle zerrissen, bis schließlich Sawicki, um der Nr 95;i Das Ruhe wißen, Rieh mit der Bezeichnung von Steigers rungen als kommunisicrendc״ (') elnverstirdV״“‘״^« scnw klärte. Bei der Verlesung des Protokolls (vor der Fr׳׳v er,'l \ der habe Piotrowskl das Wort Jcommumsiercndc“ gebraucht? ־ ^cr groß war nun die Verwunderung Sawickis, als ihm der' v J •ז cf sitzende vorhielt, warum er in der Voruntersuchung $• •e Aeußerungen als ״kommunistische" bezeichnet Vi■;': ci״CI 1' rend er sie jetzt in der Gerichtsverhandlung als gan? hi, ־’• '' ׳hsen,' hinstclft Sawicki beantwortete diesen Vorhalt mit c׳ne׳ p,r:;':rtc ״־!: Stellung seiner Zeugeneinvernahme, welche ein: voilMänH1''־''' "rrub<״’־V' Demaskierung der Herren Rutka und Plotrowski bedeu-.^ d!:! Selbst Herr Franke, welcher Immer sehr nervös geword.\> ^hr5‘1 Ist, sobald ein Zeuge diese heiklen Dinge zu berühren :-saCcn!!. hat diesmal die Darstellung des Herrn Sawicki schwci!׳' .'H i <km'» , zur Kenntnis genommen. Man fühlte cs dcu'.lirii: eine ־;..׳K׳'’bc״ Fonderbarslcn Sc’tsamkci'.cn dieses Prozesses ist klar ^׳.׳■:er v< ' Vorschein gekommen. Es kann nicht mehr daran gc/wcitl?־hc״ werden, daß die po'izcilichcn, richterlichen und staa‘5ajnvv-V׳-'sC? r! liehen Untcrsucr.ungsörganc sich alle zusammen die Ha-i!:rr öbr1 gereicht haben, um diesen ungeheuerlichen Prozeß zu ins7־-if nicrcn, wobei man selbst vor falschen Prctokollvorlcsuirv* nicht zurück^chrec’te. Dieser Prozeß hat wahrlich seltsame Hintergründe. ,;Oie S{eI<jer-In!efc«ion44 י arre /-,.essen ( ,-,;,*in ׳; biche s■ ־ Die 1 .r;t, nao; jr.rcnd!! Die ,,Steiger-Infektion" — dieses Wort ist vyl’-rihlcn,1' '"'*1 * ’Var und: ■je ang : znsai•‘; rr, hat; -[ck!:on:|i: daz׳:,|; UIV. ivif; 1 י i fl n. n uv 11 — viww W Dr. G r e k gep-ägt. Es wurde vom Angeklagten seihst gegriffen, als cs sich darum handelte, clie psvcho’ogbc'nt-i Wurzeln der Phantartcrcicn des gewesen-n.PcIIrcron'iden:׳* Wcrchoda aufzuhelcn. Befragt durch den Vor.itzendrn. warP Werchoda seine Erzählungen über Steigers angebliche kc-7 raunhtische Beziehungen erlunden haben so’Ite, erkläre Steh׳•* ... aaz.; er führe all die'es (jeschwätz auf eine mas'?nn־,vcho,o׳'i־t’:J*'b־r*1Crtc' Erscheinung, welche er mit dem Begriff ,^5te:ger־InLkt!f'״.;i;V.rs j1 kennzeichnen zu sollen glaubte, zurück. I Zum:1 Und ln der Tat chnrakterf'fert dieser UcgrlTf eine ■crcr־li mung, welche hierzulande besteht Es gibt heute Taust,״־:'•- •;V3 Menschen, für welche der Steigerprozeß das Tages* crilj'rlickv, Tischgespräch bildet Die Aufla״enriffer der Tages ק resse;•{l;5 wäh1 im Zusammenhang mit der Steigeraffäre ungeheuer a.־^v la P1! geschwollen. Der nun zwei Monate währende ProzeB h (i npfang'1 die Leidenschaften der Masse Ins Maßlose aufgeocit'cht Li■•! einer' gibt heute bcina' c keinen Menschen hier, der nicht irperch;? Stellung zu diesem Prozeß genommen hätte. Die jüdisch; Bevölkerung glaubt an Steigers Unschuld. Aber auch in d•;; nichtjiidiscken Bevölkerung vollzieht sich eine tiefe Gä'u-:i Es gibt hier zwei Lager: solche, die an Steigers Un<ch;::1 glauben und solche, welche seine Schuld als bewiesen achten. Je länger der Prozeß dauert, um so sc! ärfer platrri die Gegensätze aufeinander. Die Details des Prozesses wer;!::» täglich fn aßen Kreisen verschieden gedeutet, je nach Pan׳.; nähme der betreffenden Tisch-, Cafehaus-, Salon- oder Was;'•• küchengcscllschaft Die ״Steiger-Infektion" ist sozusagen z; einer allgemeinen, akuten Krankhcitscrschcinutig g-vord•^ Sic ist nichj lokal begrenzt geblieben, sondern hat sich ülc(. ganz Polen und sogar weit über seine Grenzen hinaus r*' gossen. Ihre Ausläufer reichen bis zu den Ufern der Do::f und der Spree. Aus dieser Infektion heräus sind die vielerlei Zeug׳:, welche sich täglich zwecks Belastung oder Entlastung ö׳J Angeklagten melden, zu cr’dären. Bald Ist es eine au- Wien hcrbcigeciltc bigotte Dame, für d'e der Beichtvater die höchste Instanz bi’det und bald wieder eine bebend: Mutter, der der Angeklagte im Traum erschienen ist. Ball ek K-anditcnhäiidlcr, den die Aussagen der Pasternak aus der ru״g bringen und bald wieder ein ProvlnzadvoVat. welcher if: Zeugenschaft der Lrdl vor die R«mpcn des Oerichts rwinr;.; Bald Ist cs ein Jurist, den der Tr.atsch der Köchin in <k־ Gcrichtssoa! geführt und bald sind cs jüdische S'uäen'r welche Steigen Not in den Verhandlungssaal gedingt F״ Bald ist cs eine Wiener Möbel fabrikantin, welche die MiiV der Reise nicht scheute, um ihren Beitrag zur EnträNc!::־•׳! des Aitrnf.atsgrhcimnisr.c« zu liefern und bald wir irr!,י es eine charmante Ar?t‘o׳:hter aus Rowuo, welche unt-r dr Einflüsse der ZcpungsIcMürc zu einen! entscheidenden Prorcf zeugen geworden ist. Die Zahl derer, welche der StrKu Infektion erlegen sind, ist Legion. Die wichtigsten 11rt::| ihnen sollen hier, wenn auch nur einer blitzartigen Be•' Icuchtung unterzogen werden. hVMOg:! 1 voj; -.bcii i1 . hysiogl1!aase V! h :l'icl'1, •c. Die!iciuu 1 :inktive‘:’ .-s Kai!' is naci. :on 1 da ru krteidi Ein : :וה גי: docl. :• ׳•:!ehe .'orfit/c:, ־,rer Vti! ',crlustr ■, off' vjrdc ,'! .::icicrt'.1. ׳:: tun I '■> bea^ 'ragen ' d^kastu:'! •ich in ׳hrni ( .;fhört.,' Zu •־'uhe km.a I״. 'onstci: Nach einem Theaterabend Cc3pr5ch zweier Freunde Max* So warst du endlich auch in der ״Komödie" zu ״Gesellschaft"; du gehörtest zu den wenigen meines Bekanntenkreises, die das Stück noch nicht gesellen haben. Ich bin begierig, dein Urteil 2u hören, obwohl ich v׳eiß, daß es sich um Dinge handelt, in denen wir nicht über* einstimmen. Was sagst du nun? Heinrich: Ich bin äußerst befriedigt. Ich hah'e Galsworthy lange als Schriftsteller geschätzt und mich gewundert, daß er in Deutschland nicht sehr bekannt war. Es ist eine erfreuliche Tat des Verlages Paul Zsolnay (Wien), daß er jetzt eine deutsche Gesamtausgabe seiner Bücher ver* austaltct. Soeben erschien die Forsyte-Saga, dieser bedeutende und lesenswerte Romanzyklus — Max (unterbrechend): Aber ״Gesellschaft" — Heinrich: Ich kannte es bisher nicht, obwohl es auch bereits?deutsch bei Zsolnay, und englisch bei Tauclmitz) ln Deutschland erschienen ist. Ich habe seit langer Zeit nicht mehr so gut spielen gesehen, und es gibt doch in Berlin heute wieder gutes Theater. Es ist eine Mcistcrlcistung Reinhardts Der englische Stil ist bis ins, Detail überraschend getroffen, die Schauspieler bieten Kabincttsstücke, das Enscmblcspiel ist eine vollendete Leistung. Max: Mag sein; nicht darum geht es mir. Gerade weil cs so gut ist, ist es so gefährlich. Ich kann hier nicht kaltblütig mit den Augen des Kunstkritikers urteilen, kann nicht naive Freude des Kunstgenusses empfinden. Ich bin hier beteiligt; ich fühle mich angegriffen. Ich finde es eine Taktlosigkeit ersten Ranges, so ein Stück Abend für Abend vor einem Publikum zu spielen, das selbst zura großen Teil aus Juden besteht Mitten auf dem Kurfürstendamm wird tas da mit allem Raffinement vordemonstriert, daß wir Juden in der Gesellschaft einen Fremdkörper bilden, gewissermaßen nicht gesellschaftsfähig, keine ger (lernen sind. Heinrich 1 Hast du es so empfunden? Mir war ganz anders zumute. Ich finde, daß man aus diesem Stück recht viel lernen kann. Es ist kein besonders tiefes Stück; die Konflikte werden nur angedcutet, aber sie sind aus dem Leben gegriffen Kurz ich glaube, daß hier die Judenfragc von einer Seite gezeigt wird, wo sich ein Zugang .zu ihrem wahren Wesen auftut Max: Ich ahnte, du wirst mich aufregen mit deiner Verbohrtheit Ich sagte ja immer, daß ihr Zionisten im Grunde mit den Antisemiten zusammen spielt. Sogar der Antisemitismus auf der Bühno ist dir noch willkommen, wcÜ du hoffst daraus für deine Partei Kapital za schlagen. Heinrich: Ich glaube in der Tat, daß von diesem Stück eine zionistische Wirkung ausgclien kann, wenn auch nur indirekt. Denn immer, wenn durch ein Erlebnis das Wesen der Judenfrage sich enthüllt, wenn der Mensch in seiner Sicherheit erschüttert wird, dann kommt uns das zugute. Warum findest du denn das Stück antisemitisch? Ich würde eher das Gegenteil behaupten. Max: Spürst du denn nicht die Stiche, die der Dichter dem Judentum versetzt? Dieser Jude ist doch entschieden die unsympathischste Figur der Handlung. Dieser Mangel an Diskretion und Vornehmheit, diese Vulgarität, das I’arvcnutum, die Rachsucht; und dann seine Handlungsweise: erst läßt er ßicli das Pferd von dem armen Dancv schenken, er nützt dessen Notstand aus, weil der den Hafer nicht bezahlen kann und befreit ihn zuvorkommend von dieser Last — natürlich wußte er schon, daß cs ein vorzüglicher Renner sein wird. Dann verkauft er dasselbe Pferd für 1000 rfund und kommt gar nicht auf den Gedanken, dem ursprünglichen Eigentümer, der der Geprellte Ist, etwas abzugeben. Als dann Dancv ihm das Geld stiehlt, benimmt er sich so aufdringlich, dnß seine Gastgeber mit Recht den Kopf schüttHn. Wenn man auf dem Landsitz eine» Aristokraten zu Gaste ist und gleichberechtigt in dieser hohen Gesellschaft verkehren will, dann muß man In jeder Situation den Takt haben, die Gefühle der Leute zu schonen. Auch wenn er wußte, daß Dancy der Dieb war, 50 durfte er davon ~ zumal bei seinem Gclde — nicht soviel Aufhebens machen. Ich möchte sogar behaupten, als Jude müsse man cs 6ich etwas kosten lassen, wenn man gleichberechtigt in der Gesellschaft leben kann. Dieser de Levis aber macht Risches. Dadurch wird das Verhältnis zwischen uns und unseren Mitbürgern auf das peinlichste getrübt. Heinrich: Ich sehe es mit ganz anderen A ugen. De Levis ist zwar dank «einem Reichtum in die hohe Gesellschaft geraten, aber er fühlt, mit welcher Verachtung und im besten Falle Herablassung man ihn behandelt. Er weiß ganz gut, er ist seines Geldes wegen geduldet. Die anderen halten zusammen, er ist immer der Outsider. Mir ist es ja unsympathisch genug, daß er sich überhaupt in jene Kreise drängt, aber da er nun einmal da •st, kann er doch nicht dauernd auf sich herumtreten lassen. Und seine einzige Wa'fc ist das Geld. Er demütigt den Hauntmann, indem er ihn für 10 Pfund einen Monstresprung vollführen läßt. Er sicht ln dem Diebstahl auch nur einen Akt der Verachtung und will die Leute fühlen lassen, daß unter dem Deckmantel ihres starren und müden Konvcntionalismus etwas faül ist. Charakteristisch ist nun die Art und Weise, wie die Gesellschaft ihr entgleistes Mitglied zu stützen sucht. Der Dichter versteht tein anzudeuten, daß fast alle Beteiligten sehr ba’c zu der Ueberzeugung kommen, daß der Verdacht be׳T<־hv:•; ist. Aber der Kastengeist geht über aller., ״Lovakv cor.' j beforc evervthing" — davon hat ja das Stück seinen Na־r.t:j Diese Gesellschaft ist überzeugend porträtiert, eine dcgcncrir-' Welt von Nichtstuern und harmlosen Sclr-vachkönfen. >׳•נ; zusammenhält um jeden Preis (der Klubmonn Borrin?, vr Hollmann überwältigend gespielt, ist ein ebenso großartig Typus wie die charmante Anni Mewes in ihrer Koket:c:.׳| und naiven Unwissenheit). Ist der Jude im Recht, dar: hassen sie ihn doppelt. Sie wollen ihn ja gar nicht •י Ihresgleichen in ihrer Mitte dulden, sondern sic foHern vr. ihm stillschweigende Unterwürfigkeit als Prei«. Dies f־-' de Levis und dagegen empört er sich. F.s liegt ihm c׳; nichts an dem Geld, sondern es liegt ihm doran, den an l־׳:r־ ihren Spiegel vorzuhalten. Hier stellen wirklich z\v*i MV!;'■ einander gegenüber. Ich kann nicht sagen, daß Gah^'t:' seinem eigenen Volk auf Kosten des Juden zu sehr זז schmeichelt hat. Maxi. Ich kann mir nicht helfen, meine Sympath■' ist auf Seiten des Ilauptmanns. Er hat in einrr N'o'.la-' einen Fehltritt begangen, dies mit einer Bravour’ciMur.s, ibn in Todesgefahr brachte; es ist nicht ohne, wenn er: General sagt, schon um des kühnen Sprunges von einem F׳al’_r' zum anderen müßte Daney freigesprochen •werde:!. Er dann, als er begreiflicherweise den Diebstahl leugnet, vr dem Juden wie mit Hunden gehetrt. Und dabei beniim de Levis die Sache noch als Pression, ura in den K1׳;r aufgenommen zu werden, und macht erst einen Skandal. י;ב er schwarz balloticrt wird. Obwohl Dancy doch nichts da!-r konnte. Heinrich: Sein Kampf geht ja auch nicht gegen Hauptmann, sondern gegen die ganze Gesellschaffschicht, cy sich für besser halt. Im übrigen ist doch dieser Dancv ei* ganz gewöhnlicher Radauantisemit vom Typus Hakenkree: Als er im Klub ln di« Enge getrieben ward, nimmt «rl Zuflucht za dem bekannten populären Argument. Er?ץ ״verfluchter Jude" — erst dadurch provoziert, schreit!F״; de Levia vor der ganzen Korona ״Dieb" ins Gesicht. als am nächsten Tag de Levis sich weigert, seine Ai schuldigung zu widemifen, nennt ihn der Hauptmanr. 5זג£י ״Saujud" — Max« ' A propos, in der englischen Ausgabe heißt 0 nur ״swine" — also ״Schwein", der ״Jud" fehlt dabei •׳j Heinrich: Dann hat der Uebersetzer das wahrhaft g^׳׳*־] verdeutscht. Denn ״Saujud" ist genau das, was Dancy לי-ג*^; woütc und was er als Deutscher (zumindest als Südcicu*5C“£. sicher gesagt hätte. Hast da bemerkt, wie Deutsch מ -:f ihr ׳ הז ■׳י■ist' .:י V\ :'•r hat. ־־h.ift y י!י> er 'chauu; krdrnt חי׳■׳ R: :■׳■!euer vh, hüte. , vheuß1 un •M f;r F r־>;׳ht 1"■f tf Wh d'.c kr. aicti •ו ,י ני v&n ך J »tisch. daß " 1^•*cisc hätte ז! Bu kfuh ־•chin־ <Uzu