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Jüdische Rundschau · 1925-11-20 · Heft 91 (20.11.1925) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 91 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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91 Kan:;!!. 1r,d e:. fbt u:;.' rrsir.1t. ►Ic'akr; ן hc::1 Enter da n;i> rr; w\j. K1 i c!11!:rl1k!׳!;i ־Uhcr.d-; rer Ar' Nr 91 Jakob EletzMn Von Dr. Abraham Schlesinger. I. lir braucht nicht erst entdeckt zu werden, sein Buch )(Vrisis und Entscheidung“ hat ihm längst einen N.unen gemacht• Außerdem kennt inan in philosophisch interessierten Kreisen seine Schrift über Cohen. Und schließlich weiß man, daß er aktiver Zionist ist, zur Gruppe der oppositionellen Radikalen“ gehörig. Mit alledem bleibt das wahre Gesicht Klatzkins noch verhüllt- Seine zionistisch-politische Tätigkeit samt seiner bis-!irrigen deutschen Schriftstellern sind, aufs Ganze und Wesentliehe gesehen, von untergeordneter Bedeutung. Sein cigentlichcr Ort liegt in der hebräischen Literatur. Er jst hebräischer Denker und zwar mit der Seele eines Dichters, Iliilosoph und Poet dazu. Zu viel Philosoph, um reiner Dichter, zu viel Dichter, uni reiner Philosoph zu sein. Vielleicht_ gelingt cs jedoch dem philosophischen Trieb, poch endgültig die Oberhand zu gewinnen. Die letzten Jahre (1923—1925) brachten von Klatzkin fine stattliche Reihe hebräischer Werke: Hermann Cohen; Q’craim (Risse); Baruch Spinoza, Leben, Werke und Lehre; 5pinoza, Thorat Hamidoth (Uebersetzung der ״Ethik“); Thechumim (Scheidungen); Sutot (Miniaturen). Neben einigen *eiteren Büchern bereitet• er z. Z. die Herausgabe einer großangclegtcn hebräischen Enzyklopädie des Judentums vor. Als Leiter einer hebräischen Vcrlagsanstalt ״Fschkol“ fördert er wirksam die moderne hebräische Literatur. rarer'׳ Offts;.d irä* ,׳ 11::!: Volk-r. ule *::.!■ den A* t SH Lebe 1!üdV'i: :11c R־• ösc t': :s P:■ :1 U C rt, \r Jdcrlsc':: ׳ .זדי! ue::: fe, 7. jer ni; worden, lebe:: ז Banali־ du׳ Je Ae 'i■ re Klatzkin schreibt nicht aus Ercude am Schreiben und nicht mit der Leichtigkeit des Vielschreibers; er ist kein Journalist“ wie er das nennt. Die Ueberfüile seiner Gedanken und Gefühle nötigt ihn einfach zu reichem Verschenken. Er beschäftigt sich intensiv mit dein Judentum, mit dessen mannigfaltigen geschichtlichen, religiösen, nationalen, Uterarischen Problemen, vorzüglich mit dem seiner Zukunft. So wird er Publizist, Theoretiker des Nationaljudentums, Ecuilletonist, aktiver zionistischer Politiker, hebr. Buchvcrlcgcr. Im Grunde seines Wesens aber zieht cs ihn 7nr Philosophie, zum reinen Denken. ״Warum,“ klagt er, ,,muß ich gerade zur Zeit der nationalen Wicdcrgcburtsbcwcgung leben, die mir Gcmcinschaftspflichten aufcrlcgt und mich vom reinen Denken abdrängt? Denkarbeit gedeiht nur bei weiter Distanz von den Menschen“ (Sutot). In mancher Hinsicht erinnert Klatzkin stark au ßcrdyezewski. Besonders eigentümlich ist beiden die innere Zer* rissenheit und Zwiespältigkeit. Q’rraim! Klatzkin, der uns liier allein interessiert, kennt seine Natur genau und spricht oft ganz davon (Sutot). Sein Leib bejaht glühend das Leben der Stunde, sein Geist verneint es sub specic arternitatis. Mit geheimer Liebe hängt er am altreligioscn Judentum iijid sein Denkm gebietet ihm, die Säkularisierung des Judentums zu verlangen. Voll Stolz und Ehrfurcht redet er von seinen ״großen Vätern, der langen Reihe von Gaonen, Frommen und Gerechten“, aber er reißt sich mühsam von ihrem reichen Erbe los, um ״sein eigener Herr zu sein“, Bürger ״der Welt der Sünde und ihrer Gebote“ zu werden. Einm3l lesen wir: ״Mein Gott, du gabst mir /\vri Seelen, eine Tages- und eine Nachtscclc und keine weiß uin die andere. Unrein bin ich bei Tag und rein!!ei Nacht . . . Fremd ist mir nachts mein Tag und fremd des Tags meine Nacht .... Warum gabst du mir zwei Seelen, mich vielfach zu quälen?“ Klatzkins Denken zeigt einen ausgeprägten Individuaü:;- tnus und Subjektivismus, einen einseitigen Radikalismus. Er bemüht sich nie, fremde Meinungen genauer zu erforschen. Ich bin immer, gesteht er, mit eigenen Gedanken beschäftigt, das Lesen fremder Bücher fällt mir schwer, ich nehme aus ihnen nur an, worauf ich schon vorher innerlich eingestellt bim In die (Meinung anderer tief einzudringen, wjderstrebt mir, ich hole meine Gedanken aus meinem Innern und baue meine Welt ganz aus Eigenen? (Sutot). Klatzkins Art ist cs nicht, alle denkbaren Lösungsmöglirhkcitcn eines I'roblcnts aufzuspüren und sic gewissenhaft prüfend gegen; einander abzuwägen, um so ein wohlbcgründetes und kontroliierbarcs Ergebnis zu gewännen. Lieber faßt er meistens zwei extreme Möglichkeiten kurz und_ scharf ins Auge, entscheidet sich für die eine oder läßt beide in ihrer vollen Gegensätzlichkeit stehen — den ״Riß“, den inneren Widerspruch willig anerkennend. Eine Versöhnung von Ge- :nr־‘.zcn, eine Synthesis gibt cs nicht. D3s wäre Selbstbetrug, Lüge, IJnchrlichkcit. Damit berühren wir eine zweite Eigentümlichkeit des ■ K!.1t.\:insrhו.־ Denkens, jene Eigenschaft, von der Hamlet j behauptet, sic besitzen heiße ein Auserwähltcr unter Zehn- I!«:senden sein: die Ehrlichkeit. Klatzkin ist der geschworene 3 Fiind jeder ״Philosophie des Als-Ob“. Daß die mcnsch- ] liehe Erkenntnis unzulänglich, voll innerer Tragik ist, bc- ג fc:htigt unmöglich 7.11 frcund'.i:hcr Selbsttäuschung, zur Fik- )נ tion, zur Lüge. Den Lügner erklärt ein Aphorismus aus <icn ״Sutot“ für schlimmer als den Räuber. Sogar Mord laßt sich unter Umständen entschuldigen. Lüge niemals. Her Lügner mordet ״die Seele Gottes — die Wahrheit. Er : fälscht das Siegel der Welt und begeht damit die schwerste; aller Sünden“. i Den Stil Klatzkins, soweit hier unsereiner mitreden } kann, finde ich schwer, reich, bildhaft, gesättigt. Der Satz- •i bau — eine Nebeneinanderordnung kurzer, fast selb'tandigcr j Tcilstücke, keine in sich vielfach gegliederte Periodenbü- ] dun׳», \vi״ bei Aeh־»d-Haam. Und trotz aller europäischen ■J *Modernität und häufiger kühner Wortneuschöpfungen zeugt '■j “fas Hebräisch Klatzkins von bester Tradition. Es entquillt ■j *kn Ti, f1״ des rabbinhehen und kabbalistischen Schriftu tum•־. Auch sti'i tiich verleugnet der seinen Vater persönlich i-t kochverehrende Sohn des Lublincr Raw seinen ״Jichus“ nicht. I Klatzkins besonderer Denk- und Schrcilr.til vereinen :1זי־:, seinen Werken eine starke Anzieliungs-, beinahe l as-;1 linlcrungsUraft zu verleihen. Man muß sic zweimal lesen: ■j "11KIilIl״MUdll /.U VUIUIIVM. .... ״י•״ #יי-ך״״•- V• ו J *Machst rein rezeptiv, ästhetisch genießend, dann erst, gleich־ \ S3m nach dieser Jmmunhicrung, Inhaltlich prüfend. Erst s "׳enn man sich vom Banne des Dichters, des Künstlers in j Klatzkin befreit hat, kann man zu dem Denker gelangen, \ ,k welcher er doch letztens genommen sein will. w, d! II.;0r Das publizistische Werk, eine Sammlung früher ־.;״־ה •״: vc־״iffentj!!,tcr Finzel,1uf;ätzc, trägt den Titel ״Thcrhmmm“, lOi.at•• ן o׳hcidungcnJ). Die beiden ersten Abschnitte enthalten Aht sta.u־ j 1:5.-; jjj. jn deutscher Ucbcrsctzimg teilweise dem ^>c;־ j Suche ״Kriris und Entscheidung“ als Besfandstijeke ein- 5,•י ’ j verleibt worden sind- H,-t finden wir die bekannten urund־ t'Oazeptioncn der KJatzkir.schcn Nationaütätstheoric. Das ] Judentum war früher rcligöscs Volkstum. Seitdem aber die i “au-'r der jüdischen Rcligionsvcrfassung cfr.gestürzt ist, gibt i für das Judentum nur noch zwei Möglichkeiten: entweder 5v;cndן «־ ten völligen Untergang in der Diaspora oder die Säkularisic- J??11;' ־. zu einem rein weltlich-modernen Volkstum mjt eigenem ‘י׳.ל '! Urd und eigener Sprache, wodurch die jüdische Religion?'׳v,: 1 rn{|.*he — besonders von Achad Haan? betonte ״־ jüdische t dieser j bei allen heutigen Kulturnatjoncn zur persön״ ג |) Dewir׳■ Verlag, Berlin 1925. i 5 }UEDISCHE RUNDSCHAU_ liehen Angelegenheit der einzelnen Volksgenossen wird und aufuört, nationales Kriterium zu sein. Jude darf dann einzig heißen, wer in Palästina lebt und Hebräisch spricht. Nur während des Uebergangs, d. h. bis zur Vollendung des Aufbaus Palästinas, das höchstens für die erste Zeit als ״geistiges Nationalzenirum“ wirken kan״, gilt cs noch, das Djasporajiidciitmn künstlich zu erhalten. Die Theorie Klatzkins wurde schon früher einer grundsäfzlichcn Kritik unterzogen3). Jetzt sollen lediglich einige Ergänzungen neu hinzutreten. 1. In den Ausführungen Klatzkins spielt die Polemik gegen Achad Haam eine große Rolle. So wird auch der Gedanke der Funktion Palästinas als des ״geistig nationalen Zentrums“ scharf angegriffen. Für den Anfang könne wohl und werde gewiß dem jüdischen Lande eine solche Bedeutung eignen, später jedoch wirke cs notwendig de׳ struktiv auf die Diaspora und müsse ihren Untergang bcschleunigen. Was behauptet in Wahrheit Achad Haam? Das unmittelbare Ziel des Palästinnaufhaus sei einzig die Errichtung eines sich ״geistig“ auswjrlcondcu ״nationalen Zentrums“ für das jüdische Volk. Schon dieses Werk sei schwer und umfassend genug, aber an sich in absehbarer Zukunft eben noch realisierbar. Es handelt sich um ein ״ideal semani“, ein vorläufiges, noch innerhalb der Grenzen des Möglichen liegendes Ideal, um das nächste praktische Arbcitsziel. Was nachher sein wird und geschehen soll, können wir heute Lebenden weder wissen noch bestimmen. Allerdings glaubt Achad Ifaam, daß die späteren Generaiionen auf der von uns geschaffenen Grundlage weiterbauen werden, sozusagen stalionsweise fortschreitend zmn ״ideal kizoni“, dem endgültigen Ideal der mcssianischcn Zukunft. Ob die Diasporajudenheit aber dereinst, nach vollendeten! Aufbau Erez-Isracls, allmählich verschwinden oder in einigen Masscnsicdlungcn, wje zur Zeit des zweiten Tempels, konzentriert sein wird, darüber können wir subjektive Mutmaßungen anstcllm, jedoch kein apodiktisches Urteil fällen. Was will also Klatzkin? Er gibt /u, was Achad Haam für die nahe Zukunft behauptet, und für dir ferne Zukunft bestreitet er, was Achad Haan! nie behauptet hat. 2. Wie schon oben dargestcllt, begründet Klatzkin seine Nationaütätstheoric häufig folgendermaßen. Das Judentum war bisher Religion im Sinne einer religiösen Gesetzesverfassuug. Jetzt i't diese Religion tot, diese Gesetzesforni zerbrechen. Deshalb kann das jüdische Volk nur wciterleben, wofern es sich in revolutionärer Neugestaltung vollkommen säkularisiert. Ist die grundlegende Voraussetzung richtig? Auf rc!igiöscin Gebiet sollte man im Urteil besonders vorsichtig sein. Nietzsche 7. B. wußte ganz genau: Gott ist tot! Aber ein paar Jahrzehnte später kommen die bedeutendsten Deuker wieder zu Irgendwie thei:tischen Weltanschauungen (Cohen, Külpe, Driesch, Stern, Schclcr). Und hei allem Mißtrauen gegen die irrationalistifcheji, mystischen, pseudorcligiösen Strömungen der Gegenwart muß doch ein Wachstum des religiösen Interesses und eine gewisse!!Überbewertung von Religion und Religiosität zugegeben werden. Wie stellt es nun speziell mit der jüdi'.elieu Religion? So wenig bei einem Teil des Volkes die Zunahme der Mischehen, Austritte u. dgl. geleugnet werden kann, so sehr ist Hei einem andern Teil eine religiöse Neuhelehung und Er- Stärkung wahr/michmcn. Die wachsende Bedeutung des Misrachi, der Agudas Israel, der ge.set/estreuen Jugend- und Arbeiterorgani ationen, die Clmsrjdim-Chahi/ini des Jabloner ur.d anderer , Rebheim“, •Rabbi Kok mit seinen Weltreichenden Err,cucrung־.hestrebungen, die - jü.'ig.t auch im ״l laschiloach“ bestätigte — starke Nachfrage nach biblischer und talmudischer Literatur, die Tätigkeit des ״K'erejj Hat oral!“, das alles sind, scheint mir, Zeichen, daß das traditionelle Religiousjudmium, die jüdische ״Gcsr.t,:r:.vorf,1$r,ung“ keineswegs so tot ist, wie Klatzkin meint, vielmehr umgekehrt aus langer Erstarrung zu erwachen beginnt. Warum sollte auch eine religiöse Wiedergeburt nicht ebensogut möglich sein wie eine nationale Erneuerung? Umfaßt denn die nationale Bewegung all׳' Kreise des jüdhch.-yi Volkes? Hier wie dort hieiben von vornherein sehr viele Individuen unerfaßt, hier wie dort handelt es sich um einen ״Rest, der umkehrt“. Klatzkin hat dis gute Recht, für sich und seinesgleichen die Unmöglichkeit oder Unwnhrsrhcinlirhkrit einer Neubclehijng des Kcligioiisjudentumi zu behaupten. Aber dieser Behauptung Al!gcn1ei11!׳ültigkeit zuzuschreihrn, hat er nicht das Recht. Der empi tische Tathestand erlaubt verschiedene Deutungen. 3. S'iknlnri-i.Tiing des Judentum! - darin gipfelt die Lehre Klatzkins. Zweifellos liegt hier das zentrale jüdische Kultir;-־'!)leui der nächsten Zukunft. Aber es scheint mir in de:! Schriften Klr.t/kins keineswegs völlig und allseitig geklärt3). Das Judentum war seit E'*ra religiöses Volkstum. Die Lehre!! und Anschauungen der Thora bestimmten eindeutig die ganze nationale Gei:teskultur, das Thoragesetz Art und Forme., des nationalen Lebens. Im Laufe der Jahrhunderte verengte si'h jedo-h immer mehr der Umfang des jiidpehen Gemeinschaftslebens, das zu einem' engen und kleinlichen Gemeindeleben wurde, so claß das Thor.agesctz mir noch ein l)c:c!:-änktes Anwendung *gebiet finden konnte, während jüdische Gerde kultur einfach mit Pflege des heiligen S-hrifttums?!:sammcnfiel. Judentum als Religion und überhaupt bcdculetc somit schüeßli;11 Tho'apflegc und Rc’i d׳>n• g<-־ct/. Was darüber hinausging, Bestätigung jüdischer Individuen auf den Feldern der allgemeinen Wissenschaft, Literatur, des Wirtschaftslebens iisw., war ni.ht mehr ״jüdisch“. Seit einigen Jahrzehnten hat s*irh diese Sachlage geändert. Das jüdische Geme inschaft :.leben sprengt seinen Ohettornhmen, neue umfassende Gemcinsclinfisaufgnbcn machen si'Ii geltend, die ni ■lits, zum mindesten nj־׳ht umniitelbar ׳!■!was mit Thora- Studium und Gosvt/r־;crfiilh1ng zu tun haken, also jenseits der ״religiösen“ Sphäre im bisher geläufigen Sinne liegen: der Aufbau Palästinas mit seinen vielfachen ״allgemeinen“ Erfordernissen technischer, finanzieller, politischer, Wirtschaftlieber Natur, die Bekämpfung des Anßtemilisnius. Regulierung der jüdischen W.andcrbcwegung, Bmifsumschichtung umi körperliche Ertüchtigung der Jugend und vieles andere. Auf geistigem Gebiet bemächtigt sich die hebräische l.itcratur immer mehr der verschiedensten ״allgemeinen“ Stoffe, eine jüdische Kunst, unabhängig von kultischen Bedürfnissen, beginnt zu keimen, hebräische Schulen, die moderne Allgcincinbildung mitvermjttehi, entstehen, sogar ein hebräisches Technikum und eine hebräische Universität werden geschaffen. So geschieht e^, daß das Judentum wieder mehr oder weniger zu einem grundsätzlich kein Gebiet des Lebens ausschließ enden Volkstum si׳h entwickelt. Mit dieser Er- Weiterung, gegen die selbst dann nichts einzuwenden wäre, ־) Schlesingcr, Zur Bestimmung des Natlonaljudcntums. ״Der Jude“, 4. Jahrgang 1919/20. s) Einen wertvollen Beitrag zu der Frage liefert J. Outtnunn, Der Wiederaufbau Palästinas jin Zusammenhang der jüdischen Geschichte. Schriften des Keren I1ajessod, Heft 10.' Doclj wird hier ebenfalls das Thema nicht erschöpfend behandelt, Seite 7C5 wenn sie nicht schon als vollendete Tatsache uns vor Augen stände, mußte notwendig, geradezu automatisch, das, was bisher den vollen Begriff des Judentums aus,machte, nämlich Thorapflcgc und Rcligionsgcsctz, zu einem, den anderen, neuen Teilgebieten des jüdischen Gcnieincchaftslehens koordinierten 'FeilstEick werden. Das 1ju1fa1:־;e11110 xuoderne Judentum scheint demnach nicht mehr Religion zu sein, sondern nur noch zu haben. Und das Bestreben der ״religiösen“ Kreise des Volkes müßte sich darauf bcschränken, der ״Religion“ einen möglichst starken Einfluß auf die nichtrciigiöscn Gebiete zu sichern, wie es die christlichen Kirchen in den modernen Staaten machen. Allein es ist grundfalsch, die jüdische Religion?ס eng auf/ufassen, daß sich ihr Begriff in Thorapflcgc und Thoragesetz erschöpft. In Wahrheit, d. b. nach der eigenen Meinung von Thora und Propheten wie der großen Talmud-!obrer, bedeutet jüdische Religion, wenn man das unjiidische Wort schon gebraucht, dar, ganze Leben des jüdischen Volkes, das grundsätzlich alle möglichen Gebiete des Seins und Wirkens einer nationalen Gemeinschaft wie aller Seiten des individuellen Lebens ihrer Einzelglieder umfaßt, nur daß dieses totale jüdische Volkstum von einem besonderen ״Geist“ bestimmt sein soll: es soll ״in allen seinen Einrichtungen und Entfaltungen die Objektivierung höchster sittlicher Ideen bilden, ein ,Gotlesrcirh1 menschlicher Sittlichkeit, sittlicher Menschlichkeit'1׳). In dieser determinierenden Idee oder Aufgäbe eines ״sittlichen Uchcrvolkcs“ (Achad Haam), traditioncll ausgedrückt: der ״Auscrwähltheit“ Israels, liegt der ״religiöse“ Seinssinn und Seinsgrund der jüdischen Volksexistenz, der das jüdische Volkstum in seiner jeweils mügliehen Totalität eben zur jüdischen ״Religion“ macht und das entsprechende individuelle Erleben zur jüdischen ״Religiosität“. Es gibt also überhaupt nichts Jiidisch.es, das an 6ich außerhalb der religiösen Sphäre bleiben müßte. Alles, was von der jüdischen Gemeinschaft als solcher und von jüdischen Individuen als ihren Gliedern getan und erlebt wird, gehört zum Bereich des Rcligionsjudcntums, wofern cs gemäß jener determinierenden Idee getan und erlebt wird. Tiiorastudium und Rcligionsgesctz in deren heutigem verengtem Sinn kann hier von vornherein nicht mit ״jüdisdur Religion“ glrichgrsdzt werden, sondern nur. etwas innerhalb ihrer Totalität sein, innerhalb des regiliös-nationalcn jüdischen Gesamtvolkstums, etwas, das man als Kultus oder sonstwjc bezeichnen mag, das aber hinsichtlich seines religiösen Charakters nach dem Gesagten keinerlei Vorzug*- Stellung einnchmrn kann. Bei solcher, d. h. bei der echten historischen Auffassung der jüdischen Religion, gewinnt das Problem der Säkularisierung eine neue Bedeutung, und zwar doppelter Art. lös bat zunächst den möglichen Sinn, daß man darauf ausgeht, die das Judentum als religiöses Volkstum hestimmende Idee der ״Auserwälilthcit“ mit dem zugehörigen traditionellen Gcd3nl<cn- und Vorstcllungskomplex ihrer Buchsiäblichkcit, ihres sozusagen dogmatischen Charakters zu entkleiden und ins rein Ethische, Philosophische, National- Historische gewissermaßen zu transponieren, wie es etwa Achad Haan! oder mutaiis mutandis Hermann Cohen getan haben. Diese Art ״Säkularisierung“ ist kein Novum in der jüdischen Gcistcsgcschiehtc. Man braucht z. B. mir an Muimonides zu denken. Eine Dogmatik strengen Sinnes mußte dem Judentum seinem Wesen nach fremd bleiben. Unsere Thora, betont Klatzkin selbst (Thechumim, S. 30; Spinoza S. 20), beruht nicht auf Glauben und Wissen, sie ist vielmehr eine Lehre des Tuns, der Verwirklichung. Ebenso dachten bekanntlich Mendelssohn wie schon Spinoza. Bei der hier gemeinten ״Säkularisierung“ geht cs demnach lediglieh um eine mehr akademische Angelegenheit, um eine Frage der besonderen philosophischen Auffassung und Interpretatinn des ״Geistes“ des Judentums, der ״Quellen des Judentums“, der konstituierenden Ideen des Judentums als religiösen Volkstums, die in ihrer konstituierenden und determinierenden Bedeutung selbst durchaus Anerkennung finden. Erst dort, uo diese Anerkennung vcrs3gt, diese wie immer im besonderen begriffene und gedeutete histonschc Sinngebung und ״geistige“ Scinsbegründung des jüdischen Volkstums überhaupt abgelchnt wird, kann von einer cigentliehen Sälcularisicrupg die Rede sein. Und da«v geschieht bei Klatzkin. Er wendet sich gegen jede Art ״geistigen Judentums“ und ״jüdischen Geistes“, gegen das, was wir oben als jüdische Religion im weiteren und eigentlichen Verstand bezeichnetcn, Das Judentum wird ihm zu einem ausschließlich dmcl! Land und Sprache bestimmten Volkstum, in dem es freilich ״Religion“ engeren Sinns, wie wir es früher darstellten, gehen mag. Ich glaube, soweit es hier anging, gezeigt zu haben, daß von! Standpunkt des historischer. Judentums aus der Gedanke einer solchen jüdischen ״Religion“ als eines Teilinhalts des Judentums auf einem Mißverständnis des Begriffs und Wesens der jüdischen Religion beruht, daß er eine unvollziclibarc, in sich widerspruchsvolle Konzeption ist; und daß ferner die moderne notwendige Erweiterung des Judentums die jüdische Religion in ihrem wahren historischen Sinn voll- Kommen unberührt laßt oder genauer erst iltre volle Entfaltung gestattet. Natürlich ist eine eigentliche Säkularisierung, wie sie Klatzkin meint insofern durchaus möglich, als ein- /eine Individuen des Volkes für ihre Person die indische Religion im eigentlichen Sinne nicht mehr erleben, d. ii. die jüdische Religiosität verlieren können. Daß hingegen die Masse oder gar die Besten eines Volkes, das seit ein paar Jahrtausenden sich und seine Entwicklung der Idee des ״auservvählten“ Gottesvolkes, des ״sittlichen Ucbcrvolkes" unterstellte, dazu gelangen könnte, diese sittlich ungeheuer verpflichtende nationale Sinngebung ah/uwerfeu, scheint nur psychologisch höchst U1nv3hr:cbcinlicl1. Käme es dennoch, zu einem solchen unerhörten Verzicht, so würde er nicht nur moralischen Selbstmord bedeuten, sondern auch den physi .ciini Untergang der Ihrer Seele beraubten Nation nach siel! /:ehe:!. Zn einigen der übrigen Aufsätze des Buches, von denen einzelne da und dort schon in deutscher Fassung veröffentlicht wurden, nur ein paar kurze Bemerkungen: Charakteristisch für den wahren Geist, der tir.scrn i-äkularisator des Judentums insgeheim beseelt, ist die Vc-ölfent- Jiclmng ״Araber- oder Judenfrage?" Nicht nur jede Gewaltpoütik gegen die Araber wird verpönt sogar der Gedanke einer späteren friedlichen Assimilicning ucr Araber ans Judentum, darf als unmoralisch keinen Raum gewinnen. Wie vir unsere nationale Wiedergeburt erstreben, so müssen wir auch die gleichartigen Bestrebungen der Araber freudig bcgrüßen und fordern und ein ehrliches Freundschaftsbündnis mit ihnen zu schließen suchen. — Wie sagt Bialik von den ״Jungen“ der heutigen hebräischen Dichtergeneration?: ״Sic rufen mitunter sozusagen fremde Götter beim Namen — nur keine Furcht . . . man braucht keine Anjrst zu haben, ihr Gott Ist der Golt Israels, Seine Herrlichkeit schlägt mit ♦) Aus meinem auch zum ganzen ‘zu vergleichenden Aufsatz ״Dje Frage nach dem Sinn des ludcntums" in ״Der Jude“, 7. Jahrgang 1923. Vgl. ferner Ä. Jacobus, ״Der Gottesstaat“, 1923, v

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