Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 89 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 749 | Brief ms Palästina ■ ' ynstimmrccht ohne Referendum — Der 2. November c.j (Von unserm Korrespondenten.) 1׳ A.G., Jerusalem, den 1־. November J923. r. vr $• November war für die Ausführung des Referen- י' : über das Stimmrecht der Frau in Palästina bestimmt ' .1ז Vom Wand Leumi und den Wahlkominissioncn hatte i ^rort nach dem Beschluß, den Wahlen ein Referendum .־..fhen zu lassen, mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen. ■ i. ^ruckte Wählerlisten, bereitete Versammlungen vor,;■•; :,jj Zeitungsartikel und bemühte sich, in der kurzen Zeit : ן jfr sehr großen technischen Arbeit fertig zu werden, t! j N1C!1 den Rechnungen der verschiedenen Seiten konnte : rcr^־)tdichc Perspektiven über den Ausgang des Refehören, ln der etwas matten und bereits einigermaßen 11:■! ׳ gefärbten Atmosphäre gab es witzige Köpfe, die mit 1 ן bewiesen, daß 120 סיף des Jischuw für das Stimmrecht i_i'.jii waren; denn in der ersten Woche der Vorbereitungen :';)amierte auch der Misrachi seine And(tdaß er für das Stimmrecht der Frau sei.;iestoweniger war cs nach allem, was in der Geschichte Vertretung־ der palästinensischen Judenheit, der ״Assefath •'.■iveharim“, vorgcfallen war, klar, daß es nicht leicht würde, die Gleichgültigkeit, die in weiten Kreisen des m׳ gegenüber der nationalen Organisation herrscht, zu : .«11. Sowohl im alten Jischuw wie in der neuen Ali•nh allf keine große Beteiligung zu hoffen. Auch unter den : n dieser Schichten wäre eine große und langanhaltcndc ,״andatätigkeit notwendig gewesen, wenn man sic zu '■:11er Erkenntnis der Sachlage und zu aktiver Beteili- ־ hätte bewegen wollen. So konnte man vielleicht ruhig ־ Referendum cntgcgenschcn, was die Resultate: rifft, dagegen waren die Aussichten, was die Zahl der :ciligten betrifft, von vornherein ziemlich trübe. Das ::von Bedeutung, weil eine geringe B c t c i ־ ijngdcm Referendum viel von seinem Werte -nt.;Zugleich mit der Propaganda des Waad Leumi als dem ■:ter der organisierten palästinensischen Judenheit, bceine scharfe Gegenaktion von seiten der ersten Rechten, vor a.llcm der Kreise der ■dah Jisracl. In Aufrufen und Versammlungen wandte die Agudah Jisracl und verschiedene orthodoxe Rabbiner ד י das Referendum als solches mit der immer wieder ge- ':teil Begründung, daß das jüdische Gesetz das Stimmrecht! Frau ein für allemal ausschlicße. Zu gleicher Zeit!( sieh imlcr der Linken, in der Hauptsache auf die lnic von Arbciterführcrinncn hin, eine Strömung geltend, .;!1 ebenfalls gegen das Referendum wandte. Man hielt daran, daß der Waad Leumi in seiner gegenwärtigen •״,mcnsctziing nur die Weisung von der Assefath \charim bekommen hätte, die Neuwahlen zu b chon, daß er jedoch keinerlei Befugnis gehabt ein Referendum zu beschließen, und so* ■ein Beschluß als illegal bezeichnet werden müsse. Audi : reden der Frauenorganisationen machten sich ähnliche '•:;!:gen geltend. ־-. Als Ausfluß dieser Ansichten ist ein ben der Partei ״Hapoel Hazair“ an den Waad Leumi •cricn, in der diese Meinung zum Ausdruck kommt und ■:־!gt wird, daß durch eine Umfrage bei den Mitgliedern Vssefath Hauiweharim fcstgestelit würde, wie sic zu der :ז des Referendums ständen.; '.mtlichcn Diskussionen und Zweifeln wurde jedoch ."'di ein Ende gemacht, dadurch, daß der Misrachi ■ wri Tagen den Beschluß faßte, sich an dem Referendum /!! beteiligen. Seine Argumentation ist klar und einfach. Ziel des Referendums war, die Frage des Stimmrechtes der durch eine Beteiligung aller Kreise des Jischuw end- .; m klären. Durch die Gegenpropaganda der rechts-; doxen Kreise und durch ihre Erklärung, sich an einer ::£rn. Abstimmung nicht beteiligen zu wollen, wird das ::idum illusorisch. Der Misrachi erklärt sieb :r bereit, ohne Referendum an den Wahlen Assefath Hauiweharim tcilzunchinci! und .'"'d ausdrücklich, daß er sich seit Jahrzehnten an mancherlei; "״ionen beteilige, in denen Frauen aktiv und passiv ver- . י sind. Also direkte Wahlen zur Assefath Haniweharim! Wenn man sich jetzt post fnktum die Sache überlegt, so hätten wir das vor drei Monaten haben können. Wieder einmal viel Lärm, viel Kostenaufwand und viel Mühe um Nichts. Aber Palästina ist so manches gewöhnt und geht achsclzuckcnd zur Tagesordnung, d. h. zur täglichen Arbeit, über. Man braucht kein großer Pessimist zu sein, um den kommenden Wahlen und der neuen Session der Assefath 1 laiiiwchai im ohne große Begeisterung entgegen zu sehen. Wer weiß, ob wir bereits darauf hoffen können, eine Versammlung zu schaffen, die wirklich die Vertretung des gesamten palästinensischcn Judenheit bedeutet. Immerhin ist die Neuorientierung des Misrachi bzw. eine Rückkehr zu seinem früheren Standpunkt von Wichtigkeit, so daß wir in dieser Beziehung doch einen Schritt vorwärts gekommen sind. * Der 2. November, der Tag der Bah'our-Drklaratiou, hat für alle Orte, wo cs Zionisten gibt, eine besondere feierliche Färbung, ln Palästina trägt dieser Tag einen /.wiespältigcn Charakter. Vom Gebäude der Stadtverwaltung Tcl-Awiw weht neben 11er englischen die jüdische Flagge. Man hält Fcstvcrsammlungcn ab und hält ein wenig Rechenschaft darüber, wie weit cs wohl noch sein mag, bis wir so etwas wie ein National Home auf breite solide Grundlagen gestellt haben. Die antizionistisch gesinnten Araber lesen den ״Palcstinc“,. der an diesem Tage mit Trauerrand erscheint, und schließen wenigstens für ein paar Stunden als Demonstration ihre Geschäfte. So war es schon seit einigen Jahren. Auch dieses Mal ist der 2. November ohne irgend einen Zwischenfall vor sich gegangen. Der geschlossenen Geschäfte waren nicht sehr viele. Die Bewegung war überall kaum unterschieden von einem anderen Tage. Aber in den Proklamationen der ״Arabischen Exekutive“, dem Vollzugsorgan der christlich-moslcmischen Klubs, klingt dieses Jahr neben den alten Protesten gegen die Deklaration und gegen das National Home, gegen die Einwanderung und die Bodenkänfe ein neuer Ton mit. Das Schicksal des arabischen Palästina wird verglichen und verbunden mit dem des Nachbarlandes, mit dein von den aufrührerischen Drusen und den kämpfenden Franzosen erfüllten Syrien. Die arabische Exekutive fordert auf, den Unterdrückten zu Hilfe zu kommen und Geld für sie zu sammeln. Es ist ja auch naheliegend, bei dieser Gelegenheit wieder darauf hinzuweisen, daß Palästina durch die Abtrennung von Syrien aus seinem natürlichen Zusammenhänge herausgerissen sei, und die parallelen Ziele der palästinensischen und der syrischen Araber zu betonen. Diese Proklamationen machen im Lande zur Zeit unter den Juden wenig Eindruck, und wie cs scheint, wird auch die große Masse der Araber nicht sonderlich davon berührt. Der 2. November ist still vorbeigegangen, vielleicht noch stiller als der des vorigen Jahres. Für den, der sich nicht damit begnügt, ist die neue Nuance der antijüdischen Propaganda im Lande, wie jeder neue Faden in diesem Gewebe, ein neuer Ansporn zur Schaffung eines realen Programms unserer arabischen Politik und s׳'i:1׳'r energischen Durchführung. Mr. Ornisby-Gore uun ״ ■«.״.ukomt Palästinas Genf. (J.T. A.) Aus Anlaß der achten Wiederkehr des Jahrestages der Balfour-Deklaration befragte der' Vortreter der Jüdischen Telegraphcn-Agcntur in Genf den an diesem Tage in Genf weilenden britischen Vertreter, Unter- Staatssekretär für die Kolonien Ormsby-Gorc, über seine Ansicht betreffend die Zukunft Palästinas. Dieser sagte: Viele Palästina betreffende politische Fragen können gegenwertig nicht öffentlich diskutiert werden. Die Zeit ist noch nicht reif für eine abschließende politische Prognose. Aber eines muß gesagt werden — insbesondere muß dies am achten Jahrestag der Balfour-Deklaration betont werden —, daß die britische Regierung an der Balfour-Deklaration unverbrüchlich 1' e s t h;i 11 und an keine Aende• rung ihrer Politik in Palästina denkt. Die Be- Ziehungen zwischen Arabern und Juden haben sich gebessert. Es ist mir eine Freude, sagen zu können, ,daß jüdisches Kapital und jüdische Arbeit Palästina reich gemacht haben und daß die jüdische Einwandcrung i 11 r c m Wesen n a c 17 gesund ist. Natürlich muß sich die jüdische Einwanderung den ökonomischen Bedingungcu anpassen, um eine Krisis, die zu unerwünschten Folgen führen könnte, zu vermeiden. Die Käaiple io Syrien Jerusalem. (J.T. A.) Die syrischen Rebellen gingen in der Nähe der Palästinagrenzc zum Angriff auf die französisehen Truppen über. Es fanden erbitterte Kämpfe an den Abhängen der Berge Hermon und El Kuncitra statt. Die Rebellen zerstörten das Geleise der H c d s c h a s - E i s c n - bahn, die vom Süden nach Damaskus führt. Offenbar planen die Drusen einen neuen Ueherfall auf Damaskus. Die Franzosen hollen Verstärkungen aus Beirut nach Damaskus heran. Die Rebellen haben in den von ihnen oteexb pierten Gebieten provisorische Sclbstvcrwalt irn gen er* richtet. Der Aufstand dehnt sich rapid aus, von Nord und Süd ist jeder Verkehr mit Damaskus unterbunden. Stadt und Distrikt Horns im Norden sind ganz in den Händen der Insurgenten. Im Süden ist der Eisenbahnverkehr zwischen Haifa und Damaskus unterbrochen. Flüchtlinge, die aus Beirut in Jerusalem c i n t r a f e n , teilen mit, daß zwischen Beirut und Damaskus langwierige erbitterte Kämpfe zwischen Rebellen und französischen Truppen stattfinden. In dem vom Außenverkehr abgcschnittcncn Damaskus herrscht eine tödliche Ruhe. Die Geschäfte sind geschlossen, die Einwohner flüchten, wo sic Gelegenheit dazu haben. Syrische Rebellen nähern sich dem Grenzgebiet des Libanon. Plurner Ir Nahalal Jerusalem. (P. C.) Die erste jüdische Siedlung, die Lord P 1 u m c r in Palästina besuchte, war N a h a! a 1. Lord Plimier war auf Nnhalal bei seinem Besuch der Messe des Nahen Ostens aufmerksam geworden, wo die Siedlung ebenfalls 3usgc.stellt hatte. In Nahalal zeigte Lord Plumer׳ U.- sondercs Interesse fiir das Geflügel und die Erzeugnisse der Mädchenfarm, die dort von der zionistischen Frauenorganisation unterhalten wird. Namens der Zionistischen Organisation begrüßte ihn und seine Gemahlin, sowie den Kornmlssar des Norddistrikts, Herrn Abramson, Herr Kap 1 a 11 s k y , der Leiter des Kolonisationsdcpartcmcnts. Die Gäste blieben zum Lunch in Nahalal. Von dort fuhren sic weiter nach G i v a t Hamorch, dem Kinderdorf bei Baifouria. In Galiläa wird der High Commissioncr Rosch Pinah besuchen. Die DccrdigQEg Saiomon Schülers Die Beerdigung des verstorbenen Saiomon Schiller fand in Jerusalem, wie uns gemeldet wird, am 1. November statt, unter Beteiligung einer zahlreichen Versammhing, die ihm die letzte Ehre erwies, ln den Ansprachen der Lehrerorganisation, der Zionistischen Weltorganisation, des Natioflalrats, des Stadtrats usw. wurde das Wirken des Verstorbenen anerkannt und gewürdigt. __ Am Grabe sprach ein Vertreter des Keren Kajemeth über Schillers Propagandaarheit zugunsten des K. K. L., für den er im letzten Jahre nach Europa gefahren war. Schillers Tod reiße eine unausfülibnre Ltickc in die Reihen des Jischuw, der in Schiller sein Gewissen verkörpert sah. ln Galizien, der früheren Wirkungsstätte Salomon Schillers, drückt sich die allgemeine Teilnahme anläßlich seines Todes in zahlreichen Kundgebungen der Presse und verschiedener Organisationen aus. Auszeichnung von Palasllnafirsicn Jerusalem. (J. T. A.) Heute fand hier die feierliehe Verteilung der von der Leitung der britischen Rcichsausstcliung zu Wembley au palästinensische Firmen verliehenen Medaillen statt. Lord P111 m c r überreichte persönlich die Medaillen an die Firmeniuhaber und hielt dabc! eine Ansprache, in der er ausführte, jeder in Palästina müsse die persönlichen sowie die Partciintcrcsscn zurückstcllcn. damit die Wohlfahrt des Landes gefördert werde. Von den 22 Firmen Palästinas, die Wembley-Medaillen erhalten haben, sind 17 jüdische. Die russischen Zionisten end Palästina Riga. (J. T. A.) Die in Charkow erscheinende Zeitung ״Stern“ veröffentlicht ein Gehcimzirkular des zionistischen Distriktskomitccs, in welchem die Ortsgruppen aufgefordert werden, eine Kampagne cinzulciten, mit dem Zwecke, daß die Sowjetrcgicrungeu die Aus- Wanderung von Juden nach Palästina auf legalem Wege gestatten. In dem Zirkular wird gesagt, die schwere Wirtschaftslage zwinge viele Juden . uszuwandern; das einzige E i n w n n d e r u 11 g s 1 a n d . das jetzt für die Juden in Betracht kommt, ist Palästina. '•:na aufbaucn.) Man kennt den Typus besser, seit ״ßab- ״nd ״Herr Fettwanst“ deutsch erschienen sind (bei Kurt der Alltag, das Tempo, tötet den Geist. Um zwei kreist das Leben: Geschäft und Familie. Jedes hat eigene, respektierte Gesetzlichkeit. Die Härten des ',Kampfes werden mit Humor und Ironie aufgenommen, "•fr aber steckt ein gut Stück träncnscligcr Sentimen- '• Wieviel mehr Menschlichkeit liegt darin als in dem hnittlichcn brutalen DoIIarjägcrl Das ist das Verndc in diesem Verhöhnenden. ■f Verfasser dieser Posse Montage Glas und Jules; d m a n 11 verstehen ihr Metier. Sie sind wie eine Art ';רזי Alcchcm des Westens. An Stelle des ukrainischen tritt East Broadway. Die Menschen sind nicht rändert. Und eine belanglose Handlung dient dazu, , ר-ז und Perlmutter in ihrem Geschäft, bei ihrer Arbeit, '^warteten Situationen zu zeigen, streitend und liebend, _ "fr ergänzend wie ein gutes. Ehepaar. Dies geschieht j n1'׳a von erschütternder Komik. '■ ׳ äiig wirken kann dieses Stück wohl nur jiddisch. ’ Äscher Uebersetzung muß man, um die Nuancen des zu treffen, ein wenig mauscheln. Auch dies ver-; jedoch das Ordinäre. Man könnte sich Gedanken Wenn ein französisches oder englisches Lustspiel ׳.׳putsche übersetzt wird, wem würde cs cinfallcn, Wörter |.)r*ginalsprad1c cinzustrcucn? Hier aber gibt cs zwei ■ ',Cp*i£ungcn. Erstens die Komik, denn die komische ,'׳■Betonung mancher jiddischen Wörter kann keine 'f der Welt nachmachen. Zweitens das Publikum; man . :damit, daß man cs hier nicht durchaus mit Angehörigen '■"finden Nation zu tun hat. Das Publikum fühlt sich ׳':fn angehcimclt. Es herrscht ein familiärer T<>״ beinahe Rampe hinüber. Und die Christen werden cingc- ,Wohlwollend mitzutun, und sic können das auch, ohne denn so viel lachen werden sie selten bei 11 Hause. A.n״°ch: gs bleibt ein Rest, zu tragen peinlich . . •^01י nicht verschwiegen werden). t'1־ Aufführung ist ausgezeichnet. Friedrich Lobe, der "r die Regie verantwortlich ist, stellt als Potasch eine - V7 vC irische Figur auf die Bühne; seine etwas onkclunbcholfcnhcit, die unraffinierte Sentimentalität, die skeptische Geste, dies alles wirkt elementar. Paul Gr ätz (Perlmutter) ist etwas weniger ursprünglich als Typus; aher er übersprudclt vor Laune und Komik und reißt {alles mit. Frau ßäck-Ncft gibt die eifersüchtige Frau Potasch mit der erforderlichen Strenge und Beleibtheit; und Käthe Haack ist ein entzückender kleiner ״Dämon“. Das Publikum, wie gesagt, schüttelt sich vor Lachen und klatscht lebhaft Beifall. Michael. Vortragsabende Spater als für die Theater beginnt auch im Vortragssaal die ״Saison“. Start der Neuen, Wiedersehen und Wiederhören der schon Gekannten. Zuerst sprach im Meistersaal Lotte Rosen bäum- Schwarz: ,,Dichtungen der Großstadt“. Sie ist im Vortragssaal keine Fremde, (loch die Stoffwahl sprach gegen ihre Kenntnis des Terrains. Ein starkes soziales Gefühl wählte Dichtungen mit politischem Einschlag; dazwischen aber Niedlichkeit, ״anspruchslosen Humor“. Stilcinheit fehlte von vornherein und die Großstadt dieser Dichtungen und dieser Dichter ist bis auf Kerrs New Yorker’ Bild, Berlin um die Jahrhundertwcndc. Der künstlerische Grund? Erfaßt ist nur ein Ton, der soziale. Doch die merkwürdig imbiegsame Stimme zwingt die harte, helle Realistik dieses Lebens voll Not, Sichwchrcn und frühreifer Erkenntnis wie cs bei Dclimcl anklingt im ״frechen Bengel“ und bei Hartleben im ״Konfirmationsklcid“. Nnehfiihlcndc Mitschöpferin ist sic nicht. Richtig verwandt, bleibt indes für ihre ״Mittel im weiten Gebiet der sozialen Dichtung ein Feld von größerer Möglichkeit als sie der Vorlragssaal bietet. Das ist nicht negative Wertung in bezug auf ihre Fälligkeiten im Vortragssaal, sondern Abgrenzung zweier verschiedener Gebiete, die wohl manchesmal ineinander übergehen, aber nicht immer. Das starke soziale Empfinden, typisch in der Steigerung durch die Jahrhunderte des Golusju'dcntums, ist eine charakteristische Form des heutigen jüdischen Geisteslebens. Mary Schneider im stimmungsvollen Kündworth- Scharwcnka-Saal ist ihr gerades Gegenteil. ״Rhythmen der Gegenwart“ heißt ihr Programm. ״Das Wort in unserer Zeit“ beginnt eine programmatisch intellektuelle Abrechnung als Auftakt Bekenntnis auch hier, aber nur insoweit cs rhythmisch übersetzbar ist. Mary Schneider ist vor allem Künstlerin, Künstlerin de? Wortes, das sie meißelt wie kostbaren weißen Marmor. Sic ist durchaus moderner Mensch, greift in die Masclunc der neuen Welt, faßt den Rhythmus von Walter Mehrings neuer Stadtroinantik — wenn auch die Worte nicht den Glanz haben, den Walter Mehring als eigner Vortragsmeister ihnen gibt — und sie stellt logisch neue Plastik in einen neuen Raum. Eine Vnlcska Gert des Wortes gespenstert sie hoxenhaft mul zugleich dämonisch als eine Melusine von allerstärkstcr Eonnkraft. Daneben gab sie sich durchaus europäisch und international. Sic sprach Vildrao französisch, Mariengoffs und Jessienins Verse russisch und Bcllocs rhythmisch starkes Gedicht Dancing mit nicht weniger Beifall als Walter Mehrings Stadtbahnlied. Else Lasker und Bert Brecht, denkbar verschieden, doch gleich in Leuchtkraft der Sprache, brachte sic gleich gut zu Gehör. Tollers Verse aus der ״Wandlung“ kamen aus dem Zusammciihaiig gerissen und weil [)olitiscli menschliches Bekenntnis ihr weniger liegt als künstlerisches, nicht so zur Geltung. Edith H c r r 11 s t a d t - O c 11 i 11 g e n s Art spricht vollkommen aas dem Programm ihrer Wahl. Vom Sinn des Lebens — das ist Besinnen. Stiilc führt cs in ein Lehen hinein. Seinen Sinn erhält das Leben durch die Liehe. Das ist der Grundgedanke, den ihre Vortragsfolge meint. Im Hohen Lied und bei Fritz von Unruh, bei Dehmol und Peter Altcnbcrg ist cs Liebe in allen Gestalten. E d i 111 Herrnstadt-Oetti n gen ist ein durchaus weibliches Talent. Sic hat etwas zu gehen und sic schöpft aus jenem tieferen Erlebnis, das die Ahnung großer Kunst vermitteln kann. Aber das Erlebnis überflutet nicht alle Register, nicht alle gleichmäßig frei. Wenn sie etwas vollgültig beherrscht wie Peter Altcnbcrg, bringt sic kleine echte Kunstwerke zuwege. Sic ist völlig abhängig vom Erlebnis. Das erklärt hei ihr auch manche Unsicherheit in der Führung der Register, bei lauten starken Stellen z. B. ein naives Pathos, hei dem man spürt: das ist noch nicht erfahren. Bei Talenten ihrer Art liegen die Gegensätze nahe beieinander. Bei Ungleichmäfiigkcitcn geben sie oft viel Schönes. Man muß sic sauft anfassen. Ruth Morold.