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Jüdische Rundschau · 1925-11-10 · Heft 88 (10.11.1925) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 88 (10.11.1925)
Date
1925-11-10
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 744 JUEDISCHE RUNDSCHÄL Der Steiger-Prozeß Fortsetzung der Verhandlung Lemberg, 4. November. (J.T.A.) Der Zeuge Leon Wahrhaftig, der Steigers Bürokollcgc bei der Kaffee* firma Meinl war, gibt auf Befragen des Gerichtshofes und der Verteidigung Aufschluß über das Verhalten und den Gemütszustand Steigers in den Stunden, die dem Attentat auf den Präsidenten vorausgingen. Steiger war ein begeisterter Zionist und sein Ideal war cs, nach Palästina zu gehen. Er war ein tüchtiger Beamter. Nach der Verhaftung Steigers übernahm er, der Zeuge, Kasse und Kassabuch und fand alles in der peinlichsten Ordnung. Als das Personal erfuhr, daß ihr Kollege Steiger in Verbindung mit dem Attentatsversuch verhaftet worden ist, waren alle sehr erschüttert, da man wußte, daß Steiger jedem Abenteuer aus dem Wege ging aind jede Ursache zur Erregung vermied. Eine heitere Sensation rief die Aussage des Studenten und antisemitischen Agitators Gustav Flach hervor. Dieser erzählte, bei seinen Eltern sei jetzt ein Dienstmädchen bcschäftigt, das früher bei dem Abgeordneten Dr. Reich in Stellung gewesen war. ln der Zeit, da das Standgericht über Steiger verhandelte, wurde in der Wohnung Reichs eine Konferenz abgchaltcn, der die Verteidiger Dr. Grek, Dr. Bromberg und der Vater Steigers beiwohnten. Während sie den Tee hcrumrcichtc, habe sic gehört, daß davon gesprochen wurde, daß Steiger vor den Verteidigern ein Geständnis abgelegt hat.. Man beriet nun, wie man Steiger trotzdem retten sollte. Weiter hätte das Mädchen erzählt,■ daß im Hause des Abgeordneten Dr. Reich einige Zeit vor dem Attentat schon über das geplante Attentat gesprochen wurde. Die Juden wollten für den Fall, daß Steiger verurteilt würde, d as G e ri chts geh äude unterminieren und in die Luft sprengen. Zum Schluß sagte der Zeuge Flach, das Mädchen liättc erklärt, sic würde vor Gericht nicht aussagen, da sic mit den Kindern Reichs Mitleid habe. Es kam noch die Aussage des Zeugen in der Voruntersuchung zur Sprache, daß die Juden dem Christen Dr. Orck 100000 Dollar für die Verteidigung Steigers zugesagt haben. Vor Gericht erinnerte sich der Zeuge nicht, eine solche Aussage gemacht zu haben. Die Aussagen des Zeugen waren oft von Gelächter unterbrochen. Auch die Geschworenen konnten sich des Lachens nicht enthalten. — Der Verteidiger Dr. Grek stellt aus den Protokollen des Standgerichts fest, daß er Steiger bis zu den Verhandlungen vor dem Standgericht niemals gesehen habe. In Gegenwart des Vorsitzenden des Standgerichts habe er eine Unterredung mit Steiger gehabt, wobei er ihn fragte, ob er seinem Verteidiger etwas mitzutcilcn habe, was der Richter nicht hören dürfe. Steiger hat diese Frage verneint. Es kommt zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen der Verteidigung und dem Staatsanwalt, der sich trotzdem das Recht vorbehält, Zeugen über Geständnisse Steigers vernehmen zu lassen. Der Verteidiger Dr. Grek rügt das Verhalten der antisemitischen Presse, die so viele Lügen über Steiger in die Welt gesetzt hat, darunter auch die Lüge des Geständnisses, und dadurch Anlaß gegeben hat, daß sich Zeugen wie Flach melden, die eben ihre Aussage aus den Zeitungen schöpfen. Dr. Grek versichert, er sei nie bei Dr. Reich im Hause gewesen, mit Ausnahme eines kurzen Besuches, der Standcsangclegcnhciten betraf. Es wird dann eine Wäscherin vernommen, die bei der Famihe. Flach wusch und angeblich von dem Dienstmädchen die gleichen phantastischen Erzählungen gehört habe. Die Verteidigung weist auf krasse Widerspräche in den Aussage!» der Zeugin in der Voruntersuchung und vor Gericht hin. ־ Lemberg, 5. November. (J.T.A.) Mit großer Spanuung wurde die Aussage des Kommandanten der Lemberger Polizei, Lukomski, angchört, der das erste Verhör mit Steiger und der Pasternak abgchaltcn hat. Er gibt die ersten Aussagen der Pasternak wieder, die erzählte, sie hätte gesehen, wie ein eleganter Herr in hellem Mantel und Hut em Paket aus der Brusttasche hcrvorgcholt und cs gegen den Wagen des vorbeifahrenden Präsidenten geworfen hat. Die Verteidiger ersuchen den Zeugen, der mit dem Rücken zur Verteidigerbank steht, sich etwas umzuwenden, damit ihn auch die Verteidiger hören. Der Zeuge ruft daraufhin: ״Ich werde von der Verteidigung provoziert!“ Verteidiger Dr. Landau ersucht den Vorsitzenden, die Ehre der Verteidiger in Schutz zu nehmen. Der Zeuge erzählt dann weiter, die Pasternak hätte bei den Gebeinen ihrer Eltern geschworen, daß nur Steiger der Täter war. Der Kommandant der Leibwache des Präsidenten, Suchen! k, der dem Verhör beiwohnte, ermahnte die Pasternak, ihre Behauptung zurückzunchmcn, da sie einen Unschuldigen belaste. Die Pasternak blieb aber hei ihrer Meinung. Die Frau Franzos, die mitgekommen war, machtc keine bestimmten Angaben und stand offenbar unter der Furcht, arretiert zu werden. Jedenfalls bestritt sic die Behauptungen der Pasternak und sagte, daß der Täter nicht einen hellen Mantel trug. Steiger war anfangs cmgeschüchtert, spater gewann er aber Mut und riet mit lauter Stimme: ״Ich bin unschuldig. Wir Juden sind hier keine fremde, wir sind seit 600 Jahren Bürger dieses Landes, ich nabc mit Auszeichnung das Maturitätsexamen bestanden. Warum verfolgt man uns Juden mit Maßnahmen wie den Numcnis clausus und versperrt uns jede staatliche Karriere?“ Aus diesen Ausrufen schließt Lukomski, daß Steiger, eröittert durch die Behandlung der Juden, zum Attentäter geworden ist. Nach der Pause ersucht der Verteidiger Dr. Landau zu •’ rotokoll 7u nehmen, daß sich die Verteidigung gegen die ehrenrührigen Aeußerungen des Zeugen Lukomski verwahrt, jer fügt hinzu, Herr Lukomski sei übrigens nicht von einem •1־ormat, daß er die Verteidigung beleidigen könnte. Wegen aicser Bemerkung verurteilt das Oericht Dr. Lan- Vau zu 100 Zloty Strafe. Dr. Landau zieht sofort das : ortemonnaie und legt den Geldschein auf den Richtertisch. Das Gericht beschließt hierauf, wegen dieses Benehmens des •erteidigers ihn zu einer weiteren Geldstrafe von 200 Zloty verurteilen. Der Verteidiger stellt dann au den Kommandanten Lucmc *c‘hc FfaKcn.• Lukomski vcrwickcltsicbin Widersprüche und ist nicht in der Lage, die Aussagen ^cr Pasternak klar zu präzisieren. Auch ergeben sich Wider- Spruche zwischen den Aussagen Lukomskis vor dem Stand- Rcricht und jetzt. Auch der Vorsitzende fühlt sich zuweilen Jewogen, den Zeugen streng zu ermahnen, klare Antworten *u geben und keine Ausflüchte zu machen. Dem *־eugen wird protokollarisch nachgewiesen, daß er bet seinen Aussagen vor dem Standgericht wichtige Tatsachen rs eh wie gen hat, die er heute ausführlich erzählt cr dcm Standgericht Steiger als Kommunisten geschildert, wahrend er heute erst Steigers Klagen über Numcnis clausus, Unterdrückung der Juden, mit der Tat in Ver- Endung bringt. Im Verlauf des Verhörs kamen auch die Beziehungen 1 Kommandanten Lukomski zu dem antisemitischen Hctzbl .Gazeta Codzienna“ zur Sprache. Diese Zeitung v ..?י^3־1 ״ Einzelheiten über das Verhör mit Steil *v bringen, die ihr nur durch die Polizei bekanntgegcl ן"?“ mußten. Lukomski erwidert, er selbst habe die ^rraatkmen von der Zeitung bezogen. Der zweite Tag der Vernehmung Lukomskis führte zu einer weiteren eklatanten Niederlage dieses Zeugen. Anf die Frage der Verteidigung, wie cs kommt, daß er als Zeuge vor dem Standgericht erklärt habe, Steiger hätte vor Ihm kommunistische Ideen entwickelt und daß deshalb seine Tat als eine kommunistische zu beurteilen sei, lind daß er, Lukomski, jetzt vor Gericht erklärt, Steiger hätte sich als Zionist ausgegeben und hätte über die Behandlung der Juden und über den Numerus clausus geklagt. Lukomski weiß darauf nichts zu erwidern und entschuldigt sieh mit V c r g c ß 1 i e h k c i t. Ganz verwirrt wird der Zeuge, als man ihn darauf hinweist, daß der Numerus clausus erst bei den Einschreibungen am 15. September in Erscheinung trat, während das angebliche Verhör am 9. stattfand, Steiger aber seit dem 5. September im Gefängnis saß und also nichts von der Numerus clausus-Angclcgcn* heit wissen konnte. Nachdem dem Zeugen seitens der Verteidigung, zum Teil seitens des Gcrichtsvorsilzendcn, eine Reihe weiterer Widersprüche nachgcwicscu wurden, richtet Steiger selbst einige Fragen an Lukomski. Da Lukomski erklärt hat, cs sei während der Fahrt im Auto kein Wort gesprochen worden, erinnert ihn Steiger daran, daß die Pasternak ausgerufeu hat: ״Ja, jetzt erst weiß ich’s, dies war der Herr!“ Daraufhin sagte Steiger: ״meint die Dame mich?“, darauf herrschte ihn Lukomski an: ״Haltes Maul, Du jüdischer Bolschewik!“ Lukomski erinnerte sich nicht. Steiger berichtete weiter, Lukomski habe ihn rinter vier Augen verhört und ihm gesagt, er sei durch mehrere Zeugen überführt, er möge das Leugnen atifgcbcn; es drohe ihm sowieso keine nennenswerte Strafe, cs handelte sich bloß um einen Scherz, denn die Bombe enthielt nichts als Papier und Pulver. Obwohl ihn Steiger an alle Einzelheiten dieses Gesprächs erinnert, will Lukomski nicht zugeben, daß er so etwas gesagt hat. Nachdem ihm Steiger weitere Unrichtigkeiten und Widersprüche mit Bezug auf dieses und andere Verhöre nachgcwicscn hatte, sagte Lukomski: ״Ich erinnere mich nicht, mein Gedächtnis hat gelitten.“ Lemberg, 4. November. (J.T.A.) Einer der Haupt- Verteidiger Steigers, Dr. Landau, erklärte dem JTA-Vertreter, die Verteidigung halte das gesamte Bcwcisvcrfahrcn gegen Steiger für zusammcngcbrochcn. Die Aussagen der Hauptzeugin Pasternak wurden durch eine Reihe wichtiger Zeugen, wie des Kommandaten der Leibgarde des Präsidenten, Commissar Suchcnck, entkräftet, indem man der Zeugin starke Widersprüche nachwciscn konnte. Trotzdem bleibt die Lage ernst, da der Prozeß sich unter dem Drucke einer beispiellosen antisemitischen Pressehetze abspiclt, deren Wirkung nicht vorauszuschcn ist. Man muß sich auf Zwischenfälle gefaßt machen. Programm •Vorlrag Blumenleid Am Dienstag, den 17. TsJovemher, abends 8>/נ Uhr, im Herrenhaus, Leipziger Straße 3 (vis-a-vis Wrrtheim) hält Herr Kurt Blum enf cid einen Vortrag über das Thema: ״Der Kampf um den Zionismus.“ Herr Blumcnfeld wird in diesem Vortrag in programmatischer Form den Standpunkt der Zionistischen Organisation zu den Fragen der Palästinapolitik, Palästinawirtschaft und der Beziehung der zionistischen Bewegung zur nichtjüdisehen und jüdischen Umwelt dariegen. Die Veranstaltung erhält durch die In letzter Zeit aufgetauchten Streitfragen und durch den erneuten innerjüdischen Kampf in Deutschland besondere Bedeutung. Er ist gewissermaßen der Auftakt einer großen zionistischen Aufklärung*• Kampagne. Karten zum Preise von 1,— und 2,— M. im Vorverkauf erhältlich im Büro der B. Z. V., Meinckcstr. 10, Bismarck 7165/70, an den Theaterkassen von Bote ß: Bock und Wertheim. Städtebauer Ifir den Orient Einen Städtebau-Lehrgang zur Ausbildung junger deutscher Städtebauer, die zur Bearbeitung städtebaulicher Aufgaben nach dem Nahen Orient zu entsenden sind, hält mit Unterstützung durch die Rcichsbchördcn das Städtebauseminar der Technischen Hochschule in Dresden gemeinsam mit der sächsischen Arbeitsgemeinschaft der Freien deutschen Akademie des Städtebaues in der Zeit vom 16. bis 2S. November dieses Jahres in der Technischen Hochschule Dresden ah. Der Lehrgang bezweckt, junge Architekten, denen sich Gelegenlegenheit bietet, im Nahen Orient einen Aufgabenkreis zu finden, mit den kulturellen, sozialen, gesuiidheitliehen und künstlerischen Grundlagen des orientalischen Städtebaues und Wohnungswesens, mit der Geschichte, den rechtliehen Verhältnissen und der Religion d^s Orients bekannt zu machen. Herstellung neuer Artikel in Palästina. Es werden jetzt eine Reihe von Artikeln in Palästina fabriziert, wie Büromöbcl, Haushaltscffcktcn, Wagen usw. Eine Furnierfabrik wird jetzt aufgemacht Die Metallindustrie weist viele wichtige neue Anlagen auf, wie eine Pflugfabrik, eine solche für Kochapparate, für Betten, Kinderwagen, mehrere Unternehmungen zur Herstellung von Löffeln und Gabeln, Leuchtern, billigen Schmucksachcn, Korkfabrikation, Zubehörteile für elektrische Lampen, kunstgewerbliche Gegenstände, eine Lettcrngicßcrci und verschiedene gewöhnliche Gießereien. Größere Fabriken sollen für die Fabrikation von Metallfenstern und Türen, für landwirtschaftliche Geräte und Eir.cnwaren aufgemacht werden. Eine moderne Papier- und Schreibwaicnfabrik ist an Stelle von zwei kleinen, die ihren Betrieb schließen mußten, errichtet worden. Deutsche Bankrotteure In Palästina. Dieser Tage fand, wie der. ,;Doar Hajom“ berichtet, vor dem palästinensischen Obergericht eine Verhandlung gegen drei Juden statt, die in Deutschland bankrottiert hatten und nach Palästina geflüchtet waren, Das Kriegsgericht in Jaffa hatte, gemäß dem Vertrage zwischen Deutschland und England über die Verfolgung von Verbrechen, dem Verlangen Deutschlands nach Auslieferung Folge gegeben. Bei der Berufungsverhandlung vor dem Obergericht behauptete der Rcchtsvcrtreter der Angeklagten, daß der Vertrag zwischen Deutschland und England Palästina nicht cinbczichc, da dieses keine englische Kolonie sei, sondern nur im Aufträge des Völkerbundes unter englischem Mandat stehe. Das Ober- Scricht hat das Urteil des Jaffacr Kreisgerichts aufgehoben. >ie Angeklagten wurden jedoch weiter in Haft behalten. Die zionistische Föderation von Buenos Aires hat rinzcn y°V Wales eine goldene Plakette mit hebräischer Inschrift überreicht, als Dank für die ״historische Deklaration, die die britische Regierung zugunsten der jüdlsehen nationalen Heimstätte erlassen hat“. Nr. 88 Jüdische Geschichte Eine Diskussloi Vorbemerkung: Vor kurzem erschien, wie uiis bereits gemeldet, im Jüdischen Verlar <rJ lm) der zweite Band der ״W c 11 g cs eh i c h tc d j u-d i .s c h e n V o l k c s“ von S. D ul) n 0 w. Aus die״״? Anlaß publizierte Dr. Emst Simon einen grundsdtz* liehen Aufsatz über jüdische Geschichtsschreibung ״Jüdischen Wochenblatt“ (Frankfurt). Der nachfolgende Aufsatz von Dr. Leo Strauß setzt sich mit Simon* Gedankengängen auseinander. Wir halten cs daher zum Verständnis unserer Leser, für wichtig, auch die c:״. schlägigcn Stellen aus Simons Artikel hier wied-r* zugeben. Dr. Simon schreibt, nachdem er zunächst einige Vor• zöge des Werkes gerühmt hat, weiter: Einer anderen methodischen Einstellung des Verfassers die für die Darstellung wohl noch durchgreifender ist, wird mau allerdings nicht ohne den schärfsten Widerspruch he• gcgneii können. Dubnow bekennt, er wolle die jüdische Geschichte verweltlichen und sie von allen theologischen Do׳*- men befreien, die sic bisher beherrscht haben — sowohl Tn den jüdischen wie in den christlichen Werken. Dieser Grund• satz klingt zunächst wissenschaftlich einleuchtend: wir sind gewohnt die Geburt der Wissenschaften von der Befreiung des modernen Geistes 711 datieren, der in den Zeiten der Renaissance den Bann der Kirche brach und die Forschung aus der ״ancilla thcologiac“, der ״Magd der Theologie‘*, zunächst zu ihrer gleichberechtigten Schwester und bald zu ihrer Herrin machte. Die Frage ist nur, oh das, was Dubnow unter ״jüdischer Theologie“ versteht, mit dem geistigen Herr• schaftsaiispruch der Kirche identisch sei, oder ob nicht vielmehr im Judentum eine Eigengesctzliclikcit obwaltet, die einen ganz anderen Begriff der Wissenschaft er• möglidit und oh denn, da Judentum keine ״Religion“ ist sondern eine Lebensordnung, seine ״Theologie“ seiner ״Wissenschaft“ entgegengesetzt zu sein brauchte. Die mit diesen Worten angeschnittene Frage ist das eigentliche crkcnntnistlfeorctischc Problem jeder jüdischen Wissenschaft. Es kann nicht an dieser Stelle, und überhaupt nicht in Zeitungsartikeln, gelöst werden, da cs hierzu einer gründlichen Untersuchung des jüdischen Wahrheitsbegriff es, des Zeitbegriffes der Tradition und der gesamten Katcgoricnlchrc der Halachah, derjenigen Logik also, die der mündlichen Lehre zugrunde liegt, als Voraussetzung bedarf. Hier muß nur gesagt werden, daß cs sonderbar anmutet, wenn ein jüdischer Historiker über die dadurch aufgegebenen Fragen einfach hinweggeht indem er sic als theologische abtut. Diese methodische Untcrlassungs• Sünde wirkt sich unmittelbar in der Darstellung aus, z. B. dahin, daß der eigentliche historische Konflikt zwischen Samuel und Saul völlig verfehlt wird, indem die große Auseinander• Setzung zwischen Propheten- und Königtum nicht in ihrer, die ganze israelitische Frühgeschichte, beherrschenden Kraft zur Erkenntnis kommt. Uebcrliaupt scheint cs Daibnow entgangen zu sein, daß die Historiographie der Bibel eine der wesentlichsten geschichtlichen Fakten des historischen Ver* laufcs selber ist. Er übt jene Betrachtungsart, die Ach ad Haan! in seinem berühmten Aufsatz über Moses einmal die archäologische, statt der wahrhaft historischen, genannt hat: ihn! gelingt cs lediglich, die Mosaikstcinchcn aus dem Gesamtbilde zu trennen: sic wieder zusammenfügen kann er nicht. Und man verstellt nun vielleicht die Entstehung historischer Vorgänge; aber die Möglichkeit ihrer großen Wirkung versteht man nicht mehr. Eine wahre Geschichte des Judentums müßte — wie die Bibel, wie noch Flavius Josephus und — Ranke — mit der Erschaffung der Welt beginnen, die (trotz anderer Kosmogonien) nicht zufällig das erste Wort unserer Lehre ist. Hier würde der Verfasser aus seiner »Methodik heran« den Einwand machen können, daß er ja gar nicht die Geschichte des Judentums als geistige Wahrheit schreiben wolle, sondern daß er die Geschichte der Juden, die des jüdischen Volkes geschrieben habe, das ein Volk sei wie alle anderen auch. Und mit diesem Einwand träfe er in der Tat den Kernuntersdiied. Sein Werk ist ein notwendiger Ausdruck jener Geistesverfassung, die als Auswuchs moderner nationalistischer, klerikaler oder kommunistischer Bewegungen bemüht ist, das jüdische Volk auch geistig zu normalisieren und cs so um seine eigentliche Prägung, um sein eigentliches Lebensrecht, zu bringen. Auch rein empirische Vorgänge, etwa die Erhaltung des jüdischen Volkes als einziger land• loser Nation, werden auf dieser Basis schwer erklärt werden können —, jedenfalls aber muß die eigentümliche Geiste«• prägung, die auch unseren nationalen Körner bis in jede Einzelheit hinein geformt hat, auf solche weise verfälscht werden. II. Biblische Geschichte und Wissenschaft Von Leo Strauß. Ernst Simon, der sich in der vorletzten Nummer des ״Jüdischen Wochenblatts“ mit dem Geschichtswerk Dubnows auscinandcrsctzt, verwahrt sich gegen Dubnows Programm einer jüdischen Geschichtsschreibung, die sich nicht von dogmatischen . und scholastischen Begriffe!: leiten lasse, mit der Bemerkung, daß das Judentum der wissen־ schädlichen Forschung nicht von außen her Dogmen vorsct 'C Simon nimmt an, daß sich Dubnow noch allzu sehr in den heute sinnlosen Rolle eines ״Befreiers“ vom Joche de׳ Tradition fühle. In der Tat scheint Dubnow mit sc! •er Forderung offene Türen cinzurcnncn. Wozu also diese Geste? Sic ist nötig; daß und warum sie nötig ist. hoffe:: wir lm Folgenden zeigen zu können. Wenn Dubnow sich im Interesse echter Wissensenedt gegen ihr äußerlich Vorgesetzte oder gegen traditionel! m.;!־ geschleppte Dogmen wendet, so wendet er sich ganz ohne Zweifel eben damit auch gegen die jüdische Tradition. Es gellt um das zentrale Dogma: Gottes Existenz. Geltes Wirken in der Welt, vorzüglich In der Geschichte Israel. Verdecken wir doch nicht den eigentlichen Streitpunkt. Von diesem Dogma weiß die Wissenschaft nichts, und das Glauben verbietet sic sich grundsätzlich. Nun erzählt a:e Schrift, daß Israels Glück — wohlgcmcrkt: Israels äußeres politisches Glück — der Lohn gewesen sei für seinen Gehörsam, und umgekehrt sein Unglück die Strafe für seinen Abfall. So steht geschrieben. Und wer diesen Kausal-Ne*5״ leugnet, vielleicht leugnet gerade auf Grund der tieferen, jüdischeren Einsicht, daß nichts in unserer Hand ist bezüg* lieh des Ql&ckes der Bösen und des Schicksals der Frommen — der erklärt damit, daß nicht alles, was in der Sehnt steht, wahr ist Er leugnet damit die Verbal-Inspiration, auf 0‘c 6ich der *Israelit“ Ln seiner letzten Nummer, als auf die Feste

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