Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 88 (10.11.1925)
- Date
- 1925-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 745 Nr- 88 jjfS rechten Glaubens im Kampf gegen die grundsätzlich rcbcllij sehe, weil autonome Wissenschaft, zurückzicht Denn ״Verbal- I j,!;piration“ heißt ja nicht nur: der Schriftinhalt stammt ׳ von Gott und ist nicht das Gemachte von Menschen, sondern eben damit auch: er ist wahr. Und ganz konsequent handelt der Orthodoxe, wenn er sich gegen eine Aeußerung des jewish Chroniclc“, daß man nicht alle Bericiitc der Genesis Js wahr an Zusehen habe, verwahrt Nun wissen wir alle, wozu dieser Standpunkt führt: jcr Glaube wird notwendig bagatellicrt zum Glauben an Mirakel und Absonderlichkeiten. Der erste Jesaja hat den Namen des Perser-Königs Cyrus vorausgewußt; Jona saß wirklich im Bauche des Fisches; und wenn cs in der Schrift stände, wäre auch zu glauben, daß der Fisch im Bauche des Jona gewesen und Jona seinerseits ihn ausgespien hätte, wie der fromme Bryan folgerichtigerwcPe zugab; die chronologischcn Unstimmigkeiten werden zu unergründlichen Geheimnissen. Wir meinen, die Aufklärung hätte diese Orthodoxic zu Tode gelacht, und wenn wir gutnüiiigcrwcisc heute über die Aufklärer lachen, so vergessen wir, daß cs auch heute noch eine Orthodoxie gibt. Nach einem Blick in den ,,Israelit“ braucht man wieder Voltaire. (Wie z. B. die auficlärcrische Behandlung der Gestalten Abrahams und Davids ein unvcrächtlichcs Gegengewicht gegen manche Ladung homiletischen Schmalzes ist.) Wie ist eigentlich noch heute Orthodoxie, mit Glauben an Verbal-Inspiration und Wunder, möglich? Darauf die Antwort: diese Orthodoxie ist orthodox nicht wegen Verbal-Inspiration und Wunder, sondern trotz Verbal-Inspiration und Wunder; wenn ihr am Gesetze liegt, so etwa deshalb, weil sic meint: nur göttliche Leitung bewahre die Menschheit vor dein ״Wahnsinn des Völkermords“; weil sic in der Theokratie, die den Mann auf die Familie verweist und nicht auf den unpersönlichen Staat — das jüdische Herz spricht —, den einzigen radikalen Schutz gegen die den Staat beherrschenden Machtinstinktc sicht. (Das Buch, das den Mann wieder ganz der Familie zurüc'kgcben möchte, führt den Titel: Elijahu. Nur schade, daß wir so wenig, so gar nichts von dem Familienleben dieses Propheten wissen.) Um solcher ״tieferen“ Bedeutung des Gesetzes willen also schluckt man die Dogmen, ganz, ungekaut, wie Pillen. Man meint, das Gesetz verliere ohne die Inspiriertheit seine verpflichtende Kraft, und vergißt, daß man es selber ja gar nicht auf die Inspiration begründet. ״Nicht also die Orthodoxie, sondern eine gewisse schielende, hinkende, sich selber ungleiche Orthodoxic ist so ekel!“ (Lcssing). Nehmen wir also an: die Verbal-Inspiration sei dahingefallen, dieses Dogma trete nicht mehr die freie Forschung zu Boden — so ist dennoch die Dubnowschc Forderung berechtigt. Zugegeben, claß die Bibel, speziell die Thorah, der Niederschlag einer Jahrhunderte langen Entwicklung ist — was ja im Grunde heute jeder annimmt — und nicht in einem Diktat auf dem Sinai ihren absonderlichen Ursprung habe: 50 bleibt dennoch die zentrale Schwierigkeit bestehen, daß die Schrift unzweideutig, hart, niederzwingend von dem Tun Gottes spricht: Gott liebt, erwählt, belohnt, straft, ist Herr der Welt, auch und gerade der Natur. Von alledem weiß י die Wissenschaft nichts und kann sic nichts wissen — denn •j sie verbietet sich das Glauben. Was tut die Wissenschaft, •! wenn sic auf die Bibel stößt? Sic hat kein Recht, von | tineni Faktor, einer wirkenden Macht, genannt ״Gott“, zu ] sprechen; sic muß davon sprechen, daß die Schrift von Gott spricht, aber die Geschichte der Herrschaft Gottes wird ihr notwendigerweise zu einer Geschichte der Theophanie; sic muß Psychologie werden; sic muß verstehen, in welchen letzten Erfahrungen die Rede von ״Gott“ gründet; sie muß .,Gott“ an-jaicrcn. Gott ist nicht Subjekt, Gott ist ihr nur noch Objekt. Dies die Signatur der Bibehvissenschaft unserer Zeit — und dies meint Dubnow, dies muß er meinen, wenn er sich theologische Vorurteile verbittet. Der Atheismus der heutigen Bibehvissenschaft ist offenbar. Venu er nicht so offenbar ist, daß ihn jeder mit Händen \?reifen könnte, so liegt dies an dem Zufall, daß diese | Vissenschaft vorwiegend in Händen von Professoren der ] Rheologie ist; daß die dem menschlichen Herzen seit! Mciischcn-Oedcnkcn cingcpflanztc Neigung, auf ״Gott“ zu; ^agieren, sich nicht über Nacht ausrotten läßt; daß man! mellt ungestraft als Atheist Psalmen und Propheten liest; j ',«זי allein daran, daß diese Wissenschaft ihren Sitz in ן Deutschland hat, dem Lande der ״Versöhnungen“ und der ן *Aufhebungen“. ’ Als Juden sind wir radikal, lieben wir keine Kompromisse, j Dangen wir der Katze die Schelle anl So denkend, wandte; ■di mich an einen jüdischen Bibelforscher mit der Frage: j *arum verbietet sich diese Wissenschaft das Glauben, das 1 S|e sich nur freizugeben brauchte, um freie Bahn für eine 1 'cue biblische Theologie, theologische Exegese der Bibel i bekommen? (Die Tüchtigen haben sich die Balm frei- \?0״acht — man sehe in die Zeitschrift ״Zwischen den ן ‘■eiten“.) Darauf bekam ich etwa folgende Antwort: > »Der Respekt vor einer über Jahrtausende hinwcgrcichcndcn \ ^schichte, der Respekt insonderheit vor der ehrwürdigen; ^•'״schichte unseres Volkes, verbietet uns heute den Gebrauch Wortes ,Gott‘. Was im Zeitalter Goethes vielleicht;°d1 erlaubt war: Alles, in dessen Gefühle man selig sein; ‘0nnte, ,Gott* zu nennen, wäre heute — bei geschärfterer j-mpfindung für seelische Abstände — eine nicht zu ertragende;; :1rcdlichkdt. Es geht nicht an, von Gott zu sprechen, i ^ו1ה nun an die Macht Gottes über die Natur nicht glaubt. Der •־ Menschen Herzen wie Wasserbäche zu lenken dies ׳ auch ein Geschöpf unserer Einbildung, wie die; ^‘gionsgeschichtc, wie die tägliche Erfahrung lehrt. Ohne i Macht über die Natur wäre Gott in Wahrheit ohnmächtig.! bin kein Unmensch: ich verlange keine Wunder — Schöpfung wäre mir genug. Aber wer w׳agt heute יי־ן die Schöpfung zu lehren? (Ich sehe ab von der; >/‘h°doxic, die, im Besitz der Wahrheit — eines durch ■ל.; Zitate gestützten Neukantianismus —־, sich gegen die *‘ssenschaft absperren kann.) Dieses Kriterium sauge ®*r nicht aus den Fingern. Hermann Cohen zum festen — einer der Letzten von denen, die von Gott!ן fcdcn durften —. war Jude genug, gerade in der ,'^c«t Gottes über die Natur ein unerläßliches Moment, n1cht zu sagen: den Grundsinn des Gottesgedankens zu frninent jüdisch erscheint mir diese Auffassung, und •iisr 80 יזנ*crn Heinrich Heine damals, als er vom ,Drauflos- ^hcren durch die Ewigkeiten alle' sprach, an jüdischer teilhatte. Mögen tausend Eigentlichkeiten einer nCn. .fal'fiioti auch als Symbole wciterlebcn dürfen — ^ligion wird zu einem Maskenball, wenn die Macht Gottes über die Natur in uncigcntlichcm Sinne verstanden wird.“ So also antwortet uns die Bibclwissenschaft auf unsere Frage, und so glaubt sie, ihrem Namen Ehre zu machen: kritisch zu sein, streng gegen sich selbst, sich alle Vcnvcich* lichung und alle Bequemlichkeit verbietend. Man mag über den Wert der Dubnowschcn Geschichtschreibung denken wie man will — das Wollen dieses Mannes, das sich die Freiheit vom theologischen Vorurteil vorset/.t, gereicht ihm zur Ehre; dieses Wollen ist von der größten Dringlichkeit auch heute noch. Es hat ein scharf umrisscncs Angriffsziel: die theologische Auffassung der biblischen Geschichte, welche Auffassung den strengen Begriff von Gott, als Herrn der Welt, nicht nur der Mcnschcnwclt, voraussetzt. Es wendet sich nicht wider die wortgläubige Orthodoxie — dieser Kampf ist ausgekämpft; cs wendet sich auch nicht wider die, die Gottes Namen unnützlich führen, indem sic ihm die Macht über die Natur — nicht ausdrücklich, bewahre 1 aber stillschweigend, sehr stillschweigend — absprechen. Sehr aktuell, sehr notwendig also scheint uns die ehrliehe Herausstellung des Dubnowschcn Programms zu sein. Daß dieses Programm praktisch nicht revolutionär ist, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Praktisch rechnet kein Forscher damit, daß cs in der biblischen Zeit so zugegangen ist, wie cs die Quellen uns glauben machen möchten: daß die frommen Richter und Könige auf Grund ihrer Frömmigkeit Glück, die unfrommen hingegen auf Grund ihrer Unfrömmigkeit Unglück hatten. Er wird der Meinung sein, daß Gott auch damals mit den stärkeren Bataillonen war, wobei sich von selbst versteht, daß Stärke nicht mit zahlenmäßiger und kricgstcchnischcr Ucbcrlcgcnhcit identisch ist und z. B. ״Eifer für Gott“ ־־־ nüchtern geurteilt — eine für die Moral des Heeres und damit für seine Stärke gar wesentlicher Faktor ist — gleichgültig, ob Gott existiert und hilft oder nicht. ln dieser Meinung wird ihn die Beobachtung bestärken, daß bisweilen in den Quel- Ic:1 die Auffassung von dem ״natürlichen“ Knusalvcrhiiltnis durchschimmert: man lese etwa die traditionellen Kommentarc /u Richter 1 v. 10 und sehe, welcher Verrenkungen es bedarf, um den frideri/ianischcn Wortsinn mit der Auffassung der Tradition zu vereinigen. Die biblischen Quellen geben uns also sclher die Möglichkeit, zu einer vielleicht nicht tiefsinnigen, dafür aber richtigen Auffassung von der Frühzeit unseres Volkes zu gelangen. Es wird uns eben damit nahegelegt, anzunchmcn, daß die theologische Auffassung dieser Frühgeschichte einer Zeit entstammt, in der cs politischcs Leben und daher auch politisches Verstehen nicht mehr gab. Davon hängen die aktuellsten Folgen ab. Wenn zum Beispiel die Errichtung des Königtums unter Saul erst später, im Exil, za einem Abfall stilisiert worden ist — wenn ursprünglich, wie die Quellen durchschimmern lassem selbstverständliche elementare Notwendigkeiten und nicht das Theater irgendeines hysterischen Normalitätsrausches das Königtum erzwangen — wenn die spätere Stilisierung zwar die Wirkung der Prophetie, aber doch die Wirkung der Prophetie auf ein politischer Verantwortung entwöhntes Volk ist — dann haben die sich auf die Tradition berufenden Bekämpfer imsc'cs Politisrli^n Zioni«nms keinen leichten Stand. laiul au! einem Einwandererschiff . Jerusalem, lö. Oktober 1025. Lic ״Garniolia“ ist eines der drei Schiffe, die der Lloyd Tricstino für die Palästina-Einwanderer eigens hat!!errichten lassen. Sic ist ein alter Dampfer, dessen Falirtgcschwindigkeit etwa die Hälfte der Fahrtgeschwindigkeit der großen Expreßdampfer ״Hclouan“ und ״Vienna“ beträgt. Früher führte sic nur ungefähr •10 Passagiere erster und 70 Passagiere zweiter Klasse. Jetzt ist eine dritte Klasse eingebaut worden, wo die Einwanderer für eine Gebühr von £ 5.— Unterkunft mit Betten in Kabinen erhalten, deren Belag zwischen S—20 Personen wechselt, und eine Verpflegung, die aus 3 Mahlzeiten täglich besteht, darunter zweimal täglich auch Fleisch. Bisher verkehrten diese Dampfer, die ohne Zwischenstation von Triest direkt nach Jaffa und Haifa gehen, mir jede 14 Tage, der starke Einwandcnmgsstrom der letzten Monate hat aber den Lloyd Tricstino veranlaßt, diesen Dienst jetzt in einen wöchentlichen zu verwandeln. Bei vollem Belag kann die ״Carniolia“ an •100 Passagiere dritter Klasse führen. Unter den Passagieren erster und zweiter Klasse bcfanden sich viele Nirlitjudeu, englische Beamte und Lehrer, die zum Teil nach Mesopotamien und Syrien fuhren, ferner Bahaisten, die nach Haifa zu Shoglii Et'fciuli fuhren, dem jetzigen Haupt der Sekte, und einige Touristen, die Palästina besuchen wollten. In der dritten Klasse gab cs nur jüdische Palästina-Immigranten. Was die Schiffe wenig geeignet zu einem Auswandererscliift großen Stil macht, ist der geringe Raum, der auf dem Deck für die Passagiere zur Verfügung stellt. Das Schiff ist für 60 Passagiere und ihre Bequemlichkeiten gebaut worden und die Anwesenheit von 450 Passagieren hat sclbstvcrstündlich zur Folge, daß eine dichte Gedrängtheit überall herrscht, die insbesondere noch dadurch erschwert wird, daß zahlreiche Kinder mitfahren. Die erste und zweite Klasse auf dem Dampfer entsprechen etwa der zweiten und dritten Klasse auf großen Dampfschiffen. Trotz dieser offenbaren Nachteile ist die Unterbringung der Einwanderer in der ditten Klasse der ״Carniolia“ und ihrer Schwesterschiffe als entschiedener Fortschritt zu betrachten. Viel zur Unbequemhehkeit der Passagiere tragen diese leider selber bei. Es ist eine unangenehme Empfindung, die mau sowohl auf diesen Schiffen bei Betrachtung der ilritten Klasse, wie auch in dem sonst vorzüglich geleiteten Palästina-Amt in Triest erhält. Ein Teil der jüdischen Einwanderer nach Palästina besitzt noch nicht jene Disziplin und jene Rücksicht auf allgemeine Reinlichkeit _und Empfindungen seines Nächsten, die ihn veranlasscn würden, kleine Mühewaltungen nicht zu scheuen, um dafür mehr an' Reinlichkeit und Komfort zu gewinnen. Aber die ganze Frage der Unterbringung der Immigranten in passenden Schiffen wird wohl erst dann gelöst werden, wenn cs gelingen wird, mit Hilfe des Keren Hajessod oder mit Hilfe zionistischer Kreditinstitute eine eigene Schifffahrtslinic zu schaffen, wohl am besten gemeinsam mit dem Lloyd Tricstino oder einer anderen erprobten Schlffahris- Gesellschaft, die auch für die Organisation des Dienstes die Sorge zu tragen hätte, aber so, daß die Zionistische Organ!־ sation stets einen Einfluß auf die Ausgestaltung der Seniffe und Bedingungen der Fahrt besitzt. Der Keren Hajessod erhält bereits jetzt aus seinen Mitteln die Palästina-Acmter in den verschiedenen Emigrationszentren und ein Besuch im Palästina-Amt in Triest kann jeden überzeugen, wie wichtig und erfolgreich diese Arbeit durchgeführt wird. Größere Eingange und ein entsprechender Ausbau des Budgets in den nächsten Jahren könnten cs dem Keren Hajessod ermöglichen, in einem viel größerem Ausmaß für die klaglose Abwicklung des Einwanderungsdienstes zu sorgen, was anläßlich der stärkeren Einwanderung nach Palästina von wachsender Dringlichkeit ist. Die Einwanderer auf der ״Carniolia“ zerfallen in zwei Klassen: Chaluzim und sogenannte Kapitalisten, das sind Menschen, die 500 £ besitzen. Die Zahl der Chaluzim auf dem Schiffe w׳ar verhältnismäßig gering. Es waren zum großen Teile Rückwanderer, die einige Wochen oder Monate 111 Europa verbracht hatten und mm nach Palästina zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Bei den anderen Elementen konnte man im Gespräch vielfach wahrnchmcn, daß sic von Palästina und den Bedingungen des Landes nur eine sehr ungefähre und verschwommene Vorstellung haben. Bei dieser Beobachtung drängt sich der Gedanke auf, warum die Zionistische Organisation nicht solchen Auswandererschiffen und anderen Schiffen, auf denen eine größere Zahl ׳ Palästinawandercr fährt, eine Begleitperson mitgibt, die während der Reise einerseits den Verkehr zwischen dem Schiffspersona! mul den Emigranten vermittelt und sprachcnkuiu'ig ist, andererseits aber während der Reise Aufklärungen und Auskünfte über Palästina und die Arbeitsbedingungen dort gibt und auch Vorträge dort hält. Gerade die Langeweile einer Seereise, die Unmöglichkeit einer andauernden Lektüre oder anderweitiger Zerstreuung macht die Reisenden zu empfänglichen Zuhörern solcher Vorträge über das Wesen des Zionismus und seine Aufgabe. Gerade bei der neuen Einwanderung, die in den letzten Monaten herübergekommen ist, wären solche aufklärenden Maßnahmen notwendig. Die Kosten einer, derartigen Begleitperson wären wohl nicht hoch, da die Schiffahrtsgesellschaft Kabine und Kost zur Vorfiigmig stellen und das Gehalt der Begleitperson durch einen geringen Zuschlag zum Fahrpreis gedeckt werden könnte. Es wäre aurli Aufgabe dieses Begleiters, unter den Passagieren erster und zweiter Klasse aufklärende Literatur über die Arbeit des Keren Hajessod zu verbreiten, wie auch über die Unterstützung der Palästina-Einwanderung durch den Keren Hajessod Aufklärung zu erteilen. Der größte Teil der Einwanderer beabsichtigt in Tel- Awiw zu bleiben. Aber aus den Gesprächen mit den Erfahrcncrcn von ihnen konnte man merken, daß diese Ein- Wanderung der Fünfhundertpfundlcuic die Tendenz zeigt, nachznlasseii und das chaluzicchc Element unter den Ein- Wanderern wieder im Steigen begriffen ist. Die Ursache dafür liegt nicht mir darin, daß von Jerusalem aus erschwerende Bestimmungen für die Gewährung der Visa an diese sogenannten Kapitalisten getroffen wurden und daß andererseits auf Grund, der günstigen Lage des Arbeitsmarktes im Lande der Zionistischen Exekutive eine größere Anzahl von Einreise- Zertifikaten bewilligt wurden, sondern auch darin, daß cs immer schwerer wird, die Summe von £ 500 gewinnbringend im Lande so zu verwenden, daß man damit seinen Lebensunterhalt finden kann. Dennoch geschieht das Wunder, daß jede Schicht von Immigranten Lcbcnsinöglichkcitcn für die nächste Schicht schafft, wenn auch Tel-Awiw bereits einen gewissen Sättigungspunkt erreicht haben wird und dann der Strom der Einwanderer in das große Zukunftsinöglichkcitcn bietende Haifa abgclcnkt werden wird. Der Auicnthalt aut einem solchen Schiffe läßt cs einem erst zum Bewußtsein kommen, wie gering das Budget für Einwanderung ist, das der 14. Zionistenkongreß aus den Mitteln des Keren Hajessod bestimmt hat. Dennoch war cs unmöglich, ein größeres Budget fcstzusctzcn, obwohl die Einwaiiderungskommission auf Grund ihrer Erkenntnis der Tatsachen ein größeres verlangt hat. Denn die Budgets können nur im Rahmen der voraussichtlichen Eingänge des Keren Hajessod bestimmt werden und cs •wird einer neuen g" Hajessod instand *gesetzt wird, der jetzigen großen Ein- Wanderung und ihren Bedürfnissen vielleicht gerecht zu werden. Aber selbst das, was innerhalb dieses so engen Budgets geschiebt, ist lobenswert und der Empfang der Immigranten durch das zionistische Einwanderungsamt in Jaffa und die Besorgung aller ihrer Angelegenheiten, ist vorbildlich or* ganisiert. Dagegen kann über die Vorkehrungen der Reg.icrung nicht genügend Klage geführt werden. Es ist eine völlig unnötige Grausamkeit, ohne daß ein schwerer Krankheitsfall auf dem Schiffe vorgckomnicn wäre oder eine Epidemie in den Herkunftsländern der Einwanderer herrschte, die Einwanderer dritter Klasse für 1—2 Tage in Quarantäne zu halten und noch dazu unter völlig ungenügenden Verhältnissen. Eine solche Vorsichtsmaßregel wird in keinem anderen Lande bei Einwanderern angewendet und das Quarantäne-Lager kann wohl eher als eine Schikane, denn als eine sanitäre Vorsichtsmaßregel bezeichnet werden. Auch die Pockenimpfung, die sogar bei allen Passagieren erster imd zweiter Klasse vorgcnoninicn wird, ist eine unnötige Maßregel, die dadurch alle ihre Wirksamkeit verliert, daß Passagiere, die über Kantara mit der Eisenbahn aus Aegypten kommen, nicht dieser Maßregel ausgcscizt werden. Es wäre dringend zu wünschen, daß im Interesse der Einwanderer wie auch der Touristen nach Palästina die öffentliche zionistische Meinung gegen diese unhaltbaren Zustände protestiert. Hans Kohn, Pinners P21uStic2b2ch Die 111 diesem Blatte schon gelegentlich ihres Erscheinens im ״Berliner Tageblatt“ besprochene Artikelserie des hekannten volkswirtschaftlichen Schriftstellers Dr. Felix Pinncr liegt jetzt in erweiterter Fassung als Broschüre vor*). Ir. dem Vorwort, das der Verfasser voranstcllt, betont er, daß 711״ den Bedingungen, unter denen jüdische Menschen in Palästina arbeiten, eben auch die besonderen menschlichen Trieb- und Zielkräftc gehören, durch die diese Arbeit wesen:- lieh beeinflußt und von der Arbeit irgend einer an.irren Menschengemeinschaft, vollzöge sie sich auch an demselben Objekt, nicht unwesentlich unterschieden wird.“ Diese klare Erkenntnis des geschulten Volkswirts, daß das jüdische Werk in Palästina sich nicht nach den gewöhnlichen national-ökonomischen Kriterien beurteilen läßt, durchzieht all seine Aufsätze und beweist den richtigen Blick des Autors. Die einzelnen Kapitel.sir.d auch für den instruierten Zionisten äußerst leser.swert, nicht deshalb, weil sic ihm etwas Neues sagen, vielmehr wegen der ungewöhnlich klaren, präzisen und auch originellen Schreibweise und der sparsam und zurückhaltend gegebenen Urteile des Verfassers. Von besonderem Interesse sind natürlieh seine kritischen Bemerkungen. In bezug auf die Kwuzoth betont er — so wie cs Elwood Mcad getan hat — die Notwendigkeit fachliche Leiter zu bestellen. Die Frage, ob der Moschaw die Kwuzali verdrängen wird, glaubt der Autor verneinen zu müssen. In jedem Fall scheint;!1:11 die Kwuzah als Durchgangsstation ־unentbehrlich. Die Aufwendüngen für die Kinder in den landwirtschaftlichen Betrieben scheinen ihm relativ etwas zu luxuriös zu sein; er fürchtet, daß cs den so sorgsam behüteten und geistig geschulten Kindern dereinst schwer fallen wird, in der Enge zu bleiben — aber er fügt einschränkend hinzu: vielleicht ist dies nur ein Vorurteil eines Europäers. Sehr stark betont er, daß *) Dr. Felix Pinncr, ״Das neue Palästina“, Rudolf Mossc Verlag, Berlin, Preis 2,50 M.