Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 86 (3.11.1925)
- Date
- 1925-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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J UEDISCH E RUNDSCHAU Seite 723 kK ׳ Sr.s v/crdc. i kes c | Mesopotamien j״ jt. i \׳cs0pota1nict1 bietet für den Zionisten ein'dreifaches Interjilas,!£S ist neben Palästina das einzige britische Mandatsgebiet und . deichen Art, cs ist ein Land arabischer Kultur, das in 0 v :1! Beziehungen primitiver und rückständiger, aber auch ciini 1 ׳Wr vom Levantinismus befallen ist als die Mittclmccr- ‘ If. cs ist ein potentielles Hinterland für die Entwicklung y1’C ,jinas, dessen Hafen in Haifa leicht der Vermittler ip• dien Europa und Bagdad werden kann. Es ist daher zu . 1‘. L׳-rüßen. daß w*r Jct/t '*on Richard Coke unter dem >n c.■;.״ ןThe Heart of the Middle East“ (bei Thornfer v ußuttenvorth, London, 1025, Preis IS Schilling) die erste ne f.;'3!nnicnfasscndc und instruktive Darstellung über das heutige Inr! ..0ootamicn besitzen, die nicht nur auf die politischen Ver- £ 11ב> j’־irsissc des Landes eingeht, sondern auch sein soziales e!10r: ־\ יn und seine wirtschaftlichen Verhältnisse schildert. Dies f;' :!i jiK'lit vom Standpunkt eines Mannes, der die ־ weitere ׳ •rUüpfthcit Großbritanniens mit Mesopotamien als eine Not- ’.'"f;digheit für beide Länder ansieht und ein scharfer Gegner jj\ England von einem großen Teil der öffentlichen 1C - i^ing vcrfoclitcncn Politik der Räumung Mesopotamiens M u . der aber gleichzeitig Land und Volk von Irak kennt ler c;׳:; :.j fjjr ihre Bestrebungen und ihre Eigenart volles Verständnis i? kri: .-;[;zt. 1"‘•“4 i per Verfasser zeigt, wie Großbritanniens Verbindung mit >° ‘0v *•;opotamien nicht erst im Weltkriege begann, sondern schon )cra:..!:10ל Jahre zurückreicht. Seit jener Zeit hat England langsam [ren-.t ••!! viele Jahrzehnte hindurch einen immer größeren Einn;iL. 3 auf das Leben dieses Landes gewonnen. Der Persische lies v; bildet eines der Nervenzentren des britischen Welt- .״!גן'; vielleicht den wichtigsten Außenposten zum Schutz. Langsam hat England alle Randstaten des Persischen;;cs unter seinen Einfluß gebracht, und die Eroberung sopotainicns, das den nördlichen Zugang zum Persischen . ׳ ״v;' beherrscht war nur der Schlußpunkt einer langen Periode. n1us;;.halb wird Großbritannien auch noch lange in einer oder {r!1 ־■י׳; anderen Weise mit Mesopotamien verbunden bleiben, iK'11 c j cs war ein passender Abschluß der vierzigjährigen Lauf- 5* 1;הלי ...״ von Sir Perey Cox, der sein ganzes Lcb<^ damit verbracht lg je:;! :!e, die britischen Interessen im Persischen Golfe wahr/uwi? j;men, als erster britischer Hochkommissar die Geburt des jjt f׳.;-■eu Staatswesens im Irak in die Wege geleitet zu haben. ii. ] Mesopotamien ist ein Land großer Gegensätze in der ׳bammensetzung seiner Bevölkerung und bietet daher ein ’,wicrigcs Vcrwaltungsproblcm. Da sind auf der einen Seite Ktn!׳k ' Stadtbewohner von Basrah, Bagdad, Mossul und Kerbel;!,!;׳ ׳, "ך; der anderen Seite die großen nomadischen Stammeskonn;;;l. ■lerationen, wie die Bue Schammar im Norden, die Anaza c;c , ' dich und die Tai östlich von ihnen. Den Süden des Landes jtteil;::..; '־.errscht der große Muntafikbund. Alle diese und die!י) -ן: :.r.crcu Stämme standen zu türkischer Zeit nur unter einer ''־k.cllen Herrschaft des Sultans. Dazu kommt die Ver- ־:edenheit der Religionen. Zu den Schiiten und Sunniten, np:;1:.; etwa gleich an Zahl sind, kommen alle möglichen orienta- ןה;״ו; hen christlichen Sekten, Juden und die zwei eigenartigen oiwe״ "•;;ionen, deren einige Tausende Bekenner sich durch Jahrn;:,1י ::derte völlig abgeschlossen erhalten haben, die Sabäer im 1 Ln und die Jezidies oder Teufclsanbeter im ■Norden. Eng- (jr1״;!!c, russische, deutsche und französische Einflüsse kämpften he Kי!;׳ den Besitz dieses Landes und untergruben die geringe JjrC .!.;dit der türkischen Regierung. Die Entdeckung von Erdöl ic ü־; Persien und die Erkenntnis von dessen wachsender Beler! C •'■d'Jng für die Schiffahrt erhöhte auch die Bedeutung Mesopojcforc.., ״kns. Im Jahre 1901 gab der persische Schah einem Engin A-' ■:fcr eine Konzession für alles Petroleum in Südpersien. 1k;;;::: p>t durch die Beteiligung der schottischen Burma Oil Com- ר' ' ::;!"ן)', die vor allem in Hinterindien tätig war, wurde das fct periment auf sichere Grundlage gestellt und im Jahre 1909 iustlr -;’־י־ eigene Anglo-Pcrsian Oil Company gegründet, die in n wir . Incsopotamicn eine Raffinerie errichtete und eine Röhrenliede : e dorthin von den persischen Oelfeldern baute. Der britische;',nt erwarb unmittelbar vor dem Kriege einen Teil der Aktien }-׳i der Kontrolle dieser Gesellschaft. Die letzten Jahre vor j די Kriege bedeuteten überhaupt für Mesopotamien den 'blick in eine Periode wirtschaftlichen Aufschwungs. Eine Bewässerungsanlage bei Hindija wurde gebaut, die , :;dadbahn in Angriff genommen. Aber diese Hoffnungen b: b. ׳ Kr־:;: T, he' Kate;.: durch »er l Ife ®sic י£• «■ btu:׳ Lcs'■’ :e brauen haben jene Lässigkeit, die man sich nur erklären 1!ד durch ähnliches Fühlen, und ihre Farbe — dieses warme .,btt und spiegelnde Gelb — ist ganz uncuropäisch. Von besonderem Interesse sind gerade für uns die beiden e der a b css i n i s eh 0 11 Malcrui. Die Abessinier sind •jjisteu, aber auch sic befolgten lange Zeit das Gebot: du . :;t dir kein Bildnis machen. Die Ausstellung zeigt neben •primitiven und rohen Darstellungen auch besser gemalte jd sogar ganz modern anmutendc der jungen Abessinier, "'bn bis auf die Darstellung der Flüsse, die daher versteckt . -den oder grotesk die andere Bildauflassung verraten. Denn J abcssinischc Darstellung ordnet das Bild wie eine Buchvon oben nach unten. Sic sehen das Bild als Raum, : tr primitiv, wie bei uns das Kind, also nur zweidimensional. ׳ :;r diesen ״Raum“ stehen ihre Menschen richtig. Auf ihren ■jern zeigen sic gern Kämpfe. Gekämpft wird mit Spieß d Gewehr, Kanone und sogar Pistole, doch die Darstellung ■ ■jC|■ Kämpfe bleibt konservativ. Ein Bild stellt abcssinischc;-■■ichtspfiegc früherer Zeit dar. Es zeigt Blut und alt- ׳ fische Martern, über die Europa keinen Grund hat zu andere zeigen Jagdszenen, die eines gewissen Humors .זח entbehren. Es gibt auch Darstellungen, wie /, B. die;ה Leben des Europäers, die den Dargcstclltcn zu denken . sollten. Der Europäer ist der Mann, der gut ißt, gut , ‘j’ 1״eitet oder Zeitung liest und in jedem Falle befiddt;״ ׳.ו־esetze gibt. Viele Bilder besagen auch, daß sic einen , jCAc5*anz. darstcllcn, aber auf keinem wird getanzt. Die «er?״ r s'n<* beweglich und wirken zum Teil modern, aber *vorper gehört dem Kanon. Das ganze Bild ist Ornament. ‘ Ruth MSotrold. :d r. Er, r'r ticr.tr' AE ״B2nE:b1l“ im Staatsgüter;1״t?'c ^szcnlcrung von Grabbes ״Hannibal“, von der ge-;׳ vn Presse als neue Mcistcrlcistung Icßncrs begrüßt, /ל Wieder den Schwmng und die Schaffensfreude, die einst /‘״szenierung des ״ucbcrtcufcls“ zu einem noch unver- Ereignis machten^ Ueber der ganzen Aufführung liegt!;ס[/'"'.*» warme Farbe und der Glanz schöner Bewegungen. 11״pg auf das Wesentliche gerichtet, legt die Gliederung ^nncnbildcr Bresche in den Gang der Handlung und .^vin gr°ßcs? einheitliches Zeitgemälde, ln genialer Plastik kleinen Gruppen durch einheitliche Bewegung ab- ״ttc, klare. Leistung,׳ Glücklicher als im ״W&tatda‘* ׳ " ץ wurden durch den Weltkrieg zerstört. Das heutige Mesopotamien ist ärmer und abgesehnittener als das von 1914, für größere Bcwässcrungswcrkc oder Eisenbahnbauten ist kein Geld vorhanden. Dafür brachte der Weltkrieg neue politische Ausblicke für Mesopotamien, ln Wilsons zwölftem Punkt w׳ar bestimmt worden, daß die nichtiürkischen Nationen des türkischen Reiches ״eine absolut uneingeschränkte Möglichkeit sclbständiger Entwicklung“ erhalten sollten, ohne daß damals gesagt wurde, wie dies 'mit Englands langjährigen Ansprüchen auf Einflußnahme auf die Geschicke des Landes verbunden werden sollte. Die Geschichte Mesopotamiens seit 191S ist die Geschichte des Versuchs der Verbindung dieser beiden Prinzipien. Aber England machte zuerst wenig Versuche in dieser Riehtung. Für beinahe drei Jahre nach dein Waffenstillstand blieb Mesopotamien erobertes Gebiet, unter Standrecht von der Besetzungsarmee verwaltet. Diese Verwaltung war ebenso kostspielig wie unproduktiv. Militärische Lager und Bauten wurden mit der größten Verschwendung aufgeführt, während den wirtschaftlichen und kulturell‘‘« Bedürfnissen des Landes kein Augenmerk geschenkt wurde. Presse und öffentliche Meinung waren geknebelt, und die allgemeine Unzufriedenheit konnte siel; nur in der blutigen und langweiligen Rebellion von 1920 Luft machen. Erst hiernach gingen die Engländer an einen Versuch, im Geiste des Mandatssystems an die Schaffung eines mesopotamischcn Gemeinwesens zu gehen. Der Verfasser äußert auch seine Meinung über das Mandatssystem, das er für den wundesten Punkt des Völkerbundes hält. Das Mandatssystem setzt voraus, daß ein Grofistnat bereit ist, die Führung eines noch unreifen Staatsgebildcs zu übernehmen und daß andererseits dieser junge Staat willig ist, sich eine solche Führung und stete Einmischung gefallen zu lassen. Das Mandatssystem übersicht, daß kein Großstaat ohne entsprechende Vorteile für sich eine solche Leistung übernehmen und kein seiner selbst bewußtes Volk eine solche Vormundschaft dulden wird. Dazu kommt, was nach des Verfassers Meinung für die Juden und Christen in Mesopotamien gilt, daß in einem kleinen und :innen Lande intelligente Minderheiten, wenn sie unter die Herrschaft eines mächtigen fremden Staates kommen sollen, es vor/iehen, Bürger dieses Staates zu werden und an all seinem ererbten Reichtum tcil/unchmcn. Deshalb glaubt der Verfasser auch nicht an die Dauer des Mnndatssystenis. Mit großen Bemühungen und unter dem Drucke einer strengen Zensur und Aufwendung vieler Macht gelang cs den Engländern, in einem allmählichen Prozeß in den Jahren 1921 — 1925 ein eigenes Genteinwesen in Mesopotamien zu schaffen mit einem König, einer Verfassung und einem Pariament, und das Verhältnis zwischen Großbritannien und dem neuen Staat durch einen Bündnisvertrag zu regeln, dessen Dauer 19'2S abläuft. An die Stelle der englischen Militär- Verwaltung trat eine einheimische Zivilverwaltung. Aber die Lage des neuen Staates ist weiterhin prekär. Seine politische Sicherheit ist bedroht, ••inerscits durch den Walubitcnfiirsten lbn Saud, der nach Besiegung seines einzigen Gegners in Zentralarabicn, ihn Roschkls, 1921 und nach Vertreibung Husseins aus Mekka 1921, immer mehr seine Blicke auf das benachbarte Mesopotamien richtet, andererseits durch die Türl*m, für die noch immer im Irak Sympathien bestehen. Wirtschaftlich aber hat sieh in den ehemals türkischen Gebieten ein ähnlicher Zustand hcrausgebiklet wie in Z.entralenropa, L'ine Reihe kleiner Staaten sind entstanden, von ihren natiirliehen Absatzgebieten losgetrennt und durch Zollschranken getrennt, wobei die Zölle in Ländern wie Mesopotamien oder Palästina, wo das direkte Steuersystem völlig unentwickelt ist, wichtigste Einnahmequellen des Staates bilden. Auch in Mesopotamien wie in Palästina übertrifft die Einfuhr bei weitem die Ausfuhr. Die lokale Industrie ist gering entwickelt. Wie tür Zcntralcuropa, dürfte auch für Vorderasien ein engerer Zusammenschluß, wenigstens aber eine Zollunion, zur Erleichicrung der wirtschaftlichen Lage beitragen. Die Bewässerungsarbeitcu, deren Mesopotamien so dringend bedarf, haben seit dem Kriege keinen Fortschritt gemacht. Es ist einer der .'.ehwersten Vorwürfe, die der Verfasser gegen die englische Verwaltung erhebt, daß sic ungezählte Millionen unproduktiv verschwendet hat, ohne die großem Chancen zu benutzen, das Land fruchtbar zu gestalten. So leidet auch Bagdad heute noch daran, daß cs noch keine permanente Brücke kamen die üesclüchtss/eucn zu bildnerischer Lösung. Für uns von besonderem Interesse ist der Turm! G;1 d S 11 c 1 a s o’s. Dieser junge Schaiispieler, in seiner ersten größeren Rolle als Turm! zum ersten Mal von Jeßner beraiisgostollt, ist 1ms kein Fremder. Im Bibcl/yklus vom vorigen Jahre hörten wir ihn hebräisch und deutsch. In einer kleinen Bühncnvercinigung spielte er gleichfalls int vorigen Jahr den Kosinski in den ״Räubern‘‘, und wie bei der Belsazar-Aufführung des Hebräischcn Theaters fiel er auf durch klare schöne Bewegungen; die Uniform empfand man als übcrlliissig. Als Turim ist er Hannibals Mohr. Jeßner nutzt sein Talent an richtiger Stelle. Die Beweglichkeit des jugendlichen Körpers und der uiigebrochcnc Naturlaut kamen zu glücklicher Wirkung. Wenn er sich wie eine Schlange windet und in tieferem Gefühl Laute der Klage .msstößt, erinnert er von fern au Gran ach und in der Schilderung des brennenden Karthago leuchtet das Talent im Glanz einer farbenreichen Sprache. Diese Sprache ließ auch einmal aufhoxchen in einer Zeile von reinem Sang. Er konnte sich einmal mit Werner Kraus zeigen. Auch Werner Kraus war im I lannibal rein mimisch viel größer als vorher im ״Wnllenstein“. Der verlassene Feldherr und der leidende Mensch wuchsen in dem historisch weniger eng anliegenden Gewand zur Symbolgcstalt einer di'islcreii Silhouette vor einem ungeheuren 1 liutergrmul. Auch Grabbes genialer Griff hat Geschichte und weite Menschlichkeit mit dem Riesenrahmen der Länder und Völker, in der Zeitnähe einer in allen Epochen gleichen Menschlichkeit zu einem modernen Drama gemeißelt. Gerade der ״Hannib.1I“ ist uns durch die jüngste Zeitgeschichte nähergerückt Orient und europäische Politik streiften sich schon im Weltkrieg in kurzer Begegnung, und die Völkerzüge des naben Orients rucken nicht nur im Hinblick auf Palästina in den europäischen Gesichtskreis; denn besonders seit den letzten Jahrzehnten dankt Europa dem Orient Befruchtung seines Geisteslebens und seiner Kunst Nicht vergessen sei der Maler Sigfrid Sebba. der für Jeßners Inszenierung kongeniale Bühnenbilder schuf. Leider ist diese sonst ausgezeichnete ״Mannihal“-Inszcnicrung für die Besucher *der Ränge nur ein geteilter Genuß, weil der obere Teil der Bühne zu erraten bleibt. R. M. Gad Shclaso gibt am 15. November, vormittags y3\2 Uhr, im Sckabciisaal eine Matinee im Rahmen der Gesellschaft für nette S^tcatc^kultur. besitzt, sondern nur die recht prekären Booibriieken wie in türkischer Zeit. Die LJcbcrsicht, die der Verfasser über die Fortschritte auf dem Gebiete der Wirtschaft, der Industrie, der Kommunikationen, des öffentlichen Gesundheitswesens und der Erziehung in den letzten fünf Jahren in Mesopotamien gibt, fordern zum Vergleich mit den in Palästina auf dem gleichen Gebiete Geleisteten heraus, und cs ist unzweifelhaft, wie auch der Verfasser selbst an mehreren Stellen hervorhebt, daß dabei Palästina weit besser absdincidet. Dies ist sowohl der jüdischen Einwanderung, wie der besseren Verwaltung de* Landes zu danken. Zum Schluß seien noch einige der vielen instruktiven Bemerkungen wicdcrgcgcben, die der Verfasser über den Charakter der Araber!nacht. ״Es ist wahrscheinlich, daß cs zu viele Detailgcschäftc in Bagdad gibt. Es ist eine bcmerkenswerte Tendenz, seitens der Eingeborenen aller Klassen, die ein wenig Geld gespart haben, cs in einem eigenen Geseh.iftc anzulcgcu. Die Araber lieben cs nicht, für andere Leute zu arbeiten und ziehen es vor, lieber als eigene Herren weniger zu verdienen, als für höheres Gehalt bei einem anderen beschäftigt zu sein.“ ״Der Araber ist ein guter und treuer Arbeiter, wenn seine Interessen gewahrt werden und er höflich behandelt wird, aber er trägt grobe Behandlung und Antreibcu nach; die meisten der Tragödien bei Eisenbahnen oder öffentliehen Bauten in arabischen Ländern, bei denen ein Engländer oder ein anderer Europäer heimlich ermordet wird, sind diesem Umstand zuzusebreiben.“ ״Man darf nicht vergessen, daß der heute im Westen herrschende moderne Geist des Mangels an Selbstzucht und Zurückhaltung der arabischen Mentalität äußerst zuwider ist, die seit unvordenklichen Zeiten großen Wert auf die Bedeutung von Höflichkeit, guter Erziehung und äußerem Benehmen gelegt hat.“ ״Es ist sicher, daß die Wiedergeburt des arabischen Nationalbewußtseins echt und wachsend ist. Es scheint, daß der arabische Nationalismus und mit ihm die Religion des Islam wieder einmal eine Weltmacht werden soll, obwohl noch einige Jahre vergehen werden, bevor dies voll fühlbar sein wird. Hand in Hand damit wird der mittlere Osten wieder allmählich ein politischcs und kulturelles Zentrum werden. Der Tag, an dem die europäische Macht im mittleren O^tcn alles überragte, vergeht und vergeht ziemlich schnell. In fünfzig Jahren mag der Osten ebenso gut ausgerüstet und ebenso erfinderisch sein wie Westeuropa und Amerika.“ Hans Kohn. Der Steiflerprozeß Das Gericht beschließt, die Olszanski-Dokumente anzufordern. Lemberg, 30. Oktober. (J. T. A.) Der Prozeß gegen •Steiger hat eine neue Wendung genommen. Der Gerichtshof beschloß, die Dokumente, die von Olszanskis Täterschaft sprechen, anzufordern. Der Gerichtshof hat weitere Beschlüsse gefaßt, aus denen hervorgeht, daß er ernstlich mit der Möglichkeit rechnet, daß das Attentat durch die ukrainische militärische Organisation ausgeführt worden ist. So wurde u. a. beschlossen, die Aussage Mikictins im Prozeß Jager zu verlesen, wo von den ukrainischen Vorbereitungen zum Attentat die Rede ist, ferner die Briefe der Geheimorganisation an den früheren Präsidenten des Feldgerichts Hawcl und an den Metropoliten S/epticki zu verlesen und den Wujwodcn Szyiuni, sowie den Metropoliten Bilecki darüber zu befragen, ob die geheime ukrainische Organisation das Attentat hätte nusführen können. Auch Frau Harnisch wurde geladen, um ihre Aussage, daß die Bombe vom zweiten Stockwerk eines Hauses geworfen wurde, zu bekräftigen. Eine Reihe anderer Zeugen wurde geladen. Neue Momente erbrachte das Verhör mit dem Zeugen Roman Werchola, der in der ukrainischen kommunistischen Organisation tätig ist. Fr erklärte, Steiger sei nicht schuldig, das Attentat wurde von der ukrainischen mißtärischcn Organisation unternommen und durchgeführt. Ein gewisser Olinski, der Mitglied der Oeheimorganisation ist, erzählte ihm, die Polizei habe einen unschuldigen Juden festgenommeu und spiele mit seinem Leben, obwohl der Polizei selbst die Vorbereitung des Attentats nicht unbekannt gewesen ist. Das haben auch andere Freunde, die mit der ukrainischen Gelieimorganisation zu tun haben, gesagt. Der Zeuge erklärt aber auch, daß Steiger mit ukrainisch.cn Komnninisten verkehrt hätte. Das wird von Steiger bestritten. Der Zeuge kannte Steiger nicht. Der Verteidigung gelingt es. nach■ zuweisen, daß die Behauptung des Zeugen, er habe Steiger in Gesellschaft von Kommunisten gesehen, von Anfang bis 11/־ Endc erfunden ist. Lnie Aullordertiny sa die lkr2i&er Warschau, 30. Oktober. (J. T. A.) Ein jiidisch-ukrrunischer Politiker, der in der ukrainischen Emigration im Aus- Find eine Rolle spielt, veröffentlicht im ״Hajnt“ die folgende Aufforderung an die Ukrainische revolutionäre Organisation in Berlin: ״Ich habe bis heute nichts zur Aufdeckung der Angelegenheit Olszanski getan, weil ich mich gegenüber offiziellen ukrainisch-politischen Kreisen verpflichtet habe, vorläufig von der Sache nichts zu reden. Als aber bekannt geworden ist, daß ».las Geständnis Olszanski den offiziellen Gerichlsaktcu beigclcgt worden ist, bemühte ich mich, die Ukrainische revolutionäre Organisation in Berlin dazu zu bewegen, endlich offen mit dem Geständnis herv o r z. u t r e t 0 1!, daß Olzanski der Attentäter ist. Die I lerrer! verharren aber int Schweigen. Nunmehr stelle ich tost, daß eine führende Persönlichkeit der ukrainischen nulltärischcn Organisation in Berlin mir im Winter 1921 ausdriicklich erklärt hat, daß Olszanski auf Befehl der Ukrainischer, revolutionären Organisation das Attentat ausgeführt־ hat. Zum letzten Mal fordere ich die Ukrainische revolutionäre Organisation in Berlin auf, noch im Verlauf des Lemberger Prozesses offen für die Tat Olszanskis cinzustchen, sonst weale ich gezwungen sein, aus meiner Reserve hcrauszutreteu, und den Namen jenes ukrainischen Führers, der mir die Erklärung über Olszanski gegeben hat, sowie die Namen der Zeugen, die dem Gespriieh beiwohnten, öffentlich zu nennen.“ Wien, 30. Oktober. (J. T. A.j Wie der J. T. A-Vertreter erfährt, sind die Wiener Polizeibehörden im Besitze von Akten, die unzweifelhaft die Täterschaft des Ukrainers Theophil Olszanski bei dem Attcntatsvcrsuch in Lemberg beweisen. (Wien ist bekanntlich der Hauptsitz. der nntionrdcn Bewegung der Westukrainer, die die Befreiung Ostgaliziens aus polnischen Händen austrebt.) Es verlautet, daß die bctreffenden Akten bereits dem polnischen Gesandten übergeben wurden, der sic nach Lemberg geschickt hat. Der Zentralrat der kommunistischen Partei der Republik Weißrußland hat in einer Sitzung, die der Erörterung der Frage der nationalen Minderheiten gewidmet war, den Beschluß gefaßt, eine ausgedehnte Kampagne gegen des Zio&ismus cinzuicu.cn. 1