Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 83 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jÜEDISCHE RÜNDSCH'ÄU Seite 690 Xr.Kt'*׳ 83 L D. f!;:ng tl1cn rw preußische Ministerium des Innern hat cr י :״ Jntwortung: der (von uns bereits veröffentlichten — Red. 11S11’;■;•״ן) kleinen Anfrage des Abgeordneten Dr. ßadt im;1m11i 1;.dien Landtage festgestcllt, daß der Student T h c o p h i 1 1\rh־i! j ’ג n s k i, der beschuldigt wird, der wirkliche A 11 c 11-;nrdc :,j'\ 3uf den polnischen Staatspräsidenten Wojczechowski zu cid!ג ■יC״ts3cI11i<־*» am 3. Oktober 1024, nachmittags, durch Be- 11 siix L des Polizeiamts Beuthen f c s t g c n o m m c!1 und ein- (,hie י i •׳;rt worden ist, weil cr unbefugt die deutsch-polnische י) .'f überschritten hat. Bei der darauffolgenden polizei-;י Vernehmung hat Olszanski erklärt und durch eigen- 1c(״i '; .c Sainensuntcrschrift bestätigt, daß er aus Polen gecr *'1 :י ■[•t sei, weil cr das Attentat auf den pol- und d|.'hcn Staatspräsidenten Wojczechowski in 1 Zukrg verübt habe. Er habe auf den am Marijacki- Ibar Lemberg vorbeifahrenden Staatspräsidenten eine Bombe p;H1■ 11־ ..;feil. Er habe im Aufträge der ukrainischen Organirs )1;.^, (Ukrainska-Wijskowa-Organisa/ia) gehandelt. Gleich- 2cn',y1r. machte Olszanski genaue Angaben über eine Reihe von ״*;.<־, die ihm auf der Flucht aus Polen behilflich ge- Hi sind- 2 im d lu/anski hat in der öffentlichen Sitzung des Amtsgerichts B. .1,11־ am 4. Oktober 1024 diese Angaben vor dem Richter s׳jj;■ ]״holt. Ols/anski wurde wegen unbefugter Gren/über- 11011 ■:'י .nmg zu einer Gefängnisstrafe von z.wei Wochen und iict'1 ה־ ר Kosten des Verfahrens verurteilt, lulle;; lic A:j steilst־.; euer;־;: d!cv־;rr,d berücksichtigt: Seine Jugend, sein Geständnis, ferner, :11cr-K■?. J fr durch Vorlegung von Auswcispapicrcn seine Person " Zc;:'1'־ •;bh a f t ausgewiesen I1,ahe und daß cr.ein politischer!ehe•1 ■! :iitli n g sei. Wie wir weiter hören, hat sich Olszanski Gericht hat das Geständnis O 1 s z. a n s k i s für ,bwürdig erachtet und eine Strafaussetzung bis 1. Ok-!026 unter der Bedingung gewährt, daß cr eine Geldvon 3t) Mark wegen unerlaubter Grenzüberschreitung •H Bei Bemessung der Strafe hat das Gericht als strafam 15. November 1021 unter Vorlegung einer Be-; i;ung des Amtsgerichtes Beuthen angciueldet und an- S־n, daß cr politischer Flüchtling sei. Seine Berliner Ke hat cr dem Amtsgericht Beuthen mitgctcilt. Am Komber 1025 hat sich Olszanski von Berlin nach Marien- .1b;c1ncldct. Von Marienburg ist cr wieder nach Berlin ■ י -eklet, ohne jedoch bisher in seine frühere Wohnung;gekehrt zu sein. Die Ermittlungen der preußischen ihcliördcn nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort sind '! noch nicht abgeschlossen. ,.Kt Minister des Innern schließt seine Auskunft auf die!•Anfrage mit folgender Bemerkung: ״Ob der vorstehend , äderte Sachverhalt zur Kenntnis der z u s t ä n d i g c n '־;istheil Behörde gebracht worden ist, ist gegen- .: noch Gegenstand von Ermittlungen. Unabhängig davon! ich jedoch im Minblick auf das in der Frage erwähnte < iren gegen den Studenten Steiger in Lemberg das Aus- ׳Ki£C Amt gebeten, den geschilderten Sachverhalt mit '[׳rr Beschleunigung auch zur Kenntnis der zuständigen pol- K Dienststelle zu bringen/‘ ic Sc: Tfi-A־■ Di Aus cler vorstehenden Antwort des Ministers Severing :׳ zweifelsfrei hervor, daß die deutschen Behörden seit ־frist gewußt haben, wer sich als Attentäter gegen den / 1•:hen Staatspräsidenten bekennt. Ferner förderte die Ent- :K; über Olszanski zutage, daß auch die polnischen rörden sowohl in Warschau wie in Lemberg genau gehaben, wo der eigentliche Attentäter zu suchen ist. •Kkenswert erscheint, daß das ״glaubwürdige“ Ge- Kis Ols/anskis schon am •1. Oktober 1021 erfolgte, also •;;״er Zeit, die von vornherein jede Verdächtigung aus- ,זי, daß ״die Juden bemüht waren, den Sachverhalt zu 'kein und zur Entlastung Steigers andere angebliche K vorziischieben“, wie es in der polnisch-antisemitischen; : heißt. Man darf auf das Ergebnis der weiteren Er- ■•'?cn der deutschen Behörden gespannt sein, denn sie;: die Lösung des Rätsels bringen, warum die dcut- :Rcgicrung nicht sofort von diesen wich- -!Tatsachen die polnische Rcgicrungvcr- 'digt hat, um rechtzeitig die Vorbereitung eines h׳<liz- . ,־ehens unmöglich zu machen. Fortsetzung des Steigerprozesses;;-einher g, IS. Oktober (J. T. A.) 111 der Freitag-Sitzung ׳-f;nbcrgcr Gcschworeucii-Gcrichtcs brachte einer der Ver- Kr Stanislaw Steigers, Dr. Landau, den Fall Theophil ׳,aiiski zur Sprache. Die Untersuchung des Falles Ki lag in den Händen des Kommissars K a i d a 11, des . ■'ü'tos Steigers. Kaidau suchte für Olszanski ein Alibi;^'-Iiaffcn und berichtete, daß Olszanski zur Zeit des '.,"Es in Lemberg nicht gemeldet war. ist Pflicht, — so führte Dr. Landau weiter aus -1 ־ Idealisten — und die ukrainische Militäiorgaiiisatiun gibt •J 31s eine idealistische aus — sieh in diesem Falle nicht durch anonyme Briefe zu melden, sondern in cfcicr •, 'n, vertrauenerweckenden Weise sich zur Tat zu bc-;Kn. um endlich der tragischen tmd peinlichen Lage, in A."1r uns befinden, ein Ende zu bereiten. Ich appelliere V'/ "ieklich Schuldigen und hoffe, daß mein Ruf schließlich; (lirlugefüld bei ihm erwecken, und daß seine Antwort v 1 ragödic ein Ende bereiten wird, die unser Leben ver- ,־ Die Rede Dr. Landaus!unterließ einen ungeheueren;:!1•'derselben Sitzung ereignete sich ein Zwischenfall, der . Uregun״• verursachte und der Verteidigung zu scharfen V Anlaß gab. Die Zeugin, Frau Merksamer! /j מ Besitzers des Cafe Warszawa, sagte für Steiger ent* .'r •״ aus, sic hätte gesehen, daß viele Hände sich zur Bo- י /־ des vorbeifahrenden Präsidenten erhoben und daß ״ s‘c "'issc aber nicht, wer cs geworfen ' der Vorsitzende hielt ihr vor, sic hätte in der Unterj? 3״sgcsagt, ein Mann in einem hellen Mantel hätte «et geschleudert. Die Zeugin erwiderte, der Unter- ,Mirlitcr Rutka hätte sie terrorisiert und ihr die K 4’inseriert. Der Vorsitzende verfügte die sofortige ‘ 11 u 11 1> ״ c r F r a u Merksamer. In der Samstags- K Protestierte die Verteidigung gegen ,diese Verhaftung ,nr|c an, cs seien mehrere Zeugen terrorisiert worden, -wC werden sich nun fürchten, vor Gericht die wirk- ., VOrßangc zu schildern. 'CJlbcr£. (J.T.A.) Der Gerichtshof hat zu dem An- :c.cr Verteidigung, die Untersuchung auf ':*־״* d^r Verübung des Attentats ver- 1 kc Personen auszudehnen, noch nicht Stellung genommen, sondern beschlossen, das Zeugenverhör fortzusetzen. Das Verhör ergibt nichts Wesentliches. Einige Pohzcibcamte geben Auskunft über die allgemeinen Vorgänge zur Zeit des Attentats. Der Polizist Zborowski sagt aus, er sah an der Altciitatsstelle vor dem Werfen der Petarde zwei Personen, von denen *ler eine einen hellen, der zweite einen braunen Mantel trug. Er könne aber nicht sagen, ob die Person im hellen Mantel Steiger war. In der Untersuchung hat dieser Zeuge mit einer gewissen Bestimmtheit behauptet, der Attentäter wäre Steiger gewesen; nunmehr zieht er seine Aussage zurück. Laut dem Untcrsuchungs- Protokoll hätte der Zeuge wörtlich gesagt: ״Ich erkläre kategorisch . . Auf Befragen seitens der Verteidigung stellt sich heraus, daß der Zeuge nicht einmal weiß, was das Wort ״kategorisch“ bedeutet. Als ein Verteidiger die Art der Untcrsuchungsführung durch Rutka scharf kritisiert, erteilt ihm der Vorsitzende eine Rüge mul verweigert einem zweiten Verteidiger, der zu dein gleichen Gegenstand sprechen wollte, das Wort. — In der Sitzung vom 20. Oktober gab *lic Vorteidigung eine Erklärung ab, ln der es heißt: Obgleich die Methoden der Voruntersuchung zu schärfster Kritik Anlaß gäben, habe die Verteidigung sich bisher bemüht, diese Kritik möglichst maßvoll zu üben. Angesichts der Rüge des Vorsitzenden an einen der Verteidiger, werde die Verteidigung nunmehr die ganze Technik der Untersuchung einer scharfen und rücksichtslosen Kritik in der Wcitervcrhandlung unterziehen. Die Antwort des Ministers Severing auf die kleine Anfrage iles Abgeordneten Badt wird vermutlich den Gang des Steiger-Pro/esses in starkem Maße beeinflussen. Es ist anzunclimcn, daß der Prozeß vertagt und die ganze Angelegenheit an den Untersuchungsrichter zuriickgclcitet wird. Dem Rcchtsbcwufitscin würde cs entsprechen, wenn man zu gleicher Zeit auch den unscliuleüg .׳!]!geklagten Steiger auf lrcicn Fuß setzen würde. In ukrainischen Kreisen herrscht über die Enthüllungen hetreifend den Attentäter Olszanski große Erregung. Lin Freund unseres Blattes teilt uns darüber mit: Wie bereits in der Presse berichtet, war die Tatsache, daß sich der wiiklichc Attentäter ״ von Lemberg in Berlin aufhält mul Ols/anski heißt, ukrainischen Emigranten hekannt. Auch einige unserer Freunde in Berlin und Wien wußten seit dem Monate Februar von diesem Sachverhalt. Sie waren jedoch zur Kenntnis dieser Dinge auf Grund von vertraulichen Mitteilungen ein- /einer Mitglieder der Berliner ukrainischen Kolonie gelangt und konnten von ihren! Wissen im Laufe der letzten acht Monate keinen Gebrauch machen. Als der Termin eles Steiger-Pro/esses, der 12. Oktober, lieranriiekte, stellten einzelne* Verteidiger an die Eingeweihten eins Verlangen, die ihnen bekannten Tatsaeheii zu veröffentlichen unel dem Gericht in Lemberg zur Verfügung zu stellen. Diese lehnten jedoch k a t c g o r i s c 11 ab, wiewohl sie als Menschen und Juden in einen schweren Gewissenskonflikt versetzt waren. Als die Verteidiger in den Lemberger Prozeß- Akten den Bericht der polnischen Kattowitzer Polizei fanden und aut den Namen Olszanski stießen, fragten sic unsere Freunde an, oh dieser Name mit dem des Attentäters identisch sei. Der Name des Attentäters ist unseren Freunden bekannt gewesen, jed o c 11 11 i c 111 v o 11 ukrainischer Seite g c וו a n u t w o r d c n. Auf dir direkte Frage der Verleidiger ausweichend /.w antworten, wäre unzulässig gewesen. Ein Berliner Rechtsanwalt befaßte sich im Aufträge der Lernbe-rger Verteidiger mit elor Angelegenheit und durch ihn gelangte die Kenntnis des gan/cn Sachverhaltes in die Oeffentlichkcit und wurde Gegenstand einer parlamentarischen Aktion. Dieser Sachverhalt sei insbesondere den Ukrainern zur Kenntnis gebracht. Bei dieser Gelegenheit können wir uns nicht enthalten, fcst/ustcllcn, daß ukrainische Vorwürfe wegen angeblicher Indiskrciion von jüdischer Seite eine völlige Verkennung der Tatsachen und eine totale Umdrehung der Sachlage sine!. Es handelt sieh doch bei der ganzen Affaire nicht um einen gemeinsamen jüdisch-ukrainischen Kassenrinbnich mit angeblichem Verrat der ukrainischen durch die jüdischen Komplizen. Erstens handelt cs sich um cm aus politischen Motiven unternommenes Attentat und zweitens sind die Juden an diesem Attentat nur als Geschädigte und Opfer beteiligt. Politische Attentäter, deren Gehaben wir im übrigen unter keiner Bedingung gutheißen können, pflegen gewöhnlich Idealisten zu sein unel bei ihren Missetaten Idealismus als mildernden Umstand anzuftihren. Wenn Idealisten jedoch nicht eleu Mut haben, für elie Folgen ihrer Taten cin/ustchai und mit versclnunkten Armen zusehen, wie ein völlig Unschuldiger tun ihretwillen leidet, <1:0111 haben sic sich des Anspruches auf mildmitle Umstände verlustig gemacht uuJ verdienen weder .Mitleid noch Rücksicht. Warn sie sieh gar zu Ansichten versteigern würden, daß andere tiir ihr ״nationales Interesse“ wortlos zu leiden verpflichtet sind, so wäre das ein Beweis von einer Gesinnung, die weder Mut noch Menschlichkeit verrät. Für die Stellung der Juden in Polen zum ukrainischen Volke wird dieser Zwischenfall hoffentlich keine weiteren Folgen haben. Wir Juden wissen, daß jene ukrainische Gruppe, deren Mitte elor Attentäter entstammt und die sieh in der ganzen Affaire bisher so merkwürdig betragen hat, in den weitesten Kreisen des ukrainischen Volkes we'elor Vertrauen genießt, noch daß Ihr Gebaren von irgendeinem bewußten, und verantwortungsvollen Ul:r.׳־im׳: •־ebilligt werden kann. V**» -i-.iii Berlin, 10. Oktober. (J.T.A.) Telegramme aus Warschau und Wilna besagen, daß in Wilna in den letzten Tagen 117 Personen, in *Icr weitaus größten Mehrzahl Juden, verhaftet worden seien, unter der Beschuldigung, kommunistische Propaganda und Spionage zugunsten Sowjetrußlands betrieben zu haben. Wie haltlos diese* Beselmliiigtmgen sind, ersieht man daraus, daß es sieh meist um j ü d i s e h c K u 11 u r f u 11 k - tionäre handelt, *11c sieh der Politik im allgemeinen fernhalten. Unter <1011 Verhafteten befindet sieh der Direktor des hebräischen Seminars, Freund, zahlreiche Lehrer und Zöglinge jüdischer Schulen. Es wurden etwa 50 Haus• suchungcn vorgenommen, darunter heim Wiinacr Korrespondenten der Warschauer jiddischen Tageszeitung ״Moment“. JuJen und Kommunismus Moskau. (J.T. A.) Der kommunistischen Partei in *lcr gesamten Sowjet-Union gehören im ganzen * 28 WK) Juden (weniger als 40/״ der Gesaint-Mitgliederschaft) als Mitglieder an. Am meisten sind Juden in der kommunistischen Partei der Ukraine vcrtroieu. Von den 102 Mitgliedern des Zentralkomitees und der Zcutral-Kontrollkonunission der russisehen kommunistischen Partei sind I5f» Russen. 10 Ukrainer. 1 Weißrussen und 24 Juden. Von den 5S Mitgliedern des Präsidiums des Zcntral-Exekiitiv-Komitees der .Sowjet-Union sind 47 Russen, 6 Ukrainer und 5 Juden, Dem Rat der Volkskommissare gehören an: IS Russen, 1 Ukrainer u;;d 3 Juden. 62T und die de־dsä:ea Juden Vor wenigen Tagen haben in Berlin mehrere Veraristaltungcn zugunsten des ״Wicderaufbaufor.ds“ der ORT-Gcscllschaft stattgefunden, die in der Presse und in jüdischen Kreisen eine gewisse Aufmerksamkeit gefunden haben. ״ORT“ ist bekanntlich eine ursprünglich rein jüdisch-russische Organisation zur Förderung und Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaus unter den Juden in Rußland. Die Gesellschaft hat auf diesem Gebiet mannigfache Verdienste, sic hat die Idee der Reproduktivicrung und Umschichtung der Juden früh erfaßt, insbesondere deren Bedeutung für eine nationalc Entwicklung der Juden in ihren östlichen Massensicdlungcn. Durch Krieg und Revolution wurde die Tätigkeit des ORT nahezu lahmgclcgt, die Haupt- Verwaltung teilte das Eos der zahlreichen Emigranten und siedelte sich in Westeuropa a:1. Seit mehreren Jahren sitzt sic in Berlin unel Paris. 111 der Nachkriegszeit hat sich die Gesellschaft mit großem Eifer bemüht, ihre alten Ideen erneut zur Tat werden zu lassen. Sic hat zunächst in den sogenannten ״Randstaaten“ ihre Arbeit wiederaufgenommen und hat sich dort insbesondere dem Gebiet der handwerklichen Ausbildung zugewandt. Zahlreiche Fachschulen wurden von ihr gegründet oder unterstützt, Kurse für Jugendliche und Jirwnchscnc eingerichtet usw. Dabei war ORT bemüht, neben dieser handwerklichen Ausbildung allmählich auch wieder eine landwirtschaftliche Umschulung in Angriff zu nehmen. Auf dem crstcrcn Gebiet ist auch in Rußland manches erreicht worden; wie weit dies in der Landwirtschaftliehen Arbeit gelungen ist, ist so ohne weiteres nicht feststellbar. Eine genauere Betrachtung der Leistungen und Erfolge ist dadurch sehr erschwert, daß ORT auf das engste mit dem American Joint Distribution Gouimittcc arbeitete, d. 11. besser aiisgcdrückt, der Joint lieferte die Mittel, und ORT leistete ganz oder teilweise die Arbeit. Wenn daher z. B. vor wenigen Wochen der Joint in Berlin eine Ausstellung des produktiven Teiles seiner Fürsorgearbeit veranstaltete, so sah man unter den dort aufgeführten Schulen manche Schulen des ORT. Eigene Mittel hat der ORT in dieser Zeit nur sehr wenige aufgebracht, er lebte in der Hauptsache von den Zuwendungen des Joint, der ICA und anderer Organisationen. Aus sehr interessanten Gründen hat sjch nun die Stellung von ORT dem Joint gegenüber völlig geändert. Während der Joint eine philanthropische Institution war und ist, die insbesondere die Fragen des Wiederaufbaus im Osten weder unter nationalen noch unter demokratischen Gesichtspunkten zu lösen bestrebt war und allmählich gerade im Osten (ob mit Recht oder Unrecht sei hier dahingestellt) als der wahre Feind jüdischer, demokratischer, sozialer Arbeit angegriffen wurde, verstärkten sich in der ORT-Bewegung die demokratischen und nationalen Tendenzen gegenüber der Vorkriegszeit. Die Leitung des ORT hatte .iibcrwiegend Menschen aus sozialistischen und ״volkistischcn“ Kreisen, die mit aller Energie die Reproduktivicrungs- und Umscliichttuigsbestrcbungcn als das Mittel zur nationalen Gesundung des jüdischen Volkskörpcrs in Rußland und den Randstaaten durchführen wollten. Persönlichkeiten, die dein ״Bund“ und den ״Vereinigten“ nahestanden, leiteten die Arbeit, förderten eine rein jiddischistisclic Erziehung, waren klare Anhänger einer demokratischen gesellschaftlichen Arbeit und traten somit dem Programm des Joint an allen Ecken und Enden entgegen. Was Rußland betrifft, so war ORT die erste jüdische Organisation, die mit den sowjctistischcu Bcbürden ein Abkommen schloß, das gcr3dc in amerikanisein״״ jüdischen Kreisen einen Sturm der E 111 r ü s t u n g hervorrief. Es wurde aber nicht nur vom amerikanischen Judentum verurteilt, sondern bis weit in die Kreise des ganz demokratisch gesinnten europäischen Judentums, das sich damals z. B. um die ״Weithilfskonferenz“ gruppierte, wurde daran eine scharfe Kritik geübt. Seit ilicscr Zeit scheint zwischen Joint und ORT ein völliger Bruch vollzogen zu sein. Der Vorsitzende der OKI- Organisation, Bramsohn, war 7. B. fast über ein Jahr neuerdings in Amerika, ohne mit dem Joint zu einem erneuten Abkommen zu gelangen. Der ,,Wiederaufbaufeinds“, den der ORT nunmehr zu schaffen beschlossen hat, dient also der selbständigen Finanzierung des Hiifs- Werkes des ORT. Der ORT beginnt nunmehr seine Sammeltätigkeit auch in Deutschland, und wir Zionisten hätten gar keine Veranlassung, uns anders als zustimmend zu äußern, handelt es sich doch um ein Werk, das zweifelsohne :m׳ die nationale Aufbauarbeit im Osten von grober Wichi:•;- keit ist. Unser Befremden und unseren Widerspruch, aber muß die Art tmd Weise hervornifeu, in elor diese Sammlung anscheinend in Szene gesetzt werden soll. Ein Beispiel war die Ver s a m m 111 n g in Berlin, die vor wenigen Tagen vor einem ausgcwählten Kreis von Eingcladcncn im Hotel Kaiserhof stattfand. Die Hauptredner waren' Herr Justizrat Brodnitz, Eierr Dr. Paul Nathan und Herr Singalowskv. Herr Singalowsky, der Generalsekretär des OKI, hielt eine Rede, in der cr die besondere Bedeutung des ORT klarlegte. Leider war das Zahlenmaterial, das er vorlegtc, nicht ganz verständlich. Es war rächt ersiehtlieh, welche Arbeiten vom Joint und welche vom ORT geleistet worden sind, und cs war vor allem nicht crsieht"׳ b. auf Grund welcher Unterlagen Herr Singa- 1 r.'•. von einer Aiisicdluug von ״himdcrttauscndcn Fandin Rußland sprach. Der ORT will einen