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Jüdische Rundschau · 1933-07-01 · 6 = Juni/Juli (7.1933) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
6 = Juni/Juli (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Mon&tsausg&be Nr, 6, Juni/Juli 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit* Gegen die ewig Gestrigen Die Führerlosigkeit des deutschen Judentums in diesem kritischen Moment seiner Geschichte hat zur Folge, daß die im deutschen Judentum in Wahrheit bestehende Stimmung, die tausende jüdischer Herzen erfüllenden Ocfühle, im jüdischen Leben nicht in einer Weise zum Ausdruck kommen, wie es den Bcdürfnissen der Stunde entsprechen würde. Das deutsche Judentum hat zwar einen schweren Schlag erhalten, es wurde unsanft aus einer Welt der Träume und Illusionen aulgerüttelt, aber zu seiner Ehre möchten wir sagen, daß die jüdischen Menschen — wie uns unzählige tägliehe Erfahrungen bestätigen - ihre Fassung wiedergewonnen haben und den Sinn des Geschehens zu begreifen beginnen. Sie sehen sich hineingezogen in einen großen historischen Prozeß und sie haben auf* gehört, zu meinen, daß sie ״unschuldige Opfer“ sind; in den vielen Stunden, die sie über ihr Verhältnis zu dem einst so geringschätzig abgetanen Judentum nachzudenken Gelegenheit hatten, ist ihnen ein Licht aufgegangen, daß Judesein eben doch etwas anderes bedeutet als die zufällige Eintragung in eine konfessionelle Geburtsmatrik. Eine historische Schuld wird an den Juden vergolten: sie haben den Abfall vom Judentum so weit getrieben, daß sie jetzt mit unüberhörbarer Deutlichkeit auf ihren Platz zurückverwiesen werden. Die Masse der Juden, auch bisher völlig entjudete, lernt aus dem Geschehen und nähert sich, zum Teil zaghaft und zum Teil entschlossen, wieder dem Judentum. Es geht ihnen dabei wie jenem Manne, von dem Theodor Herzl vor 35 Jahren einmal schrieb: ״Er hatte, als er sich entschloß, zum alten Stamme heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu tun. Daß er auf diesem Heimweg auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schön e n finden würde, das hatte er nicht geahnt.“ ln der Tat: viele Juden haben nicht geahnt und ahnen noch heute nicht, daß es schön sein kann, als Jude zu leben. Das Abfalls-Judentum, das über ein Jahrhundert die unbeschränkte Vorherrschaft in der jüdischen Gemeinschaft innehatte, hat das Judentum vor der Welt und vor den Juden diskreditiert, so daß viele Nichtjuden, die ihre Verachtung des Judentums zur Schau tragen, sicherlich guten Glaubens sind, denn sie wissen nicht, was Judentum in Wahrheit sein kann, sie kennen nur jenes Produkt kläglicher Selbstverleugnung, das sich ihnen darbot. Die Aufgabe, aus dieser Ver• zerrung das Judentum wieder zu Schönheit und Größe zu erheben, wurde von jüdischer Seite noch kaum in Angriff genommen. Sie kann durch das Erlebnis des deutschen Judentums gewaltig vorwärts• getrieben werden. Ein' neuer Geschichtsabschnitt muß auch ein neues Judentum sehen. Aus tiefem mensch־ liehen und seelischen Ringen wird es geboren, und es wird eine Zeit kommen, wo Juden das erlebte Leid lieben werden, weil es der Geburtshelfer eines neuen menschlichen Daseins war. Wir vertrauen darauf, daß auch die Umwelt, daß auch das heute zum Antisemitismus sich bekennende deutsche Volk diesem neuen Judentum, das durch Anstrengungen und Opfer der Juden geschaffen wird, mit der Achtung gegenUberstehen wird, die einer immer strebend sich bemühenden Gemeinschaft nicht versagt wird. Wir wollen nicht um diese Achtung bitten, wir wollen auch keine Ueberredungskünste anwenden, die naturgemäß vergeblich bleiben müssen, sondern wir wollen uns sie erarbeiten. Besser gesagt: indem wir für uns, an unserer Erneuerung arbeiten, wirken wir zugleich zugunsten eines besseren Verhältnisses zur Umwelt, zum Wohle der Menschheit, die von einem Albdruck befreit wird, und des deutschen Volkes. Denn die Juden, die aus der völlig verfahrenen Situation unserer Beziehungen zum deutschen Volk einen Umschwung herbeiführen wollen, ohne ihre althergebrachteu Positionen zu revidieren und ohne die Schmerzen einer seelischen Umstellung auf die neue Zeit zu durchleben, befinden sich auf einem gefährlichen, Verhängnisvollen Irrweg. Die deutschen Juden, früher in Sorglosigkeit und man darf wohl auch sagen Gedankenlosigkeit dahinlebend, beginnen das zu verstehen. Die Erlebnisse sind nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen; sie wissen, daß die Tatsachen nicht nur einen äußeren Zusammenschluß der luden erzwingen, sondern ihnen auch eine neue Verantwortung für sich und ihr Judentum auferlegen. Die deutschen Juden fühlen das. Sie wollen sich auf ihre eigenen Güter besinnen, die Schlacken eines entstellten und verwässerten, unschöpferischen und die Menschen seelisch verarmenden Judentums überwinden, sie wollen sich den Judenstolz wieder erobern, und sie wissen, daß sie dann ganz anders als jetzt vor die Welt wieder werden hintreten können. Sie warten?uf das führende Wort, die weisende Hand. Viele Juden :ind heute von materiellen Sorgen zernagt, sie müssen;ür ihre und ihrer Familien wirtschaftliche Existenz lürchten, sozialer Abstieg tut weh, aber gleichzeitig kann man beobachten, daß auch in dieser bedrängten äußeren Situation das Bedürfnis, im Judentum inneren Halt zu finden, riesengroß wächst. Denn nur das Judentum, nur das Bewußtsein'des Eingebettetseins in die Kette von Generationen gleichen Schicksals, kann ihnen Halt geben. Der Jude auf der Straße und in seinem Hause weiß | das, aber die jüdischen ״Führer“ wissen es anscheinend j nicht. Und so kann es geschehen, daß ungehindert alle möglichen Personen, die sich selbst zu Führern ernannt haben, Pläne und Programme zum besten geben, die weder der neuen Zeit, noch der wirklichen Stimmung der deutschen Juden entsprechen. Richtige Gedanken werden zu Schlagworten gemacht und ihres Sinnes beraubt. Statt die Tragik der vor uns stehenden Entscheidüng ernst zu nehmen, will man auch der neuen Zeit ein Schnippchen schlagen. Man ist so naiv, zu glauben, daß man dort, wo man eben erst zur Vordertür herausgesetzt wurde, durch eine Hintertür wieder hineinschlüpfen könne. Darin liegt denn doch eine Geringschätzung des Ernstes der Grundsätze, auf denen der nationalsozialistische Staat errichtet wurde. Man soll uns nicht mißverstehen: die Art und Weise, wie der nationalsozialistische Staat die Juden aus dem Staatsleben ausschließt, bedeutet auch für uns wie für alle Juden eine schmerzliche Kränkung und eine schwere Erschütterung. Auch wir hätten gewünscht, daß es anders gekommen wäre. Aber wir versuchen, die Ur- Sachen dieser Entwicklung, auch die Mitschuld der Juden, zu durchschauen und wir hoffen, durch eine Rehabilitierung des Judentums allmählich wieder den Weg zu einem ehrlichen, diesmal auf der Anerkennung unserer Sonderart beruhenden Zusammenleben zu finden. Was aber soll man denken, wenn Juden, die gestern noch diese Sonderart überhaupt geleugnet haben, heute mit Vorschlägen kommen, in denen sie notgedrungen das ״rassische“ Element zugestehen, es aber zugleich bagatellisieren wollen? Diese Leute, die leider auch an nichtjüdische Stellen mit ihren, das Judentum diskreditierenden Erklärungen und Ratschlägen herantreten, beweisen ein völliges Unverständnis der wahren Situation. Sie sehen nicht, daß der nationalsozialistische Staat gerade das Assimilationsjudentum in jeder Form ablehnt. In einer kürzlich erschienenen Broschüre über die Judenfrage, die nicht von einem Politiker, sondern von dem Theologen Prof. Gerhard Kittel (Tübingen) stammt (Verlag Kohlhammer, Stuttgart), schreibt der Verfasser: ״Die berechtigte heiße Leidenschaft des neueren Anti* semitismus entstand und mußte entstehen an dem Assi* milationsjudentum; weil aber keine Anstalten gemacht wur« den, dessen Probleme ernst zu nehmen, nämlich dem Problem der Fremdrassigkeit, der Andersrassigkeit sein Recht zu geben, deshalb sprang die populäre Diskussion um in die TheoTie von der absoluten Minderwertigkeit der anderen Rasse. . . . Nicht dem an seiner ererbten Ueberzeugung und Sitte hängenden Juden gilt der Hauptangriff des deutschen Antisemitismus, sondern dem von dieser Form und Sitte gelösten, dem Entwurzelten.“ ' Die heutige Lage der Juden in Deutschland ist für die Juden nicht befriedigend. Wir müssen uns bemühen, eine bessere Rechtsstellung zu erlangen. Es wurde oft gesagt, daß nicht eine Gleichberechtigung des jüdischen Individuums im liberalistischen Sinne angestrebt werden kann, sondern daß die Ideenwelt und Struktur des neuen Staates nur die Eingliederung der Juden als Gruppe zuläßt. Dies hat aber natürlich nur dann einen Sinn, wenn die Juden durch ihre Gruppenzugehörigkeit charakterisiert sind und mehr als bloß formell Juden sind. Das wird oft mißverstanden. Den Gedanken der Gruppen-Emanzipation nimmt z. B. ein Herr Hans Herzfeld in der Zeitschrift des Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten auf, ohne daraus die geringsten Konsequenzen zu ziehen; er versteht unter Gruppen-Emanzipation die ״Wiedererringung unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und Anerkennung als Deutsche trotz nichtarischer Rasse“. Mit anderen Worten, er stellt unter Verwendung einer von anderwärts übernommenen Terminologie das alte liberalistische Programm auf. Gruppen-Emanzipation bedeutet nicht ״Anerkennung als Deutsche“ unter Bagatellisierung der vom Nationalsozialismus mit so außerordentlichem Elan in den Mittelpunkt gestellten Rassenfrage, sondern An■ erkennung als Juden, deren Rechtsstellung als J u - den geregelt ist und die trotzdem kein Paria-Dasein im Staate zu führen brauchen. Wir können uns sehr wohl denken, daß der nationalsozialistische Staat, wenn die von ihm gefürchtete Einflußnahme der Juden auf den deutschvölkischen Lebenskreis beseitigt ist, den Juden ihre legitime Lebenssphäre in Deutschland zugesteht. Wir verstehen darunter erstens die Möglichkeit der ehrlichen Betätigung im Erwerbsleben; dies muß doch gemeint gewesen sein, wenn nationalsozialistische Führer sagten, die Juden müßten — unter Verzieht auf eine beherrschende Rolle im Staate — sich damit begnügen, ihrem Gewerbe nachzugehen. Zweitens aber glauben wir, daß gerade der nationalsozialistische Staat den Juden auch die Freiheit ihrer jüdisehen Betätigung in Deutschland um so eher gewähren kann, als dies ein Abgleiten der Juden in ein haltloses Desperadotum verhindert und im übrigen weder staatliche noch völkische deutsche Belange tangiert. Der Nationalsozialismus ist dagegen, daß Juden das Deutschtum repräsentieren und dadurch verfälschen; er kann aber nicht dagegen sein, daß Juden ehrlich als Juden leben und für ihre jüdischen Bedürfnisse, die iii ) keinem Konflikt mit Deutschlands Interessen stehen und׳ vom Staate jederzeit kontrolliert werden können, arbeiten. Der Nationalsozialismus bekämpfte leidenschaftlich die ״Judenpresse“, durch die ״jüdische“ Meinungen als deutsche vertreten wurden; aber er hat nichts dagegen einzuwenden, daß jüdische Zeitungen, die das Wort jüdisch an der Stirn tragen, über ihre jüdischen Fragen sprechen. Das ist nicht mehr die alte liberale Gleichberechtigung, die ein unkontrollierbares Durcheinander deutscher und jüdischer Interessen verursachte, sondern eine neue Form, die den neuen Auffassungen entspricht, Daß den Juden diese Möglichkeit gegeben wird, wirkt schon jetzt zugunsten des neuen Deutschlands. So berichten z. B. Berliner Zeitungen über einen Artikel des ״Popolo d'ltalia“, der aus der italienisch-zionistischen Wochenschrift ״Israel“ einen Bericht über die Tätigkeit des Berliner Palästina-Amtes und die zionistische Tätigkeit in Berlin abdruckt und — als italienisch-faschistische Meinung — hinzufügt: ״Wir, die wir in unserem Programm nicht den Antisemitismus haben, sind höchst überrascht Uber solche Nachrichten, denn sie beweisen, daß die Juden in Berlin leben, sich bewegen, sich vereinigen und die Freiheit haben, sich zu Tausenden zu versammeln und alle sie bewegenden Angelegenheiten in Dutzenden von örtlichen Zirkeln, und zwar seit vielen Monaten schon, erörtern zu können. Daß ihre politische und wirtschaftliche und insbesondere moralische Lage schwer geworden ist, mag wahr sein, aber man verbessert sie nicht, wenn man noch einmal in der Welt die Gerüchte ,von den Kindern mit. abgeschnittenen Händen‘ verbreitet.“ Wir sehen, daß der Bericht des ״Israel“ auch der deutschen Auslandspropaganda einen Dienst geleistet hat, indem die Freiheit der jüdischen Betätigung auf jüdischem Gebiet von dieser italienischen Zeitung als ein Aktivam gewertet wird, das am besten geeignet ist, die Greuel-Märchen von ״abgeschnittenen Händen“ 2u wider- •*־־ legen. Instinktiv, so scheint uns, ist hier der Weg beschritten, der allein den Anfang einer neuen, nämlich \ t der ״Gruppen-Emanzipation“ anzeigen kann. Jüdisches Leben im jüdischen Bereich ist möglich, ohne mit den ג Grundlagen des nationalsozialistischen Staates, die wir zu respektieren haben, in Konflikt zu kommen. 1 Die echten und aufrechten Deutschen sehen das > bereits, nur manche Juden sehen es noch nicht. Sie wollen in ihrer Ideologie von gestern, die bankrottiert hat : und von niemandem mehr anerkannt wird, heute noch Führer sein und politische Manöver machen. Oft ver- ■. schanzen sie sich dabei hinter dem Wort ״vaterlän* di sch“. Da man keinen anderen Weg mehr weiß, um die vom deutschen Volk abgelehnte Assimilation zu tarnen, versucht man es auf diese Weise. Man > spricht von ״vaterländischen Juden“ im Gegensatz zu 3 anderen, die demgemäß nicht vaterländisch wären. Wer ist vaterländisch? Wie können Juden heute ihre vaterländische Gesinnung bewähren? Wohl nur da-! durch, daß sie, mit entschlossener und unverminderter vaterländischer Gesinnung und ohne Groll über ihre Rassen-Abstempelung, den Platz einnehmen, den ihnen der neue Staat anweist. Das bedeutet: daß sie Juden sind und sich als solche bekennen. Eine politische Betätigung ist außerhalb der nationalsozialistischen Partei heute weder zulässig, noch möglich und es wäre Wahnsinn, wenn Juden eine ״deutsche Oruppe“ gründen wollten. Innerhalb der nationalsozialistischen Partei ist aber für Juden kein Platz. Eine kulturelle deutsche Tätigkeit wird als Verfälschung deutschen Wesens abgelehnt. Was also soll der ״deutsche“ Inhalt dieser jüdischen Oruppe sein? Fraglos bleiben die deutschen Juden in die deutschen Zusammenhänge einbezogen, aber als Gruppe können sie nur jüdisch sein. Der Staat wird nicht dulden, daß eine jüdische Gruppe unter der Bezeichnung ״vaterländisch“ deutsches Wesen repräsentieren will. Die Juden aber werden nicht dulden, daß Leute, die nicht jüdisch sein wollen, das Judentum repräsentieren. Die Leute, die solche Vorschläge machen, spielen ein gefährliches Spiel. Sie gefährden das Judentum, nach außen und nach innen. Nach außen, indem sie den Anschein erwecken, als ob das deutsche Judentum unter Umgehung der Staatsgrundsätze sich in das deutsche Leben eindrängen wollte; nach innen, indem sie die Kraft der Selbstbesinnung der deutschen Juden schwächen. Denn es ist unzeitgemäß gedacht, wenn Herr Herzfeld heute ״die Scheidung zwischen der deutsch-jüdischen und nationaljüdischen Front“ für notwendig hält. Wir alle, gestern deutsch-jüdisch oder nationaljüdisch, stehen heute vor den gleichen Probleme n. Wir sollen voneinander lernen, wir sollen nicht taub sein gegen die Stimme der Zeit! Wir können heute nur als Juden leben! Erschweren wir uns nicht gegenseitig diese Aufgabel Helfen wir, das Judentum aus seiner Lethargie, aus seiner Entstellung und Verzerrung zu erlösen, so daß es lebensfähig ist, seinen Anhängern Halt und seelische Bereicherung bietet und auch vor der deutschen Welt in Ehren unter jüdischem Namen dasteht. Wenn wir das mit ganzem Einsatz, im Bewußtsein der Schwere der Aufgabe, vollbracht haben, dann wird auch der Weg zur ״Gruppen-Emanzipation“, d. h. zu einer ehrenvollen Eingliederung der deutschen Juden in den neuen Staat, offen sein. (״Jüdische Rundschau“ vom 21. Juli 1933.) ■YJ

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