Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 6 = Juni/Juli (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 6, Juni/JuÜ 1933 M' ' |%^Seite:6• Durch französische Brillen In der antisemitischen Agitation unserer Zeit spielt immer wieder die Behauptung eine große Rolle, daß die Juden im Ausland — und zwar sowohl die deutschen Emigranten wie die im Ausland ansässigen Juden — das heutige Deutschland schmähten und herabsetzten. Wie unrichtig diese Beschuldigungen in ihrer Allgemeinheit sind, geht besonders deutlich aus zwei neuerlichen Pressestimmen des französischen Kulturkreises hervor. Das ״Journal de G6n£ve״ vom 20. Juni bringt einen Artikel über die deutschen Juden in Paris, in dem zuerst die Not, die Angst und Ratlosigkeit dieser zum großen Teil hochgebildeten und an ein gutes Leben gewöhnten Menschen geschildert wird. Ueber die politische Haltung der Flüchtlinge äußert sich der ungenannte Verfasser dann in folgender bemerkenswerten Weise: ״Wenn sie auch manchmal mit leiser Stimme tragische Episoden erzählen, deren Zeugen oder Opfer sie waren, so bleiben sie doch zurückhaltend in ihren Ur- .teilen über die nationalsozialistischen Führer. Viele von ihnen, die in Eile flohen, haben ihre Frauen oder ihre Eltern als Oeiseln zurückgelassen und zittern, sie bloßzustellen. Aber ich möchte auch sagen, daß es ihnen innerlich widerstrebt, Deutschland, und auch das heutige Deutschland, zu diskreditieren. Denn sie haben ein tiefes Gefühl für ihr eigenes Deutschtum (,,ils se sentent profondäment allemands“). Wenn Hitler innen plötzlich einige Milderung zeigte, so würden wohl viele von ihnen ihn loben.“ Der Verfasser beschreibt dann die verzweifelten Bemühungen dieser Emigranten um eine Stellung oder sonstigen Erwerb, und die großen Schwierigkeiten, denen sie aus verschiedenen Gründen dabei begegneten. Manche französischen Kreise hätten Furcht vor der Konkurrenz dieser Einwanderer, und die Regierung habe keinerlei Neigung, sich die Schwierigkeiten, die sie früher mit der antifaschistischen italienischen Emigration hatte,• nochmals zu bereiten. Auch fürchte man Massendnbürgerungen, ״die nur ein dünner Firnis wären über Naturen, die, wie ich ,wiederhole, im Grunde deutsch sind״. Auch die ,jüdischen Flüchtlinge selbst fühlten dies sehr wohl. ״Einer dieser Flüchtlinge sagte in einer Diskussion über diese Frage mit verblüffender Treuherzigkeit: ״Nein, ich glaube nicht, daß man in drei Wochen Franzose werden kann.״ , Der Verfasser verweist zum Schluß darauf, daß es' eine tragische Ironie des Schicksals wäre, über die die Juden wohl nachdenken sollten, daß sie, die fast überall hartnäckige Anbänger der Revolution gewesen seieij, und zwar nicht so sehr aus Messianismus als um so die Erniedrigung ihres Volkes zu überwinden, heute gerade in den bürgerlichsten Ländern ' wie England, Holland, Frankreich und der Schweiz ihre Zuflucht vor den Verfolgungen revolutionärer Massenbewegungen finden. In anderer Weise ist ein sensationell aufgemachter Artikel ßt&'.de» Pariser ״Figaro״ vom 15. Juni interessant. Dieses dem berüchtigten Parfümfabrikanten Coty gehörende Blatt ist — ^r'^hnHch wie etwa in England die ״Momingpost״ und die ^4^,Eoglfolr Review״ — gleichzeitig deutschfeindlich und Juden- ■^ JeindHch. Dementsprechend erhebt Coty in dem genannten Artikel gegen die sog. int ernationale jüdische J^'Hochfinanz, besonders repräsentiert durch die bekannte New Yorker Firma Kuhn, Loeb & Co. und ihren Leiter Otto H. Kahn, die schwere ״Anklage״ fortwährender anti- Tf*nzösischer Betätigung zugunsten Deutsch- Dagegen wird J. P. Morgan, dessen sensationelle *י" Aussagen vor der amerikanischen Untersuchimgskommission ihn selbst ebenso wie eine ganze Reihe amerikanischer Politiker schwer komprimittierten, von Frangois Coty als unschul- Opfer jüdischer Intrigen hingestellt. Derselbe Morgan, Mjr,;־■-:•,'der von der deutschen antisemitischen Presse in den letzten Ipgy Tagen immer wieder — durchaus unzutreffend erweise — als r ‘׳ Jude oder gar als einer der nichtexistierenden ״Weisen von Zion״ hingestellt wird, wird von Coty als Arier und Franzosen? re und gelobt, den die ״jüdisch-germanUch-amerikanUchePresse״ eben wegen seiner Zuneigung für Frankreich zu kompromittieren sucht. Während Morgan im Kriege sowie später, vor allem bei der Gewährung des Stabilisierungskredits für den Franc, seine profranzösische Gesinnung in hervorragender Weise bewiesen habe, sei es die jüdische Bankfirma Kuhn, Loeb & Co. gewesen, die dem Präsidenten, Hoover im Sommer 1931 die Intervention zugunst en Deutschlands (das sog. Hoovermoratorium, das praktisch das Ende der deutschen Reparationen bedeutete!) abgezwungen habe. — Es ist nicht nötig, die teilweise sehr phantasievollen Ausführungen Cotys näher zu erörtern: cs genügt, zu zeigen, wie dieselben New Yorker jüdischen Ban- Iciers, die von ihm als deutschfreundlich beschimpft werden, von den deutschen Antisemiten des Deutschenhasses angeklagt werden, und wie derselbe notorische Deutschenfeind j. P. Morgan, eben wegen seiner Stellungnahme, in Frankreich als Arier und bei uns als Jude gilt! A. P. (״Jüdische Rundschau״ vom 30. Juni 1933.) Gegen füdhehen Religionsunterricht Die ״Allensteiner Zeitung“ berichtet über eine Stadtverordnetensitzung, in der der Etat der Stadt beschlossen wurde. Nach dem Bericht des erwähnten Blattes beanstandete Stadtverordnetenvorsteher Manger, ״dab in den Haushaltsplan noch einmal die Kosten für jüdischen Religionsunterricht in drei Schulen eingesetzt sind und daß der Magistrat diese Maßnahme auf veraltete Oesetze aus den Jahren 1847, 1848 und 1872 stütze^ die man nicht so auslegen dürfe, wie es geschehen sei. Die jüdische Religion sei keine Staatsreligion wie die beiden christlichen Bekenntnisse, sondern nur eine unerfreuliche Sekt e.“ Selbst wenn man vom Judentum nichts hält und die Juden bekämpft, müßte man doch anerkennen, daß Juden, solange sie Steuern zahlen, auch gewisse Ansprüche auf )Befriedigung ihrer kulturellen Bedürfnisse haben. Im übri-!ea ist. es besonders seltsam, daß jene Kreise, welche die luden als moralisch minderwertig halten, ihnen gerade den 'eligionsunterricht entziehen wollen. v..'. ■ Eia Natfonaltozialüt Ober da• Weltfudenhim Der preußische Pressedienst der NSDAP, verbreitet einen Artikel des nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten W i 1h.elm Börger, der im ״Dortm. G.-A.“ unter dem Titel ״Macht und Ohnmacht der 300“ abgedruckt war. Im ersten Teil seines Artikels zitiert Herr Börger ausführlich antideutsche Aeußerungen von John Pi erpont Morgan, den er nicht nur als Juden bezeichnet, sondern sogar den ״ungekrön« ten König der Juden״ nennt. Nach weiteren Ausführungen gelangt Börger dann zu folgender Zusammenfassung: ״Die Weltgeschichte bekommt heute iliren Sinn wieder; allerdings ihren Sinn, wie wir Deutschen die Weltgeschichte sehen, und nicht wie ein Rathenau die Weltgeschichte sah. Die Verbrecher, dje kommunistische, sozialdemokratische und bürgerliche Zeitungen in den Händen hatten, lind die von der Demokratie sprachen und jüdische Weltherrschaft meinten, kommen jetzt in das Rampenlicht der Weltgeschichte. Am 9. November 1918, da pflanztet Ihr als Triumphatoren Euren Judasstern in Genf im Völkerbund und im Jahre 1919 im Versailler Diktat auf, da setztet Ihr den Judasstern als äußeres Zeichen Eurer Macht über die blutenden, geknechteten und verzweifelten Völker. Noch nie hattet Ihr in 2000 Jahren vergangener Geschichte eine solche Macht wie an diesem Tage, da Deutschland durch Eure Wühlereien den Krieg verlor. Das war am 9. November 1918. aber 14 Jahre später, am 30. Januar 1933, da habt nicht ihr Juden, sondem da haben wir Germanen, unter der Führung Adolf Hitlers, den Krieg gewonnen, und wir werden dafür sorgen, daß das Sterben der zwei Millionen niemals umsonst gewesen ist. . . . Wir werden nicht ruhen und rasten, bis dieser Schleier, bis dieser Vorhang vom Theater der Weltgeschichte, hinter dem Ihr saßet, hinter dem Euch keiner vermutete, endgültig gelüftet ist. Jaw׳ohl, die Weltgeschichte war so verworren, weil wir die Rassenfrage nicht kannten. Der gordische Knoten ist gelöst Heute kennen wir die Gesetze, nach denen Völker leben und sterben. Und Weil wir sie kennen, können wir auch als Arzt auftreten und die Krankheitsherde ausmerzen, die unseren Volkskörper verseucht haben. Meine Herren vom Weltjudentum, das Spiel ist aus! Bei den Persern fingt Ihr an und wolltet jetzt Europa und die Welt zerstören. Ihr habt die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Heute präsentieren wir Euch die Quittung. So wahr wir Nationalsozialisten sind!״ Zu diesen Ausführungen möchten wir zunächst bemerken, daß der amerikanische Bankier Morgan ein reiner Arier ist, so daß schon aus diesem Grunde ein großer Teil dei* Folgerungen wegfällt. (Vgl. dazu den an anderer Stelle unserer heutigen Ausgabe zitierten Artikel des französischen Antisemiten und Deutschenfeindes Coty im ״Figaro״.) Im übrigen aber glauben wir, daß die Tatsachen der Weltgeschichte sich anders abgespielt haben, als es für Leser dieser Ausführungen den Anschein haben könnte, und wir sind weit entfernt von der Ueberheblichkeit, anzunehmen, daß die Juden bei den großen geschichtlichen Auseinander- Setzungen der Völker eine solche Rolle gespielt haben, wie ihnen hier beigemessen wird. Gerade der Weltkrieg hat dem jüdischen Volk unermeßliches Unglück gebracht, Vernichtung großer jüdischer Massensiedlungen und viele tausende Blutopfer; das Versailler - Diktat stammt von ganz anderen Mächten als den Juden, und gerade Juden aller Länder haben gegen seine Ungerechtigkeiten oft protestiert. In Wahrheit haben die Juden stets nur eine Rolle gespielt, die zwar nicht geschichtlich, aber psychologisch in die Waagschale fällt: die des S ü n d e n b o c k s. (״Jüdische Rundschau״ vom 30. Juni 1933.) Juden und deutsche Kultur Bei der Rhein-Mainischen Kulturkundgebung in Frankfurt a. M. hielt auch Reichsstatthalter Sprenger eine Ansprache, über die (gemäß ״Frankfurter 2eitung״) WSN einen Bericht verbreitet, der u. a. folgenden Absatz enthält: ״Wohl habe Frankfurt im letzten Jahrhundert einen hervorragenden Platz im deutschen Kulturleben erhalten, aber diese Kultur sei in Wirklichkeit nicht deutsch gewesen. Das vergangene System habe das Judentum in der deutschen Kunst immer stärkeren Einfluß gewinnen lassen, so daß das Judentum für sich den Ruhm in Anspruch nanm, Träger der deutschen Kultur zu sein. Niemals aber könne eine kleine Gruppe des Volkes Träger des Kulturlebens einer Nation sein, sondern stets nur das gesamte Volk.״ Der Redner hält anscheinend unterschiedslos jede Beteiligung von Juden am deutschen Kulturleben für ab* lehnenswert, auch dort, wo diese Beteiligung in den Augen der Welt dem Deutschtum nicht zur Schande gereicht hat. Dabei können wir immer wieder feststellen, daß in nationalsozialistischen Kreisen eine eigentümliche Besorgnis besteht, man könnte die Juden als geistig überlegen halten. So finden wir z. B. in der ״Nationalsozialist!* sehen Landpost“ (München) einen Aufsatz von Wil* heim Staudinger unter der Ueberschrift ״Sind die Juden uns geistig überlegen?“ In diesem Aufsatz wird zunächst der Armenier-Metzeleien gedacht und festgestellt, daß man sich in weiten Kreisen bis heute über die Hintergründe dieses Ausrottungsfeldzuges nicht im klaren sei und diesen als verabscheuenswürdige und barbarische •׳Tat betrachte. * Man müsse jedoch bedenken, daß der Haß der Türken gegen die Armenier nicht unbegründet gewesen sei wegen der körperlichen und geistigen Beschaffenheit dieses Volkes. Die Armenier seien noch viel schlimmer als die Juden, obwohl beide grundsätzlich von der gleichen Rasse sind. Was die Juden betrifft, fährt der Verfasser fort: ״Wenn die Juden da und dort einiges geleistet haben, das nicht vollkommen wertlos ist, so beruht dies auf ihrem nicht-armenischen, vorab europäischen Rasseneinschlag, der ihnen seit den ältesten Zeiten (z. B. Philister!) zufloß. Dieser Einschlag ist jedoch so gering, daß er sie nicht instandsetzte, auch nur annähernd die kulturelle Höhq etwa eines Balkanvolkes zu erreichen. Der typische Jude ist rein geistig, also unschöpferisch eingestellt. Aber auch im Bereich der absoluten Geistigkeit, des reinen Intellektes reicht er an den Deutschen nicht heran.“ Um diesen Satz zu belegen, wird dann die Leistung Einsteins verächtlich abgetan, dagegen eine Reihe von arischen Physikern und Philosophen genannt. Schließlich wird festgestellt, daß der Jude an germanische Genies niemals heranreicht und uaß daher der jüdische Arzt und jüdische Rechtsanwalt keinem intelligenten Deutschen überlegen wäre. Er schließt: ״Die Ausmerzung des jüdisch-armenischen Einflusses wird auch hier für die Kulturentwicklung Deutschlands bestimmt keine Nachteile, sondern nur Vorteile mit steh bringen. Der Aberglaube von der jüdischen Ueberlegenhelt muß und wird verschwinden.*‘ Die Juden haben niemals die Leistungen germanischer Genies herabgesetzt. Gewöhnlich waren Juden unter den ersten, die solchen Genies zujubelten und ihnen manchmal auch in hingebungsvollem Dienst den Weg bereiteten. Eine Anerkennung von Namen wie Kant, Kepler, Leibniz usw., die Staudinger anführt, ist für Juden eine Selbst verstand• lichkeit. Ohne einem ״Balkanvolk“, das auch ein respektables Volk ist. nahetreten zu wollen, erlauben wir uns iedoch zu bemerken, daß es sehr maßgebende Kreise gibt, die über die kulturelle Bedeutung des Volkes der Bibel anders denken als der Verfasser des hier zitierten Artikels. (״Jüdische Rundschau״ vom 4. Juli 1933) Schädliche Wichtigtuerei Bewerte Zeiten gaben stets agilen Elementen Gelegenheit zur Betätigung, und nicht selten kann man beobachten, daß auch politische Angelegenheiten dazu benützt werden, einzelnen Leuten oder Gruppen in der Oeffentlichkeit Beachtung zu verschaffen, die sie früher nicht gehabt hatten. Diese Erscheinung beobachten wir jetzt in bezug auf die Lage der deutschen Juden. Die deutsene Judenfrage ist in ein akutes Stadium geraten, und ihre Entwirrung ist ein überaus schvrieriges und delikates Unterfangen. Mit grobschlächtigen Hän* den kann man da mehr schaden als helfen. Leider sind sich auch die jüdischen Personen und Gruppen, die sich — vor allem im Ausland — mit diesen Dingen beschäftigen, nicht immer ihrer Verantwortung bewußt. Uneingeweihte halten dann, die Produkte irgendwelcher bedeutungsloser Einzelpersonen für eine Aktion des Judentums schlechthin. Dies zwingt uns, uns einmal ganz offen mit dieser Sache zu beschäftigen. Wir haben seit Jahren, als die nationalsozialistische Partei noch nicht an der Macht war und ihre Machtergreifung vielen sehr unwahrscheinlich schien, uns häufig mit aller Schärfe dagegen des sich überlege'n dünkenden Intellektuellen hielten wir einer elementaren volkstümlichen Bewegung gegenüber für höchst deplaciert. Das Wachstum der nationalsozialistischen Bewegung war für uns Juden stets eine höchst ernste Angelegenheit, und wir standen dafür ein. die Ursachen und Grundlagen dieser Entwicklung zu studieren, vor allem auch ihre Be- Ziehungen zur objektiven Judenfrage sachlich zu prüfen, nicht aber uns dieser Notwendigkeit durch billige Mätzchen zu entheben. Ebenso wie wir es damals taten, müssen wir auch heute gegen die Art und Weise Einspruch erheben, wie manche jüdischen Gruppen im Ausland heute gegen den neuen deutschen Staat Propaganda zu machen versuchen. Da gibt es z. B. eine Gruppe in England, die sich bombastisch ״World Alliance for combating Antisemitism“ (״Welt-Allianz zur Bekämpfung des Antisemitismus“) nennt. Die Bezeichnung ״Welt-“ ist sehr billig, und häufig kann man beobachten, daß irgendein kleiner Verein oder eine unbedeutende Gruppe sich selbst das Attribut ״Welt“ verleiht. Nach unseren lnformationen ist die ״World Alliance״ nicht nur eine rein lokale Sache eines kleinen Londoner Literatenkreises, sondern vor allem stehen auch die offiziellen Stellen der Verbände der englischen Judenschaft dieser Gründung vollständig fern, wir haben durch Zufall ein Pamphlet zu Gesicht bekommen, das sich MJ״accuse“ nennt und das völlig ungeprüftes, zum Teil gröblich entstelltes, ganz augenscheinlich von unkundiger Hand redigiertes Material über die deutschen Vorkommnisse enthält, darüber hinaus aber die dümmsten und abstoßendsten Karikaturen und sonstige Verächtlichmachungen von führenden Personen des neuen Deutschlands. Das ist nicht die Art und Weise, in der man einen Kampf um jüdische Rechte führen kann. Das ist auch keine würdige Vertretung der jüdischen Sache. Solche niveaulosen Geschmacklosigkeiten sind eine beleidigende Verkennung des tiefen Ernstes der Auseinandersetzung, in der die deutschen Juden stehen. Wir als Zionisten sind berechtigt, uns mit aller Entschiedenheit von solchen Publikationen und anderen Aktionen dieser Art, wie sie auch in Paris und anderen Städten Vorkommen, zu distanzieren, weil wir stets solche Methoden des Kampfes in der Judensache abgelehnt haben. Eine Besserung der Lage der deutschen Juden wird dadurch gewiß nicht erreicht, aber unsere Anstrengungen, eine Lösung der Probleme zu erreichen, werden diskreditiert, wenn das jüdische Konto mit solchen bedauerlichen Produkten belastet wird. (״Jüdische Rundschau״ vom 20. Juni 1933.) Gut und Böse Der ״Völkische Beobac hter״ (München) berichtet am 6, Juli unter der Ueberschrift ״Deutschland im Kampf gegen das Weltjudentum״ über einen Vortrag von Dr. Schott, dem Herausgeber der Schott-Briefe, der eine Verherrlichung der germanischen Rasse zum Inhalt hatte. Im Verlaufe dieses Vortrags hat der Vortragende, so wird berichtet, aus einem Buch ״Die Memoiren des Satans“ von Hans Hauptmann vorgelesen, worin die Weltgeschichte der letzten hundert Jahre £us der Perspektive des Teufels betrachtet wird. In dem Bericht des ״Völkischen Beobachters״ heißt es dann u. a.: ״Nach dem Motto Spenglers: ,Ueber Geschichte muß man dichten‘, wird hier in genialer Art und Weise die Weltverfolgung des Deutschtums als ein mit allem Raffinement ausgeklügeltes System des Judentums im Bunde oder als Vertreter des Teuflischen enthüllt.... Aber trotz dieses Zerstörungssystems des Judentums hat sich das Lichtvolle und Gute im Germanentum wieder durchgerungen.... Dr. Schott betonte, daß der Kampf des Welt- Judentums gegen das neue Deutschland nicht der Sorge um ein paar ihrer Existenz beraubten deutschen Juden entspringe, sondern der ungeheuren Wut, sich in letzter Stunde um die Früchte einer!()®jährigen Zerstörungsarbeit gebracht zu sehen. Das neue Deutschland habe einer, unerhört harten und schweren Kultur- und Wirtschaftskampf gegen das Judentum zu führen. Aber da nun die Zufuhr neuen Giftes unterbunden sei, sei der Sieg dieses Kampfes, der Sieg des Guten und Reinen, die Rückkehr zum germanischen Fr inzip des Guten gewiß und unaufhaltbar. In diesem Sinne hat der Führer zu diesem neuen deutschen Leben eine göttliche Mission zu erfüllen, die sich als der heroische Kampf des Guten gegen das Böseinde!־Welt für ewig in die Geschichte der Völker eingraben wird.“ Nach einem klassischen Buch des Judentums steht am Anfang der Menschheitsgeschichte der Satz der Schlange: ״Ihr werdet sein wie Gott, wissend um gut und böse“, der Satz, den bekanntlich Mephisto dem Schmer ins Stammbuch schreibt. Die Problematik von Gut und Böse, der Menschennatur innewohnend, ist der Gegenstand des jahrtausende langen. geistigen Ringens des Judentums, dessen zentrale Figuren nicht Kriegshelden waren, sondern Propheten und Märtyrer. Es ist sicherlich ein guter Rat Spenglers, daß man Geschichte ״dichten“ müsse. Aber man darf sich auch in einer solchen Dichtung die Verteilung von Gut und Böse nicht so leicht machen, wie es der Vortrag, über den hier berichtet wird, offenbar getan zu haben scheint.