Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-07-01 · 6 = Juni/Juli (7.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
6 = Juni/Juli (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10855476-10855470-2653736--124-2691782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Mon&tsausgabe Nr. 6, Juni/Juli 1933 Aktuelles Der Zionistenkongrefj von 1897 Von Theodor Herzl. In den Jahren nach dem Weltkrieg hat der Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina die moralischen und materiellen Kräfte der zionistischen Bewegung so sehr in Anspruch genommen, daß der Zionistenkongreß, der sich vorwiegend mit Wirtschafts fragen Palästinas zu befassen hatte, ein ganz anderes Gesicht erhielt als der ursprünglich von Herzl geschaffene Kongreß hatte. Anläßlich der Einberufung des 18. Zionistenkongresses für den 21. August ist es vielleicht am Platze, die Worte in Erinnerung zu bringen, mit denen Theodor Herzl 1897 die Einberufung des ersten Kongresses motivierte. Wir geben nachstehend Teile aus folgenden Aeußerungen Herzls wieder: 1. ״Der Kongreß״, einem Aufsatz, der vor dem Kongreß im zionistischen Zentralorgan ״Die Weir erschien, 2. aus der Eröffnungsrede des ersten Baseler Zionistenkongresses, 3. Bruchstücke aus dem Aufsatz ״Der Baseler Kongreß?*, den Herzl nach Abhaltung des Kongresses veröffentlichte. Sämtliche Aeußerungen stammen aus dem Jahre 1897. Die mehr aktuellen politischen Teile, die sich z.B. auf dasVerhältnis zur damaligen Türkei beziehen und die dadurch vollständig veraltet sind, haben wir weggelassen. Was aber Herzl anläßlich des Kongresses über die Judenfrage im allgemeinen sagt, scheint uns noch heute ebenso aktuell wie im Jahre 1897. Diese Zitate aus Theodor Herzls Schriften seien zugleich eine Vorbereitung der Gedenkfeier, die wir am 20. Tammus (14. Juli) anläßlich seines Todestages begehen. Red. Der für Ende August nach München einberufene Kongreß wird vermutlich ein Datum in der Geschichte der Juden bilden. Schon jetzt hat der Kongreß die Ehre, recht lebhaft bekämpft zu werden. Und er hat das Glück, in seiner Existenz gesichert zu sein. Alles, was die Juden betrifft, wird von jeher mißverstanden oder entstellt. Nicht anders ergeht es unserer Bewegung. Aber schlimmer als die geringfügigen Spötteleien unserer Feinde wirkt in diesem Falle die Angst mancher unserer Stammesgenossen, die um des Himmels willen nur von einer Judensache nichts hören mögen, und gar von einer gemeinsamen Judensache! Denn unseren Gegnern muß es gestattet sein, von Land zu Land einander die Hände zu reichen. Uns nicht. Wir müssen als Zusammengehörige verfolgt werden und dürfen uns nur in kraftloser Isolierung wehren, wenn überhaupt . . . Was ist das aber für eine gemeinsame Sache, die wir in München Vorhaben? Soll da etwa ein internationaler Bund geschlossen werden zur Bekämpfung unserer christlichen Mitbürger oder zur Herstellung einer Organisation, welche den Erdkreis umspannen und dem jüdisehen Einflüsse dienstbar machen soll? Wir empfehlen nicht nur unseren Freunden, sondern auch unseren rechtschaffenen Feinden, solche abenteuerlichen Erzählungen mit Verachtung abzuweisen und sich die Erzähler daraufhin anzusehen, ob es Einfaltspinsei oder dunkle Ehrenmänner seien. Was wir wollen, sagen wir selbst, sagen es in aller Einfachheit, und wenn der Ton der Wahrheit in unseren Worten ist, weiden alle wahrheitsliebenden Menschen ihn herausfühlen. Mit den inneren Zuständen unserer Vaterländer beschäftigen wir uns weder auf dem Kongreß noch anderswo in einer gemeinsamen Weise. Ln diesen Dingen haben wir nichts Gemeinsames und perhorreszieren ausdrücklieh und nachdrücklich jederlei Zusammenwirken. Wir wären doch töricht, wenn wir in die Oeffentlichkeit gingen, um uns über dergleichen zu verständigen. Wer vernünftig und ruhig nachdenkt, wird vielmehr gerade im Gegenteile finden, daß die geplante öffentliche Erörterung der jüdischen Frage ein Beweis für die vollkommene Loyalität unserer Bestrebungen ist. Der Kongreß ist nur soweit international, als es die Frage selbst ist. Zur Lösung dieser in vielen Ländern bestehenden, gleichartigen, wenn auch verschiedentlich abgestuften Schwierigkeiten ist das Zusammenwirken von Juden aus all den Ländern erforderlich. Das wollen wir — nichts drunter und nichts drüber. Wir stecken nicht den Kopf in den Sand: die Judenfrage besteht, sie wird sogar von Tag zu Tag ärger, und wo sie heute nicht!st, wird sie morgen sein. Sie kann ohne unser Hinzutun nicht in einer friedlichen Weise gelöst werden. Darum Ist das Werk, das wir unternehmen, ein Versöhnungswerk. Wir konzentrieren die immerhin nicht unbedeutenden Kräfte der Judenheit auf diesen Punkt. Es ist jetzt nicht der Augenblick, langwierig und eingehend zu besprechen, wie das im einzelnen geschieht und noch weiter zu geschehen hat. Der Ernst, das Maß und die Offenheit in unserem Wirken können unserer Sache auch nichtjüdische Sympathien erwerben, daran ist nicht zu zweifeln. Die Verhandlungen des Kongresses werden hoffentlich einiges an dem herkömmlichen Bilde, das man sich von den Juden macht, berichtigen. Schon stehen uns allerwarts Freunde von einer neuen Art auf, Freunde, die sich wahrhaftig nicht als Antisemiten an unserem Gedanken begeistern, die mithelfen wollen, diesen alten Jammer aus der Welt zu schaffen. Wie groß der Jammer der zerstreuten Juden ist, das weiß man außerhalb des Judentums eigentlich noch gar JÜDISCHE RUNDSCHAU ״r": ז- ׳< .. 'י־ (\ von vor 36 nicht. Der Kongreß wird eine Uebersicht der Lage lie• fern und die Mittel zur Abhilfe beraten. Und das soll geschehen ohne Gewinsel, ohne Betteleien, aber auch ohne Schmähung der Andersdenkenden. Der Kongreß hat eine so große Aufgabe, daß er über Nichtigkeiten ruhig zur Tagesordnung übergehen wird. ♦ Die Gemeinsamkeit unserer Geschicke hat eine lange Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Teile des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gegeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen, fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohlbekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon hatten, war Ueberraschung, die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schacherns entwöhnte Judentum bekam einen Stich mitten ins Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Tränendrüsen unserer Gegner appellieren wollen. Wir sind mit uns im reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig und grimmig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen, als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen Hause manches, was der Besserung dringend bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber in dem alten Hause willkommen, weil es wohlbekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Ent- Wicklung des zionistischen Programms zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehe-, dem für unmöglich Gehaltenes zuwege gebracht; die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judentums mit den konservativsten. Da sich dies ereignet hat, ohne daß von der einen oder der anderen Seite unwüi- (dige Konzessionen gemacht, Opfer des Intellekts gebracht worden wären, so ist dies ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfte, für das Volkstum der Juden. Ein solcher Zusammenschluß ist nur möglich auf der Grundlage der Nation. Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Notwendigkeit jeder einsieht. Die Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nicht deutlieh und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern die internationale Diskussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimiert auch die Einberufung unseres Kongresses. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine frei mütige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Kontrolle der öffentliehen Meinung. Es wird einer der nächsten,schon jetzt in großen Umrissen wahrnehmbaren Erfolge un־ serer Bewegung sein, daß wir die Judenfrage in eine Zionsfrage umwandeln werden. Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten angepackt werden. Der Kongreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbewußtseins beschäftigen. Auch auf diesem Punkt haben wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wir denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Kultur aufzugeben, sondern den־ ken an ein weiteres Vertiefen der Kultur, wie es jedes Wissen bedeutet. * Wenn wir als eines der wichtigsten Ergebnisse des Kongresses das hinstellen dürfen, daß man fortab überall genau über das bisher entstellte oder verschwiegene Wesen des Zionismus unterrichtet ist, so dürfen wir darin doch nur ein erstes Ergebnis erblicken. Durch die ganze Anlage unserer Bewegung, die sich am hellen Tag unter aller Augen abspielt, sind wir auf das Wohlwollen, die Mithilfe der öffentlichen Meinung und der beteiligten Regierungen angewiesen. Wenn unser Bestreben, eine große und wachsende Schwierigkeit zu beseitigen, wirklich die Sympathien in dem Maße geweckt hat, wie wir es zu bemerken glauben, so muß man uns entschieden helfen. Es wird sich bald zeigen, ob man unsere gute Absicht versteht und wiirdigt. Wir können, wir werden nur arbeiten, wenn man uns bereitwillig hilft. Andernfalls müßten wir uns damit begnügen, der öffentlichen Diskussion eine neuest Grundlage gegeben zu haben, und müßten ruhig ab- # warten, bis sich das Verständnis überall klärt. Wün- ' sehen die Regierungen eine Lösung der Judenfrage, die 4 alle Teile befriedigt, so werden sie Gelegenheit haben, das durch ihr Entgegenkommen zu zeigen. Haben wir 7 uns bisher von Exaltationen freigehalten, so liegt jetzt weniger als je ein Grund vor, die Bahn der Besonnenheit, der gesunden und ruhigen Arbeit zu verlassen. Der Zk>- nismus hat bisher den Juden nicht geschadet, er wird ihnen auch weiterhin nicht schaden. Im Gegenteil, Gar manche, die den Namen unseres Stammes mit einem Tone der Verachtung auszusprechen gewohnt waren, sind von unserer Bewegung betroffen, vielleicht sogar schon beschämt. Ein wackerer Bürger von Basel, der auf der Galerie den Verhandlungen des Kongresses bei- 7 gewohnt hatte, drückte das in einer naiven Weise aus. Er sagte beim Fortgehen zu einem unserer Leute, den er wohl auch für einen Zuschauer hielt: ״So habe! ich mir die Juden nicht vorgestellt.“ Es ist Reue und das Aufkeimen einer besseren Erkenntnis in 7 diesem einfachen Wort. Von bösen Legenden umspon-; nen, von Anklagen entstellt, ist unser Bild in der Vor- ‘ Stellung der Völker. Hätte unser Kongreß( nichts anderes ־? zu Wege gebracht, als daß man uns nicht mehr samt ־K und sonders für beutegierige Schwindler hält, daß man ״ ־ dazu angeregt wird, jeden von uns nach seinen Werken ׳ zu messen, so wäre damit doch immerhin auch schon 7 einiges gewonnen. Und wir haben auf dem Kongreß des : ferneren bewirkt, daß sich das Judentum aus der knienden‘ 7 Stellung, die es einigen Geldsäcken gegenüber einnahm, aufzurichten begonnen hat. Die Judenfrage passioniert noch heute wie in alten Zeiten die Gemüter, und in diesem Jahre des Heils ist, man noch ebensowenig zu ruhiger Rede über die Juden abgeklärt, wie in den achtzehn Jahrhunderten, seit unsere besiegten Vorväter in die Kriegsgefangenschaft fortgeschleppt und über den Erdkreis verstreut wurden. Und da wagen es manche Juden, zu behaupten, daß es eine Judenfrage überhaupt nicht gebe. Nein, nein, die Juden-׳ frage ist leider wirklich vorhanden, und wer sie am. Leib oder an der Seele erfahren hat, der wird den Schmerz nie wieder los. Und in solcher Lage befinden sich die meisten Juden der Welt. Es ist heute so wenig; wie je vorher meine Absicht, eine empfindsame Stirnmutig, für die Juden hervorzurufen. Ich konstatiere ei»• fach, daß wir leiden. Max Nordau hat‘das‘ auf dem; Baseler Kongreß in Worten gesagt, deren edlen Schmerz und Wohlklang man nicht übertreffen kann. Er meinte: ״Das ist die sittliche Judennot, die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht.“ Es sei unumwunden eingestanden, daß wir Zionisten das moralische Leiden der Juden für das größere halten, obwohl wir in manchen Ländern Brüder haben, welche blutig verfolgt, mißhandelt, im Erwerb und in der Sicher* heit des Besitzes beeinträchtigt werden. Grausamkeiten / und Notstände aller Art müssen auch andere Volks* minoritäten und Individuen in der ganzen Welt erdulden, da wir noch weit sind von jenem idealen Zustande, wo jeder durch die Gerechtigkeit aller die Erdentage glückselig verbringen wird. Wir verlangen auch nicht, daß es gerade den Juden besser gehen müsse als anderen Men* sehen. Nur das odiose Privileg möchten wir beseitigen, daß wir eine Ausnahmestellung einnehmen sollen, weil wir als Juden geboren sind. Jedem nach seinen Werken! ist auch unser Spruch, und wir sehen zur Herbeiführung dieses gerechteren 'Zustandes kein anderes Mittel, als die Her- Stellung einer rechtlich gesicherten, dauernden Heimstätte für das jüdische Volk. (״Jüdische Rundschau“ vom 7. Juli 1933.) Knrleben am Toten Heer Am Toten Meer wird gegen wärtig ein Bade- und Kurort angelegt, dessen erste öffentl. Einrichtungen, ein großes Restaurant am S e e u f e r mit B a d e a ת s t a 1t, soeben in Anwesenheit von Vertretern der Behörden und Interessenten jüdischer und arabischer Gesellschaften feierlich eröffnet wurden. Von der Regierung in Jerusalem waren der stellvertretende erste Sekretär Nurok, der Direktor des Departments für öffentliche Arbeiten, Pudsey, und der Direktor des Einwanderungsamtes, Hyamson, erschienen. Der Vorsitzende der Kallia Seaside and Health Resort Ltd., Major T.O. Tu 1loch, hielt eine Ansprache, in der er erklärte, man habe iür den neuen Badeort den Namen K a 111 a in Anlehnung an die altarabische Bezeichnung für Pottasche (Kali) gewählt, um einerseits auf den Kalireichtum des Toten Meeres hinzuweisen, andererseits an die Blütezeit der arabischen Kultur im 8. und 9. Jahrhundert zu erinnern, eine Zeit, in der sich jüdischer und arabischer Geist vereinigten. Tulloch und die übrigen Mitglieder des Direktoriums der Gesellschaft, Dr. F. A; Van Vriesland, Horowitz und Green, führten die Besucher durch die Anlagen und erklärten, es sei beabsichtigt, mit dem Bau eines großen Hotels zu beginnen, in dem Touristen und Kurgäste billige Unterkunft finden sollen. Es wird ferner ein großes Diesel-Motorboot für 80—100 Passagiere in Dienst gestellt werden, das regelmäßig Fahrten rund um das Tote Meer unternehmen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.