Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 6 = Juni/Juli (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10855476-10855470-2653736--122-2691780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Monatsausgabe Nr. 6, Juni/Juli 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Die Sonderstellung der Juden Die Vorgänge der letzten Tage haben die Probleme, die sich bei dem Aufbau des neuen deutschen Staates ergeben, mit Deutlichkeit in Erscheinung treten lassen. Das große geschichtliche Ereignis, das sich in Deutschland vollzieht, ist die Schaffung eines neuen Staats- Typs, der nicht mit Maßstäben anderer Staatssysteme zu messen ist. Die Entwicklung nach dem Kriege hat dazu geführt, daß neben die bis dahin maßgebenden Staatsformen der neue Typus des Massenstaates getreten ist, dem eine aus dem Volk hervorgegangene Bewegung, die zunächst das Zwischenstadium einer Partei durchmachte, schließlich das Gesicht gibt, indem die Parteiform abgestreift und die Bewegung mit dem Staat verschmolzen wird. Der bekannte Jenaer Völkerrechtslehrer Prof, Koellreutter hat in seiner neuen Schrift ״Vom Sinn und Wesen der nationalen Revolution“ (Verlag Mohr, Tübingen) die drei Staatstypen der modernen Welt gckennzeichnet: die ״liberale Demokratie“ des 19. Jahrhunderts (Staatsideal für England und Frankreich), der ״nationale Rechtsstaat“ des Faschismus, während der dritte Typus, der bolschewistische Staat, als ״Nicht- Rechtsstaat“ bezeichnet wird. Innerhalb des faschistisehen Staatstypus wird dem deutschen nationalsozialistisehen Staat ein besonderer Platz zugewiesen, dessen Eigenart sich aus der deutschen nationalen Revolution ergibt. Für diesen neuen Typus des Staates ist nach Ueber- Windung des Anfangsstadiums die Auseinandersetzung mit den Resten der früheren Machtträger, die dem Totalitätsanspruch der herrschenden Partei widerstreben, unvermeidlich. Was in den letzten Tagen in Deutschland vor sich gegangen ist, entspricht dieser eigentümlichen inneren Gesetzlichkeit einer solchen Revolution. Gerade als jüdische Zeitung müssen wir hervorheben, daß sich hier eine Auseinandersetzung zwischen rein deutscharischen Kreisen vollzieht, bei deren Austragung das Judenproblem gar keine Rolle spielt. Dies zu betonen, mag manchem überflüssig erscheinen; aber jeder von uns macht die Erfahrung, daß Juden im Inland und im Ausland häufig die ganze deutsche Entwicklung unter dem Gesichtspunkt der Judenfrage betrachten möchten, wäh■ Tend es in Wahrheit um ganz andere weittragende Pro׳ bleme geht. Wenn man darüber klagt, daß im Zuge der neuen Entwicklung viele Juden ihre Positionen verloren haben, so sollte man nie vergessen, daß auch sehr viele Nichtjuden von einem ähnlichen Schicksal betroffen wurden. Diese Feststellung von unserer Seite ist keine Bagatellisierung der Judenfrage. Wir wissen: Das Schicksal der Juden hat einen ganz speziellen, einzigartigen Charakter. Aber die Judenfrage zeigt sich nicht gerade darin, daß bei einer Umwälzung, wo weite Schichten des deutschen Volkes zurückgedrängt wurden, auch Juden leiden mußten. Das offen proklamierte Ziel der Regierung ist die Vollendung der nationalsozialistischen Revolution durch völlige Identifizierung des Staates mit der Bewegung. Wie sich dies im einzelnen in den politischen Organisationen, Fachmannschaften, ständischen Verbänden usw. vollzieht, soll nicht Gegenstand unserer Betrachtung sein, Uns hat hier nur die Frage zu beschäftigen, wie sich in diesem Prozeß die Stellung der Juden gestaltet. Die Juden sind die einzige Bevölkerungsgruppe in Deutschland, die unter anderem Gesichtspunkt be■ trachtet werden muß als alle anderen Gruppen. Denn während der Nationalsozialismus das Ziel aufstellen kann, alle Deutschen in sich aufzunehmen* die dffrtsch^Jugend in seinem Geist zu erziehen, den deutschen Mensehen völlig dem nationalsozialistischen Ideal dienstbar zu machen, steht er bezüglich der Juden auf einem grundsätzlich anderen Standpunkt. Nach dem national׳ sozialistischen Programm kann der Jude nicht deutscher Volksgenosse sein, er kann selbstverständlich auch nicht Mitglied der nationalsozialistischen Partei sein. Die Forderung, sich dem Nationalsozialismus einzugliedern, wird an alle Deutschen gerichtet, nicht aber an die Juden, denen vielmehr diese Eingliederung versagt wird. Daraus ergibt sich automatisch eine Sonderstei lutig der Juden. Aus verschiedenen Aeußcrungen der letzten Zeit, die z. B. im Maiheft der ״Nationalsozialistischen Monatshefte“ von führenden Nationalsozia■ listen unter der Devise ״Die Rassenfrage und das neue Reich“ veröffentlicht werden, ergibt sich eindeutig, daß nach nationalsozialistischer Auffassung den Juden der Zutritt zu dem von der nationalsozialistischen Bewegung getragenen Gemeinwesen verwehrt ist. So sind die Juden objektiv in eine Situation geraten, aus der sie selbst einen Ausweg finden müssen. Daher ist es immer wieder nötig, daß wir uns Rechenschaft ablegen über unsere Situation und unsere Rolle im Staate. Wenn in der nationalsozialistischen Konzeption des Deutschen Reiches für die Juden wegen deren Rassen- Zugehörigkeit kein Platz ist, so ist damit die Tatsache, daß 600 000 Juden in Deutschland faktisch leben, noch nicht beseitigt. Die Nationalsozialisten pflegen in ihren Kundgebungen die Juden als ״Feinde, des Staates“ zu bezeichnen. Diese Bezeichnung ist unrichtig. Die Juden sind keine Feinde des Staates. Die deutschen I Juden wollen und wünschen einen Aufstieg Deutschlands, für den sie immer nach bestem Wissen ihre Kräfte eingesetzt haben und auch weiter einsetzen wollen. Die Juden betrachten das nationalsozialistische Reich als eine geschichtliche Gegebenheit. Sie haben den Wunsch, friedlich in diesem Staate zu leben, nicht aber gegen den Staat zu kämpfen. Wenn ihnen gesagt wird, daß sie keine Deutschen, sondern Juden sind, dann antworten wir: Jawohl, wir sind Juden, wir können und wollen es nicht ändern; das ist nicht Sache der Willkür, sondern schicksalhafter Gebundenheit; wir wollen den Namen ״Jude“ in Ehren tragen. Es ergibt sich aber mit Notwendigkeit, daß nun auch im Interesse der Reinlichkeit des Zusammenlebens dieses Judentum als solches, wie immer es die Umwelt bewerten mag, als existent anerkannt wird. Wenn durch diesen winzigen Prozentsatz von Juden die Homogenität der deutschen Bevölkerung ״gestört“ wird, kann dies dem deutschen Volke um so weniger Abbruch tun, als ja die Juden alle tatsächliche Macht im heutigen Deutschland auf allen Gebieten verloren haben. Wenn wir einmal die Frage nicht vom jüdischen Sonderstandpunkt, sondern von der Basis der nationalsozialistischen Ideologie aus betrachten, dann ergäbe sich: Woran das Deutsche Reich interessiert ist, ist eine Regelung der Verhältnisse der Juden, die dem Chacakter des neuen Staates entspricht, der vom Staate so eindringlieh unterstrichenen Sonderart der Juden Retfinung trägt und in diesem Rahmen den Juden die einer so großen Bevölkerungsgruppe unentziehbare Lebensmöglichkeit gewährt. Was kann der Nationalsozialismus von den deutsehen Juden fordern? Er kann nicht — wie von allen Deutschen — die Identifizierung fordern, weil dies ja mit seinen betontesten Prinzipien im Widerspruch stünde. Fordern kann er dagegen das loyale Verhalten gegenüber dem Staat und die Vermeidung dessen, was dem neuen Deutschland als ״Zersetzung“ des deutschen Voi׳ kes oder der deutschen Kultur erscheint. Diese beiden Forderungen können und müssen von den Juden erfüllt werden, wenn sie in Deutschland leben wollen. Die Loyalität gegenüber dem Staat ist eine Selbstverständlichkeit, deren Beachtung keinerlei Darlegung von Einzelheiten bedarf. Schwieriger ist schon die Erfüllung der zweiten Forderung, weil es sich hier zum Teil um subtile Dinge des Seelenlebens handelt. Der Nationalsozialismus will in Abkehr von den liberalistischen und individualistischen Tendenzen des vorigen Jahrhunderts das deutsche Volk zu neuer nationaler und religiöser Traditionstreue erziehen; nur in solcher Treue erblickt er das Fundament ethischer und Charakterlicher Haltung. Von diesen Grundlagen nationaldeutscher und christlicher Art *sind die Juden aus geschlossen. Die Gefahr, daß die Juden als völlig Entwurzelte das Erziehungsideal des neuen Staates gefährden, liegt nahe, wenn sie nicht in ihrer Erziehung ein vollwertiges Aequivalent haben, indem auch sie in Treue zu volklicher und religiöser Bindung, in Ehrfurcht vor ihrer Abstammung und im Bewußtsein sitllicher Verantwortung vor der Zukunft erzogen werden. Dieser Prozeß kann sich im jüdischen Lager nur in jü dischtr Form vollziehen. Damit wird die Sonderart der Juden gegenüber dem Deutscharier ganz im Sinne des neuen Staates hervorgehoben, zugleich wird gerade das Beste, was im Juden schlummert, geweckt und zu fruchtbarer Entfaltung geführt. Es entsteht (und ist bereits heute da!) ein neuer Typus Jude, dem der neue Deutsche ohne Verachtung begegnen sollte. Denn sobald man sich über die Verschiedenheit des Stammes und der Art einig ist, kann man ohne Vorurteil und Befangenheit einander gegenübertreten und sogar Zusammenarbeiten. Wir Juden wissen, daß das, was man in Deutschland heutzutage als ״den Juden“ schlechthin hinstellt, eine Verzerrung ist, die nichts mit jüdischem Wesen zu tun hat. Judentum ist für uns kein Schimpf, sondern höchstes Ethos; will inan uns diesen Glauben nehmen, dann schleudert man uns ins Nichts, in den Nihilismus. Um aber im Judentum menschlich vollwertig leben zu können, bedarf es einer gewissen Freiheit der inneren Entfaltung, die — natürlich unter der vollen Kontrolle der Oeffentlichkeit und der Staatsorgane — die jüdische Gemeinschaft zur Lösung ihrer spezifischen Aufgaben befähigt. Durch die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, die dem Juden seine innere Orientierung in der deutschen Welt gibt, wird die von den Deutschen gefürchtete Gefahr eines Einbruches von Juden in die Bezirke der deutschen Nationalgüter beseitigt. Ohne dieses positive Moment wird diesen Tendenzen auf die Dauer kein Riegel vorgeschoben werden können. Die Judenfrage im heutigen Deutschland hat wefc gehende Folgen. Die Auslands-Deutschen sehen, da sie in national gemischten Gebieten leben, die Verworrenheit europäischer Nationalitätenfragen häufig deut- licher als die Deutschen, die im Reiche .in einer kon? solidierten nationalen Einheit leben. Unter diesem Gesichtspunkt ist ein Aufsatz zu beachten, den im Juniheft der ״Deutschen Rundschau“ ein mit Namen nicht genannter Auslandsdeutscher über das Thema ״Der Rassenkampf im Reich und die Minderheitenpolitik“ veröffentlicht. Der Aufsatz ist sehr vorsichtig geschrieben, verbirgt aber nicht gewisse Besorgnisse, die sich der Ausländsdeutschen bemächtigt haben, weil sie fürchten, daß die deutsche Judenfrage, die ja viel komplizierter ist als die nationale Minderheitenfrage der Oststaaten, trotzdem eine Rückwirkung auf die Minderheitenpolitik haben könnte. Die Schwierigkeiten, die sich für das Minderheiten- Problem in Europa ergeben, wurden unlängst auch in der ״Neuen Züricher Zeitung“ in einem Artikel besprochen, der den Titel führte ״Bruch in der Minderheitenfront?“ Das Judenproblem in Deutschland, so schreibt das Blatt, bleibt gefühlsmäßig eine Minderheitenfrage, un-t geachtet dessen, ob man es auch im staatsrechtlichen Sinne so nennen will. Es werden in dem Artikel Folgerungen gezogen, die sicher nicht zutreffen, z. B. daß Deutschland ״sich von seiner traditionellen Haltung als Schützer der Minderheiten lossagt“. Dabei wird auf die Schwierigkeiten auf dem sogenannten europäischen Nationalitätenkongreß hingewiesen, der sich in der deutsehen Judenfrage passiv verhält, da die auslandsdeutsehen Minderheiten hier in einem peinlichen Konflikt seien. Die Schlußfolgerungen der ״Neuen Züricher Zeitung“ zeigen unerwünschte Perspektiven; aber daß die Frage überhaupt unter diesem Gesichtswinkel betrachtet; werden kann, deutet schon darauf hin, daß im Inter-'; esse des gesamten deutschen Volkes eine Lösung gefun■:־ den werden muß. Je vollständiger der nationalsozialistische Staat sein eigenartiges Gepräge verwirklicht, um so deutlicher zeigt sich die Notwendigkeit, den Juden innerhalb Deutschlands ihre eigenartige Gemeinschaft zuzugestehen. Der Nationalsozialismus hat richtig erkannt, daß die Judenfrage nicht individualistisch zu lösen ist. Nicht als Einzelner kann der Jude in dem nationalsozialistischen deutsehen Staat seinen Platz finden; die jüdische Gemeinschaft als solche muß ihr Lebensrecht erhalten. Daß nur diese korporative Eingliederung der Juden in den Staat der Logik des Nationalsozialismus entspricht, betont auch Dr. Wilhelm Stapel in der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“. Durch eine derartige Regelung; würde der Welt bewiesen, daß, ohne Verletzung der nationalsozialistischen Prinzipien, die von dem Reichskanzler in seiner berühmten Reichstagsrede proklamierten allgemeinen Grundsätze auch auf die Juden Anwendüng finden können, und es wird den deutschen Minderheiten im Ausland, mit denen zahlreiche internationale Politiker die deutsche Judenfrage zu verquicken suchen, die Situation wesentlich erleichtert. In diesem Sinne muß unseres Erachtens das Juden- Problem in dem gegenwärtigen neuen Stadium der nationalen Revolution leidenschaftslos betrachtet werden, mit dem Wunsche, die allzu vielen Schwierigkeiten, die dieses Problem bereits hervorgerufen hat, abzubauen. (״Jüdische Rundschau“ vom 27. Juni 1933.) -m m m Wie VolksschuUehscr denken In der ״Sächsischen Schulleitung‘‘ findet sich der Bericht über eine ״Fahnenweihe der Fachschafter» Volksschule, Berufsbildende Schule und Höhere Schule des Nationalsozialistischen Lehrerbundes von Chemnitz“. Darin wird die Rede des Gauobmanns Gopfert wiedergegeben, der u. a. auch einige Bemerkungen über die Juden machte. Dazu sagte er: ״Wie oft hörten wir aus Kollegenkreisen: der J u d e 1 s t auch ein Mensch. Schämt euch, daß ihr Judengegner seid. Es gibt keinen Großen unserer Geistesgeschichte, der sich nicht vom Judentum abgewandt hätte. Der Jude ist eben das zerstörende Prinzip, der Schieber, der Händler, der gewissenlose und skrupellose Dämon der Menschheit. So haben ihn die größten Söhne unseres Volkes genannt. Unser Lehrer aber träumte von Menschheitsverbrüderung, von Eingiiederung dieses Schädlings io das Volksganze. Es sprangen die Führer der Organisationen auf und verteidigten den zersetzenden, artfremden Geist. Illusion, Träumerei, Phantasmen! Weher stammen sie? Es gibt nur eine Antwort: das ist ein schlimmes Erbe der idealistischen und humanistisehen Philosophie.“ Wir wollen nicht polemisieren, daher auch nicht auf den Widerspruch hinweisen, der zwischen dieser Ablehnung der humanistischen und idealistischen deutschen Philosophie und der Berufung auf die dieser Philosophie angehörigea Geistesgroßen besteht. Was uns aktuell interessiert, ist einfach die Tatsache, daß wir damit zu rechnen haben, daß unsere jüdischen Kinder Schulen besuchen, deren Lehrer derartige Auffassungen von Juden und Judentum haben. Es kann uns nicht wundern, daß in der am Schluß des Heftes empfohlenen Literatur sieh neben den rassentheoretischen Büchern von Günther, H. St. Chamberlain, auch Fritschs ״Handbuch zur Judenfrage“, Meister ״Judas Schuldbuch“ Rosenberg ״Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik*1 und ähnliche Werke befinden, deren Anschauungen offenbar auch den Schülern vermittelt wer« den dürfen. Aber die deutschen Juden müssen wissen, daß sic künftig unter Menschen leben, die aus diesen Quellen ihre Ansichten über Judentum beziehen.