Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 6 = Juni/Juli (7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 6, Juni/Juli 1933 L'Ä’iv et־‘"• y.*; t t i der *llgeineinen Staatsangehörigkeit die Staats- Bürgerschaft herauszuheben. Dieser Unterschied besteht heute nicht, er ist also hervorzuheben und dabei festzusetzen, daß nur Deutsche die Staatsbürgerschaft erhalten dürfen; Die Verfassungsbestimmung würde also lauten: ״Reichsbürger kann nur sein, wer deutscher Abstammung ist.“ Meiner Meinung nach genügt es, wenn in der Verfassung diese kurzen Feststellungen getroffen werden. Das Nähere kann dann in einem Reichsgesetz geregelt werden. Die nach völkischen Gesichtspunkten notwendige Abänderung unseres Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes vom 22. Juli 1913 (RGBl. 5. 583) ist eine unserer dringendsten Aufgaben. In ihm ist festzusetzen, wie die deutsche Staatsangehörigkeit erworben und verloren wird, wer von ihrem Erwerb überhaupt auszuschließen ist und vor allem, im Oegensatz zu der bisherigen Regelung, unter welchen Voraussetzungen die staatsrechtliche Mündigkeitserklärung durch Verleihung der Reichsbürgerschaft erfolgt. Dem völkischen Grundsatz entsprechend, daß das Gesamtvolk und folglich der Gesamtstaat, also das Reich, das Wesentliche ist, nicht aber die geschichtlich gewordenen Territorien (Bundes- Staaten, Länder), muß der Erwerb und Verlust der Reichsangehörigkeit unmittelbar bestimmend werden und nicht, wie jetzt, die Staatsangehörigkeit, die dann erst den Erwerb der Reicnsangehörigkeit nach sich zieht. Aus der bisherigen geschichtlichen Entwicklung wird damit das rechtliche Ergebnis gezogen. An diese Gesetzgebung schließt sich dann die F r e m - dengesetzgebung an. Die fremden Reichsangehörigen sind aus dem Blutskörper des deutschen Volkes ausruscneiden und einem besonderen Minderheitenrechte zu unter• werfen. £8 ist zunächst genau festzustellen, wer nichtdeutscher Staatsangehöriger ist. Zur Durchführung werden besondere Behörden einzurichten sein, denen die Aufstellung und Führung von Stammrollen obliegt, in denen die Fremden und ihre Nationalität eingetragen werden. Die so festgest,eilten Fremden werden dann, ihrer Verschiedenheit entsprechend, verschieden zu behandeln sein. Praktisch weriden wir vor allem drei Oruppen zu unterscheiden haben: die Juden, die Polen und die sonstigen Fremden. Für jede dieser Oruppen wird ein besonderes Gesetz ihre Pflichten ׳und Rechte׳ regeln, zu denen insbesondere auch die Fest- Stellung einer Autonomie auf kulturellem Gebiet gehören wird. Ta einem Rassenschutz ge setz werden dann die Eheschließung und sonstige ^Beziehungen zwischen Deutschen und Fremden zu regeln sein, mit dem Ziele, das Einsickem fremden Blutes in den deutschen Volkskörper fortan unmöglich zu machen und das deutsche Volk vor ־weiterer Bastardierung zu schützen.״ , Wenn diese Gesetzgebung Wirklichkeit wird — und man sieht nicht, was dem entgegenstände , dann ist *£־.׳־. dies, das sei offen gesagt, ein schwerer Schlag für die ,;deutschen Juden. Nachdem sie sich seit der Emanzi- S'pation als Söhne des Vaterlandes und Vollbürger gefühlt haben, werden sie plötzlich als ״Fremde״ erklärt. ** Ira stillen Kämmerlein wird — angesichts dieser Veräiiderung — so mancher Jude die schwersten inneren!(ärapfe und Prüfungen durchzumachen haben. Wir schämen uns dieses Leides nicht. Aber wir wollen es IJr auch nicht zur Schau tragen. Wir. müssen bedenken, daß Verhalten der Juden in diesem kritischen Moment ■£;äjiter historischer Perspektive steht. Noch späte Gefc;jfchJ«Wir Wrden Uns׳ danach beurteilen, wie wir fditfse;Stunde der Wendung unseres Schicksals ertragen und tafeltet haben. Es wäre unwürdig, zu jammern und . lind es hat auch keinen Sinn, mit Arguj^epten zu kommen, die die Position des Oegners nicht 1$;;..treffenj denn die Ueberzeugung von der Schicksal-!^bestimmenden Macht des Blutes ist so tief im?!;*Nationalsozialismus verankert, daß weder Hinweis auf patriotische Gesinnung, noch auf Kulturgemeinschaft, :^;ünd am allerwenigsten auf kulturelle Leistungen, diese Grundlage erschüttern können. Eindeutig wird dies von feinem der führenden Ideologen des Nationalsozialismus,?*:Prof. Alfred Baeumler, in einer bedeutsamen Polemik jjftj&t: gegen, die ״Jüdische ]Rundschau“ im Rahmen der am Mai 1933 iirj 'BÖfiF|pet1altenen Vorlesung (jetzt er- %|Jirschienen ifi nie^^Sslschen Schufzeitöti^; ausge* i ■ :;liprochen. Wenn* ÄPJhden, so sagtv' eft" als Patrioten |f > empfinden, das Aeuöerste, was iÄe tiin könii^neh; aber sie können nie die Fähigkeit haben, unser Schicksal zu teilen und mitzubestimmen. ... Wir sind fl* .nicht Patrioten, wir sind Menschen des deutschen Schick- ן**?/* Baeumler wendet sich darum auch gegen den auf!?ft;;! flfe Psalmen, Spinoza upd andere jüdische Leistungen ^. hinweisenden Aufsatz Prof. Wolfg. Köhlers in der״DAZ.“ f.der eine ״unpolitische Denkweise“ verrate, ״die das Private *;vermischt mit den großen Aufgaben des Staatsmannes“. ' Ohne hier auf die ausführlichen Darlegungen Prof. V Baeumlers eingehen zu können (das wird noch geschehen), erwähnen wir seinen Vortrag als Zeugnis für die Lehre, daß die Zugehörigkeit zum Volke ״nicht von Gesinnung und Gesinnungserklärüng“, sondern von der ״Gemeinschaft von Blut und Natur“ abhängig ist. Gegen . das liberale Judentum, so sagt er, verlohne sich gar keine Polemik; nicht der individuelle Jude . 'stehe dem Deutschen gegenüber, sondern es gebe ״eine 'Judenschaft und ein deutsches Volk“. Es gibt eine ״Judenschaft“. Wo ist sie? Sollen wir angesichts der harten Tatsachen zulassen, daß die jüdische Sache durch Klagen, ja sogar durch Beteuerung Von Gesinnungen vertreten wird? Der in Deutschland lebende Jude wird mit Deutschland verknüpft sein und er wird alle Pflichten, die ihm der Staat zuweist, erfüllen. Das sind Selbstverständlichkeiten. Auch sie wer- , den wir mit Wirkung erst dann geltend machen können, : wenn wir zunächst selbst existieren. Schon gibt ein neues, arbeitendes jüdisches Volk auf eigener; Scholle in Palästina. In Deutschland sollen wir ״Fremde“ ,heißen. Aber Juden wollen wir heißen. Die ״Judenschaft“ zu konstituieren, das ist unsere Aufgabe. Tg *)Moch immer hört man veraltete Einwendungen, •die aus Sprachschatz eines versunkenen Zeitalters stammen, die von ״Gleichberechtigung“, von Verfassungsparagraphen, von der ״Gefahr“ einer ״Minderheits“position usw. faseln. Das ist in den Wind gedacht. Es ist ein großes Wecken. Man hat die Ahnen in den Oräbern beschworen. Wohlan, auch wir schämen uns unserer Ahnen nicht. Nicht derer, die Dichter, Könige und Propheten wären, und auch derer nicht, die das Päckel auf dem Rücken übers Land getragen, die ״geschachert“ und gehandelt und in ihren müden Herzen sich nach Ruhe gesehnt haben. Aber ihr Erbe lebendig zu machen, es zu gestalten, es so zu erhöhen, daß wir stolz sein können und unsere Kinder den Stolz lehren können, das ist keine leichte Aufgabe. Es ist die einzige, die wir heute haben. Den Raum, den man uns im Deutschen Staat zuweist oder zuweisen wird, so auszubauen, daß er dem Judentum Ehre macht und vor jedem menschlichen Kritiker bestehen kann. Es ist eine Wende in unserem jüdischen Sein. Es wird viele Opfer kosten. Aber sorgen wir dafür, daß das Erreichte der Opfer wert gewesen ist, daß nicht alle Opfer vergeblich gewesen sind. (״Jüdische Rundschau“ vom 7. Juli 1933.) Burg Saaleck Die Zeitungen berichten über eine Veranstaltung auf Burg Saaleck, bei der die durch eigene Hand gefallenen Offiziere Kern und Fischer, die im Juni 1922 den Außenminister Walther Rathenau erschossen haben, Gegenstand großer Ehrungen waren. Der ״Völkische Beobachter“ vom 18. Juli veröffentlicht die Reden, die bei dieser Gelegenheit gehalten wurden. Die führenden Personen des neuen Deutschland und der nationalsozialistischen Bewegung haben häufig mit Nachdruck betont, daß zwischen ihnen und den Juden ein tiefer Gegensatz besteht. Am Grabe der beiden Offiziere wurde das Wort von den ״Zwei Welten“ gesprochen. Der Nationalsozialismus wird aber gewiß Verständnis dafür haben, wenn wir als Juden dieses Ereignis nicht wortlos vorübergehen lassen. Das neue Deutschland müßte uns, verachten, wenn wir nicht daran erinnerten, daß die Tragödie, die den Anlaß zu dieser Feier gab, auch ein jüdisches Opfer gekostet hat, und daß dieser Jude im besten Glauben, seinem Vaterland mit ganzer Kraft zu dienen, sein Leben verlor. Die Tötung Rathenaus war eine Tat, bei der das jüdische Element eine kaum wegzudenkende Rolle spielte. Im übrigen war es eine verworrene Zeit, und die Geburt einer neuen Welt bereitete sich vor in den Herzen der durch Krieg und Umsturz tief erschütterten Frontgeneration. Wie kompliziert die Motive der Täter waren und aus welcher revolutionären Gedankenwelt ihre Tat hervorwuchs, hat einer der Beteiligten, Ernst von Salomon, in seinem Buch ״Die Geächteten“ geschildert. Uns Juden aber steht es an, das Schicksal Rathenaus als eine menschliche und auch jüdische Tragödie zu empfinden. Wir volksbewußten Juden können dies um so eher aussprechen, als wir mit Walther Rathenau weder politisch noch jüdisch etwas gemeinsam hatten. Wir haben die Besetzung des deutschen Außenamtes durch einen Juden nicht gebilligt, wir wußten, daß dies am allerwenigsten dem Judentum Nutzen bringen kann. Wir haben auch Rathenaus Anschauungen über Judentum abgelehnt. Aber wir mußten zugeben, daß dieser Mann mit heißer Liebe am deutschen Vaterland hing und für Deutschland ־־־ nicht etwa für irgend etwas ״Jüdisches“ — lebte und sorgte. Er war, bei aller seiner Weltaufgeschlossenheit doch kurzsichtig (und ehrgeizig) genug, um nicht zu sehen, daß sein Jude-Sein ihm ein Auftreten auf so exponiertem Posten nicht gestattet. Obwohl er in seiner politischen Tätigkeit mit dem Judentum nichts zu tun hatte, ist sein Leiden und Tod charakteristisch für jüdisches Schicksal, und aus diesem Gründe soll die jüdische Gemeinschaft, utn die Rathenau sich nie kümmerte und die doch für ihn verantwortlich gemacht wird, nicht die Augen davor verschließen, was am letzten Sonntag in Saaleck geschah. Es ist ein Nachspiel zu einem Kapitel ,jüdisch er Geschichte ebenso wie deutscher Gesphichte. Es lehrt uns schmerzlich die Grenzen sehen, die dem Wirken von Juden in der nichtjüdischen Welt gesetzt sind. Hier heißt es, nicht Gefühlen sich hingeben, sondern die unerbittliche Realität sehen. Auch beste Absichten verkehren sich im Effekt in ihr Gegenteil, weil derartige große historische Prozesse nicht von dem Willen einzelner Personen abhängen, sondern auf tragischen Entwicklungen beruhen, die nach höheren Gesichtspunkten beurteilt und gemessen werden wollen. (״Jüdische Rundschau“ vom 21. Juli 1933.) ״Der Alpdruck von Rapallo“. Der ״Völkische Beobachter“ vom 8. Juli veröffentlicht einen Bericht aus Paris, worin d»e Bemühungen von Herriot, Deutschland zu isolieren, geschildert werden. Insbesondere habe Herriot versucht, Italien und die Sowjetunion von Deutschland abzuziehen. Der ,,Völkische Beobachter“ beschreibt die Absichten des französischen Staatsmannes folgendermaßen: ״Es galt, den ,Alpdruck (soll wohl heißen ״Albdruck“ — A. d. ״J. R.“) von Rapallo‘ zu beseitigen, einen Keil zwischen die freundschaftlichen Beziehungen von Deutschland und Rußland zu treiben.“ Aus diesen Bemerkungen ist zu entnehmen, daß der Vertrag von Rapallo hier als ein großes A k t i v u m der deutschen Politik gewertet wird. Dieser Vertrag ist aber, wie jedermann weiß, das Werk des damaligen deutschen Außenministers Walther R a t h e n a u, der im ״Völkischen Beobachter“ und in anderen Blättern beständig als jüdischer Landesverräter und Verderber Deutschlands bezeichnet wird. Wir würden es als ritterlich empfinden, wenn der ״Völkische Beobachter“ bei seiner positiven Bewertung des Rapallo-Vertrages auch seines Urhebers gedenken würde. Der Gesandte der Vereinigten Staaten in Stockholm, Laurence A. Steinhardt, ein New Yorker jüdischer Rechtsanwalt, der im April d. J. von Roosevelt aut seinen gegenwärtigen Posten berufen wurde, ist beauftragt worden, die die Interessen der Vereinigten Staaten berührenden politischen Vorgänge in Sowjetrußland zu verfolgen. Es verlautet, daß Steinhardt dazu ausersehen sei, der erste amerikanische Botschafter in Sowjetrußland zu werden, sobald dieses von;den Vereinigten Staaten anerkannt sein wird. Rassenfrage und ״Haßgesange" Im ״Deutschen Aerzteblatt“ vom 1. Juli veröf- {entlieht Ministerialrat Dr. Conti einen Aufsatz ״Staat, Volk und Rasse“, worin er über die Stellung des Judentums im deutsehen Staate längere Ausführungen macht. Conti gibt eine Definition des Begriffs Volk: ״Ein Volk ist eine Gemeinschaft von Menschen rassischer Verwandtschaft, durch Sprache, Kultur und Geschichte verbunden, das sich als zusammengehörig empfindet“. Die rassische Verwandtschaft sei vom Willen unabhängig, die anderen Kriterien dagegen seien teilweise vom Willen abhängige, erwerbbare Kennzeichen. Was aber die Juden betrifft, so kommt der Verfasser zu folgenden Ergebnissen: ״Dem Judentum als einer nichtarischen Rasse kann nicht die in ihm liegende Möglichkeit zugesprochen werden, trotz staatlicher, sprachlicher und, soweit es seine innere Wesensart zuläßt, äußerlich kultureller Gemein- Schaft, volkszugehörig in seinem Wirtsvoike zu werden. Ein Teil des Judentums weiß dies und bekennt es offen, ein Teil weiß es und täuscht uns, und ein anderer Teil fühlt es nur unklar und ergibt sich einer Selbsttäuschung. Diese Selbsttäuschung mag tragisch sein für diesen Teil des Judentums. Wir können sie nicht anerkennen und zur Grundlage staatlicher Regelungen machen, um unserer Selbsterhaltung willen.“ Dementsprechend verlangt Dr. Conti eine gesetzliche Klar- Stellung, bei der die Wirklichkeit der rassischen Verschiedenheit berücksichtigt wh־d. Bekanntlich hat Dr. Conti in einer Pressekonferenz einmal Ausführungen darüber gemacht, daß die Haßgesänge gegen die jüdische Rasse aufhören sollen. Die Juden seien zwar als Rasse andersartig, aber nicht minderwertig. In ähnlichem Sinn schrieb einmal der nationalsozialistische Aerzteführer Dr. Claus, daß niemand sich seiner Ahnen zu schämen habe. Wenn tatsächlich der neue deutsche Staat auf rassisch-völkischen Grundlagen aufgebaut wird, wie es ja beschlossene Sache zu sein scheint, dann können wir als Juden keinen Einspruch dagegen erheben, daß man uns die rassische Zugehörigkeit zum Deutsch-Ariertum abspricht. Der einzige Weg zur Lösung, um auch uns das Leben erträglich zu machen, liegt jedoch darin, daß man uns als besonderer, eigenartiger Gruppe mit Objektivitätbeg e g n e t und uns im Staatsgefüge einen Platz anweist, der auch uns den ehrlichen Erwerb des Lebensunterkaltes möglich macht. Leider ist die Mahnung von Dr. Conti, daß H a ß g e - sänge vermieden werden sollen, nicht zur Kenntnis aller daran interessierten Stellen gelangt. Wir finden in manchen Zeitungen Auslassungen, die überaus kränkend und beleidigend für das Judentum sind. So veröffentlicht am 2. Juli der ״Dortmunder Generalanzeiger“ einen Artikel ״So sind die Juden“, der sich in den beleidigendsten Schmähungen ergeht. Es wird darin das angebliche Aeußere der Juden und ihre moralische Gesinnung in einer drastischen Weise, die wir gar nicht wiedergeben wollen, beschrieben. In der Gleiwitzer ״Ostfront“ finden wir am 9. Juli einen kleinen Artikel ״A u s r 0 11 e n“, worin es zum Schluß heißt: ״Das jüdische Volk ist ein Teufelsvolk. Es ist ein Volk von Verbrechern und Mördern, darum muß das jüdische Volk ausgerottet werden unter der Sonne.“ Die Beispiele könnten.vermehrt werden. Häßliche Karikaturen ,von Juden sind gleichfalls an der Tagesordnung. Die Schreiber solcher Artikel machen sich offenbar gar keine Vorstellung davon, in welche seelische Verfassung Juden geraten müssen, die solches lesen und die wissen, daß dies die geistige Kost ihrer Mitbürger und Nachbarn ist. Nachdem der National- Sozialismus heute die gesamte Macht in Deutschland in Händen hat und erst kürzlich durch unzweideutige Kundgebung des Reichskanzlers und durch einen Erlaß des Reichsinnenministers die Revolution als abgeschlossen erklärt worden ist, sollten — auch bei strikter Einhaltung der nationalsozialistischen Prinzipien der Rassenscheidung — derartige von Ministerialrat Dr. Conti verurteilte ״Haßgesänge“ vermieden werden, schon weil in solcher — wenn auch nur lokaler — Aufreizung von Leidenschaften stets ein Keim für die Gefährdung der Ordnung erblickt werden muß, eine Möglichkeit, die nicht mit den Intentionen der Regierung übereinstimmen würde. (״Jüdische Rundschau“ vom 14. Juli 1933.) Verhöhnung jüdischer Frontkämpfer Im Berliner ״R e i c h s w a r t“ veröffentlicht R.-A. Dr. Deutschmann einen Artikel, worin er mitteilt, daß der Vorstand der Berliner Anwaitskammer folgenden Beschluß gefaßt hat: ״Standeswidrig ist die Begründung einer Sozietät oder Bürogemeinschaft zwischen Anwälten arischer und nicht arischer Abstammung, sowie die Aufrechterhaltung einer Bilrogemeinschaft oder einer nach dem 14. September 1930 begründeten Sozietät zwischen Anwälten arischer und nichtarischer Abstammung.״ Dieser Beschluß richtet sich gegen die noch zuge- Iassenen jüdischen Anwälte, die hierdurch also offen als zweitklassig bezeichnet werden. Es sei, meint Dr. Deutschmann, die Meinung ״jedes anständigen deutschen Anwalts“, daß er mit jüdischen Anwälten nicht zusammenarbeiten kann. Da die noch zugelassenen Anwälte zum größten Teil Frontkämpfer sind, benutzt •der Verfasser des Artikels den Anlaß, um das jüdische Frontkämpfertum in schärfster Weise herabzusetzen. Die jüdischen Frontkämpfer werden in dem Artikel lächerlich gemacht. Es wird von ihnen gesagt, daß sie ״nur deshalb nicht desertiert sind, weil sie selbst zu feige zum Desertieren“ waren. Wer an der Front war, der weiß, daß es unter allen Frontkämpfern tapfere und feige gegeben hat. ln allen Armeen sämtlicher Völker gab es viele Soldaten, die nur darum kämpften, weil sie auf Grund der Wehrpflicht dazu gezwungen waren. Aus dieser Tatsache lassen sich keine Schlüsse ziehen. Wir würden cs als Würdelosigkeit empfinden, wenn gegenüber solchen Anschuldigungen Juden darauf hiinveisen wollten, wieviele Juden mit äußerster Hingabe ihre toternste Pflicht im Kriege erfüllt haben. Es muß für diese Juden ungemein schmerzlich sein, sich jetzt öffentlich verhöhnen lassen zu müssen. Es scheint, daß es den maßgebenden nichtjüdischen Kreisen unbekannt war, wie zahlreich in Wahrheit die jüdisehen Frontkämpfer sind. Da auf Grund des Ausnalunepara- Tendenz "vorhanden zu sein, diese gesetzliche Begünstigung der noch verbliebenen jüdischen Anwälte in der Praxis einzuschränken. Der Wunsch, auch die noch verbliebenen jüdisehen Anwälte auszuschalten, geht aus dem Artikel Dr. Deutschmann!} ziemlich deutlich hervor.