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Jüdische Rundschau · 1933-06-01 · 5 = Mai/Juni (6.1933) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
5 = Mai/Juni (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 5, Mai / Juni 1933 Mach unsere Rücken wieder gerade! Dais deutsche Judentum der liberalen Aera lebte in bezug auf die Judenfrage in Illusionen; am banalsten kam dies zum Ausdruck in der ״Fortschritts“-Ideoloae, die das Axiom aufstellte, mit zunehmender Ziviüsation und Bildung werde auch der Antisemitismus verschwinden. Nach den schweren Erlebnissen, die das deutsche Judentum in den letzten Monaten, und besonders seit dem Tage des ״gelben Flecks“ am 1. April durchmachte, sind wohl manche aus ihren Illusionen wachgerüttelt worden, aber bei vielen finden wir die Zuflucht in neue Illusionen. Man hofft auf eine P** Rückkehr zu dem idyllischen Zeitalter, wo man nach der ״Konfession“ nicht fragte, und niemand so ״taktlos“ war, den Juden Juden zu nennen. Neuerdings kann man oft die Hoffnung hören, daß infolge des ungünstigen Echos, das die deutsche Judenpolitik im Aus-!and gefunden hat, Deutschland eine Schwenkung in dieser Sache vollziehen werde; merkwürdigerweise findet man solche Hoffnungen besonders in Kreisen, deren Repräsentanten nach außen hin laut gegen die ״Einmischung des Auslandes in innerdeutsche Angelegenheiten“ protestieren. Wenn aber, so kann man hören, die Rücksicht auf die Außenpolitik ihre Wirkung getan hat, dann wird alles wieder gut sein, wir werden wieder ־־־־ wenn auch vielleicht in etwas vermindertem Ausihaß — unsere Gleichberechtigung haben, und dann wird es uns gelingen, das deutsche Volk zu überzeugen, daß es eine Judenfrage nicht gibt und wir nur. ״Deutsche jüdischen Glaubens“ sind. Vielleicht haben wir hier den Standpunkt, zu dem wir uns äußern wollen, etwas überspitzt formuliert; aber jeder Jude, der mit Juden spricht, wird wissen, was wir meinen. Und darum sei hier deutlich gesagt: Die Ereignisse dieser Zeit sind kein ״böser Traum“ der Juden, der verschwinden wird. Sie sind ein akuter Fieberanfall, das Symptom für eine Krankheit, die ״Judenfrage“ heißt. Auch wenn die Fieberkurve sinken, wenn eine Beruhigung eintreten sollte, wird das Symptom vielleicht nicht so sichtbar sein, aber der Krankheit selbst muß man ^־/־;‘Ähon mit anderen Mitteln zuleibe gehen. Symptom- Therapie ist die gefährlichste aller Illusionen. ,Die Juden, die nicht sehen wollen, rechnen auf Verbesserung ihrer Lage durch äußere Ereignisse oder durch.•andere, ..die sich ihrer, annehmen. Nur auf das «nfftchste koinmen sie nicKt: daß sie selbst für sich feinstehen müssen, daß es auf sie selbst ankommt. Daß fue/als Juden für sich einzustehen haben. In die- Sem Sinne kann man das Wort Hillels anwenden: ^Wenn nicht ich für mich bin, wer ist für mich —?“ Und darum gilt es, als Jude die Judenfrage anzupacken; die Judenfrage, wie sie wirklich ist, wie sife sich nicht wegdisputieren läßt. Wenn wir uns dazu aufrafften, wir hätten längst auch die Achtung der anderen für uns erzwungen. Um aber Mißverständnisse zu verhüten, sei etwas vörausgeschickt. Der Nationalsozialismus wird von jü- 'discher Seite am allerwenigsten einen Rat anzunehmen geneigt sein; daher ist es müßig, die Frage aufzuwerfen, ob es vom Standpunkt des Nationalsozialismus wirklich nötig war, die Position des neuen Deutschland in der Welt durch seine Judenpolitik zu erschweren. Die deutschen Juden bedauern diese 4 Schwierig- Weiten auf das tiefste, und gerade wir zionistischen Juden, die stets die Existenz einer Judenfrage bejaht haben, haben ein Recht, dies in aller Offenheit zu sagen. Denn wenn wir es sagen, so ist damit nicht 'r gemeint, daß In dem neuen, auf ganz anderen Grundlagen auf gebauten Staat gerade die Position der Juden im Zustand der liberalen Aera hätte verbleiben .sollen. Diese Meinung, die von liberalen Juden vertreten wird, teilen wir nicht. Unser geschichtliches Denken verbietet unsa in so kindlicher Weise für uns Juden eine Extrawurst zu verlangen, nur damit wir nicht in unserer Bequemlichkeit gestört werden, während so viele andere umdenken müssen. Aber wir glauben, daß die Umgestaltung des Status der Judenschaft in ganz anderer Weise hätte erfolgen können, wenn der Nationalsozialismus die Judenfrage wirklich so gesehen hätte wie sie ist, und freilich muß man hinzufügen: wenn auch die deutschen Juden die Judenfrage begriffen hätten. Das neue Deutschland hätte, wäre nicht das antisemitische Ressentiment so stark gewesen, eine Lösung finden können, die für den neuen Geist Zeugnis abgelegt hätte. Gerade weil die Hitler-Regierung so stark ist wie keine zuvor, hätte sie die Möglichkeit gehabt, mit Ueberlegenheit und ohne Rücksicht auf Vorurteile diese dornige Sache zu bewältigen. Die Scheidung einer durch Jahrhunderte vollzogenen Symbipse läßt sich aber nicht sturmartig vollziehen; dieseo Vorgang müssen die Betroffenen als Unrecht empfinden. Die Schmähung und Diffamierung von Juden und Judentum, gegen die man im Inland nur machtlos und resönaazlos protestieren kann, bringt die Juden mi■ in die schwerste moralische Depression. Wäre den Juden gegenüber nach den Grundsätzen verfahren worden, die der Reichskanzler in seiner Friedensrede für das Völkerleben proklamiert hat, dann hätte der Uebergang zu dem neuen Staatssystem zweifellos für sehr viele Juden noch immer schmerzliche Einbußen mit sich gebracht, aber das Judentum als solches wäre nicht so tief verwundet worden. Deutschlands außenpolitische Position, die aus allgemein bekannten Gründen schwer genug ist, hätte nicht noch eine weltanschaulieh gefärbte Erschwerung erfahren. Darüber hinaus kann es heute wohl als feststehend betrachtet werden, daß Deutschlands Stellung in der Frage der Minderh eiten durch eine konstruktive Behandlung der Judenfrage international gefestigt worden wäre. Es ist kein Zufall, daß deutsche Minderheiten-Vertreter, z. B. der nationalsozialistische Abgeordnete Jung in derTschechoslowakei, an die deutsche Regierung in dieser Frage appellierten, und daß man in manchen deutschen Zeitungen anläßlich der üblen Attacken auf den deutschen Professor Bleyer in Ungarn Plädoyers für den Gedanken der ,,Toleranz gegenüber Minderheiten“ lesen konnte, die auch auf die deutsche Judenfrage hätten angewandt werden können. In verschiedenen deutschen Kundgebungen der letzten Tage ist der ״Volkstums-Gedanke“ stark in den Vordergrund gestellt worden. Die Himmelfahrt-Rede des Vizekanzlers von Papen war ihm gewidmet und ein angesehenes deutsches Blatt bezeichnet als den eigentlichen historischen Kern der Reichskanzlerrede die ״Proklamation der Volkstums-Rechte“, die über die französische ״Proklamation der Menschenrechte“ hinausführt. Daß wir Juden unter der Parole dieser großen Gedanken nicht auch eindeutig für uns gleiche Behandlung in Anspruch nehmen können, liegt wohl an der Besonderheit des jüdischen Falls, liegt aber auch an dem Verhalten der Juden selbst, die gar nicht als Gruppe betrachtet sein und nicht als Gruppe handein wollten. Sie hielten fest an dem liberalen Prinzip des Individualismus; nur als Individuen, als einzelne ״Deutsche jüdischen Glaubens“ (wobei man womöglich nach dem ״Glauben“ nicht fragen soll), wollten sie im deutschen Leben auftreten. Daher werden sie nicht der Ehre und Achtung teilhaftig, die — nach den Reden von Hitler und Papen — jeder für sich einstehenden, andere nicht angreifenden Gruppe gebührt. Die Judenfrage von jüdischer Seite furchtlos anzupacken, ist der Sinn des Zionismus. Der größte Teil der deutschen Oeffentlichkeit und besonders aic jetzt erst im politischen Leben aktivierten Massen haben nicht die leiseste Vorstei- 1 u n g, was Zionismus eigentlich ist. Mari liest in Zeitungen das Wort ״zionistisch“ mit einem besonders gehässigen Klang, man verbreitet in allen möglichen Formen den Unsinn der ״Geheimnisse der Weisen von Zion“, eines im Anschluß an ein 1868 erschienenes französisches Pamphlet zusammengefälschten Machwerkes; sonst hört der deutsche Durchschnittsleser kaum etwas von der Wirklichkeit. Der Zionismus ist diejenige jüdische Bewegung, die ausgeht von einer illusionslosen Diagnose der Judenfrage und statt des Symptoms die Krankheit selbst kurieren will. Darum wendet er sich gegen jene Juden, die die Judenfrage verschleiern wollen und in der Meinung, sich zu retten, das Uebel nur vermehren. Seine Idee war: im Einvernehmen mit den nichtjüdischen Völkern die Judenfrage zu regeln. Der Zionismus erkennt die tieferen Gründe des Antisemiti3mus, der von ihm nicht als Bosheit und Dummheit der anderen Völker betrachtet wird, sondern in seinen geschichtlichen Zusammenhängen als ein Ergebnis der abnormalen Lage des jüdischen Volkes. Der Zionismus will, daß von Juden und Nichtjuden über die Judenfrage sachlich und leidenschaftslos geredet wird, und seine Hoffnung war, daß die Völker ihm bei seiner Anstrengung helfen werden. Zionismus heißt nicht: sich abfinden mit dem Antisemitismus, heißt vielmehr schärfste Bekämpfung des Antisemitismus, aber auf wirksame Weise. Es ist keine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus, wenn man die Bedeutung des Judeseins bagatellisieren will. Eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus ist nur der Aufbau eines Judentums, das durch seine Existenz so stark für den jüdischen Namen zeugt, daß alle Schmähungen zuschanden werden. Dieses neue Judentum zu schaffen, ist die Aufgabe, der wir uns zu unterziehen haben. Es ist eine harte Arbeit an uns selbst und unserem eigenen Volkskörper, in geistiger ebenso wie in ökonomischer, in sozialer wie in kultureller Beziehung. Dazu bedarf es freilich gewisser äußerer Voraussetzungen; sie uns zu schaffen, das ist es, was wir von den Völkern verlangen können, es ist das Minimum an f a i r p 1 a y. In der großen Juden-Dcbatte im englischen Unterhaus am 13. April 1933 sprach der frühere High Commissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, von der Aufnahmefähigkeit dieses Landes für deutsche Juden und fügte hinzu: ״Wenn ich an den Typus der jüdischen Bevölkerung denke, den ich dort auf dem Lande arbeitend vorfand, wenn ich an diese jungen Männer beim Pflügen, Graben, Pflanzen, Säen denke, die schwitzend in der Sonnenhitze Hunderte von Meilen aus Wüste in Gärten verwandelt haben, wenn ich an die herrlichen jungen Frauen, ■die ich dort sah, mit ihren klugen Gesichtem und ihren furchtlosen Augen denke, wenn ich denke an die Abende in diesen Siedlungen, wo die jungen Leute sich zu Musik oder Vorträgen und Diskussionen über Politik, Religion, Wirtschaft und Philosophie versammelten, wenn ich sehe, wie dort eine Gemeinschaft aufwächst, die zeigt, was Juden unter den Bedingungen von Freiheit und Unabhängigkeit leisten können, dann kommt mir besonders kraß zum Bewußtscin, ־welche Verzerrung der nationalen Merkmale der Juden in manchen Schriften der antisemitischen Literatur Deutschlands gegeben wird/‘ Nicht durch Worte, nur durch lebendige Taten werden, wir den Antisemitismus ausrotten. Der neue Typus,; des jüdischen Menschen wird es sein, der über den Antisemitismus schließlich triumphiert. Der Wille, zur Tat zu gelangen, wird uns auf den richtigen Weg führen. Schon der bloße Versuch einer unvoreingenommenen Aussprache müßte wie eine Erlösung wirken. Die Juden werden sich bequemen müssen, die Judenfrage mit ihren Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Die Nichtjuden aber werden verstehen, daß auch für sie die einseitige Behandlung der Juden frage keine Vorteile bringt; wir denken dabei nicht sosehr an äußere Folgen, wie sie sich etwa in der Außen- Politik ergeben, als vielmehr an geistige innere Gefallren, wie sie für jedes Volk in einer gegenüber einer Minderheit betätigten nationalen Hybris liegen. Wenn man sich nicht zu einer gründlichen Klärung entschließt, wird die Judenfrage in dieser oder jener Gestalt wiederkehren und das Öffentliche Leben weiter beunruhigen. Der Staat, der das Rassenprinzip bejaht, erkennt damit an, daß die Juden, ob sie wollen oder nicht, Juden sind. Er muß sie daher als Juden seinem Ganzen eingliedern. Sie können durch Gesetz zu Staatsbürgern minderen Rechtes gemacht werden, aber nicht zu Menschen geminderten Menschentums. Und am wenigsten kann man ihnen einen Vorwurf daraus machen, wenn sie zu ihrem Judentum ein ganzes und offenes Ja sprechen, wo sie doch auch nach der Ansicht des Staates nichts andefes sein können als Juden, ja sogar dann Juden־ sind, wenn sie es selbst gar nicht wissen, daß in den Adern des Großvaters jüdisches Blut floß. Es gibt natürlieh auch jetzt im Judentum Leute, die die Tatsachen auf den Kopf stellen wollen; sie versuchen, sich bei den neuen Machthabern dadurch in Szene zu setzen, daß sie, natürlich unter Abrücken von anderen jüdischen Gruppen, sich als ״nationaldeutsch“ im Sinne des neuen Staates vorstellen. Wir wollen hierüber kein Wort ver- Heren, sondern nur auf folgendes aufmerksam machen: das eigentliche Judenproblem ist das Problem jener Gruppe, die zum Judentum ja sagt und jüdisch leben will. Da der Staat die Juden ausgliedert, muß eT sic a 1 s Juden gelten lassen. Die jüdische Gesamtheit innerhalb des organischen Staates wird nicht minder zu allen Belangen des Staates stehen wie alle anderen Staatsbürger. Nationaldeutsche Phraseologie im Munde eines Juden macht ihn weder zum besseren Deutschen noch zum besseren Juden; sie erzeugt nur von neuem jene Verwischung und Tarnung, die endgültig beseitigt werden muß, wenn nicht immer wieder die Beziehungen von Jude und Nichtjude von Mißtrauen beherrscht sein sollen. Und hier kehren wir zum Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurück. Die Juden sollen wissen, daß sie um die Behandlung der Judenfrage im jetzigen Moment nicht mehr herumkommen. Weder durch eine — freiwillig oder unter dem Druck des Auslandes erfolgte — Aenderung der deutschen Judenpolitik in diesem oder jenem Punkt, ja nicht einmal durch die (ja schwerlich bevorstehende) Wiederherstellung der formalen Gleichberechtigung ist die Judenfrage aus der Welt zu schaffen, noch durch ein Hinüberretten des einzelnen Juden in bessere Gefilde. Viele Juden meinen, sie könnten durch Uebersiedlung in ein anderes Land die Frage wenigstens für sich lösen; suchte man im vorigen Jahrhundert eine individuelle Lösung durch die Taufe, die damals das ״Eintrittsbillett zur europäischen Kultur“ war, so glaubt man jetzt, durch geographische Veränderung die Bürde loszuwerden. Wir fürchten, daß schon in kurzer Zeit die schwere Täuschung sich offenbaren wird. Die Völker haben andere Sorgen als das Los der deutschen Juden; manche Anzeichen sprechen dafür, daß in anderen Liindern auch antisemitische Neigungen sich geltend machen, und zionistische Erkenntnis lehrt, daß wandernde Juden di4 Judenfrage häufig von einem Land in ein anderes verschleppen. Individuell und nebenbei ist die Frage nicht zu lösen. Nicht einmal durch die Uebersiedlung nach Palästina, die jetzt manchen, die nie zuvor an Palästina gedacht haben, als Erleichterung ihres Loses vorschwebt. Die Situation gibt den Juden Schwereres auf. Sie müssen aufhören, ״Nichtarier“, verhinderte Arier, zu sein, und mit vollem tji/äüiäÜ

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