Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-06-01 · 5 = Mai/Juni (6.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
5 = Mai/Juni (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10855476-10855470-2653735--115-2691772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Monatsausgabe Nr. 5, Mai /Juni 1933 Bewußtsein Juden werden, jüdisches Schicksal auf sich nehmen, jüdische Zukunft bejahen. Und dann — dann werden wir auch anders als heute unsere Feste feiern können. * Es war eine Eigentümlichkeit des assimilierten Judentums des 19. Jahrhunderts, daß es neben den anderen Verlusten an jüdischer Substanz, die es kennzeichnen, auch das Wesen der jüdischen Feste verwässert hat. Seien wir aufrichtig: wieviele deutsche Juden haben heute noch ein echtes und unmittelbares Gefühl für den Sinn und die Größe dieser Feste, die man ja dadurch begreiflich machen wollte, daß man sie den gleichzeitigen christlichen Festen anpaßte und aus Peßach das ״jüdische Ostern“, aus Schawuoth das ״jüdische Pfingsten“ machte? Wir haben uns auf die Einzigartigkeit dieser Feste zu besinnen. Schawuoth ist die Erinnerung an die Begegnung des Volkes mit Gott, der unter Donner und Blitz dem Volke ein Gesetz gibt, dessen Essenz in zehn Worten auf zwei Steintafeln eingemeißelt wird. Diese zehn Worte aber, die am Schawuoth-Fest vor der versammelten jüdischen Gemeinde verlesen werden, sind nicht nur an Israel gerichtet, sondern an die Menschheit. Jedes christliche Kind, das in der Schule die Zehn Gebote lernt, muß erfahren, daß dieses Gesetz dem jüdischen Volk verkündet worden ist, jenem Volk, von dem dieses Kind jetzt wohl hier und da noch anderes zu hören und zu lesen bekommt. Die nichtjüdische Welt ist mit dieser Tatsache noch nicht recht fertig geworden. Haben wir heute z. B. im deutschen Protestantismus eine tiefgreifende, an die letzten Wurzeln der Kultur rührende Debatte darüber, ob das Christentum von seiner jüdischen Grundlage losgelöst und den völkischen und rassischen Ideen des jungen Deutschland angepaßt werden kann, oder aber ob — wie manche befürworten — das national erwachte deutsche Volk sich überhaupt vom Christentum loslösen und zu einer nordischen Urreligion zurückkehren soll (wie kürzlich auch in einer Kundgebung an der Berlin-er Universität verfochten wurde), so gibt es noch eine Spezialdebatte darüber, ob die jüdischen Zehn Gebote wirklich als verpflichtende Ethik der Menschheit anerkannt werden können. Stapel stellt dies in seinem Buch ״Der christliche Staatsmann“ in Abrede; ihm ist das Zehn-Gebot nur ein Teil der jüdischen Volkssitte, dem die Volkssitte (״Nomos“) anderer Völker als Schöpfungen Gottes gleichberechtigt an die Seite treten. In der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ (Heft 2) ist ein protestantischer und ein katholischer Theologe dieser Stapelschen Auffassung mit Entschiedenheit entgegengetreten. Der Protestant Prof. Althaus schreibt in diesem Zusammenhang: ,,Das Mose-Gesetz hat einen zwiefachen Charakter: Es ist einmal besonderer nationaler Nomos, sodann aber Ausdfuck des einen Gotteswillens, der jeden Menschen im Gewissen bindet.“ Zwar haben auch andere Völker ihr Volkstum und ihren nationalen Brauch (Nomos), ״Heilsgeschichtlich bedeutsam kann nun aber ein Nomos sein nur, sofern er in besonderer Prägung der Nomos ist, Ausdruck des einen Willen Gottes, der uns alle, durch alle Völker hin, in die eine und selbe wesentliche Wirklichkeit des Menschseins und seiner Beziehung zum Du und zum Es gesetzt hat“. Und der protestantische Theologe fährt fort: ״Keinem Volke auf Erden aber — Geheimnis der Wahl Gottes! — wurde so wie Israel gesagt, was Gott heißt, daß er der Schöpfer der Erde und des Himmels ist, der Heilige, der Eifrige; daß er die Geschichte der Völker und der ein«?.einen waltet; was es heißt: ihn allein anbeten, ihm dienen, ihm glauben.“ Wir können hier den Einzelheiten dieser für uns Juden höchst lehrreichen theologischen Kontroverse nicht nachgehen. Für die dem Nationalsozialismus verbundene Gruppe des deutschen Protestantismus liegt zweifellos eine enorme Schwierigkeit darin, das Christentum zu bejahen, wo doch das Volk, dessen religiöser Produktivität die Grundlagen des Christentums entstammen, leidenschaftlich abgelehnt wird. In revolutionären Zeiten, wo das Sicherheitsbewußtsein des Bürgers in seinen tiefsten Grundlagen erschüttert ist, werden Spannungen fühlbar, die man früher nicht so empfand. Dazu gehören auch die sich aus der Beziehung von Politik und Religion, von Religion und Volkslum, ergebenden Konflikte, und die Notwendigkeit, den Universalitäts-Anspruch der Religion mit dem Partikularitäts-Willen des Volkstums in Einklang zu bringen. Vielleicht hat die Botschaft des Christentums ״Denn das Heil kommt von den Juden“ eine empfinaliche Stelle im Bewußtsein der Völker getroffen, gerade jener Völker, die in ihrer inneren Entwicklung mit sich selbst nicht recht fertig werden können. Aber wir Juden, wie steht es mit uns? Wir haben das Gesetz am Sinai empfangen, aber wir haben keinen Anlaß, uns als ״Lehrmeister“ der Völker zu fühlen. Wir selbst haben die Verschlungen heit von nationalem und menschheitlichefn Sein nicht voll bewältigt. Das Ereignis am Sinai ist für unsere ganze Geschichte und bis in unser heutiges Leben hinein wirkend geworden. Kein Volk hat etwas Aehnliches aufzuweisen. Aber ist dies nun ein Grund, eingebildet zu sein? Der biblische Berieht ebenso wie unsere Volkslegende bewahrt uns davor, in nationale Ueberheblichkeit zu verfallen. Niemals vielleicht ist ein heroischer Höhepunkt einer Volksgeschichte so ganz ohne Eitelkeit, so fern von jeder selbstgefälligen Idealisierung erzählt worden. Denn was erfahren wir? Das Volk benützt den ersten Anlaß, sich von der strengen Führerschaft zu befreien und umtanzt das goldene Kalb. Moses zerschlägt die Tafeln im Zorn. JÜDISCHE RUNDSCHAU Das Volk Israel war nicht besser, ist nicht besser als andere Völker. Es hatte nur ein besonderes Schicksal. Die Legende erzählt, daß Gott, als er den Menschen die Thora geben wollte, von Volk zu Volk ging, um sie jedem anzubieten. Alle lehnten ab, sie wollten sich dem strengen Joch nicht beugen. Da kam Gott zu Israel, aber auch Israel lehnte ab; auch dort waren die natürlichen Lebenstriebe dem Volk näher als das Gesetz des Geistes; auch Israel wollte nicht ״auserwählt“ sein. Da nahm — so heißt es weiter — Gott einen Berg und stülpte ihn über sie wie ein Faß: Kapha alehem har kegigith. Nun waren sic Gefangene, und unter diesem äußeren Zwang erst nahmen sie die Thora entgegen. Man kann nach dieser Volkslegende wahrhaftig nicht behaupten, daß die Juden sich brüsten, das ״auserwählte Volk“ zu sein. Sie wissen genau, daß sie nicht besser sind als andere; kleine, schwache, von egoistischen Trieben beherrschte Mensehen: immer aber zugleich Gefangene des Geistes. Die ganze jüdische Geschichte, das ganze Volksleben ist ein unterirdischer Kampf dieser zwei Gewalten. Gewiß ist diese Polarität von Trieb und Geist, von Eigennutz und Gebot, bei allen Völkern zu finden; aber nirgends steht sie so im Mittelpunkt der Existenz wie bei den Juden. Darum mögen die Gegensätze krasser sichtbar sein, aber in jedem Geschlecht sind beide vorhanden, die Abfallenden und die Hinaufstrebenden. Die Völker, die uns mit einem uns oft unbegreiflichen Haß ablehnen, weisen mit dem Finger auf das Schauspiel von Juden, die das goldene Kalb umtanzen. Wir leugnen es nicht; schon der unbarmherzige Bericht unseres großten nationalen und religiösen Buches sagt es offen vor aller Welt: es gibt solche Juden, vielleicht tanzen sie sichtbarer um dieses Kalb als andere Menschen, deren Liebe zum Gold nicht geringer ist. Aber was die Völker nicht sehen wollen und was wir selbst nicht in eitler Prahlerei verkünden, sondern in der Wirklichkeit unseres Lehens erfahren müssen, ist: daß zu derselben Zeit, wo Juden den Tanz des ״Materialismus“, wie man heute sagen würde, aufführen, andere Juden, oder noch deutlicher: ein anderer Teil des unteilbaren jüdischen Volkes, Angesicht in Angesicht vor dem Geist steht, in der verzehrenden Flamme oben auf der Spitze des Berges. Darum ist auch in Zeiten äußerster Not unser wahres jüdisches Problem nicht ein äußeres, sondern ein i n n e - res. Der Widerstreit der polaren Mächte wird uns in dieser Zeit stärker bewußt als in Zeiten beruhigter Sicherheit. Heute, nach einem Jahrhundert völligen Vergessens der jüdischen Zusammenhänge, ist schon viel erreicht, wenn wir uns zunächst einmal besinnen. Wenn wir sehen, wo wir stehen. Jüdische Feste sollen uns zum Nachdenken bringen. Das Judentum unserer Zeit macht einen tiefen Wandlungsprozeß durch. Die offiziellen Repräsentanzen wollen es nicht wahr haben, sie lieben zu sehr ihre eigene Verknöcherung, aber unterirdisch gärt es in den Herzen. Nein, die deutsehen Juden brauchen keinen zweiten 1. April. Sie wissen jetzt, auch ohne daß es ihnen ans Fenster geschrieben wird, daß sie Juden sind. Wir blättern in alten Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau“ und lesen, was dort zu jüdischen Festen gesagt wurde. Wir drucken einen Aufsatz ab, der vor dreizehn Jahren erschienen ist; er enthält keinen Hinweis auf das Erlebnis von 1933, und doch vielleicht etwas Trostliches, nämlich die Erkenntnis: die wesentlichen Dinge unseres jüdischen Erwachens haben sich nicht verändert, sind nicht veranlaßt von äußerem Geschehen. Worte verhallen, solange es gut geht; erst das Leben mit seiner Unerbittlichkeit zwingt Menschen zum Stand halten, erst der Zorn, der in Blitz und Donner niederfährt. Wenn das Volk gezwungen wird, wie durch ein Faß, das darüber gestülpt wird, dann vermag es zu hören. Und nun wird vielleicht auch das Gefühl für dieses Fest, das wir jetzt feiern, lebendiger werden in den Herzen der Menschen, der Blick über die Jahrtausende wird uns aufrichten. Es gibt nämlich noch eine andere kleine jüdische Volkssage; die erzählt, daß Gott nach dem Auszug aus Aegypten den Israeliten die Thora nicht geben wollte, weil sie von der jahrelangen Knechtschaft und der schweren Fronarbeit verkrüppelt waren. Erst mußten ihre Rücken wieder gerade gemacht werden. — Herr der Welt, mach unsere Rücken wieder gerade! (״Jüdische Rundschau“ vom 30. Mai 1933.) ״Furor ieuionicus" Das ״Berliner Tageblatt“ veröffentlicht am 11. Juni einen Leitartikel ״Furor teutonicus und Pedanterie“ von Erich Haeuber, der sich auch mit der Judenfrage beschäftigt. Der Verfasser sieht in dem deutsehen Antisemitismus ״eine Neigung zur Pedanterie“. Die Massen, die ״die neuen Ideen instinktmäßig ahnten, ohne sie gedanklich schon voll erfassen zu können“, hätten nach einem sichtbaren Gegner gesucht. ״Die Schandtaten einer großen Reihe übler Geschäftemacher, die zum Teil aus den Kreisen eines frisch eingewanderten Ostjudentums entstanden, waren der äußere Anlaß für den Erfolg der antisemitischen Propaganda in den großen Massen. Diese Propaganda selbst hatte ihren Nährstoff darin gefunden, daß ein Teil der jüdischen Intelligenz den Liberalismus, der aas Judentum soeben erst aus dem Getto befreit hatte, mißbrauchte zu einer alles zersetzenden Kritik und zu einer Ueberspitzung der persönlicheh Freiheit, die sich gelegentlieh sogar über die allgemeinen nationalen Interessen hinwegsetzte.“ (Sperrungen von uns — Red. ״J. R.“) V•./!■׳״•׳:■ יי■•׳■ ־״־' ■ Man wird auf das höchste erstaunt sein, im Tageblatt“ eine solche scharfe Kritik des jüdischen Anteüsl am Liberalismus zu finden. Noch gesteigert wird dieses Eisp staunen, wenn man in einem Briblatt derselben Nummer Einleitung zu einer reklamehaft auf gemachten Zusammenstet^;i*| lung von Auslandsberichten betreffend den Widerhall *der*׳;?Sj Publikation des ״Berliner Tageblatts“ über die Judenfrage,. die folgende Erklärung findet: j ״Die Kaffeehaus-Literaten und Schmocks, die bei Ihrem ' : vorübergehenden Gastspiel ln Deutschland nur Durchfälle יי ׳ erleben Konnten oder Ihre Scheinerfolge Jedlglkh dem Zu-, sammenhalten Ihrer Clique zu verdanken natten, haben zu keiner Zelt etwas mit uns gemein gehabt «Sie spielen sich jetzt auf Kosten derer, die würdig ihr oft schweres, Schicksal tragen, als Märtyrer auf und fühlen sich vollkommen zu Unrecht berufen, aus Ihren sicheren Winkeln Schmutz und Unrat Über unsere ernsten und aufrichtig ge- > meinten Bemühungen auszugießen. Sie zeigen damit wieder ׳ einmal besonders deutlich, daß sie die Brücken, die sie früher zu unserem Vaterland leider mit Erfolg schlagen־ konnten, nunmehr gänzlich abgebrochen haben. Damit erübrigt es sich für uns in Zukunft, auf diese Anwürfe' weiter einzugehen.“ Es ist ein starkes Stück, wenn das ״Berliner Tageblatt״' die Gemeinschaft mit einem großen Teil seiner ehe-' maligen Mitarbeiter in dieser brüsken Form ablehnt. Wir wissen nicht, ob zu den ״Kaffeehaus-Literaten und Schmocks“ auch jene ehemals hochangesehenen Redakteure, des ״Berliner Tageblatts״ gerechnet werden, die sich jetzt im Exil befinden. Wir haben mit diesen Herren politisch gewiß; nichts gemein, aber wir empfinden es als den Gipfel der■ ' y Geschmacklosigkeit, wenn das ״Berliner Tageblatt1*,^ sei es auch unter neuer Leitung, in dieser Weise seine Veri gangenheit verleugnet. Man kann doch die Tatsache nicht ein- ’y fach ignorieren, daß in der gegen den ״jüdischen“ JoumalU•• mus betriebenen nationalsozialistischen Agitation jahrelang• das ״Berliner Tageblatt“ an erster Stelle genannt wurde,י geradezu als das Musterbeispiel eines ״volksfremden“;3 liberalen ״Juden-Blattes“. Wenn Herr Erich Haeuber davon'׳ spricht, daß die ״Schandtaten der üblen Geschäftemacher des :?4 Ostjudentums“ den Antisemitismus entfacht hätten, so müßte־ er doch, was übrigens der zweite Teil seiner Bemerkung jä ' ■ ahnen läßt, sich bewußt'sein, daß ein nicht geringerer1 >:■ Teil der antisemitischen Propaganda mit dem Kampf gegen das ״Berliner Tageblatt“ bestritten wurde.;;Slj Auf die Veröffentlichung der ״Brücke“ vom 4. Juni,, di*״:'. verschiedene Aeußerungen zur Judenfrage enthielt, haben wirbereits in unserer vorigen Nummer hingewiesen. Da eine3 ״ Fortsetzung der Aussprache in der nächsten Woche folgen >ז.'י soll, wollen wir ein endgültiges Urteil zurückhalten; die Zusam men Stellung der ersten Ausgabe mußte als zumindest recht M ungeschickt und unglücklich bezeichnet werden. Das Tageblatt aber hat seine Korrespondenten in allen Ländern beauftragt, - :;y« zu melden, welchen ״Eindruck“ dort dieses Blatt der ״Brücke״; gemacht hat. Die armen Korrespondenten sind in einer un»ngenehmen Lage. Sie haben natürlich über diesen Punkt nicht: das geringste zu berichten, weil diese Publikation sicher keinen ״Eindruck“ gemacht hat. Sie helfen sich da-' mit, daß sie einige allgemeine Bemerkungen über die Behändlung der Judenfrage in den einzelnen Ländern mitteilen. Durch die Aufmachung der Berichte wird die Impression 1erzeugt^ als ob die Diskussion über die deutsche Judenfrage in den י;.'{ betreffenden Ländern, die seit Monaten in überaus eingehender 4; Weise vor sich geht, erst durch die ״Brücke“ des ״Berliner,! Tageblattes“ hervorgerufen worden wäre. So wird z. B. aus; London berichtet, die englische Oeffentlichkeit habe ״mit erheblichem Interesse von der Publikation des ״Berliner Tageblatts“ Kenntnis genommen... .״ Es heißt dann weiter, auch die Jüdische Telegraphen-Agentur, die ja alle Aeußerungen' i zur Judenfrage überall in der Welt registriert, habe zur Veröffentlichung Stellung genommen. Aus Paris wird gar gemeldet, man wundere sich über die ״Zivilcourage“, die in dieser Veröffentlichung liegt. Ebenso übertriebene und selbstlobende Berichte wurden auftragsgemäß geliefert aus War« schau, Budapest, Prag und Stockholm. Der Stockholmer Korrespondent erwähnt auch die großangelegte Artikelreihe Prof. Bööks, von dem er mitteilt, daß ihm u. a. die Vergebung des Nobelpreises für Literatur obliegt, ohne aber im einzelnen Bööks Anschauungen wiederzugeben. (Eine teilweise Wiedergäbe eines der wichtigsten Artikel Bööks zur Judenfrage finden unsere Leser an anderer Stelle dieses Blattes.) Die Veröffentlichung der Korrespondenten-Stimmen zeigt jedenfalls, daß das ״Berliner Tageblatt“ noch an dem Reklamestil von vorgestern festhält. Welchen Zweck es mit dieser Aufrolluug der Judenfrage verfolgt, geht aus einem großen Inserat hervor, das in der letzten ״C.-V.-Zeitung“ veröffentlicht wird. Darin wird erklärt, ״jeder Staatsbürger jüdischen Glaubens müsse die grundlegenden Erörterungen in der Brücke vom 4. Juni gelesen haben.“ Sonderdrucke dieses Blattes werden sogar kostenlos angeboten. E9 ist ganz klar, daß das ״Berliner Tageblatt“ meint, auf diese Weise die Gunst der tausende abgefallener jüdischen Leser wiedergewinnen zu können. So heißt es in dem Inserat, das ״Berliner Tageblatt“ wolle die Regierung bei ihrer schwierigen Aufbauarbeit unterstützen, ״ohne darüber das Interesse derjenigen Gruppen zu vergessen, die sich ausgeschaltet fühlen und in ihrem guten Willen für die allgemeine Sache des deutschen Volkes nicht verkannt werden wollen.“ Verwunderlich bleibt nur, daß die ״C.-V,* Zeitung“ diese großzügige Propaganda für ihren extremsten Gegner Dr. Naumann macht, gegen dessen Plakate sie eben erst heftig Stellung genommen hat. Im übrigen hoffen wir, daß das ״Berliner Tageblatt“ einsehen wird, daß die Judenfrage heute nicht mehr in derselben oberflächlichen Weise behandelt werden kann wie früher. Ein großer Teil der Juden hat sich auf sein Judentum besonnen und läßt das Judentum nicht mehr so bagatellisieren wie früher. Wenn schon das ״Berliner Tageblatt“ als deutsche Zeitung sich auch mit der Judenfrage beschäftigen will, dann muß es mit wirklicher Objektivität und ohne einseitige liberal-assimilatorische Tendenzen geschehen. Eine solche ernste Behandlung könnte fruchtbar sein und auch in Kreisen, die der Vergangenheit des ״Berliner Tageblatts“ sehr kritisch gegenüberstehen, Anklang finden. Die bisherige Methode der Behandlung dieser Frage aber führt auf einen falschen Weg und nützt weder den deutschen Juden, noch dem deutschen Volk. (״Jüdische Rundschau“ vom 13. Juni 1933.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.