Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 5 = Mai/Juni (6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsausgabe Nr, 5, Mai/Juni 1933 Eine schwedische Stimme zur Judenfrage Der schwedische Professor Fredrik Böök, der vor einiger Zeit Deutschland bereist hat, veröffentlicht jetzt im ״Svenska Dag bl ad“ eine sehr ausführliche Artikelserie über seine Eindrücke im neuen Deutschland. Böök, der als der bedeutendste und maßgebendste Publizist Schwedens betrachtet wird, ist ein leidenschaftlicher Freund des deutscher Volkes, und die Kritik, die er an der Politik der jetzigen Regierung vom Gesichtspunkt eines Ausländers übt, ist von freundschaftlichem Geiste getragen. Bei den engen Beziehungen, die einzelne Persönlichkeiten der neuen Regierung gerade zu Schweden haben und angesichts der Tatsache, daß die Schweden vielleicht als das reinste Volk nordischer Rasse anzusehen sind, kommt der Stellungnahme der schwedischen öffentlichen Meinung eine große Bedeutung zu, obwohl es sich nicht um eine europäische Großmacht handelt. Prof. Böök, der ein echtes Empfinden für Traditionstreue und für die Regeneration nationalen Empfindens hat, hat sich bereits vor Jahren lebhaft für die zionistische Bewegung interessiert. Er war auch in Palästina und repräsentierte bei der Einweihung der Universität Jerusalem am 1. April 1925 die schwedischen Universitäten. Er hat auch später in einem Buch seine Palästina-Eindrücke be* schrieben. Es ist nicht unsere Sache, uns mit den Betrachtungen zu beschäftigen, die Prof. Böök zur deutschen Politik macht. Dagegen ist sicher für unsere Leser sehr interessant zu hören, wie ein solcher Mann die jüdischen Verhältnisse in Deutschland ansieht, ln seiner Artikelserie' bespricht Böök in einem, ausführlichen Artikel vom 4. Juni die deut: he Judenpolitik. Böök hat für den Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Judenpolitik viel Verständnis. Er billigt eine ״Politik, die beabsichtigt, den Einfluß des Antigermanismus auf das deutsche Gesellschaftsleben und die deutsche Oeffentlichkeit zu beschränken“. Der Verfasser meint jedoch, daß der Zweck, den der Nationalsozialismus in bezug auf die Juden erreichen wollte, auch mit anderen Mitteln hätte herbeigeführt werden können. Er findet die rigorose Anwendung der Rassentheorie nicht zweckmäßig. Vor allem bedauert er, daß durch die Art der Behandlung der deutschen Judenfrage manchen anderen Nationen die Gelegenheit gegeben wurde, ״mit Tugendmiene‘׳ als moralischer Lehrmeister Deutschlands sich aufzuspielen, so z, B. den Polen, die selbst in der Judenfrage genug Verfehlungen zu verantworten haben. Der Verfasser hebt dann hervor, daß er während seines Aufenthaltes in Deutschland nichts mit eigenen Augen gesehen hätte, was Judenverfolgungen ähnlich gewesen wäre. Dagegen sei aber nicht zu verkennen, daß die Maßnahmen der sogenannten Gleichschaltung die Juden in ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Positionen sehr schwer treffen. Er bedauert auch den Ruf ״Juda verrecke“, den er bei einer bestimmten Gelegenheit gehört haben will. Was die Juden betrifft, so seien vor allem die psychischen Folgen der antisemitischen Aktion schwerwiegend. Diese ״seelischen Leiden sind die wirklichen, verhängnisvollen und die lebensentscheidenden, während die Unglücks-Chronik der Krisenzeit vergessen wird“. Die Lage der ״jüdischen Kinder, die mit Verzweiflung den leeren Raum bemerken, der sich am sie herum bildet, die nicht einmal direkten Demütigungen und offenem Schimpf entgehen“, müsse einen mit Bedauern erfüllen. Diese Demütigungen und Herabsetzungen treffen besonders empfindlich die stolzen und aufrechten Eiemente unter den Juden, während die vulgären, gemeinen und gewissenlosen sich leicht auch in eine soLchc Situation finden; auf these Weise wandle sich der Antisemitismus zu einer Waffe, die die Unmoralischen schone und die Unschuldigen treffe. Der Verfasser führt dann eine Reihe von Einzelfällen an und erwähnt die Erklärung von Prof. James Franck in Göttingen, die in ihrer Vornehmheit Respekt und Bewunderung verdient hätte. Trotzdem habe Francks Auftreten sogar bei Universitätsprofessoren scharfe Kritik gefunden. ״Wer keine Achtung für einen Mann wie Prof. Franck hat, hat wirklich etwas Unersetzliches verloren.“ Hier fährt Prof. Böök fort: ״Dieses Unersetzliche, das man auch Mut und Selbständigkeit nennen kann, zeigt sich ln reichem Maße in dem zionistischen Lager; davon zeugt jede Nummer der ״Jüdischen Rundschau“. Tapferer und intelligenter kann man kaum eine gerechte und unpopuläre Sache verfechten, und die, die den Juden moralisches Pathos und Idealismus absprechen wollen, sollten sich erst in die Gedanken und Gesichtspunkte hineinversetzen, di כ dort aufrcchterhalten werden, in die Gefühle, die sich dort Luft machen. ״Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!“ lautete die Ueherschrift eines der Leitartikel. Inmitten des Drangsais und der Verzweiflung, der Prüfung und der Heimsuchung spürt man eine Art intellektueller Genugtuung, daß die Tage der Verkleidung und des Verstecksplelens vorüber sind. Der verhängnisvolle Irrtum, daß Inan jüdische Interessen unter einem anderen Deckmantel vertreten könnte, Ist dahin. In dem welthistorischen Sturm wächst die fruchtbare Saat.“ Die Frage, die man sich vorlegen müsse, sei die, zu welchem Ziel die Judenpolitik des Nationalsozialismus führen soll; denn das Verderblichste wäre, wenn sie einfach nur in einer Sackgasse endete. Seine eigene Meinung spricht Böök folgendermaßen aus: ״Nach dem, was nun geschehen ist, gibt es nur einen Weg, auf dem man zum Waffenstillstand und Friedens- Schluß vorwärts kommen könnte, und man muß sich nur darüber wundern, daß die nationalsozialistische Regierung ihn nicht schon seit langem gefunden hat. Er besteht aus einer Annäherung an die zionistische Gruppe unter den deutschen Juden, und das ist eine Gruppe, die in den letzten Monaten unerhört an Stärke und Autorität zugenommen hat. Mit den Zionisten wäre es für die Nationalsoziallsten nicht unmöglich, eine positive Zusammenarbeit zu beginnen, und wer nicht vom Fanatismus verfinstert ist, sollte einsehen können, daß wenn man für die Lösung des Judenproblems arbeiten will, dies durch eine Verständigung mit dem jüdischen Volke geschehen muß. in Verbindung mit dessen eigenen Kräften und Ideen, und JÜDISCHE RUNDSCHAU nicht durch ein aufgezwungenes Regime, eine mechanische Despotie. Nichts hindert die nationalsozialistische Regierung, die Auswanderung nach Palästina zu begünstigen und zu erleichtern; für die englische Regierung wäre ein solcher Anstoß .sicherlich nicht unwillkommen, und damit würde sich eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit zw 1 ־ sehen Deutschland und England eröffnen. Sicherlich Ist es nur ein sehr geringer Teil des deutsehen Judentums, der instand gesetzt werden, könnte, auszuwandern; aber das entscheidende Moment liegt nicht in dem materiellen Resultat, sondern ln der grundsätzlichen Einstellung. Durch Zusammenarbeit mit dem Zionismus wäre cs möglich, das deutsche •Judentum als eine nationale Minorität zu organisieren, mit eigenem Unterrichtswesen und eigenen kulturellen Einrichtungen. Das Ist die logtsehe Konsequenz der Abschließung der deutschen Kultur von dem jüdischen Einfluß. Dia Frage der Verwertung der jüdischen Arbeitskraft kann nur gelöst werden durch gegenseitiges Entgegenkommen und Einverständnis; wenn der Nationalsozialismus von seinem Standpunkt aus die Billigkeit der Berufsverteilung zwischen Deutschen und Juden ln Deutschland bestritt, so hat der Zionismus auf seiner Seite schon seit langem gepredigt, daß die Juden nicht als parasitierende Oberklasse bei anderen Nationen existieren können. Hier, sowie bei einer Menge anderer Punkte, sind Nationalsozialismus und Zionismus ideologisch verwandt. — Was hindert sie, sich gemeinsam an die große Aufgabe zu machen; eine Umlagerung, ״Umschlchtung“ der jüdischen Massen, die sie ln ein anderes und weniger einseitiges Verhältnis zu der sozialen Schichtung und zu den Aufgaben der Gesellschaft stellt. Das ist das große jüdische Problem, und das Ist das einzige, das auf die Dauer den Stachel aus dem Antisemitismus brechen und die Frage lösen kann. Alle anderen wohlgemeinten und liberalen Ausgleichsvorschläge sind nur palliativ: man wirft Tünche Uber die Risse; wenn aber das nächste Erdbeben die Grundmauern erschüttert, so klaffen die Risse von neuem. Wenn man alle Phrasen streicht, so ist die einfache Wahrheit die, daß, wenn die Juden eine reine Oberklasse, eine Intellektuell arbeitende und führende Klasse sein wollen, so könnten sie nur eine unendlich kleine Minorität sein: man bekommt sonst einen Rassengegensatz zwischen Oberklasse und Unterklasse, und schon Ist der Antisemitismus da. Der Kern des Zionismus ist die Forderung einer unabhängigen völkischen Existenz für die Juden. Wäre die Verwirklichung dieser Forderung nicht ein würdiges Ziel für den Ehrgeiz eines Staatsmannes? Das ist größer und fruchtbarer, aber auch schwerer, als dem Haß und der Verbitterung Luft zu geben, als die Summe des Leides und der Verwirrung in einer schon verfinsterten und von Haß zerrissenen Welt zu mehren. Ist dies im Grunde eine undenkbare Selbstüberwindung für die Nationalsoziallsten, zum jüdischen Volke eine andere Stellung einzunehmen als die negative? Als Hitler am 17. Mai vor dem Reichstag sprach, führte er aus, daß der National- Sozialismus, gerade weil er seinem eigenen Geiste treu sein muß, niemals die Lebensrechte anderer Völker angreifen könne. ״Indem wir uns in grenzenloser Liebe und Treue zu unserem eigenen völkischen Erbe bekennen, respektleren wir aus dieser Gesinnung heraus die nationalen Forderungen anderer Völker und wünschen aus tiefstem Herzen, mit Ihnen ln Frieden und Freundschaft zu leben.“ Diese Worte sind nicht die des Agitators; sie erscheinen ehrlich und wohlüberlegt. Aber Worte verpflichten. Sind die Juden nicht ein Volk? Haben sie nicht das Recht zu einem völkischen Dasein in Palästina oder ln Europa, damit sie ln grenzenloser Liebe und Treue Ihr Erbe wahren, dessen die Völker der ganzen Welt teilhaftig geworden sind? Haben sie kein Recht, einen wesentlichen Teil der leitenden Klasse Deutschlands auszumachen, so haben sie in jedem Fall das Recht, eine nationale Minderheit darzustellen; und daß diese Minorität gerecht, ja gut behandelt wird, Ist nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein deutsches Interesse, in Anbetracht dessen, daß Deutsche und Juden dasselbe Los teilen: Europas ausgeprägtestes Minoritätsvolk zu sein, das überall innerhalb fremder Nationalitäten wohnt. Es Ist kurzsichtig, dies zu vergessen.“ Diese Bemerkungen des schwedischen Deutschenfreundes, der aus einer Sackgasse zu einer konstruktiven Lösung im Interesse Deutschlands den Weg zu finden helfen will, verdienen als Richtlinien, auch wenn man nicht in allen praktischen Einzelheiten derselben Meinung ist, die größte Beachtung. (״Jüdische Rundschau“ vom 13. Juni 1933.) Die Sorge um den Frieden Nichts bewegte in diesen Tagen so heftig alle Gemüter wie die Sorge um den Weltfrieden. Die Zuspitzung der außenpolitischen Situation brachte weiten Volkskreisen den Ernst der Entscheidung zum Bewußtsein. Die Völker wollen keinen Krieg, sie wissen, daß Krieg mit Tod und Tränen, mit Elend und Jammer verbunden ist, und daß bei der heutigen mechanischen Kriegstechnik, deren Auswirkungen noch kaum ermessen werden können, die alten Begriffe von Sieg und Niederlage nicht mehr gelten, sondern daß eine Vernichtung aller und ein furchtbares Chaos droht. Man hat uns Juden in Deutschland häufig vorgeworfen, daß wir ״Pazifisten“ seien und daß Pazifismus das Volk demoralisiere. Es mag richtig sein, daß Juden, weil sie ein längeres geschichtliches Gedachtnis haben, besonders tief um das Leid wissen, das mit Kriegen verbunden ist; das besagt nicht, daß wir nicht auch die Würde und Schicksalhaftigkeit geschichtlicher Auseinander- Setzungen im Ringen der Völker begreifen. Aber es ist heute keineswegs eine spezifisch ״jüdische“ Einstellung, wenn man wünscht, daß der Friede der Welt erhalten werde. Alle Völker hoffen, daß ihre Staatsmänner Einsicht und Größe, Klugheit und Oeschick haben werden, um den Frieden zu retten und aus den heutigen Schwierigkeiten der Welt, die noch immer eine Folge des Weltkrieges sind, herauszukommen. Im Rahmen der Ereignisse dieser Woche ist die Botschaft des amerikanischen Präsidenten ein wichtiger Schritt zu einer Entspannung der Lage. Und die Rede des deutsehen Reichskanzlers, die die einstimmige Zustimmung des Reichstages fand, wird sicher allgemein als staatsmännische Leistung ersten Ranges gewertet werden. Auch der Reichs- ■Seite •3^' kanzlerhat sich zu dem Gedanken des Friedens bekannt, : er hat in überzeugender Weise geschildert, welches Verderben ein Krieg für die Menschheit bedeuten würde. Auf Grundv dieses Bekenntnisses zum Frieden wird es die Aufgabe der ~ Statsmänner aller Völker sein, ein dauerndes konstruktives Gebäude für das Zusammenleben der Völker aufzurichten. An dieser Stelle kann nicht auf die durch die Rede des Reichskanzlers aufgeworfenen politischen Einzelfragen efaxge- ־ gangen werden. Was aber uns als Juden besonders nahe be- , rührt hat, war der erste Teil der Kanzlerrede, der nicht nur einen deutschen Interessenstandpunkt vertrat, sondern all״ gemeine Prinzipien proklamierte, die für jedes Volk ׳ anerkannt werden. Gerade der Nationalsozialismus, so sagte .׳ der Kanzler, respektiert aus seiner Weltanschauung heraus auch die nationalen Rechte der anderen Völker, er ist von tiefem Verständnis beseelt für die gleichen Gefühle und Gesinnungen sowie für die begründeten Lebensansprüche anderer. Der Kanzler wies darauf. hin, daß man im Völkerleben nicht den Oedanken der Vernichtung pr edigen dürfe, sondern überlegen müsse, wie eine Neuordnung der Beziehungen vorgenommen wird, die den Existenznotwendigkeifen der beteiligten Völker in höchst möglichem Umfange entspricht. Das sind Gedanken, die weit über Deutschland, hinaus und in Deutschland weit über die Reihen der nationalsozialistischen Partei hinaus Zustimmung finden werden, ln der Tat wird und wurde in der ganzen Welt von Einsichtigen seit langem anerkannt, daß die Di s q u a I i f i zi e r u n g Deutschlands ein Unrecht ist, und erst durch die überstürzten Ereignisse der letzten Monate erlangte im Ausland eine andere Haltung die Oberhand. Es ist eine große aber lohnende staatsmännische Aufgabe, die Verwirrung, die im Ausland entstanden ist, zu beseitigen. Auch jetzt noch gibt es unabhängige Köpfe, die das Problem sehen. So z. B. hat am Vorabend der K&nzlerrede Lloyd O e 0 r g e, der freilich gegenwärtig eine etwas. isor lierte Stellung in England hat, immerhin aber der Primeminister des Weltkrieges ist, eine Rede gehalten, in der er sich rückhaltlos für die deutsche G leie hbe recht!-, gung einsetzte. Lloyd George machte in dieser Rede ,den Politikern der Entente schwere Vorwürfe ,wegen ihres falsclliä Verhaltens gegenüber Deutschland. Zwei Fragen, so sagte er, entstehen im Zusammenhang mit der deutschen Lage, aber man dürfe diese beiden Fragen nicht vermischen. Die eine sei die Behandlung der Juden in Deutschland, die andere die Behandlung Deutschlands durch die Alliierten in der Frage der Abrüstung. Und nachdem Lloyd George dann für die Abrüstung der Entente-Staaten und gegen Sanktionen sehr entschieden Stellung genommen hat, fährt er fort; ״Bevor wir einen neuen Fehler machen, rate Bch ernstlich zur Vorsicht und zum guten Rat: Laßt uns zu Deutschland und zum Völkerbuna sprechen auf der Basis des fair play gegenüber allen, fair play für die 600 600 Juden in Deutschland, aber auch fair play für die 60 Millionen Deutsche.“ Der ״Völkische Beobachter“ vom 17. Mai druckt ־ dies in seinem Bericht wörtlich ab; es ist vielleicht zum ersten Male, daß dieses Blatt ohne Glosse auch ein Wort eines ausländischen Staatsmannes zur J uden f r a ge veröffentlicht. Wird dies auf die Leser des ״V. B.“ Eindruck machen? Wir haben in der ״Jüdischen Rundschau“ mehrmals darauf hingewiesen, daß unter den ausländischen Staatsmännern, die die Juden- Politik des neuen Deutschlands kritisieren, gerade solche sind, die aus demselben Gerechtigkeitsgefühl, das sie für die Juden einzutreten zwingt, auch die Gleichberechtigung; Deutschlands befürwortet haben. Wir finden im ״Berliner Tageblatt“ vom 18. d. M. in dem Bericht über die Auslands- Wirkung der Kanzlerrede ein Telegramm aus Amerika, worin eine Aeußerung des Senators Wagner zugunsten Deutschlands zitiert wird. Senator Wagner ist einer der Redner bei der großen jüdischen Demonstration in Madison Square Gardens am 27. März gewesen, die gegen den Antisemitismus in Deutschland demonstrierte und in Deutschland vielfach als ״antideutsche Kundgebung“ mißverstanden wurde. Der Zusammenhang liegt hier klar zutage. Der Reichskanzler hat mit Recht betont, daß für die Stellungnahme in wichtigen politischen Fragen allgemeine Grundsätze ausschlaggebend sind. So erklärt es sich, daß ein Mann, der gegen den Antisemitismus Front macht, auch gegen die ״Disqualifizierung eines großen Volkes“ im Völkerleben eintreten muß. Denn die ״Disqualifizierung eines großen Volkes zu einer Nation zweiten Ranges oder zweiter Klasse“ ist im Widerspruch mit den Grundsätzen^der Moral und der Vernunft. Aber — so sei uns als Juden, die wir in eine überaus schwierige und delikate Lage gedrängt wurden, gestattet, hinzuzufügen — was hier mit Recht von einem großen Volk gesagt wird, gilt auch für ein kleines und wehrloses Volk, das nicht einmal die Möglichkeit hat, seine Stimme im Konzert der Völker zur Geltung zu bringen. Auch die Stellung der Juden darf nicht nur unter materiellen Gesichtspunkten gesehen werden, auch für die Juden ist Disqualifizierung eine moralische Angelegenheit. Es handelt sich nicht darum, materielle Interessen durchzusetzen, sondern die Behandlung des Judenproblems, dessen Vorhandensein von uns an erkannt wird, in Bahnen zu lenken, die mit dem Prinzip einer Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Völker vereinbar ist. Diese Entwirrung ist um so schwerer, je mehr sich die äußere und seelische Lage der Juden verschlechtert. Wenn der Reichskanzler in seiner Rede in eindrucksvoller Weise auf das Elend des deutschen Volkes hinwies und diese Not mit der Ziffer der in Deutschland vorgekommenen Selbstmorde illustrierte, so möchten wir, wo von der Judenfrage die Rede ist, das gleiche an die Menschlichkeit appellierende Argument fÜT uns geltend machen. Auch jüdische Selbstmorde sind ein Zeichen der seelischen Not, in die die jüdische Gemeinschaft geraten ist. Wir hoffen, daß die Konferenzen der nächsten Tage eine weitere Entspannung bringen werden. In der Praxis der Zusammenarbeit mit anderen Völkern kann gerade das neue Deutschland, das nicht befürchten muß, der Schwächlickeit geziehen zu werden, sich zu allgemeinen Grundsätzen bekennen, die jedem Volk Verständnis und Respekt sichern. Als Juden hoffen und wünschen wir, daß dann auch der Zeitpunkt gekommen sein wird, eine sachliche und unsere Ehre nicht verletzende Bereinigung der Judenfrage anzustreben, deren jetzige Behandlung wir nicht als endgültig betrachten können. Vielleicht wird dann aus all den Verkrampfungen der Gegenwart die Bahn für einen Neuaufbau des Lebens aller Völker frei gemacht werden. (״Jüdische Rundschau“ vom 19. Mai 1933.J!