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Jüdische Rundschau · 1933-05-01 · 4 = April/Mai (Fragment) (5.1933) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
4 = April/Mai (Fragment) (5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 3 (sequence 2)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 4, April/Mai 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit« 3 Das Erste Die deutschen Juden sind mit dem jüdischen Weltschicksal konfrontiert worden. Was immer nun weiter geschieht, sie werden nicht mehr anderswoher als von dieser Konfrontation aus leben können. Ob sie aber als durch sie Zerschlagene oder als durch sie Erhobene leben werden, das liegt — trotz allem — an ihnen selber, Daß diese Stunde eine Probe des Christentums ist, diese wichtige Tatsache geht nicht uns an; uns geht an, daß sie eine Feuerprobe des Judentums ist. Was uns widerfährt, ist, auch wenn es uns ans Mark greift, nicht das Entscheidende; das Entscheidende ist, wie wir uns dazu verhalten, — was wir daraus machen, was es aus uns macht; gerade weil es uns ans Mark greift, kommt es darauf an, was nun von diesem, von dem Innersten ausgeht. Es hat sich zu erweisen, wie wir zuinnerst beschaffen sind. Das erweist sich, bei der Gemeinschaft wie bei der Person, erst in der grausamsten Not. Nicht unsere Leistungen im Gleichmaß der freundlichen Tage, sondern unsere Beschaffenheit, wie sie sich in solch einer Rand• erfahrung bewährt, weist uns vor der einzigen zuständigen Instanz aus. Was wir wirklich sind, tut sich erst kund, wenn es uns ans Sein geht; bis dahin wußten wir es selbst nicht; jetzt werden wir es zu wissen bekommen, jetzt wird es gewußt werden. Unsre Beschaffenheit ist nicht eine ruhende Fläche, die man betrachten kann; wenn wir uns vom Grund heraufholen, uns drangeben, uns erproben, erst dann ist sie bezeugt. Das Erste, dessen der deutsche Jude in dieser Probe bedarf, ist eine neue Rangordnung der persönlich-existentiellen Werte, die ihn befähigt, der Situation und ihren Wechselfällen standzuhalten. Die alte Rangordnung beruhte auf einem System von Sicherungen: Sicherung des Lebens, der Berufsstellung, des Besitzes. Diese Sicherungen sind erschüttert oder zusammengebrochen. Wenn wir in der alten Wertordnung, für die sie bestimmend waren, verharren, sind wir verloren, dann, erst dann wäre das was uns widerfährt kein bloßes Unglück, sondern ein Untergang. Nicht aber sind wir verloren, was immer geschehe, wenn wir erkennen, daß über jenen Daseins״ werten, und zwar nicht etwa ״in der Idee“, sondern ganz faktisch andere stehen, über der Wahrung des Besitzes die Wahrung unseres eingeborenen Selbst, über der Treue zum Beruf die Treue zu unserer Berufung, über der Verbundenheit mit dem Leben, zuoberst, die Verbundenheit mit dem Unnennbaren, die Gebundenheit an den Bindenden, die echte Freiheit, der echte Dienst. Wenn wir unser Selbst wahren, kann nichts uns enteignen. Wenn wir unsrer Berufung treu sind, kann nichts uns entrechten. Wenn wir mit Ursprung und Ziel verbunden bleiben, kann nichts uns entwurzeln, und keine Gewalt der Welt vermag den zu knechten, der in der echten Dienstbarkeit die echte Seelenfreiheit gewonnen hat. Es ist uns überliefert (Kohelet Rabba III 15), Gott ״suche den Verfolgten auf״, auch wenn der Verfolger gerecht, auch wenn der Verfolgte ungerecht ist. Wir wissen, daß, wie immer es um die Gerechtigkeit zwischen uns und den andern steht, wir unserm Ursprung und Ziel gegenüber ungerecht sind. Wir haben lange einer falschen, leeren, schlechten Freiheit angehangen, einer Freiheit ohne Richtung und Sinn. Wir haben nach der Freiheit des Geistes gestrebt und haben vergessen, daß der Geist nicht anders wahrhaft frei sein kann als in der Bindung an die hohe Macht, die ihn entsandt hat. Wir haben die Freiheit des Wandels geübt und die Einsicht aufgegeben, daß der Wandel nicht anders wahrhaft frei sein kann als in der Bindung in die hohe Ordnung, die ihn umschließt. Wir haben die Freiheit des öffentlichen Wesens verherrlicht und haben nicht erkennen wollen, daß das öffentliche Wesen nicht anders wahrhaft frei sein kann als in der Bindung unter das hohe Gebot, das ihm in der Gemeinschaft zu erfüllen obliegt. Nun sind wir in die Unfreiheit getan worden und an Besitz, Beruf und Leben andrer Macht, andrer Ordnung, andrem Gebot: der Macht, der Ordnung und dem Gebot der Menschen untertan. Aber in dieser Unfreiheit werden wir von Gott aufgesucht, — mitten in der Heimsuchung sucht er uns auf. Wenn wir uns ihm zuwenden, den Wahn der falschen Freiheit mit all ihren trügerischen Sicherungen fahren lassen, zur Gottesfreiheit, die die Gottesgebundenheit ist, umkehren, wird sich dieses Taumeln durch die finstere Schlucht als ein Weg, als unser Weg ins Licht manifestieren. Ein führender protestantischer Theologe hat mir in diesen Tagen geschrieben: ״Ihr Volk hat ja immer ,in der Tiefe‘ Gott finden müssen und ist damit der ganzen Menschheit zum Segen geworden.. . Die Zeit der Wüsten Wanderung, die jetzt für Sie begonnen hat, kann ja auch eine Zeit großer Offenbarung: werden. Gott gebe es.“ Gott gebe es. (,,Jüdische Rundschau“ vom 2t. April 1933.) JMf Q. T t i 71 U b 6 Y, Umschau Das neue Deutschland — Es geht um die füdisehe Ehre — Die englische Unterhaus-Debatte und die Auslands-Meinung Berlin, 20. April. ln dieser stürmisch bewegten Zeit, wo kaum ein Tag ohne große politische Akte vorübergeht, darf der Geburtstag des Reichskanzlers als ein Anlaß. genommen werden, die neue deutsche Entwicklung einmal von der unpolitischen Seite zu sehen. Denn in den Ehrungen, die dem Reichskanzler zuteil werden, drückt sich in solenner Form das allem Politischen zugrunde liegende Gefühl aus, das heute das deutsehe Volk beherrscht. Der Wille zu einer andersgearteten deutschen Zukunft verbindet sich mit der gläubigen Hoffnung auf die Gestalt des Führers. Nach einer skeptischen Periode, in der die kritische Vernunft nur allzu sehr die elementaren Gemüts-Werte zurückdrängte, bricht sich das Bedürfnis nach Glauben, nach Hingabe an eine Idee, Bahn, und dies ist begleitet von heftiger Ablehnung der bisher maßgebenden Geisteshaltung. Nur wenn wir uns dieses Sachverhalts bewußt sind, können wir dem Phänomen der jetzigen Umwälzung gerecht werden. Und gerade wir Juden, die durch diese Umwälzung in eine noch nie dagewesene Krise gestürzt wurden, sind verpflichtet, uns von dem wirklichen Wesen der Vorgänge Rechenschaft abzulegen und über die Erscheinungen der Oberfläche hinweg zu sehen, was sich in tieferen geistigen Schichten abspielt. Denn so zügellos auch der Judenhaß sich heute auslebt, so sehr der geistige Umschwung bei der Jugend mißverständlicherweise die Form einer fanatischen Abwehr des Judentums annimmt, so schwer schließlich wir Juden unter Maßnahmen dieser Neu- ©rdnung zu leiden haben, — wir selbst betrachten die Entwicklung ohne Gehässigkeit, und je stärker wir selbst im Judentum verwurzelt sind, desto leichter ist es für uns, den klaren Blick nicht zu verlieren. Die nationalsozialistische Bewegung hätte ihren großen politischen Erfolg nicht erreichen können, wenn sie nicht an tiefere als bloß politische Bedürfnisse appelliert hätte. Sie tritt auf im Namen der Idee des ״Ringens um den neuen deutschen Menschen“. Dies ist eine Sinngebung, deren gerade die idealistischen Kreise eines Volkes, vor allem die Jugend, bedürfen. Und wenn man sich klar macht, wieviel Faules sich wirklich in der bisherigen Gesellschaftsordnung festgesetzt hatte, wie die Wirtschaftskrise die sozialen Ungerechtigkeiten besonders kraß ׳hervortreten ließ, dann wird man begreifen, daß viele junge Menschen nach einem Sonnenstrahl der Befreiung sich gesehnt hatten. Diesen unpolitischen, menschlich-geistigen Momenten ist es vielleicht zuzuschreiben, wenn die Person des Reichskanzlers und die neue Regierung in den letzten Monaten zahlreiche neue Anhänger gefunden haben. Freilich mögen auch viel Konjunktur-Politiker dabei sein, und die Schnelligkeit, mit der jetzt zahlreiche Vereine und Unternehmungen den Arier-Paragraphen bei sich einführen, wurde schon von nationalsozialistischen Führern verspottet. Wir erleben das Schauspiel, daß die neuen Adepten der nationalen Bewegung sich häufig gerade dort auszuzeichnen versuchen, wo die Linie des geringsten Widerstandes ist, nämlich gegenüber den Juden. Schon hört man vereinzelt auch im nationalen Lager Stimmen, die sich dagegen wehren, die Judenfrage zum alleinigen Schibbolet werden zu lassen. Es besteht die Gefahr, daß durch sie die konstruktiven Absichten der Regierung überwuchert werden. Wir glauben — und als Juden haben wir das Recht, dies zu sagen — daß die Gefahren, die dem neuen Deutschland von dieser Seite geistig drohen, noch erheblicher sind. Daß die Judenfrage einer Klärung bedarf, wurde von uns niemals geleugnet; aber wenn man an Stelle einer Klärung ein Phantom setzt, so ist niemandem damit gedient. Die Führer des neuen Deutschland scheinen in der Judenfrage ganz feststehende Ansichten zu haben, die vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt entstanden sind, für die man aus verschiedenen dazu passenden Ereignissen Bestätigung ziehen zu können glaubte, die aber offenbar niemals später überprüft worden sind. Mag sein, daß die regierenden Persönlichkeiten jetzt keine Zeit haben, sich auf Diskussionen über die Judenfrage einzulassen; sie wissen offenbar auch nichts von der Existenz eines neuen Judentums, das nicht in der Form von Korrtjptions-Skandalen von sich reden machen konnte. Sie gehen geradlinig ihren Weg der Ausschaltung der deutsehen Juden auf allen Gebieten des Lebens. Die P r o - zentnorm wird zum schematischen Regulativ, ohne Prüfung der sachlichen und geschichtlichen Gegebenheiten. Obwohl auf allen anderen Gebieten die Gesetze des organisch Gewordenen als wesentlich gegenüber einer starren Formel anerkannt werden, sieht man nicht, daß auch im jüdischen Leben, in der jüdisehen Berufsschichtung usw. vieles organisch geworden ist, was einer allmählichen Entwirrung bedarf, nicht aber zur Einzwängung in eine starre Formel geeignet ist. Man sieht auch nicht, daß neben dem rein biologisehen rassenmäßigen Faktor und neben dem deutschen Willen zu rein deutsch-arischem Volksleben noch die Frage der Beziehung des Juden zu seinem Judentum besteht, ohne deren Beachtung die Judenfrage auf die Dauer auch für den Deutschen nicht zu lösen ist. Aber abgesehen von all dem, muß man befürchten, daß das Uebtrhandnehmen der antijüdischen Komponente in der deutschen Renaissance-Bewegung zu einer Psychose wird, die den Blick für das Wesentliche trübt. Dies zu vermeiden, ist ein Interesse, das dem nationalen Deutschland und den Juden gemeinsam ist. Und — man mag uns glauben oder nicht, — wenn wir dies sagen, dann sprechen wir nicht nur von einem jüdischen Interessen- Standpunkt, sondern auch um Deutschlands willen. Viele objektive Beobachter, und gerade wohlwollende Beobachter, begreifen nicht, warum Deutschlands Erneuerung mit einer so vehementen Aktion gegen die deutschen Juden verbunden sein muß. Aus diesem Nichtbegreifen ergeben sich Komplikationen, die niemand wünschen kann. Wir Juden sind nicht loszusprechen von der Mitschuld an diesen Verhältnissen. Allzu lange wollte die Mehrheit der deutschen Juden sich um die Judenfrage herumdrücken. Eine Unaufrichtigkeit aber, die aus dem Bewußtsein verdrängt wird, erzeugt krankhafte neurotische Erscheinungen. Schon der Arzt Pinsker hat vor mehr als fünfzig Jahren von der ״Psycho- Pathologie“ der Judenfrage gesprochen. Wir Juden haben die Verpflichtung, an״ ihrer Entwirrung mitzuarbeiten, im eigenen Interesse ebenso wie im Interesse unserer nichtjüdischen Mitbürger. Bedarf es dazu eines Beweises? Betrachten wir den Aufruf, mit dem in der Osterwoche die ״Deutsche Studentenschaft“ ihre Neugründung feierte. Ihre zwölf Thesen, die in Berlin öffentlieh angeschlagen waren, fanden in der Presse keinen Widerhall und verschwanden auch bald von den Litfaß- Säulen. Vielleicht ist das kein Zufall; man wird daher gut daran tun, aus dieser Sache kein Politikum zu machen. Aber als geistiges Symptom, als ein Beitrag zur Diagnose der Judenfrage, bleibt die Sache bedeutsam. Es heißt darin, um nur einige Beispiele zu. •erwähnen: 01022590234823232390252353485348239001532353234823895323232389150100000101025323482323230089482323482353015353235323532353532348020191904823532300012353482301009023484823014823234848232323239090535353235353235353

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