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Jüdische Rundschau · 1933-04-01 · 3 = März/Aprl (4.1933) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
3 = März/Aprl (4.1933)
Date
1933-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Die Reichsleitung der NSDAP, hat gegen das Judentum im ganzen Reich eine Boykottparole ausgegeben, die am 1. April in Wirksamkeit treten soll. Die Wirkung dieser Bewegung kann durchgreifend sein:‘ sie kann den größten Teil der deutschen Juden wirtschaftlich vernichten. Ausländer sollen geschont, deutsehe Juden radikal getroffen werden. Die Reichsregierung hat in einer früheren offiziösen Mitteilung die Erwartung ausgesprochen, daß die gesamte Presse in Deutschland sich an der Abwehr der Greuel- Propaganda des Auslandes beteiligen wird. Die j ü - di sehe Presse in Deutschland hat, schon bevor diese Anweisungen ergangen sind, von sich aus mit aller Entschiedenheit den Kampf gegen lügenhafte Greuelmeldungen aufgenommen, und ohne die Bedeutung der jüdischen Presse zu überschätzen, darf wohl gesagt werden, daß gerade in diesem Punkt die Erklärungen der jüdisehen Zeitungen dem Auslande gegenüber besonders maßgebend sein dürften. Wir denken dabei natürlieh nicht an die sogenannte ״Judenpresse“, sondem an diejenigen Zeitungen, die sich selbst jüdisch nennen. Nun ist aber der Abwehrkampf gegen die Auslandspropaganda in ein Stadium getreten, bei dem die jüdischen Zeitungen in einer schwierigen Lage sind. Als Glied dieser Abwehraktion wird der Boykott der deutschen Juden proklamiert. Weder die Reichsregierung, noch die NSDAP, können erwarten, daß jüdische Zeitungen, im wesentlichen für jüdische Leser geschrieben, einen Boykott jüdischer Geschäfte propagieren können. Dennoch glauben wir, selbst in dieser schwierigen Situation nicht nur der jüdischen Sache, der wir dienen, sondern auch dem Deutschen Reiche und der deutsehen Sache einen Dienst leisten zu können. Es gibt nur einen Weg, in der überaus verworrenen heutigen La*c dienlich zu sein: die Wahrheit. Die heutige Zuspitzung der Lage ist darauf zurückzuführen, daß die Wahrheit mißachtet wurde. Die beteiligten Faktoren im Inlande und Auslande wurden vielfach durch gewissenlose Personen und Drahtzieher irregeführt. Wir sind überzeugt, daß auch große Teile der nationalsozialistischen Partei und selbst ihre höchsten Führer, die in dieser Zeit mit anderen Geschäften überlastet sind, die wirklichen Zusammenhange nicht entsprechend würdige n, Die Greuelpropaganda im Auslande ist nicht von J uden ausgegangen, am allerwenigsten von deutschen Juden. Gewissenlose Sensationsjäger und Elemente, die iin Trüben fischen, hat חד Nachrichten erfunden, denen der Stempel der Lüge aufgedrückt war. Wir Juden waren die ersten, die mit allem Nachdruck diese Greuelmeldungen, soweit sie sich auf Juden bezogen, dementierten, sobald sie uns zu Ohren gekommen waren. Es ist richtig, daß eine antideutsche Propaganda sich dieser Nachrichten bedient hat. Aber auch diese antideutsche Propaganda war nicht von Juden oder jüdischen Stellen gemacht. Es hieße dem deutschen Volk Sand in die Augen streuen, wollte man ihm einreden, daß seine außenpolitischen Feinde Juden sind. Auch das nationale Deutschland hat niemals diese Meinung gehabt. Wer heute die ausländische Presse verfolgt, weiß, daß sich in allen Ländern scharfe antideutsche Stimmen erheben, aber nicht nur aus linksstehenden Kreisen, die z. B. mit den deutschen Sozialdemokraten sympathisieren, sondern gerade aus den rechtsstehenden, nationalistischen Kreisen jener Länder, die meist auch anti jüdisch sind. Wenn ';s auch Juden gibt, die in solchen Ländern in einen häßlichen antideutschen Ton verfallen, so sind es gerade diejenigen Juden, die überall bei solchen Gelegenheiten hinter ihren nichtjüdischen Mitbürgern nicht zurückstehe 1 wollen. Das Judentum als solches, insbesondere das volksbewußte Judentum, lehnt eine verallgemeinernde, herabsetzende Beurteilung andt׳- rer Völker ab und fordert für jedes Volk ebenso wie für sich selbst Respekt und Gerechtigkeit. Wenn man von eintr ,,außenpolitischen Stellungnähme des Judentums“ aK solchen überhaupt sprechen kann, dann besteht sie darin, daß Juden das Moment der Gerechtigkeit besonders stark zu betonen pflegen. Aus diesem Grunde waren Juden aller Länder Gegner des Versailler Vertrages und Gegner des Unrechtes das Deutschland zugefügt vurde. Es hieße also die T a : 11 . •׳ e n auf den Kopf s t e 1 ־ len, wenn man behaupte ׳:, daß gerade Juden anderer Länder Deutschland auf, impolitisch entgegen gearbeitet haben. Die Protestbewegung, die in jüdischen Kreisen in der ganzen Welt nicht gegen Deutschland, sondern gegen den extremen deutschen Antisemitismus entstanden ist, hat eine von d?n deutschen Juden aller Riehtungeh lebhaft bedauerte Heftigkeit erlangt, weil infolge der einander widersprechenden Nachrichten und infolge des Bombardements mit Sensationsmeldungen keine Vorgänge in Deutschland herrschte. Die an. das Ausland gerichteten Warnungen und Dementis der deutschen Juden verfehlten ihre Wirkung, weil sie von anderen Meldungen übertönt wurden und weil es an authentischen Darstellungen mangelte. Man fand Widersprüche sogar in nationalsozialistisehen Kundgebungen, die auf der einen Seite in der schärfsten Form gegen die Juden Stellung nahmen, die jüdische Ehre herabzogen, das Judentum schwersten Beschuldigungen aussetzten, ohne eine Verteidigung auch nur anzuhören, — auf der anderen Seite aber erklärten, daß dem Judentum kein Haar gekrümmt wird. So verbreiteten sich wahnwitzige Uebertreibungen, die da und dort leider gläubige Ohren fanden. Trotzdem haben die verantwortlichen Kreise des ausländisehen Judentums teils aus eigener Einsicht, teils aus Die Monatsausgabe der ״Jüdischen Rundschau" ist eine Zusammenstellung von Artikeln und Nachrichten, die im Laufe des Monats in der zweimal wöchentlich erscheinenden Normalausgabe der ״jüdischen Rundschau" erschienen sind. Zur leichteren Orientierung der Leser der Monatsausgäbe haben wir in der heutigen Nummer die Neuerung eingeführt, da& wir bei jedem Artikel das Datum seines ursprünglichen Erscheinens hinzugefdgt haben. Angesichts der schnellen Entwldclung der Ereignisse bitten wir unsere Leser, dieses Datum genau zu beachten, da hieraus ersichtlich ist, welche Stellung die ״jüdische Rundschau" Im jeweiligen Zeitpunkt eingenommen hat; dies dürfte Interessieren, auch wenn die In den betreffenden Artikeln besprochenen Ereignisse bereits vorüber sind und der Inhalt der Artikel daher teilweise überholt ist• Vertrauen zu den Mitteilungen der ihnen bekannten Führer der deutschen Juden, in die maßlose Sprache gegen Deutschland nicht eingestimmt. Bei der großen Versammlung in Madison Square Gardens in New York am Montagabend, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, hat der amerikanisch-jüdische Führer Dr. Stephen W i s e nach den telegraphischen Berichten der ״B. Z. am Mittag“ folgendes gesagt: Rabbiner Dr. Stephen Wise betonte, daß sich die Kundgebung nicht gegen das deutsche Volk richte, das in Amerika hoch geschätzt werde, und auch nicht gegen das politische Programm Deutschlands, denn Deutschland sei sein eigener Herr. Sie richte sich nur gegen die Gefahr einer intoleranten, antijüdischen Politlk. Jedermann anerkenne Deutschlands Recht im Kampf gegen unsinnige Verträge, aber dieser Kampf könne auch geführt werden, ohne daß! man die Juden zum schwarzen Schaf mache. Die ln New York versammelten Juden stellten auch keinerlei Forderungen, sondern wollen nur die elementaren Grundsätze der Zivilisation unterstreichen, die auch den deutsehen Juden, von denen 12 000 auf dem Schlachtfeld gefallen seien, zugute kommen müsse. Auf denselben Ton waren apch die Reden der anderen, zum Teil nichtjüdischen Redner dieser jüdischen Ver- Sammlung gestimmt. Von dieser Tatsache aber, auch von dem Inhalt der Reden wird der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes keine Kenntnis gegeben. Die nationalsozialistische Presse, die jede antideutsche Aeußerung registriert und, auch wo der Redner ein Nichtjude ist, als ״jüdische“ Hetze bezeichnet, hat nur sehr spärliche Berichte über die New Yorker Montag-Versammlung gebracht, obwohl sie vorher diese Versammlung als bevorstehende Deutschenhetze angekündigt hatte. Der ״Völkische Beobachter“ muß zwar zugeben, daß die Reden in der New Yorker Versammlung ״verhältnismäßig milde gehalten“ waren; aber weder der Text dieser Reden wird wiedergegeben, noch auch eine Konsequenz daraus gezogen. Die nationalsozialistische Presse hat auch von den jüdischen Erklärungen in Deutschland nur die des C.-V. veröffentlicht und abfällig glossiert, die anderen Erklärungen, insbesondere die bedeutungsvollen und im Auslande besonders eindrucksvollen Erklärungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ihren Lesern vorenthalten. Die NSDAP, erklärt jetzt in ihrem Boykott-Aufruf, sie wolle den Kampf gegen die Oreuelhetze mit Mitteln aufnehmen, die ״die Schuldigen“ treffen und fährt fort: ״Denn die Schuldigen sind bei uns. Sie leben unter uns und mißbrauchen Tag für Tag das Gastrecht, das ihnen das deutsche Volk gewährt hat,‘* Dieser Satz kann nur den einen Sinn haben zu behaupten, daß die deutschen Juden die Urheber der Greuelpropaganda sind. Das ist eine Behauptung, die nicht nachgeprüft sein kann und die der Wahrheit nicht entspricht. Wenn manche deutsche 'Juden, die heute im Au8-;^ lande sind, sich ebenso wie manche deutsche Nichtjuden an der antideutschen Kampagne beteiligen, dann sind ״’• es meist Personen, für die das deutsche Judentum keiner:■;;Jj Verantwortung trägt und die sich den Direktiven der; ז-י maßgebenden Instanzen des deutschen Judentums nicht ’ unterwerfen. Sie taten es auch in Deutschland nicht, ';i Wenn freilich ausgerechnet das ״Berliner Tageblatt“ ■' ׳,' jetzt den Literaten im Auslande pathetisch zuruft ״Das habt ihr angerichtet“, so muß doch gerade von jüdi- . / scher Seite gegen diese Politik des Sich-selbst-Schönmachens protestiert werden. Auch dem ״Berliner. Tageblatt“ kann doch nicht unbekannt sein, daß das,; was der ״Völkische Beobachter“ unter ״jüdischen intellektuellen Literaten“ versteht, die Personen sind, die r zum Teil in den Redaktionsstuben des ״Berliner Tageblatts“ saßen und jetzt größtenteils im Auslande sind. , Wir sind sachlich ähnlicher Meinung wie das ״Berliner . Tageblatt“, nämlich daß das Verhalten mancher im Aus- J lande befindlicher deutscher Juden für das Judentum ebenso schädlich ist wie für Deutschland, aber wir glau- : ben, daß nichts das Judentum so schädigt wie zur Schau ' ' getragene Würdelosigkeit. Schon kolportiert man den - Ausspruch eines hohen nationalsozialistischen Führers, :V־־f; der von dem ״Winsein“ der Juden gesprochen : haben soll. Auch in dem schweren Kampf dieses Augenblicks darf das Judentum nicht ״winseln“, sondern es v muß aufrecht für die Wahrheit und für Gerechtigkeit ■ eintreten. Die NSDAP, hat heute die unbeschränkte Macht in Deutschland, und sie kann den von ihr angeordneten Boykott durchführen. Die deutschen Juden werden dann z u r •v'j Auswanderung gezwungen. Auch ein solcher /׳ beispielloser Vorgang würde der Hilfe von legitimierten völkerrechtlichen Instanzen bedürfen. Aber obwohl die; NSDAP, die Macht hat zu tun, was sie will, können wir nicht glauben, daß sich ihre Führer der Wahrheit ver- : schließen werden: Das Judentum will keinen Kampf gegen Deutschland, ", am allerwenigsten will das deutsche Judentum eine ' dauernde Kampfstellung innerhalb seiner deutschen Mitbürger. Die Juden wollen friedlich ihrer Beschäftigung nachgehen und ihre wirtschaftlichen Positionen weiterführen. Was die politische Gestaltung Deutschlands anlangt, so hat gerade das volksbewußte Judentum stets den Stand- - punkt vertreten, daß in politischen Fragen, die an den innersten Kern des Volkstums rühren, die Juden trotz ihrer absolut loyalen und pflichtgemäßen Staatsbürgerliehen Haltung Zurückhaltung zu üben haben. Es wäre Heuchelei, jetzt zu sagen, daß die nationale Revolution in Deutschland von den Juden freudig begrüßt wurde; dies war unmöglich, weil der deutsche Nationalismus im Zeichen einer ausgesprochenen radikalen Judenfeindschaft stand. Aber ohne Falschmeldung kann man sagen, daß das nationale Judentum für jede nationale Bewegung und besonders auch für jede Erhebung gegen einen unerträglichen, die Ehre eines Volkes verletzenden Druck volles Verständnis hat. Die neue Regierung in Deutschland ist eine unabänderliche Tatsache, mit der die ganze Welt rechnen muß. Auch die deutschen Juden rechnen mit dieser Tatsache. Was die außenpolitische und wirtschaftspolitische Stellung anbelangt, sind die deutschen Juden naturgemäß solidarisch mit allen Deutsehen. So z. B. erhielten wir von deutschen Juden die Mitteilung, daß sie aus Amerika Briefe ihrer Vertreter erhalten haben, worin ihnen die Geschäftsverbindüng gekündigt wird. So schwer es sein* mag, auch bei der Behandlung der jüdischen Frage ist eine affektfreie Betrachtung unerläßlich. Die Führer des Nationalsozialismus und des neuen Deutschland werden den ganzen Ernst der Angelegenheit ermessen. Wir glauben, daß die deutschen Juden wichtige Dienste leisten können, indem sie bei der Entwirrung der Situation mithelfen. Aber die deutsche Regierung muß einsehen, daß die deutschen Juden alleir dazu nicht imstande sind, wenn sie von der Regierung desavouiert werden. Den deutschen Juden fehlt es in diesen Tagen an einer einheitlichen, entschlossenen und aktionsfähigen Führung. Vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn diese Führung vorhanden wäre. Es muß eine Führung sein, die Mut und politischen Weitblick mit Loyalität vereinigt. Durch assimilatorische Katzbuckeleien kann man vielleicht vorübergehende Erleichterungen, aber keine Klärung und Lösung der Frage erreichen. Die Judenfrage steht auf der Tagesordnung. Sie ist akut in einem Ausmaß, das niemand vorhergesehen und vorhergeahnt hätte. Es kann keinen Aufschub und kein Ausweichen geben. Diejenigen, die behaupteten, es gäbe keine Judenfrage und die Sache werde sich stillschweigend lösen, sind in furchtbarer Weise Lügen gestraft worden. Nun ist die Stunde, wo es sich erweisen wird, ob das deutsche Judentum auf der Höhe seiner Aufgaben steht und wenigstens ,die jüdische Ehre unbefleckt aus den Verwirrungen dieser Tage retten .wird, (,Jüdische Rundschau“ vom 31. Marz 1Q3&) Monatsausgabe Nr. 3, März/April 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU ׳■׳ ׳' - ■; ■׳־׳■־׳ Versuch einer Klärung m■׳׳ * Klarheit über Charakter und Ausmaß der י ד . V..» i

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