Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 3 = März/Aprl (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 3, März/April 1933 auf!der Straße kein anderes Gesprächsthema hat Allen ,Juden in ganz Deutschland wurde am 1. April der Sternpel Jude1* aufgedrückt Nach den neuen Anweisungen des Boykottkomitees 9011, falls der Boykott erneuert wird, nur noch eine einheitliche Bezeichnung aller Oeschäfte stattfinden: bei Nichtjuden der Vermerk ״Deutsches Geschäft“, bei Juden einfach das Wort ״Jude“. Man weiß, wer Jude ist. Ein Ausweichen oder Verstecken gibt es nicht mehr. Die jüdische Antwort ist klar. Es ist der kurze Satz, den Moses zum Aegypter sprach: Iwri anochi. Ja, Jude. Zum Jude-Sein Ja sagen. Das ist der moralische Sinn des gegenwärtigen Oeschehehs, Die Zeit ist zu aufgeregt, um mit Argumenten zu diskutieren. Hoffen wir, daß eine ruhigere Zeit kommt, und daß eine Bewegung, die ihren Stolz dareinsetzt, als Schrittmacherin der nationalen Erhebung gewürdigt zu werden, nicht ihr Gefallen daran finden wird, andere zu entwürdigen, selbst wenn sie meint, sie bekämpfen zu müssen. Abir wir Juden, unsere Ehre können wir verteidigen. Wir gedenken aller derer, die seit fünftausend Jahren Juden genannt, als Juden stigmatisiert wurden. Man erinnert uns, daß wir Juden sind. Wir sagen Ja, und tragen es mit Stolz. (״Jüdische Rundschau“ vom 4. April 1933.) Boykott und Au§land§meln₪g Die Durchführung des Boykotts der jüdischen Geschäfte, Rechtsanwälte und Aerzte ging am 1. April in ganz Deutschland programmäßig vonstatten. Die gesamte Presse stimmt darin überein, daß sich die Aktion in voller Disziplin vollzog und daß es ־־־ mit Ausnahme eines beklagenswerten Zwischenfalles in Kiel — zu keinen Unruhen gekommen ist. Es hat sich gezeigt, daß die nationalsoziaiisiische Partei und die Regierung ihre Anhänger vollständig in der Hand haben. Wir zweifeln nicht, daß diese Tatsache einen um so größeren Eindruck im ln- und Auslande machen wird, als immer noch da und dort Befürchtungen bestanden, daß einzelne Personen oder Gruppen Eigenmächtigkeiten begehen könnten. Schon an den dem Boykott vorhergehenden Tagen war die Stimmung eine sehr erregte. Unkontrollierbare Gerüchte durchschwirrten das Land. Die verschiedenen An- Ordnungen riefen jeweils Schrecken oder Erleichterung hervor. So z. B. wurde die Anordnung, alle jüdischen Geschäfte müßten fristlos sämtliche jüdische Angestellte entlassen, in den Kreisen der jüdischen Angestellten und darüber hinaus mit größter Unruhe aufgenommen. Als dann die Nachricht kam, der Boykott sei auf einen Tag begrenzt und die Gehaltsvorauszahlungen könnten entfallen, sah man dies als Zeichen der Besinnung an. Das Gefühl, gänzlich von den Anordnungen einer unzugänglichen Instanz abhängig zu sein, konnte auf die deutschen Juden nicht anders als niederdrückend wirken. In Berlin herrschte *heit den Morgenstunden reges Leben auf allen Straßen, insbesondere in den größeren Geschäfts- Straßen. Ueberall gingen uniformierte Nationalsozialisten von Haus zu Haus und beklebten die jüdischen Geschäfte mit den offiziellen roten Zetteln des Aktions-Ausschuss es, worauf gedruckt stand: ״Es ist verboten, dieses jüdische Geschäft zu betreten“ oder aber ״Achtung, Jude! Betreten verboten“. Außerdem erschienen bei den größeren Geschäften größere rote Plakate, auf denen stand: ״Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden“, Einen besonderen Zweck verfolgten offenbar die großen weißen Plakate, auf denen in deutscher und englischer Sprache geschrieben stand: ״Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuel-Propaganda, kauft nur deutsche Waren“ Es ist ganz unverständlich, warum diese an Deutsche gerichtete Aufforderung in englischer Sprache plakatiert wurde. Offenbar legte man Wert darauf, die Photographien in den angelsächsischen Ländern zu verbreiten. Das Anbringen der Plakate ging in völliger Ruhe und Ordnung vor sich, ja man . konnte sogar beobachten, daß stellenweise ein gewisser Humor nicht fehlte. Auf der anderen Seite wirkte es häufig sehr deprimierend, wie alte ehrliche Geschäftsleute wehrlos dabeistehen mußten, während von ganz jungen Menschen an ihren Häusern und Läden die als Schimpf gemeinten Zettel befestigt wurden. Um 10 Uhr bezogen die SA.-Posten ihre Plätze vor den größeren jüdischen Geschäften. Eine große Menge Neugieriger durchwogte den ganzen Tag die Straßen. Man konnte in der Menge die Beobachtung machen, daß ein großer Teil der nichtjüdischen Bevölkerung mit der Aktion keineswegs sympathisierte. Mit allein Nachdruck muß betont werden, daß die christlichen Mitbürger keine Bemerkungen der Schadenfreude oder der Demütigung der J uden von sich gaben, Vielmehr verhielt sich das Publikum durchaus korrekt und zum großen Teil schweigsam. Das Schauspiel beabsichtigter Erniedrigung der jüdischen Nachbarn fand keinen Widerhall. Unsere Eindrücke stammen in der Hauptsache aus Berlin, und es mag sein, daß die Aktion nicht in allen Orten gleichmäßig verlief oder die gleichen Gefühle auslöste. Aber viele unvoreingenommene Beobachter haben es bestätigt, daß das Verhalten des nichtjüdischen Publikums zurückhaltend und teilweise menschlich mitempfindend war. Diese Tatsache wird gewiß auch im Auslande, dem ja die Boykottaktion vor allem galt, ihren Eindruck nicht verfehlen. Im Verlaufe des Tages wurden dann noch eine Reihe anderer Zettel und Plakate an den Geschäften befestigt. Insbesondere gab es eine ganze Reihe von roten Schildern mit allerlei Versen. Da hieß es z. B.: ״Warum hin zum Juden laufen, Deutscher soll bei Deutschen kaufen“ oder: ״Laßt das Geld in deutscher Hand, Jude schleppt es aus dem Land“ oder: ״Was mästet Ihr den Juden groß, Solang noch Deutsche arbeitslos“ oder: ״Jede Mark in Judenhand Fehlt dem deutschen Vaterland“ oder: ״Mit dem Geld, das Juden stahlen, Fremde Hetzer sie bezahlen“ Von wem diese Plakate ausgingen, war auf ihnen nicht ersichtlich. Man darf wohl annehmen, daß es sich dabei , nicht um offizielle Plakate des Boykottkomitees handelt, sondera um die Arbeit privater Dichter. Es wurden ferner im taufe des Tages in den Hauptstraßen die großen Schaufenster mit riesigen Inschriften in roter und weißer Farbe bemalt. Da hieß es immer wieder: ״lnhabe!׳ Jude!“ Oder aber: ״Ich bin Jude!? Daneben stand meist ein großer Magen David. Man sah aber auch In- Schriften, die sicher nicht vom Komitee gebilligt wurden, so z. B. ״Juda verrecke“, ferner ״Dreckjude“, ״Mistjude“ und ähnliches. Auch sah man häufig Karikaturen von Judenköpfen mit gewaltigen Nasen. Die ״D. A. Z.“ berichtet: ״An die Fenster des Warenhauses Tietz am Dönhoffplatz waren mit weißer Farbe Wegweiser mit der Aufschritt ״Nach Jerusalem“ und Davidssterne aufgemalt. In der Nähe des Rosenthaler Tores fand man Aufschriften, wie ״Juden raus!“, ״Tod den Judenhetzern!“, ״Nicht kaufen, Lebensgefahr!“ und ähnliches. Es scheint übrigens festzustehen, daß in vielen Fällen solche Aufschriften von Elementen angebracht worden sind, die ein Interesse an der Störung der Abwehraktion hatten. Als Beispiel dafür erwähnen wir den Fall eines Kaufhauses in der Danziger Straße, an dessen Schaufenstern sich heute früh die Aufschrift fand: ״Wenn die Juden weiterhetzen, wird SA. das Messer wetzen“. Der Inhaber des Kaufhauses wurde von dem NSDAP.-Gauführer in höflichster Weise darauf aufmerksam gemacht, daß diese Inschrift zweifellos von kommunistischer Seite angebracht sei und wurde veranlaßt, sie entfernen zu lassen, was auch geschah.“ Leider wurde nicht in allen Fällen, wo grob beleidigende Aufschriften angemalt waren, in derselben Weise verfahren und für Beseitigung gesorgt. Den im Boykottaufruf verheißenen ״gelben Fleck“ sah man nur relativ selten. In den Nebenstraßen scheint die Aktion bei Aerzten usw. nicht restlos durchgeführt worden zu sein. Die Warenhäuser und die meisten anderen größeren Juden gehörigen Geschäfte waren geschlossen oder schlossen ihre Läden im Laufe des Tages. Die Plakate und Aufschriften blieben teilweise auch am Sonntag noch befestigt. Viele Ladeninhaber waren im Zweifel, ob sie sich nicht Unannehmlichkeiten aussetzen, wenn sie die Plakate entfernen. Am Montag früh wurde die offizielle Weisung des zentralen Boykottkomitees veröffentlicht, wonach sämtliche Zettel und Piakate zu beseitigen sind. In den Kundgebungen der Nationalsozialistischen Partei und des Boykottkomitees war erklärt worden, die Aktion ' bezwecke vor allem, den ausländischen Verbreitern von Greuelnachrichten über Deutschland zu. zeigen, daß eine Fortsetzung dieser Kampagne an den deutschen Juden gerächt werden würde und daß die herrschende Partei dazu die Macht habe. Inzwischen hat, darin stimmen alle Berichte überein, diese Kampagne im Ausland bereits deutlich nachgelassen. Sogar die nationalsozialistische Presse, die bisher jede antideutsche Stimme auf Konto ׳der Juden geschrieben hat, obwohl es z. B. im rein nordischen Skandinavien fast keine Juden gibt, meldet jetzt: ״Jüdische Weltmacht weicht zurück“. Es ist bedauerlich, daß sogar Kreise, die einer Argumentation sonst zugänglich sind, wie z. B. die ״Tägliche Rundschau“, die Legende von der ״jüdischen Weltmacht“ auch kritiklos hinnehmen ohne zu untersuchen, um welche Art Reaktion es sich hier handelt. Es wird keineswegs berücksichtigt, daß die Schritte, die von verantwortliehen Juden im Ausland gemacht wurden, in keiner Weise die natürlichen außenpolitischen Schranken verletzen. Mit aller Deutlichkeit hat, um nur das vornehmste Beispiel zu nennen, Lord Reading im englischen Oberhaus erklärt, er befürworte nicht eine Einmischung in deutsche Angelegenheiten und überhaupt nicht eine Intervention. Ein Staatsmann wie Lord Reading, der die höchsten Aemter in England bekleidet hat, der Oberster Richter (Chief Justice), Vizekönig von Indien und Außenminister gewesen ist, weiß sehr genau, daß eine derartige Einmischung unmöglich und unzulässig wäre, ja daß sie einen anderen als den beabsichtigten Effekt haben könnte. Alle Nationen besitzen in diesem Punkt eine natürliehe Empfindlichkeit. Was Lord Reading wollte und worin ihm die anderen Lords und die Führer der christlichen Kon־N fessionen beistimmten, war nichts anderes als der Versuch, in einer überaus aufgeregten Z.eit zur Entspa nnung beizutragen, indem die Stimmung der maßgebenden Bevölkerung eines großen Landes, wie es England ist, durch maßgebende Sprecher der Welt bekannt wird. Dies ist um so wichtiger, als gerade dadurch auch die erlogenen Greuelmeldungen in den Hintergrund gedrängt ’werden. Die englische Oberhausdebatte, bei weitem die wichtigste aller ausländischen Kundgebungen zur deutschen Judenfrage, hat gezeigt, daß die Lords den Greuelnachrichten keinen Glauben schenken und sich nicht darauf stützen. Was ihnen Anlaß zu Besorgnis gab, waren die von der deutschen Regierung selbst offiziell angekündigten Maßnahmen, vor allem gegen jüdische Aerzte, Professoren, Richter, Rechtsanwälte, Künstler usw. Man kann verstehen, daß ein Mann, der als Jude das höchste Richteramt seines Landes bekleidet hat, irritiert ist, wenn Juden generell die Fähigkeit, Richter zu sein, abgesprochen wird. In ähnlichem Sinne hat Lord Horder in der ״Times“ vom 31. März ganz unpolitisch, nur im Namen der englischen medizinischen Wissenschaft, die Frage aufgeworfen, ob die Wissenschaft es ertragen kann, wenn die vielen hervorragenden jüdischen Mediziner Deutschlands, denen die Wissenschaft Unendliches verdankt, von ihren Forschungs- und Arbeitsstätten ausgeschlossen wer* den. Der Briefschreiber hofft, es werde keine Notwendigkeit entstehen, diese für die ganze Welt so wichtige Frage weiter zu erörtern. Ein Mann wie Sir Ernest B a r k e r, aus altem holsteinischen Geblüt, spricht in der ״Times“ mit höchstem Respekt von deutscher Kultur und erklärt, er habe von Kant die Idee des Rechtes gelernt; darum beunruhigt ihn die Rechtsstellung der deutschen Juden. Aus ähnlichen Besorgnissen offenbar haben auch die Vereinigten deutschen Gesellschaften New Yorks ihre Bitte an den Reichskanzler gerichtet, das Programm der Regierung für die künftige Behandlung der Juden zu formulieren. Es handelt sich nicht darum, daß Auslandsjuden in deutsche Angelegenheiten eingreifen wollen; worum es geht, ist ein natürliches Interesse jüdischer und christlicher Kreise für die Regelung von Fragen, deren Tragweite, obwohl ihre Behandlung eine innerdeutsche Angelegenheit ist, über die Grenzen Deutschlands hinausragt und auch an anderen Orten fühlbar ist. Das sind die Imponderabilien der Politik, über die niemand eine Macht hat, die aber der kluge Politiker in sein .Kalkül einstellt. Die deutschen Juden sind überaus bestürzt, daß sie zum Objekt einer Aktion geworden sind, die im Ausland Beunruhigung und Kritik hervorgerufen hat. Wenn wir beim Regierungsantritt des Reichskanzlers die Hoffnung ausgesprochen haben, daß in diesem Augenblick der Machtergreifung das die Juden betreffende Programm der NSDAP, nicht Programm der Reichsregierung sein wird, so taten wir das in dein Bewußtsein, daß Deutschland in diesem Moment einer so großen Menge schwierigster Fragen und zu bewältigender Aufgaben gegenüberstcht, daß demgegenüber die Bedeutung der Judenfrage für Deutschland verschwindet Wir waren darauf gefaßt, daß die Judenfrage aufgerollt werden wird, und daß entsprechend dem Charakter des neuen Staates manche Aenderungen erfolgen werden. Wir sind überzeugt, daß eine Neuorientierung in dieser Sache hätte vor sich gehen können, ohne eine so heftige Reaktion zu erregen. Aber wenn mit einem Schlage durch eine Aktion, der man den kränkenden Namen ״Sauberung“ gibt, die Juden von Gerichten, Spitälern usw. vertrieben werden, dann entsteht für große und angesehene Kreise des deutschen Judentums eine katastrophale Situation. Die so betroffenen Juden beschweren sich nicht beim Au.L-.nd, Aber wenn im Ausland sich Stimmen der Verwunderuug erheben, dann können nicht die Juden dafür verantwortlich gemacht werden. Wir hoffen, daß, um nicht in diesen erregten Tagen Miß- Verständnisse zu erzeugen und nicht den Anschein antideutscher Haltung zu erwecken, es den verantwortlichen Führern der Judenheiten in England, Amerika und den anderen Ländern gelingen wird, alle Demonstrationen zugunsten der deutschen Juden zu unterdrücken. Schon jetzt ist zu ersehen, daß viele Irrtümer im Ausland aufgeklärt wurden und die Sprache ruhiger ist. In einer ruhigen Atmosphäre muß die Frage dann erörtert werden, was mit den Juden geschehen soll, die in Deutschland ihrer Lebensstellungen verlustig gehen. Dies ist eine Frage, die vor allem die Juden selbst angeht, aber auch die deutsche Regierung kann sich ihr nicht verschließen. Je eher der Versuch gemacht wird, aus der heutigen Verwirrung herauszukommen, urn so größer ist die Möglichkeit, einen Ausweg zu finden. Die Judenfrage ist für das ganze deutsche Volk eine furchtbare Belastung geworden; das deutsche Volk ist an ihrer Lösung fast ebenso stark interessiert wie die Juden. Daher ist die Zeit zum Handeln gekommen. (״Jüd. Rundschau“ vom 4. April.) ״Wir als Freunde Deutschlands" Erklärung Dr. Stephen Wise's vor der amerikanischen Einw&nderangskommlssion New York, 31. März. (J.T.A.) Der Ehrenpräsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses Dr. Stephen S. W i s e und der Präsident Bernhard Deutsch haiien am 30. März eine Unterredung mit dem Vorsitzenden der Senatskommisskm für ausländische Beziehungen Senator Pittman und dem früheren Vorsitzenden dieser Kommission Senator Bor ah. Am seihen Tage sprachen die Führer des amerikanisch-jüdischen Kongresses auch im State Department, dem amerikanischen Außenministerium, vor. Dr. Stephen S. Wlse hielt auch eine Ansprache vor der Einwanderungskommlssion. Er erklärte, er sei mit dem vom Mitglied des Repräsentantenhauses Dickstein gemachten Vorschlag, alle aus Deutschland fliehenden Juden, die Verwandte amerikanischer Bürger sind, ohne Rücksicht auf die Quotenbeschränkungen frei zur Einwanderung nach Amerika zuzulassen, nicht einverstanden. Er teile zwar den Wunsch des Kommisskmsvorsitzenden Dickstein, den Juden aus Deutschland Zufluchtsmöglichkeiten za sichern. Die deutsche Judenfrage aber müsse In Deutschland gelöst werden. Durch die deutsche Regierung, durch das deutsche Volk müsse Recht getan werden. So gastfreundlich auch Amerika, England, Frankreich und die Schweiz sein mögen, die 600 000 Juden in Deutschland müssen ihren Platz an der deutschen Sonne finden, die Aufrechterhaltung ihrer politischen und bürgerlichen Rechte müsse gesichert werden. Ich glaube, erklärte Dr. Wise, daß es uns als Freunden Deutschlands möglich ist, bei der deutschen Regierung Verständnis dafür zu erwecken. - Ungarischts Gericht gegen Jadenbetze Budapest, 15. März. (J.T.A.) Der Oszwald-Semt der kön. Kurie verhandelte den Prozeß, den die Staatsanwaltschaft gegen den Universitätsprofessor Ludwig M e h e 1 y wegen Aufreizung gegen eine Konfession anhängig gemacht hat. Mehely hatte seinerzeit geschrieben, die Juden wären eine Schmarotzerrasse, die die Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse schamlos ausbeute, und auch der Bolschewismus sei die Folge einer jüdischen Weltanschauung. Wegen dieses Artikels wurde Mehely erstinstanzlich /u 14 Tagen Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt. Die kön. Tafel, vor die die Sache im Berufungswege gelangte, sprach jedoch Mehely mit der Begründung frei, daß sein Aufsatz lediglich ״theoretische“ Feststellungen enthalte. In dritter Instanz verhandelte die Kurie diese Angclegenheit. Der Kronanwalt Koloman Lojzer sagte, daß in diesem Falle die Wissenschaftlichkeit bloß ein Deckmantel war, unter dem der Angeklagte sich der Aufwiegelung schuldig machte, gegen die jüdische Konfession Gehässigkeit ausstreute, die geeignet war, eine gesetzlich anerkannte Glaubensgemeinschaft der allgemeinen Verachtung preiszugeben. Nach längerer Beratung verkündete der Senat der Kurie das Urteil, das den Spruch der königlichen Tafel aufhebt und das Urteil der ersten Instanz in Rechtskraft erhebt. Das Urteil hebt hervor, daß das Gericht weder erschwerende noch entlastende Momente vorgefunden habe, immerhin jedoch eine Bewährungsfrist einräume, weil es hoffe, ,,daß der Angeklagte unter dem Eindruck des Urteils sich in der Zukunft ähnlicher Feststellungen enthalten werde“.