Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 2 = Februar/März (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatsausgabe Nr. 2, Februar/März 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Literatur-Blatt Vom Weltbürgertum Zu Feuchtwangers Roman ״Der Jüdische Krieg" Von O 11 s t a v K r o j a n k e r, Tel-Awiw. Feuchtwangers Roman ״lX׳r jüdische Kric():־‘ (Propyliien- Verlag, Berlin) reißt ein entscheidendes Stück jüdischer Geschichte mit wundervoller Lebendigkeit und Plastik in diese Gegenwart. Es ist ein historischer Roman, in dem die Historie nur Anlaß ist, das ewige Problem der Anziehung und Abstoßung zwischen dem Judentum und den Völkern in vielerlei Gestalt zum Ausdruck zu bringen. Deshalb mag es gestattet sein, auch diesen Roman wieder zum Anlaß zu nehmen, um an ihm ein brennendes Problem unserer läge klaren zu helfen. Jenseits aller Kunstkritik mag die Gegenwart da, wo sie am unmittelbarsten berührt wird, aue 11 unmittelbar wieder zurückklingen. Im früheren Rußland (im neuen aus anderen Gründen) gab die Kunstkritik den Boden zu politisch-sozialer Auseinandersetzung ab. Dort war es der Staat, der die Erörterung aller Fragen des menschlichen Zusammenlebens auf die scheinbar unverbindlichen Bahnen der Kunst alniriingte. Wir Juden sind in ähnlicher Lage. Bei uns ist es der Mangel eines Staates, will sagen: der Mangel einer Gesellschaft, deren reales Dasein mit der Welt ihrer geistigen Probtematik einfach zusammenfällt, Dadurch wird jedes kiinstlerische Erzeugnis, das seinem Urheber oder seinem Stoff nach ,,jüdisch“ genannt werden kann, leicht zum Gegenstand von Auseinandersetzungen, die eigentlich auf anderer Ebene liegen. Aber was dabei die Kunst als reine Kunst verlieren mag, wird mehr als aufgewogen durch die Intensität einer Teilnahme, die sich von eigenen Lebensfragen angerührt fühlt. Nicht der Kenner beurteilt den Könner, sondern ein um die richtige Lehcuserfassung bemühter Mensch setzt sieh mit einem anderen auseinander, der ausgesprochen hat. was ihn betrifft. Das ist der Unterschied. Natürlich gibt es dabei keine absolute Trennung von künstlerischer Gestaltung und Inhalt. Wenn der Inhalt entzündet, wird er wohl auch entzündend vermittelt sein. Das mag einer Erörterung vorausgeschickt werden, die sich an dein Kernproblem eines unendlich farbigen und in vielerlei Betracht erregenden Buches entzündet hat. i. I. Feuchtwangers vorletztes Buch ״Der Erfolg“ spielte im Bayern dieser Zeit, sein neuestes Buch ״Der jüdische Krieg“ spielt in Judäa zur Zeit des Untergangs. In jenem ersten Roman sah der Schriftsteller Tüverlin, ein Schweizer, auf die Nachkricgsvorgiinge im Lande Bayern und schrieb zum Schluß darüber ein Buch mit dem Titel: ״Ich hab’s gesehen“, ln diesem jetzt vorliegenden Roman sieht der Schrift״ steiler Flavius Josephus den Untergang Jerusalems durch Rom und schreibt zum Schluß ein Buch darüber, das er legitimiert mit den Worten: ״Meine Augen haben es gesenen“. Das ist keine äußerliche Parallele. Im Mittelpunkt beider Romane steht der Schriftsteller, will sagen: der Mann, dessen Tat das Wort ist Er unterliegt besonderen Gesetzen. Seine Art und seine Aufgabe ist es, zu sehen und das Gesehene durch sich hindurchgehen zu lassen, um es dann aus Eigenem zu formen. Diese Formung aber, die künstlerisch gelungene Gestaltung, ist für Feuchtwanger, den jüdischen Schriftsteller, nicht der Zweck der Bemühung, sondern ihr Mittel. ״Meine Augen haben es gesehen“ — darin liegt: sie haben es festgehalten, auf meine Art festgehalten und so dem Gedächtnis der Generationen bewahrt, daß mein Blickpunkt ihnen ein Zielpunkt werde, ln beiden Romanen kehrt das Wort von dem ״gutgeschriebenen Buch“ wieder und in beiden hat es eine Doppelbedeutung: es muß gut geschrieben sein, um zum Guten zu wirken. In dem schriftstellerischen Bestreben nach Erkenntnis der Dinge, das Feuchtwanger in seinem Tüverlin wie in seinem Josephus verkörpert, liegt auch schon der leidenschaftliche Drang zur Wirkung, die bewegende Kraft des Aufrufs und damit auch die Rechtfertigung der fragwürdigen Existenz des Schriftstellers, der sehend geschehen läßt, um in der Zukunft desto nachhaltiger zu wirken. ־ Es ist eine höchst interessante und aufschlußreiche Dreieinigkeit in den drei Männern Tüverlin, Josephus und Feuchtwanger. Der Schweizer Tüverlin sah die Vorgänge im Lande Bayern, wie eben ein humanistisch gesinnter Schweizer die Nachkriegsgreuel dieses Landes sehen konnte: sehr überlegen, nur langsam entschlossen, sich überhaupt von den Dingen annihren zu lassen, und dann auch nach dem Ent- Schluß angerührt wohl von dem tragischen Schicksal eines Einzelnen, aber fremd und nichts als angewidert von den besonderen Bedingungen jenes Landes, in dem es sich vollzog. Der Jude Feuchtwanger sah Bayern, will sagen: er sah es so nahe, wie nur ein Landeskind das kann, und so fern, wie nur ein Landeskind, das eben Jude ist. Ein Weltbürger sah auf einen Winkel, ein schwebender Geist auf bäurische Dumpfheit. Und damals schrieb ich (״Jüdische Rundschau“ vom 28. 7. 31): Dieser Tüverlin begebe sich in seine Schweiz. Es wäre doch interessant, zu wissen, ob sein Gerechtigkeitsgefühl auch dort im Heimatland so allgemein, so losgelöst, in aller Menschlichkeit so unmenschlich bleiben würde, wie es sich in seinem Hochgefühl ethischer Ueberlegenhcit auf fremdem Boden präsentierte. Und mit dieser Aufforderung war die Frage des radikalgesinnten Juden unserer Tage gestellt. II. Es war notwendig, darauf zurück zukommen, denn siehe, inzwischen hat sich Tüverlin tatsächlich in seine Schweiz begeben. Oder anders: Feuchtwanger hat die Gestalt des luden Flavius Josephus angenommen. Wieder sieht ein Weltbürger auf einen Winkel, aber diesmal ist es der eigene Winkel: Judäa, die Stadt Jerusalem. Und wenn wir nun vergleichen, wie Feuchtwanger dies im Gegensatz zu Bayern betrachtet, so wende man nicht ein, daß immerhin ein kleiner Unterschied in der menschheitlich-historischen Bedeutung der beiden Länder besteht. Hier handelt es sich doch nicht um die objektive Bewertung eines Geschichtskritikers, sondern um die subjektive Wahl eines Schriftstellers, für den es schließlich keinen Unterschied zu machen braucht, ob er eine Dienstmagd oder einen König zum Helden wählt. Und es wäre durchaus denkbar, daß jemand die verbissene Hartnäckigkeit der Makkabi-Leute, der Rächer Israels, grundsätzlich nicht anders sieht als die sture Querköpfigkeit bayerischer Bauernschädel. Feuchtwanger, jetzt in seiner Schweiz, sieht sie anders. Er ist nicht auf ihrer Seite, sein Verstand ist gegen sie, aber ein Stückchen Herz ist bei ihnen geblieben: er sieht sie mit Liebe. Er verweilt gern hei den Taten heroischen Wahnsinns, die sie vollbringen, und er gefällt sich darin, die Wirkungen aufzuzeigen, die diese von ihrem Gott und ihrem Land besessenen Tollköpfe noch auf die Römer ausüben, die bei aller Nüchternheit und praktischer Klarheit doch oft genug von dem Geist des jüdischen Landes wundersam angerührt werden. Er trägt eben selber einen Hauch vom Geiste dieses Landes in sieh und daher kommt das lebendige Fluidum, mit dem er hier jede Art von Lebens־ rtigung warm umhüllt. Und dies alles, obwohl seine Grundhaltung sich nicht geändert hat. Sein Held Josephus, Priester der erste« Reihe, wird zu Flavius Josephus, einem römische« Granden. Er geht aus der judäischen Enge in die römische Weite; er erkauft den Vorteil, durch Rom an der Kultur der Welt teilzuhaben, bewußt mit seiner Heimatlosigkeit: von den Juden gemieden, den Römern ein Fremder. Auch die Gestalt dieses Josephus ist abermals ein Bekenntnis zum Weltbürgert um, zur letzten Freiheit uin des Geistes der Menschheit willen, Aber wie anders kommt dies Bekenntnis hier heraus: aus welchem Zwiespalt, aus welchem Bruch. 111 diesem Josephus bleibe« auch in Rom die Bindungen seiner Herkunft, er weiß um die Besonderheiten und die Absonderlichkeiten, in denen sich der Geist manifestiert. Er sieht auf das römische Wesen, dessen er teilhaft zu werden wünscht, und fühlt, daß es ihm ewig versagt bleibt. Er ringt um die Synthese, er müht sich in Richtung eines ganz nie ern-ichharen Ziels, Feuchtwanger Rißt ihn singen: ״Reiße dich los von licinem Anker, spricht Jahve.“ Er ist also verankert und bedarf der Bemühung zur Lösung. Und weiter: ״Ich liebe nicht, die im Haien verschlammen.“ Er weiß also doch um den Hafen, in dem das Schiff gebaut wurde, von dem es ausgeht und zu dom es zurück kehrt. Das ist der Unterschied zu Tüverlin oder anders: zum radikalgesinnten Juden dieser Tage, der fix und fertig aus der Retorte kommt, der seine Ethik und damit die Welt hat. Diesmal nämlich sieht Feuchtwanger von jenem Hafen her, in dem der Mensch nach ihm nicht verschlammen soll, in dem er aber doch wohl erst den Blick i'iir die gewachsenen Dinge gewinnt. Es ist wahr, Posephus wendet sich schließlich von seinem Volk. Aber vorher hat er in Galiläa den heldenhaftesten Kampf gekämpft, lind erst als er die jüdische Sacht* endgültig verloren glaubt, geht er hin, den Osten in sich an den Westen zu binden. War diese Sache wirklich verloren? Hier scheiden sich nun allerdings unsere Wege. Denn da ist ein Zeitgenosse des Josephus, namens Jochanan ben Sakkai, der auch seinerseits den jüdischen Staat, aber damit nicht die jüdische Sache verloren sieht. 13er geht nicht nach Rom, der geht nach Jabne und gründet dort die Kleine Universität, di־e von so unermeil- Lichen Folgen sein sollte. Aber wir wollen diese Folgen hi-er gar nicht allgemein betrachten, wir wollen sie nur ganz speziell aut unseren FalL anwenden. Wenn nämlich Feuchtwanger heute, da er den Flavius Josephus nachlebt, imstande ist, ihn nachzuleben; wenn er also etwa im Imperator Vespasian, dem sabinischen Bauerntyp, oder im Hauptmann Pedan, dem Liebling der Armee, die Völker dieser Erde schlechthin charakterisiert, ihr zufriedenes Schreiten auf dieser Welt, die ein Gott dem Stärkeren gab, sie zu genießen: und wenn er dies alles gleich dem Priester Josephus mit *jenem sarkastisehen Vorbehalt sieht, bei aller physischen Schwäche mit jenem LJeberlegenheitsgefiihl, das im Geiste Judäas wurzelt, in eben dem Geiste, der so viel mächtiger und nachhaltiger durchbrach als das römische Schwert — wenn also Feuchtwanger das heute in dieser Art fühlen und bilden kann, dann dürfte er das wohl Jochanan ben Sakkai zu danken haben, der nicht nach Rom ging, der in seinem Winkel ״verschlämmte“, aber von diesem Winkel aus die Welt bis auf den lieutigen Tag zu formen half. So stark, daß noch im BUit des späten Enkels etwas vom Geiste jener Schriftzeichen blieb, die der Alte damals der Welt des Siegers entgegengestellt hat. Durch Jochanan ben Sakkai ist Josephus der Historiker eines noch heute lebenden Volkes geworden, und er war es, der Feuchtwanger die Möglichkeit gegeben hat, in diesen Josephus zu schlüpfen, um an ihm seih heutiges Problem darzustellen. III. Es ist auch unser Problem. Nirgends vielleicht kann man Feuchtwangers äußerst lebendiges, in der Fülle seiner Problematik unendlich erregendes Buch mit einem solchen Gefühl persönlichsten Betroffenseins lesen wie hier in Palastina. Soweit geht dies Betroffenwerden, daß man fast vergißt, es mit einem Roman zu tun zu haben, und infolgedessen mit dem Autor rechtet, als hätte er eine Streitschrift geschrieben. Zu denken aber auch im Lesen, daß wir nun wieder, hartnäckig verbissen, in Judäa sitzen und daß wir es wieder mit einem weltbeherrschenden Römervolk zu tun haben. Und da sind auch wieder in anderer Form ganz ähnliche Parteiungen in unserem Lager, und wieder ist alles, was wir tun, entsetzlich unpolitisch, von praktischer Politik, noch wenn wir sic treiben und gelegentlich sogar richtig betreiben, doch unendlich entfernt. Es ist die alte Sache, und es kann auch nicht anders sein. Denn für ein wirklich politisches Volk muß die Politik das Primäre sein. Politik, nicht als gelegentlich geübte Taktik, Politik als Wesenszug setzt den Utilitarismus als letztes Ziel voraus. Und vielleicht ist das das Geheimnis politischer Völker, daß ihr Zweck und ihr Mittel auf einer Ebene liegen. Natürlich hat die Tatsache, daß die Juden so ein eminent unpolitisches Volk sind, auch ihre historischen Ursachen, die behoben werden könnten. Aber entscheidend bleibt doch, daß der Idzte Beweggrund ihres Handelns immer auf einer ganz arideren Ebene liegt als das politische Mittel, dessen sie sich natürlich auch bedienen müssen. Deshalb ist alles, was sie getan haben und tun, politisch, und das heißt rational betrachtet immer fast unbegreiflich. Kein Römer hat das begriffen; der Engländer Ist der Sache schon näher, aber immer noch so fern, wie seine anglikanische Bibel von un• serem Tenach. Es war immer Wahnsinn, der immer Methode und in seiner Art immer Erfolge hatte. Feuchtwanger läßt eine ganze römische Legion zugrunde gehen, weil ihr Befehlshaber durch die Wahnsinnstat dreier ausgemcrgelter iüdischer Greise völlig aus der Fassung gebracht wird. Es ist ein Symbol. In diesem Sinne war der Krieg gegen Rom ein ״Wahnsinn“; ein ״Wahnsinn“ die zweitausendjährige Folge von Jahne; ein ״Wahnsinn“, daß nun wieder jüdische Mensehen ins alte Land strömen. Es gibt kein rationales Kalkül, vor dem alle diese Taten bestehen könnten. Aber sie bestehen trotzdem, und das hohe Wort, das ihren Urgrund angibt, mag sich jeder selbst in seiner Sprache formen. Trotzdem bleibt das Problem des Josephus, wie Feuchtwanger es darstellt, auch unser Problem. Wollen wir denn im Hafen ״verschlammen“? Wollen wir denn ein neues Krähwinkel errichten, sind wir wirklich aus der Weite in die Enge gegangen? Es gilt zunächst festzuhalten, daß das Weltbürgertum des Juden vom Weltbürgertum aller anderen Völker so weit getrennt ist, wie der besondere Zustand des jüdi• sehen Volkes von dem aller anderen. Es muß eine her:־ liehe Aufgabe für den Sohn eines europäischen Volkes sein, nun auch wirklich ein Europäer zu werden. Ein solcher Mensel! wurzelt nämlich mit einer so selbstverständlichen und natürlichen Gebundenheit in den Gegebenheiten seines Landes, daß alles, was er sich nun aus fremdem oder übernationalem Bereich hinzufügt, der Erweiterung seiner Personlichkeit sowohl wie der Verständigung unter den Völkern potentiell wenigstens dienen kann. Für diese Völker mag wirklich gelten, daß Oott nicht die liebt, die im Hafen verschlämmen. Aber kann das auch für die besondere jüdische Situation gelten? Dem Juden ist nichts selbstverständlich gegehen. Was heute, anderthalb Jahrhunderte nach Erschütte» rung seiner letzten Grundlagen, noch in ihm wirkt, ist nichts als ein schwacher Ueberrest, ein letzter Nachhall entschwundener Gegebenheiten, deren Wirkung sich mit jedem Tag verringert. Und dieser Mangel ist es, der sich heute als Weltbürgertum deklariert. Insofern ist der Jude wirklich ein Weltbürger, der einzige Weltbürger, den es überhaupt auf der Erde gibt: er hat nämlich kein anderes Bürgertum als das der Welt.׳ Deshalb steht hinter seinem Weltbürgertum das Bestreben nach Eingliederung: er sucht den Halen, in dem er ״verschlammen“ kann. Und da sich die Länder als Halt seines Ankers versagen, wählt er die Welt, das Land in den Sternen. Jene zahllosen Einzelnen aber, denen immer wieder eine reale Eingliederung glückt, werden schnell ebenso reale Bürger und höchst entschiedene Verfechter ihrer jeweiligen nationalen ״Belange“. Die Masse hingegen, die uneingegliederte, stellt die Repräsentanten jedes Radikalismus, den die Entwicklung des Lebens jeweils heraufbringt, Nur liegt eine ungeheure Ueberschätzung, es liegt ein jüdischer Chauvinismus in der Annahme, daß sich im Leben der Völker dmch die jüdische Beteiligung irgend etwas Wesentliches vollzöge oder auch nur anders vollzöge, als es auch ohne sie der Fall wäre. Es ist doch wohl richtig, daß sieh die französische Revolution und nicht nur sie selbst, sondern auch die ganze geistige Vorbereitung des 18. Jahrhunderts auf dies Ereignis, ohne Juden vollzogen hat, daß sie nur das überraschte Objekt einer fremden Entwicklung waren. Das ist ewiß ein Gemeinplatz. Aber heute, wo man gewöhnt ist, uden nicht nur in jeder fortschrittlichen Bewegung anzutreffen, sondern wo weltbürgerlich empfindende Juden ausgesprochen oder unausgesprochen für sich auch noch in Anspruch nehmen, sozusagen das ״Salz der Erde“ zu sein, hält man es beinahe für unglaubhaft, daß es damals auch ohne dies Salz gegangen sein soll. Es ist ganz gut gegangen, Sehr fraglich, ob die Juden den Prozeß der Entwicklung auch nur beschleunigen. Wohl stoßen sie auf die progressiven Bewegungen und fördern sie in gewissem Maß, aber sie sind es auch, die in wahrscheinlich noch höherem Maß die Abwehr kräfte rege machen. Denn tn dieser Abwehr wirkt neben aller Interessenvertretung, neben aller Heuchelei, die den Juden nur als ein Bild im Kampfe vor sich herträgt, doch auch ein gesundes Gefühl, ein Gefühl nämlich dafür, daß die weltbürgerlichen Juden in den ganz anders gearteten Kampf etwas von jener Ideologie hineintragen, die aus ihren besonderen objektiven Bedingungen stammen, daß sie bestimmte Tendenzen überbetonen und daß ihre Gedankenweit aus einem abstrakten Ideenbereich kommt, der im Grunde mit dem natürlichen Boden, mit dem er sich verbindet, durchaus nicht identisch ist. So hat das jüdische Weltbürgertum einen besonderen Beiklang bekommen, wie es auch tatsächlich von besonderer Art und־ mit dem Weltbürgertum aller anderen Völker schlechthin unvergleichbar ist. . Anderen Wesens und mit den heutigen Trägern jeder aut irgendeine Art von Menschheitsbeglückung gerichteten klee nicht zu verwechseln ist das alte Geisteserbe des Judentums, das auf vielerlei Wegen in die heutige Menschheit gedrungen ist und entscheidend an ihrer Formung gewirkt hat. Von solchem Einfluß konnte das Judentum werden, weil es als erstes Gedanken formuliert und ihnen nachzuleben versucht hat, die mächtig sind in des Menschen Brust, die auch ihrerseits ״organisch gewachsen“ sind und deshalb in sich eine Macht, letzten Endes die stärkste Lebensmacht darstellen. Aber daß das Judentum sie formulieren konnte, daß dieser geistige Schöpfungsakt möglieh war, hat den Körper vorausgesetzt, diesen einmaligen Körper eines bestimmten Volkes in seinem Lande. Geist und Körper gehören zusammen. So unwahr und abstoßend der platt« Materialismus ist, der heute in Reaktion aut den heuchlerischen Mißbrauch des Geistes meint, den Menschen als Wirtschaftstier definieren zu können — so unwahr und so jedem gesunden □efühl zuwider ist jener schwebende ״Geist“, der auf Menschen zu wirken begehrt und dabei nur den Begriff der ״Menschheit“, nicht aber den Menschen in seinem natürlichen Raum kennt und liebt, Oder wäre das vielleicht eine ״Arbeitsteilung“, etwa nach Art jenes Rousseau, der seine Kinder ins Findelhaus schickte und währenddessen ein Erziehungsbuch schrieb? Aber an dieser schmalen und gefährlichen Grenze des Menschentums kann und muß gelegentlich der schöpferische Einzelne seinen immer fragwürdigen Weg suchen — einem ganzen Volke ist er versagt. V. Aus solchen und ähnlichen Gründen also sahen wir uns veranlaßt, den Hafen zu suchen, statt uns ihm zu entreißen. Umgekehrt wie Josephus gehen wir aus der Weite in den Winkel, in der Hoffnung aber, won hier aus gerade eine um so innigere und wahrere Beziehung zum Kosmos finden zu können. Dabei ist keinen Augenblick die Gefahr zu verkennen, die selbstverständlich auch in diesem Beginnen liegt. Man muß nicht im Hafen ״verschlammen“, aber man kann es. Der Winkel braucht nicht zu einem Krähwinkel zu werden, aber die Gefahr ist gegeben. Sie abzuwenden, ist es wesentlich, ihrer bewußt zu bleiben. Was Feuchtwanger uns durch Tüverlin und Josephus predigt, ist nicht unser Weg. Aber es gab für jeden von uns einen Zeitpunkt, wo er es hätte sein können, wo wir zu wählen und uns zu entscheiden hatten. Und diese Entscheidung war fruchtbar nicht nur durch die Richtung, in der sie fiel, sondern auch dadurch, daß sie überhaupt fiel: daß wir von beiden Welten wissen und daß wir, indem wir uns der einen zuwenden, der anderen nicht vergessen und sie immer im Blickpunkt halten. Das ist unser ״Weltbürgertum“, und es bedarf wie das ganz andersgeartete des Josephus einer immer lebendigen Bemühung, des Kampfes nämlich um das Gleichgewicht zwischen der Verankerung und dem Getriebenwerden. Dies aber ganz im Gegensatz zu dem WeltDürgertum der Tüverlins, das nicht errungen, sondern durch bestimmte Umstände angeboren ist, das sich als Verdienst maskiert und ewig eine Not bleibt. ״Eine Schande für die polnische Kultur“. In de! Volksbildungskotmnission des polnischen Sejm verteidigte der Kultusminister Jendzelewicz seine Gcsetzesvorlage betreffend Ein- Schränkung der Autonomie der Hochschulen zwecks Sicherung des ruhigen Lehrbetriebs und führte u. a. aus* Was im vergangenen und im jetzigen Jahre an den Hochschulen vorgegangen war, ist eine Schande für die polnische Kultur. Die Regierung sucht nach Mitteln, um dieser Welle der Verwilderung und der Barbarei, die Polen überschwemmen will, zu begegnen. Das neue Gesetz will die Würde der Wissenschaft schützen, eine Arbeitsdisziplin sichern und ein tiefes kameradschaftliches Gefühl bei allen Studierenden, unabhängig von Nationalität, Rasse und Religion, fördern.