Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 2 = Februar/März (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 2, Februar/März 1933 Seite. 8. Eine neue deutsche Bibelübersetzung Von Dr.( Harry Torczyner. Wie bereits kurz berichtet, hat Dr, Harry Torczyner, der Vorsitzende des Dezenten-Kollegiums der Hochschule für di« Wissenschaft des Judentums in Berlin, im Rahmen der öffentlichen Montags-Vorlesungen einen Vortrag über die geplante neue Bibel-Uebersetzung gehalten. Die Redaktion der ,jüdischen Rundschau״ hat angesichts der Wichtigheit und Schwierigkeit des Gegenstandes sich an Dr, Torczyner selbst mit der Bitte! gewandt, uns in gedrängter Fasaung den Inhalt seines Vortrages zur Verfügung zu stellen. \yjlr freuen uns, daß wir in der Lage sind, diese Darsiellung, die sicherlich für weiteste Kreise des Gelehrtenwie des Laien - Publikums von höchstem Interesse ist, nachstehend wiederzugeben. Red. ׳ Schon vor dem Krieg« hatte sich in interessierten Kreisen der Berliner Jüdischen Oemeinde das Bedürfnis nach einer neuen jüdischen Uebersetzung der Bibel fühlbar gemacht, die besonders in Schule und Haus die veralteten 'jüdischen wie die von christlichem Oeiste bestimmten fremden Ueberlragungen ersetzen sollte. Nach einem langjährigen Stadium der Beratungen bekam der Plan greifbare Fo־rm, als zu Anfang der Zwanziger Jahre eine vom Oemeindevorstand beauftragte Kommission, der später auch ich zugezogen wurde, die Ueber• Setzung der einzelnen Bilcher der Bibel an eine Reihe von Gelehrten verteilte. Freilich kristallisierte sich die Vorstellung von dem Charakter der zu schaffenden Ueberset2ung auch innerhalb der Kommission selbst erst allmählich, zum Teil erst an der Hand der verschiedenen llebersetzungen der Einzel* bücber, wie sie nach und nach einliefen, heraus, und so ward ich erst in diesem vorgerückten Stadium mit der Ausarbeitung von Grundsätzen für die bereits im Gang befindliche lieber* tragungsarbeit, die Umschrift der zahlreichen Eigennamen, die Wiedergabe religiös wichtiger Termini (Gottesnamen usw.) sowie die Herausarbeitung des Stilcharakters an der Hand von Beispielen beauftragt. Als jedoch endlich die Arbeiten der meisten Uebersetzer in die Hand der Kommission gelangten, stellte es sich dennoch heraus, daß das Werk vor der Ver* öffentlichung einer an sich bereits tiefgreifenden Redaktion durch eine, die verschiedenen Arbeiten zu einem Ganzen for* mende. Hand bedurfte. Vierzehn Uebersetzer hatten sich an der Arbeit beteiligt (Auerbach, E. Bernhard-Cohn, Dienemann, Qalliner, Oans, Jacob, E. Levy, L. Levy, Picjc, Salzberger, Schreiber, Seligmann, Torczyner, Wiener) und den Stoff jeweils in anderer Weise behandelt. Dies war —־ zumal für eine kommentarlose Laienbibel — um so weniger tragbar, als große Partien in verschiedenen Schriften der Bibel sich wiederholen und nicht gut in beiden Fällen anders oder vom Stilcharakier des betreffenden Buches verschieden wiedergegeben werden konnten. Untragbar war auch die Verschiedenheit der Wiedergäbe wichtiger Wörter Innerhalb des Bereichs der einzelnen Uebersetzer, die Differenz in Stil und Oesamthaltung gegen- Über dem Text, der Anordnung und Oliederung des Stoffes; am schlimmsten vielleicht der Umstand, daß nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter den Versuch gemacht hatte, die poetisehen Partien der Bibel als rhythmische Dichtung zu gestalten, während die meisten sich mH einer Uebertragung in gehobenc Prosa begnügt hatten, Aber selbst die rhythmisch wiedergegebenen Stücke bedurften einer. Umarbeitung, da Schon durch die geänderten Namen, besonders Oottesnamen, innerhalb der Dichtung der angestrebte Rhythmus wieder zerstört wurde, u, v. a. m. Zudem war auch während der Vorbereitungsjahre unserer Uebersetzung die Wissenschaft und das Schaffen an der Verdeutschung der Bibel keineswegs atehengebiieben, und im besonderen lag der wuchtige Versuch Buben (und Roaenzweigs) vor, mit dem nun unsere Uebertragung In Wettbewerb zu treten hatte. Wie immer man zu Buben Uebersetzung steht, unmöglich kann geleugnet werden, daß hier nach längerer Zeit wieder ein ln sich geschlossenes großes Wollen vorliegt, und es war verfehlt, ein anderes Werk daneben zu setzen, wenn nicht auch dieses in seiner Art mit dem gleichen Ernst und mit dem gleichen Willen, das Letzte aus {lern Bibelwort hcrauszuarbeiten und lebendig tu gestalten versuchte. ׳ War somit die Aufgabe, die der Redakteur von vornherein auf sich zu nehmen hatte, schwierig und umfangreich genug, So war sie es doppelt und dreifach mehr für mich, der ich mich — der großen Last, die ich mir damit aufbürdete, nicht yöllig bewußt ■־— vor etwa vier Jahren dazu drängen Heß, die Bearbeitung der neuen Uebersetzung zu übernehmen. Denn so gut wie in allen Punkten, die für eine solche Arbeit beatimmend sein mußten, hatte ich mir eine eigene, vom Hergebrachten grundsätzlich abweichende Auffassung erarbeitet und in verschiedenen Büchern und Abhandlungen niedergelegt: in der Auffassung der S p r a c h e, nicht nur des Hebrä- Uchen, sondern aller Sprachen als solcher, ihrer Entstehung und ihrem Werden; in bezug auf den Wortschatz der Öibel, den ich in jahrzehntelanger Arbeit durchforscht 80wie als Uebersetzer und als Bearbeiter eines deutsch-hebrä- Uchen Wörterbuchs auf seine Kongruenzen und Inkongruenzen gegenüber dem Deutschen bis in die feinsten Verästelungen Sorgfältig geprüft hatte; auf den Text der Bibel, betreffs dessen ich gleichfalls grundsätzlich wie in sehr vielen Einzelheiten zu einer eigenen Stellung gelangt war; den Charakter der biblischen Literatur überhaupt, die sich mir anders darstellte als nach irgendwelcher Schultradition. In der Betrachtung der Sprache hatte ich mich u, a. in der Richtung bemüht, unser Urteil von dem folgenschweren Irrtum zu befreien, der die Sprache, Wörter und ihre Formen mit den Objekten verwechselt, zu deren Bezeichnung sie dienen. Die logisch-scholastische Sprachbetrachtung unterscheidet die Wörter nach ihren Kategorien etwa als Haupt* und Tat* Wörter, Einzahl‘ und Mehrzahl usw. In Wirklichkeit jedoch bestehen diese Unterschiede nur an den durch die Sprache (eben nur) bezeichneten Objekten. Es ist dasselbe Wort für ״unten“* das etwa als sogenanntes ״Hauptwort״ in der Mehrzahl, als ״die Beine״, ein anderes für ״vorn״ (hebr. panim), das als Name für ״da«׳Gesicht״ verstanden wird. Jedoch wird die in unserem Denken dominierende Vorstellung des gegenständlichen ״Gesichts״ uns immer wieder verleiten, etwa die hebräische Wendung für ״bevorzugen״) ״naßo panim״), bis *in ״Nehmen des Angesichts״ aufzufassen, während sie Ursprünglich Einfach ein ״Vorannehmen, vorziehen“ ist und so wiedergegeben werden müßte. Aehitlich ist etwa ״Hawel hawalim“ des Kohelet nicht etwa in substantivischer Fassung ״E4e(Mt der Eitelkeiten״, sondern einfach ״eitel, eitel״, wobei 9ur. der Auslaut, des ersten Wortes in der Verbindung 1ntt:dQm, fgjggnden weggefallen ist u. v, a. m. Auch die Etymologie stellt sich so anders dar als nach der üblichen Betrachtung. Im ganzen sind die alten Wörter hlcht logisch auseinander abgeleitet, sondern es ist ein und dasselbe Wort, das im Laufe seiner Geschichte sich lautlich verändert und — durch das Mißverständnis des Hörenden ־־־ eine neue Bedeutung erhält. Dasselbe Wort etwa für ״ausreißen״ kann z. B. aus dem Satze ״ich sehe ausreißen״ Hauptwortbedeutung erhalten, wenn der Hörende das als ״ich sehe Wurzeln״ versteht. Was manchen־ Uebersetzern als ' die Etymologie eines Wortes erscheint, ist dies daher in vielen Fällen keineswegs. Für die Uebersetzung steht jedoch neben der Frage nach der Richtigkeit der Etymologie auch die, ob und wieweit die Herkunft des Wortes im Bewußtsein der Ursprache lebendig und daher in der Uebertragung wiederzugeben ist Dies ist wie etwa lautlich so nahestehende, aber bedeutungsverschiedene deutsche Beispiele wie ״Menge,״ ״mengen״ ,״mannig“, ״manch״ oder ״Weg״ und ״weg״ zeigen, nur in geringem Maße der Fall. Somit wird meist die Wiedergäbe des Wortinhalts bestimmender sein müssen als die Worth erku n f t. Die Worte der Bibel bedeuten in ungemein zahlreichen Fällen etwas ganz anderes als das, was Tradition und Wissen* schaft in ihnen zu sehen gewohnt sind. So habe ich u. a. gezeigt, daß etwa das übliche Wort für ״Griffel־ ״— ein ״Umschlagtuch״, das für ״Mähne״ — den ״Donner״, ein Wort für ״Kropf“ — die ״Federn״, ja etwa eines für die ״Jünger, Schüler״ — vielmehr die ״Bänder״ bezeichnet, die um eine Urkunde gebunden wurde und worauf man diese siegelte. Diese Mißverständnisse sind oft grotesker Natur, wie etwa wenn z. B. ein Wort (״tachra״) allgemein als ״Panzer״ verstanden wird, während es wirklich — schon nach der tinverstandenen Tradition — Bezeichnung eines Körperteils, und zwar des — Afters war. Und das gilt nicht nur von seltenen Einzel Wörtern, sondern etwa auch von so häufigen Vokabeln wie ״maschach״ ,״ziehen״, das dies in der Bibel nirgends bedeutet. Es ist vielmehr ״fassen, halten״ .״Af״, die Nase, ist an fast allen Stellen der Bibel vielmehr das ganze ״Gesicht“; und selbst wo Wörter in der Hauptsache richtig gefaßt sind, ist der genaue Sinn, von dem die Auffassung mancher wichtigen Stelle abhängt, nicht immer erkannt. Und wie die Wörter, so sind oft und oft Wendungen und Sätze dermaßen mißverstanden worden, daß der Sinn großer Partien dadurch verborgen bleiben mußte. Meine Stellung zum B i b e 11 e x t ist in ihrer Art, wie bekannt, eine kritische. Dies durfte freilich in der vorliegenden Uebersetzung nicht direkt zur Geltung kommen, die nun einmal den allen Juden heiligen überlieferten Text mit strenger Genauigkeit wiedergeben soll. An vielen Stellen jedoch durfte das Urteil über die Textgeschichte für die Bedeutungsbestimmung manches der zahlreichen Wörter riehtungweisend sein, deren Sinn bisher auch sonst noch nicht festgelegt war. Beispiele würden hier zu weit führen. Für die Anordnung des Stoffes war meine Auffassung vielfach maßgebend gewesen, wonach die literarische Form der biblischen Schriften im ganzen die der Rahmenerzählung mit dichterischen Einlagen gewesen ist, die besonders das gesprochene Wort in der Handlung poetisch ausbauen. Diese Anschauung war bestimmend für die Abgrenzung von Poesie und Prosa; die Prosa mußte dem Charakter der Bibel entsprechend schlicht und einfach, die Dichtung rhythmisch, der Betonung des Hebräischen gemäß im allgemeinen in steigenden Rhythmen (Jambus, Anapäst) gestaltet werden. Wie, und mit welchem Erfolg ich versucht habe, die Wucht und Schönheit der biblischen Poesie im deutschen nachzuahitien, kann im einzelnen nur das Beispiel zeigen. In allem aber habe ich mich über die aus dem Material gegebenen Notwendigkeiten hinaus bemüht, in jeder Beziehung die Probleme neu zu stellen, nichts als gegeben hinzunehmen, weil ich die nunmehr bevorstehende Veröffentlichung des bis auf drei Bücher durchredigierten Werkes als letzte Gelegenheit, Gelegenheit und Pflicht zugleich, empfand, den Fragenkomplex um den Wortsinn der Bibel und dessen deutsche Wiedergabe mit jenem äußersten Ernst und jener Besessenheit der bestmöglichen Lösung zuzuführen, die allein dieser großen Aufgabe würdig sind. Zwei französische iüdische Bücher Die jüdische Dramatik ist außerordentlich arm. Wie arm sie ist, Kann an dem Repertoire der Habimah und anderer hebräischer Bühnen ermessen werden, wo die hohe Schauspielkunst kaum dahin gelangt, die Fadenscheinigkeit des drama-. tischen Entwurfes annehmbar zu machen. Um so mehr ist es zu begrüßen, wenn ein jüdischer Autor aus Belgien, Joseph Schulsinger, uns jetzt ein jüdisches Drama in französischer Sprache vorlegt: ״La Genuflexion d'Alenou״ (Paris, Librairie Upschutz, 1932). Es handelt sich um ein historisches Drama, nicht im realen, sondern im symbolischen Sinne, denn es werden keine Begebenheiten erzählt, die sich zu bestimmter Zeit an bestimmtem Orte zugetragen haben, sondern eine synthetische Handlung aus Elementen, die sich in fünfzehn Jahrhunderten mittelalterlicher jüdischer Geschichte an manchen Orten und zu manchen Zeiten ereignet haben können. Es ist ein Drama der jüdischen Martyrologie und als solches nicht neu. Die Gestalten sind als Typen gesehen, ohne individuellen Charakter und vor allem ohne eine individuelle Charakterentwicklung, die im modernen Sinne den Ablauf der tragischen Handlung bestimmt. Aber gerade, daß die Figuren typisch sind und in der überkommenen Weise typisch gesehen werden, verleiht dem Drama seine Bedeutung, insbesondere da Schulsinger ein im jüdischen Theater seltenes klares Auge für dramatische Wirkungen, straffe Szenenfolge und die Erfordernisse des Theaters besitzt. Das Drama ist eine Glaubens- und Liebestragödie zugleich. Es spielt in Ferrara, im Kirchenstaat, im 17. Jahrhundert, da die Juden gezwungen werden, in den Kirchen Bekehrungspredigten anzuhören. Zwischen dem jungen Priester Casimir und Rachel, einer Jüdin, entwickelt sich dabei ein spannungsreiches Verhältnis, das, von dem Glaubenseifer feindlicher Religiosität getragen, allmählich von ursprünglich unbewußter erotischer Leidenschaft durchglüht wird, ln der Kirche herrscht eine gespannte Atmosphäre, Während der Zelcbrierung der Messe erwarten die Christen, daß auch die Juden niederknien. Sie retten sich aus der Verlegenheit, indem sie das feierliche Alenu-Gebet anstimmen. Casimir entführt nach der Messe die ins Gebet versunkene und erschütterte Rachel unge« achtet ihres Widerrtrebens in ein Kloster, wo er sie der Bekehrung zuzuführen hofft. In seinen langen Gesprächen mit ihr wird er durch ihre Standhaftigkeit an seinem eigenen Glauben wankend und die tiefe Unruhe steigert sich zur Oewißheit, als er in einer Unterredung mit einem Prälaten, dem er seine Zweifel gesteht, erfährt, daß er selbst jüdischer Abstammung ist. Er entführt nun Rachel aus dem Kloster und flieht mit ihr ins Ghetto, Die darob aufgebrachte christliche Bevölkerung droht das Ghetto zu stürmen. Die Juden versammeln sich in der Synagoge, sie weisen zuerst Casimir, in dem sie die Ursache des drohenden Verderbens erkennen, ab und wollen ihn ausliefern, als sie aber erfahren, daß er von ihrem Stamme ist, nehmen sie ihn auf und schicken sich an, gemeinsam unter Singen des Alenu-Gebetes den Märtyrertod zu erleiden. Dieser kurze Abriß der Handlung gibt die Fülle der Oestalten und des szenischen Reichtums nicht wieder. Da ist ein Hofjude, ein Schtadlan, der immer wieder seiner Glaubensgenossen sich annimmt, wenn er auch in seinem äußeren Leben mit den anderen lebt. Etwas karikiert ist der Kardinal- Gouverneur von Ferrara, gut gesehen die verschiedenen Typen der Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Die Aufmerksamkeit jüdisch-dramatischer Kreise sei auf dieses Schauspiel gelenkt, das sowohl durch seine edle Sprache wie durch seine Folge lebendiger, straffer und schöner Bühnenbilder auch auf der Bühne ein Erfolg zu werden verspricht. Das Grundthema des Buches erinnert an den Roman eines anderen jüdischen Schriftstellers, an ״La Nuit Kurde“ von Jean Richard Bloch. Nicht das Erlebnis Gottes ist das entscheidende Wandlungsmoment bei Casimir, sondern die Entdeckung seiner Rasse. Nicht die Stimme Gottes bestimmt ihn, sondern die Stimme des Blutes, Und wie der Kurde Saad in Jean Richard Blochs Roman die Schwester dem Blute nach, der Rasse nach in der Tochter des Feindes, in der Griechin Evanthia erkennt und findet und mit ihr gemeinsam in den Tod geht, so spricht zu Casimir aus Rachel die Stimme der Schwester dem Blute nach, und auch sie vereinigt zum ersten und. zum letzten Male das im Märtyrertod verströmende gemeinsame Blut in der Hochzeitsnacht des Todes. Doch tritt an die Stelle des asiatischen Ekstatismus Blochs bei Schul* singer die gedämpftere und keuschere Haltung des mittelalterliehen Ghettos. Der französische Kritiker Jean Schlumberger hat über ״La Nuit Kurde״ zu Bloch gesagt: ״La Nuit Kurde me semble etre, dans votre oeuvre, la plus forte expression du probleme qui est le plus personnellement vötre: Fattirance reciproque et Fimpossibilite de fusion entre l’Occident chretien et le Proche-Orient“. (״Die Kurdische Nacht scheint mir innerhalb Ihres Werkes der stärkste Ausdruck des Problems zu sein, das im persönlichsten Sinne Ihr eigenes ist: die gegenseitige Anziehung und die Unmöglichkeit der Verschmelzung zwischen christlichem Abendland und Nahem Orient.״) Etwas von diesem Gegensatz und dieser gegenseitigen Anziehung der zwei Welten. die das Werk Jean Richard Blochs, des französischen Juden, kennzeichnen, lebt auch in seinem neuesten Roman ״Sybilla“, seinem dritten großen Roman, in derr einige Personen aus seinem Roman französischen Judeirikhicksals ״Simler et Cie.״ weiterleben, ohne freilich mehr als Nebenfiguren des neuen Romans zu sein. In seinem Tempo und seinem Stil gleicht der Roman eher der Nuit Kurde. Und erade daher haftet ihm an manchen Stellen noch etwas iebriges, Ueberladenes, Ueberhastetes im Tempo und im Stile an, das gegen eine ganze Anzahl von Stellen meisterhafter^ Beobachtung und Schilderung fremdartig absticht. Dem bisherigen Romanwerk Jean Richard Blochs gegenüber konnte bemerkt werden, daß er noch nicht das Leben der gegenwärtigen französischen (nichtjüdischen) Gesellschaft geschildert und daß in seinen Romanen die Frau ,keine bestimmende Rolle gespielt hat. In dieser Beziehung bedeutet dieser Roman einen neuen Anfang. Er schildert die Pariser Gesellschaft von heute, einen mondänen Pariser Romanschriftsteller und seine Frau, die altangesehenem Bürgertum der französischen Pro• vinz entstammt. Diese junge Französin Clotilde ist die eigentliehe Heldin des Buches, sein wahres Thema, ihre Erweckung aus einem unerschlossenen Dämmerzustand zu einem Aufquellen und Ueberschäumen aus den Tiefen ihrer Persönlichkeit. Diese Erweckung vollzieht sich in wenigen Tagen in dem Kontakt mit einer großen internationalen Tänzerin Sybilla.' Ihr Erscheinen in Paris bedeutet für eine Woche den Einbruch einer anderen Welt, einer asiatischen, entfesselten, ekstatischen Welt in die geregelten Ordnungen und Konventionen der abendländischen Gesellschaft. Wie in einem Wirbeltanz um einen neuen Stern wird das Leben all der Menschen, die mit Sybilla in Berührung kommen, während der einen Woche, beinahe bis zur Erschöpfung des teilnehmenden Lesers, umhergetrieben. Ein Glanz geht von Sybilla aus, eine Lebensmächtigkeit, die dem Buch etwas seltsam Beschwingtes und Fortreißendes verleiht, Aber die wahre Heldin des Buches ist die bis dahin stille und unscheinbare, sanfte und lenkbare Clotilde, deren heimliche und ungeahnte Unbändigkeit in der Berührung mit dem Halbgott oder dem Dämon, der in Sybilla sich ihr nähert, erweckt wird. Aber in diesem vorliegenden Buch geschieht nur der erste Schritt, die Erweckung selbst, was unter ihrer Kraft aus Clotilde wird, wie sie durch die Berührung reift, wächst und sich wandelt, wie dadurch selbst ihr Gatte, der seiner so sichere erfolgreiche Schriftsteller, zu einer neuen Weise seiner Existenz mitgerissen wird, soll das folgende Buch darstellen, das erst den wahren Sinn des Geschehens, das ״Sybilla״ entrollt, klären und vollenden wird. Der Roman, von dem das vorliegende Buch Sybilla nur der erste Teil ist, tragt den Gesamttitcl: ״Der Adler und Ganymed“. In der griechischen Sage entführt Zeus in der Gestalt eines Adlers Ganymed, den schönsten Knaben, der je elebt, unter die Götter. Spätere griechische Deutung hat in ieser Sage die Rechtfertigung der edlen gleichgeschlechtlichen Liebe gefunden. ״Sybilla“ zeigt uns den Einbruch des Adlers in die ruhigen Lebenskreise Ganymeds, manches ist in diesem Buche, was uns wie ein Feenmärchen anmutet, transponiert in die mit einer seltenen realistischen Beobachtungsgabe und sprachlichen Meisterschaft geschilderte Welt der Pariser Salons, der französischen Landstraße, eines einsamen Provinzbahn־ hofes. Dieser Band ist aber nur wie ein Vorspruch und ein Versprechen, ein großes Versprechen auf eine große Erfüllung hin: wie Ganymed in der neuen Welt bestehen, sich bewähren und sich wandeln wird, in die ihn der Adler entführt hat. Der aufmerksame Leser wird auch in diesem Buche das Grundproblem finden, das alle Werke Jean Richard Blochs durchzieht: den Gegensatz und die gegenseitige Anziehung zweier Welten. Nur daß das Problem hier tiefer gefaßt wird als in La Nuit Kurde, denn hier wird die Auseinandersetzung dieser zweier Welten, der fremden, aus der Jean Richard Blocn sich nach Niederschrift der Nuit Kurde endgültig zuriiekgekehrt glaubte und von der er in seinem Nachwort Adieu a I'Asic Abschied genommen hatte, und der heimischen, in der Jean Richard Blochs Leben verläuft, in den Roman selbst hineingetragen. In La Nuit Kurde glaubte Jean Richard Bloch dem Fremden und Unheimlichen, dem Mythos und dem Abenteuer den letzten Tribut gezollt zu haben, den er auch Abschied von der Jugend nannte. Asien lag ferne hinter ihm. Und nun bricht in den Roman der Pariser Gesellschaft wiederum das Fremde und Unheimliche, der Mythos und das Abenteuer herein, Asien, der Sturmwind großer Steppen und unendlicher Leidenschaften. Unter seinem Gluthauch wandelt sich die Seele des Okzidents, erwacht zu sich selbst, zu ihrer eigenen Tiefe und ihrem eigenen Maß. Davon wird uns der zweite Band des neuen Werkes Jean Richard Blochs berichten. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Georg Landauer, Berlin •Wilmerftdorf. Verleg: JüdUche Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Drude von Siegfried Scholem, Berlin - Schöneberg.