Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 2 = Februar/März (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 2, Februar/März 1933 Die Zukunft Tel-Awiws Gro&e PlÄne zur Entwicklung der Stadt (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl. Tel-Awiw, 7. Februar 1933. Die Entwicklung der Stadt Tel-Awiw ist in den letzten Jahren gut Riesenschritten vorwärts gegangen. Das hat viele Oründe: Tel-Awl\y fängt noch immer einen großen Prozent* satj.der neuen Einwanderer ab, die nur langsam von hier in die Kolonien oder anderen Städte abströmen oder auch ganz hierbleiben. . Die Entwicklung der Orangenzone hat das Hinterland der Stadt gestärkt und erweitert. Ihre Lokalindustrie hat sich eine feste Basis geschaffen, einen Absatz erobert und ihre Produkte vervollkommnet. Tel-Awiw ist die lebendigste Stadt des Landes, sie konzentriert alle möglichen gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen Unternehmungen und macht in ihrer Lebendigkeit, ihrem gewaltigen Verkehr, ihrer großen Bewegtheit den Eindruck einer Stadt von mehreren Hunderttausenden. Sie ist in letzter Zeit auch ein Anziehungspunkt für jüdische Rentiers aus der ganzen Welt geworden, die sich hier Häuser bauen. Die immer noch anhaltende lieber* hafte Bagbewegung macht das Areal der Stadt zu einem riesi* gen Bauplatz. Ip allen Straßen arbeiten die Betonmischer, Materialien .werden transportiert, die Gebäude schießen mit .beängstigender Schnelligkeit aus dem Boden. Die seit Jahren leeren Plätze zwischen den einzelnen Häusern werden auf* gefüllt, die Straßen beginnen kompakte Blocks zu bilden und während auf diese Weise auf dem gegebenen Flächenraum die Zahl der Häuser sich mehrt, dehnt sich zugleich das Weichbild über die früheren Grenzen. Im Norden reicht die Stadt bereits bis an den Jarkon, manche Industrieunternehmungen machen sich ln Vororten ansässig, weil sie dort billigeren Boden und mehr Ausdehnungsraum erhalten, das Wegenetz nimmt an Güte und Länge zu. Diese Expansion der Stadt ist zugleich eine Aufwärtsbewegung im Standard, die Bevöl* kerung umfaßt mehr wohlhabende Elemente, wird eleganter und anspruchsvoller, füllt die Cafds, die Kinos, die Läden. Trotz der beginnenden Arbeitereinwanderung sind Lohnarbei־ ter •und Handwerker beschäftigt, zum Teil überbeschäftigt. Die Stadt zeigt die jüdische Prosperität in Palästina in gesteigerten! Maßstabe. Soeben' hat sich eine Gesellschaft zusammengeschlossen, di$ es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Entwicklung zu fördern und zu lenken. Es sollen eine Reihe von Bedingun* g?p geschaffen werden, die die weitere Ausbreitung der Stadt erleichtern. Den vielen investitionslustigen Kapitalisten müssen Erleichterungen geboten werden, um sie zu Anlagen in der Stadt zu veranlassen. Das Programm umfaßt die Schaffung eines Industrieviertels, die Errichtung eines permaneriten Ausstellungsgel and es und den Ausbau des Strandes der Stadt in der Art eines bequemen und modernen Badeortes. Das Anfangskapital der Gesellschaft soll £ 10 000 betragen, das in Aktien zu je £ 2 geteilt ist. Abgesehen von dem Wunsche, bei der weiteren Entwick* lung der Stadt zu assistieren und weitere Kapitalien für ihren Ausbau heranzuziehen, hat bei der Gründung dieser Gesell- Schaft die Ueberiegung eine Rolle, gespielt, daß mit der Er- Öffnung des Hafens eine rapide Entwicklung Haifas einsetzen muß, die unter Umstanden Tel-Awiw beeinträchtigen kann. Bisher hat dieses den Hauptteil der ein wandernden Menschen und Kapitalien, angesogen. M** dem Beginn des Hafenbetriebes jedoch wird der wirtschaftliche Schwerpunkt .des Landes und damit auch eines Teils der jüdischen Wirtschaft nach. Haifa gravitieren. Schon heute benutzen die Auslandsreisenden Haifa und nicht mehr Jaffa als den Ausgangshafen, Ein Teil des Orangenexports geht schon heute durch den nördlichen Hafen, da er verschiedene Vorteile in der Verschiffung bietet. Mit der Aufnahme des normalen Hafenbetriebes muß sich diese Tendenz, über Haifa zu exportieren, npcli merklich verstärken, da auch die Regierung daran interessiert ist, zur Propagierung des Hafens, dem Haifaer Handel Erleichterungen zu gewähren. Wenn es auch klar ist, daß Haifa in Zukunft mehr den Charakter einer internationalen Handels- und Industriestadt spielen wird und das jüdische Element dort nicht so hundertprozentig den Ausschlag geben kann wie in Tel-Awiw, so steht es doch außer Frage, daß auch jüdisches Kapital und Initiative mehr nach Haifa tend(eren und daher in gewissem Maße von Tel-Awiw abgezogen wird. Das Moment, daß Tel-Awiw eine ״rein jüdische Stadt" ist und daher für den jüdischen Immigranten eine einzigartige Atmosphäre besitzt, wird freilich seine Wirkung nicht einbüßen. Es wird jedoch ökonomische Kräfte auf die Dauer nicht, überwinden können und es ist nur logisch, wenn man der Entwicklung der jüdischen Stadt auch mit ökonomischen Maßnahmen zu Hilfe kommt,...״ . Der Versuch, Kapitalinvestitionen in Tel-Awiw zu erleichtern, mu8.;$ich auch auf dje Erkenntnis gründen, daß zurzeit ein bedeutender Teil der Arbeiter in der Bauindustrie beschäftigt wird, so daß hiervon Teile bei einer Abnahme der Baubewegung freigesetzt werden, wie wir es in den Jahren 1926/27 erlebt haben, Die Ueberleitung von Kapitalien fn konstante Unternehmungen, die auf laufende Produktion ein•׳ gestellt sind, ist eine bestimmte Sicherung gegen plötzliche Arbeitslosigkeit. Ein ״Industrieviertel״ hat es bisher in Tel-Awiw nicht gegeben, So wje die Stadt in den Anfangsjahren ohne Plan wuchs und daher einen Mangel an ausgiebigen Verkehrsadern und freien Plätzen zeigte, wurde auch kein besonderer Distrikt für Fabriken abgetrennt. Es kam daher so, daß Unternehmen an den verschiedensten Ecken der Stadt herauswuchsen, was sowohl ihre eigene Entwicklung wie auch die der sie umgebenden Wohnviertel stark beeinträchtigte. Jetzt soll der Versuch gemacht werden, eine zusammenhängende Bodenfläche für Fabriken und Werkstätten bereitzustellen, die durch eine Bahnlinie und eine Chaussee mit Hafen und Eisenbahn verbunden . wird und die auch die entsprechende Wasser-, Licht- und Kraftversorgung erhält. Zugleich soll mit dem Bau einer Reihe von Werkstättenbauten י6ס gönnen werden, um Handwerkern und kleineren Betrieben ein entsprechendes Unterkommen zu angemessenen Preisen zu verschaffen. Für Industriebauten soll Boden bereitgestellt werden, der in Raten abzuzahlen ist. Dieses, zusammen mit einem Kreditprogramm, ist selbstverständlich der Maximalplan der Gesellschaft, der nicht sofort in vollem Umfange ifl. Angriff .genommen werden kajin. Er ist ejn Zukunftsziel, das die künftige Entwicklung in großen. Umrissen andeutet. Es wird vermutlich in kleinerem Maßebegonnen werden, um Rutenbergs Elektrizitätswerk SU *!mei יי *•/לד; 'hrr■ mm ׳: ■ ׳׳T''i־• mm. Gesamtansicht von Tel-Or mit der KraflstatioA Die Palestine Electric Corporation, Ltd. Anläßlich der Vollendung von Rutenbergs großem Werke dürften folgende Angaben interessieren: Das Aktienkapital der PFC beträgt, eine 'Million Plund Sterling. Der Keren IJajessod hat in dem Unternehmen 103.000 Pfund investiert, davon 100.000 Pfund für Aktien und 3000 Pfund ohne Entschädigung für Vorarbeiten. Die PEC hat zwei Serien von Pfandbriefen im Betrage von 250.000 Pfund beziehungsweise 300.000 Pfund aufgelegt. Die Gesellschaft besitzt Hilfselektrizitätswerke in Tel-Awiw, Haifa und Tiberias. In den letzten Jahren hat ihre Arbeit folgende Entwicklung gezeigt: litt Jahre 1927 wurden 2,500.000 Elektrizitiatseinheiten verkauft, 1932 8,700.000 ־; im Jahre 1927 betrug die Zahl der Verbraucher im Lande 7477, zu Ende 1931 aber 12.029; die Länge der elektrischen Kabel betrug 1927 120.5 Kilometer, zu Beginn 1932 maßen die Kabelleitungen 839 Kilometer; die palästinensische Industrie verbrauchte 1930 1,750.000 Kilowatt, 1931 3,100.000. IIIIMIIIIIllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHllllllimilllltlllllllllllllllltlllllllllllllllllllim nach und nach Größeres zu schaffen. Mit der Zeit wird dann die Gesellschaft auch größere Gelder zu konzentrieren versuchen. Die Errichtung eines permanenten Ausstellungsgeländes wird unter dem Gesichtspunkt für nötig gehalten, daß die L e v a n t e m e s s e n sich als ein Erfolg erwiesen, es jedoch untunlich ist, jede zwei Jahre von neuem alle Bauten für dieses Werk aufzuführen, die nachher wieder abgetragen werden. Es soll ein Gelände für diesen Zweck bereitgestellt werden, das durch bequeme Straßen mit der Stadt verbunden ist, ein für allemal mit den entsprechenden Gebäuden und Installationen versehen wird und dann für die regelmäßigen Ausstellungen und andere Veranstaltungen benutzt werden kann. Man erhofft sich davon eine größere Zahl von Be- Suchern, Anknüpfung neuer Handelsverbindungen, eine Propaganda für die jüdischen Produkte und damit einen weiteren Impuls für Gewerbe und Industrie. Der Ausbau des Strandes wird bereits seit Jahren als eine dringende Notwendigkeit empfunden. Die Zahl der Einheimischen, die ihre freien Stunden am Meere verbringen, ist ebenso gewachsen wie die Zahl der Besucher aus dem Lande und dem Auslande. Der Strand befindet sich jedoch in einem recht primitiven Zustand, er bietet keinen Schatten, keine Gelegenheit für sportliche Spiele, es ist im Grunde nicht viel mehr da als Sand, Wasser, eine primitive Badeanstalt und Felsen, die eine Gefahr und eine Plage darstellen. Die Umwandlung nach europäischen Vorbildern würde der Stadt eine neue große Attraktion verleihen. Die Gesellschaft zur Entwicklung Tel-Awiws, die unter der Führung des Bürgermeisters Dizengoff steht und auch mit dem Keren Kajemeth zusammenarbeitet, hat gerade jetzt, wo jüdisches Kapital aus aller Welt nach Anlagemöglichkeiten in Palästina sucht, Aussichten auf Erfolg. Ihre Projekte sind sehr lockend und geeignet, das Interesse der Besitzenden anzuziehen. Sie sind nicht nur für Tel-Awiw und Palästina, sondern auch für das Galuth interessant, das materiell und praktisch ein immer größeres Interesse und Beteiligungsmögiichkeit an der Palästina-Wirtschaft erhält. ״Gigantische Entwicklung“ Der Jerusalemer Berichterstatter der englischen Zeitschrift ״The Near East and India״ sendet seinem Blatt eine interessante Korrenspondenz über die letzten Ereignisse in Palästina, die um so bemerkenswerter ist, als bekanntlich das genannte Blatt sich nicht durch eindeutige Judenfreundlichkeit auszeichnet. Der Korrespondent berichtet über die Vorgänge im Zusammenhang mit der geplanten transjordanisehen Landtransaktion und schildert die überaus aktive und heftige Gegenpropaganda der j7alästinensischen Araber. Wenige von denen, die sich an der Propaganda beteiligten, scheinen sich aber — 90 schreibt das Blatt — über die schwere ökonomische Notlage in Transjordanien Rechenschaft. gegeben zu haben. Von einem streng ö k 0 n o m i - sehen Gesichtspunkt gesehen, müßte die jüdische Immigration nach Transjordanien ein gesundes Element des Fortschritts bringen, eine Tatsache, über die offenbar auch der Emir sich im klaren ist. Der Korrespondent schließt seinen Bericht mit folgenden beachtenswerten Sätzen: ״Trotz all dem politischen Gepolter über die offenbar jetzt annullierte Option ist man immer wieder gezwungen, darüber nach zudenken, ob nicht eine nüchterne und weniger hysterische Haltung, verbunden mit der richtigen ökonomischen Zusammenarbeit, sowohl das prosperierende Palästina als auch das verelendete Tran9jordanien durch freiwilligen Aufbau auf eine höhere Kulturstufe bringen könnte als sich die römischen und griechischen Eroberer vor vielen Jahrhunderten mit ihren Gewaltmethoden jemals träumen ließen,“ ״Die Zeichen des stürmischen Fortschritts in Palästina aut dem Gebiete der Landwirtschaft, des Handels und des öffentlichen Lebens sind ein Beweis dafür, daß das zweite Jahrzehnt britischer Verwaltung ein Markstein gigantischer Entwicklung sein wird.״ Der Korrespondent schildert anpchließend daran die wirtschaftlichen Expansionen, die unseren Lesern aus anderen Berichten bereits bekannt sind. Insbesondere wird auf die Ausdehnung des Orangenbaues, der Industrie, ferner auf den Haifaer Hafen, die Irak Pipe Line usw. hingewiesen, und als ein besonderer Beweis der Prosperität wird der letzte Bericht der Post- und Telegraphendirektion angeführt, deren Tätigkeit Iavinenartig wächst und die einen Reingewinn von 74 000 Pfund aufzuweisen hatte. Aut der anderen Seite ist freilich aus dem Berieht zu entnehmen, daß von 158 000 arabischen Kindern nur 33 000 Schulen besuchen können, weil die Schulen überfüllt sind und neue nicht gegründet werden. Die Handelskammern Palästinas treffen Vorberei* tun gen zu möglichst weitgehender Beteiligung Palästinas ar. der Weltausstellung in Chicago 1933. Zahlreiche jüdische Firmen Palästinas werden ihre Erzeugnisse in Chicago aussteifen, mehrere hundert Palästinenser werden sich zum Besuch der Ausstellung nach Chicago begeben. Maschineneinlahr nach Palästina Die ״Deutsche Bergwerkzeitung“ in Düsseidorf berichtet: ln Palästina ist infolge der von der Regierung unterstützten Bemühungen, einheimische Industrien zu entwickeln, die das Land in bezug auf die Versorgung mit tagliehen Bedarfsartikeln, Kleidung usw., vom Aus'andc möglichst unabhängig machen sollen, ein im wesentlichen noch u n - gedeckter Bedarf.an Maschinen und anderen technischen Produktionsmitteln vorhanden, dessen Befriedigung von der fortschreitenden Besserung der Wirtschafts־ und Währungsverhältnisse abhängt. Ueber kurz oder lang wird jedoch einem Handelsbericht aus Haifa zufolge zur Anschaffung der dringend benötigten Maschinen geschritten werden müssen. - ln Frage kommen besonders elektrische Maschinen. Dieselmotoren, Pumpen, Maschinen für Wasserreservoire, einfache landwirtschaftliche Maschinen, ferner Näh- und Schreibmaschinen. Nach einem Ueberblick über die Maschineneinfuhr der letzten Jahre teilt die Zeitung noch mit, daß in den Jahren 1928, 1929 und 1930 England 26,7, bzw. 37,6, bzw. 51,8 0/0, Deutschland 44,8, bzw. 40,2, bzw. 29,4 0/0 lieferten. _ Faust U im Siaaisiheaier. Ein Werk von den Dirnensionen des ״Faust״ muß jedem etwas bringen; und wenn man als Zionist die Aufführung des Berliner Staatstheaters besucht, wird man — ergriffen wie nur jemand von der menschheitlichen und künstlerischen Größe dieser einzig dastehenden Dichtung — auch manches hören, was aus dem Born dieser Weisheit uns besonders dargeboten scheint. Hier stehen wir vor der großen Polarität von Vernunft und Glaube, Wissenschaft und Leben, Denken und Trieb, und erkennen des suchenden Menschen Beruf, eine Synthese der Gegen- Sätze zu schaffen, um sein irdisches Dasein sinnvoll zu machen. Hinter manchem, was sich als elementarer Lebensdrang gibt und sich selbst pathetisch verklärt, steht in Wahrheit der Teufel, sarkastisch zwinkernd; am deutlichsten in jener Schlachtenszene, wo blasphemisch dem Gott des Sieges gedankt wird, den der Teufel bewirkt hat. Der Zusammenstoß zweier geistiger Welten, Nord und Süd, christlich-deutsche und antike Welt, gibt bei allen geistigen Spannungen ein Gefühl für die Einheit des Menschlichen in seinem Kampf. Am stärksten berührt uns der Höhepunkt des Dramas, das tätige Leben des altgewordenen Faust, das sich in Kolonisation, im Schaffen von gesunden neuen Lebensmöglichkeiten für Milhonen Menschen, im Zauberwerk der Verwandlung des Sumpfes in Fruchtland, vollendet. Wer denkt nicht, wenn der sterbende Faust seinen glücklichsten Augenblick in der Vision der neuen Freiheit hat, an die Siedlungsgeschichte des Emek Jesreel: ״Ein Sumpf zieht am Qebirge hin, Verpestet alles schon Errungene; Den faulen Pfuhl auch nbzuziehn, Das Letzte wär das Höchsterrungene; Eröffn* ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohne n.“ . ״Grün das Gefilde fruchtbar... Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft... Im Innern hier ein paradiesisch Land.,.“ und schließlich: ״Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, Aut freiem Grund mir freiem Volke stehn.. .״ Für wen sind diese Werte so zeitgemäß wie für einen jiidi* sehen Zuhörer unserer Tage? Schon am Anfang der zionistisehen Bewegung wurde dieses Goethewort ott zitiert (der Zionismus hat aus deutschem Geist viel gelernt); heute aber erst hat es seinen vollen Sinn für uns. Und auch die dunkleren Seiten dieser Problematik werden uns durch die Philemon-Baucis-Szene bewußt; Kolonisation fordert Opfer des Idylls, aber wie weit darf man gehen und wo gebieten menschliehe Rücksichten eine unüberschreitbare Grenze? Faust löst das Problem nach Art eines modernen Politikers, der nichts wissen will von dem, was seine Leute nach seinen angedeuteten Wünschen tun. Aber — hier bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich . . . Die Faust-Aufführung Gustav Lindemanns im Staatstheater ist angesichts der Schwierigkeit der Aufgabe als sehr gelungen zu bezeichnen. Interessant übrigens, daß die vorhergehenden Berliner Aufführungen des Faust II von Juden inszeniert waren: 1900 von Raphael Löwenfeld, 1911 von Reinhardt. Im Wiener Burgtheater hat zum Goethejahr 1932 Richard Beer- Hofmann den ganzen Faust (I. und II. Teil) für einen Abend eingerichtet. Das waren gewiß kühne Taten, die mit dem heutigen Gerede vom ״zerstörenden Einfluß der Juden im Kulturleben“ schlecht vergolten sind. Bei Faust II wird man so ganz itine, was für Widersinn die Politisierung von Kunst und Theater ist. Auf die Frage der Lösung einzelner künstlerischer Probleme bei der Berliner Aufführung kann hier nicht eingegangen werden. Es genüge die Feststellung, daß der Gesamteindruck ein starker ist. Den Mephisto spielt jetzt einer unserer besten jüdischen Schauspieler, Alexander Granach. Er legt es weniger aut das Dämonische an, als auf das Pfiffig-Vulgäre, er ist ein behender, handfester Mephisto. Neben ihm steht Walther Franks edelgestalteter Faust, besonders eindrucksvoll in den Alters-Szenen. Die übrigen Darsteller schließen sich würdig an. Mi.