Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 2 = Februar/März (3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsausgabe Nr. 2, Februar/März 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Innere Sicherheit Das Ereignis, an dessen Bevorstehen niemand recht glauben wollte, ist über Nacht zur Tatsache geworden: Hitler ist Reichskanzler des Deutschen Reiches. Damit hebt eine neue Entwicklung an, die uns zwingt, die Lage im Lichte der Wirklichkeit zu sehen. Konnten wir doch im letzten Abschnitt deutsch-jüdischer Geschichte, also etwa seit den September-Wahlen 1930, immer wieder die Beobachtung machen, wie das Verhalten der Juden durch das Bestreben gekennzeichnet war, die Wirklichkeit zu verschleiern, sich selbst und andere durch Ent- Stellung derTatsachen irrezuführen, Von welchen ״Juden“ sprechen wir? Gewiß nicht von den volksbewußten Juden, deren Sprachrohr die ״Jüdische Rundschau׳“ ist. Aber leider wirkt sich das Auftreten unlcgitimierter, einzelner Juden nach außen und innen auch als ״jiidisch“ aus. Die deutschen Juden sind politisch unorgariisiert, atomisiert und in wahrstem Sinne führerlos. Sie glauben noch heute, als Einzclindividuen, ohne Zusammenhang mit einer jüdischen Gesamtverantwortung, Politik machen und Wortführer sein zu können, und auch diejenigen von ihnen, die für sich persönlich die Zugehörigkeit zum Judentum bzw. zur jüdischen ״Religionsgemeinschaft״ nicht ableugnen, erkennen nicht, daß diese Zugehörigkeit auch von Belang für ihr öffentliches Wirken ist. Auch die fortschrittlichsten und demokratischesten Persönlichkeiten dieser Art sehen keine Be- Ziehung zwischen ihren ״Fortschritts“gedanken und dem Judentum, das sie ein für alle Mal als verstaubten Rest einer ״unaufgeklärten“ Zeit betrachten. Die An- Wendung der Grundsätze moderner Politik auf das Judentum als solches. — das ist ein Novum, ist erst durch den Zionismus überhaupt in den Gesichtskreis gerückt worden, und der Prozeß des Umdenkens, der damit hätte einsetzen müssen, ist bei den Juden noch kaum begönnen. Die deutschen Juden, durch die Schule der Assimilation und des Liberalismus durcligegangen, verstanden sich einer jüdisch orientierten Zusammenfassung zu entziehen; sie vertrauten sich teilweise Vereinen altväterischer Art an, die ihre Mitglieder in ihrer gewohnten Denkungsart bestärkten und jeden Gedanken moderner jüdischer Politik zu unterdrücken verstanden. Das zionistisch'e Judentum hat zwar vielfach erzieherisch gewirkt und wir merken Spuren dieses Wirkens auch bei nichtzionistischen Juden; aber da der Zionismus — besonders in der ausschlaggebenden Nachkriegszeit — mit praktischen Aufgaben überlastet war, ist seine geistigpolitische Auswirkung im Diaspora-Judentum ungenügend gewesen. Erst der letzte Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat hier eine neue Initiative ergriffen. Heute ist es unmöglich, schlechthin vom ״deutschen Judentum“ zu sprechen. Die Gesamtorganisationen, soweit sie bestehen, sind — auch dies kann offen au?- gesprochen werden — im wesentlichen politisch belanglos geblieben. Sie begnügen sich mit der Verwaltung von Wohlfahrtsgeldern und Bezirksrabbinaten, aber einen neuen Geist vermochten sie im Judentum nicht zu erzeugen. Wir Zionisten sind oft genug als Kritiker hervorgetreten. Seit 40 Jahren kämpfen wir gegen die Selbstverleugnung und den Kleinmut, der sich im Jpdentum eingenistet hat. Auch in den letzten zwei Jahren haben wir mit unserer Meinung nicht zurückgehalten. Das Verhalten mancher Juden war für dus Judentum nicht ehrenvoll. Eine allzu primitive Handhabung der Abwehr des Antisemitismus, ein Nichtverstehenwollen der damit zusammenhängenden tieferen Probleme, eine Geringschätzung der für ־uns wichtigsten, jüdischen Seite der Judenfrage machten es möglich, daß ein großer Teil der Juden mit ihren Angst- bzw. Erleichterungsgefühlen einfach die Kurve des Aui- und Abstiegs nationalsozialistischer Chancen begleiteten. Angesichts des offenen Feindes, der sich selbst durch wüste antisemitische Agitation kenntlich machte, schien den deutschen Juden oft mancher Zustand annehmbar, über den man sich wohl ereifert hätte, wäre keine nationalsozialistische Gefahr im Hintergründe gewesen; und all dies mit feiner Genügsamkeit, die keineswegs begleitet war von der Einsicht in die spezifische jüdische Tragik und die hier aufbrechenden Probleme des Judeseins, sondern die umgekehrt zu einer Verkennung aller wirklichen Sachverhalte und zu einer Abstumpfung gegenüber den Manifestationen des Judenschicksals führte. Man glaubte sich gegen den vordringenden Antisemitismus innerlich schützen zu können, indem man den Nationalsozialismus bagatellisierte. Dieses Verbergen vor der Wirklichkeit i s t z u E n d e. In Wahrheit steht das Leben in Deutschland bereits seit langer Zeit unter dem nationalsozialistisehen Druck. Ganz abgesehen davon, daß Juden aus dem Wirtschafts- und Kulturleben systematisch herausgedrängt werden, ist die psychologische Situation völlig durch den Antisemitismus bestimmt. Dies hat allerdings auch die Rückwirkung, daß der Jude wieder weiß, daß er Jude ist, da er verhindert ist, es zu vergessen. Aber das Gefühl, überall von Menschen umgeben zu sein, deren geistige Nahrung der ״Angriff“ und der ״Völkische Beobachter“ mit ihrer infernalischen Judenhetze sind, ist nicht erhebend. Wir waren stets überzeugt, und die ״Jüdische Rundschau“ hat es immer wieder betont, daß die längst nicht mehr als bloße Partei zu betrachtende nationalsozialistische Bewegung für die öffentliche Meinung maßgebend geworden ist und schließlich auch Machtpositionen erobern wird. Darum war es Selbst» täuschung, darauf zu bauen, daß dieser oder jener gelegerrtliche Machtin habe/, von jüdischen Vereinen an gegengen, tröstliche Versicherungen für die Zukunft abgab. Wohl verstehen wir, daß man auch solche Schritte zweckmäßig unternehmen kann, aber wenn man sie dazu benützt, um die Juden zu beschwichtigen und einzuschläfern und das erwachende Verständnis der Juden für die Judenfrage zu umnebeln, dann schaden derartige Aktionen fast mehr als sie nützen. Von großen jüdischen Organisationen wird noch in diesem Monat als einzige Weisheit verkündet, daß ״es eine Judenfrage nicht gibt“. Aui dieser Basis aber kann heute weder nach außen hin Politik gemacht werden, noch den Juden selbst innerlich geholfen werden. Der Zionismus hat vor vierzig Jahren das Wesen der Judenfrage erkannt. Durch die Tünche der Assimilation hindurch wurde wieder offenbar, daß der jüdische Mensch, in wesentlichen Teilen seines Seelenlebens von seinem jüdischen Volkstum bestimmt ist. Durch dfe künstliche Verkümmerung des jüdischen Wesens erklärt sich ein großer Teil der sozialen Pathologie, für die der Antisemitismus ein Symptom ist. Diese Erkenntnis befähigt uns, die naturgegebene Distanz zwischen Juden und Nichtjude n richtig abzuschätzen. Wi! glauben, daß bei Respektierung dieser Distanz ein Zusammenleben mit unserer Umwelt leichter möglich wart als bei der hemmungslosen Neigung zur Vermischung. Die Gegebenheiten von Blut und Geschichte und die hierdurch bedingten Differenzen! können auf die Dauer nicht ohne inneren Schaden verleugnet werden. Wir wußten stets, daß die Judenfrage nur dann einer Lösung näherkommen kann, wenn — dies ist die erste Voraus- Setzung — der Jude sein inneres Verhältnis zu seinem Judentum wieder bereinigt und dadurch seine innere Sicherheit wiedergewonnen hat. Denn diese innere Sicherheit ist es, die uns nottut. Die Partei, die heute in Deutschland am Rudei ist, hat ״die geistige und sittliche Erneuerung des deutsehen Volkes“ auf ihre Fahne geschrieben. Ein großes Programm, aber wir Juden sind mißtrauisch dagegen, weil wir nicht an eine sittliche Erneuerung glauben, die den Schandfleck des Antisemitismus in sich schließt. Für den Nationalsozialismus ist der Jude eine unentbehrliche Hilfsfigur bei dem Werk der sogenannten ״sittlichen Erneuerung“; ״der Jude“ ist einfach die Be- Zeichnung des Trägers aller moralischen, kulturellen und wirtschaftlichen Schäden. Dieser Lehre dient Tag für Tag die nationalsozialistische Presse. Drei Tage vor Amtsantritt des neuen Reichskanzlers, am 27, Januar, veröffentlichte das — wie man von Zeitungsausrufern hören kann — ״neue Regierungsorgan“, der״Angriff*1, einen Leitartikel unter der Ueberschrift ״Kulturjuden“, worin eine verzerrte Karikatur des Juden ausgemalt wird, um darauf den Satz zu stützen ״Die Juden sind unser Unglück“. Als eines der charakteristischesten Merkmale dieser — im Gegensatz zu den ״stinkenden Knoblauchjuden“ des Ghettos — sogenannten ״Kulturjuden“ wird angeführt, daß sie nach außen hin verbindliehe Manieren zur Schau tragen, ״lediglich wenn man sie — Juden nennt, lassen sie alle vornehme Zurückhaltung fallen und keifen erregt. Als Juden soll man sie nicht mehr so ohne weiteres erkennen.“ Und nun folgt eine Aufzählung von Typen aller Art, vom zersetzenden Journalisten über Film, Makler, Konfektionäie,־ Künstler und Bohemiens, Einfluß in Klubs, Theater, Banken, Politik, Warenhäuser, Industrie, Handel — nur nicht in produktiver Arbeit. ״Jude sein heißt charakterlos sein, gesinnungslos, ein Schmarotzer, ein hemmungsloser Geschäftemacher״ — — so geht es durch zwei Spalten. Das ist der Auftakt zum ״Dritten Reich“. Es ist lächerlich, gegen derartige Schmähungen sich nach der C.-V.-Methode durch Berufung auf jüdische Leistungen verteidigen zu wollen. Der Antisemitismus konstruiert sich doch einen ״Juden“, die Inkarnation der Unsittlichkeit, um diesem Bild gegenüber die ״sittliche Erneuerung des deutschen Volkes“ durch das einf ache Mittel des Rassenhochmuts zu bewerkstelligen. Daß es unsittlicher als alles ist, eine große und differenzierte Menschengruppe in dieser Weise zu diffamieren, daß diese Schande auf den Schänder selbst zurückfallen muß, daß man es sich hier mit der Verteilung von Licht und Schatten viel zu leicht macht — das ficht die Vertreter dieser demagogischen Methode nicht an, Um so wichtiger ist es, daß wir Juden demgegenüber Haltung bewahren. In einer Staatsordnung, die in allen ihren Verzweigungen von nationalem Geist erfüllt sein will, bedarf es einer besonderen Klärung des jüdischen Problems und Einordnung der Juden als Juden in den Staat. Dazu ist es aber nötig, daß die Juden Juden sein wollen. Von allen Angriffen, die der Verfasser des Artikels ״Kulturjuden** gegen uns erhebt, trifft uns in Wahrheit nur der eine, von dem wit wissen, daß er in hohem Maße berechtigt ist: die Stelle, wo er von den Juden spricht, die nervös werden, wenn man sie Juden nennt. Hier ist der Schlüsselpunkt, von dem aus jede Lösung der Sache in die Hand genommen ,werden muß. Es handelt sich heute nicht mehr um Literatur oder Diskussionsstoff, sondern um bitteren Ernst. Gegen die anderen Angriffe verteidigen wir uns nicht. Es gibt gute und schlechte Juden, wie gute und schiechte Deutsche. Es wäre lächerlich von uns, zu sagen, die Juden seien ideal oder sie haben keinen Fehler. Wh selbst leiden am meisten unter mancher Erscheinung jüdischen Lebens, und der Zionismus hat schon vor 40 Jahren mit klarem Auge gesehen, daß eine Erneuerung unserer Gemeinschaft von innen her not tut. Wir wissen, daß es Schlacken des Ghetto gibt, die wh mit uns schleppen und ebenso — was vielleicht noch schlimmer ist — Schlacken der Assimilation, dift ״äußere Freiheit bei innerer Knechtschaft“ gebracht hafy Aber es gibt auch ein neues Judentum, das sich von beidem frei zu machen sucht, von den Schlacken des Ghetto und von den Schäden der Assimilation; ein Judentum, das heimgefunden hat, das um seinen Wert weiß, das furchtlos für sich ein steht, das Distanz und Haltung zu wahren weiß und auch dem Feinde, de! es bedroht, nicht mit Ironie und Ueberheblichkeit, soi» dern mit . offenem Visier gegenübersteht, Dieses, neue Judentum geht in innerer Sicherheit durch alle Beschimpfungen und Anfechtungen hocherhobenen Haup^־ tes. Alles kommt darauf an, die Juden aus ihrer Atomisierung und Selbstverlorenheit zu befreien und um dieses jüdische Banner zu sammeln. Ein umstrittener Hirtenbrief Gegen oder für AntUemÜUmu»? Der Bischof von Linz (Oberösterreich), Pr. QföIIner, hat in einem umfangreichen Hirtenbrief, über׳ den auch die Berliner ״Germania“ ausführlich berichtete, zur gegenwärtigen politischen Lage Stellung genommen. Die Kundgebung hat offenbar den Zweck, dem Vordringen des Nationalsozialismus in Oesterreich Einhalt zu tun, Der Bischof brandmarkt mit größter Schärfe das'Neuheidentum des National- Sozialismus und wendet sich auch gegen die unchristliche Rassentheorie. Bel der Beurteilung des Rassenantifcemi» t i s m u s kommt der Bischof dann auf die R o 11 e d e r Juden überhaupt zu sprechen und bekennt sich hierbei selbst als Aiihänger einer antisemitischen Theorie. Es sei unmenschlich und unchristlich, das jüdische Volk wegen1 seiner Abstammung zu verachten, zu hassen und zu verfolgen. Verschieden aber vom jüdischen Volkstum und von der jüdischen Religion sei de* ״jüdische internationale Weltgeist“ der gottentfremdetou luden, die einen überaus schädlichen Einfluß auf allen Ge« bieten des Lebens ausüben. Diesem jüdischen Weltgeist schreibt der Bischof nicht nur׳ die meisten Entartungen in Presse, Ute*־ ratur und Kulturleben zu, sondern auch den ״materialistischen Geist“, der sowohl dem Kapitalismus als auch dem Sozialismus und Kommunismus zugrunde liegt. Diesen schädlichen Einfluß des Judentums zu bekämpfen, sei Christenpflicht. Dieser Hirtenbrief hat bei der Wiener liberalen Presse und in jüdischen Kreisen überaus verstimmt. Jüdische Organ!» sationen Wiens haben Protestversammlu n g e n dagegen veranstaltet, und auch die Wiener zionistische Presse nimmt ־ egen den Linzer Bischof Stellung. Bei der Kritik des Hirtenriefes wird von jüdischer Seite darauf hingewiesen, daß der Bischof, der den Nationalsozialismus bekämpft, einen großeti Teil der antisemitischen Phraseologie der Nazis übernommen hat. Das einfache Volk sei nicht nntersch ddungsfähig genug, um die feinen Differenzen zwisqhen der Theorie Ofölmers und der Begründung anderer Antisemiten zu sehen, und der Effekt der Kundgebung wäre nur eine Verstärkung dds Arttisemitismus. Gewiß sind diese Einwendungen berechtigt, und in der praktischen Auswirkung sind, insbesondere wenn eine antisemitische Bewegung wie der Nationalsozialismus im! Hintergründe steht, oft keine Unterschiede* zwischen den beiden Anschau• ungen festzustellen. Auf der anderen Seite aber muß auch zu» gegeben werden, daß, jüdisch gesehen, der Grundgedanke dieses Hirtenbriefes einen fruchtbaren Kern enthält. Denn ln der Tat kann ein Judentum, das von seinem MUttfcrboden und VolkstUrfi losgelöst ist und das man in eine seelische und kulturelle Halt• losigkeit hinpinzwingt, zu einem Faktor kultureller Negation werden. Dies ist aber nicht eine Folge des Judentums, sondern eine Folge der Zersetzung des Judentums durch die AssU milation. Will man das vermeiden, dann gibt es nur einen Weg, nämlich den jüdischen Juden in seinem jüdischen Wesen bestätigen und die Verlockungen des Abfalls mindern. Gerade das aber wird nicht getan, vielmehr wird im allgemeinen der jüdische, sein Judentum hervorkehrende Jude schlechter gestellt als der das Judentum verleugnende. Hier ist der Schlüssel zu dem Problem, das der Bischof von Unz in seinem Hirtenbrief angeführt hat. Es ist ein Problem,, das auch von bewußter jüdischer Seite seit langer Zeit als brennend empfunden wird. Wer nicht glauben will — und es Ist schwer dies zu glauben daß es dem Bischof einfach um eine An» passung an populär gewordene antisemitische Schlagworte ging, sondern wer hier eine ernste Stellungnahme zu einem ern9ten Problem sieht, der wird wünschen müssen, daß an dem Punkt, der hier angedeutet wurde, die Klärung weitergeführt wird. Der Hirtenbrief Dr. Oiöllners ist übrigens auch in der deutschen Presse vielfach kritisiert worden, weil er sich für den ״österreichischen Gedanken“ im Oegensatz zur deutschen Staatsidee einsetzt, worin man — wohl mit Recht — eine Stellungnahme gegen den Anschluß erblickt. Im deutschen Katholizismus gab der Hirtenbrief Gelegenheit zu einer neuen Stellungnahme gegen den Nationais021 a» 1 i s m u s , da der nationalsozialistische Abt Schachleitner den Hirtenbrief im ״Völkischen Beobachter“ angriff, wobei er erklärte, der Nationalsozialismus widerspreche nicht der katholischen Sittenlehre. Daraufhin hat der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber sehr scharf gegen Schachleitner Stellung genommen und darauf hingewiesen, daß das ganze hohe Episkopat vor dem Nationalsozialismus gewarnt nat, weil er Anschauungen vertritt, die mit der katholischen Lehre unvereinbar sind. Gegen Schachleitner ist von der Erzdiözese ein Verfahren eingeleitet worden. Wohin die Not treibt Jüdische Mütter setzen ihre Kinder aus! In der letzten Zeit kommt es in Warschau häufig vor, daß jüdische Mütter, die kein Brot für ihre Kinder beschaffen können, die Kinder aus setzen, in der Hoffnung, daß die öffentlichen Anstalten sich der gefundenen Kinder annehmen werden. Die Warschauer Staatsanwaltschaft hat in den letzten Wochen gegen etwa 30 jüdische Mütter, die ihre Kinder aussetrten, •Strafänklage erhoben. Inder Regel werden dies» Mütter auf folgende Weise ermittelt: Bringt eine Mutter ihr fast verhungertes Kind in das Kinderheim, so nimmt man es ihr nicht ab; setzt sie es aber aus, so wird es in das Kinderheim gebracht, wo es auch verbleibt. Nachher melden sich die Mütter im Heim, um nach ihrem Kinde zu sehen. Den Müttern wird aber erst dann gestattet, ihre Kinder wiederzusehen, wenn sie von der Staatsanwaltschaft eine Bescheini» gung mitbringen, daß gegen sie wegen Kindesaussetzung Anklage erhoben worden ist. Dies bringt eine kuriose Situation mit sich: Frauen belagern die Staatsanwaltschaft und bestürmen die Beamten, doch nur recht bala den Anklageakt gegen sie fertlgzustell e.n, damit sie ihre Kinder Wiedersehen können. Auf Kindesäussetzung steht in Polen eine Strafe bis zu fünf fahren Gefängnis. Die Richter zeigen sich aber milde und verhängen verhältnismäßig geringe Strafen. » ־