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Jüdische Rundschau · 1933-03-01 · 2 = Februar/März (3.1933) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
2 = Februar/März (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JODlSCJiE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 2, Februar/März 1933 unserer Sache nur schadet. Aber auf der anderen Seite ist es leicht erklärlich, wie solche Nachrichten entstehen und warum sich der ausländischen Juden die Erregung bemächtigt hat, die auch in fortgesetzten Anfragen aus dem Auslande bei uns zum Ausdruck kommt. Weiß man doch überall, daß die Presse der nationalsozialistischen Partei seit jeher und auch nach dem Amtsantritt der Regierung Hitler in der schärfsten Weise gegen die Juden hetzt. Wichtige nationalsozialistische Organe variieren den Satz: ״Die Juden sind schuld“ bei allen möglichen Gelegenheiten. Noch am Tage vor der Wahl, am 4. März, veröffentlicht der Berliner ״A n g rif f“ unter dem Bild und der faksimilierten Unterschrift Adolf Hitlers folgenden Absatz: ״So ist der Jude heute der große Hetzer zur restlosen Zerstörung Deutschlands. Wo immer wir in der Welt Angriffe gegen Deutschland lesen, sind die Juden ihre Fabrikanten, gleich wie auch im Frieden und während des Krieges die jüdische Börsen- und Marxistenpresse den Haß gegen Deutschland planmäßig schürte, solange bis Staat um Staat die Neutralität aufgab und unter Verzicht auf die wahren Interessen der Völker in den Dienst der Weltkoalition einirat.“ Hier wird der Jude sogar für die außenpolitischen Mißerfolge Deutschlands vor 1914 und während des Krieges verantwortlich gemacht — eine These, deren offenkundige Unrichtigkeit man natürlich vom Ausland her kontrollieren kann. Wenn man hinzufügt, daß nach Erklärungen des ״Angriff“ die Juden auch an der ״Zer- Setzung der deutschen Kultur“, an allen Preissteigerungen ebenso wie an allen Preisstürzen, ja sogar an den bedauerlichen politischen Mordtaten in Deutschland ״schuld“ sind, dann liegt es auf der Hand, daß objektive Leser im In- und Auslande den Eindruck erhalten müssen, daß eine solche, oft in überaus aufreizendem Tone geführte Pressekampagne in aufgeregten Zeiten und bei einer so großen Massenbewegung tätliche Folgen haben könne. Derselbe ״Angriff“ vom 4. März bringt aus einem russischen Pamphlet blutrünstige antisemitische Schilderungen über angeblich von Juden begangene blutig^ Grausamkeiten, deren Widersinn auf der Hand liegt, die aber trotzdem vielleicht gutgläubige Leser finden. Da der gegenwärtige Reichskanzler einmal erklärt hat, in der nationalsozialistischen Bewegung geschehe nichts ohne seinen Willen, und da weder von Staatsnoch von Parteibehörden diese Organe offenbar bisher zur Mäßigung verhalten wurden, so liegt für Außenstehende die Konklusion nahe, daß sogar die heutige Regierung derartige Insulte gegen das Judentum billigen könnte. Es ist bemerkenswert, daß auch der ״Völkische Beobachter“ die Beschuldigung pogromartiger Absichten mit Entrüstung zurückweist. Wir bringen an anderer Stelle eine Veroffentlichumr ries .,Völi kw.ld••!־:}־גי!*יד./,/.... •v ׳:jJv ‘:;.׳ . .־׳ .׳ ר . Bankett dt•; PariaMifnU.ri יי:־■׳n ,!..•■״יי ■■ . r :זי. Lu dieser Veröffentlichung des ״Völkischen Beobachters“ | ist zunächst zu bemerken, daß zwischen der Meldung des ״Daily Herajd“ und der Rede Weizmanns keinerlei Zusammenhang besteht Die Rede Weizmanns wurde vom ״V.B.“ offenbar nach dem Bericht der ״Times“ zitiert. Die angeführte Stelle enthält nichts von falschen Pogromnachrichten, und auch in seiner Rede hat Weizmann lediglich auf verschiedene antijüdische nationalsozialistische Aeußerungen Bezug genommen und hat die deutschen Juden in ihrer schweren seelischen Lage der ^Sympathien des englischen Judentums versichert. Es ist ein starkes Stück, aus diesen Worten Weizmanns, der ein jüdischer Staatsmann von internationaler Reputation ist, eine ״Hetze gegen Deutschland“ und ״freche Lügen“ herauszulesen. Das deutsche Judentum sieht in den Worten Weizmanns nichts als eine selbstverständliche Bekundung der Solidarität, die es dankbar verzeichnet Mit großer Entrüstung wendet sich die nationalsozialistische thüringische Regierung gegen die angeblichen Pogromnachrichten. In der Erklärung des thüringischen Ministers des Innern heißt es, mit größter Empörung habe die thüringische Regierung davon Kenntnis genommen, daß in der ausländischen marxistischen Presse in der unerhörtesten Weise nationale Regierungen in Deutschland und nationale Parteien und Verbände durch Behauptungen verleumdet werden, es würden in Deutschland irgendwelche Pogrome vorbereitet. Die nationalsozialistische thüringische Regierung brandmarkt ihrerseits diese unerhörten Beleidigungen des ganzen deutsehen Volkes. Es sei für die thüringische Regierung eine Selbstverständlichkeit, daß sie den Schutz für Leben und Eigentum aller Fremdrassigen und Fremdstämmigen in Thüringen gewährleiste. Gerade unter der nationalen Regierung sei Ruhe und Sicherheit für jeden in Deutschland, der in Frieden und Anstand seinen Geschäften nachgeht, gesichert. Es heißt dann in der Erklärung weiter, die thüringische Regierung sehe sich aber zum Schutz des deutschen Volkes, seiner Ehre und zur Aufrechterhaitung von Ruhe und Sicherheit veranlaßt, in Thüringen den CentraIvere i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ab Sonntag 12 Uhr auf* zulösen und zu verbieten. Gerade der Tätigkeit dieses Vereines sdi es zuzuschreiben, daß das nationale Deutschland und die nationalen Führer, sowie nationale Regierungen in einer unverantwortlichen, talmudi6tischen, unwahrhaftigen Weise, besonders in der ausländischen Presse, herabgesetzt worden seien. Die Nachricht über das Verbot des Centralvereins wird am Montag vom ״Völkischen Beobachter“ und vom ״Angriff“ wiedergegeben, ohne daß auch der erste Teil der Erklärung der thüringischen Staatsregierung mitgeteilt würde. Wir sehen hier wieder die äugenfällige Doppelpolitik des Nationalsozialismus in der Judenfrage: im Inland weiden selbst von Regierungserklärungen nur jene Teile veröffentlicht, die antijüdischen Charakter haben, während sogar die offizielle Erklärung über den ״selbstverständlichen Schutz auch der Fremdrassigen und Fremdstämmigen“ einfach unterdrückt wird. Zu diesem System gehört es wohl auch, wenn die nationalsozialistische Presse, die sonst die von den Führern der Bewegung in der Auslandspresse abgegebenen Erklärungen in großer Aufmachung bringt, ein Interview des Reichs ministers Göring in der Stockholmer ״Svcnska Dagbladet“ verschweigt, worin der Minister über die Judenfrage folgendes gesagt haben soll: ״Wenn sich die Juden loyal verhalten und ihren Geschäften nachgehen, hat niemand etwas zu befürchten. Aber wir wollen sie nicht in der Leitung des Reiches haben und werden sie dort nicht tolerieren.‘‘ Was das Verbot des Centralvereins in Thüringen betrifft, so nehmen wir an, daß von seiten des C.-V. Schritte erfolgen werden, um die Behörden über den wahren Charakter des Vereins zu informieren. Vermutlieh ist die Aktion der Thüringer Regierung durch die Veröffentlichung des ״Völkischen Beobachters“ veranlaßt, der behauptet hatte, der C.-V. habe sich bei der polizeilichen Durchsuchung als ״kommunistische Hilfs- Organisation“ erwiesen, was amtlich nicht richtiggestellt wurde, obwohl wir überzeugt sind, daß die Durchsuchung keine Anhaltspunkte für diese Behauptung ergeben hat. Wir hatten oft und haben auch heute in innerjüdischen Fragen wesentliche Meinungsverschiedenheiten mit dem C.-V., aber die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen sind• einfach so unglaubhaft, daß jede Nachprüfung sicherlich die Unrichtigkeit erweisen wird. Wogegen aber schon jetzt protestiert werden muß, ist der bisher noch nie vorgekommene Fall, daß in der offiziellen Kundgebung einer deutschen Regierung von ״unverantwortlichen talmudistischen unwahrhaftigen“ Methoden die Rede ist. Das ist eine Terminologie, die seitens einer Regierung nicht gebraucht werden sollte. Die deutsche Regierung findet, wenn sie nach den Wahlen jetzt an die Arbeit geht, ein gewaltiges Maß von Aufgaben vor. Innerhalb dieses Stoffes nimmt die Judenfrage einen geringen Platz ein. Wir Juden sind aus dem öffentlichen Leben praktisch ausgeschaltet. Wir haben teil am Schicksal der Gesamtheit, aber gerade wir nationalen Juden, die den Wert von Volkstum und Volksidealen kennen, vermögen nicht zu glauben, daß ein Nationalismus seine aufbauende Kraft aus Haßgefühlen nähren kann. Wir werden den Schmähungen und Beleidigungen unseres jüdischen Namens standhalten. Wir wissen, daß eine Neugestaltung der menschliehen Ordnungen auch uns die Erfüllung unseres Lebens- Wo steht die deutsche Judenheit? ßlumenfeldi Rede in Berlin In einer Versammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung am 23. Februar unter dem Vorsitz von R. A. Benno Cohn sprach Kurt Blumenfeld über das Thema ״Wo steht die deutsehe Judenheit?“ Es ist eine Frage, auf die jeder deutsche Jude heute eine Antwort suchen muß. Blumenfeld verstand es, in scharfen Strichen ein Zeitbild zu entwerfen, das es ermöglichte, die Lage des deutschen Judentums imverfälscht nach den wirklichen Gegebenheiten einzuschätzen. Ohne Beschönigung und ohne Selbsttäuschung, aber mit dem Gefühl der Kraft und der geschichtlichen Verwurzelung zeigte Blumenfeld, daß die Zukunft der Juden in der jüdischen Verbundenheit und der jüdischen Aufgabe liegt. Auf der einen Seite erwies sich, daiß der zionistische Standpunkt eine innerlich unbefangene Erfassung der heutigen Weltmächte ermöglicht und keine Verzerrungen des Gegners braucht, um die eigene Position zu behaupten; auf der anderen Seite war es eine im Ton vornehme, in der Sache entschiedene vernich* tende Abrechnung mit den Irrlehren des Assimi 1 ations j ud en.tu m s, das noch heute die neue Zeit nicht begreift und mit den Palliativmitteln einer längst veralteten Abwehrmethode wirken will. So eröffnete sich aus Blumenfelds Ausführungen die Perspektive einer neuen jüdisehen Haltung, die für die nächste Epoche charakteristisch sein muß: einer aus den Geburtswehen dieser stürmischen Zeit entstehenden charakterlichen und gruppenhaften Festi« gung, bewährt an der Aufgabe des Aufbaus neuen Volkslebens in einer unter Kämpfen und Leiden errungenen Freiheit. Am Anfang des Zionismus, so führte der Redner aus, stand Pinskers Wort von der ״Autoemanzipation“. Unsere These, daß nur wir allein uns helfen können, wird jetzt auch von anderen gebraucht, die dieses Wort aber nicht im stolzen Bewußtsein des Eigenseins entschlossen ausdrücken, sondern in Wahrheit immer nur von anderen Rettung und Hilfe erwarteten. Wir Zionisten waren dagegen, daß Juden sich mit ihrer Umwelt identifizieren. Wir traten für eine distanzierte Haltung zur Umwelt ein, was natürlich nicht Desinteressement bedeutet, sondern nur die natürliche Folge der Erkenntnis der Grenze ist, die unserem öffentlichen Wirken gesetzt ist. Durch die Nichtanerkennung dieser Tatsache ist viel Unheil entstanden. Die Juden glaubten, ihr Judesein als eine ganz private Angelegenheit betrachten zu können, im öffentlichen Leben traten sie auf nicht als Juden, sie glaubten, man werde hierbei ihre Zugehörigkeit zum Judentum übersehen. Dieser einseitige Wunsch der Juden blieb unerfüllt. Solange wir in Deutschland den liberalen Staat hatten, gab es eine Möglichkeit, über diese Ding« zu diskutieren. Die Zeit des liberalen Staates ist aber zu Ende. Wir stehen heute vor etwas grundsätzlich Neuem; und wir beobachten, daß die Juden nicht ernsthaft daran glauben, sondern meinen, die Ordnung des liberalen Staates werde wiederkehren. Man rechnet mit der inneren Schwäche des Nationalsozialismus, weil sich dieser nicht auf eine Formel bringen läßt, weil seine Programme sich widersprechen. Man übersieht, daß für jede Bewegung die seelische Grundh a 11 u n g maßgebend ist, die Programme kommen nachher. Noch ist der Trieb der Hitierbewegung dumpf und gedanklich dürftig, aber Hoffnung und Glaube, die Grundhaltung jeder Bewegung, sind ihm immanent. Die Bewegung wird von der elementaren Kraft von Millionen gespeist. Sie führt zu anderer Form des Staates und des Lebens, ihr Ziel ist der ״totale Staat“. Das Prinzip des ״totalen Staates“ hat sich aber bereits in verschiedensten Formen durchgesetzt, 1m Bolschewismus, im Faschismus, jetzt im nationalsozialistischen Deutschland. Blumenfeld beschreibt nun die Auseinander- Setzung, die sich in Deutschland heute zwischen gewaltigen historischen Mächten vollzieht: Etwa zwischen dem Rationalismus, wie er im Liberalismus und im ״Marxismus“ besteht und einem irrationalen, triebhaften, vitalistischen Nationalismus; oder zwischen den Mächten des konservativen Autoritätsgedanketis und dem aus der Demokratie hervorgegangenen Nationalsozialismus; schließlich — was man nicht für möglick hielt — zwischen den Konfessionen, Katholizismus und Protestantismus. Es ist schwer für Juden, sich damit abzufinden, daß Argumente und Beweise nicht mehr gelten sollen, aber wir sehen ja vor uns die Tatsache, daß Bewegungen leben und mächtig sind, die Vernunft und Geist verwerfen und Argumente nicht hören wollen. Wir dürfen diese Ent- Wicklung nicht nur vom jüdischen Aspekt aus ansehen. Oft sind in der Geschichte Zeiten, die voll minderwertigen, antimoralischen Geschehens waren, später als Wendepunkte einer neuen Zeit beurteilt worden. Wenn wir nur unsere Affekte sprechen lassen, so werden wir die wahre Situation nicht erkennen. Wir haben im liberalen Staat für die ״staatsfreie Sphäre“ gekämpft, d. h. dafür, daß der Jude, der nicht zur Mehrheit gehört, dennoch ein vollberechtigter Bürger sein kann. Zum erstenmal stehen wir Juden einer staatlichen politischen Bewegung gegenüber, mit der wir uns nicht identifizieren können. Unsere Haltung ihr gegenüber muß notwendig gekennzeichnet sein durch: Distanz, wie dies, bis zur Emanzipation, die Haltung der Judenheit zur Welt gewesen war. Die anderen Juden sind uns hierbei in den Rücken gefallen. Jetzt ist ein Moment, wo all c Juden erkennen müßten, daß wir eine Anerkennung unseres- Sonderseins brauchen; denn es ist nicht mehr möglich, als Einzelner im öffentlichen Leben und in den politischen Parteien seinen Platz zu finden. Die Zugehörigkeit zum Judentum wird sogar von außen festgestellt, und wir werden zwangsweise zu einer Solidarität gezwungen mit Leuten, mit denen wir nie etwas zu tun hatten, die sich von uns losgesagt haben, mit getauften und halbgetauften, mit Assimilanten aller Art, denen die Assimilation nicht genützt hat. Wenn eine Skandal-Affäre entsteht, wird uns jeder Judenstämmling vorgerechnet. Und trotzdem sprechen unbelehrbare Juden im Ausland und zum Ausland im Namen des Deutschtums, indem sie sich als Vertreter eines besseren Deutschlands ausgeben. Das schafft eine ganz unmögliche Situation, gegen die wir als Juden uns wenden müssen. Wir Zionisten haben bereits seit Jahrzehnten gegen derartiges Auftreten von Juden protestiert, leider haben wir kein Gehör gefunden. Im weiteren Verlauf der Rede wendet sich Blumenfeld gegen jene Kreise, die meinen, im kommunistischen Lager den Kampf gegen den Nationalsozialismus führen zu sollen. Der Kommunismus bedeutet Zerstörung des historisehen Judentums, und wir sind überzeugt, daß auch innerhalb des Kommunismus die Judenfrage wieder manifest werden wird, wie sie im Liberalismus durchgebrochen ist. Der Jude, der in irgendeiner Weise noch Jude ist, muß verstehen, daß in dieser Zeit seine Chance darin besteht, alle seine Hoffnungen auf das Judentum zu setzen. Wir werden als Gesamtheit immer unsere Gleichberechtigung verlangen, gleichgültig ob der Kampf aussichtsreich ist oder nicht, wir werden dafür eintreten, •daß der Jude als Jude — nicht mehr als ״limitierter Jude“ — seinen Platz findet. In Zukunft wird es nur zwei Möglichkeiten geben, eine konsequente, sich völlig vom ludentum lösende Assimilation und t, das bewußt sein Eigen- ’ 5 ׳!enreich des C.-V. bleibe sein wollen, dann wollen gnis, daß unsere Kinder wissen, warum sie Juden sind. Darum kämpfen wir für die jüdische Schule. Diese Forderung nach jüdischem Leben ist unsere wichtigste Maxime, aber sie allein reicht nicht aus, das Judentum ist zu schwach und atomisiert Die wirkliche große Erneuerung kann nur erfolgen in Palästina und durch Palästina, ln Palästina erweist sieb am klarsten die Ungerechtigkeit des vom Antisemitismus gegen uns erhobenen Vorwurfs des ״Parasitentums“. Durch den Zionismus entsteht für den Juden eine neue Wertung des ganzen Judentums. Auf den uns umgebenden Haß antworten wir mit neuer Liebe zum Judentum, wir bauen eine neue jüdische Wirklichkeit, um da zu sein in neuen Welt- Perioden. Vielleicht wird diese jetzige Zeit in unserer Geschichte gekennzeichnet sein als eine Zeit der schweren Bedrückung, aber auch der großen jüdischen Volksw e r d u n g. Judenhetze jenseits der Grenze Von unserem Korrespondenten. h. I. Prag, 11. Febr. 1933. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hat begreiflicherweise in der benachbarten Tschechoslowakei großes Aufsehen erregt. In den tschechischen nationalistischen Zeitungen kommt die Sympathie zur weltanschaulichen Einstellung der neuen Machthaber in Deutschland deutlich zum Ausdruck. Die übrige Presse verhält sich abwartend, soweit sie־ nicht parteipolitisch schon seit längerem eine ablehnende Haltung einnimmt. Dagegen finden sich täglich in den weitverbreiteten Prager Boulevardblättern tendenziös gefärbte Meldüngen aus den nordwestböhmischen Städten, in denen geschildert wird, daß im Zusammenhänge mit dem Regierungswechsei in Deutschland eine massenhafte Flucht deutscher Juden in die nordwealböhmischen Städte zu verzeichnen sei. Abgesehen davon, daß diese M e 1 d u n g e n überhaupt nicht stimmen, was bereits auch von Seiten der zuständigen hiesigen Behörden bestätigt wurde, verfolgen sie vornehmlich den Zweck, gegen die tschechoslowakischen Juden zu hetzen, denen ״vorgeworfen“ wird, daß sie bereit seien, die Flüchtlinge aufzunehmen und zu unterstützen, während es im Lande selbst genug Arbeitslose gebe. Wenn auch, wie oben angeführt, der Anlaß zu diesen Diskussionen um die jüdische Solidarität erfunden ist, so haben die zionistischen Blätter nicht gezögert, in eindeutiger Weise ihren Standpunkt zu präzisieren. Das in tschechischer Sprache erscheinende zionistische Blatt ״Zidovske Zpravy“ schreibt dazu: ״Nach dem. Kriege kamen russische Emigranten zu uns, unter ihnen ein großer Teil Pogromisten, Soldaten jener Armeen, die hunderttausende jüdische Menschen gemordet haben. Miinner und Frauen, Greise und Kinder. Der Staat hat durch Jahre diese Leute ausgehalten mit Geld, das nicht zu einem unbeträchtliehen Maße von jüdischen Steuerzahlern bereitgestellt wurde. Mit keinem Worte haben wir dagegen protestiert. Aber wir verkünden einfür allemal: sollten Juden zu uns kommen, die vielleicht vor anderen Pogromisten fliehen müssen, werden wir es als unsere heilige Pflicht betrachten, ihnen zu helfen. Und weder der ״Express“ «och das ״Cesk4 slovo“ — die größten Prager Boulevardblätter —■ werden uns eine andere Haltung aulzwingen oder uns einschüchtern.“

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