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Jüdische Rundschau · 1933-03-01 · 2 = Februar/März (3.1933) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
2 = Februar/März (3.1933)
Date
1933-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mortatsäü's^aij1$ JÜDISCHE RUNDSCHAU Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Redaktion und Verlag: Berlin W 15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 Februar/Marz 1933 Nummer 2 Große Palästina - Kundgebung ln London Vor über lOO Parlamentsmitgliedern — Würdigung der Fortschritte des Jüdischen Nationalheims Weizmann zur deutschen Judenfrage Am Donnerstag, dem 2. März, abends, fand Im Hotel Savoy In London ein von der englischen Sektion der Jewish Agency for Palestine zu Ehren der Freunde Palästinas im englischen Parlament (Ober- und Unterhaus) gegebenes Dinner statt, dem außer einer großen Zahl führender jüdlscher und nlchtjüdischer Persönlichkeiten des englischen öfienthchen Lebens mehr als 100 Parlamentsmltg 11 e d e r beiwohnten. Im ganzen waren über 500 Personen anwesend. Den Vorsitz führte Dr. Chaim Weizmann, gegenwärtig Präsident der English Zionist Federation. Dr. Weizmann schilderte die großen Fortschritte, die Palästina in den letzten Jahren erzielt hat. Im weiteren Verlaut seiner־ Rede erörterte Weizmann die Zusammenhänge von Palästinaaufbau und Judenfrage und die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern; dabei kam er auch auf die Lage der Juden im heutigen Deutschland zu sprechen. Nach den vorliegenden Berichten, darunter dem ausführliehen der ״Times“, hat Weizmann ungefähr folgendes gesagt: Niemand wolle Deutschland sein Recht absprechen, sein politisches und soziales Leben nach eigenem Gutdünken zu regeln. Aber kein unparteiischer Beobachter mit Respekt für Gerechtigkeit und fair play könne gleichgültig bleiben, wenn in einem großen Lande wie Deutschland, das mit Recht aut das hohe Kulturniveau seiner Bevölkerung stolz ist, die ökonomische und politische Existenz der jüdischen Bürger gefährdet wird durch eine Politik, die den Antisemitismus in seiner primitivsten Gestalt als wesentlichen Bestandteil ihres Programms aufgenommen hat. Es war ein schwerer Schlag für zivilisierte Menschen, zu erfahren, daß es für ein großes Volk wie die Deutschen möglich war, in eine barbarische Haltung gegenüber einer kleinen und das Gesetz achtenden Minderheit ihrer Staatsbürger zu verfallen. Unseren Volksgenossen in Deutschland, deren Lage von Tag zu lag unerträglicher wird, können wir nur mutiges Ausharren wünschen. Unser tiefes Mitgefühl isl Lei ihnen, und ich bin überzeugt, daß dieses Gefühl geteilt wird von allen unseren Freunden hier in England, und von allen Freunden des Fortschritts und der Humanität in der Welt. In der Stunde ihrer Bedrängnis sollen unsere jüdischen Brüder in Deutschland wissen, daß sie nicht allein stehen, sondern daß das volle Gewicht der aufgeklärten öffentlichen Meinung aller Kulturländer und insbesondere Englands hinter ihnen steht in ihrem Kampf gegen die Mächte der Reaktion. Lord Meldbcit der den Toast aut ״die Freunde Palästinas im Parlament“ ausbrachte, führte ungefähr folgendes aus: Die Freunde Palästinas im Parlament verteilen sich auf alle politischen Parteien. Die Bewegung für das Jüdische Mationalheim in Palästina steht heute im Brennpunkt des Interesses des jüdischen Volkes; in der ganzen Welt schließt sich das Judentum zum Wiederaufbau des Heiligen Landes zusammen. Diese jung und alt erfassende Bewegung ist überwälligend und begeisternd. Der auf dem jüdischen Volke lastende Druck führt nicht zu Degeneration oder Assimilation, sondern zu Regeneration. Palästina zeigt das Bild eines faszinierenden und glücklich fortschreitenden Landes; ein modernes Land, das seine Fundamente tict in uralte Kultur gegraben hat. Die im Juni in London stattfindende Anglo-Palestine-Ausstellung wird den Fortschritt Palästinas vor aller Welt dartun. ״Glückliches Palästina" ״T he F i n a n ci a I News“ (London) hat soeben eine Palästina-Sondernummer der Oeffentlichkeit übergeben. In der vom High Commissioner für Palästina, Sir Arthur Wau• chope, geschriebenen Einleitung heißt es: Daß ,,Financial News“ Palästina eine Sondernummer widmet, ist als ein Tribut für die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Lan• des zu begrüßen. Erst allmählich wird man sich über die kommerziellen Möglichkeiten Palästinas klar. Die Citrus- Produktion nimmt von Jahr zu Jahr an Ausdehnung 7u; die Kali-Gewinnung aus dem Toten Meer ist kommerziell bereits gewinnbringend; aus den Wassern des Jordan wird elektrische Kraft erzeugt; der neue Hafen von Haifa ist einer der schönsten im östlichen Mittelmeer und zur Aufnähme größter Schiffe bei jedem Wetter geeignet; Haifa wird bald der Endpunkt der Oclröhrenlinie vom Irak, so daß man diese Stadt als ein neues Tor zum Orient bezeichnen kann. Alle diese angedeuteten und noch andere Entwick- Jungen bieten englischem Kapital und englischer Industrie große Möglichkeiten in einem Lande, in dem immer wieder neue Fabriken errichtet werden, in dem die öffentlichen Einkünfte im Steigen sind und das Vertrauen zur weiteren Entwicklung groß ist. ln der Hoffnung, daß die Bande Palästinas zu Großbritannien und dem British Empire enger geknüpft werden, empfehle ich diese Nummer der ״Financial News“ allen Lesern. ln dem ״Glückliches Palästina“ überschriebenen Leitartikel der Nummer wird ausgeführt: In einer Welt, der Depression, Arbeitslosigkeit, nicht ausbalancierte Budgets, verelendete Landwirtschaft und ertraglose Industrien den Fortschritten des Atifbaus Palästinas; dieser Fortschritt werde den Frieden in Palästina begründen. Es sei zu hoffen, daß auch Transjordanien jüdischer Arbeit sich öffnen wird, unu jüdische Arbeit werae allmählich die Beziehungen zwischen Juden und Arabern diesseits und jenseits des Jordan festigen. Der kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung Palästinas, das heute das einzige prosperierende Land der Welt ohne Arbeitslosigkeit und ohne Staatsdefizit ist, sei vor aliem durch E n g 1 a n d s Hilfe und durch den jüdischen Kapitalzustrom von etwa 40 Millionen Pfund möglich gewesen. Nach einer weiteren Rede von Prof. Brodetsky erwiderte namens der ״Freunde Palästinas“ der britische Landwirtschaftsminister und Kabinettsmitglied (konservativ) Mafor Walter Elliot der u. a. sagte: Das britische Parlament hat den Wunsch, das jüdische Problem verständnisvoll zu erfassen und es einer Lösung zuzuführen. In dem Augenblick, da Mitglieder des britischen Parlaments begonnen haben, an dem Plan der Zurückführung der Juden nach Palästina aktiv mitzuarbeiten, ist der Zionismus in den Bereich praktischer Arbeit gelangt. Alle engsehen Parteien vereinigen sich in dem Willen, das Ideal des Jüdischen Nationalheims zu fördern. Friede herrscht heute in Palästina, Friede in seinen Tälern und auf seinen Hügeln. Zur Wahrung dieses Friedens tut eine ständige Zusammenarbeit von Engländern, Juden und Arabern not. Der Friede brachte Prosperität mit sich. Die Landwirtschaft schreitet vor. Verliert ein Volk den Kontakt mit dem Boden, so hat es alles verloren. Landwirtschaft ist kein bloßer ״Wirtschaftszweig“, sie ist eine Lebensform. Major Elliot schloß mit der folgenden Mahnung an die Juden: Klammert eiich an j den Boden! Magere Jah’-e mögen חי'!׳ fetten Jahren *olgen, aber auch dann, wenn vorübergehend Dunkelheit eininK, seien Sie sicher, daß die Sonne wieder scheinen wird. Balfour und Disraeli zeigen uns den Weg, und so lange es Männer gibt, die in die Fußtäpfen dieser Großen treten, kann unsere Sache nicht fehlschlagen. Mafor Attlee, M. P. stellvertretender Führer der parlamentarischen Opposition, sprach den Toast aut ״Das Jüdische Nationalheim“ und führte u. a. aus: Nach Jahrhunderten der Verfolgung haben die Juden ihr Nationalheim gefunden. Noch ist ihr Unglück nicht vorbei, böse Gewalten erheben wieder gegen sie ihr Haupt. Aber das Gewissen der Welt ist wach geworden, es duldet nicht mehr Rassenverfolgung und religiöse Intoleranz. Wir wollen eintreten für die Rechte aller Völker, für die Sicherheit aller Rassen. Unsere Gefühle wenden sich heute jenen zu, die in Gefahr sind. Col. John Buchan, M. P., der Vorsitzende des pariamentarischen Pro Palästina-Komitees, unterstützte den Toast. Darauf antwortete dann in einem Schlußwort der Vorsitzende Dr. Weizmann. Die Londoner ״Time s“ fügt ihrem Bericht über diese Versammlung eir.e ausführliche Präsenzliste an, in der die anwesenden Parlamentsmitglieder sowie andere Gäste aus den Kreisen der englischen und jüdischen Gesellschaft angeführt werden. *!Jeher die Glosse des .,Völkischen Beobachters“ zur Rede Dr. Weizmanns berichten wir an anderer Stelle. Stempel aufdrücken, bildet Palästina eine rühmliche Aus• nähme. Es ist ein kleines Land, etwa vom Umfang von Wales, aber es gedeiht und bietet Gelegenheit für gesicherte Investierungen. Heimat und Geburtsstätte dreier großer Religionen, ist Palästina Millionen Menschen ein heiliges Land. Die Nachkriegsentwicklung hat es nun auch zu einer wirtschaftlichen Bedeutung erhoben, die erst langsam erkannt wird. Palästina stellt heufe einen beachtenswerten Markt dar. Er ist nicht leicht zu erobern, das Land hat drei offiziehe Sprachen und in seiner Hauptstadt Jerusalem werden sogar 24 Sprachen gesprochen. Aber cs gibt im Lande eine große europäische Gemeinde. Das Land bietet reichlich Gelegenheit für Investierungen in Landwirt- Schaft, im Baugewerbe, in der Erschließung natürlicher Hilfsquellen und im Handel, dies alles bei einem reichlichen Maß von Sicherheit. Glücklicherweise hat die wirtschaftliche Prosperität Palästinas die politischen Differenzen unter seinen Einwohnern gemildert. In der Frage der Schaffung eines Legislative Council wird keine unangebrachte Hast an den Tag gelegt. Der Lage der arabischen Fellachen wird größere Sorge zugewendet. Wohl bestehen• wirtschaftliche Differenzen, wie anderswo auch, aber solange sie eine Rückwirkung wirtschaftlichen Fortschritts sind, besteht Hoffnung, daß die Befürchtungen des nationalistischen Teils der Araber besänftigt und das Feuer des ungeduldigeren Teils der Juden gedämpft werden und daß eine Arbeit zu aller Nutzen getan wird. Die Palästina-Nummer der ״Financial News“ enthält auch I Beiträge von Sir Robert Waley-Cohen, S. Hoofien, S. Toi- { kowsky und Pinchas Rutenberg. I Nach dem 5. März Ruhiger Wahltag — Falsche Pogromgcrüdbtc — C.-Y. in Thüringen auigeläst — Zwiefache Judenpolitik Die Wahlen vom 5. Marz haben der Regierung Hitler einep unbestreitbaren großen Sieg gebracht. Auch wenn inan berücksichtigt, daß der Propaganda-Apparat fast, ausschließlich den Regierungsparteien zugute kam, ist' das außerordentliche Anwachsen der natiorialsozialistisehen Stimmen noch immer ein ungewöhnliches politisches Ereignis. Durch diese Wahlen ist die Regierung Hitler in ihrer Position befestigt worden; sie besitzt jetzt, was ihren Vorgängerinnen abging, eine parlamentarische Mehrheit. Dennoch ist anzunehmen, daß ihre Regierungsformen nicht die alten parlamentarischen sein werden. Durch eine beispiellose Mobilisierung, Politisierung und Fanatisierung der Massen, wie sie keinem ״demokratisehen“ System gelungen ist, hat der Nationalsozialismus die Macht erobert, die er zum Aufbau des Dritten Reiches, das gegenüber der parlamentarischen Republik auch! neue Formen haben soll, benützen will. In einer jüdischen Zeitung kann die politische Lage nur insofern Gegenstand der Betrachtung sein, als das Schicksal der Juden mit ihr verbunden ist. Die nationalsozialistische Bewegung ist nicht nur völkisch, d. h. judenrein, sonchern auch programmatisch antisemitisch, d. h. juaenfeindlich, wenn auch bei ihr der Judenpunkt wohl nicht im Vordergrund des wirklichen Interesses steht. Als die Bewegung des ״erwachen״; den Deutschland“ (wobei wir Juden nicht vergessen, können, daß der Ruf ״Deutschland erwache“ mit dem unedlen Kampfruf ״Juda verrecke“ verkoppelt wurde) hat sie eine besondere Anziehungskraft nicht nur auf alle die Bevölkerungsschichten, die sich eine Besserung ihrer; Lage erhoffen, sondern auch auf die idealistische Jugend; die von den nationalen Losungen gepackt wird. Wir haben das weitere Umsichgreifen des Nationalsozialismus volher^rstiicn, auch zu' eiriei Zeit, als nach den ersten. Abweisungen Hitlers durch Hindenburg in manchen Lagern die Ansicht zu hören war, die Bewegung habe ihren Höhepunkt überschritten. Wir haben die jüdische Oef* fentlichkeit gewarnt, sich solchen Anschauungen hinzugeben; denn unabhängig vom parlamentarischen Ziffern- Verhältnis schien uns die Dynamik der geistigen, poli-, tischen und sozialen Entwicklung in Deutschland auf ein! weiteres Ansteigen des Nationalsozialismus hinzudeuten. Nun der Nationalsozialismus etwa 43 ®/o aller Stimmen! in Deutschland auf sich vereinigt hat, ist es ohne weiteres klar, daß eine solche Masse von über 17 Millionen auch innerlich nicht einheitlich sein kann. Was die Judpnfrage betrifft, so hört man manchmal die Meinung, daß für einen — größeren oder kleineren — Teil dieser Wählerschaft diese Frage keine so entscheidende Rolle spielt, wie man bei Lektüre der nationalsozialistischen Publizistik meinen sollte. Das Eine freilich — und das ist das mindeste — muß festgestellt werden: Unter dieser ungeheuren Wählerschaft gibt es niemanden, der sich durch die Aeußerungen der Partei 2ur Juden frage von der Beteiligung abhalten ließ oder gegen diese Aeußerungen protestiert hat. So haben wir mit dem Phänomen zu rechnen, daß innerhalb des über 20 Millionen umfassenden Regierungsblockes mindestens 17 Millionen einem Programm zustimmen, das aggressiv-antijüdische Bestandteile enthält. Mit dieser die ganze Schwere der Lage charakterisierenden Feststellung treten die deutsehen Juden in die neue Periode der deutschen Geschichte ein. Die Erregung der letzten Woche vor den Wahlen mit all ihren unerwarteten Ereignissen und Eingriffen hat es mit sich gebracht, daß starke Nervosität in großen Teilen der Bevölkerung um sich griff und allerlei Gerüchte im Umlauf waren, die um so eher Glauben fanden, als es eine unabhängige Nachrichtenübermittlung nicht gab. So mag es zu erklären sein, daß auch ins Ausland verschiedene Gerüchte gedrungen sind, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit man offenbar von dort aus nicht kontrollieren konnte. Bedauerlicherweise wurde auch die Lage der Juden in manchen ausländischen Zeitungen unrichtig dargestellt. Es war sogar von geplanten Pogromen die Rede. Demgegenüber halten wir es für unsere Pflicht, wahrheitsgemäß festzüstcllen, daß Pogrome oder pogromähnliche Ausschreitungen in Deutschland nicht stattgefunden haben. Die jüdische Wählerschaft vermochte am 5. März völlig• ungehindert ihre Stimme abzugeben. Nur insofern Juden zu den von der Regierung bekämpften politischen Parteien gehören, teilen sie das Los der nichtjüdischen Repräsentanten dieser Parteien. Wir Juden haben kein Interesse an falscher Berichterstattung und an Uebertreibungen; wir wissen, daß eine Verbreitung von Nachrichten, die sich später als unrichtig heraussteilen, Sir Herbert Samuel der den Toast unterstützte, führte aus, er sei tief beeircdruck, von dem wirtschaftlichen Erwachen und den neuen ^^חוווושוווווווווו1ו1וו^ו1«ןוןן11וווווווווווווו1וווווו1וו1וווווווווווןןןווווו1ו1ווושו1ח((ש1וווו1ו₪חוווו1(1וווושוווווווו11וווווזן

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