Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 1 = Januar (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7; Literatur-Blatt Um Zweigs Palästina-Roman ״De Vriendt kehrt heim1‘, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin Kritische Bemerkungen Von Dr. Ernst Simon, Haifa. Wie alle Völker ... Wenn unser Freund Arnold Zweig einen Palästinaroman geschrieben hat, so konnte er nicht erwarten, daß gerade in der , zionistischen Welt darüber mit ein paar lobenden Phrasen, wie sie einem Schriftsteller vom Range Arnold Zweigs gegenüber leicht zu finden sind, hinweggegangen werden wird. Obwohl e'm Roman vor allem als Roman gewertet werden will, genügt es doch unter zionistischem Blickpunkt nicht, zu sagen, daß das Buch spannend — und an manchen Stellen packend — geschrieben ist, daß es leidenschaftliche Anteilnahme weckt und m zionistischen Kreisen verschlungen wird. Wir sind über das Stadium hinaus, wo es uns mit naiver Freude erfüllte, daß auch wir, auch Palästina, auch zionistisches Leben schon literaturfähig, romanfähig geworden sind und so zwar, daß keineswegs nur der mit den Dingen eng vertraute Kreis, sondern auch ein völlig Außenstehender den Eindruck bekommen muß, daß hier ein wesentlicher, menschlich wichtiger, geistig erregender Stoff gestaltet wird. Es wäre kränkend für Zweig, wenn man sich bei uns mit derartigen Feststellungen begnügen wollte. Denn gerade einem gesinnungsverbundenen Freunde gegenüber empfinden wir die Pflicht, sein Werk ernst zu nehmen, uns mit ihm gründlich auseinanderzusetzen. Palästinaromane finden natürlich bei Zionisten und Palästinensern eine verstärkte Resonanz. Dies zeigte sich schon vor einigen Jahren, als Max Brod in seinem ״Zauberrcich der Liebe“ zum ersten Male in einem deutschen Roman das palästinensische Leben behandelte. Wenn Zweigs Buch die Oemüter besonders stark erregt, so liegt das daran, daß im Mittelpunkt hier Ereignisse stehen, die in*zionistischen Leben stärkste Erschütterungen hervorgerufen haben. Zweig hat gewußt, daß sein Buch in zionistischen Kreisen auch Widerspruch wecken wird. Er hat die Aussprache erleichtert und gefördert, indem er (in Nr. 94 der ,,Jüdischen Rundschau“) selbst die Grundsätze darlegte, nach denen er bei seiner letzten Dichtung verfahren ist und die man wohl als prinzipiell richtig anerkennen muß. Der zionistische oder palästinensische Leser, der das Buch liest, lebt hier ganz mit, sua res agitur, aber es sind nicht nur die ״lebensgefährdenden nationalen Eitelkeiten“, die hier mitschwingen, sondern die Lebensnahe, sozusagen die echte Tragik des Geschehens, wird so stark empfunden, daß eine literarische Uebermalung, die nicht die letzten Abgründe erreicht, als etwas spielerisch und dem so stark Mitbeteiligten daher unangemessen erscheint. Es gibt noch zu wenig Palästina-Literatur, und ein dunkles Gefühl verlangt, daß gerade^uf diesem Gebiet nur das Beste gut genug ist. Dies bewirkt die paradoxe Tatsache, daß Zweigs Palästinaroman, ein durch und durch zionistisches Buch, außerhalb des Zionismus ein£ freundlichere Aufnahme finderi wird als im zionistischen Lager, aber sicher nirgends eine innerlich beteiligtere. Diesem lebendigen Interesse am Werk und Dichter entspricht es, daß wir im folgenden zwei verschiedenartigen Kritiken das Wort erteilen, und obendrein noch selbst sagen, was uns das Wesentliche zu sein scheint. Manche nehmen Anstoß daran, daß Zweig den Mord an De Haan, der polizeilich nicht aufgeklärt wurde, von einem jungen Juden vollführen läßt. Da der Dichter überdies eine Reihe von zionistischen Personen in fast photographischer Treue auftreten läßt, könnte der Anschein entstehen, als ob auch die von Zweig erfundene Mordgeschichte historische Wahrheit wäre. Solche Befürchtungen gehören sicherlich zu den Empfindlichkeiten, von denen Zweig mit Recht sagt, daß man sie ת i ch t schonen darf. Es handelt sich nicht um die Frage, wie es wirklieh war, sondern ob es so gewesen sein kann, wie Zweig es schildert. Und wer, besonders in Deutschland und anderen Ländern, auch Palästina, die Erregungen der Nachkriegsgeschichte kennt, wird dies nicht bezweifeln. Hier liegt für uns die entscheidende Bedeutung von Zweigs Buch, eine zionistische Bedeutung, die bei weitem alle Ausmalung zionistischer Details überragt. Denn es geschieht nichts geringeres, als daß ein jüdischer Dichter, der eine durch nationale Leidenschaft, durch seelische Spannungen, durch den scheinbaren Antagonismus menschlicher und nationaler Ethik, durch Kriegsmentalität und .heroische Ideale tief erregte Welt in ihrer schicksalhaften Verschlungenheit, in der Zwangsläufigkeit ihrer Entladungen zeigen will, im Bereich des eigenen, jüdischen Volkstums bleibt, wo ihm keine unzulässige ״Grenzüberschreitung“ zum Vorwurf gemacht werden kann. Arnold Zweig hat in vielen Aeußerungen seine persönliche, jedem extremistischen und aggressiven Nationalismus feindliche, pazifistische Gesinnung deklariert. Aber es wäre falsch, anzunehmen, daß dieser Roman ein pazifistisches Traktätchen ist. Zweig läßt die Anschauungen durch ihre Träger aufeinanderprallen, er moralisiert nicht, er läßt in der vielleicht eindrucksvollsten Szene, der Bootfahrt auf dem Toten Meer, den Mörder die stärkeren Argumente finden, und da der Dichter den Mörder gerettet werden läßt, spricht er ihn frei, denn er weiß, daß nicht die Bosheit eines Herzens, nicht individuelle Schlechtigkeit bei der scheußlichen Tat am Werke waren, sondern die Dämonie einer zutiefst aufgewühlten Zeit und Situation. Daß jüdische Menschen sich davon ebensowenig freihalten konnten wie andere, zeigt vielleicht, daß das jüdische Volk bereits ״wie andere Völker“ geworden ist. Wie andere Völker, und doch nicht ganz. Denn soviel Spezifisclies liegt doch in dieser Gemeinschaft, und dieser De Vriendt, Held des Buches und Opfer des Mordes, ist einNjotteskämpfcr in höherem Maße als politische Märtyrer sonst. Aber trotzdem empfinden wir: in diesem Spezifischen, an diesem Fall De Vriendt, wird ein A 11 g e m e i n - g ü 11 i g e s gezeigt; und daß dies möglich ist, beweist, wie fest das jüdische Palästina bereits auf eigenen Füßen steht. Weil Zweig dies geleistet hat, weil er es in einem lebenerfüllten, viele Seiten des neuen Palästina mit charakteristischen Schlaglichtern beleuchtenden, aufregenden, den jüdischen Leser packenden, wenn auch oft zum Widerspruch reizenden Buch getan hat, so gebührt diesem Buche trotz den Einwendungen, die man gegen diese Form des Schlüsselromans, gegen die Vermischung von Dichtung und Reportage und noch gegen manches andere erheben muß (Ernst •Simon tut dies weiter unten gründlich), ein ganz besonderer Platz in unserer modernen jüdischen Literatur. Mi. Wa. I. ' Der Dichter des ürischa hat im Vorfrühling dieses Jahres Palästina besucht und legt uns jetzt, Ende November, das literarische Ergebnis dieser Reise vor. Es ist ein Roman, der das Schicksal des ermordeten Dichters und Agudahpolitikers lakob Israel de Haan behandelt und mit dem Ausbruch der Unruhen von 1929 verknüpft. Die Absicht ist sympathisch: ein vielfach verkannter, innen und außen gehetzter Mensch soll vom eigenen seelischen Triebwerk her gerecht angeschaut werden. Auf der anderen Seite sollen auch die Motive des jüdischen Mörders verständlich werden, und über beiden schwebt die Idealgestalt eines hohen englischen Kriminalbeamten, der ein Freund des Holländers war und sein Rächer sein will, aber im letzten Augenblick noch von seinem Opfer abläßt. In diese Fabel anachronistisch hinein verschlungen ist die Schilderung des englisch-arabisch-jüdischen Knäuels in Palästina, vor allem zur Zeit seiner unseligsten Verstrickung während der letzten Unruhen. Dieses Allgemeinschicksal macht das Einzelschicksal des Ermordeten unwichtig, obwohl es jenes mit ausgclöst hat: der Verfasser wollte, wie er Selbst einmal an* deutet, gerade durch diese Verkettung beider Motivreihen eine Art jüdischen ״Fall Jaures“ darstellen. Der Standpunkt, von dem aus die Durchführung dieser Absicht versucht wird, ist der — gleichfalls sympathische — eines jüdisch begründeten guten Europäertums. In Gesprächsäußerungen, denen der Verfasser offenbar zustimmt, wird etwa die arabische Angst vor den Juden als ein zwar unbegründetes, aber doch sehr wirksames Faktum gewertet; ebenso geht das Axiom des Aufeinanderängewiesenseins beider palästinensischen Völker als eine Grundvoraussetzung durch das ganze Buch. Wenn allerdings Herzls ״verletzte Liebe zum Deutschtum“ als einziger Grund für sein Streben nach einer ״möglichst schnellen Lösung der Judenfrage“ aüfgeführt wird, so muß man wohl gegen diese allzu einfache und hier noch dazu in Parenthese vorgebrachte Formulierung eines sehr ernsten und vom Referenten und manchen anderen zionistischen Schriftstellern ernst behandelten Problems Widerspruch anmelden. Immerhin: Absicht und Standpunkt dieses Buches sind sympathisch. II. Von der Ausführung läßt sich das nicht uneingeschränkt sagen. Warum nicht? Erstens: Es ist ein Schlüsselroman und keiner von der erlaubten Sorte. Die in einem Selbstkommentar Zweigs (״Jüd. Rundschau“ Nr. 94) angeführten Parallelen von Manet bis zu den Brüdern Mann haben keine Beweiskraft. Dort handelt es sich um wenige Gestalten, deren breite Auffassung und Dar- Stellung es möglich machte, sie aus einem tiefen, dem nur beobachtenden Auge der Mitlebenden unsichtbaren Punkte her aufzubauen. Einen derartigen, gleichfalls nicht voll gelungenen Versuch hat Zweig überhaupt nur bei de Vriendt-de Haan selber gemacht. Die anderen aber, soweit sie überhaupt zur Gattung des Schlüsselromans gehören, also alle die zahlreichen Figuren außer dem englischen Oberbeamten, dem Mörder und dem arabischen Knaben und Geliebten de Haans, sind jeweils nur mit einem einzigen, und meist recht äußerlichen Zuge hingepinselt. Diese Technik, die schon für diskretere Formen der Epik wenig empfehlenswert sein dürfte, ist einem Schlüsselroman vollends verboten, da sie das ״mitlebende Publikum“ geradezu zu dem ״Mißbrauch“ und der ״Grenzverletzung“ zwingt, ״Porträts zu erkennen und zu benennen“. Was soll man dagegen tun, Arnold Zweig, wenn Sie, ein zweiter Willibald Alexis, die ungebügelten Hosen des Herrn Ussischkin literaturfähig machen! Zweitens: Dies ist nicht e i n Buch; es sind zwei Bücher. Das erste, schließend bei der Ermordung de Haans, ist erheblich wertvoller als das zweite, das die Unruhen des Jahres 1929 behandelt. An und für sich wäre gegen die Verkettung beider Motive gar nichts einzuwenden; sie liegt sowohl im geistigen Interesse einer inneren Wahrscheinlichkeit wie im technischen einer dramatischen Schürzung des Knotens, durchaus noch in den Grenzen poetischer Lizenz. Wogegen hier argumentiert wird, ist die Art der vorgenommenen Verknüpfung, die nur ganz äußerlich ist. Vor allem aber: während der erste Teil sich, wie bereits anerkannt, um die Gestaltung eines Menschen bemüht, dessen Art und Schicksal dem Verfasser zweifellos nahe gegangen sind, besteht der zweite Teil streckenweise einfach aus Reportage. Drittens: Sprache und Darstellungsart sind nicht überall von der dem früheren Zweig häufig eigenen Dichte und Tragfähigkeit. Junge Araber reden ein nächst unglaubwürdiges Gemisch orientalischer Reminiszenzen und modernsten Literatendeutschs, etwa so: ״Es war Allahs Wille. Laß mich etwas trinken, mein Hals ist so trocken“.dann aber, eine Seite weiter: ״O, Sidna Irmin, er hätte bei den Büchern bleiben sollen und bei mir und sich nicht in das Spiel der Erwachsenen mischen, das sie auf Tod und Leben spielen.“ Ebenso unwahrscheinlich bricht Rabbi Chajim Sonnenfeld nach der Ermordung de Haans in die für einen frommen Juden dieser Art (und jeder Art) ganz unmöglichen Worte aus: ״Es ist zu Ende, es sollte nicht sein, der Ewige entriß uns diesen Heiligen, wir sind verworfen.“ Etwas später, als Paraphrase: ״An brach das Ende der Welt.“ So schnell bricht es nicht an. Viertens: Wir sind in der peinlichen Lage, noch auf eine weitere Art von Gebrechen dieses Romans hinweisen zu müssen, deren Erwähnung und Aufzählung uns manche als Pedanterie auslegen mögen. Aber besser Pedanterie als —■ Schludrigkeit. So sei denn berichtigt, daß die Balfour-Deklaration niemals versprochen hat, ״Palästina zum Heim des Judenvolkes auszubauen“, sondern nur, in wohlerwogener Abänderung des ziomstischen Entwurfes, in Palästina ein NationaJheim für da6 jüdische Volk zu errichten. Ferner: der spanische Großinquisitor Torquemada war keineswegs ״wie vorher Paulus ein Taufling“; der Freitag ist kein moslemischer Ruhetag, sondern ganz ausdrücklich nur üebetstag, an dem keinerlei Arbeitsverbot besteht; das Trauerzeichen des Rockeinreißens, die k’riah, das Zweig Rabbi Sonnenfeld und Dr. Wallach für de Haan vornehmen läßt, ist nur nach dem Tode von nahen Verwandten zulässig; ein Kohen wird auch nicht an der Tür eines Zimmers erscheinen, in dem eine Leiche liegt, sondern, besonders in Alt-Jerusalem, eher das Haus meiden. Ein pazifistischer Philosophie-Privatdozent an der Jerusalemer Universität, die keine Privatdozentur kennt, ist auf Seite 303 bereits Professor, um aber auf Seite 307 wieder in das wesenlose Nichts der Privatdozentur zurücksinken zu müssen. Schade: ich hätte diesem Mann die Professur so gegönnt! III. In dem Buche sind einige dichterisch wertvolle und nicht wenige denkerisch belangreiche Stellen. Als de Haan zum ersten Male, natürlich ganz ahnungslos, seinen künftigen Mörder auf dem Postamt sitzen sieht, und es ihn flüchtig durchzuckt: so ähnlich habe er selbst in der Jugend aus• gesehen, da ist etwas von der letzten und der wahren Be• Ziehung zwischen Mörder und Ermordetem Gestalt geworden. Wenn de Haan das Strukturprinzip der jüdischen Ge• schichte mit dem jesaianischen Aaelswort ״Ein Rest kehrt zurück“ bezeichnet, wenn, andererseits, sein englischer Freund die Agudah mit den Samaritanern vergleicht, dann sind Horizonte einer Diskussion freigetegt, die heute von tief unterirdischer Aktualität ist und die wir mit dem Denker Zweig sehr gerne weiterführen würden. Auch an anderen Eigentümlichkeiten, des Buches würde, man erkennen können, daß Arnold Zweig es geschrieben hat: freilich sind es solche, die eher seine Gefahrenzone als seine legitime Art betreffen. Es gibt in beinahe allen Zweigsehen Werken eine Szene, manchmal als Kernmotiv, manchmal als Rankenwerk, die den Rahmen der menschlichen Erfahrungsmöglichkeiten bis an die letzte gerade noch erfragliche. Grenze zu dehnen sucht oder ihn gar, unerträglicherweise, überschreitet. Es sei erinnert an die Inzestszenen der frühen Novellen, an die ungekonnte Brautnacht der ״Novellen um Claudia“ an den Toa Grischas — Franz Rosenzweig bezeichnete mir diese Schilderung als ״im gpnauen Sinne unfromm“ da der Dichter von etwas rede, von dem kein Mensch etwas wissen könne — und an die Abtreibungsszene in der ״Jungen Frau von 1914“. Dieses Motiv setzt sich nun auch in die neue Erzählung hinein fort: die dreiviertel Minuten des de Haanschen Sterbens werden von den Bildern und literarisch psychologischen Reminiszenzen einer sehr ungeschauten una daher sehr unglaubwürdigen Vision ausgefüllt, und, schlimmer noch, wir müssen sogar zur Kenntnis nehmen, wie es seinem Leichnam unter der Erde am Tage der Grabsteinsetzung ״geht“. Man sollte den Toten ihre Ruhe lassen!* 1 IV. ״...Was ich eigentlich will? Was jeder anständige Schriftsteller will: Die Wahrheit um ihrer selbst willen, aie Gerechtigkeit um des Menschen willen, Erbarmen um der. Gemeinschaft willen und Liebe um Gottes willen. Der Mut, dem eigenen Volke zu trotzen und ihm zu sagen, was ihm fehle, und woran es leide... Das sind die Worte des Schriftstellers und Politikers de Vriendt, die sich, auf einem Briefentwurf, nach seinem Tode im Papierkorb fanden. Es sind die Worte des Schriftstellers Arnold Zweig. Es sind schöne und aufrichtige Worte, und wir glauben sie ihm. Wir hoffen, er wird sie in künftigen Büchern wieder mehr wahr machen, abei in diesem Buche ist es ihm nicht durchaus gelungen. Die Reportage im Buche, die einen so großen• Raum einnimmt, ist an manchen Stellen nicht unanfechtbar. Es ist unerträglich, für jemanden, der im Ernst des palästinensischen Geschehens steht, nach der Schilderung eines Teiles der Augustunruhen die Geistrochelei zu lesen, welche die Verhetzung der Araber beklagen soll: ״Wozu lernen Analphabeten auch die Kunst des Lesens....“ Es ist ebenso unerträglich wenn, im Stile eines Kriegs- oder Nachkriegs- Korrespondenten, von den ״deutschen Jungens“ von Markenhot gesprochen wird, die sich ״ihrer Haut wehren wollen“. Es ist allzu verräterisch, wenn der psychologistische Erlebnisstandpunkt des Reporters sich in den Worten enthüllt, mit denen die (selbst reichlich romanhafte) Erzählung vom Tode A,,D. Gordons abschließt: Es würde sehr gut sein, unvergeßlich für alle Tage des Lebens, mitzugehen, wenn die Landarbeiter von Dagania N. A. Nachmann begruben.“ Muß man da nicht an die furchtbar richtenden Verse Stefan Georges denken: ״In alle Seelen einzudringen gierig, blieb seine eig’ne unbebaut und öd“ —? Ein lebendiger Mensch sammelt keine Erlebnisse.... * Wir sind am Ende. Dichtung fordert die Verantwortung des Dichters gegenüber der inneren Glaubwürdigkeit seiner Gestalt. Wahrneitsschilderung fordert die Verantwortung des Berichterstatters gegenüber der treuen Tatsächlichkeit der Vorgänge. Dichtung und Wahrheit, die Mischung beider Elemente, fordert nicht nur die Summierung solcher Verant- Wörtlichkeiten, die sie vielmehr unmöglk^i macht, sondern ihre gegenseitige Durchdringung und Potenzierung. Goethe hat das höchste Beispiel datür gegeben. Arnold Zweig hat es daran fehlen lassen. ״Der fdripferisdie Sinn der Krise“ ist der Titel eines Vortrags, denErichMendelsohnauf dem letzten Kongreß des internationalen Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit gehalten hat und der jetzt als Broschüre (im Verlag Bruno Cassierer, Berlin, Preis 1 RM.) erschienen ist. Es ist die Kundgebung einer schöpferischen Persönlichkeit, die aus ihrer inneren Kraft und ihrem ungewöhnlichen inneren Reichtum einen wohltuenden und belebenden Optimismus schöpft. Nicht der flache Optimismus des Fortschritts-Philisters tritt uns hier entgegen, sondern die gläubige Haltung eines Mannes, der in die Tiefe und Abgründe des Lebens geblickt hat, der die großen Zusammennänge souverän überschaut und dem formenden Willen des Menschengeistes vertraut. Erich Mendelsohn ist bekanntlieh einer der führenden genialen Architekten unserer Zeit. Von der Architektur her aber erschließt sich ihm die ganze Vielfältigkeit der Welt, das Kultur- und Geistesleben in allen seinen Verzweigungen. Denn fern von einseitiger Facheinstellung glaubt Mendelsohn an die Einheitlichkeit des Lebens und des Geistes. Für ihn ist auch Kunst und Leben nicht in gesonderte Bezirke zu trennen. In seinem Vortrag entwirft Mendelsohn in einer fein gegliederten Konzentration, die den architektonisch arbeitenden Geist verrät, einen Ueberblick über den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen Zustand der Welt vor dem Krieg. Er zeigt, wie die politische und soziale Struktur dieser Welt stabil schien, zugleich aber auf dem Qebiet des kulturellen und künstlerischen Lebens sieb der unruhige Drang nach neuem Ausdruck geltend machte. Die bürgerliche Welt in ihrer Selbstgefälligkeit erkannte nicht diese Gelöstheit des Geistes oder wehrte sie schroff ab. Dieser Kontrast zweier Sphären wurde durch den Weltkrieg in aller Schärfe realisiert, ln scharfen Strichen gibt der Autor dann eine Charakteristik der Nachkriegswelt mit allen ihren Wirrnissen, und sieht trotz des vielen Negativen bereits die positiven Ansatzpunkte für den Aufbau einer neuen Welt, ln dem Chaos meldet sich bereits der schöpferische Formungswille. — Obwohl natürlich von spezifisch jüdischen Problemen dabei nicht die Rede is{, scheint es uns doch, daß wir die Grundhaltung des Mendel sohnseben Vortrages als die eines lebensbejahenden, zukunftsgläubigen Juden ansprechen können. Die Lektüre dieser kurzen, aber weitsichtigen Schrift wird jedem Genuß und Stoff zum Nachdenken geben. r.