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Jüdische Rundschau · 1933-01-01 · 1 = Januar (1.1933) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
1 = Januar (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. I, Januar 1933 Die Angriffe tfe^en Dyk im&M* i/on,• die in deni Ifetzftn Woch;4® »*J den: teteftn Wochen i.*\ w^v יי' ‘דיש?מ1י#וזו *1לויי״יןך . w ׳<ץ^• ■w* .r״׳'“יי״ ״ ״ s16׳v!‘׳ ׳ . '.unstrenQcsInniOTgÄgcnDSScft Agronom Salomon Dyk entfesselt;//־ wurde, ist ein neuer Beweis für die bedauerliche Verrohung des öffentlichen Xebens in Oeutsdd&dd. Soweit es sich bei der Jeteigen Campagne, wie auch Prof. Franz Oppenheimer tIn der Presse a umeinander* etzte^ um einen Versuch der Oroflagrarjer handelt, die ihnen verhaßte ״Anteilswirtschaft״ zu // ruinieren und den Beweis, daß landwirtschaftliche Großbetriebe ’ ohne, Oroßgrujideigentum möglich sind, zu vereiteln, entzieht sich die Angelegenheit einer Stellungnahme vom jüdischen Gesichtspunkt. Das gleiche gilt insofern als die formelle Frage der Staatsbürgerschaft hereingezogen wurde; alles aber,, was hierbei über dieses rein Formelle ninausgeht, ist dem Arsenal übelster Demagogie entnommen. Man spekuliert auf י die antisemitischen Instinkte der Zeitungsleser, durch deren Aufpeitschung man die Regierung zu einer Stellungnahme gegen Dyk veranlassen will. Es ist in höchstem Qradc unfair, Tn einer solchen Sache nicht die BesonderheitdespersÖniichenFalles'und persönlichen Schick- . sals zu berücksichtigen. Dyk, der seit etwa 1895■ in Deutschland lebt, war früher österreichischer Staatsbürger und leistete während des Krieges in Deutschland verantwortliche Arbeit, für . die er Anerkennung und hohe Auszeichnungen erlhielt. Er war also bereits unter der Monarchie in den Diensten der königlichpreußischen Regierung. Nach dem Krieg ist Dyk einfach durch die Tatsache, daß sein Geburtsort zu dem neuen polnischen Staat geschlagen wurde, polnischer Staatsangehöriger geworden, und da er nicht in Oesterreich, sondern in Deutschland lebte, hat er die ihm offenstellende Option für Oesterreich nicht ausgenützt. Dyk Ist ein vollständig unpoiitischerMensch. ein fanatischer, enthusiastischer Landwirt, der ganz und gar in den sachlichen Aufgaben seines Berufes aufgeht. Nichts ist verkehrter als der Oedanke, diesen Mann mft ״nationalpolnlscheii“ Tendenzen in Verbindung zu bringen. Es ist schwer anzunehmen, daß die Verbreiter derartiger unsinniger Verdächtigungen an die Wahrheit ihrer Angaben glauben. Darum hilft man sich zur Schürung der Volksstimmung mit einer besonderen Attacke auf Dyks Judentum, sein Vorname Sa 10moh erscheint fett gedruckt in den Ueberschriften, die Hetze geht gegen den ״polnischen Juden“. Und die preußische RegieniBig läßt sich anscheinend von diesem Kesseltreiben terrorisieren und ha־t ihre Beteiligung an der von Dyk geleiteten Siedlungsgesellschaft dazu ausgenützt, um Dyk zu vertreiben. Ab etwas seltsam muß jedoch die Art und Weise bezsichnet werden, wie das preußische Ministerium, dem Dyk sofort mit Selbstanzeige die Angriffe mrtteilte und um eine Untersuchung bat, die Sache behandelt hat. Die Untersuchung wurde verschleppt und das Resultat nicht klar bekannt gegeben, « da. sie entlastend für Dyk ausfallen mußte. Wenn man auch berücksichtigen muß, daß die gegenwärtige preußische Regierung in diesem wie in vielen anderen Fällen hauptsächlich Material gegen ihre Vorgängerin, die Regierung Braun, sammelt und daher diesem von Braun geförderten Werk nicht sympathfsch gegenübersteht, ist doch diese Haltung in einer persönllchen Angelegenheit anfechtbar. H׳.. Die Angelegenheit ist aber auch unter einem anderen Oe-; - sfchtspunkf von jüdischem Interesse. Der entlassene. Ange- .stellte:, der zur Stützung der von ihm geltend gemachten Gehaltsinsprüche vor dem Arbeitsgericht sich als Verfechter bedrohte* deutscher Belange aufspielte, Dr. Alexander Hirsch, 1;a ist' ein7getaufter Jude. Dieser l>r. Hirsch war von Dyk provisorisch für verschiedene Speziaiarbeiten angestellt worden ״v'und bemühte sich um das Wohlwollen von Dyk, um eine endv* gültig« Anstellung zu erreichen. Als er dennoch aus objektiven Gründen entlassen werden mußte, begann er seine persönlichen ׳'־. Angriffe, zunächst intern bei Oppenheimer, daim vor dem > Arbeitsgericht, auf dessen offenbar politisch rechtsstehenden /■Vorsitzenden er durch Heranziehung politischer Gesichtspunkte, Fi: die mit der Frage der Gehaltsansprüche selbst nichts zu tun n / habeiij Eindruck zu machen hoffte. Unter anderem behauptete die Gesellschaft dürfe statutarisch nur ״deutschstämmige“ ,}‘/,;;Bewerber ansiedeln, was objektiv unrichtig ist, da nur die deut-;1^ sehe Staatsangehörigkeit vorgeschrieben ist. Der getaufte /-Jude als Verfechter der ״Deutschstämmigkeit“ ist ein besonders erhebendes Bild. Im übrigen versagen־ wir uns, auf Einzelheiten der Verhandlung näher einzugehen. Die Zeugenaussagen haben alle gegen Dyk gerich- \ teten teilweise ehrenrührigen Vorwürfe vollständig entkräftet und die Gestalt des Dr. Hirsch in einem eigen.tümliehen Lichte gezeigt. Soweit diese Sache von allgemeinem Interesse ist, müßten aufrechte Nichtjuden, welcher politischen Richtung immer sie angehördp, einen Eindruck davon bekommen haben, daß es besser ist, mit ungetarnten und stolzen , J.uden wie Salomon Dyk zu tun zu haben als mit Renegaten, die bewußt oder unbewußt aus ihrer inneren Unsicherheit heraus zu Anbiederung aller Art getrieben werden. Dyk hat sich bekanntlich auch in zionistischen und jüdischen - Siedlungsunternehmungen als Expert und Ratgeber vielfach be- V tätigt, er war vor dem Kriege Leiter der öppenheimerschen . Siedlungsgenossenschaft Mercnawja in Palästina, und es wird ihm angesichts des ihm jetzt zugefügten Unrechts eine Genugtuiuig sein, zu wissen, daß man in jüdischen Kreisen ihm 1 Dank weiß und auch weiter auf seine Hilfe und seine Arbeit rechnet. I Die Realsdrale in Haifa Nach einem uns vorliegenden Berichte hat die unter Leitung von Dr. B i ז a m stehende Realschule in Haifa in diesem Jahre die Zahl ihrer Schüler um weit mehr als 100 vergrößern können. Sie hat jetzt eine Gesamtzahl von etwa 540 Schülern — Stand vom 1. Dezember — erreicht.׳• Die Schule darf auf eine Schulgeldeinnahme von £ 7300 rechnen bei einem Gesamtbudget von £ 8100, dabei £ 300 für Amortisation des neuen Baues. Die Schule konnte sich damit zu 85 0/0 ihres Budgets auf eigene Füße s s t e 11 e n. Sie hat, um den großen Andrang von Schülern hestreiten zu können, an die Errichtung eines neuen Gebäudes Herangehen müssen, das sie auf rein kommerzieller Grundlage, mit der Hoffnung auf eine Amortisation in wenigen Jahren, neu errichtet. $0 fügt die Schule zum Internatsbau und zu dem Bau der bisherigen Vorschulklassen ein drittes neues Gebäude hinzu. Das Internat der Schule zeigt eine interessante Verschiebung: Während nach vor drei Jahren ein Drittel der Schüler nur aus Palästina waren, sind es jetzt nahezu zwei Drittel. Auch darin drückt sich die wirtschaftliche Verselbständigung Palästinas aus, wie auch in der Tatsache, daß die Realschule die Zahl der voll bezahlenden Schüler auf nahezu 75 «/׳« erhöhen konnte. Dies zeigt auch, mit welchen Opfern sich der Jischuw an der Erhaltung seiner Schulen beteiligt. Die Schule macht in diesem Jahr den An־* fang mit einer Abteilung zur Erziehung von Wirtschafts־ beamten. Diese Abteilung dient vor allem auch dazu, den Volksschulen einen Oberbau zu schaffen, Ln den ihre Schüler ohne weitere Vorbereitung direkt eintreten können. Es wird damit das wichtige Problem der Umbildung der palästinen- }*»eben Schule zur Berufsschule in Angriff genommen. JÜDISCHE RUNDSCHAU Zeitschriften-Schau l. Im ersten. Januarheft. der ' Zeitschrift / *D e u t s c h e s Volkstum״ wird ein Aufsatz eines jüdischen Mitarbeiters, Dr. Oskar Karbach, unter dem Titel ״l udenfrage, unpathetisch betrachtet“ veröffentlicht. Der verfass er ist früher besonders mit. Arbeiten über den Völkerbund hervorgetreten und gehörte zu den Initiatoren der jüdisehen Völkerbundliga in Oesterreich. Der Herausgeber der Zeitschrift, Wilhelm Stapel, sagt in einer Bemerkung zu ICarbachs Artikel, es sei bedeutungsvoll, ״wie sich die Gegner der Assimilation auf deutscher una christlicher Seite mit denen aut jüdischer Seite in bestimmten Punkten treffen . . . Das sind nur erst Anfänge, aber fruchtbare Anfänge“. Karbach gibt eine interessante Analyse der Entwicklung der Judenfrage im Zusammenhang mit dem strukturellen ümwandlungsprozesse der Gesellschaft in unserer Zeit. Hatte die Emanzipation ihr Ziel, die Aufsaugung des Judentums, verfehlt, so ist heute durch die wirtschaftliche Entwicklung eine ,,Entmachtung“ des Judentums vor sich gegangen, bei der der Antisemitismus lediglich eine Zuschauerrolle spielte. Die Abkehr vom Liberalismus schafft neue Probleme, und der Staat, bzw. die Gesellschaft sieht sich vor die Frage gestellt, ob sie weiter eine ״Aufsaugung“ des Judentums oder aber eine ,,Aussonderung“ anstrebt. In dein verworrenen Durcheinander dieser beiden Ziele sieht Karbach mit Recht einen der Hauptgründe der Schwierigkeiten in der Behandlung der Judenfrage. Wenn das antiliberale Deutschtum eine ״Abstoppung“ der Assimilation wünscht, ״dann muß sie das Gefälle zu ihr unterbinden, das durch die Aussicht auf erhöhte Rechte, erhöhtes Sicherheitsgefühl, gehobene gesellschaftliceh'e Position, verbesserte wirtschaftliche Lage die Juden zur Tarnung in allen ihren Abarten verständlicherweise hintreiben muß“. Von diesem — wie uns scheint richtigen — Ausgangspunkt kommt Dr. Karbach freilich zu Konsequenzen, die uns zu konstruiert und praktisch undurchführbar zu sein scheinen. Er schlägt eine vom Staat ausgehende Zwaagskonstituierung einer jüdischen Gemeinschaft vor, der auch sämtliche Konverfiten und sogar Abkömmlinge von Konvertiten einverleibt werden müßten. Der Staat müsse die Verantwortung m der Judenfrage übernehmen, die große unorganisierte Masse der Juden werde in ihren Auffassungen durch die Haltung der Umwelt bestimmt und daher werde eine assimilationsfemdliche Haltung bei den Juden erst dann zustande kommen, wenn der Staat der Assimilation seine Sympathien entzieht. V on hier aus befürwortet Dr. Karbach eine Neuaufrollung der gesamten Judenfrage, wobei es darauf ankäme, zuerst Staat und Gesellschaft nir ein positives Programm zu gewinnen, das von den jüdischen Führern unterstützt wird, dann erst die jüdischen Massen für diesen FCufs zu gewinnen. Wir glauben, daß bei Karbach hier riehtige Gedanken mit unrichtigen aus dem zeitgenössischen, politischen Denken übernommenen Methoden ״autoritärer“ Führung uind antidemokratischen Vorgehens zusammenfließen. Gerade die jüdischnationale Bewegung glaubt, daß eine fruchtbare Judempolitik nur dann möglich ist, wenn sie sich in erster Linie auf den Willen der Juden selbst stützt. Gewiß ist die Haltung der Umwelt ein nicht zu übersehender wichtiger Faktor, und auf die inkonsequente Haltung des deutschen Nationalismus in der Frage der Assimilation wurde in der ״Jüdischen Rundschau“ wiederholt hingewiesen. Es wurde schon viel bedeuten, wenn in dieser Frage Wandel geschaffen werden könnte. Die Verantwortung aber für das jüdische Schicksal wird das jüdische Volk selbst tragen müssen. * Das Dezemberheft der katholischen Monatsschrift ״Hochland“ enthält einen Aufsatz ״Christentum und Nation“ von Wilhelm Moock, aer darum bemerkenswert ist, weil der Verfasser sich vom religiösen Standpunkt her gegen die nationalistischen Strömungen wendet, die auch das Cnristentum dem Nationalismus dienstbar machen wollen. Wir baben wiederholt auf diese Strömungen besonders In der evangelischen Kirche hingewiesen, in der auch der National- Sozialismus änmer mehr Wurzel faßt Aber auch in der katholischen Kirche gibt es nationalistische Ansätze. Demgegenüber betont Moock die spirituelle Einheit des Christentums, das von Blutsgemeinscliaft und Volkstum unabhängig ist und im Prinzip die ganze Menschheit umfassen will. Für jeden Christen müsse auch dem Nationalen gegenüber an erster Stelle die Erhaltung des absolut Wertvollen im Christentum stehen, dann erst komme das relativ Wertvolle der einzelnen Nationalitäten. Interessant ist, was der Autor über Volkstum und Religion im jüdischen Volk sagt: ״Es ist bekannt, daß das israelitische Volk ursprünglieh keine Blutseinheit darstellte. Elemente verschiedensten Blutes sind in diesem Volk zusammen geflossen, aber niemand wird leugnen, daß daraus eine Einheit geworden ist, wie sie die Weltgeschichte in solcher Stärke vielleicht nicht ein zweites Mal aufzuweisen hat. Kein Volk der Erde, am wenigsten die Germanen, haben eine derartige nationale Wiaerstand.sk raft inmitten einer feindlichen Völkerumwelt an den Tag gelegt, wie dieses vom Spott aller Jahrhunderte überronnene Judenvolk. Sieht man näher zu, so ist diese Einheit keinesfalls erdenhaften Ursprungs, sondern gründet in seiner Religion, also, wie der Gläubige sagen wird, in der Zusammen- Schweißung durch den offenbarenden Gott, oder, wie der Ungläubige wenigstens einräumen muß, in einem nichtmaterieilen, sondern irgendwie aus den oberen Regionen der menschlichen Seele kommenden Prinzip.“ Die ״Europäische Revu e“ die kürzlich ein viel beachtetes Sonderheft über die Judenfrage herausbrachte, veröffentlicht in ihren letzten Heften eine ganze Reihe von wichtigen und ernsten Aufsätzen über die Fragen der europäischen Politik und der Völkerverständigung. Charakteristisch für die Gesamthaltung dieser dem Kulturbund nahestehenden, von Karl Anton Prinz R o h a n herausgegebenen Zeitschrift ist das Bestreben, die politische una geistige Wirkliclhkei t zu erfassen, wie sie ist, und aut dem Boden der Realität, nicht aber in weltfremden Konstruktionen, zu einer Annäherung zu gelangen. So finden wir in der Zeit- Schrift repräsentative Köpfe aller Völker und Richtungen vertreten. Das Oktoberhert war gänzlich den Problemen des italienischen Faschismus gewidmet. Die Rolle des Nationalismus in der heutigen Welt wird in ihren geistigen und praktischen Konsequenzen immer wieder beleuchtet, so daß die Zeitschrift auch unter diesem Gesichtspunkte für zionistische Leser, denen der Nationalismus zum Problem wird, eine Fülle von speziellen Anregungen bieten kann. ־־־ An der Spitze des Dezemberheftes finden wir einen Aufsatz von Prof. Alfred Weber ״Zur Krise des europäischen Menschen“, worin er als den Kern dieser Krise di$ nicht gelungene Synthese der abendländischen Herremnentalität mit der aus dem jüdischen Geist entstandenen Religion, die unter dem ־Namen des Christentums nach Europa drang, bezeichnet. Nur bei den ״J u däo-1 s r a e 1 i t en״ ist nach dem äußeren Zusammenbruch jene ״wunderbare Umkehrung der Vor- Zeichen“ gelungen, die ״im Leiden und der Demut, im antiherrenmäßigen Verhalten den Weg zuerst des Volkes, als dann des Einzelnen zur Selbsterhönung“ fanden. Eine antiherrenmäßige Haltung scheint Prof. Weber auch der einzige Ausweg für die Zukunft der europäischen Menschen. Was gehen uns die Hotters an? Die Affäre des zusammengekrachten Theaterkonzems der Gebrüder Rotter findet in der Oeffentüchkeit größte Beachtung, wie es nun einmal bei allen Vorkommnissen, die mit dem Theater Zusammenhängen, der Fall zu sein pflegt. De* langen und breiten wird untersucht, wie •cs kam, wie e* war, und wie es schloß. Man entdeckt plötzlich, daß sich hinter den Rotters die ehemaligen Brüder Schaie verbergen, jüdische Studenten aus der Provinz, die vor Jahrzehnten nach Berlin kamen, um die Reichshauptstadt zu ״erobern“. Das ist ihnen im Laufe der Zeiten, nachdem 9i« Namen und Vergangenheit, wie man so sagt, ״richtiggestellt״ hatten, gelungen. Mit einem Seitenblick auf die Konkurrenz, Max Rdnhardt, begannen sie; unterstützt von Brahm, ihre Karriere. Nach dem Kriege; •^ls das amerikanische Beispiel auf allen Oebieten des Lebens, in Wirtschaft und auch in Kunst, nachgeahmt wurde, schufen sie nach dem Muster der großen ״Traumfabriken“ in Hollywood ihren Mammutkunstbetrieb in Berlin. Es ist hier mehrt der Ort und auch nicht unseres Amtes, in die Frage hineinzuleuchten, in welehern Maße die Richtung Rotter das Kunstleben der Reichs• haupfstadt Berlin gefördert oder geschädigt hat. Daß Autstieg und Wirkung der Brüder Rotter möglich wurden, lag nicht nur ־— das kann man wohl ruhigen Gewissens behaupten — in den persönlichen oder ״jüdischen״ Eigenschäften der beiden, sondern war durch die allgemeinen Verhältnisseeiner materiellen und geistigen Inflation, einer amerikassierten, durch den Krieg haltlos gewordenen Großstadtkultur bedingt. Nun sind die Brüder Rotter pleite und der Staatsanwalt fahndet nach ihnen. In allen Gazetten herrscht maßlose Autregung, und auch solche Zeitungen, die jahrelang fette Annoncen der Firma Rotter zu schlucken und die Reklametrommel für den Rotter-Konzern zu rühren pflegten, rümpfen jetzt die Nase. Es ist, wie in Heines Gedicht von der Frau Gudelfeld. Solange sie Geld hat, beeilen sichr Herzogin und Prinz, mit ihr leutselig zu sein; als Madame Gudelfeld jedoch nichts mehr hat, heißt es, sie stinkt nach Knoblauch. Solange die Brüder Kotter auf der Höhe eines veimeintliehen Erfolges und eines laut ausposaunten Ruhmes wandelten, rühmte man sich ihrer Freundschaft, und sie selbst taten sich mit ihren guten Beziehungen zu hohen und höchsten Stellen groß. Nun ist das Karten- oder Theaterhaus zu״ sammengestürzt, und man erinnert sich plötzlich, daß die Rotters eigentlich Schaies und kleine Provinzjuden sind. Nichts ist geblieben als der Ausblick auf einen Skandalprozeß und eine neuerliche Belastung des jüdischen Kontos in der Oeftentlichkeit. Und hier ist der Punkt, wo man sich als Jude gezwungen fühlt, ein paar Worte zu sagen. Was gehen uns die Rotters an? Wirken una Treiben der Rotters war eine Privatangelegenheit, die mit Judentum und jüdischer Gemeinschaft wenig zu tun hatte. Die Rotters waren keine Exponenten jüdischer Betätigung, sie waren auch kein Ausdruck spezihsch ״jüdischer“ Begabung. Erfahrungsgemäß wissen wir jedoch, daß der stolze Satz ״Alle Juden sind für einander verantwortlich“, der in einem ga«tz anderen Sinne als Maxime geprägt wurde, leider auch in solchen Fällen gilt. Der Nachweis nützt nichts, daß eine Verbindung zwischen Judentum und Rotter-Skandal nicht gegeben ist. * Das Faktum bleibt bestehen, daß uns durch diese Affäre eine Last aufgeladen wird, an der wir schwer zu tragen haben. Gerade wir Nationaljuden dürfen uns freimütig zu der Sache äußern. Wir lehnen es grundsätzlich ab, die Existenzberechtigung des Judentums aus Leistungen herzuleiten, die Menschen jüdischer Abstammung auf Gebieten, die außerhalb des Judentums liegen, vollbringen. Wir waren stets skeptisch gegenüber derartigen, apologetischen ZusammensteHungen. Wieviel redete man. in . assimilatorischen Kreisen von der ״jüdischen“ Leistung auf dem Gebiet des Berliner Theaters! Wir denken anders. Wir verkennen nicht, daß da und dort ״jüdische“ Eigenschaften mitspielen, aber es fehlt jede jüdische Verantwortung und jüdischer Geltungswille, weder ist Rotters ״Ruhm“, solange es gut geht, ״jüdischer*• Ruhm, noch ist, ihr Zusammenbruch der Untergang eines jüdischen Systems. Daß die Affäre antisemitisch ausgebeutet wird, versteht sich heute fast von selbst. Man wird sich aber gewöhnen müssen, nur das dem Judentum zuzurechnen, was sich der jüdischen Verantwortungsgemeinschaft ein gliedert. Dies zu bewirken, ist Ziel einer jüdischen Politik. Zur Datlonalsozlalistiscben KnlturpoUtik Im Preußischen Landtag wurde über eine Reihe antisemitischer Anträge der Nationalsozialisten abgestimmt. Die nationalsozialistischen Anträge auf Entfernnng aller Juden von den Staatstheatein und Staatskapellen, vom Rundfunk und von den Rundfunk-Beiräten, sowie vom Bühnennachweis wurden mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Kommunisten und des Zentrums abgelehnt; hingegen wurde der nationalsozialistische Antrag, das Staatsministeriurn zu beauftragen, dem Landtag alsbala eine genaue Aufstellung aller bei Staats-. theatern una Staatskapellen beschäftigten Ausländer und aller derjenigen vorzulegen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1918 erworben haben, mit den Stimmen des Zentrums angenommen. Gleichfalls abgelehnt wurden nationalsozialistische Anträge über eine Neubestellung der Ueberwachungsausschüsse una Kulturbeiräte bei der. deutschen Sendern, auf Abberufung des Rundfunkkommissars Dr. Bredow und über eine Beschäftigung nur deutschstämmiger Künstler und Geistesarbeiter beim Rundfunk. * Daß die nationalsozialistische Verhetzungskampagne auch vor hochangesehenen deutsch-arischen Persönlichkeiten nicht halt macht und sich durch erstaunliche Roheit auszeichnet, wurde dieser Tage von einem der berühmtesten deutschen Gelehrten, dem Soziologen Ferdinand Tön nies, in einem Leitartikel der ״Vossischen Zeitung“ angekreidet. Tönnies hatte sich gegen den Nazi-Terror »m Falle Cohn- Breslau ausgesprochen und war darum von der Nazi-Presse angegriffen worden, die kein besseres Argument kannte, als sich über das Alter des Gelehrten lustig zu machen. ״Ein Greis ist seinem Wesen nach eine absterbende Ersehe!- nung ... Es wäre zuweilen gut, wenn Ihr in einigen Eurer Professoren nichts weiter als sehr alte Männer sehen würdet.“ (Das ״würdet“ ist, nebenbei gesagt, falsches Deutsch.) In sehr feiner Weise erteilt Tönnies den Rohlingen, die ihn durch einen Hinweis auf den ״Kaufmann von Venedig“ widerlegen wollen, eine Lektion über die Figur des S h y 1 o c k und ihre Rolle in Shakespeares Drama. Es ist wohltuend, einen Mann von wirklicher Bildung und Geistigkeit als Diskussionspartner der Demagogie zu vernehmen. Ob aber seine Worte bei denen, auf die es ankommt, gehört werden, ob diese überhaupt noch denken wollen, muß man bezweifeln. Als stereotype Antwort brüllt ein unsichtbarer Sprechchor sein ״Jude!“; im günstigsten Falle müssen wir annehmen, daß seit seinem Artikel ״Shylock“ auch Prof. Tönnies zum ,Juden“ ernannt wird, wenn dies nicht schon früher der FaU gewesen sein sollte. __

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