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Jüdische Rundschau · 1933-01-01 · 1 = Januar (1.1933) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
1 = Januar (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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$;l"Seite8:׳ JÜDISCHE RUNDSCHAU . Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1933 Neue Büdier von Martin Buber Im Schocken-Verlag, Berlin, ist kürzlich ein neues Buch von Martin Buber ״Zwiesprache“ erschienen, worin er seine mit ״Ich und Du“ begonnenen religionsphilosophischen Darlegungen fortsetzt. Das Buch ist ein Führer zur religiösen Wirklichkeit, die nur in der ״dialogischen“ Haltung des Menschen empfangen wird. Eine weitere wichtige una willkommen! Neuerscheinung desselben Verlages ist eine Volksapsgabe der ״Legende des Baal Schein“, in einem guten und schön ausgestatteten 2,85 RM.-Band, der als Oe8chenk besonders gut geeignet ist. Eis ist eine ungekürzte Ausgabe des Baal Schern mit einer Hinzufügung von Anmerkungen, Schließlich hat Buber in einem Buch ״Kampf um Israel“ eine Reihe seiner wichtigsten Aeußerungen, Auf- Sätze und Reden zu jüdischen Gegenständen aus den letzten zehn Jahren zusammengefaßt. Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte: ״Ueberlieferung“, ״Oeister der Gegenwart“ und ״Die ,Situation“. Bringt das erste Kapitel Darlegungen und polemische Aufsätze über das Wesen des Judentums, so enthält der zweite Abschnitt Aufsätze über einzelne jüdische Persönlichkeiten unserer Zeit (Achad Haam, Bialik, Herzl, Cohen, Rosenzweig usw.). Jüdische Gegenwartsfragen und zionistische Politik schließlich sind der Gegenstand des dritten und größten Abschnittes. Hier sind Buoers Kongreßreden und seine Aufsätze zu aktuellen zionistischen Problemen, zur Frage des jüdischen Nationalismus, der Volkshochschule usw. enthalten. (Mehrere der in den Sammelband aufgenommenen Aufsätze sind früher in der .,Jüdischen Runaschau“ erschienen.) Der Band von 460 Seiten, dem der Verfasser eine Vorrede und einen Vor- Spruch vorgesetzt hat, ist zweifellos eines der bedeutendsten literarischen Dokumente des jüdischen Wandlungsprozesses unserer Zeit. Indem wir uns eine ausführlichere Besprechung der hier angezeigten Werke Vorbehalten, geben wir nachstehend einen Abschnitt aus Bubers Vorrede zu ״Kampf um Israel“ wieder. ״Wogegen und wofür kämpfen wir, wenn wir ,um Israel* kämpfen? Der Kampf geht zunächst gegen die Geläufigkeit und für die Besinnung. Das Antlitz Israels ist nicht oloß jnnenher von Pein und Entartung entstellt, sondern auch außenhtr mit Schlagworten und Parolen übermalt, so daß kaum noch da und dort einer weiß, was Israel ist, keine .Idee‘ nämlich, sondern eine Wirklichkeit, freilich eine verborgen« Wirklichkeit. Um zu ihr vorzudringen, bedarf es einer kritischen Intuition, einer Umschmelzung der geläufigen, ihrem Gehalt nach fragwürdig gewordenen Begriffe; cs bedarf der Besinnung auf das Wahre und Wesenhane. Sodann geht der Kampf gegen die Trägheit und für die Erfüllung. Der Trägheit muß ich auch jene hohen Grade zuzählen, auf denen man sich mit den Ergebnissen der lntuition ein rieht et, ohne täglich neu über sie zu erschrecken und von ihnen betroffen zu werden. Wem Israel ein bequemer Tischgenosse ist, der hätte es besser nie geschaut. Wer aber weiß, daß . Solche Schau nicht ihr Ende in sich hat, sondern eine Erfüllung fordert, dem ist nicht vorzuschreiben, wie sie beschaffen sein soll. Ich scheide die Juden letztlich nicht in A-isten, B-isten und Cisten, sondern in jene, die mit ihrem Leben Israel ernstnehmen, und in. jene, aie das unterlassen. Alles andere ergibt sich daraus. Israel ist nicht ,wie alle Völker‘, aber es ist ein V 01 k.׳ Es darf nicht entrechtet bleiben unter den Rechtsinhabem, und wer das erkannt hat, der mun sich dafür einsetzen, daß ihm Recht werde. ,Es darf nicht unbehaust bleiben unter den Behausten, und wen das angerührt hat, der muß. dazü helfen, daß das Haus erstehe. Aber was sich ergibt, ist mehr als dieses Allereinfachste. . Man kann nicht sich auf Israel — und das heißt: auf dessen ,Einzigkeit — besinnen und zugleich die jüdisch« Sache nach allen Regeln gemein-nationalistischer Strategie und Taktik behandeln. Man kann nicht Israel — und das heißt: dessen : Auftrag — emstnehmen und zugleich vermeinen, das jüdische Volk Brauche nur wieder Herr in seinem eignen Hause zu werden, gleichviel wie dieses Haus geführt werde, und alles würde von 'selber gut. Der Kampf um Israel ist nicht ein Kampr rum Selbstherrlichkeit, sondern ein Kampf um die Leistung des Gehorsams. . . . Die Judenheit ist in dieser Erdenstunde schwer bedroht, schwerer vielleicht als je zuvor in der Geschichte der Zerstreuung. . . . Aber man versteht diese Not nicht, wenn man sich der Ahnung verschließt, daß hier, umfassender als ie zuvor in der Oeschichte der Zerstreuung, das verborgne Israel erprobt wird. Uns Kämpfern, um Israel fällt es nicht bei, den diese Not Leidenden ,statt Brotes Aether* (gleichviel, Aether des Hirnmeisrauros oder das Betäubungsmittel des gleichen Namens) zu reichen. Wie ich, wenn ich mich mit einem Erwerbslosen über Gang und Sinn seiner Existenz unterrede, ihm damit nicht dnbuden will, eine Aenderung seiner Erkenntnis würde eine Aenderung seiner Lage bedeuten, so kann, wenn ich die Juden, die mich hören una lesen, aufrufe Israels inne zu werden und von ihm aus zu leben, damit nicht gemeint sein, wenn sie das täten, wäre die Krisis überwunden. Aber wie durch jene Unterredung — glückt es nun an den Kern eines sich preisgegeben dünkenden Daseins zu rühren — bewirkt werden kann, daß dieser Mensch in eine geänderte Be- Ziehung zu seiner Lage komme, so kann eine Wiedererweckung des lebendigen Israel in den bedrängten, ratlosen Seelen sie mit einem erneuten Mut zum Dennoch-Bewältigen des anscheinend aller Bewältigung Widerstrebenden begaben. Dab jemand in einer Krisis steht, ist eins; ein andres ist, wie er in ihr steht. Jenes mag man von den ,Verhältnissen‘ und den ,Bedingungen‘ ableiten, dieses, das Fünklein, wird vom Oeist allein entzündet. Im Kampf um Israel waltet der Geist, nicht der Herrscher Geist, der in beruhigteren Zeiten unbeirrt aut den Höhen reinen Denkens thront: der Helfer Geist, der auf den Markt geht und zugreift.“ Descartes in hebräischer Sprache. In der Sammlung klas» Bischer philosophischer Quellen, die von L. Roth, dem .Lehrer der Philosophie auf dem Achad-Haam-Lehrstuhl zu Jerusalem, herausgegeben wird, ist soeben die Uebersetzung der ״Meditationes ae prima philosophia“ des Cartesius erschienen. Der verdienstvolle Uebersetzer ist der Schüler der Universität Joset U r, dem mit dieser Uebersetzung eine wichtige una schöne Leistung geglückt ist. Sie reint sich würdig an die — gleichfalls von Ur besorgten und in derselben Sammlung erschienenen — Uebersetzungen philosophischer Klassiker an. (Descartes, Leibnitz, Rousseau.) Die Aüsgaben sind ansprechend ursd schlicht ausgestattet, recht passend als Seminarausgaben, der Preis ist sehr niedrig genahen. Auf diese Neuerscheinung wie auf die Schriftenreine, in der sie erscheint, wird hier besonders hingewiesen, weil eine solche Uebertragung eines philosophischen Klassikers eine wichtige Bereicherung des hebräischen Schrifttums darstellt. Diese philosophische Seminarausgabe der Universität Jerusalem kann allen empfohlen werden, die sich in den hebräischen Stil 4er Philosophie cinlesen wollen. Dr. Ucko. Vom jüdischen Witz und Humor Zuip Wiedererscheinen des Buches von I. Olsvanger JRosinkeß mit Mandlen“•). Daß es den Juden an Witz und Humor, jener Kunst des Optimisten, auch noch der tragischesten Lebenssituation eine heitere Seite abzugewinnen, niemals gefehlt hat, ja daß sie wie• keine andere Menschen gruppe eine besondere Begabung für die Beleuchtung des Lebens durch die Lichter des'Witzes besitzen, ist heute, nach den vielen gründlichen Untersuchungen zu diesem Thema, bereits eine Binsenwahrheit, die keiner neuen Erhärtung bedarf. Sie soll mit den folgenden Ausführungen auch nicht versucht werden. Worauf aber vielleicht einmal hingewiesen werden darf, ist, daß dieses positive Urteil über die Anlage des Juden zur humoristischen und witzigen Betrachtung des Lebens, jenes Urteil, das seinen schärfsten abfälligen Ausdruck in dem Worte von dem ״zersetzenden Witz des Juden“ und seine stärkste wohlwollende Prägung in dem Satze Alexander Mosekowskis ״Der jüdische Witz ist das Fundament und die Krone alles Witzes überhaupt“ gefunden hat, fast ausschließlich auf der Kenntnis der humoristischen und Witzproduktiou westeuropäischer Juden basiert. Der Kenner des Lebens der Juden Osteuropas, jenes Teiles unseres Volkes, der in Sprache und Kultur in einem viel höheren Grade die ethnologische Eigenart des Volkes, seine Uran läge, bewahrt hat, konnte zu diesen! Urteile immer hinzufügen, daß auch, ja daß gerade da, wo das Leben der Juden in den traditionellen Formen des jüdischen Volkes sich bewegt und von den Inhalten der jüdischen Ueberlieferung erfüllt ist, der Quell des Witzes der Juden noch viel stärker fließt. Beweisen aber läßt sich diese Behauptung für den westeuropäischen Juden, dem der Zugang zu dieser Welt des Ostjuden durch den Mangel der Kenntnis der jiddischen Sprache verschlossen ist, erst, seitdem Immanuel Olsvanger durch die Herausgabe seiner Sammlung ״Rosinkeß mit Mandlen“ in der Ursprache, aber in lateinischer Transkription, die ganze Fülle der Erzeugnisse ostjüdischen Humors auch westeuropäischen Augen und Ohren zugänglich gemacht hat. Die erste Auflage dieser Sammlung von. jüdischen Schwänken, Erzählungen und Witzen erschien 1920, und es ist ein gutes Zeichen einerseits dafür* daß der Bedarf an Humor auch in dieser ernsten Zeit nicht gesunken ist, und andererseits auch dafür, daß dieser ursprüngliche jüdische Humor auch das Gefallen westeuropäischer Juden gefunden hat, wenn bereits 1931 das Bedürfnis nach einer Neuauflage des Werkes sich gezeigt hat . Olsvangers Sammlung ist mehr als eine Aneinanderreihung von lustigen, witzigen, komischen und manchmal tragikomischen Schwänken und Erzählungen aus dem Leben der Ostjuden, sie ist ein Dokument jüdischen Lebens in Reinkultur. Die Menschen, von denen diese Schnurren und Witze reden, tragen nicht nur jüdisches Gewand; es ist nicht nur die Sprache, die die Mensehen dieser Erzählungen zu jüdischen macht, sondern die Art, wie sie die Welt betrachten, jene seltsame Mischung von Heiligung des Profanen und Profanisierung des Heiligen, die auf der zweitausendjährigen Tradition jüdischer Lebenshaltung beruht und letzten Endes aus dem Gefühl des gewohnten und vertrauten Umgangs mit dem Erhabenen dem Juden die Ehrfurcht vor diesem nimmt und ihm erlaubt, es sogar zum Gegenstände des Scherzes zu machen — all das ist wirklich Dokumentätion jüdischen Lebens. Da treten sie in langem Zuge an: die Rabbis und Bachurim, die Chasonim, Schammoschim, Schädchonim, die Badchonim und Marschaliks, die alten Weiber, die Medinegeier, die Frommen und die Zweifler, die Chachomim und die Amrazzim — alle sind Gegenstand des Witzes,' der Satire, des Gelächters; weil alle Objekt der Liebe des Volkes sind, darf sich auch der Witz und der Spott, das Lächeln an sie heranwagen. So ist nun einmal das natürliche Leben eines Volkes, auch das des jüdischen Volkes. Wer es kennen lernen will, in seinem Lieben und Hassen, in seinem Ernste und seiner Heiterkeit, in seiner Ehrfurcht und seinem Spott, in seinem Fürchten und seinem Hoffen, bei der Arbeit und beim Spiel, beim Lernen und beim harmlosen Genießen, der lese die Schnurren dieser Sammlung, die nicht ein Mann erdichtet, sondern ein feinhöriger Beobachter dem Volke abgelauscht hat und wiedererzählt. Und wenn vielleicht einen westeuropäischen Juden oder den Nichtjuden das Milieu und die Geistesart dieser Menschen und manches von den Begriffen, Einrichtungen und Qewohnheiten ihres Lebens h־?md anmuten sollte — Olsvanger hat der Sammlung eine kurze Studie (in deutscher Sprache) ״Aus dem Alltags- und Festleben der Ostjuden“ vorausgeschickt, die den Alltag und den Feiertag, die Menschen und die Dinge des jüdischen Lebens in aller Kürze, aber doch so plastisch schildert, daß der Leser, der sich mit dieser Studie vertraut gemacht hat, ganz eng mit den Gestalten und Einrichtungen der jüdischen Welt verbunden sein wird. Er wird bei der• Lektüre des Buches die Distanz zu jenen verlieren, ganz vertraut mit ihnen werden, und mit jenem Schmunzeln des Verstehens, das das Jiddische ״Schmeichel“ nennt, wird sich ihm das Milieu des Juden einschmeicheln; aus Witz, Satire, Spott und Hänselei wird Liebe werden. Dafür verdient der Sammler dieser Schnurren und die (nichtjüdische) Wissenschaftliehe Gesellschaft, die ihm das Wiedererscheinen seiner Samtnlung ermöglicht hat, den Dank jedes, der jüdisches Leben in allen seinen Erscheinungsformen liebt. , Dr. Georg H erlitz. Palästina-Broschüren. Das Hauptbüro des Keren Haj e s s 0 d (Jerusalem) hat soeben zwei neue Broschüren in deutscher Sprache herausgegeben ״Das jüdische Dorf“ und ״Die jüdische Stadt“. Beide Broschüren sind mit sehr schönen Bildern ausgestattet. Die erste gibt ein eindrucksvolles Bild vom Wachstum des jüdischen Dorfes, der allmählichen Höherentwicklung der jüdischen Landwirtschaft und der Entstehung einer neuen jüdischen Bauerngeneration; den verbindenden Text hat sehr sachkundig Agronom S. Zemach geschrieben. ״Die jüdische Stadt“ ist selbstverständlich Tel-Awiw. Hier hat G. H a n o c h geschickt alles Wissenswerte über die ungewöhnlich schnelle Entwicklung der Stadt und ihre jetzige Struktur, ihre wirtschaftlichen Unternehmungen und kulturellen Institutionen usw. zusammengestellt. Die schönen Bilder zeigen alle Seiten des Tel-Awiwer Lebens, vom Karneval und Strand bis zu der Arbeit in den Fabriken. Auch Kennern Palästinas werden die beiden schönen Broschüren Freude machen, für Unkundige werden sie geradezu eine neue Welt erschließen. •) Rosinkeß mit Mandlen. Aus der Volksliteratur der Ostjuden. Schwänke, Erzählungen, Sprichwörter und Rätsel, gesammelt von Dr. Imanuel Olsvanger. 2. völlig veränderte und vermehrte Auflage (Basel 1931, Verlag der Schweizerischen ן Gesellschaft für Volkskunde). Büdiersdiau Joseph Roth, Radetzky;Marsch. Roman. Verlag G. Kiepenheuer, Berlin. In Joseph Roths unvergessenem ״Hiob“ klang es wie Marcia Funebre, Allegro Furioso dazwischen; sein neues Buch ist ein Andante cantabile — Kammermusik aus dem alten Oesterreich. Das Schicksal der sterbenden Monarchie verkörpert sich im Schicksal einer altösterreichischen Familie durch drei Generationen: vom Großvater, dem ״Helden von Solterino“, der in den Lesebüchern steht, über den Vater, den Bezirkshauptmann, bis zu dem Enkel, dem Leutnant von Trotta, der gerade drauf und dran ist, die einst sovielgeliebte Armee zu verlassen und zur Scholle, von der das Geschlecht seinen Ausgang nahm, zurückzukehren — als der Weltkrieg ihn als Opfer Fordert. Und merkwürdig wiedergespiegelt und verkettet sind diese österreichischen Schicksale mit der Ent- Wicklung und Verwicklung einer jüdischen Familie: dort ist der Großvater iin silberweißen Bart Schankwirt — aber ein König der Schankwirte, der den Bauern seinen Wodka austeilt, als bewilligte er ihnen eine Gnade; wie armselig nimmt sich dagegen das Leben des Sohnes aus, dessen Ehrgeiz sich in der Laufbahn des pflichttreuen mittleren Postbeamten und ״längerdienenden Rechnungsunteroffiziers“ erschöpft. Der Enkel des Schankwirts, der Regimentsarzt Max Demant, ist befreundet mit dem Enkel des Helden von Solterino, dem Leutnant Trotta, und sieht ihrer beider Tragödie darin begründet, ״daß sie Enkel sind . . . Sein unsinniger Tod endet ein unsinniges Leben, gleich weit entfernt von der urwüchsigen Judenkraft des Großvaters wie von den ,höheren Zielen‘, die sich der Forscher und Akademiker gestellt hat. Und der alte Kaiser, dessen Leben und Sterben mit den Schicksalen der Familie Trotta wundersam verknüpft ist, stirbt am selben Tage wie der Letzte der Trottas, der Vater, der seinen Sohn nicht lange überleben konnte . . .“ ich glaube, sie konnten beide Oesterreich nicht überleben“, sagt der Doktor Skowronnek — eigentlich überflüssigerweise. Denn wer diesen Grundton des Buches auf seiner letzten Seite noch nicht vernahm, der hat für die Wehmut dieser trotz alledem S"' Schicksal — denn der Held, der Bezukshauptmann^ der Leutnant sagen uns als Einzelmenschen gar nichts — im Leben österreichischer Juden spiegelt: auch ihrer ist die Liebe zum alten Staat, auch ihrer ist die Wehmut bei seinem Sterben — aber ihre Tragödie ist eine doppelte. Der Leutnant Carl Joseph von Trotta stirbt, als er seinen Leuten, ruthenischen Bauern, die er liebt, aber deren Sprache er kaum versteht, Wasser holen will — ein Tod, ungeeignet für die Lesebücher, aber dennoch der Tod eines Rückkenrenden zur einfachen Größe des Volkes, aus dem er kam. Der Jude Doktor Demant stirbt im Zweikampf, ein Opfer eines Ehrbegriffs, an den er nicht glaubt — für eine Frau, an deren Unschuld er nicht glaubt. Als ein ferner Widerhall aus ferner Kindheit zitterte die erloschene Stimme des Großvaters: ״Höre Israel, sprach die Stimme . . .“ Es ist die einzige Rückkehr, die dem Juden offen ist. B. B. St. Else Lasker-Schüler: Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters. (1932, Rowohlt, Berlin.) Else Lasker-Schüler, der ״schwarze Schwan Israels“, hat uns in diesem schmalen Bändchen ein eigentümlich schönes kleines Lied gesungen. Alle die Quellen ihres Seins ströme« zusammen in dieser Oeschichte ihres Vaters, die eigentlich eine Geschichte ihrer Väter ist. Westfälische Kinderheimat und katholische Kirchenluft — und jüdisches Erbteil, das tief unten strömt, dem Herzen zunächst. Von dem milden Großvater- Rabbuni mit dem seidnen Turban um den Kopf erzählt sie, zu dem die PiLger aus aller Herren Länder kommen, und von dem Strengen Vatersvater mit seinen dreiundzwanzig Kindern, der sich noch an das himmelschreiende Blutbad erinnert, das in seiner Jugend am Heiligen Abend der Christenheit unter den Juden des Ortes angerichtet wurde. Bis in die Gegenwart hinein reicht Grauen und Fremdheit der Umgebung; die freundwilligen Bauern hätten nicht lange gezögert, die kranke kleine Dora als Hexe aut dem Scheiterhaufen zu verbrennen, wenn es ihnen nicht ein Hirtenbrief des allmächtigen Bischofs untersagt hätte. Selbst dem vielgeliebten Pfarrer Bernard, dem großen Freunde des kleinen Artnur Aronymus, kann es widerfahren, daß ein unbedachtes Wort wider die Juden seinen kleinen jüdischen Gast am Weihnachtsabend aus dem Hause treibt, und auch er kann sich nicht enthalten, in der Bekehrung seines kleinen Schülers ein erstrebenswertes Ziel zu sehen. Aber neben den Weihnachtsabend mit seinem jähen Ende tritt der Sed erabend, an dem die beiden christlichen Würdenträger teilnehmen — reizend isFs, wie ihnen hier die sieben jüdischen ״Osterbrüder“ und Schnorrer vorgestellt werden, Perlmutter und Lämmle, Ostermorgen und Nathaniel Brennessel, und der greise Nachtwächter, ״der viel gewacht hat und sich darum tief versenken konnte in das Wort des Herrn“. Und am Schluß kommen die beiden geistlichen Herren mit dem jüdischen Oastgeber überein, ״mit ein bißchen Liebe geht’s schon, daß Christ und Jude ihr Brot gemeinsam in Eintracht brechen“ — ״noch wenn es ungesäuert gereicht wird“, vollendete artig die Mutter. — Hier ist Else Lasker-Schüler nicht der barocke Prinz von Theben, dessen Kaskaden uns manchmal verblüffen; hier ist sie die rechte Tochter ihres Vaters und die Enkelin des milden Rabbuni. Wie sie es in vergangener Zeit einmal formte: ״dem Fels, aus dem sie entsprang“, nat sie hier noch ein schlichtes Gotteslied gesungen; und wir lieben sie darum. Bertha Badt- Strauß. Nietzsche In seinen Briefen und Berichten der Zeitgenossen. Die Lebensgescliichte in Dokumenten, herausg. v. Alfred B ä u m Ie r. Alfred Kröner Verläg, Leipzig, 4 M. Dieser Kröner-Band, schon durch die Ziffer 100 als besondere Erscheinung gekennzeichnet, wird durch die geschickt aufgebaute Lebensdarstellung und Auswahl der Briefe jedem Nietzsche-Freund Freude bereiten. Für einen jüdischen Leser sind vor allem die Stellen interessant, wo N. entschieden gegen den Antisemitismus Stellung nimmt. Als besonders charakteristisch und heute aktuell sei nur folgende Stelle aus einem Brief an die Schwester hier zitiert: ״Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für mich, nach allen Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich in den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättem heimgesucht: mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner, bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören.“ Auch heute wird der Philosoph des ,,Willens zur Macht“ oft von den Völkischen für sich in Anspruch genommen. Um so dankenswerter ist es, daß von Prof. Bäumler, der unseres Wissens selbst dejn Nationalsozialismus angehört, diese Stellen wieder ins Gedächtnis zuriiekgerufen werden. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Georg Landauer, Berlin-Wilmeradorf. Verlag: jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Drude von Siegfried Scholem, Berlin - Schöneberg.

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