Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 1 = Januar (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JO'OIS C H E R U NSDS C H AU Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1933 Sein»»* ׳;• Der internaHonale Minderheitenschutz Die soeben fcöfffaefa tacmng des Völkerbünderatet wird tick aUehimede^ mit aef* Frage der Minderheiten zu beschäftigen haben. Es handelt sich hier um einet der schwierigsten Probleme des heutigen Europa, an das sich bisker htemand ernsthaft heranwagt. Schon vor dem Krieg bestanden in vielen Ländern nationale Minderheiten; durch die Friedensverträge wurde ihre Zahl erheblieh verr::'1rt, und heute sind zahlreiche Volkssplitter in derselben Lage wie die Juden: daß sie in Symbiose mit einem Mehrheitsvolk ihre historische nationale Eigenart und ihre .kulturellen. Güter zu verteidigen haben. Eine beson- ders große Roüe spielen die M inderheiten imdeutschen Volkstum. Die Deutschen haben daher in höherem Maße alt die anderen großen Nationen ein Interesse daran, den Gedanken durchzusetzen, daß bei aller Anerkennung der beherrschenden und maßgebenden Stellung des staatsbildenden Mehrheitsvolkes in jedem Land auch den andersartigen Staatsbürgern volle Gleichberechiigun g und die Gewährleistung der fflege ihrer natio nalen Eigenart zuteil wird, ln diesen Forderungen müßten sich Juden und Deutsche auf internationalem Boden begegnen. Leider aber ist gerade der deutsche Nationalismus von der Erkenntnis dies.er Zusammenhänge^ weit entf er nt. Die deutsch-feindliche Agitation hat es leicht, gegenüber dem deutschen Appell an die Gerechtigkeit auf die im deutschen Nationalismus herrschenden Tendenzen gegenüber den, deutschen Juden hinzuweisen. Unter diesem Gesichtspunkt ist der deutsche Antisemitismus eine der schwersten Schädigungen 'der allgemeindeutschen Volketums in teressen. Die Juden, die unter , den europäischen Minderheiten einen bedeutenefen Platz einnehmen, werden ihre Bemühungen, allgemeine Grundsätze einer Besserstellung der Minderheiten. durchzusetzen, fortsetzen. Anläßlich der bei der Ratstagung zu ,gewärtigenden Minderheitendebatte berichtet unser Mitarbeiter Dr. Rudolf Levy nachstehend über den gegenwärtigen Stand dieser Angelegenheit. Red. Wer sich ein Bild davon machen will, unter welchen Schwierigkeiten die Minderheitsgruppen in Europa ihr natiossles Leben gegenüber den Maßnahmen der Regierungen behaupten müssen, sei auf die von dem Generalsekretär der Nationalititenkongresse, Dr. Ewald A m m e n d e, unter dem Titel *Die Nationalitäten in den Staate n Europas“. (Verlag׳ W. Braumüller, Wien) herausgegebene Samm- Ittag von Lageberichten hingewiesen, die durch einen Ergän- 2nag8band bis in die letzte Zeit fortgeführt sind. Es ist dort v dae Fülle von Material Über alle Zweige des nationalen Lebens: auf Grund von. Berichten aus den einzelnen Staaten zttsaminengetragen. Man sieht daraus, daß die Methoden der Unterdrückung nationaler Minderheiten überall im Grunde «he gleichen sind. Hier sei vor allem auf die wertvollen Bericht« über die, Lage der Juden in Estland, Lettland, Utapen. Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und Bul- : nrien nlngewiesen, die die schwere, ständig gefährdete Lage der Judenhcit in fast allen diesen Lindern an Hand von Tat- Sachen und Ziffern deutlich zeigen. Kana man aus diesem Bericht entnehmen, wie sich die Minderheitenfrage״ in den europäischen Staaten darstellt, so gibt die kürzlich erschienene Schrift von Hans K0 hn ,,Der ' Nationalismus in der Sowjetunion“ (Societäts- Verlag Frankfurt a. M.) eine Vorstellung von dem besonderen Charakter. der Nationalitätenfrage in Sowjetrußland, die sich dort, wie Kohn geistvoll und anschaulich schildert, als eine Auseinandersetzung zwischen den Glaubenslehren des Kornmunismus und des Nationalismus darstellt, in der für die Juden,' wie bekannt, besondere Schwierigkeiten entstehen. .. Von,der Lage der Juden in Deutschland ist bisher «inter diesen Gesichtspunkten nicht die Rede gewesen. Welche Perspektiven sich hier eröffnen können, zeigt ein umfangreicher Aufsatz von Dr. Norbert Gurke ״Der National- Sozialismus, das Grenz- und Auslandsdeutscntum und das Nationalitätenrecht“, der im Oktoberheft der Minderheiten- Zeitschrift *Nation und Staat“ erschienen ist. ln dem bekanntea Stile wird das auserwählte nordisch-heldische Kultursind Schönheitsbild dem herrschenden menschheitüch-händlerisch-parifistisch-jüdischen Geist der ״Jüdischen Nomaden“ ׳ gejpaübergesteilt und den Juden, die mit Rücksicht auf ihre rremdrassigkeit nicht einmal zu den Fremdnationalen im engeren Sinne gerechnet werden, eine Rechtsstellung ange- . kündigt, *die noch hinter der der gleichrassigen Fremden zurückbleibt. Eine sachliche Auseinandersetzung mit derartigen Aeußerungen ist natürlich sinnlos. Was hierzu zu sagen ist, hat Kurt Blumenfeld auf dem Frankfurter Delegierten tag formuliert. Es ist aber symptomatisch, daß wiederholt auch von jüdischen Minderheitenvertretem in Anspruch genommenes Organ sich veranlaßt sieht, diesen Ausführungen, wenn auch mit dem redaktionellen Hinweis auf eine spätere Stellungnahme, seine Spalten zu öffnen. In einer solchen allgemeinen Situation der Juden in der Welt bedarf es stärkster Beachtung jener internationalen Faktoren, die dem Schutz der ״sprachlichen, nationalen und religiösen Minderheiten“ dienen. ln diesem Jahre waren es vor allem die Wiener Tagung des Nationalitätenkongresses, die Genfer Tagungen des V ö 1 k e r b u n d e s und der Interpariamentarisehen Union sowie die Oxforder Tagung der lnt er national Law Association, die sich mit dem internationalen Minderheitenschutz beschäftigt haben. ז־• Wie der Genfer Berichterstatter der ״Jüdischen Rundschau“ bereits (in Nr. 83 des vor. Jahres) dargelegt hat, erscheint am bedeutsamsten die Forderung nach V e r a 11 g e - meinerung des rechtlichen Minderheiten- Schutzes, die schon immer von den Minderheitenkongressen erhoben wurde. Auch die zuständige Kommission der Interrmentadschen Union, hat sich auf ihrer Genfer Sitzung die Ausdehnung der Geltung der Minderheitenverträge auch auf alle Großmächte ausgesprochen, ln der Resolution des Minderheitenkongresses wird ausgeführt, daß die Staaten, denen in den Friedensverträgen Verpflichtungen zum Schutze der Minderheiten auferlegt wurden, dies nicht als Anwendung eines allgemeinen Rechtsprinzips ansehen, sondern sich dadurch zu Staaten minderen Rechts herabgesetzt fühlen. Der Unterschied zwischen geschützten und ungeschützten Minderheiten sei eine Quelle ständigen Unrechts und ständiger Bedrobung Europas. Der Kongreß fordert eine Konvention *Ijer europäischen Staaten, in der sich die Staaten zur Asnaahme des Grundsatzes des Minderheitenschutzes in ihre '* Rtehtaatzuagen und zur Fortbildung des bereits bestehenden MiaderbeHearechts verpflichten. Es würde gerade für die Entwicklung in Deutschland von Bedeutung sein, daß dae derartige Forderung Gestalt gewinnt. Die deutschen Juden haben cs zwar bisher nicht nötig gehabt, Minderheitenrechte in Anspruch zu nehmen. Die Entwicklung der letzten Zeit läßt es aber angezeigt erscheinen, rechtliche und politische Wege zu erörtern, die den Bestrebungen zur Entrechtung der Juden entgegenzuwirken geeignet sind. Daß , es die verschiedenartigsten Wege gibt; um eine Minderheit \ faktisch zu entrechten, ohne die Verfassung oder anderes geschriebenes Recht zu verletzen, zeigt die Behandlung der Minderheiten in den verschiedenen Ländern, wie sie in den obenerwähnten Berichten zum Ausdruck kommt, mit aller Deutlichkeit. Aus dieser Sorge heraus erklärt es sich, daß überall Lösungsmöglichkeiten erörtert werden. Hierher gehören auch die Vorschläge des Staatsrechtlers Professors T e d e s c h i, die in Nr. 63 der ״Jüdischen Rundschau“ eingehend dargestellt sind. Es erscheint jedoch nicht angezeigt, eine Sonderaktion nur zugunsten der Juden in Angriff zu nehmen. Denn die Juden sind, wie auch Motzkin auf dem Minderheitenkongreß dargelegt hat, die Minderheit par excellence. Die Juden sind im Gegensatz zu den anderen Minderheitsgruppen nirgends in der Majorität, sondern überall in der Minorität, so daß kaum mit einem Erfolg eines solchen gesonderten Vorgehens gerechnet werden kann. Demgegenüber Ist jener Weg vorzuziehen, den die jüdischen Minderneitsführer, beginnend mit den Pariser Friedenskonferenzen, immer eingeschlagen haben. Sic haben für einen allgemeinen Minderheitenschutz gekämpft und sich hierbei stets der Unterstützung aller anderen Minderheitsgruppen erfreut. (Dies zeigte auch die scharfe Ablehnung des deutschen Antisemitismus durch den Kongreß- Präsidenten WiJfan, die bezeichnenderweise von der Radiozensur gestrichen wurde.) Aus diesem Orunde erscheint es erforderlich, alle Energie auf die Verwirklichung der Be- Strebungen zur Ausdehnung des bestehenden Minderheiten- Schutzes auf alle europäischen Staaten zu konzentrieren. Voraussetzung einer Durchsetzung der Mindarheitenrechte ist jedoch ein zuverlässiges Funktionieren der internationalen Instanzen, insbesondere des Völkerbundes, der auf diesem Oebiete bisher außerordentlich unbefriedigende Arbeit geleistet hat. Mit Recht stellte der Generalsekretär der Kongresse, Dr. Ammende, die Forderung nach einer p e r m a ־ nenten Minderheitenkommission beim Völkerbund in den. Vordergrund. Das für die Behandlung der Minderheitenfragen erfahrungsgemäß völlig ungeeignete, rein politische Gremium des Völkerbundsrats muß ersetzt werden durch eine der Mandatskommission nachgebildete ständige Kommission, die sich mit der gründlichen und sachkundigen Behandlung der Minderheitenfrage zu befassen hätte. Die großen Mängel des gegenwärtigen Verf a h r e n s beim Völkerbund, insbesondere die Langsamkeit der Minderheitsbeschwerden und die mangelhafte Publizität, wurden in der politischen Kommission der Völkerbundsversamm* lung von den Vertretern Deutschlands, Englands, Oesterreichs, Hollands, Norwegens und Dänemarks einer scharfen Kritik unterzogen. Auen der Berichterstatter über den Minderheitensenutz auf der Tagung der International Law Association, der englische Barrister. Vaughäm Williams, bemängelte in schärfster Weise das unzulängliche Verfahren. In dem Referat von Professor Bovet kam die von den Minderheitenkongressen von jeher betonte Tendenz zu überstaatlichen Verbindungen zum Ausdruck. Die Minderheiten haben infolge dqr ständigen Gefährdung ihrer national-kulturellen — und wie eine Resolution des Kongresses zum Ausdruck bringt, auch ihrer wirtschaftlichen und sozialen — Existenz das Bestreben, über die Grenzen der Staaten hinweg Anschluß an die Gruppen der gleichen Nationalität zu suchen. So gab es besondere Tagungen der deutschen, polnischen, ungarischen Volksgruppen in Europa. Auch hier setzt das besondere Interesse der Juden ein. Sie sind besonders darauf angewiesen, über die politischen Grenzen hinweg ihre gemeinsamen Volksaufgaben zu organisieren. Max Hodann über Osteuropa und Judenfrage Von Dr. Hanns Reißner, Neubabelsberg. Max Hodanns jüngste Publikation (,,Der s 1 awisehe Gürtel um Deutschland“, Universitas, Berlin 1932) wäre berufen gewesen, eine gewichtige Lücke in der ethnopolitischen Kenntnis der deutsch-sprechenden Oeffentlichkeit auszufüllen. Leider fällt aber die Darstellung weder so suggestiv noch so präzise aus wie der Titel des 320 Seiten starken Werkes. Es erweist sich als mit der gleichen sym- Eathischen Subjektivität, doch auch der gleichen stofflichen ln Selbständigkeit und vorschnellen Schiefheit des Urteils behaftet wie alle die systematischen Niederschriften von JReiseeindrücken, deren Verfasser auszogen, eine These zu beweisen, die sie schon vor Reiseantritt gefaßt hatten, und die sie nun daran hindert, die Probleme in der ihnen eigenen Fülle überhaupt zu erfassen, geschweige darzustellen. Das in der politisenen Literatur klassische Beispiel für diese Art Reiseschrift- Stellerei ist das Werk des Grafen Mirabeau über die Monarchie Friedrichs des Großen. In mehr als einer Beziehung ähnelt Hodanns jüngste Publikation jenem Musterfall der vorschnellen Kompilation: hier wie dort eine Anzahl ungenannt bleibender Kollektiv-Mitarbeiter, hier und dort so gut wie erschöpfende Literaturangaben, aber auch eine ungestaltete Fülle daraus entnommener Einzelangaben, gelegentliche überrumpelnd einfache, wenngleich auigeklebte Formulierungen., und doch . .und doch wird der Leser das Gefühl nicht losj daß, mag jedes Zitat auch belegt sein, das Ganze doch nicht überzeugt. Wieder muß man an eine andere Darstellung erinnern, um zu erweisen, was der Leser zu verlangen hat, wenn er über die ihm fremden, geistig-realen und politischen Tendenzen eines Nachbarlandes unterrichtet zu werden wünscht. Man denke an Pierre Vienots vor etwa Jahresfrist erschienene Broschüre ״Incertitudes Allemandes“ (deutsch übersetzt unter dem Titel ״Ungewisses Deutschland“): welch vorauf gegangen es jahrelanges, selbstvergessenes Bemühen um das innere Ringen einander befehdender Kräfte und Strömunfen, welch sparsame, aber schlagende Dokumentation durch inzelbeispiele, welche innere Verknüpfung von Darstellung und Schlußfolgerung. Wie vorschnell, äußerlich und vielfach schief Hodanns Schilderungen und Thesen trotz sicherlich besten Willens, trotz gigantischer Literaturnachweise und kollektiver Ueberprüfung durch ,,Fachkenner“*) blieben, mag an dem Kapitel über das Ostjudentum im einzelnen nachgewiesen werden. 22 Seiten (136—158) widmet Hodann diesem Unterthema; 47 Quellenangaben machen den Beschluß. Uneingeschränkt anzuerkennen ist nur die wirklich gültig charakterisierende Bfldbeigabe, Photographien von verschiedenen Judentypen, Straßen- und Marktszenen, sowie die künstlerisch hinreißende Aufnahme eines Synagogenschreins aus ,Lemberg (Bild 21). Wir glaubten zu wissen, daß Hodann ein bewährter Freund jüdischer Menschen und der jüdischen Jugend zumal ist, die *) Leider entging auch diesen eine Reihe sprachlich und sachlieh nicht notwendiger Ungenauigkeiten, z. B.: Herzl war kein sephardischer Jude (S. 145); ״verband“ heißt auf hebräisch Agudah, nicht Agudath (S. 153); ״Misrachi“ sind nicht ״nach Osten, misrach, sich Wendende“ (S. 183), vielmehr stellt der Parteiname eine Zusamrtienziehung von ״Merkas ruchani“, geistiges Zentrum, dar. auch eins seiner pädagogischen Werke (״Bub und Mädel“) ins Hebräische (im Verlag des Haschomer Hazair, Warschau) übersetzt hat. Um so starker muß die verzerrie Dar- Stellung des jüdischen Typus befremden, mit der Hodann in seinem Osteuropabuch aufwartet und die aus einem rechts-antiscmitischen Pamphlet Übernommen sein könnte, Der Jude, charakterisiert Hodann (S, 138), ״studierte den Talmud, utn nebenbei auch die Pfiffigkeit zu lernen, die er brauchte, um jede Ausbeutungspraktik in der Diskussion mit seinem Gott, dem großen Jehova, rechtfertigen zu können“. Ueber den Cheder schreibt Hodann (S. 152): ״Im üblichen Sprachgebrauch bedeutet er eine Talmud-winkelschule. So etwas muß man gesehen haben: in einem engen, brüchigen, stickigen Raum zusammengepfercht, eine Menge Knaben — um die Mädchen kümmert man sich nicht. Die gehen auf polnische Schulen. Die Knaben sitzen oder stehen vor aufgeschlagenen, dicken Bänden der ״Schrift“, sie schreien, toben, singen, nicht itn Chor, jeder für sich, aber im gleichen Rhythmus den Laut der Gebete, Im Kaftan schleicht der Schulmeister, besser Betmeister, der Melamed, herum und berichtigt. Die Knaben lernen den Inhalt jenes spitzfindigen und ״ein getreues Abbild der sozialen Struktur der jüdischen Kastengesefischaft“ (Heller 121) gebenden babylonischen Talmud, neben dem es noch die Midraschim, die Auslegungen gibt. Sie lernen das ״Gesetz“ und bleiben in der Kaste. Der Chederjud trägt die Uniform der Kaste, Kaftan und Peies, die Schläfenlocken. Und ist ein Glied des auserwählten Volkes.“ So viel Sätze, soviel mangelhaft aufgenommene Informationen und — schlimmer noch — mangelhaft durchdachte, um nicht zu sagen: gehässige Impressionen, ganz zu schweigen ‘von der geschmacklosen Apostrophe des Gottesnamens. Wenn die polnische Regierung auf einem Gebiete auf ansehnliche Leistungen in den nunmehr 14 Jahren des Bestandes der jungen Republik verweisen kann, so ist es auf dem Gebiete des Schulwesens, insbesondere auch des Minderheiten-Schulwesens. Auch in den jüdischen religiösen Schulen werden durch Auflage der polnischen Regierung neuerdings elementare Profanwissenschaften gelehrt. Ein Netz jüdischer Mädchenschulen auf religiöser Grundlage (die ״Beth faakow“־Anstalten) ist geschaffen worden. Die Schulen der jüdischen privaten Unterrichtsorganisationen Cischo und Tarbuth beruhen durchweg auf dem Prinzip der Koedukation. Was Hodann überhaupt nicht gesagt worden zu sein scheint, ist die Tatsache, daß heute bereits 70 0/0 der gesamten schulpflichtigen jüdischen Jugend polnische Regierungsschulen mit rein profanem Unterrichtsziel und nicht mehr als zwei Wochenstunden ״Religionsunterricht“ besuchen. (Näheres über das hier nicht weiter zu verfolgende Thema in dem Beitrag des Verfassers ״Schul und Schule im neuen Polen“ in ״Der Morgen“, VII, 4, 1931.) Schmerzlicher aber noch ist es, bei einem Pädagogen vom Range Hodanns die Neuauflage jener karikierenden Darstellung einer ״Judenschule“ zu finden, ohne daß zugleich ein Hinweis die geweckte Art der Kleinen und die geschärfte Geistigkeit der Großen hervorhöbe, die so grundlegend absticht׳ von der freudlosen Stumpfheit mitteleuropäischer Volksschulen alten Stils. Wenn Hodann diese selbstlos dem Problem hingegebene Geistigkeit mit ״Spitzfindigkeit“ und ״Pfiffigkeit“ abzuwerten beliebt, so hat das mit aer Judenfrage nur indirekt zusammenhängende, allgemeinpolitische Hintergründe. Hodann ist hierin von der Sowjetrussischen Antikirchen-Propaganda beeinflußt, nach welcher ״die religiöse Bindung das stärkste Versklavungsmittel“ war und ist (S. 144). Trotz äußerer Analogien — etwa der in der Form behutsamen Politik des Pilsudski-Blocks derAgudah gegenüber, die Hodann als fromme, aber politisierte Reaktionäre bezeichnet, — sind jedoch auch im Ostjudentum politische Interessenvertretung und religiös-geistige Autorität durchaus nicht, identisch, wenn Hodann auf S. 139 von der ״geistlichen Leitung der Kahalen“ (sic) spricht, — gemeint ist der mittelalterliche Steuererhebungsverband der jüdischen Gemeinden — so stellt er damit nur wieder seine sachliche Viertelinformation unter Beweis. Nachdem für Hodann (S. 155) in Otto Hellers ״Der Untergang des Judentums“ ״in eindeutig marxistischer Form das Judenproblem der Gegenwart aufgerollt“ ist, nimmt es nicht weiter wunder, daß Hodann auch den Beitrag Palästinas zu seiner Lösung — gelinde gesagt — bagatellisiert. Es ist in diesen Spalten (s. die Auseinandersetzung mit Heller, Nr. 99/100, vom 23. 12. 1931, von der Hodann wenigstens die Ueberschrift ״Getarnter Prospekt“ gelesen hat; Nr. 9 vom 2. 2. 1932; Nr. 96 vom 2. 12. 1932) unnötig, die von Hodann ausgewalzte These, die Juden seien nur eine ״Kaste“, abermals zuwiderlegen. Leider ist es mit einer solchen einseitigen Widerlegung nicht getan, wie Hodanns Buch beweist, in dessen Ostjudenlcapitel Hellers These fröhliche Urständ feiert. Was die palästinensische Wirklichkeit anlangt, so will Hodann sie ״unvoreingenommen“ beschauen (S. 154;. Wie nimmt sich diese Unvoreingenommenheit tatsächlich aus? Er, der sonst höchstes Gewicht auf äußerste Aktualität seiner Ziffern legt, kennt für die jüdische ländliche Bevölkerung erst den Stand des Jahres 1928, den er mit etwa 30 000 angibt, wozu er bemerkt! ״seitdem ist ihre Zahl nur unerheblich gewachsen“ (S. 154). Man darf Hodann dahin informieren, daß das Wachstum in den vier Jahren seither 50 0/0 betragen hat, so daß im Herbst 1932 nach dem Referat von Arthur Ruppin auf dem Frankfurter Delegiertentag (״Jüd. Rundschau“, Nr. 75 vom 20. 9. 1932) die jüdische ländliehe Bevölkerung Palästinas 40 000 Seelen stark war. Doch bestreitet Hodann nicht ganz und gar, ״daß die Zahl vermehrbar ist, wenn auch die größte Schwierigkeit des Landes darin liegt, daß 29,4 v. H. der dort wohnenden Araber landlos sind“. Angesichts dieses auf dem längst widerlegten Simpson-Bericht fußenden Satzes wird es schwer, Hodann die von ihm beanspruchte Unvoreingenommenheit zuzubilligen. Man darf ihn darauf hinweisen, daß nach der Aussage des High Commissioner Sir Arthur Wauchope vor der Mandatskommission des Völkerbundes (s. ״Jüd. Rundschau“, Nr. 91 vom 15. 11. 1932) von 3591 Ansprüchen angeblich durch die jüdische Kolonisation landlos gewordener Araber bisher 1800 als unberechtigt zurückgewiesen, nur 765 berechtigt antikannt, und 1026 noch unerledigt sind. Abschließend charakterisiert Hodann das Palästina-Experiment als ״höchst zweifelhaft“ (S. 155) geworden. Unmittelbar anschließend prophezeit er, das ״Scheitern der Palästina-Hoffnung“ (S. 156) vorwegnehmend, daß dann den Randstaatenjuden nur noch ein Weg offenbleiben werde: ״der Anschluß an die Sowjets“. ״Kann es, fragt er rethorisch, bessere Kräfte für die Zertrümmerung der kapitalistischen Kräfte des Ostens geben, als diese brotlosen, aber geschulten Köpfe?“ Hodann führt unter seinen Quellen zwar auch die ziemlich entlegene, aber doch lesenswerte Studie von Meir Jaari ״Die jüdische Bourgoisie“ (Blätter des Haschomer Hazair, Heft 3, Wien, April 1931) auf; doch gehört er selbst wohl mit zu den dort genannten Beurteilen!, die es nicht verstehen wollen oder können, daß gerade die zionistische Jugend, ״die aus den verarmten kleinbürgerlichen Kreisen kommt, die gärendste ist und am fähigsten, durch Selbsterziehung zum gesellschaftlichen Träger der nationalen und sozialen Befreiung 7.u werden“. Es wäre ein dankenswertes Unternehmen, wenn es gerade dieser Jugend, die Hodann vielfach persönlich nahe stellt, noch nachträglich gelänge, ihm eine anschauliche Vorstellung von der besonderen, durch marxistische Theorien nicht auszuschöpfenden Dynamik der jüdischen Gemeinschaft zu vermitteln, über deren Entwicklung das Dichterwort stehen könnte: Ich komme aus anderen Zeiten Und hoffe, in andre zu geh'n.