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Jüdische Rundschau · 1933-01-01 · 1 = Januar (1.1933) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
2 (1933)
Issue
1 = Januar (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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MToBÄtaausgAbc Nr, 1, Jaauar 1935 JÜDISCHE RUN1DSC HAU ScheS Zur Lage in ״1 "y.j,U •38d Regierung Hitler Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die Bildung einer Regierung, in welche die Nationalsozialisten die wichtigsten Machtpositionen inne haben, beendet einen Zustand der Unklarheit und sich immer erneuernden Verwirrungen, der die letzte Epoche innerer deutscher Geschichte charakterisiert. Wir stehen als Juden vor der Tatsache, daß eine uns feindliche Macht die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hat. Wer ein Gefühl für Realität hatte und sich nicht durch die Beschwichtigungen der liberalen Presse, die immer wieder einen Zerfall der nationalsozialistischen Bewegung zu sehen glaubte, beirren ließ, konnte sich freilich keiner Täuschung darüber hingeben, daß die in den großen nationalsozialistischen Wahlerfolgen zutage getretene politische Umgruppierung und geistige Umstellung des deutschen Volkes früher oder später auch in der Zusammensetzung der Regierung ihr Widerspiel finden müsse. Der Nationalsozialismus ist eine judenfeindlicheBew e gu ng , er ist programmatisch in einem Maße antisemitisch, wie es noch keine Partei war, er verdankt der skrupellosen Judenhetze einen großen Teil seiner agitatorischen Erfolge. Dies konnte uns aber niemals verhindern, die Tatsache anzuerkennen, daß der Nationalsozialismus eine entscheidende Kraft im deutsehen Volke geworden ist, die geringzuschätzen irrig wäre. Darum haben wir uns auch, als Hitler am 13. August und am 25. November vom Reichspräsidenten abgewiesen wyrde, keineswegs so erleichtert und befriedigt gezeigt, wie ein Teil der Judenschaft, der Gesamtzusammenhänge nicht sehen will und an den politischen Einzelerscheinungen des Tages haftet. Hitler fand Gegner und Widerstände, aber wenn ihm im letzten halben Jahr der Weg zur Macht versperrt war, so gewiß nicht wegen seines antisemitischen Programms. Eher kann man sagen, daß unter dem Drucke der Hitlerpartei auch ohne Machtergreifung Hitlers die Ausschaltung der Juden bereits betrieben wurde. Die ״Jüdische Rundschau“ hat anläßlich der ersten Abweisung Hitlers auf die augenfällige Parallele mit dem Schöpfer der christlich-sozialen Partei in Wien, Dr. Lueger, hingewiesen. Lueger, der zu seiner Zeit für die ganze Welt ebenso die Symbolgestalt des Antisemitismus war wie Hitler heute, wurde nach seiner Wah! zum Wiener Bürgermeister zweimal von Kaiser Franz Josef abgewiesen. Das dritte Mal mußte er bestätigt werden und errang so einen Triumph über den alten Kaiser. Unsere Vermutung, daß Hitler denselben Weg gehen wird, hat sich bestätigt. Noch vor 24 Stunden war man über die Lösung der Regierungskrise durchaus im Unklaren. Noch schien zwischen den einzelnen Gruppen der Rechten, die sich vor kurzem erbittert untereinander bekämpft haben, keine Einigung möglich. Auch die Rolle der einzelnen Persönlichkeiten in diesem Endspiel ist schwer zu durchschauen, aber es ist nicht unsere Sache, sie zu beurteilen. Die rechtsstehende ״D, A. Z.“ stellte in ihrer Sonntagsausgabe fest, daß Hinderburg sich bisher stets entschieden geweigert hat, Hitler als Führer eines Präsidial-Kabinetts zu akzeptieren, und da Hitlers Chancen auf eine parlamentarische Mehrheit gering sind, stellte die ״D. A. Z.“ die Frage: ״Hofft der Reichspräsident, daß die Hitler-Bewegung nachgeben wird oder hat er sich entschlossen, selbst nachzugeben?“ Die Zeitung will damit wohl sagen, daß beide Möglichkeiten ausscheiden. ״ln alter Frische..." Neue Kampfansage an die deutschen Juden Die nationalsozialistische Partei hat offenbar das Gefühl, daß es darauf ankommt, in diesem Moment besonderen agitatorischen Schwung in die Bewegung zu bringen, und sie greift wieder zu dem bewährten Mittel der Judenhetze. Der ״Vorwärts“ berichtet, daß auf der Amtswalter-Tagung des Kreises IH der Berliner NSDAP, am 8. Januar der Kreispropaganda-Leiter Witzei folgendes erklärte: ״Unser Hauptkampf gilt den Juden. Unser Gauleiter hat schon mehrmals darauf hingewiesen, daß wir wieder verstärkt den Kampf gegen die Juden aufnehmen müssen. Die jüdische Weltpest, die hinter allem steht, muß ausgeschaltet werden. Nehmen Sie jede Gelegenheit wahr, darauf hinzuweisen, daß alles Elend und alle Not nur durch die Juden gekommen ist.“ Bei der gleichen Gelegenheit wurde diese Parole von dem Gauleiter Protze, der als Vertreter des Berliner Gauleiters Goebbels sprach, nochmals unterstrichen. Protze führte in dieser Versammlung aus: ״Wir wollen den Kampf gegen die Juden in alter Frische wieder auf nehmen. Lassen wir alle kleinlichen Diskussionen, der Kampf gegen die Juden, der eine Zeitlang in den Hintergrund getreten war, ist wieder an erste Stelle gerück t.“ Hier ist Judenhetze ein Mittel der Politik. Aber die davon erzeugte Atmosphäre verbreitet sich in ganz Deutschland. Die Nationalsozialisten sind tonangebend. Vor ailem gilt das natürlich an den Hochschulen. Noch ist unklar; was in Breslau geschehen wird. Man verhandelt hin und her und ist offenkundig in Verlegenheit. Die akademischen Behörden haben theoretisch anerkannt, daß Cohn, trotzdem er Cohn heißt, lesen darf. Faktisch aber werden die Vorlesungen Cohns, weil er Cohn heißt, immer wieder vertagt. Wo ist ein Ausweg zu finden? ״Cohn“ ist doch ein ״caracter indelebilis“. Würde es sich um eine Tat oder eine Aeußerung handeln, könnte man an Wiedergutmachung, Zurücknahme, irgendeine Form der Demütigung denken. Prof. Cohn scheint ja .zu Demütigungen bereit zu sein. Aber es geht ja nicht um etwas Reparierbares, sondern einfach um den schlichten Tatbestand, daß Prof. Cohn seines Vaters Sohn ist. Da ist nichts zu machen. Gerade weil hier nicht einmal der Vorwand einer Tat oder einer Aeußerung (wie noch z. B. im Falle Theodor Lessing) zur Verfügung steht, sondern einzig und allein der Während diese Zeilen in Druck gehen, sind die Grundlagen, auf denen das neue Kabinett gebildet wurde, noch nicht bekannt. Unklar ist vor allem, ob das Zentrum eine pariamentarische Lebensform des Kabinetts ermöglicht. Die Regierung scheint auf die Unterstützung von Gruppen angewiesen zu sein, die durch ihre Grundsätze und durch das Gebot politischer Klugheit gebunden sind, über die Wahrung der verfassungsmäßigen Grundrechte der Staatsbürger zu wachen. Den Reichs- Präsidenten, der Hitler ernannt hat, bindet sein Verfassungseid, seine moralische Autorität und seine internationale Reputation. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden ist aber in der Reichs verfassung verankert. Wir können nur wiederholen, was wir am 12. August an dieser Stelle schrieben: ״Wird Hitler Reichskanzler, (jann darf doch nicht das Programm der nationalsozialistischen Partei mit seinen bekannten antijüdischen Satzungen das Programm des Deutschen Reiches werden. Als Parteiführer konnte Hitler sich auf die von ihm fanatisierten Massen stutzen, als Reichskanzler muß er wissen, daß Deutschland aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, die Anspruch auf Respektierung ihrer Eigenart haben/‘ Die deutschen Juden, von der Partei dös Reichskanzlers dauernd bedroht und beleidigt, herabgewUrdigt und verleumdet, fordern von jeder Regierung, welche es auch sei, die Respektierung Ihrer Existenz, ihrer Ehre und Art. Die ganze Weit blickt heute auf Deutschland, insbesondere das jüdische Volk. Trotz der numerischen Geringfügigkeit des deutschen Judentums steht für alle Juden der Welt das Schicksal der deutschen Juden im Mittelpunkt des Interesses. Wir sind überzeugt, daß auch im deutschen Volk die Kräfte noch wach sind, die sich gegen eine barbarische antijüdische Politik wenden würden. Darüber hinaus aber ist Deutschlands Stellung innerhalb der gesamten Kulturnationen abhängig von seinem Verhalten in der Judenfrage. Auch ein nationalsozialistisch regiertes Deutschland kann die Verschlungenheit der internationalen Beziehungen nicht ignorieren. Die deutschen Juden, denen die neue Wendung nicht unerwartet kommen kann, haben ihre innere Ruhe und Würde zu wahren. Es ist selbstverständlich, daß das deutsche Judentum sich gegen jeden Versuch der formalen und tatsächlichen Entrechtung und Depossedierung mit allen Mitteln und aller Energie zur Wehrsetzen wird. Diesen Kampf kann nur ein Judentum führen, das von unbeugsamem Stolz auf sein Volkstum erfüllt ist. Mit Versuchen der Anpassung und Selbstverleugnung ist es vorbei. Die deutschen Juden, die den falschen Parolen ihrer Führer von gestern vertraut haben, und sich dem Glauben an fortschreitende Besserung durch ״Aufklärung“ hingaben, verlieren den Boden unter den Füßen. Angesichts der geschaffenen Bedingungen muß das deutsche Judentum mehr als bisher sich zur Selbsthilfe zusammenschließen. Den Geist des Judentums lebendig und aktiv zu erhalten — das ist die Aufgabe. Niemals war es so wichtig wie jetzt, den Glauben an das Judentum und seine Zukunft fest und unerschütterlich zu machen. Das jüdische Volk ist der Träger unvergänglicher Werte, der Fortsetzer einer unvergleichlichen Geschichte. In Zeiten der Gefahr und in Zeiten der Not gilt es, sich diese Tatsache mit aller Kraft ins Bewußtsein zu rufen. jüdische Name der Stein des Anstoßes ist, ist die Sache auch für uns von prinzipieller Bedeutung. Werden das Recht und die Verfassung die Grundlage des Lebens in Deutschland bleiben oder aber die Weisung des Kreispropagandaleiters (Witzei vom Kreise Iii der Amtswalter-Tagung? Wie sehr die Angst vor dem nationalsozialistischen Terror die Hochschulen bereits vergiftet, zeigt auch ein Zwischenfall ander K ö 1 n e ־י Universität. Dort hat der Rektor an alle studentischen Korporationen und Bünde ein Rundschreiben erlassen, worin er ״um einer Beunruhigung vorzubeugen“, mitteilt, daß gegen den ״unerwünschten Andrang jüdisch er Medizinstudenten aus Nordamerika״ Maßnahmen ergriffen worden sind. Gesuche seien mit der Begründung des Platzmangels abzulehnen, von bO für Köln angemeldeten Amerikanern seien nur 15 gekommen. Das Traurige an diesem Rundschreiben ist nicht nur die Haltung des Rektors in der Frage der Gastfreundschaft für ausländische Studierende, sondern auch die Tat- Sache, daß der Rektor sich vorbeugend an die Studentenkorporationen wenden muß und sie unter offensichtlicher Biiligung ihres antisemitischen Standpunktes zu ״beruhigen“ sucht. Es ist nicht abzusehen, wetcher Schaden der deutschen Sache durch diese Haltung zugefügt wird. Die jüdische öffentliche Meinung Amerikas ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, und es ist nicht zu verwundern, wenn das Kölner Rundschreiben des Rektors in Amerika Aufsehen erregt hat. Während man sich sonst schon im Interesse der Devisenbilanz bemüht, Aus-!ander zum Besuche Deutschlands zu bewegen, vertreibt man amerikanische Juden aus Deutschland in die Schweiz und nach Holland, wo sie gern aufgenommen werden. Dabei ist in diesem Falle, da ja die paar Amerikaner nach Beendigung ihres Studiums nach USA. zurückkehren, nicht einmal das Argument brauchbar, daß man eine wirtschaftliche Konkurrenz von Ausländern verhüten möchte. Aber es handelt sich eben um eine Einzelerscheinung, die den Geist, der in Deutschland maßgebend ist, illustriert. Die größte Gefahr für die deutschen Juden besteht darin, daß sie allmählich von der judenfeindlichen Agitation selbst infiziert werden, den Glauben an sich verlieren und immer genügsamer werden in ihren Ansprüchen auf Toleranz. Darum ist es, wie immer die Regierung der nächsten Zeit aussehen wird, oberste Aufgabe des deutschen Judentums, sich innerlich stark und widerstandsfähig zu erhalten durch das Bewußtsein der Verbundenheit mit glaubensstarken und leidensfähigen Geschlechtern der Vergangenheit und durch die Mitarbeit an künftiger jüdischer Freiheit. Fall Cohn beigelegt? Ob durch die neue Erklärung des Senats der Universität Breslau der Fall Cohn beigelegt ist, werden die nächsten Tagt zeigen. Wie es heißt, gedenkt die nationalsozialistische Studendentenschaft nicht zurückzu weichen. Die jüdische Oeffentllcbkeit verlangt selbstverständlich, daß das Ministerium und die Universitätsbehörden fest bleiben. Die Antastung der Lehr• freiheit Prof. Cohns wäre eine so eklatante Verletzung der gesetzlichen Gleichberechtigung der deutschen Juden, daß die Juden sich mit Nachdruck dagegen zur Wehr setzen müssen. Der Bericht über die letzten Verhandlungen des Breslauer Senats wirkt nicht sehr erhebend. Durch die Beteiligung Cohns an der Trotzki-Rundfrage ist in diese Angelegenheit ein beinahe komisches Zwischenspiel eingeschaltet worden. Die Entschuldigung, die Prof. Cohn abgab, dürfte ihn keineswega als besondere Kämpfernatur erscheinen lassen. Wir haben schon in der ״Jüdischen Rundschau״ ausgesprochen, dab wir seine Beteiligung an der Rundfrage für eine O esc h mack- I 0 s i g k e i t halten, nicht weil er dies oder jenes sagte, sondern aus־ dem einfachen Orunde, weil doch jener betriebsame Journalist nur darum auf den Gedanken kam. ausgerechnet Professor Cohn, von dem die weitere Oeffentlichfeeit bis jetzt noch nicht einmal soviel wie von dem gleichfalls befragten Boxer Schmeling gehört hat, zu befragen, weil er gerade im Mittelpunkt einer Sensationsaffäre stand, und der einzige Grundsatz, den diese Anreißer-Presse kennt, der ist: Sensation um jeden Preis. Der ״Montagmorgen״ darf mit Befriedigung verzeichnen, daß er durch diese Affäre berühmt geworden Ist. Prof. Conn ist es weniger gut bekommen, und die Oeffentlichkeit wurde angewidert. Wogegen wir uns aber mit aller, )Entschiedenheit wenden müssen, ist der Versuch, den wahren Sachverhalt zu vernebeln und es jetzt so darzustellen, als ob die Angelegenheit Cohn eine Angelegenheit seiner Rundfrage-Antwort war. In dieser Weise z. B. oehandelt die Zeitschrift ,^Deutsches Volkstum“ in ihrem zweiten Januar-Heft diese Sache. Das ist eine unerlaubte Entstellung der Tatsachen. Die Attacke gegen Cohn begann lange vor seiner ״Montagmorgen“-Aeußerung und es wäre bestimmt zu dieser ״Montagmorgen“-Aeußerung und überhaupt zu seiner Befragung nicht gekommen, wenn nicht bereits seine Affäre im Laufe gewesen wäre. Es darf nicht verdunkelt werden: Prof. Cohn sollte an seiner Lehrtätigkeit einzig und allein aus dem Grunde verhindert werden, weil er den Namen des alten jüdischen Priestergeschlechtes führt. Alles was sonst nachträglich zur Begründung herangeholt wurde, jede versuchte Verquickung mit Politik, hat sich bereits als fadenscheinig erwiesen, sogar ein so weit rechtsstehendes Blatt wie die ״D. A. Z.“ erklärt, daß sich die nationale Bewegung diesmal in־ der Wahl ihres Objektes vergriffen hat. Hier ist ein FaÄ ajit!jüdischer Hetze in Reinkultur, gegen eine Persönlichkeit, von der man nichts weiß, als daß sie Jude ist. Gerade darum ist die Sache für das Judentum von prinzipieller Bedeutung, sogar unabhängig davon, wie etwa Prof. Cohn selbst zu seinem Judentum stehen mag. Es geht nicht um einen Einzelfall, sondern um die Rechtsstellung der deutschen J uden. Diese wird das gesamte deutsche Judentum mit Entschlossenheit verteidigen. Strassers Absetzung Der Rücktritt Oregor Strassers ist ein Symptom der Radikalisierung der nationalsozialistischen Partei, die auch eine Radikalisierung der antisemitischen Tendenzen mit sich bringt. Allem Anschein nach ist es aber falsch oder zumindest verfrüht, von einer ״Zersetzung“ oder einem ״Zerfall״ der Partei zu sprechen. Es entspricht den eigentümlichen soziologischen Gesetzen des Parteiwesens, daß selbst prominente, kurz zuvor noch gefeierte Führer, sobald sie dissentieren, ausgestoßen werden Können, ohne daß das Gefüge der Partei erschüttert wird. Wir haben in der letzten Zeit ähnliche Fälle erlebt, auch auf der Linken. Es ist möglich, daß ein Teil der Intelligenz der Partei sich zu Strasser bekennen wird, aber von einer Spaltung kann man nicht reden. In der' ״Täglichen Rundschau“ benützt Hans Zehrer den Anlaß zu einer Betrachtung über Politik und Religion und enthüllt den inneren Widerspruch, der darin liegt, daß der Nationalsczialismus eine Art messianischer (wir sagen: pseudo-messianischer) Bewegung und gleichzeitig eine politische Partei sein will. Hitler tritt als unfehlbarer ״Erlöser“ auf, das Element der politischen Vernunft wurde mit Strasser eliminiert. Der Nationalsozialismus, der nicht an die Macht kommen konnte, will den Fanatismus und die Kompromißlosigkeit religiöser .Bewegungen wiederewinnen. Charakteristisch ist die Berufung des Abg. Ley, er sich durch exzessive antisemitische Hetze, Verbreitung von Ritualmordmärchen usw. ausgezeichnet hat. Der neue Kurs — wenn man von einem solchen sprechen kann — zeigt sich auch jetzt schon in einer neuen skrupellosen Judenhetze. Das Wort ״Jude“ ist im Munde der Nationalsozialisten längst jedes verantwortbaren tatsächlichen Inhaltes beraubt, ausschließlich zur Bezeichnung des jeweiligen Gegenspielers geworden. Daß Sozialisten, Kommunisten, deutsche Arbeiter, selbstverständlich der gesamte Liberalismus und jeder Liberale, von der nationalsozialistischen Presse schlechthin als ״Juden״ bezeichnet werden, war man schon gewöhnt. In der letzten Zeit aber, seitdem der politische Hauptkampt nicht mehr zwischen Rechts und Links, sondern innerhalb aer Gruppen der Rechten ausgefochten wird, werden auch aile kurz zuvor als völkische Kampfgenossen anerkannten Personen, sobald sie vom orthodoxen Hitlertum abfailen, zu ״Juden“!der Judenknechten. Papen war Judenknecht, Hugenberg ist durch und durch verjudet, Schleicher ist der Exponent der jüdischen Oemeinde, und nun erleben wir das Schauspiel, daß Gregor Strasser, bis vor kurzem gefeierter ״Reichsorganisation»- Leiter“ der NSDAP, und der erste Mann nach Hitler, als ״Jude“ entlarvt wird. In der Gauführertagung in Weimar hat (nach Otto Strassers ״Schwarzer Front“; L>r. Goebbels behauptet, ״Strassers jüdische Abstammung sei einwandfrei erwiesen“. Damit soll offenbar dem Rivalen der entscheidende Todesstoß versetzt werden. Wir luden sind dabei in einer seltsamen Situation: wir müssen zusenauen, wie unser Name zu einem lächerliehen Mittel primitiver Politik herabgewürdigt wird.... Daß nach dem großen Aufmarsch der NSDAP, am Bülowplatz am vergangenen Sonntag in der Nazi-Presse jeder Gegner gleichfalls zum ״Juden“ promoviert wird, bedarf kaum der ausdrücklichen Erwähnung. Die Zeitungen wie ״Angriff“, ״Völkischer Beobachter“ usw. überschlagen sich geradezu in Beschimpfungen des Judentums. Leider muß man 10nehmen, daß diese Auslassungen trotz ihres offenkundigen Widersinns ihren suggestiven Einfluß auf die Leser dieser Blätter nicht verfehlen. ...

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