Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 8 (11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 8, November 1932 K' 4. - r Lady Erleigh in Berlin Die Anwesenheit von Lady Erleigh in Berlin bedeu• tetc eine Reihe glanzvoller Tage für alle Palästinafreunde. Das Auftreten dieser Frau, ihre leidenschaftliche Hingabe an die Idee der jüdischen Wiedergeburt in Palästina, ihre hinreißende Rednergabe und der Zauber ihrer Persönlihkeit, die in vornebmer Bescheidenheit ganz hinter der Sache, der sie dient, zurückzutreten wünscht, naben Lady Erleigh in Berlin bei ihrem ersten Besuch eine große Qemeinde von Verehrern undFreunden gewonnen. Die Arbeit für das Jüdische Nationalheim hat itn deutschen Judentum durch Lady Erleighs Besuch einen gewaltigen Impuls erhalten. ' An die weiteste Oeffentlichkeit wendete sich der E mp - fa.ngsabend, den die Jewish Agency und der Keren Haies- 80d im Marmorsaal des Zoo am 10. ds. Mts. veranstalteten. Der große Saal war dicht gefüllt, als Direktor Wassermann aen Abend mit einer längeren Begrüßungsansprache eröffnete. Lady Erleigh saß zur Rechten des Vorsitzenden, neben ihr Professor Einstein. Direktor Oicar Wassermann der den Abend leitete, begrüßte die Anwesenden und sandte einen warmen Oruß an den Präsidenten des Pro-Palästina- Komitees Oraf Bernstorff zu seinem 70. Oeburtstag. Wassermann begrüßte Viscountess Erleigh, die Tochter des verstorbenen Lord Melchett und Schwiegertochter des einstigen VizekÖnigs von Indien und späteren Außenministers des Britischen Reiches, Marquis of Reaaing; das sind zwei Männer, die ihrem Lande unschätzbare Dienste leisteten und dabei begeisterte Juden und Förderer des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims blieben — Lord Melchett hatte sogar die Interessen Palästinas gegen seine eigene Regierung vertreten —, ohne daß es jemanaera auch nur im entferntesten einfiel, ihren Patriotismus gegenüber England in Zweifel zu ziehen; ebensowenig wie von dem soeben mit überwältigender Mehrheit zum Gouverneur des Staates New York gewählten Herbert Lehman jemand annehmen könne, daß er, der Palästina-Freund, darum weniger Amerikaner ist. In diesen glücklicheren Ländern kennt man derartige Verdächtigungen nicht. Von ihrem Vater hat Lady Erleigh die geistige Unabhängigkeit und Charakterstärke, mit denen sie für Juden und für Judentum eintritt. Solche seelischen Kfäfte brauchen wir in Zeiten der Not, in einer Zeit besonders, in der die Juden durch die antisemitische Flut seelisch belastet sind. Wir Juden fragen uns im Unglück stets, ob wir nicht selbst schuldig sind. Wenn in Deutschland der Antisemitismus so anwuchs, so trifft uns ein Teil der Schuld, aber nicht ,«״eil wir zu viel Juden waren, sondern weil wir in unserem Leben zu wenig Juden sind. Mehr denn je braucht das Judentum eine zentrale jüdische Aufgabe, ein Ideal, aber ein erreichbares Ideal. Diese unsere große jüdische Aufgäbe ist der Aufbau des Jewish National Home in Palästina. Der zweite Redner, Rabbiner Dr• Baedc führte aus, daß alle, die dem Palästinawerk dienen, so verschieden sie auch sonst in ihren Anschauungen sein mögen, geeint sind durch eine große Sehnsucht: die Sehnsucht; daß auf einem neuen Boden neue Menschen, neue Juden sich selbst gestatten. Was im tiefsten die Menschen scheidet, ist Sehnsucht und Sehnsuchtslosigkeit, und wenn es zwei Gruppen von Menschen gibt, die sich nie ganz verstehen werden, so sind es die Menschen, welche ohne Sehnsucht sind und die Menschen, in denen die Sehnsucht lebt. Immer im Gang der Oeschichte ist das wirklich Große durch Menschen der Sehnsucht geschaffen worden. Dies gilt auch in der Sphäre des Politischen und Wirtschaftlichen und vor allem Im Geistigen. Darin unterscheidet• sich die Reform von der Renaissance, wir haben Im vergangenen Jahrhundert so manche Bestrebungen aus reinem, gutem Wollen bei Juden gehabt, aber es bTieb bei der Reform, weil die große Sehnsucnt fehlte. Erst als die Sehnsucht gekommen ist, begann die Renaissance und das Schöpferische. Im weiteren Verlauf seiner Rede weist Dr. Baedc darauf hin, daß dieser Dienst an einem Ideal immer ein menschliebes Plus ist, so daß auch der deutsche Jude, der für das Palästinawerk sich einsetzt, ein menschliches Plus in sich trägt, wodurch er ein besserer auch als Bürger seines Vaterlandes wird. Für uns Juden gilt ganz besonders, daß wir ohne große Ziele nicht leben können. Darum lohnt es sich, immer wieder von dem zu sprechen, wofür wir ringen und kämpfen, was unser aller Sehnsucht ist. Nach fünf weiteren Ansprachen und einer Teepause ergreift dann, mrt lebhaftem Beifall begrüßt, Lady Erleigh das wort. Lady Erleigh: Mit echter und tief empfundener Freude bin ich heute abend unter Ihnen, denn ich nabe es mir oft gewünscht, einmal die Möglichkeit und den Vorzug zu haben, bei unseren Freunden und Mitarbeitern in Berlin zu sein. Ich habe manches Mal darüber nachgedacht, welche Macht es ist, die uns Juden aus aller Herren Länder aus so verschiedenen Ecken der weit nach Palästina ,zieht. Welcher Sturm es ist, der durch Israel fegt und seine Kinder aufscheucht, in das Land ihrer Väter zurückzukehren, die Orthodoxen und Freien, die Zionisten und Nichtzionisten, Die ganze zivilisierte Welt ist heute voller Zweifel und Verwirrungen, ihre Führer suchen vergeblich nach Lösungen verwickelter Probleme; überall sehen wir Depression, Furcht und Unsicherheit. Aber wir haben ein festes Ziel vor Augen: den Wiederaufbau Erez Israels. Unser Weg und unsere Pflicht stehen klar vor uns. Unsere Generation hat das Olück, an dieser großen und bedeutenden Phase der Geschichte unseres Volkes teilzunehmen. Ich weiß nicht, woher dieser Drang zu uns kommt, warum gerade uns dieses Glück gegeben ist, aber ich weiß, daß es da ist, daß es genutzt werden muß und daß es mir und vielen anderen d*as Leben lebenswert macht. Ich möchte Sie heute abend mit mir in Gedanken nach Palästina nehmen, Ihnen, wenn es mir gelingt, etwas von der Schönheit des Landes zeigen und von dem, was dort geleistet wurde. Ich komme niemals dorthin, ohne immer aufs Neue ergriffen vor seiner Schönheit zu stehen. Es ist da etwas in der Luft, das Palästina mit einem strahlenden Licht erfüllt, die Sonne ist nicht hart und grausam wie eine orientalische Sonne. Auf der einen Seite erstrecken sich meilenweit die Orangengärten — man sieht in der Ferne das Mittelmeer schimmern — und auf der anderen Seite Felder, auf denen jüdische Arbeiter den Pflug führen, während sich hinter ihnen die judäischen Hügel erhebe«. Die Rednerin gibt eine Schilderung der Fahrt von Aegypten bis Ludd und von dort nach Jerusalem mit ihren unvergeßliehen Landschaftseindrucken. ,,Auf der Straße von Ludd nach Jerusalem kommt man am Kinderdorf Ben Schemen vorbei, wo unser Freund Siegfried Lehmann das vollkommenste Erziehungsheim geschaffen hat, das ich je gesehen habe." Ben Schemen ist das einzige Kinderdorf, aber in jeder Kolonie findet man ein Kinderhaus, wo derselbe Geist herrscht und wo dasselbe Prinzip waltet.׳ Eine wundervolle Generation wächst heran — eine Generation gesunder Jungen und Mäddien, fähig, auf dem Lande zu arbeiten, in wirklicher Freiheit von Körper und Seele, froh und mutig, voll von Lebensfr ende — und alle sprechen Hebräisch als ihre Muttersprache. Wetter spricht Lady Erleigh von Jerusalem, von der Universität, vom Emek Jesreel, erwähnt auch die deutschen Chaluzim von Kfar Gun, über die sie in der ״Jüd. Rundschau" Nr. 86 geschrieben hat, gibt die tiefen Eindrücke der Makkabiah wieder, die den Wert dieser jüdischen Turn- und Sportbewegung überzeugend dargetan hat und schildert schließlieh den neuen jüdischen Menschen, den das Land hervorgebracht hat. Die ganze Atmosphäre ist völlig anders als die europäische. Wenn man hinkommt» ist es, als ob einem eine Last von der Schulter fällt» man kann wieder aufrecht stehen und ein ganzes Leben führen. Die Arbeit ist gut begannen, schließt die Rednerin, aber sie muß zu Ende geführt werden. Wir müssen mehr Männer und mehr Frauen in das Land bringen. Jetzt sind wir erst 18 Prozent der Bevölkerung. Wir müssen die Betriebe, die die Entwicklung des Landes fördern, finanzieren, vieles wartet darauf, getan zu werden. Die Juden der Wett haben ein großes Werk begonnen; sie dürfen nicht ruhen, denn es wäre eine ewige Beschämung, es nicht vollendet zu haben. ״Christenhetze" in Palästina? Wir haben bereits mehrfach über die neuerlich entstandene scharfe Spannung zwischen Christen und Mohammedanern in Palästina berichtet. In der?,Jüd. Rundschau" Nr. 88 haben wir eine Aeußerung der englischen Zeitschrift ״Near East and India“ wiedergegeben, die feststellt, einer der Hauptgründe für den neu aufgebrochenen Gegensatz sei die Bevorzugung der (arabischen) Christen bei Regierungsstellen. Nun sendet Dr. Mombelli» der Jerusalemer Berichterstatter der Wiener ״Reichspos t" des bekannten führenden christlichsozialen Blattes, seinem Blatte einen Bericht, der überaus charakteristisch ist ׳und auch zionistische Leser interessieren dürfte. Bekanntlich war 1929 nach den Ueberfällen auf die Juden die Haltung der christlichen Gemeinden Palästinas sehr zweideutig und man vermißte eine klare Verurteilung der Mordtaten. Um so bemerkenswerter ist jetzt der Scnlußsatz des Berichtes von Dr. Mombelli, der unseres Wissens auch Vertreter des päpstlichen ״Osservatore Romano" ist. Die Veröfjentlichung der ״Reichspost" unter der Ueberschrift ״Eine Haßkampagne gegen die Christen in Palästina" besagt: ״Seit einigen Wochen ist Palästina der Schauplatz einer scharfen Kampagne der Mohammedaner gegen die Christen. Der Führer dieser systematischen Angriffe und Verleumdungen ist ein Scheik aus Jaffa, der Leiter des neuen Blattes ״Al Dchiamia al Islamia". Die übrigen Zeitungen sekundieren inm in diesem Kampf und leisten sich in ihren Artikeln fanatische Ausbruche des Christenhasses. Die Polemik begann damit, daß die Mohammedaner eine größere Zahl öffentlicher Stellen des Staates für sich reklamierten. Daraus wurde alsbald ein Generalangriff auf die Christen, die als ״Unterstützer des europäischen Imperialismus“ bezeichnet werden. Die ״Al Dchiamia al Islamia" greift besonders Msgre. Hajjar, den griechisch-katholischen Erzbischof von Galiläa an, der bis vor kurzem noch als Vorkämpfer der nationalen Sache der Araber Palästinas gepriesen wurde. Nun behaupten die Araber, daß Erzbischof Hajjar während seines Aufenthaltes beim Eucharistischen Kongreß in Dublin zu einer englischen politischen Persönlichkeit geäußert habe, die christliche Minderheit im Heiligen Lande sei durch die Mandatarmacht nicht genug gegen die Drohungen der Mohammedaner geschützt. Das britische Oberkommissariat in Jerusalem hat bisher keine Vorsorge getroffen, um zu verhindern, daß die Leidenschäften der Mohammedaner gegen die Christen aufgepeitscht werden. Man darf nicht vergessen, daß auch die Blutbäder unter den Juden im Jahre 1929 durch eine ähnliche Pressekam pagn e vorbereitet wurden.“ (Sperrungen wie im Original.) Kino In der Kleinstadt In einem Kino in einer mitteldeutschen Kleinstadt, Garnisonstadt mit streng nationaler Bevölkerung, wird der Ufafilm ״Mensch ohne Namen" gespielt. Volles Haus, viel Militär, das übliche deutsche Kleinbürgertum, nicht zu vergessen die Intelllgenz der Kleinstadt. Ueber den künstlerischen Wert dieses Films soll nichts gesagt werden. Was uns zu dieser Stellungnähme veranlaßt, ist die Figur des jüdischen Winkeladvokaten Jablinsky. Diese Type ist in dem Film die Inkarnation von raffinierter Gerissenheit, Aufdringlichkeit, Frechheit, Großmäuligkeit und Taktlosigkeit. Sie wird dargestellt durch eine prononciert ostjüdische Karrikatur mit fleisemger Nase, wulstigen Lippen, großem Mund usw. Das Auditorium gröhlt. So und nicht anders hat sich der Landwirt in der Neumark ja immer den Juden vorgestellt. Und der Herr Amtsgerichtsrat und der Herr Doktor und der Herr Apotheker denken im Stillen, na, so sind sie Ja nicht alle, aber ein Körnchen Wahrheit steckt schon darin. Die übrigen, die Kritiklosen, die Sen Arbeiter, die Erwerbslosen, die SA-Proleten, die Dienstchen und die Soldaten fixieren dieses Bild ״Jude“ in ihrem Gehirn und ergötzen sich köstlich an dem ״Gejudle“ des Winkeladvokaten Jablinsky. Appelliert man heute an die judenfeindlichen Instinkte der Masse, kann man immer noch ein gutes Geschäft machen. Dies ist kein vereinzelter Fall. Ich habe drei oder vier Filme in den letzten zwei Jahren in derselben Stadt gesehen, Ufafilme, in denen jedesmal eine Rolle, die Feigheit, Aufdringlichkeit, Verschlagenheit, Schachergeist und Raffsucht verkörpern sollte, von ausgesprochen jüdisch aussehenden oder jüdischen Sprechern gespielt wurde. Es ist traurig, daß sich jüdische Schauspieler finden, die sich dazu hergeben. Nicht genug, daß sich die Juden heute in Deutschland im Rundfunk an pöbeln lassen müssen, diese Verächtlichmachung der luden schlechthin, diese Abstempelung häßlicher Eigenschatten als typisch ״jüdisch“, gezeigt auf jeder Leinwand, getragen in jedes Dorf und in jede Stadt, das ist ein Gift, das wirkt, darin steckt System. Es gibt nur ein Mittel, innerlich gewappnet zu sein — falsch und zwecklos wäre es, sich beschwerdeführend an den C.-V zu wenden —, das ist Stärkung unserer seelischen Widerstands■ kraft durch Besinnung auf uns selbst, durch Ablehnung der Assimilation, durch Rückkehr zu unserer eigenen kulturellen Tradition, durch festes Vertrauen auf Palästina. Dr. L. Mischkowski, Alt-Drewitz (Neumark). Die jüdischen Mitglieder des Kongresses der Vereinigten Staaten. Außer den am vergangenen Sonntag in den Vereinigten Staaten gewählten vier jüdischen Gouverneuren — Herbert Lehman in New York, Henry Horner in Illinois, Arthur Seligman in New Mexico und Julius Meier in Oregon — wurden am gleichen Tage 12 Juden, davon 5 aus New York, 2 aus New Jersey, einer aus Pennsylvania, einer, aus Kalifornien, einer aus Wisconsin, einer aus Illinois und einer aus Connecticut, in den Kongreß der Vereinigten Staaten gewählt. Kritik an Otto Hellers Buch In der sozialdemokratischen theoretischen Zeitschrift .,Di e Gesellschaft" November 1932, bespricht Otto Man־ chen-Helfen, der Fachmann der Zeitschrift für fernöstliehe Fragen, das Buch von Otto Heller: ״Der Untergang des Judentums“. Nachdem Mänchen-Helfen sich im ersten Abschnitt mit der Aufnahme des Buches bei den verschiedenen Gruppen beschäftigt, wobei er richtig feststellt: ״Den Wettbühne- und Tagebuchlesern, dem Piscator-Publikum war es wie eine Offenbarung. In Wirklichkeit ist es eines der übliehen pseudowissenschaftlichen kommun istisehen Machwerke", weist er darauf hin, daß die theoretischen Begriffe .der marxistischen Vorkriegsliteratur entnommen und keinesfalls Hellers Kopf entsprungen sind. Bei Kautzky ״Der Ursprung des Christentums" 1908 und ״Rasse und Judentum“ 1914j auch bei Otto Bauer ״Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage" 1906 finden sich alle ״leninistischen Entdeckungen“ wie: die Juden sind lediglich eine Kaste, die Forderung einer nationalen Autonomie usw. In diesem Zusammenhänge erhebt Mänchen-Helfen gegen Heller den schweren Vorwurf des Plagiats. Im zweiten Teil der Kritik weist M.-H. auf die wirtschaftliche Vernichtung des russischen Judentums durch die Revolution von 1917 und auf die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Produktivicrung. Er schreibt dann weiter: ״Diesen Umschichtuugs- und Produktivierungsprozeß darzustellen, wäre eine dankbare Aufgabe gewesen. Das Hellersche Buch versagt auch hier. Man muß nur einmal einen halben Tag in dem Paßbüro der administrativen Abteilung der Moskauer oder Leningrader Sowjets gestanden haben, um zu wissen, wie verlogen die Behauptung ist: ״Was östlich der Sowjetgrenze lebt, denkt nicht mehr an Emigration". Hätten die Sowjets die Auswanderung freigegeben, wären ungeheure Massen von Juden ausgewandert von Weißrußland, wo nach Hellers eigenen Worten (S. 313) 1926 ihre wirtschaftliche Lage verzweifelt war, bis nach Samarkand, wo sie im Winter 1929 ״effektiv" hungerten (S. 324). Die Möglichkeiten landwirtschaftlicher Siedlung sind recht eng begrenzt. Biro- Bidschans Gegenwart ist überaus dürftig, darüber kann selbst der Glanz, der von den Hellerscnen Schilderungen von Sonnenuntergängen im Urwald auf das Soziale abfällt, nicht täuschen.“ Er weist ferner darauf hin, daß vielfach die Meinung herrschte: Von Biro-Bidschan sei ein Sprung nach Arnerika; auch darauf (was Heller bewußt verschweigt), daß die ersten jüdischen Siedlungen nach dem Kriege in der Krim von Zionisten durchgeführt worden sind. Mänchen-Helten schließt seine Kritik mit dem Hinweis auf die Unglaubwürdigkeit der Hellersche« Tatsachen. ״Den Statistiken, die Heller bringt, ist nicht zu trauen. In Weißrußland sind rund 10 000 jüdische Familien Mitglieder von Kollektivwirtschaften (S. 245) Seite 240 liest man, daß es in Weißrußland gibt: 5840 Familien in Vor- Stadtsiedlungen, 3600 in Bodenfondskolonien, 1600 in alten Kolonien. Am 1. März 1931 waren von den 9300 Familien der Vorstadt- und Bodenfondskolonien 4800 in Kollektiven vereinigt (S. 245). Daraus folgt, daß von 1600 Familien der alten Kolonien sich 5200 zu Kollektiven vereinigt haben! Nirgends halten die Zahlen einer eingehenden Prüfung stand. Ueberall die gröbsten Fehler. Die Georgier sollen sich selbst Grusier nennen (S. 311), was aber bekanntlich nur der russische Name für sie ist., Heller, der so viel über die Kollektiven schreibt, hat nie ein Kollektivstatut in der Hand gehabt, sonst könnte er nicht schreiben, daß die Artels am Jahresschluß, je nach eingezahltem Anteil, den Gewinn verteilen (S. 382). Die Reihe ließe sich unschwer noch lange fortsetzen. Zusammengefaßt: Zum Teil Plagiat, zum Teil Unwissenheit, das ist die ״mathematische Enträtselung der Judenfrage“ durch den Kommunisten Otto Heller. Der Antisemit Reichwein Wir erhalten folgende Zuschrift: Generalmusikdirektor Prof. Leopold R e i c h w e i n (Wien) schrieb, die ״Jüd. Rundschau“ erwähnte es schon, im ״Völkischen Beobachter“ gegen ״die Juden in der deutschen Musik“. Die Kunst sei für die J u d e n nur da, um Geld zu verdienen. Der Aufsatz erregte Aufsehen in der Musikwelt und bei den Juden. Herr Reichwein verdiente sein Geld früher nur in Wien, z. B. durch Aufführung der Werke des Juden Mahler, den er jetzt angreift. Er wollte aber mehr verdienen, und als im Auslande, weit von Wien, in der ihm unbekannten Stadt Bochum die Stelle des städtischen Generalmusikdirektors frei wurde, kam ihm der Gedanke, daß er gleichzeitig in Wien und in Bochum als Doppelverdiener tätig sein könnte. Es gelang ihm. Wer verhalt ihm dazu, ohne dabei zu verdienen? Eine musikalische jüdische Familie in Bochum! Vor der Anstellung schrieb er ihr* ״Sollte ich das (nämlich die VIII. Symphonie von Bruckner) auch einmal in Bochum dirigieren? Wenn ja, dann ist’s sicher das Verdienst des ideal gastlichen Hauses..Nach der Anstellung und vor dem ersten Konzerte in Bochum schrieb er: ״Daß es zu diesem erfreulichen Punkte gelangt ist, verdanke ich nur Ihnen und Ihrem werten Sch wiegersohn. Letzterer hat Herrn Stumpf (d. i. der Musikdezement der Stadt Bochum) ja überhaupt erst auf mich aufmerksam gemacht, und Sie haben dadurch, daß Sie mir in Ihrem lieben Hause Gastfreundschaft gewährt haben, mir die zweimalige Reise nach Bochum erleichtert und die Geschäftsreisen in Vergnügungsreisen verwandelt. Ja, ich kann sagen, daß die ideal behagliche Atmosphäre, die man in Ihrem Hause antrifft, meine ganze Ansicht über Bochum und den dortigen Industriebezirk-־ dem ich mit einigem Mißtrauen entgegenkam — geändert hat: Wo man so reizende Leute antrifft, wird auch künstlerisch etwas zu holen sein! Seien Sie also herzlichst bedankt!“ Den Dank wiederholte Reichwein mehrfach schriftlich. Die jetzige Konjunktur hat den Herrn Generalmusikdirektor von dem ״volksfremden Feind" weg- und dem Antisemitismus zugeführt. Nach dem Konzert nimmt er in Bochum mit erhobener Hitlerhand die Parade über die johlenden Kulturträger ab. Der nicht den Namen erbte ... Ueber einen Vortrag des Bankdirektors Dr. Georg Solmssen ״Zukunft des Kapitalismus“, in welchem dieser die Existenz höherer Einkommen durch die ״Vorleistungen und Risiken“ der betreffenden hohen Wirtschaftsfunktionäre rechtfertigt, schreibt die ״Tägliche Rundschau" u. a.: ״Nun aber glaubt Herr Solmssen noch daran erinnern zu müssen, wie die hohen Einkommen entstanden sind: welche ,Vorleistungen und Risiken‘ nötig waren, um die Stelle zu erklimmen usw. Herr Solmssen hätte besser nicht daran erinnert. Dem alten Rechtsanwalt Salomonsohn und Mitarbeiter von Hansemann war es gewiß zu gönnen, wenn er auf der Stufenieiter emporkletterte, denn er trug wirklich ein Risiko, aber Herr Solmssen, der von ihm z w a r O e 1 d 11 n d P f r ü n d e erbte, aber nicht den Namen, hat kein Recht von Vorleistungen und Risiken zu sprechen, zumal nicht nach der Fusion der Diskontogesellschafi mit der Deutschen Bank, zumal nicht nach den Ereignissen des 13. Juli 1931.“ Die ״Tagt Rundschau“ ist das Organ des von Hans Zehrer geführten sogenannten ״Tat-Kreises“, einer Seitenlinie des Nationalsozialismus. Es ist interessant, festzustcllen, daß auch in diesem Kreis mehr Respekt vor dem ungetarnten, seinen jüdischen Namen offen tragenden jüdischen Vorfahr, als vor dem Renegatentum des arrivierten Sohnes besteht. J