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Jüdische Rundschau · 1932-11-01 · 8 (11.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
8 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 8, November 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Begegnung der Jahrhunderte (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl Tel-Awiw, Ende Oktober 1932. Man kommt als eingesessener Palästinenser selten in die ״alte Stadt" in Jerusalem. Kein Geschäft führt einen dorthin. Das immer stärker emporstrebende neue Leben spielt sich außerhalb der riesigen Mauen ab. Hier, außerhalb, werden Häuser gebaut, Straßen angelegt, Leitungen gelegt, Geschäfte eröffnet, neue Viertel errichtet, Pläne gemacht. Das ״alte“ Jerusalem, noch vor einem halben Jahrhundert die wirkliche bewohnte Stadt, hat kaum Teil an dieser Entwicklung. Sie wird immer mehr ein bloßer Anziehungspunkt für die Touristen, immer weniger ein Feld für tägliche Arbeit. Von Jahr zu Jahr wird sie verlassener, stagniert sie. Die Moderne läßt sie abscits liegen. Für viele, die jahrelang in Jerusalem leben, vor allem für die Juden des neuen Jisctiuw, ist es eine nur theoretische Wahrheit, daß Jerusalem die ״Stadt der Religionen“ ist. Man gewohnt sich schnell an die Fülle der Kirchen und Moscheen, man gewöhnt sich an die zuerst seltsam anmutenden Mönchskutten der unzähligen Sekten, man achtet schließlich auf den alten Priester im schwarzen Mantel und mit langem Zopf ebensowenig wie auf einen der für den Ausländer so malerischen Beduinen. Das gehört gewissermaßen zur Landschaft, zum Stadtbild, zum historischen Jerusalem. Und damit genug. Am L ö w c 111 o r Jerusalems, das sich nach der Seite des Kidrontales öffnet, weiß man nichts von all dem lebendigen Treiben außerhalb der Mauern. Von hier sieht man das ״Goldene Tor“, jene zugemauerte Pforte zum Tempelplatz, von der die Sage geht, daß sie erst geöffnet wird, um den Messias auf seinem weißen Esel einzulassen. Von hier sieht man hinüber zum Garten Gethsemane, wo heute Kirchen an Christus erinnern sollen. Hier beginnt der mit den Heiligtümern aller christlichen Sekten flankierte Weg der Via Dolorosa. Die Stille ist durchtränkt von Geschichte, Legende, Kämpfen, Hoffnungen, Enttäuschungcn der Jahrtausende. Hier liegen unter dem Pflaster der Kirchen die Steine der römischen Heerstraße, die noch die Zeichen der Knopfspiele fragen, mit denen man sich in diesen Gassen zu Zeiten des Pontius Pilatus vergnügte. Darunter liegen die gewaltigen Gewölbe der römischen Wasserversorgung, der Bäder, der Kanalisation, heute sorgfältig wieder ausgegraben und mit elektrischem Licht erhellt. Hier liegt auch noch ein römisches Gefängnis und darunter führen Höhlengänge weit hinunter, anscheinend noch bis in prähistorische Schichten. Also ein riesiges Museum, ein Museum, das sich kilometerweit über und unter der Erde hinzieht? Vielleicht. Aber nein, doch nicht. In diesen Kirchen, in denen Mönche und Nonnen eifersüchtig über die Ausgrabungen und über die Bauten der Jahrhunderte wachen, wird eine Jugend erzogen. Dort, in der Kirche des Eccc Horno-Bogcns ist eine Mädchenschule und aus dem Hofe des Nachbarklosters dringt heller Gesang. Eine traumhafte Umgebung: gepflasterter Hof, Kühle, alte Bäume, überall historische Fragmente, Behälter für Knochen, kunstvoll aus Stein geschnitten, Säulenkapitäle, alte Tonlampen, in einer Ecke die Reste eines römischen Bades. In der Mitte eine schlichte, im reinsten und primitivsten romanischen Stil erbaute Kirche, sehr alt und anspruchslos. Aber hier hört das Museum auf. Das Kirchenschiff ist voll von den Zöglingen des Priesterseminars, arabische Kinder in der schwarzen Anstaltstracht, hinter ihnen die französischen, über das Kloster gesetzten Mönche in ihren weißen Kutten, mit Rosenkranz und Tonsur. Morgen beginnt der Unterricht nach der Unterbrechung der heißen Zeit und'der Prior hält seine Eingangsrede über ״Glauben“, die ״heilige Aufgabe“. Dann folgt der Knabengesang mit unbekannten, fast barbarischen Klängen. Man traut am Anfang seinen Ohren nicht. Hier werden mit Selbstverständlichkeit im Jahre 1932 gregorianische Choräle gesungen. Das ist die Musik, die hier heimisch ist, die in den Kirchen herrscht. Ein Jahrtausend wird übersprungen; und niemand scheint das sonderbar zu finden. Der alte Boden, der eine historische Schicht nach der andern in sich aufnimmt und eine zur Trägerin der nächsten macht, ist nicht zur Ruhe gekommen. Ein Stück weiter, au einem anderen Rande der Mauer, liegt das Palais des Kaifas, eine der Stellen, die als Ort von Petri Hahnenschrei bezeichnet wird. Hier hört man, auf dem weiten Gelände, das sich nach der Tiefe des Tales öffnet, mit seinen Alleen und Terrassen, keine Gesänge, hier hört man Hämmer meißeln. Hier wird eine neue Kirche errichtet, riesig und unwahrscheinlich häßlich. Auf ihrem Dach sitzt als Wahrzeichen des Ortes der krähende Hahn, ihre Wände sind mit gewaltigen Mosaiken bedeckt, alles sieht übermäßig neu aus von der Steinfassade bis zu den Papierbouquets auf dem Altar. Aber unten hat man mitten im Pflaster Teile von Felsen stehen lassen, Steine früherer Kapellen, und im Hof verirrt man sich in einem Irrgarten von römischen Kanälen und Badeanlagen. Hinunter ins Tal führt mit riesigen Stufen, ausge• treten von Füßen, ausgewaschen vom Regen der Jahrtausende, aber immer noch der Zerstörung trotzend, die Treppe der alten Davidstadt, die von oben hinunterführte. Sie wird jetzt dem Besitz dieser Kirrhe, diesem ״Palais des Kaifas“ mit seinem Kloster, den Terrassen und Anlagen einverleibt. Wie wird die nächste Schicht ausseher? Welches Gebäude wird einmal die Reste dieser neu errichteten Kirche mit ihren Mosaiken und ihrem Hahn in ihre Grundmauern einschließen? Die Straßen um Jerusalem greifen aus. Sie sind glatt und schwingen sirh durch das Land. Es gibt keine Entfernungen mehr. Was früher ein Reitausflug von Stunden war. ist heute eine bequeme billige Autofahrt von zehn Minuten. Bei der Ankunft in Bethlehem scheint nicht viel von Altertum übrig zu sein. Muschelarbeiten, massenweise und geschmacklos, schlechte Postkarten, aufdringliche Verkäufer und Führer, die alle Sprachen und dafür keine sprechen. Vergessen scheinen romanische Kirchen, gregorianische Choräle, alte Steine und historisches Geschehen. Aber dann biegt man unn eine Ecke, steht vor der uralten Geburtskirche, man weiß nicht recht: ist es ein Gotteshaus oder ein Kastell, taucht unter in uralten bemalten Holzschnitzereien, glaubt sich bald in Byzanz, bald in Rom, atmet Museumsluft. Aber auch hier dieselbe Ueberraschung. Von unten, unter den großen Steinplatten dringen Knabenstimmen, wieder dieser gewaltige halbbarbarische Unisonogesang, unterbrochen von einer großen weichen Männerstimme. Auch hier gregorianische Musik, nicht als Beispiel in einem Vortrag über Musikgeschichte, sondern naiv als selbstverständliches Zubehör des Gottesdienstes. Unten in der Crypta, wo man die Krippe zeigt, in der das Kind gelegen hat, wo man sich unwillkürlich nach dem Oechslein und dem Eselein umsieht, halten die Armenier ihre Messe ab. Uni den dauernden Streitereien zwischen den einzelnen Sekten zu steuern, hat man jeder eine bestimmte Stunde zum Gottesdienst eingeräumt. Da stehen die ganz alten Priester und die ganz jungen Chorknaben bei Kerzen und Weihrauchsfässern in der unterirdischen dunklen Felsgrotte, tragen von Gold starrende Brokatgewänder und singen nach den alten Melodien ihre Messe. Das hat mit Museum wenig zu tun. Die Jahrhunderte schlingen sich ohne Rücksicht auf die Zahlenfolge an- und ineinander, Altes und .Neues wächst ineinander. Für diese Kinder, die dort singen, ist dieser Gottesdienst und seine Musik ebenso selbstverstämdlieh wie für die zehn Minuten entfernten in Jerusalem Auto und Kino. Aber jetzt lassen uns Auto und Kino im Stich. Von den fruchtbaren Feigen- und Weinterrassen Bethlehems wendet sich der Weg in die kargen Hügel der jüdischen Berge, jenseits der glatten Straßen. Der Esel sucht sich geduldig seinen Weg hinauf und hinab, Bald verschwinden die Anzeichen einer Siedlung und jetzt am Sommerende könnte ein ungeschultes Auge diese Gegend für Wüste halten. Kein Baum, kein Strauch, kein Hälmchcn. Nur gelegentlich ein einsamer Esel oder ein paar Ziegen und Schafe. Das ist jedoch noch nicht die Wüste, all dieses Land wird benutzt, entweder zur Weide, wenn die Regen wie mit einem Zauberschlag aus diesem Boden Gras und Blumen herausholen, oder zum Getreidebau; jedes dieser kleinen Hügelfelder wird mühselig gepflügt und bestellt und gibt einen kümmerlicher Ertrag. So sind heute nur wenige Dörfer in dieser Gegend, versteckt in den Hügelfalten, in einem zähen Kampf begriffen mit dem kargen Boden. Aber im Reiten sieht man immer wieder Reste früherer Bauten, Mauern, Steingeröll, Zeichen einer früheren Zeit, wo hier die Oegend dicht besiedelt war. Damals wie heute hieß das Zauberwort, das die kahlen Hügel zum Blühen brachte: Wasser. Stundenlang zieht sich der Weg durch diese harte und rauhe Gegend, durch Sonnenglut und Geröll. Auf einem Hügel ein verlassenes Gehöft, ähnlich wie die andern Reste überall, aber größer. Hier saß früher die Leitung eines großen und bekannten Beduinenstamms, der auch heute noch in der Nähe lagert. Hier und dort sieht man ein paar schwarze Zelte wie Fliegen auf einem Tuch im Tale kleben. Heute ist der Stamm arm, das stolze Räubernest auf dem Hügel verlassen und־ verfallen. Arm wie die Hügel und die Gegend. Unter den vielen Hügeln zeichnet sich eine!• durch seine auffallende Form ab: rund, glatt, wie von einem Kind im Spiel geformt. Er ist auch in der Tat geformt worden, aber nicht von einem Kind und nicht im Spiel, sondern er wurde geebnet und zurechtgestutzt, als sich Herodes hier eine seiner Sommerresidenzen baute. Auf den ersten Blick erscheint es unglaubwürdig: hier, in der Oede, der erbarroungslosen Trockenheit, ein Lustschloß? Aber die Reste beweisen, daß zur Zeit des Baus die Gegend anders aussah, daß sie bewohnt war, terrassiert, wahrscheinlich mit Kurierpfaden durchzogen. Und wenn man oben den runden Hügel erklommen hat, gefolgt von einem Schwarm zerlumpter Kinder, die hier in der Umgebung ein paar jämmerliche Ziegen weiden und um Bakschisch betteln, dann beginnt man zu verstehen. Hier oben ist es luftig und kühl; die riesigen Quadern, die umhergestreut sind, zeugen von der Größe der Anlage; von hier sieht man bis in die wilden Karstformationen, die zum Toten Meer hinunterführen, ein Anblick, der an Großartigkeit schwer zu überbieten ist- Nach der andern Seite strecken sich die judäischen Berge, von den Wadis zerklüftet, hier unten lag das bewohnte Land. Aber hier scheint die Tradition irgendwie abgerissen, man sieht keinerlei Verbindung mehr, die in ein Neues hineinführen könnte, hier schmeckt man nur Arbeit und Verfall. Doch soll man niemals ״niemals“ sagen, sicher nicht in diesem Lande, das anscheinend nie mit seinen Geheimnissen fertig wird. Der Weg geht weiter, wird noch verlassener, unwegsamer, einsamer. Nur ein paar Beduinen trifft man, aber nicht von der Sorte wie sie in die Städte kommen, malerisch, stolz, gut beritten (wo sie es dürfen), ausgezeichnet bewaffnet, nein, dieses sind jämmerliche ausgemergelte Gestalten mit ebenso jämmerliehen Kamelen, von denen sogar die Fohlen schon traurig aussehen, in Lumpen gehüllt, ausgedörrt von Sonne und Durst, ein grauenhaft eindringliches Beispiel, was Regenmangel in der Wüste bedeutet. Der Weg windet sich hinab, als führe er direkt in die Hölle, verengt sich zu einer geschwungenen Felsen- Schlucht, die sich wild und ungebärdig in den Himmel türmt, die Esel weigern den Dienst, man muß selbst klettern und landet in einem Halbrund von Stein, über dem die Felswand senkrecht wuchtet, unwahrscheinlich und kulissenhaft. Hier hat sich in einer Mulde Wasser gesammelt, das ohne Pause in Tropfen aus dem Felsen sickert und der bloße überhängende Fels gibt Schatten, auch mitten am Tag. Etliche Meter höher sind wie von Zyklopenhand ein paar lose Steine an die Wand gelehnt, da geht es hinein in den Felsen. Man klettert auf halsbrecherkrhen Wegen einen Pfad hinauf — diese Stufen sind sicher nicht von Menschenhänden für Menschenfüße gemacht worden ־— überspringt ein Loch und steht im Höhleneingang. Das Loch scheint in eine dunkle Unendlichkeit zu führen. Man muß einen Strick am Eingang festbinden und Lichter anzünden, um sich durch- und zurückzufinden. Eine riesige, aus dem Felsen gewaschene Stalaktitenhöhle, nach der Legende der Aufenthalt eines christlichen Heiligen, führt weif durch die Jahrtausende zurück, ln einer Höhle ähnlicher Art in demselben Wadi hat man jetzt prähistorische Zeichnungen entdeckt, die Elefanten und andere Tiere darstellen, Zeichnungen aus einer grauen Urzeit, gegenüber der jenes zerstörte Schloß des Herodes den Gipfelpunkt der Moderne darstellt und demgegenüber jene zerlumpten Beduinen mit ihren Kamelen ungeahnte Werkzeuge, Kenntnisse und Machtmittel besitzen. In diesen Höhlen im Wadi Charitun taucht man in den Urgrund menschlicher Geschichte. Die Esel bahnen sich ihren Weg nach Bethlehem, von dort saust das Auto nach Jerusalem. Man kommt am Bahnhof vorbei; riesige Schilder: Shell, Vacuum Oil; ein Lastauto fährt an mit riesiger Geschwindigkeit, in hochmütiger Kurve und gewaltigern Geknatter. Es trägt Kalisäcke, Fracht vom Toten Meer. Man kommt von den Anfängen der Geschichte zurück nach Palästina. Nach Palästina? Nach ״Europa“, vielleicht nach ״Amerika“. _____ Bei der jüdischen Handelskammer in Haifa wurde ein spezielles Komitee, das ProHaifa-Komitee, gebildet, dessen Aufgabe ist, sich mit der Verwirklichung der verschiedenen Vorschläge und Pläne für die Entwicklung Haifas zu befassen. Die Mitglieder dieses Komitees sind die Herren: Nathanson (Vorsitzender der Handelskammer), Itzkovitz (Vorsitzender der Bezirksverwaltung Hadar Hakarmel), Lewin (Vorsitzender der jüdischen Gemeindeverwaltung Haifa), Alejnikoff, Schneiur, Reich. Ejtari, Evseroff (Vertreter von Mischar w'Taasia). Johann Heinrich Graf Bernstorfi vollendete am 14. d. M. sein 70. Lebensjahr. Was Graf Bernstorlf. Sohn des preußischen Außenministers und Botschafters, als deutscher Beamter. Politiker und Diplomat im Laufe eines arbeitsreichen Lebens geleistet hat, wird sicherlich bd dieser Gelegenheit an anderer Stelle hervorgehoben werden. Für die jüdische und speziell zionistische Welt gilt es, ihre Verehrung und Sympathie einem Manne zum Ausdruck zu bringen, der stets gerechtes Verständnis für die ludcnfrage bewiesen hat und durch sein Eintreten für die Idee des Jüdischen Nationalheims in Palästina das Anseheif seiner Person und seine Tatkraft furchtlos in den Dienst einer jüdischen Sache, die er zugleich als Menschheitssache erkannte, gestellt hat. Graf Bernstorff ist Präsident des ״Deutschen Komitees Pro Palästina zur Förderung der jüdisehen Palästinasiedlung“ seit dessen Gründung am 15. Dezember 1926. Er hat bei Veranstaltungen dieses Komitees selbst wiederholt Gelegenheit genommen, sein Interesse an der jüdischen Palästinasache zu begründen und auch einige Einzelheiten aus seiner politischen Tätigkeit zu erzählen, ln der er schon früher mit der Palästinasache zu tun hatte. Graf Bernstorff war bekanntlich während des Krieges deutscher Botschafter in Washington, wo er in einer seinen politischen Weitblick und seine patriotische Gesinnung ehrenden Welse für die Idee der Verständigung eintrat und die deutsche U-Boot-Politik zu verhindern suchte; als er jedoch gegenüber der kriegsfreundlichen Richtung unterlag und der Krieg mit Amerika Tatsache wurde, ging er als Botschafter nach Konstantinopel und dort kam er, wie er selbst erzählt, sehr bald mit zionistischen Kreisen in enge Fühlung. Graf Bernstorff bemühte sich damals, die türkische Regierung zu einer freundlichen Haltung gegenüber dem Zionismus in Palästina zu bewegen. Es war sein Wunsch, daß von deutsch-türkischer Seite jene Initiative ausgelien möge, die dann England mit der Baliour-Deklaration ergriffen hat. Der Ausgang des Krieges hat diese Bestrebungen illusorisch gemaent, aber Graf Bernstorff ist ein Freund des zionistischen Gedankens eblieben. In seinen Kundgebungen im Rahmen des Pro alästina-Komitees betonte er stets, daß er den Zionismus als eine Sache der Völkerversöhnung und Völkerverständigung betrachte. Als Gegner jedes aggressiven Nationalismus in der Welt sieht er auch die Zukunft Palästinas in einer freundsch aftllchen Zusammenarbeit der beiden dort wohnenden Völker. Das jüdische Aufbauwerk, das unter der Aegide des Völkerbundes steht, sei dabei als Kulturwerk ersten Ranges zu bewerten. Wer mit Graf Bernstorff zusammenarbeiten durfte, hatte Gelegenheit, den unerschrockenen Charakter, die überlegene Weltklugheit, die liberale Gesinnung und die bezaubernde persönliche Liebenswürdigkeit dieses echten Demokraten und zugleich aristokratischen Gentleman zu bewundern. Anläßlich seines 70. Oeburtstages wird ein großer Kreis von Verehrern, unter ihnen die deutschen Zionisten, ihm noch viele Jahre fruchtbarer Tätigkeit im Dienste des Vaterlandes und der Menschheit wünschen. Rooseveif an die amerikanischen Zionisten New York, 11. November. (J. T. A.) Der Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation, Herr Morris Rothenberg, veröffentlicht soeben eine BotschaftFranklin D. Ro os e velts, die dieser wenige Tage vor seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an die amerikanische Zionistische Organisation aus Anlaß des 15. Jahrestages der Balfour-Deklaration am 2. November d. J. gesandt hat. Zu Beginn seiner Botschaft erinnert Franklin D. Roosevelt daran, daß Präsident Wilson, der letzte demokratische Präsident der Vereinigten Staaten, es war, der die Einverleibung der Balfour-Deklaration in den Friedensvertrag mit veranlaßt hat. Dann fährt Roosevelt fort: Die jüdischen Leistungen in Palästina seit Verkündung der Balfour-Deklaration haben die großen Hoffnungen gerechtfertigt, die an die Uebernahme der Patenschaft der jüdischen Heimstätte gesetzt worden waren. Eine Würdigung des jüdischen Fortschritts in Palästina seit der Balfour-Deklaration bedeutet nicht nur einen Tribut an die schöpferischen Kräfte des jüdischen Volkes, sondern es ist damit auch die Fest- Stellung verbunden, daß das jüdische Werk, das dem ganzen Heiligen Lande eine große Entwicklung gebracht hat, das Wohl aller Einwohner des Landes fördert. Ich persönlich werde immer mit tiefer Sympathie den Fortschritt Palästinas beobachten. Ich spreche Ihrer Organisation meine aufrichtigsten Wünsche für einen weiteren Erfolg und für weitere große Leistung aus. Auch Präsident H 0 o v e r hat aus Anlaß des 15. Jahrestages der Verkündung der Balfour-Deklaration eine Botschaft an die Zionistische Organisation Amerikas gesandt, in der er darauf hinweist, daß die Balfour-Deklaration die einmutige Billigung beider Häuser des Kongresses der Vereinigten Staaten (Annahme der Lodge Fish-Resolution i. J. 1922) gefurderi hat, und schließt: ״Es ist sehr erfreulich, feststellen zu können, daß viele amerikanische Juden, Zionisten wie Nichtzionisten, dieser Sache, die die Sympathie und die moralische Ermutigung aller verdient, so glänzende Dienste geleistet haben.“ Prof. H, C. Becker, der ehemalige preußische Kultusminister, hielt auf dem Gesellschaftsabend des Hilfsvereins der deutschen Juden am 22. d. M. einen Lichtbildervortrag ״Durch biblische Lande“, in dessen Verlauf er auch auf Palästina zu sprechen kam. In der Einleitung hob er hervor, weiche gewaltigen Veränderungen sich heute im Nahen Orient vollziehen, insbesondere durch die Berührung des Arabertums mit der europäischen Welt und durch die großartige Renaissance des jüdischen Volkes in Palästina. Der Vortrag selbst paßte sich insofern dem Charakter eines ״Gesellschaftsabends״ an, als er weniger die sachlichen Probleme erörterte, sondern mehr eine Reiseschilderung im Plauderton als Begleitung zu den interessanten Lichtbildern gab, die, mit einer einzigen Ausnähme, von dem Vortragenden selbst aufgenommen waren. Die Reise führte durch Persien, Irak, Syrien, während Palästina nur auf der Durchreise von Damaskus nach Haifa durchquert wurde. Demgemäß hielt sich der Vortragende auch bei seinen Urteilen über Palästina zurück, doch erklärte er, daß ihm der Anblick des E m e k J e s r e e 1, das er vor 30 Jahren als verwahrlostes, unbewohnbares Sumpfgebiet gesehen hat und das mit seinen blühenden Dörfern ״wie eine Landschaft Thüringens“ aussehe, einen überwältigenden Eindruck gemacht und die tiefe Ueberzeugung von der ungeheuren Kulturleistung, des zionistischen Aufbauwerkes vermittelt habe. Er schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die vier Elemente, die in Palästina zusammenstoßen, nämlich Mohammedaner, Juden, Christen und Europäer, sich zu harmonischem Wirken im Interesse des Landes vereinigen mögen. — Dem Vortrag von Prof. Becker ging ein« Vorführung des Tschaikowsky-Tfio, op. 50, A-moll, voraus, das vom Spiwakowsky-Kurtz-Trio hinreißend gespielt wurde. Nach der Veranstaltung blieben die Anwesenden noch in angeregter Geselligkeit in den Räumen des Kaiserhofs beisammen, wobei die auch von Herrn Willy Dreifus in seinem Schlußwort entschuldigend erwähnte Pikanterie des Ortes (neben Hitlers Hauptquartier) zu manchen Bemerkungen Anlaß gab.

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