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Jüdische Rundschau · 1932-11-01 · 8 (11.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
8 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 8, November 1932 Zwei deutsche Krankheiten Von Arthur Prinz. Wenn heut« ein Jude aus seinen vier Wänden heraustritt, hat er das Qefühl, als schlage ihm eine Welle des Hasses entgegen und folge ihm überall hin. Noch vor zwei Jahren hätten selbst von uns Zionisten, die doch nie auf ein Verschwinde; .’cs Antisemitismus gerechnet haben, wohl die wenigsten diese furchtbare Verschärfung des Judenhasses in einem der ersten Kulturländer für möglich gehalten; und im Grunde ist sie auch heute den meisten von tins unverständlich. Denn selbst wenn man all׳ jene besonderen Lebensbedingungen Deutschlands nach dem Kriege sorgsam berücksichtigt, von denen hier mehrfach die Rede gewesen ist, — die Erbitterung des durch Inflation und Monopolkapitalismus enteigneten Mittelstandes, die Ueberreizung des Nationalstolzes durch die Niederlage und die vielen Demütigungen, und andererseits all׳ das, was von jüdischer Seite an Taktlosigkeiten und ״Grenz- Überschreitungen״ gesündigt worden ist -־ selbst dann bleibt vieles, vor allem aber die Haltung der deutschen Bildungsschicht, nahezu unfaßbar. Gerade wer mit Menschen dieser Kreise intimeren Verkehr pflegt, ihren geistigen und seelischen Reichtum kennt, der vermag am wenigsten zu begreifen, daß der judenfreundlichere Teil der jedem Gerechtigkeitsgefühl und jeder Ritterlichkeit hohnsprechenden Judenhetze bedauernd, aber ziemlich tatenlos zusieht, während ein weit größerer Teil, besonders der protestantischen Intelligenz, sie mehr oder minder wohlwollend duldet oder gar nach Kräften unterstützt. Dabei ist es erschütternd zu sehen, wie man sich vielfach ein bestimmtes Bild vom Judentum und jüdischen Wesen zurechtmacht, das mit der Wirklichkeit nur teilweise übereinstimmt — wie man zeitgebundene, zum Teil schon verschwindende Züge für unser Wesen nimmt und den jüdischen Einfluß — den wir nicht nach Assimilantenmanier zu verkleinern trachten — noch so durch das Vergrößerungsglas sieht, daß er schließlich an allem schuld erscheint, was augenblicklich überhaupt als schlecht empfunden wird. Die Ursachen dieses erstaunlichen Prozesses zu verstehen, ist für uns nicht nur wichtig, um zu einer inichtbareren Auseinandersetzung mit der deutschen Intelligenz zu kommen — sondern vor allem, weil unser Selbstvertrauen und unsere innere Bewegungsfreiheit wachsen, wenn sich nachweisen läßt, daß jenes Zerrbild vom deutschen luden nicht so sehr auf seine Eigenschaften als vielmehr auf bestimmte deutsche Bedürfnisse zurückzuführen ist. Eine solche Untersuchung — die wohl niemand für ein Zeichen von ״Anti-Germanismus“ halten kann, — muß allerdings weit ausholen; denn hier gilt ein Goethewort, das uns Juden besonders geläufig sein müßte: . ״Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleibt im Dunkel, unerfahren, Muß von Tag zu Tage leben.“ I. Vor mehr als einem halben Jahrhundert schrieb Dostojewski anläßlich des Kulturkampfes einen seiner genial hellsichtigen politischen Aufsätze über ״Deutschland, die protestierende Macht“. Die einzige und ewige Aufgäbe dieses Landes, so heißt es dort, sei sein Protestantentum, der Protest, ״wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, g£gen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses . Eibe ausmacht.״ Zu diesem Erbe Roms rechnet aber Dostojewski nicht nur die katholische Kirche, sondern in hervorragendem Maße auch die Französische Revolution und den spater aus ihnen erwachsende!! Sozialismus — übrigens ein Gedanke, der jetzt auch in den heftigen Anklagen Sombarts gegen den ״westliehen Geist“ des proletarischen Sozialismus anklingt. Dostojewskiv 'erblickt in dem immer wieder hervorbrechenden deutschen Protest gegen alle vom Westen ausgehenden Versuche zur ^Allvereirugung der Menschheit“ geradezu den ״charakteristischsten, wesentlichsten Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes vom Beginn seiner Geschichte an“. ״Es protestierte gegen diese Wert diese ganzen zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach — und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee — so glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen.“ Vielleicht könnte man einwenden, Dostojewski habe die Deutschen hier mit der Hellsichtigkeit wie mit der Blindheit des Hasses gezeichnet. Aber bezeichnenderweise hat auch einer der bedeutendsten neueren deutschen Denker, Max Scheler, kurz nach dem Kriege eben dieses fortwährende Protestieren für eine der schlimmsten ״deutschen Krankheiten“ erklärt und, etwas anders nuancierend als Dostojewski, sich gegen die Sucht des Deutschen gewendet, ״sich entweder ohne Maß Fremdem hinzugeben oder nur durch Protest gegen Fremdes Ge.danken und moralische Haltungen zu entwickeln, die er sich doch gleichwohl heimlich vom Fremden vorschreiben läßt, nämlich durch die igriffsrichtung, gegen die er protestiert. Beides ist Schwäche, :nt nur eines von beiden; Hingabe wie Protest“*). Scheler An! verfolgt diese verhängnisvolle Neig ung durch die deutsche Geistesgeschichte und weist besonders darauf hin, wie das Luthertum ״aus dem P r o t e s t gegen schwere Schäden der damaligen Kirche entsprang, nicht aber aus einem positiven, neuen, vom Kampf gegen die Hierarchie ganz unabhängig gewachsenen religiösen Bewußtsein“. Ein einziges Mal habe der deutsche Geist ganz frei aus sich heraus Herrliches geschaffen, nämlich in der Klassik; sonst aber habe die Methode des Protestgedankens immer wieder über die Geister Macht gewonnen, und besonders im Weltkrieg gefährliche Verbreitung gefunden, als man die Politik der Feindmächte in einem Atem als brutal, niederträchtig, skrupellos usw. darzustellen und — zur Nachahmung und Uebertrumpfung zu empfehlen pflegte. .״Wann wird es Deutschland lernen,“ so fragt Scheler, ״daß das Traurigste, Unerträglichste, das Haßerweckendste für jeden Menschen und so auch für jedes Volk das Bild des Doppelgängers ist; daß sklavische Nachahmung und sklavischer Protest nur die zwei polaren Gipfelpunkte ein und derselben verwerflichen Bewegung des Geistes sind?“ Nun, bisher hat es Deutschland nicht gelernt! Sondern gerade seit der zu früh verstorbene Philosoph im Jahre 1919 Jene Sätze schrieb, hat das protestlerische Denken die unerlörtesten Triumphe gefeiert. Wurde der Gegensatz zum Westen schon durch den Kriegsausgang und die wachsende finanzielle Abhängigkeit auf das Aeuuerste verschärft, so mußte die Einführung der aus dem Westen stammenden parlamentarischen Demokratie, der Machtzuwachs der in Dostojewskis Sinne durchweg ״westlich“ fundierten (und im alten Deutschland mehr oder weniger verketzerten) katholischen, demokratischen und sozialistischen Parteien, sowie endlich der Eintritt in den höchst ״westlichen“ Völkerbund dem Protest des deutschen Nationalismus stärksten Auftrieb geben. Während in der Außenpolitik ״Das Deutsche Nein“ *} Max Scheler, Nation und Weltanschauung, 1923; darin der Aufsatz ״Von zwei deutschen Krankheiten“ (1919). viele Jahre hindurch das beliebteste Schlagwort, wenn nicht das Programm, der Rechten war, und man gegen die Beschuldigungen des Versailler Vertrages und spätere Gewaltnjaßnahmen des Auslandes tausendmal f,flammenden Protest“ erhob, obwohl man von der Nutzlosigkeit oft selbst überzeugt war, ־— wurde im Innern gegen alles Sturm gelaufen, was westlicher Herkunft verdächtig schien, Und gerade weil man den westlichen Ideen und Einrichtungen im Moment wenig Eigenes entgegensetzen konnte, suchte man sie .um so gründlieber durch niederreißende Kritik zu entwerten, um für das kommende Eigene im Volke Raum zu schaffen. Da wir Juden durch eine besondere historische Verumständüng, von der letzthin besonders Krojanker gesprochen hat, die sichtbarsten Vertreter demokratischer und liberaler Ideen ge* worden waren, mußte der Kampf gegen den Westen auch die deutschen Juden treffen, und die beispiellose Kraft und Heftigkeit des heutigen Antisemitismus ist letzten Endes nur verstandlieh als Phase des zweitausendjährigen und jetzt wohl kulminierenden Kampfes sein starker deutscher Kräfte mit der westlichen Welt. Wenn man immer wieder, und oft hemmungslos, auf das antisemitische Argument zurückgreift, so geschieht es, um sozusagen an unseren Nasen aufzuzeigen, wie ״land- und rassefremd‘ jene aus denn Westen importierten Ideen seien. Man sucht schlechthin alles Westliche als ״jüdisch‘, die Juden aber als Inkarnation des Bösen darzustellen. Und bezeichnenderweise lassen manche Führer des Nationalismus durchblicken, man werde später, in einem von fremden Einflüssen befreiten Deutschland, den Antisemitismus ״nicht mehr nötig haben‘. 11. Erklären diese Zusammenhänge die gesteigerte Bedeutung der Judenfrage für Deutschlands Politik und Geistesleben, so bleibt ein anderes, ein moralisch-psychologisches Problem offen: wie kann eine solche geistige Auseinandersetzung in tausend Fällen und Formen in den brutalsten Pöbelantisemitismus übergehen, ohne daß die ganze Bildungsschicht im Lande Goethes und Kants mit aller Schärfe den Trennungsstrich zieht? Während das Ausland, das doch seine Juden wahrlich auch nicht liebt, sieb über die hierzulande üblichen Methoden des Antisemitismus aufrichtig empört zeigt, halten offenbar große Teile der. deutschen Intelligenz sich schon für edel, wenn sie ihre iüdisehen Bekannten anständig, und zuweilen mit wirklicher Güte, behandeln und für ihre Person den Pöbelantisemitismus ״ablehnen‘. Daß aber der heutige Zustand eine Schande für Deutschland und für jeden ist, der ihn nicht bekämpft, dafür fehlt weithin das Gefühl! Vielleicht bietet auch hierfür der erwähnte Aufsatz Schelers die Erklärung, wenn er als die zweite große ״deutsche Krankheit‘, neben dem Protest-Denken, die ״falsche Innerlichkeit* bezeichnet, ־— d. h. den unglückseligen Hang des Deutschen, sich ׳mit großem Ernst seiner inneren Vervollkommnung zu widmen, dafür aber auf die Durchsetzung der eigenen Prinzipien in der Außenwelt, auf die verantwortliche Gestaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens zu verzienten. In Deutschland habe sich, meint Scheler, ein einzigartiges und verhängnisvolles ״Assekuranzsystem“ entwickelt, indem die Machthaber der Wirtschaft und Politik die Wirklichkeit ziemlich unbekümmert um ethische Prinzipien nach eigenem Vorteil und Gefallen gestalteten, dafür aber den Dichtern und Denkern volle ״Narrenfreiheit‘ gäben, die rigorosesten Moralsysteme auszudenken, — wenn sie dann nur, Im Bewußtsein der eigenem Vortrefflichkeit schwelgend, die unverbesserlich schmutzige Wirklichkeit anderen überließen. Scheler führt dieses folgenschwere Mißverhältnis zwischen Tat und Gesinnung, Macht-, habern und Denkern auf mehrere historische Ursachen zurück, von denen uns hier vor allem die religiöse angeht Luthers Grunderlebnis, die Verzweiflung über die Unmöglichkeit, Gott durch die dem Mönche vorgeschriebenen Werke zu genügen, habe ihn ״den rettenden Sprung in die Barmherzigkeit und Gnade Christi allein durch den Glauben“ vollziehen lassen, und ihn zu einer religiösen Zerteilung des Mensehen geführt: in eine Seele, die unabhängig vom W e r k ר nur kraft des Glaubens, in Christo geborgen sei, und in einen unveränderlich sündigen fleischlichen Teib, der sich, nach Luthers Wort, im ״Schwemekoben“ des Irdischen wälze. Der mächtige Einfluß, der von dieser Lutherischen Grundposition auf die spätere deutsche Philosophie und Wissenschaft ausging, und noch durch mehrere andere Faktoren verstärkt wurde, habe so die Deutschen zum Passivismus und Quietismus gegenüber den gegebenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen geführt. So neige der Deutsche im allgemeinen dazu, die jeweiligen Verhältnisse als ״geschichtlich notwendig“ zu betrachten, auch wenn sie mit entschlossenem Willen durchaus geändert werden könnten; er sei stets versucht, die Auswirkungen seines besten Menschentums auf den engen Kreis seiner Familie und nächsten Umgebung zu beschränken und dem öffentlichen Leben pessimistisch-resigniert zuzusehen. Uns scheint, daß sich auf diese Weise die Haltung der gebildeten Deutschen zur Judenhetze noch am ehesten erklärt. Die Ueberzeugung, daß die politische Welt ohnehin mehr oder weniger des Teufels sei, und daß der Einzelne daran nichts ändern könne, lähmt die Energie derjenigen, die den heutigen Antisemitismus mißbilligen, und der dem mangelnden Vertrauen in die eigene Kraft entsprechende Respekt vor dem politischen Erfolgsmenschen und seinen Mitteln verleitet viele, die ״eigentlieh“ nur den geistigen Antisemitismus billigen, die gröberen Methoden als durch aie Verhältnisse geboten und unvermeidlich zu betrachten. III. Wenn man von uns Juden heute Rat annehmen wollte — wir sprechen im ״Irrealis“ — so wäre, von den außenpolitischen und wirtschaftlichen Schädigungen Deutschlands durch den Antisemitismus einmal abgesehen, vor allem auf zwei Zusammenhänge hinzuweisen. Der wüsten Judenhetze müßte die deutsche Bildungsschicht im eigensten Interesse entgegentreten, weil die Methoden der fortgesetzten Lüge, Verleumdung und Terrorisierung, zuerst an Juden ausprobiert, bald allgemeinere Anwendüng finden und ihren Weg, besonders über die Jugend, überallhin nehmen müssen — bis in die exklusivsten Kreise und vornehmsten Familien hinein! Einzelne Organe der deutschen Bildungsschicht haben jetzt endlich, wohl in Erkenntnis dieser furchtbaren Gefahr allgemeiner Verwilderung, ihre Stimme erhoben — aber es ist Zeit, daß sich alle Geistigeren ihrer Verantwortung bewußt werden! Was aber den Kampf gegen den ״jüdischen Geist‘ betrifft, so sei die deutsche Rechte an Schelers eindringliche Warnung erinnert, sich nicht in entscheidendem Stunden durch das Bild dessen bestimmen zu lassen, was man ablehnt, sondern nur durch das innerlich Bejahte, zur Gestaltung Drängende. Sieht man denn nicht das Krampfhafte, Gezwungene, Kranke am heutigen Antisemitismus, und fürchtet man nicht, daß diese Zeichen auch dem jetzt Werdenden anhaften müssen? Soll denn wirklich aas Bild der deutschen Zukunft das Negativ des ״überwundenen“ liberalen Judentums werden? Wenn nicht, so starre man doch nicht so viel auf jenes Zerrbild! Für uns aber ergibt sich aus der Erkenntnis dieser beiden ״deutschen Krankheiten“ vor allem die Notwendigkeit, unsere innere Freiheit zu wahren. In einem Moment, in dem die Judenheit an einem ihrer großen geschichtlichen Wendepunkte an- gelangt ist, dürfen wir uns in keiner Weise von dem bestimmen I lassen, was man uns jetzt nachsagt oder antut. Man bekämpft | in uns den Liberalismus? Wir werden nicht aus Trotz zu ihm j zurückkehren! Das Bild unserer Aufgabe und Zukunft darf nur von unserer inneren Notwendigkeit bestimmt werden. Presseschau Der Londoner ״Jewish Chronicle“ veröffentlichte im November einen Artikel ״Im dunkelsten Deutscli• 1 a n d worin Auszüge aus dem nationalsozialistischen Programm gegeben werden. In der Einleitung teilt die Redaktion mit, daß sie am 25. Juli 1932 einen Briet an Adolf Hitler gerichtet hat, worin sie ihn aufforderte, vier Fragen über die Stellung der Juden in Deutschland im Falle einer nationalsozialistischer Herrschaft zu beantworten. Da keine Antwort kam, hat die Redaktion am 19. August nochmals angefragt. Selbstverständlich hat sie auch auf diesen Briet keine Antwort bekommen und hat sich nun die Antwort aut ihre vier Fragen aus dem nationalsozialistischen Programm selbst herausgesucht. Es ist immerhin etwas naiv, wenn die Redaktion einer jüdischen Zeitung an Hitler derartige Briefe richtet, und noch naiver, wenn sie sich dann wundert, daß er die Briefe nicht einmal ״aus Höflichkeit“ beantwortet hat. ln der darauffolgenden Nummer brachte ״J e w i s h C h r onicle“ einen weiteren Abschnitt unter demselben Titel ״Im dunkelsten Deutschland“, worin Auszüge aus Hitlers Buch ״Mein Kampf“ gegeben werden. Gleichzeitig werden eine Reihe von Zuschriften Christlicher Engländer wiedergegeben, denen das Material des ״Jewish Chronicle“ zugeschickt worden war und die sich äußerst abfällig über den Antisemitismus aussprachen. Bei aller Zurückhaltung, die englische Politiker den inneren Vorgangen eines fremden Landes gegenüber zu üben pflegen, wird doch von vielen der Schreiber erklärt, daß der Antisemitismus der Nazis mittelalterliche Barbarei sei und unwürdig eines zivilisierten Landes (so schreibt z. B. Lord Bertrand Rüssel, der bekannte Forscher). Prof. Gilbert Murray, der berühmte Völkerrechtler, nennt das nationalsozialistische Programm ein Zeichen für den pathologischen Zustand Europas. ״Jewish Chronicle“ schreibt hierzu in seinem Leitartikel, es sei auffallend, daß die nichtjüdische öffentliche Meinung Englands bisher gegenüber dem nationalsozialistischen Antisemitismus so indifferent gewesen sei. Teilweise sei dies dadurch zu erklären, daß zuverlässige Informationen mangelten und daß man daher die jüdischen Befürchtungen für Produkte der Hysterie oder Feigheit hielt. In einer ganzen Reihe von Zuschriften an den ״Jewish Chronicle“ *drücken englische Christen ihr E r s t a u n e n aus, daß die Dinge sich so verhalten, wie in den Dokumenten dargelegt wird. ״Jewish Chronicle“ betont aber, daß seine Aktion keine Gegnerschaft geen Deutschland bedeutet; noch heute sei Deutschland eineswegs durch offizielle Propaganda so sehr von Judenhaß erfüllt, wie etwa früher das zaristische Rußland. Die Mehrheit des deutschen Volkes hat das Nazi-Programm nicht akzeptiert und vieie Deutsche, angefangen vom Reichspräsidenten, haben nationalistischen und religiösen Haß verurteilt. Deutschland, so schreibt das Blatt weiter, hat in seiner schweren Krise die Sympathien aller rechtlich denkenden Menschen in der Welt für sich, und man kann nur wünschen, daß diese sich in praktische Maßnahmen der Zusammenarbeit umsetzen. Die Bukowinaer Deutschen haben den jüdischen Führer Dr. Mayer Ebner 2u seinem 60. Geburtstag durch ihren Führer Dr. Kohlruß offiziell begrüßen lassen. Das Organ des Bukowinaer Deutschtums, die ״Czernowitzer Deutsche Tagespost“ schreibt in einem längeren Aufsatz über Dr. Ebner u. a. folgendes: ״.... Auch wir Deutsche schätzen und ehren Dr. Mayer Ebner. Nicht nur als alten politischen Freund, mit dem die Deutschen dieses Landes schon mehr als einmal Schulter an Schulter manch heißen Wahlkampf ausfochten. Sondern gerade auch wegen seines Bekennermutes, wegen seiner nationalen Gesinnung, wegen seines unbeirrbaren und treuen Festhaltens an einer zieloewußten, reinlich geschiedenen Minderheitenpolitik. Mag es im deutschen Volke in der Nachkriegszeit auch Strömungen geben, aus denen Gegensätze zum Judentum erwachsen, so wird selbst der geschworene Judenfeind dem aufrechten, jedes Assimilantentum entschieden ablehnen־ den nationalen Juden, wie er in Dr. Ebner verkörpert ist, gerade wegen dieser Gesinnung seine Achtung nicht versagen können. . . . Gerade an dieser Stelle wären auch seine meisterhafte Beherrschung der deutschen Sprache als hervorragender Journalist und die tiefe Verehrung, die er, der nationale Jude, für die Größe deutschen Geistes und deutscher Kultur hegt, zu erwähnen... “ * Die bekannte katholische Monatsschrift ״Stimmen der Zeit“ (Freiburg i. Br.) bespricht in ihrem Noveniberheft die Genfer Jüdische Konferenz in folgender charakteristischer Weise, die beweist, daß auch in christlichen Kreisen die antisemitische Verhetzung in Deutschland als Schande empfunden wiid. Die Zeitschrift schreibt: ״Weil die rücksichtslose nationale Verhetzung sich besonders gegen die Juden richtet, ist es begreiflich, daß eine von amerikanischen Zionisten im August 1932 nach Genf einberufene Jüdische Weltkonferenz die Organisation des Schutzes der wirtschaftlichen und Staatliehen Rechte namentlich der deutschen Judenheit durch die Judenheit der Welt beschlossen hat. Freilich sagt die ״Frankfurter Zeitung“ (23. August 1932, Reichsausgabe), die Konferenz habe keinen amtlichen Charakter gehabt, und fast alle Gemeinden und großen Organisationen seien ihr fern geblieben. Aber jeder weiß, daß auch ohne amtlichen Zusammen- Schluß die internationale Judenschaft zur Verteidigung ihrer Rechte imstande ist. Daß sie überhaupt Veranlassung hat, sich darauf vorzubereiten, ist für die Nichtjuden keine Ehr e.“ * Jm zweiten Novemberheft der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ ist ein Briefwechsel von Robert Welt sch und Wilhelm Stapel über das Thema ״Liberalismus und Judentum“ veröffentlicht, ln dem ersten Brief wird im Anschluß an gewisse Bemerkungen Stapels in früheren Heften dieser Zeitschrift darauf hingewiesen, daß in der Haitung mancher Kreise gegenüber den Juden ein innerer Widerspruch steckt, da man einerseits den Juden nach deutschnationalen Maßstäben mißt, also ihn direkt und indirekt zur Assimilation verleitet, auf der anderen Seite aber gleichzeitig die üblen charakterlichen Folgen der Assimilation als ״jüdische Eigenschaften“ brandmarkt und den zu sehr ins deutsche Bereich vorstoßenden Juden in seine Grenzen zurückweist. Der Liberalismus, so wird ausgeführt, hat die Juden nicht ״als Juden“ emanzipiert, sondern unter der Fiktion eines allgemeinen Menschentums tatsächlich zur Assimilation an das Mchrheitsvolk genötigt. Jede wahre Emanzipation der Juden müsse jedoch den Juden ״unter Anerkennung seines Andersseins, aber auch seines Mensch-Seins“ in die Gesellschaft aufnehmen. Dr. Stapel erklärt demgegenüber, daß der Jude in die ״Gesellschaft“ nicht aufgenommen werden könne, da diese kein künstliches, sondern ein organisches, gewachsenes Gebilde sei, dem der Jude eben nicht angehört. Wenn aber auf das ״Mensch-Sein“ verwiesen werde, dann müsse demgegenüber gesagt werden, daß der deutsche Staat ein d e u t - sener Staat und kein ״M e n s c h e n - Staat“ sei. Würde, so schreibt Stapel, der Jude vollberechtigter Staatsbürger, ״so wäre der Staat nicht mehr ein deutscher Staat, sondern ein Menschen-Staat, also nicht ein soziologisches, sondern ein ideologisches Gebilde“. — An diese beiden Briefe schließen sich dann noch zwei kurze Repliken an.

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