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Jüdische Rundschau · 1932-10-01 · 7 (10.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
7 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Monatsausgabc Nr. 7, Oktober 1932 Seite 5 Seelische Abwehr Von Dr. I. O r ü n f e I d , Würzburg Vor kurzem fand in IV׳ d r z b 11 r g ein« Gemeindeversammlung statt, su welcher die Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbilrger jüdischen Glaubens, des Rcichsbundes Jüdischer Frontsoldaten und die Zionistische Ortsgruppe gemeinsam eingeladcn hatten. Thema des Abends war: ״Wird die lleichstagswahl zur Schicksalsstunde für die deutschen Juden?" Jede der drei Organisationen stellte einen Jlcdner. Namens der Zionistischen Ortsgruppe hielt unser Gesinnungsgenosse Dr. Grünfeld eine Ansprache, dir weit über den aktuellen Anlaß hinaus das Problem der jüdischen Stellung' zum Antisemitismus grundsätzlich beleuchtete. Unser Berichterstatter stellt fest, daß die Ausführungen Dr. Grünfelds gerade auch bei sehr vielen anwesenden Nichtzionisten den stärksten Eindruck hinterlicßen. Wir geben nachstehend den Text der Hede Dr. Grünfelds mit einigen kurzen Weglassungen wieder. Red. ln einer Zeit, iti der die deutsche Judenheit um ihre nackte Existenz ringt, um ihre Existenz im buchstäblichen Sinne des Wortes, ist die Einheit aller die es angeht, die Einheit der Kampfes־ und Schicksalsgenossen, eine Selbstverständlichkeit, Wenn daher in einer Versammlung, wie der heutigen vcrschie• dene Weltanschauungsgruppcn innerhalb des Judentums ihre Wortführer entsenden, so braucht man nicht zu betonen, daß eine Polemik mit dem Zweck des Zerreißens der Einheit der Bedrohten ein Verbrechen gegen die eigene Gemeinschaft und gegen sich selbst wäre. Einheit der Be d rollten tut not. Denn dieser Einheit der Bedrohten steht gegenüber eine Einheit des Hasses. Dieser Haß fragt nicht nach orthodox oder liberal, nach zionistisch oder nicht zionistisch, dieser Haß ist dämonisch. Für die dämonische Tiefe dieses Judenhasses zeu* gen die Ereignisse der Gegenwart. Nicht im Sinn einer solchen cinhcitsstörenden Polemik wollen daher meine Worte aufgefaßt werden, sondern als Aus* druck dessen, wie die verschiedenen Auffassungen vom Sinn des Judentums und Judeseins verschiedene Arten seelischer Reaktion auf den Judenhali erzeugen. Es muß in diesem Zusarnmenhang betont werden (um Mißverständnisse zu ver־ meiden), daß wir Zionisten die Abwebrarbeit des Centralvereins, soweit sie nicht einer von uns abzulehnenden Auffassung vom Wesen des Judentums entspringt, durchaus anerkennen. Diese Abwelirarbeit ist notwendig. Würde sie nicht vom C.־V, geleistet, so müßte eben eine andere Abwehrorganisation geschaffen werden. Dabei kann jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß auch die Leistungen des Zionismus, der ja nicht in erster Linie der Abwehr nach außen, sondern schöpferischer Leistung nach innen gewidmet ist, positive Abwehr als Reflex Wirkung erzeugen, im Sinn der Widerlegung von gegen uns geschleuderten, unhaltbaren Verleumdungen. Ich denke dabei in erster Linie an die Widerlegung des Märchens von der Unfähigkeit des Juden, körperliche, produktive Arbeit zu leisten, durch das lebendige Beispiel unserer Chaluzim, die unter härte* sten Bedingungen und durch aufopfernden Idealismus den steini* gen und sumpfigen Boden unserer alten Heimat in fruchtbares Ackerland verwandeln. Oder aber, um ein Beispiel aus der Industrie zu nennen, an die ungeheuere, die ganze Welt mit Bewunderung erfüllende Leistung unserer jüdischen Ingenieure bei der Erbauung des erst kürzlich eingeweihten grandiosen Ruthenberg-Werkes zur Elektrifizierung Palästinas und des Vor* deren Orients. Worauf es mir aber am heutigen Abend am w e s e n t - lieh sten ankomrht, das ict die Betonung der religiösen, see• lischen und kulturellen Problematik des Judenhasses, besser gesagt, die Frage nach der seelischen Widerstands• kraft gegenüber dem Antisemitismus. Und hier gilt es zweierlei zu betonen: die Ablehnung der Assimilation und den Anschluß an die religiöse, k u 11 u - relie und historische Tradition unseres Vol• k e s. Dabei bin ich mir bewußt, daß dadurch die praktisch-politische Abwehrarbeit nicht ersetzt werden kann. Aber diese praktisch-politische Abwehrarbeit allein genügt mit• nichten. Gerade das geistige, seelische und kulturelle Element war es ja, was uns in den Jahrtausenden der Verfolgung die innere Widerstandskraft gegeben hat. Vor allem die jüdische Jugend braucht etwas positiv Jüdisches zu ihrem Halt, sie bedarf sittlicher Werte religiöser und allgemein-kultureller Art, um diesen furchtbaren Kampf ungebrochen an Leib und Seele bestehen zu können. Dazu ist aber eine Kenntnis und ein eingehendes Studium unseres Schrifttums und der hebräischen Sprache als Schlüssel zu ihm eine dringende Notwendigkeit. Die jüdischen Gemeinden müßten alles tun, um unserer heranwachsenden und auch erwachsenen Jugend dieses Studium zu ermöglichen. Nur s 0 erhält die Jugend ein positives Gegengewicht gegenüber dem Negativen des Judenhasses, nur so weiß sie, warum und w 0 f ü r sie all diese L.eiden erduldet und nur so kann sie ihr seelisches Gleichgewicht erhalten. Das ist es, was ich seelische Abwehr nenne. Wir sprachen von der unbedingten Ablehnung der Assimilation. Es liegt nahe, in Zeiten des Judenhasses das spezifisch Jüdische, die eigene Art, als das Objekt des Hasses verdecken zu wollen, um damit vermeintlich den Haß selbst zu beseitigen. Nichts ist verkehrter als dies. Jede Assimilation, die sich bewußt als Verleugnung der eigenen Art und des eigenen Seins vollzieht, beruht auf mangelnder Selbstachtung und!st deshalb verächtlich. Sie widerspricht dem sittlichen Persönlichkeitsideal und ist deshalb unsittlich. Die Assimilation im obigen Sinne führt aber auch gar nicht zu dem von ihrem Träger erstrebten Ziel der Beseitigung des Judenhasses, sondern, da sie das Judentum als etwas Verdächtiges, zu Verdeckendes erscheinen läßt, zum Gegenteil. Assimilation ist deshalb geradezu dumm. Sie nimmt dem Juden durch das ständige Versteckspielen die innere Geschlossenheit und Harmonie und damit seine schöpferischen Kräfte. Nur der Mensch, der das, was er ist, frei sein darf und sein will, der nicht ständig Versteck spielen muß mit der eigenen Art, ist harmonisch, selbstsicher und in sich geschlossen. Nur der harmonische Mensch aber kann wirklich Kulturwerte schaffen. Die Assimilation ist deshalb auch kulturwidrig, ln diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, die Stimmen objektiv denkender Nichtjuden (von den Antisemiten wollen wir hier gar nicht sprechen) zu der angeschnittenen Frage kennen zu lernen, ln dem vom Verlag ״Tradition“, Berlin, herausgegebenen Buche ״Klärung! Zwölf Autoren und Politiker über die Judenfrage“ schreibt Hans Johst: ״der Jude . . . sollte sich auf sein Volkstum besinnen. Dann . . . könnte er als Einheit, als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz... mit uns wirksam sein. Uns trennt nur Mimikry, Verleugnen . . . Verwischen . . . In-Abrede-Stellen“ Und die ״Rheinisch-Mainische Volkszeitung“ eines der führenden Organe der westdeutschen Zentrums-Partei, schreibt anläßlich der Kritik eines Buches über Zionismus: ״Man muß ehrlicherweise aus der Erfahrung zugeben, daß diese Juden durch die Einfügung in die Geschichte ihres Volkes JÜDISCHE RUNDSCHAU eine sichere Plattform gewannen, von der aus sie mit einer weitaus größeren Ruhe und Sicherheit an die Lösung der allge• mein menschlichen Probleme lierangehcn können als der Jude der vergangenen Emanzipationsepoche. Denn dieser war in dem Bestreben, seiner eigenen Geschichte zu entrinnen und sein eigentliches Wesen zu verstecken, um dadurch den gewünschten Habitus der nicht jüdischen Umgebung zu gewinnen, innerlich brüchig und unsicher‘ geworden, was in nicht wenigen Fällen zu einem pathologisch gesteigerten und oft genug tragisch endenden ,jüdischen Selbsthaß‘ führte.“ Was not tut ist deshalb nicht Verdecken der eigenen Art, sondern bewußter Anschluß an die religiöse, kulturelle und historische Tradition unseres Volkes. Daß dabei die Kenntnis unseres ererbten religiösen Kulturgutes, überhaupt die Kenntnis unserer Literatur und der in Bibel und Talmud niedergclegten Geistesschätze erweitert und vertieft werden muß, ist die dringendste Forderung einer s e c 1 i s c h e ת Abwehr. Es ist beschämend, welche Unkenntnis selbst in gebildeten jüdischen Kreisen in bezug auf unser ererbtes geistiges Kulturgut, das der Menschheit so viel gegeben hat, herrscht. Vor kurzem ging durch die jüdischen glätter folgender typischer Bericht, anläßlich des Hinschcidens des berühmten Juristen und Politikers Geheimrat Wilhelm Kahl. Als der Genannte mit einer gebildeten jüdischen Dame einst an einem Gotteshaus voriibergipg, sah er eine hebräische Inschrift, ein wundervolles Zitat aus den Propheten über dem Eingang des Gotteshauses. Er bat die Dame, die Inschrift zu lesen und zu übersetzen. Er erhielt die Antwort: ״das kann ich nicht“. Und Kahl begann den hebräischen Text fließend zu lesen und zu übersetzen. Die Dame schaute beschämt zu Boden. Kahl antwortete: ״Ja, sie haben allen Grund, sich zu schämen. Wie kann man nur dem jüdischen Volke angeboren und diese herrliche heilige Sprache nicht kennen. Ich habe mir die Mühe genommen, sie zu er■ lernen. —“ Diese Anekdote sollte 7.u Denken geben.- In diesem Moment liegt mir vor allem auch daran, zu betonen, daß unsere historische Einheit gewahrt werden muß, Diese historische Einheit ist die Einheit des gemeinsamen Gewordenseins. Gerade dem historischen Bewußtsein kommt im Judentum eine besondere Rolle zu. Berdjajew, der idealistische Geschichtsphilosoph, ein Nichtjude, kann uns allen in seiner Auffassung vom Judentum und seiner Sendung ein leuchtendes Beispiel geben. Berdjajew, früher ein materialistischer Geschichtsphilosoph, wurde durch das Studium der jüdisehen Oeschichte an der materialistischen Geschichtsauffassung irre und wandte sich der religiös-idealistischen Geschichtsauffassung zu. Vielleicht ist es gerade heute, in dieser düsteren Zeit, wo sich ein jeder von uns mit der Sinnlosigkeit des Judenhasses im tiefsten Innern quält und nach einem höheren Sinn all dieses Geschehens sucht, besonders wichtig, immer und immer wieder von höherer Warte aus das historische Geschick des Judentums betrachtet zu sehen. In Berdjajews Buch ״Der Sinn der Geschichte“ heißt es wörtlich: ״Dem Judentum kam eine ganz ausnahmsmäßige Rolle in Sachen der Erzeugung des geschichtlichen Bewußtseins zu . . . Gerade das Judentum hat ins Weltleben der Menschheit das Prinzip des ״Geschichtlichen“ hineingetragen. Das Judentum« hat in der Geschichte eine zentrale Bedeutung. Das Judenvolk ist vorzüglich das Volk der Geschichte und aus seinem historischen Geschicke ist die Unerforsehüchkeit der Geschicke Gottes zu verspüren. Das historische Geschick dieses Volkes kann nicht auf materialistische Weise erklärt werden, weil am allerdeutlichsten in ihm das ״Metaphysische“ sich zeigt. . . . Es muß gestanden werden, daß von jeglichem materialistischen und positiv-geschichtlichen Standpunkt aus dieses Volk hätte längst aufhören müssen zu bestehen. Sein Bestehen ist eine sonderbare, geheimnisvolle und wunderbare Erscheinung, die darauf hinweist, daß mit dem Geschicke jenes Volkes besondere Absichten verbunden sind. —“ Hier ist der Schlüssel für die Lösung der Frage, wie überhaupt ein denkender und feinnerviger Jude das tragische Geschick der Judenfeindschaft ertragen kann: die Ein* bettung des Judenhasses in das gesamte Judenproblem als g e s c h i c h ts p h i I 0 s 0 p h i - sches, methaphysisches Problem, in das Problem der Sendung des jüdischen Volkes. Nur so verliert der Judenhaß das niederdrückend-sinnlose und wird in einen sinnvollen Zusammenhang eingereiht. Er bekommt den Charakter des dämonischen Widerstandes gegen den Träger einer religiösen, kulturellen und sittliehen Idee. Wir sagten schon, der Judenhaß sei etwas Dämonisches. Diesem Dämonischen muß etwas Metaphysisches entgegengestellt werden, nämlich derGlaube und die Ueberzeugung von der göttlichen Sendung des jüdischen Volkes. Diese Sendung des Juden in der Geschichte kann ich nur dann bejahen, wenn ich die Geschichte überhaupt, insbesondere die Geschichte meines Volkes erfasse als etwas im tiefsten Sinne Meines, als meine Geschichte, als mein Geschick. Erst wer die Identität zwischen seinem historischen Geschick und dem Geschick seines Volkes erlebt hat, ist reif für den Gedanken der Menschheit. Um das Geschick des Judentums spielt sich ein besonderer Dramatismus der Geschichte ab. Dieser geschichtliche Dramatismus wird bestimmt von der messiani- 8 c h e,n Idee und diese wiederum ist beherrscht von dem Glauben an den Fortschritt der sittlichen Idee, insbesondere der Gerechtigkeitsidee in der Menschheit. Auch von dieser Warte her bekommt der Antisemitismus seinen höheren Sinn. Die Judenfeindschaft nur aus wirtschaftlichen und soziologisehen Gründen erklären zu wollen, wäre platt und geradezu banal. Der Stand der J u d en f r a g e i s t d e r Gradmes$er für den Stand der Gerechtigkeitsidee. Denn nicht darin, daß der Starke dem Starken sein Recht gewährt, kann ein Fortschritt der Gerechtigkeitsidee erblickt werden (Klugheit und Zweckmäßigkeit allein können dem Starken dies Verhalten diktieren), sondern darin, daß der Mächtige dem Schwachen sein Recht gewährt. Und wir Juden sind nun einmal eine schwache, wehrlose Minorität. So sollte es wohl sein, Berdjajew erkennt den Sinn der jüdischen Geschichte im leidenschaftlichen Kampf um die Gerechtigkeitsidee. Ob damit der letzte Sinn des Leidens der Juden in der Geschichte gegeben ist? Wer kann dies wissen? Meine Damen und Herren! Die jüdische Geschichte spricht eine Sprache, deren Grammatik noch nicht geschrieben wurde. Nur mit ahnungsvollem Schauer können wir ihren Kadenzen lauschen, bange ahnend, daß eine transzendente, übersichtliche Macht die Gesetze ihres Werdens bestimmt, Aber eines dürfen wir nie unterlassen, wenn anders wir nicht aufhören wollen, Juden zu sein: den leidenschaftlichen Kampf um den Fortschritt der Gerechtigkeitsidee. Und noch eines: wir dürfen nie den Glauben verlieren an den endlichen Sieg der Gerechtigkeitsidee, an das endliche Hervorbrechen des hellen Morgens aus dem Dunkel der Nacht. Das gebietet uns der Messianismus. Wir dürfen nie vergessen: Die Geschichte irrt nicht. Nur di« Menschen irren. Ich will meine Ausführungen, die ein Kapitel darstellen sollten, zu dem was man seelische Abwehr nennt, schließen mit einem Zitat aus Jesaja, dem Propheten der messianischen Idee: ,,Schicksalslast des Schweigens; mir ruft es aus Seir zu: Wächter, wie stehts um die Nacht? Wächter, wirds eine lange Nacht? Und es kündet der Wächter: Es kommt der Morgen, trotz der Nacht.“ ״Ein Rekordfahr der Einwanderung“ Pressestimmen zur neuen Alijah Die Londoner ״Time s“ berichtet über die Erteilung der 4500 Zertifikate für Palästina-Einwanderung mit der Bemerkung, dies sei die höchste Immigrationsquote seit 1926 und ein sichtbarer Ausdruck für die ökonomische Gesundheit des Landes. Als ein weiterer Beweis der neuen Haltung der Regierung gegenüber dem jüdischen Aufbauwerk sei es zu betrachten, daß die Regierung beschlossen hat, in Tel Adaschim, einer jüdischen Kolonie im Einek Jesreel, einen Brunnen zu bohren. (Bisher mußten solche Arbeiten von den jüdischen Fonds auf eigene Rechnung durchgeführt werden. — A. d. R.) Anschließend daran berichtet die ״Times“ noch, daß Muza Kazim Pascha mit einigen anderen führenden Arabern eine Gesellschaft für Landkauf in Palästina für das arabische Volk gegründet habe, nach dem Beispiel des Jüdischen Nationalfonds. Die ״Frankfurter Zeitung“ meldet aus Jerusalem: Die palästinensische Regierung hat der Zionistischen Exekutive für uas Halbjahr Oktober 1932 bis März 1933 4500 Einwanderungserlaubmsse für mittellose jüdische Einwanderer ־übergeben. Es ist dies die höchste Zahl, die bisher jemals von der britischen Regierung genehmigt worden ist. Dazu kommt •der Umstand, daß, abgesehen von diesen mittellosen Einwanderern eine steigende Zahl begüterter jüdischer Einwanderer ins Land kommt. Das Jahr 1933 wird wohl ein Rekordjahr der jüdischen Einwanderung nach Palästina darstellen, nur mit dem Jahr 1925 vergleichbar. Palästinas WirtscbaHserlolge ln Aegypten Bekanntlich hat die Palästina-Regierung kürzlich eine gemischte Kommission zur Förderung des Handels mit Aegypten eingesetzt, die sich auch nach Aegypten begeben hat, um Ver- Handlungen zu führen. Der ägyptische Korrespondent der Berliner Zeitschrift ״Industrie und Handel“ berichtet in einem Brief aus Kairo über das Vordringenpalästinensischer Produkte auf dem ägyptischen Markt. Der Wert des jährlich aus Palästina nach Aegypten eingeführten Weines beläuft sich auf etwa 40 000 Pfund. Der große Export von Orangen und Bananen wurde durch die Prohibitivzölle zum Stehen gebracht. Doch werden andere landwirtschaftliche Produkte in steigendem Maße in Aegypten verkauft, seitdem im vorigen Jahre die Verkaufsgenossenschaft ״Tnuwah“ eine Filiale in Kairo gegründet hat, die vor allem folgende Waren in ganz Aegypten verkauft: Honig, Käse, Oliven, eingemachte Früchte, weine, Sirup, Biskuits usw. Außerdem werden Schokolade, Bonbons und andere Kanditen aus den Schokoladefabriken in Tel-Awiw verkauft. Noch interessanter sind die Erfolge der palästinensischen I n du s t r i e , die ־um so höher einzuschatzen sind, als hohe Zölle bestehen und die Arbeiterlöhne in Palästina höher sind als in Aegypten. Es handelt sich um Damenhandtaschen, Herrenwäsche. Rohseidenkleider und andere Textilwaren, ferner Knöpfe, Seife, Küchengeschirr usw. Die große Mehrzahl dieser Artikel stammt aus jüdischen Fabriken. __ Pressefreiheit and Jadenhetze Ein Urteil des Schweizer Bundesgerichtes. Wohl in keinem Lande der Welt herrscht derartige Pressefreiheit wie in der Schweiz. Eifersüchtig wird von den Kantonats-Regierungen und dem Bunde darauf geachtet, daß dieser Grundsatz der Schweizer Verfassung nicht angetastet werde. Die Pressefreiheit als solche darf nicht unterbunden werden. Hingegen bestimmt Artikel 50 der Bundesverfassung, daß alle Verwaltungsbehörden, eidgenössische, kantonale ־und kommunale, gegen Verhetzung einschreiten müssen. Seit einiger Zeit erscheinen in der Schweiz zwei radikal antisemitische Zeitschriften ״Der Eiserne'Besen" in Zürich und ״Die Reaction“ in Genf. Beide Zeitschriften beziehen ihre Ideologie aus nationalsozialistischen Quellen in Deutschland. Auf Grund der in der Schweiz herrschenden Pressefreiheit kann man die Herausgabe derartiger Zeitschriften nicht verbieten. Hingegen kann man den öffentlichen Verkauf solcher gegen eine bestimmte Gruppe gerichteter Publikationen untersagen. Das hat denn auch der Regierungsrat von St. Gallen in bezug auf den ״Eisernen Besen“ verfügt. Die Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift haben sich nun an das Bundesgericht in Lausanne (entsprechend dem deutschen Staatsgerichtshof) beschwerdeführend gegen den Kanton St. Gallen gewandt. Das Bundesgericht hat die Beschwerde zurückgewiesen. In der letzten Zeit haben Bundespräsident M o 11 a , einzelne Regierungsstellen und schließlich das Lausanner Bundesgericht sich eindeutig gegen die antisemitische Verhetzung in der Schweiz ausgesprochen. Daß derartige Aeußerungen und Entscheidungen notwendig waren, beweist, daß es auch in der Schweiz, wo unter 4 Millionen Einwohnern 18 000 Juden leben, eine Judenfrage gibt. Bemerkenswert ist jedoch die Energie, mit der schweizerische Regierungsstellen gegen den radikalen, vom Auslande genährten Judenhaß zu Werke gehen. Sie werden dadurch die anti- und asemitische Haltung eines großen Teiles des Schweizervolkes nicht aus der Welt schaffen. Sie werden aber verhindern, daß der Judenhaß in der Schweiz derartig exzessive Formen annimmt wie in Deutschland. Wesentlich bleibt es immer, daß man rechtzeitig von den zentralen Stellen eingreift. Wenn die antisemitischen Exzesse erst einen übermächtigen Umfang angenommen haben, ist deren Eindämmung kaum noch möglich. _ Der verstorbene Österreichische Bundeskanzler Dr. Hans Schober war von der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs als ein Mann van Gerechtigkeitssinn und Vorurteilslosigkeit geschätzt, der in zahlreichen kritischen Momenten der Nachkriegs־ eschichte Wiens tatkräftig die Judenschaft vor jeder Bedrohung urch antisemitischen Pöbel schützte. Schober interessierte sich auch für die zionistische Bewegung. Als er während des Krieges Chef der österreichischen Staatspolizei war, wurde durch Denunziationen von verschiedenen Seiten Mißtrauen gegen die Loyalität der Zionisten zu verbreiten gesucht, Schober Heß damals den Führer der österreichischen Zionisten, Robert Stricker, kommen und besprach die Angelegenheit in aller Offenheit mit ihm, da er an die aus antisemitischen und assimilatorischen Kreisen stammenden Verdächtigungen nicht glaubte; seit jener Zeit bestand ein auf Respekt una Verständnis basierendes Verhältnis zwischen ihm und der Zionistischen Organisation Oesterreichs.

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