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Jüdische Rundschau · 1932-10-01 · 7 (10.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
7 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr, 7, Oktober 1932 Die deutschen Chaluzim von Kfar Gun Von Viscountess Erleigh. Die Verfasserin des nachfolgenden Auf sali es ist Lady Erleigh, die Tochter Lord M eichet ts (Sir Alfred Monds) und Schwiegertochter Lord Readings. Lady Erleigh hat bekanntlich bereits mit ihrem Vater und später nach dem Tode ihres Vaiers wiederholt Palästina besucht, und obwohl sie früher allen jüdischen Dingen völlig entfremdet war, ist sie durch das Erlebnis Palästinas *u einer bcgeisterten Vorkämpferin der jüdischen Renaissancebewegung ge~ worden. Der vorliegende Artikel, den Ixxdy Erleigh vor einiger Zeit in England veröffentlicht hat, schildert die Eindrücke der Ver• fasserin in einer Siedlung des Emek hajarden, dessen Siedlungen bekanntlich ebenso wie die des Emek Jesrcel, mit den Geldern des Keren Iiajcssod auf Boden des KKL errichtet worden sind und über deren Entstehung und Entwicklung in der ,Jüdischen Rundschau' wiederholt berichtet wurde. IV<> erinnern in diesem Zu• sammenhange insbesondere an die Artikelserie, die unser palästinensischer Korrespondent vor einiger Zeit unter der öeberschrifl ״Die friedliche Revolution“ in der ,J. R." veröffentlicht hat. Darin wurde beschrieben, wie die Siedlungen des Emek nach lieberwindung der Anfangsschwicrigkciien sich *וז immer größerer wirtschaftlicher Selbständigkeil heraufgearbeitel heben. Es wird für unsere Leser inler• essant sein, in welcher Weise das Emek auf eine Persönlichkeit wie Lady Erleigh gewirkt hat. Lady Erleigh wird Anfang Sovcmher in Berlin sein und hier im Rahmen des Keren Ilajessod auf einer Veranstaltung im Marmorsaal des Zoo unter Vorsitz von Direktor Oscar Wassermann sprechen. Red, Auf dem Wege von Jerusalem bis Dschenin, der Land* schalt im Norden des Samaria-Gebietes, den das Auto in etwa 3 Stunden zurücklegt, sind die Städte Ramallah und Nablus die einzigen größeren Oasen mit dichten Baumgruppen, grü* nenden Feldern und Obstgärten. Im ganzen liegt das weite Gebiet öde und unwirtlich da. Aus dem rötlichbraunen, schwerklumpigen Erdboden sprießt da und dort ein wenig Grün, gerade genug, um die umherziehenden Schafherden der arabisehen Hirten zu sättigen. Aber auf weiten Strecken, auf denen der nackte Felsen aus dem Erdboden hervorschaut, wachsen zwischen Felsblöcken und Steinen nur Domen und Disteln, ln weiten Abständen voneinander erheben sich die elenden Lehmhütten arabischer Dörfer. . Kurz hinter Dschenin senkt sich das Land, und ■dem Auge bietet sich das Bild einer weiten grünen Ebene, sorgfaltig eingeteilt In Felder, Obst- und Gemüsegärten, belebt von regelmäßig angelegten Ortschaften mit weißen Häusern und roten Ziegeldächern. Das ist der Emek Jesreel, das große Siedlungsgebiet, das die Zionistische Organisation im letzten Jahrzehnt für die jüdischen Ansiedler im Lande erschlossen hat. Hat man diese Ebene durchquert, so steigt der Weg wieder an bis zu der Bergstadt Nazareth, die mit Ihren Kirchtörmen und Klostergewölben, mit ihren Zypressenhecken, die als dunkle Wächter vor den Klostertoren stehen, und dem Hauch von Weihrauch und verhallendem Kirchengeläut, der ständig über der Stadt schwebt, in träumerischem Sinnen auf das tätige Land zu ihren Füßen hinaussieht. Dann, wenn der Weg sich in der Richtung auf Tiberias nach Osten dem Jordan zugewendet hat, tut sich nochmal ein ähnlich dichtbesiedeltes und wohlbestelltes Gebiet wie der Emek Jesreel auf: der Kreis der untergaUIiisehen jüdischen Kolonien, die sich bis zum Gestade des Tiberiassees und zum jenseitigen Ufer des Jordan erstrecken. Auch hier liegt zwischen den kleinen Ortschaften mit den Reißen Häusern Feld an Feld, Gemüsegarten an Gemüsegarten, PRanzungshain an Pflanzungshain. Aber dazwischen schieben. sich Gebiete, in denen der Boden aussieht, als könne er nie etwas anderes hervorbringen als mannshohe Dornen und Disteln, als weigere sich die schmachtende Erde, sich dem Mensehen zu ergeben. Beim Anblick der wohlbestellten Felder und Pflanzungen scheint es fast unmöglich, was erfahrene Mitreisende versichern: daß noch vor wenigen Jahren dieses ganze Gebiet eine verdorrte, fieberbrütende Wüste war, die von räuberischen Beduinen aus dem eng benachbarten Transjordanien durchzogen wurde. Sie erzählen, wie sich hier junge jüdische Arbeiter, die eine große Zukunft für dieses Gebiet als Gebiet einer jüdischen Massensiedlung ahnten, niederließen und es in ihrer durch Krankheit, Ueberfälle und Not nicht geminderten Arbeitslust erreichten, daß die Zionistische Organisation dieses Land schließlich ankaufte und ihnen die erste Möglichkeit zur dauernden Ansiedlung gab. ln dieser untergaliläischen Siedlung ־־־־ Kfar Gun*) — machen wir halt: es ist ein kleiner noch junger-Ort mit zwei Betonhäusern und Baracken ringsum, in denen 38 Menschen: Männer, Frauen und 14 Kinder leben. Willig und offenbar stolz auf das Erreichte zeigen sie uns ihren ^sitz: den Kuhstall, der gerade ein Dutzend kräftiger Kuhkälber beherbergt, den Hühnerhot: mit einer stattlichen Schar schneeweißer Hühner, wie man sie allenthalben in den jüdischen Kolonien des Landes trifft, die Milchkammer. Man füjirt uns hinaus auf die Felder, wo das Frühgemüse reift, das von den Kolonien der Jordansenke vorwiegend nach Damaskus verkauft wird, man zeigt uns die Bananenbaume, an denen in schweren korbartigen Gebilden von tropischer Ueppigkeit die reifen Früchte hängen. Man präsentiert uns mit besonderem Stolze die jungen, eben erst angelegten Pflanzungen von Orangen und Grapefruit, von denen man eine leichtere Zukunft für die Siedlung erhofft. Auch das sprießende Viehfutter auf den Feldern — Luzerne und Klee — müssen wir bewundern; es trägt Ernten im Jahre und macht die Kühe schön und stark, nachdem sie in den ersten Siedlungsjahren, als man sich noch arabischer Fütterungsmethoden bediente, mager und elend geblieben waren. Ein Glucksen und Murmein begleitet uns auf allen Wegen: es ist das Jordanwasser, das durch die Röhren in den Feldern und Pflanzungen fließt und die Verwandlung des einst so verschmachteten Landes in blühenden Boden bewirkt hat. In den Viehställen und Hühnerhöfen, im Kinderhause und in den Küchenräumen — allenthalben sprudelt das Wasser aus den Hähnen — ein Segen, den man würdigen kann, wenn man das benachbarte dürre Land gesehen hat. Während wir noch beieinander stehen und über die Frucht der Felder sprechen, kommt ein halb beladenes Auto gefahren, und eine Anzahl der jungen Siedler und Siedlerinnen eilt, es ist mit den Produkten ihrer Wirtschaft: mit großen, schweren Eiern, mit Gemüse- und Salatsorten, die es an keiner anderen Stelle des Landes gibt, beladen. Die untergaliläischen Kolonien haben sich, wie man uns sagt, zu einer Verkaufsgenos8enschaft zusammengeschlossen, die nicht nur im Lande *) Kfar Gun ist bekanntlich eine vorwiegend aus d e u t - sehen Chaluzim bestehende Siedlung (vormals Markenhof). - Anm. d. Red. Palästinas günstige Wirtsdiaffslage Jahresversammlung der ״Palestine Economic Corporation" Im Tempel Emanu-El in New York wurde in diesen Tagen die Jfahresversammlung der Palestine Economic Corporation abgehalten. Die Corporation entstand bekanntlich 1926 durch Zusammenlegung der Palästina-Werte des Joint Distribution Committee und der Palestine Cooperative Coinpany. Den Vorsitz auf der Jahresversammlung führte der Ehrenpräsident der Palestine Economic Corporation, Felix M. Werburg, der u. a. ausführte: In einer Zeit, in der Industrie-Standard und Arbeitslage in fast allen Ländern sich verschlechtert haben, ist Palästina in der Lage, vorwärts und aufwärts zu schreiten. Diese erstaunliche Tatsache kann nur auf die sorgfältige Auswahl der Menschen und die Wachheit unseres Volkes zurückgeführt werden. Das kleine Land Palästina steht heute auf eigenen Füßen. Ich zweifle nicht, daß beim Fortschreiten dieser Entwicklung sich die Be- Ziehungen zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung günstig gestalten werden und daß der aufrichtige Wunsch unseres Volkes, eine Zusammenarbeit mit der in der gleichen Richtung arbeitenden arabischen Bevölkerung zu zu erreichen, erfüllt werden wird. Ich verweise insbesondere auf die gemeinsamen Anstrengungen, bessere Absatzverhält־ nisse für Orangen zu schaffen. Ich gestehe gerne, daß ich hier aus eigenem Interesse spreche; denn meine in einem Orangen-Ham in Palästina gemachte Investierung ist vom finanziellen Standpunkt höchst befriedig e n d. Ich habe in Palästina wirkliche Profite erzielt, die günstiger sind als bei vielen meiner Investierungen in Amerika. Der Geschäftsbericht Bertiard F I e x n e r, der Vorsitzende des Rates, auf dessen Initiative die Corporation gebildet wurde, führte ungefähr aus: Die Corporation hat die in ihrem Prospekt vom Jahre 1926 gemachte Voraussage verwirklicht. Sie hat nicht allein ihr ursprüngliches Kapital intakt erhalten, sondern auch das später investierte Kapital ist erhalten geblieben, ja sogar ein Ueberschuß konnte erzielt werden. Unsere Tätigkeit in den ersten sechs Jahren unseres Bestehens wird erst abgeschätzt werden können, wenn mehrere unserer Investierungen in größeren Industrieprojekten Palästinas, die noch nicht voll entwickelt sind, beginnen werden, Profit abzuwerfen. Ich verweise auf unsere Investierungen im King David Hotel, in der Palestine Potash Ltd. und im Bodenbesitz an der Haifa- Bucht. Das Kapital der Gesellschaft hat sich von 783 000 Dollar bei der Gründung auf fast 3 Millionen Dollar erhöht; der Ueberschuß beträgt 90 000 Dollar, die Gesamtreserve beläuft sich auf über 2 Millionen Dollar. Die Gesellschaft hat keine Schulden. Flexner wies als Beispiele des Wirtschaftliehen Fortschritts in Palästina darauf hin, daß in der letzten Orangen-Saison 3452 000 Kisten Orangen im Werte von 1639 000 Pfund (gegen 2 857 000 Kisten Orangen im Werte von 857 000 Pfund 1. J. 1930) verschifft wurden. Die Palestine Potash Ltd. verfügt über ein Aktienkapital von 325 000 Pfund. Er, Flexner, und Felix M. Warburg, die größten Aktionäre der Palestine Potash Ltd., sind im Board vertreten. Flexner äußerte sich anerkennend über die Leitung der Potash-Gesellschaft durch Novomeysky und erwähnte, daß die Gesellschaft einen großen - Teil der Bedürfnisse Großbritanniens an Brom deckt und Schiffsladungen in Kali nach den Vereinigten Staaten und nach verschiedenen anderen Ländern verschifft. Julius Simon, der Präsident der Palestine Economic Corporation (der sich sofort nach der Tagung zu seinem alljährlichen Besuch nach Palästina begab), erklärte es als das ziel der Corporation, ״die wirtschaftlichen Grundlagen jüdischer Siedlung in Palästina zu stärken“. Das wichtigste Unternehmen ist die Citrus-Industrie. Die Verpackungs -und Absatzmethoden wurden verbessert. Zusammen mit der Pica wurde das Bewässerungssystem vervollkommnet. Nicht weniger wichtig ist die Ausbeute der wertvollen Mineralien des Toten Meeres. Die Corporation hat sich deswegen an der Palestine Potash Ltd. beteiligt. Im Hinblick darauf, daß Haifa als das •zukünftige Industriezentrum Palästinas anzusprechen ist, hat die Gesellschaft 5000 Dunam des wertvollsten Bodens an der Haifa-Bucht für industrielle Entwlcklung in Reserve genommen. Der wirtschaftlich schwächere Teil der jüdischen Bevölkerung wird durch Kredite gestützt. Die Gesellschaft beteiligte sich an der Errichtung der Central Bank of Cooperative Institutions und an den Kreditoperationen der Palestine Mortgage and Credit Bank Ltd. Wir haben uns mit dem Problem befaßt, wie der landwirtschaftliche Arbeiter zu einem Kleinpächter gemacht werden kann; wir haben auch hierin Erfolg erzielt. Berichte der Tochter-Institute Emanuel Mo hl, geschäftsführender Direktor der drei Tochter-Institutionen der Corporation, Palestine Mortgage and Credit Bank Ltd., Bayside Land Corporation Ltd, und Loa״ Bank Ltd., führte aus: Hauptziel der Corporation in ihrem Kreditsystem sei es, jenen Einzelpersonen zu helfen, die ihre im Auslande erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen in Kleinindustrien in Palästina verwerten. Von Anfang an waren gewöhnliche kommerzielle Diskontkredite aus dem Operationsgebiet der Gesellschaft ausgeschlossen, Anleihen wurden nur gewährt, wo erhöhte Produktion und infolgedessen erhöhte Beschäftigung von Arbeitern erwartet werden konnten. Die Höhe der Darlehen bewegte sich zwischen 50 Pfund und 500 Pfund, das Durchschnittsdarlehen war 203 Pfund. Die Rückzahlungsfrist bewegte sich zwischen neun Monaten und 3'/2 Jahren, die Durchschnittsfrist war 2y% Jahre. Die Zinsen in Höhe von 8 % wurden gleichzeitig mit den Ratenrückzahlungen entrichtet. Mohl berichtete auch über Darlehen an landwirtschaftliche Arbeiter, Errichtung von Arbeiter-Vorstädten an der Haifa-Bucht u. a. m. Harry Viteles, Generaldirektor der Central Bank of Co-operative Institutions in Palästina, berichtete über die Tätigkeit der von ihm verwalteten Institution. Die noch 1922 eäußerte Befürchtung, daß sich bei dem Absatz der Produkte er jüdischen Kolonisten Schwierigkeiten ergeben könnten, hat sich als grundlos erwiesen. Die Milchproduktion hat sich um 4 500 000 Quart (1 Quart 1,136 Liter) erhöht, die Einfuhr von Eiern nach Palästina hat sich von 20 Millionen auf weniger als 7 Millionen verringert. Man hofft, daß Palästina in diesem Herbst Eier nach Europa wird transportieren können. Der Grapefruit-Export hat sich von 5000 Kisten vor sechs Jahren auf 150000 Kisten in der vergangenen Saison erhöht. Man hofft, daß die Jewish Agency-Siedlungen im Nuris-Distrikt und im Jordan-Tal in der Lage sein werden, ihre Grapefruit atJf europäische Märkte einen Monat früher, als die Grapefruit aus anderen Ländern eintrifft, zu bringen. (Diese Hoffnung hat sich bereits erfüllt; vgl. ״I. R.“ Nr. 84, Seite 1, .,fn aller Kürze“. — Red.) Mehr als 50 0/0 der von der jüdischen Einwohnerschaft Palästinas konsumierten Gemüsemenge werden von den jüdischen Kolonisten im Lande produziert. Exportversuche in Kartoffeln und Tomaten nach England und Frankreich erwiesen sich als erfolgreich. Frisches Gemüse ist jetzt das ganze Jahr hindurch erhältlich. Erdbeeren gibt es während fünf Monaten im Jahre. Qualität und Größe der ins Ausland verschifften Bananen stehen hinter denen der kanarischen Inseln und Westindiens nicht zurück. Die Central Bank gewährte Anleihen in Höhe von 900 000 Dollar im vergangenen Jahre (gegen 150 000 im Geschäftsjahr 1922/23) an verschiedene kooperative Unternehmungen. Von den im letzten Jahrzehnt gewährten Darlehen in der Gesamthöhe von 6 Millionen Dollar gingen vier Millionen an die Landwirtschaft, 90 ס/יי der im abgelaufenen Geschäftsjahr ausgegebenen Kredite wurden bar zurückgezahlt. Außer diesen kurzfristigen Darlehen gewährte die Central Bank langfristige Darlehen in Höhe von 775 000 Dollar. Die Zinssätze dieser Bank sind immer noch die niedrigsten in Palästina. Viteles schloß mit einer Darstellung des Standes der kooperativen Bewegung in Palästina. llllllllllllllllllllllllllllllllllltlllltllllllllUlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltllllllltlllllllltlltlllUllUmilltIM selbst, sondern auch in Syrien, Aegypten, neuerdings sogar in Griechenland neue Absatzmärkte sucht. Der größte Teil des einen der beiden Betonhäuser in der Siedlung ist -־־ mit derselben Sorgfalt, die man überall im Lande den Kindern widmet — den 14 Kindern der Arbeitergruppe zugeteilt. Hier liegen die Kleinen in ihren weißen, mit Moskitonetzen geschützten Bettchen, hier spielen die Laufkinder unter der Aufsicht einer der Mütter. Die Schulkinder dagegen ,.verden morgens in die weiteste und größte der untergaliläischen Siedlungen Daganiah gebracht, wo sie in einer für alle diese Orte gemeinsamen Schule unterrichtet werden. Man lädt uns zu einem einfachen, aber schmackhaft bereiteten Mittagessen in der sehr primitiven Speisebaracke ein, wo wir alle Bewohner der Siedlung kennenlernen: von der imponierenden Erscheinung einer jungen Frau, welche die geistige und seelische Leiterin dieses Menschenkreises ist. Einige junge Leute, die in Zentraleuropa Universitäten besucht haben, bis zu einigen blutjungen Burschert, deren Eltern /or Jahren bei den Pogromen in der Ukraine getötet und die dann in einem Landerziehungsheim in Palästina erzogen wurden. Während die Leute nach dem Essen wieder an die Arbeit gehen oder sich zi^ kurzer Ruhepause zurückziehen, erzählt uns einer der jungen Siedler die Geschichte seiner Gruppe. Sie hatten sich, nachdem die meisten von ihnen aus zionistischen Jugend- und Wanderbünden hervor gegangen waren, im Kriege auf einem jüdischen Lehrgut im deutschen Schwarzwald getroffen, wo sie sich für die landwirtschaftliche Arbeit in Palästina vorbereiteten. Bei der ersten Möglichkeit, die sich ihnen nach dem Kriege bot, übersiedelten sie in das von ihnen ersehnte Land, nicht nur um einfach hier zu sein, sondern um in einer von der eigenen Hände Arbeit lebenden, auf unbedingte Gleichheit und Freiheit des Einzelnen gestellten Gemeinschaft neue und bessere Lebensformen als die, welche sie in Europa verlassen hatten, zu schaffen. Ihre ersten Jahre waren voller Mühsal und Not. Der Keren Hajessod, der Siedlungsfonds der Zionistischen Organisation, an den damals gewaltige Anforderungen von den vielen Ansiedlungslustigen gestellt wurden, konnte ihnen nicht gleich Mittel zur Ansiedlung geben. Sie zogen im Lande umher, von einem kleinen Pachtgut in Judäa, das nicht ausreichte, um sie zu erhalten, nach einem Boden im Emek Jesreel, südlich von Nazareth. Ein Teil von ihnen setzte sich endlich in unmittelbarer Nähe der Siedlung Daganiah südlich vom Tiberiassee fest. wo sie mit unendlicher Miihe ein altes arabisches Haus für sich und ihre Kinder wohnlich machten. Aber kaum hatten sie hier begonnen, das brachliegende Land zu bestellen, da schlug das große Erdbeben im Jahre 1928 ihre Wohnstätte in Trümmer und die ersten Winterregen fanden sie ohne Dach über dem Kopfe. Nachdem sie ihre beharrliche Arbeitslust in allen diesen Prüfungen bewiesen hatten, wurden sie von der Zionistischen Organisation mit den Mitte n des Keren Hajessod auf dem jetzigem Gebiet nahe dem Zusammenfluß von Jordan und Jarkon, wo das große Ruthenbergsche Elektrizitätswerk die wilde Wasserkraft regelt und nutzbar macht, an gesiedelt, Auch hier litten sie zuerst bittere Not; es fehlte an Wasser, und später erwies sich eine unter großen Opfern angelegte provisorische Wasserleitung als unpraktisch und unrentabel. Erst seitdem das Bewässerungssystem, das allmählich in allen untergaliläischen Siedlungen eingeführt wird, funktioniert, sehen die Siedler eine weniger leidensvolle und entbehrungsreiche Existenz vor sich. Mit dem fast zu starken Wasserstrom, der vor etlichen Wochen zum ersten Male durch die neuen Röhren brauste, strömte neue Hoffnung und neue Kraft in ihre Seelen. Einer aus der Gesellschaft fragte den Erzählenden, ob er und seine Freunde es denn nicht leichter gehabt hätten, wenn sie als Landwirte in Deutschland geblieben wären. Ein Lächeln ist die Antwort. Darüber haben sie niemals nachgedacht. Ob leicht oder schwer, hier ist die Heimat ihres Volkes, und hier, umgeben von den Erinnerungen ihres Volkes, erzogen in der hebräischen Sprache und der Ehrfurcht vor der Arbeit sollen in ihren Kindern die geistigen Kräfte des Judentums wieder lebendig werden. Die ״Frankfurter Zeitung“ veröffentlichte am 15. Oktober einen Aufsatz ihres Jerusalemer Korrespondenten über ״Stimmungsumschwung in Palästin a“, worin festgestellt wird, daß sich im letzten Jahre eine vollständige Neuorientierung in Palästina vollzogen hat. Die britische Reierung, die vor einem Jahre die arabischen Hauptforderungen efriedigen zu wollen schien, hat nunmehr nach Ernennung des neuen High Commissioners ihre Politik auf eine entschiedene Förderung der zionistischen Bewegung abgestellt. Der Artikel beschreibt dann die durch das Einströmen jüdischen Kapitals geschaffene wirtschaftliche Konjunktur und schildert in seinem zweiten Teil die Schwierigkeiten der mit dem Problem der Europiiisierung kämpfenden Araber.

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