Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 7 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Monatsausgabe Nr. 7, Oktober 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 da wir den Gedanken ablehnen, daß eine solche Forderung an sich geeignet ist, die Stellung der Juden in irgendeinem Lande zu erschüttern. Es hängt ledoch ausschließlich von der Zahl der Juden und von ihrer Schichtung in einem Lande ab, in welcher Form sie ihre Forderung nach Gleichberechtigung geltend macht. In Deutschland fehlen diese Voraussetzungen, was wir den gegebenen Umständen nach verlangen können, ist jedoch jenes Maß freier innerer Entfaltung, das wir zu erfüllen vermögen. Will man für die Zukunft die bei uns sowie bei unseren nfchtjüdischen Mitbürgern gleich unwill־ kommene Grenzüberschreitung auf kulturellem Gebiet v׳er-!neiden, so muß man uns die Möglichkeit für die Entwicklung unseres geistigen Lebens geben. Wir haben dahei die jüdische Schule immer als unser wichtigstes Postulat betrachtet. Wir wollen unsere Kinder zu Juden erziehen und ihnen so die Möglichkeit zur eigenen Gestaltung ihres Lebens geben. Der seinem Volk eingegliederte Jfude erliegt nicht mehr so leicht den verwirrenden und abweichenden Wirkungen der nichtjüdischen Welt. Er gewinnt sein inneres Gleichgewicht und lernt von selbst richtig auf die Erscheinungen der Umwelt zu reagieren. Miteinanderleben ist immer die viel berufene Frage des Takts, eines Takts, den man niemandem durch Belehrung beibringen kann, der in dem Moment von selbst vorhanden ist, in dem jeder von beiden Teilen heiligsten und höchsten Zielen, die (hm durch die natürlichen Gegebenheiten seiner Gemeinschaft vorgezeichnet sind, zustrebt. Wer seiner selbst sicher ist, hat die natürliche Distanz, die für die Gestaltung des allgemeinen politischen Lebens erforderlich ist. Unter keinen Umständen kann die Beteiligung der Juden am Staatsleben gesetzlich anders geregelt werden als im Sinne der vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Alle Versuche der mechanischen Lösung werden und müssen scheitern. Sie führen zu einem unwürdiger! Versteckspiel, zu der viel berufenen ״Tarnung“ des eigenen Wesens und erreichen das Gegenteil von dem erstrebten Ziel. Je stärker das jüdische Leben sich in Freiheit entwickeln kann, um so größer die Garantie für eine erträgliche und würdige Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden. Es ist sogar die einzige Garantie. IV. Die Zeit ist reif dafür, die Juden zu einer neuen Einsicht zu führen. Wenn wir bemüht sind, die neue Orientierung der Juden in jüdischen Dingen herbeizuführen, so wollen wir mit unseren jüdischen Mitbürgern auch frei über unsere Beziehungen zum Deutschtum reden. Wir scheuen uns, angesichts der unerträglichen Häufung patriotischer Beteuerung von jüdischer Seite, unsere Verbundenheit mit der deutschen Welt und dem deutschen Staat zu proklamieren. Hier sei aber gesagt, daß wir es tief empfinden, welch großer Teil von Werten, die unser Inneres erfüllen, vom Deutschtum stammt. Gerade wir national bewußten luden sind bemüht, diese Welt und diesen Staat, in dem wir leben, und in dem für absehbare Zeit ein beträchtliche* Teil unseres Volkes leben wird, zu verstehen, und wir glauben, daß es sich hier nicht um das Verständnis von mar Außenstehenden handelt, sondern daß wir dieser Welt durch viele Fäden eng verbunden sind. Unsere Beziehung ist keine nur äußerliche, sie wird nicht nur durch die Tatsache wirtschaftlicher Zusammenhange bestimmt und es handelt sich für uns nicht um ein ״Vertragsverhältnis“, bei dem wir staatsbürgerliche Ver- Pachtungen erfüllen, um dafür staatsbürgerliche Rechte zu ernalten. Es war uns zwar verwehrt, die Erde zu pflügen und das Brot zu essen, das wir selbst gebaut haben, aber wir haben in langen Generationen uns im deutschen Leben gebildet und die Welle des Hasses, die uns entgegenbraust, kann nicht einen Augenblick die innere Beziehung beinträchtigen, die uns mit der Welt der deutschen Bildung verknüpft. Obwohl das so ist, haben wir es immer abgelehnt, mit unserer vaterländischen Verbundenheit zu paradieren, uns auf jüdische Leistungen zu berufen oder gar die Gefallenen im Weltkrieg zu beschwören und die Schar dieser Toten als Für- Sprecher bei einer uns feindlichen Welt zu verwenden. Gerade diejenigen aber unter uns, denen es möglich war, tief in die deutsche Welt einzutauchen, fühlten in ihr ihr Sondersein, ihr Anderssein. Für die politische Entscheidung, die wir heute vollziehen müssen, ist die Frage unserer seelischen Mischung unwichtig geworden. Beim schaffenden Menschen ist sie erheblich als Grundlage seiner Produktivität, beim Durchschnittsmenschen ist diese tausendfach erörterte psychische Angelegenheit allmählich uninteressant geworden. Einmal war die Feststellung der ambivalenten jüdischen Persönlichkeit für die politische Tendenz der Assimilation wichtig. Man verlegte die jüdische Komponente in die private Sphäre und die deutsche in die öffentliche. Durch bewußte und unbewußte Ueberbetonung der nicht jüdischen Elemente im Juden glaubte man allmählich mit der Umgebung identisch werden zu können. Wäre das gelungen, so gäbe es heute keine Judenfrage. Es ist aber zweifellos mißlungen. Und wir müssen heute, so schmerzlich das vielen sein mag, erkennen, daß die Assimilation der Judenheit als Gesamtheit nicht geglückt ist. In der innerjüdischen Auseinander- Setzung kritisierten wir immer die Möglichkeit von Uebergangspositionen für den politischen Bedarf. Man ist entweder ununterscheidbar eins, oder man ist anders, fn der Wirkung aut die Welt macht es keinen Unterschied, ob eine Gruppe von Juden erklärt, daß sie nur ein wenig anders ist — nicht ״Volk“, aber vielleicht ״Schicksalsgememschaft“ oder etwa ״Stamm“ — oder daß eine andere Gruppe erklärt, daß sie einfach ,,andersartig“ i.5(. Die Erfahrungen des Tags müssen jed-em für die zionistische Behauptung beweiskräftig erscheinen. Verzichten wir heute darauf, noch einmal den innerjüdischen Kampf in seinen geschichtlichen Bedingtheiten darzustellen. Es mag jüdische Menschen geben, deren einmal erlebte Grund- Vorstellungen durch keine Erfahrungen korrigiert werden können, die noch heute die Illusion einer ungefährdeten Ruhe lieben und ״Schwarzseher“ nicht dulden. Diese können aber nicht Wortführer der Judenheit in dieser Zeit sein. Wer aber die Kraft in sich fühlt, unter allen Bedingungen sich zu behaupten, der muß heute ruhig der Weltentwicklung ins Auge sehen und sich fragen, wie er seinem Sein und seiner Sehnsucht eine brauchbare Lebensgrundlage schafft. Die jüdische Wendung muß vollzogen ־werden. Unsere Aufgabe ist es, den Juden zu zeigen, welch unerhörtes Glücksgefühl sie erwarte^ wenn sie alle mit Willen Kinder des jüdischen Volkes werden. Wieder können sie erleben, daß sie eine eigene große Geschichte haben, daß in ihnen allen ״Blut von Gewesenen zu Kommenden rollt“, daß es für sie eigene Vergangenheit und eigene Zukunft gibt, Wem das Glück beschieden ist, die klare Entscheidung zu treffen, der wird auch besonnen den Weg gehen können, der uns vorgesctirieben ist, Es ist interessant, daß heute gerade Nichtzionisten nationale Autonomie für die Juden in Deutschland iordem. Sie sind nicht geschult worden, Verantwortung für das Leben des jüdischen Volkes zu tragen und kommen deshalb zu lebensfremden Postulaten. Die Zeit verlangt, daß die Juden sich der Führung der jüdischnationalen Idee anvertrauen. Eine uns wirklich restlos befriedigende Antwort aut unsere Judenfrage kann es in den Ländern der Welt nicht geben. Wie gute Beziehungen wir auch zur Umwelt herzustellen vermögen, wir leben im Galuth. Ist ein Jude aber zu. dieser Erkenntnis gekommen, dann braucht er nicht mehr zu resignieren, weil er seine ganze Hoffnung mit einer bestimmten Phase der allgemeinen Entwicklung verbunden hat. Dann kann er Festigkeit auch in schwerster Zeit haben, weil sein wahres Schicksal nicht mehr durch die Pendelschwingungen der allgemein politischen Bewegungen allein bestimmt wird. Erfüllt von der Vorstellung an die den Juden eigentümliehen Aufgaben, tritt er mit offenem Visier und unbefangen in die politische Welt ein. Der Kampf um die wirkliche Gleichberechtigung beginnt erst dann, wenn alle luden die Gleichberechtigung für sich als Juden fordern. Man hat es uns Juden verargt, daß wir mit der Behauptung auftreten: erst die jüdischnationale Bewegung des Zionismus känroft den Kampf um die Gleichberechtigung der Juden aus. Jene Oleichbereehtigung, die auf einer vorgeschriebenen ü csinnungsgrundläge beruht, war bedingte Gleichberechtigung, stand 1m Gegensatz zur Anerkennung von der Gleichwertigkeit jüdischer Art, die den Gesetzen ihres Seins zu folgen gewillt war. V. Während uns Feindschaft zur Einheit — vielleicht zur Einheit wider Willen — zusammenschweißt, ist, wie der Nichtzionist Friedrich Brodnitz bemerkt, die G-efahr, daß der jüdische Inhalt unseres Seins immer mehr zu einer bloßen Formel erstarrt, heute größer denn je. Mit Reden ist dem Judentum nicht zu helfen. Alle Worte über jüdische Dinge sind unverbindlich und das Wort hat auch in der Welt im Laufe der Nachkriegsjahre an Wirkungskraft verloren. Man redet Abstraktionen, nicht Sachen. Die Konsequenzen aus dem Bewußtsein, daß die Juden eine jüdisch-geschichtliche Einheit bilden, liegen nicht in politischen Forderungen, liegen auch nicht in noch so differenzierten Darstellungen der jüdischen Gegenwart. Wenn wir bei Worten bleiben{ dann werden wir den Gefahren erliegen, die in jedem Nationalismus verborgen sind und die unzweifelhaft auch der jüdische Nationalismus in sich trägt. Unserer Erkenntnis kann nur die Tat der Verwirklichung entsprechen. Was unser Ziel ist, wird zugleich zur Korrektur für unsere Gedanken: ich spreche vom jüdischen Palästina. Der Zionismus war vom Tage seiner Gebürt an zugleich Bewegung und Verwirklichung in untrennbarer Einheit. Vor 50 Jahren begann das Werk, ein Werk der Erlösung eines Landes durch Arbeit. Seine charakteristische Form fand der Zionismus durch Theodor Herzl, der Phantasie und Realpolitik,verband und in unserer Organisation das Hauptinstrument unserer politischen Wirkung schuf. Was der Zionismus fühlte und wollte, mußte er von Anfang an in einem schweren Leben bewähren, und die Frucht dieser Arbeit zweier Generationen sehen wir heute vor uns. Auf Grund der sichtbaren Leistung erlangte man die internationale Anerkennung des Jewish National Home. Unser Land grünt wieder, es trägt wieder Früchte, es legitimiert uns, im Namen des jüdischen Volkes zur Welt zu sprechen. Wir treten hier nicht auf als die Lobpreiser der eigenen Leistung. Wir sind auf dem Wege und wir kennen besser als andere die Unvollkommenheit der von uns geschaffenen Realitat. Wir durchschauen auch alle das Getue und Gehabe, das anscheinend immer mit einer großen demokratischen Bewegung verbunden ist. Aber da wir selbst gewohnt sind, unablässig an unserem eigenen Werk Kritik zu üben und wir in unserer Presse und auf unseren Tagungen nichts beschönigen, können wir auch bei dieser Gelegenheit ruhig und fest von der Leistung sprechen, die durch die zionistische Bewegung geschaffen ist. Umgeben von böswilliger Kritik, von feindseligen Mißdeutungen, sind wir unseren Weg gegangen. Ein im Aufstieg befindliches Erez Israel steht heute hinter uns und zeigt uns und zeigt der Welt, daß Juden imstande sind, in eigener Freiheit konstruktiv zu wirken und die natürlichen Grundlagen ihres eigenen Lebens ׳zu schaffen. Erfüllt von der Richtigkeit unseres Weges wenden wir uns in unserer Propaganda an die jüdische Weh. Wir haben es als eine unserer Hauptaufgaben betrachtet, die jüdische Jugend zionistisch zu machen. Unser Gegner ist heute nicht mehr die alte Form der Assimilation, sondern eine neue Form, die vor allem im Kleid des Kommunismus uns entgegentritt. Die Jugend hat heute naturgemäß ein tiefes Gefühl für die soziale Frage, und wir haben Verständnis dafür, aber sie muß verstehen, daß sie nicht unter Ueberspringung ihres Zusammenhangs mit dem jüdischen Volk an diese Frage herangehen kann. Auch hier, genau wie in der früheren Aera, vermag der Jude erst dann als legitim Eingegliederter aufzutreten, wenn er seine Orientierung Im jüdischen geschichtlichen und blutmäßigen Zusammennang gefunden hat. Nur die zionistische Erkenntnis vermag die Juden vor neuen Illusionen eines vermeintlichen, die Grundtatsachen der geschichtlichen Zusammenhänge aufhebenden ״Fortschritts“ zu bewahren und sie ohne den Schmerz des Ausgeschlossenseins die Tatsache ertragen lassen, daß Juden Juden sind und bleiben. Nur der Zionismus ist daher imstande, der jüdischen Jugend die Richtung zu geben. Was wir heute durchleben, ist nicht so neu in unserer üeschichte wiie manche glauben. Nur die Juden haben sich geändert. Sie waren vormals so echt in ihrem Wesen, daß sie durch äußere Gefahr nicht erschüttert werden konnten. Das 19. Jahrhundert hat diese inneren Kräfte zerstört. Der Zionismus schafft in Palästina den neuen Rückhalt des jüdischen Volkes. * Im Anschluß an das vorstehende Referat und die darauf folgende Debatte beschloß der Delegiertentag nachstehende Resolution: I. Der XXIV. Delegiertentag der Zionistischen Verein!־ gung für Deutschland billigt die 1m Referat des Vorsitzenden der Z. V. f, D. dargelegten Anschauungen und erklärt: Die Juden in Deutschland stehen Im Kampf um Rechts- Stellung und Existenz. Beleidigungen und Herabwürdigung des Judentums, Drohungen und Gewalttätigkeiten gegen jüdisches Leben und jüdisches Eigentum sind die dauernden Begleiterscheinungen einer Bewegung» die sich im Namen der nationalen Idee an das deutsche Volk wendet. Dieser Geiährdung unserer Ehre und unserer Rechte gilt unser schärfster Kampf. Der Zionismus verwirft einen Nationalismus, zu dessen Grundlagen die Ueberzeugung von der Minderwertigkeit anderer nationaler Gruppen gehört. Diesem Nationalismus, der mit den Mitteln der Staatsgewalt Menschen anderer Art oder anderer Meinung Freiheit und Lebensmöglichkeit nehmen will, setzt der Zionismus als die nationale Erneuerungsbewegung des jüdischen Volkes das Bekenntnis zur wahren nationalen Idee entgegen: aufbauende Arbeit und Entfaltung der schöpferischen Kräfte der Nation, nicht Kampf verschiedener Menschengruppen gegeneinander. Von dieser Auffassung des nationalen Gedankens geleitet, kämpft die zionistische Bewegung für die Rechtsstellung der Juden in Deutschland. Wie sie die Bedeutung des Volkstums für das Leben anderer Nationen anerkennt, fordert sie Respektierung auch des jüdischen Volkstums. Ein Judentum, das sich frei und selbstbewußt zur jüdisehen Art, zum jüdischen Schicksal, zu seinem geistigen Erbe und zu seiner nationalen Aufgabe — Palästina ■— bekennt, wird die Kraft zur Selbstbehauptung finden. Vom Staate, dem wir durch Recht und Schicksal eingeglledert sind, fordern wir Wahrung der vollen Gleichberechtigung und Freiheit der Entfaltung unserer‘ eigenen Art. II. Die verantwortlichen Instanzen der Z.V. f. D. werden beauftragt, den Kampf für die in der Erklärung des Delegiertentages proklamierten Ziele mit allen Kräften zu führen. Hitler, Papcn und — die Juden Der ״Völkische Beobachter“ benützt die Berichte über die Genfer Jüdische Konferenz zu einer heftigen Hetze gegen die Juden. In seiner Nummer vom 19. August bringt er mit Riesenlettern über die ganze Seite die Ueberschrift: ,,Die Regierung Papen hat den Schutz der Juden auf Ihre Fahne geschrieben.“ In dieser Weise — bemerkt der ״Völkische Beobachter“ — wird das ״Pr äs idial ka bi n e׳tt“ vom internationalen Judentum bewertet! Der erwähnte Satz stelle ein ״vielsagendes“ Zitat aus der Rede ״des Berliner Zionistenführers und Zentrumskandidaten Kareski“ dar. In der Ueberschrift wird auch von ״Drohungen gegen die NSDAP, und Lob für Papen auf dem Jüdischen Weltkongreß“ gesprochen und in einer weiteren Ueberschriftszeile (im ganzen fünf ganzseitige Ueberschriften!) wird gesagt: ״Goldman 11 droht mit der Gegnerschaft der Juden in der ganzen Welt.“ Die Nationalsozialisten, die nach der Abweisung Hitlers in scharfe Opposition zum Kabinett Papen getreten sind, wollen offenbar Papen dadurch diskreditieren ,daß sie ihn als Protektor der Juden hinstellen. Mehr als die Verdrehungen des ״Völkischen Beobachters“ interessiert dabei die Tatsache, daß man in Deutschland in kritischen Momenten, wenn man den Kampf gegen eine Regierung oder eine Gruppe erfolgreich führen will, sofort zum a n 11 s e m i - tischen Argument greift. Man rechnet also damit, daß weite Kreise der Bevölkerung es in der Tat als eine bekämpfenswerte Haltung betrachten würden, wenn die Regierung Papen die Juden schützte. Man kann nun gegen die nationalsozialistisehen Agitatoren gewiß vieles sagen, aber das Eine wird man ihnen auf Grund ihrer Erfolge nicht absprechen können, nämlieh daß sie gute Massenpsychologen sind. Wenn sie dem deutschen Bürger das ״Schreckbild“ einer die Juden schützenden Regierung an die Wand malen, dann muß man annehmen, daß sie überzeugt sind, der Burger werde sich mit Abscheu von diesem Bild abwendeh. Wie demagogisch diese Publikation ist, erkennt man am besten, wenn man unvoreingenommen die Rede von Kareski liest, die in der ״Jüdischen Rundschau‘4 wiedergegeben war. Unsere Leser konnten sich selbst überzeugen, daß diese Rede die Verhältnisse in Deutschland tnaßvollund besonnen geschildert hat, Kareski warnte ausdrücklich vor Uebertreibungen und auch vor einseitiger Betrachtung gewisser innerdeutscher Entwicklungen. Wenn er dabei von der Position der Juden unter der gegenwärtigen Regierung sprach, so ist es nur selbstverständlich gewesen, festzustellen, daß die Regierungsgewalt, die heute zum guten Teil in der Hand des Reichspräsidenten selbst liegt, gegen eine formelle Entrechtung der Juden und gewiß auch gegen antijüdische Gewalttaten ist. Die jetzige Reichsregierung weiß, wie sehr Deutschlands Stellung in der Kulturwelt durch einen Rückfall in mittelalterliche Barbarei bei Behandlung der Juden beeinträchtigt würde. Die Regierung Papen wird daher die Rechtsstellung der Juden wahren, aber es ist gewiß etwas zu viel gesagt und nur als rednerische Floskel zu verstehen, wenn erklärt wird, sie habe den Schutz der Juden ״auf ihre Fahne geschrieben״. Die Regierung hat bekanntlich den christlich-nationalen Kurs ״auf ihre Fahne geschrieben“, und die Judenfrage steht in ihren Erwägungen nicht an erster Stelle. Aus dem ganzen Zusammenhang der Rede von Kareski geht hervor, daß er die Lage in Deutschland —י der Wahrheit entsprechend — so beurteilt. Aber vor Verdrehungen ist man nie gefeit. Die Nationalsozialisten haben sich dieses Zitat aus den Genfer Berichten für die Zwecke ihres innerdeutschen politischen Kampfes herausgesucht. Daß sie zugleich den Anlaß zur Judenhetze benützen, braucht uns weiter nicht zu wundern. In welcher gehässigen Weise dies geschieht, dafür möge hier der Schlußabsatz des Artikels als Illustration stehen: ״. , . Hieraus (nämlichfaus Goldmanns Appell an das Deutschtum -־ A. d. ״J. R.“) geht schon der Zweck der Genfer Veranstaltung hervor: Zum einen Teil Hetze gegen Deutschland, aus welchem Grund der Kongreß, der ursprünglieh in Zürich hätte stattfinden sollen, nach dem deutschtemdlichen Genf verlegt wurde, aut’der anderen• Seite die Zusammenfassung aller Juden der Welt in einem Weltkongreß zur Verteidigung ihrer bedrohten Situation in jenem alttestamentarischen Geist der Rache, der aus der Schlußrede Mister Wises aus New York übersprudelte, in der dieser amerikanische Rabbi dem deutschen Volk den Untergang voraussagte, wenn es seine Verfolgung gegen das auserwählte Volk, das nicht vernichtet werden könne, nicht aui'gebe.“ Der Verfasser des Artikels irrt, wenn er das warnende Wort von einer ״geistigen Isolierung des deutschen Volkes“ übeinimmt und gar aus dem Tagungsort der Konferenz ihre ״Deutschfeindlichkeit“ ableitet. Die Konferenz war nicht deutschfeindlich, wohl aber hat sie auf die Gefahr hingewiesen, die der Nationalsozialismus für das deutsche Volk bedeutet. Diese Gefahr einer geistigen Isolierung, das möge sich der ״Völkische Beobachter“ gesagt sein lassen, spürt man in Zürich genau so wie in Genf, ja überall jenseits der heutigen deutschen Reichsgrenzen. Und Artikel wie die des ״Völkischen Beobachters“ sind eine ständige Förderung dieses herostratischen Beginnens, Deutschland von der ganzen Welt abzuschließen. Was das Judentum betrifft, so können natürlich die Drohungen und Verdrehungen des ״Völkischen Beobachters“ uns nicht abhaiten, unsere Kräfte zu sammeln und für unsere Existenz und unsere Rechte zu kämpfen, wo immer diese bedroht sind. Die Wege, die hierbei zu beschreiten sind, werden von politischen und jüdischen Gesichtspunkten vorgeschrieben und nicht durch antisemitische Attacken beeinflußt.