Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 7 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 7, Oktober 1932 Die zionist Aufgabe Im heuügen Deulsddand Kurt Blumenfelds Referat I. Die zionistische Bewegung hat seit dem Tage ihres Ent- Stehens die Verantwortung für die Gestaltung jüdischen Lebens übernommen. Sie gab dem Wort Galuth den ursprünglichen Inhalt wieder, sie erkannte den Irrtum der Assimilation, sie verkündete die Wahrheit vom lebenden jüdischen Volk, und sie stellte den Satz auf, daß nur die Schaffung der öffentlich-rechtlieh gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina die Antwort auf die Judenfrage geben kann. In den 50 Jahren, die seit dem Erscheinen von Pinskers ״Autoemanzipation“ und der Bilu-Auswanderung gerade in diesen Tagen verstrichen sind, ist die zionistische Position gegenüber dem Staat und gegenüber den Völkern immer wieder auf die Probe gestellt worden. Heute haben wir in einem besonders ernsten Augenblick allgemein politischer Entwicklung die Pflicht, mit voller Klarheit der jüdischen Weit und der nichtjüdischen Oeffentlichkeit unseren Weg darzustellen, unsere Forderungen zu erheben und das durclizuführen, was gleichzeitig dem Judesein und der Zukunft des jüdischen Lebens dient. In den letzten 50 Jahren hat sich das Gesicht der Welt geändert, und in dem Zeitabschnitt, den wir heute erleben, sind wir Zeugen der gewaltigsten politischen Umwälzung, die den Charakter des Staats überall zu verändern scheint Unsere Bewegung entstand in der Periode des sogenannten ״liberalen Staats“, mit dem zugleich die Idee von der staatsfreien Sphäre der Persönlichkeit sich durchsetzte. Bei der Kritik, die neute an den politischen Formen geübt wird, die sich im 19. Jahrhundert nerausgebildet haben, wird meist übersehen, daß auch die leidenschaftlich abgelehnten Vorstellungen von der Freiheit des Individuums, von den Grenzen, die dem Geltungsbereich des Politischen überhaupt gesetzt wurden, einmal eine gewaltige revolutionäre Kraft gegenüber dem absoluten Macntstaat waren. Alles, Was im gegenwärtigen Moment als ״antipolitisch“ empfunden wird, alle liberalen Bestrebungen, denen man das Verständnis für den Staat an sich abspricht, sie waren einmal eine das alte Staatssystem zerbrechende aufbauende politische Revolution. Der große Streit, ob der Staat um der Menschen willen da ist oder , ob die Menschen eigentlich nur um des Staates willen existieren, er ist in der Vergangenheit in Wahrheit schon oft ausgefochten worden. Unsere Gegenwart hat diesem Kampf neue Begriffe und schärfere Formulierungen hinzugefügt, aber dieser Kampf zwischen dem, was man heute ״totaler Staat“ nennt und zwischen Einzelmenschen und Menschengruppen, die das Recht auf ihre Lebenssphäre durchzusetzen versuchen, hat schon stattgefunden, ehe die moderne Nomenklatur existierte. Im übrigen wird man der durch die französische Revolution eingeleiteten politischen Entwicklung nicht gerecht, wenn man nicht anerkennt, daß zugleich mit einem liberalen Anarcho-Individualismus, der weder für die Nation noch für den Staat das volle Verständnis aufbrachte, in diesem 19. Jahrhundert auch der Oedanke der Nation eine schöpferische Neugeburt erfahren habe. Jener Nationalismus, der auch auf unsere Bewegung befruchtend und gestaltend eingewirkt hat, war im 19. Jahrhundert eine Freiheitsbewegung. Nach Zer- Störung des absoluten Staats konnte die Vorstellung entstehen, daß die Nation das ihr gemäße. Leben füliren müsse, und daß ein Zustand herzustellen sei, in dein jede Menschengruppe ihren Beitrag zur Weltkultur dadurch leisten könne, daß man ihr die äußeren politischen Bedingungen geben müsse. Die nationalen Freiheitsbewegungen sind 1m Gegensatz zu einem Traditio» und BhiÜüftg ablehnenden Liberalismus entstanden, sie sind aber zugleich aufs-engste mtt dem liberalen Gedanken von den Grenzen der Staatsgewalt verbunden;?sie überwanden den mißverständenen Begriff von der Freiheit des Individuums, der die Kraft und den Wert der Gemeinschaft unterschätzte, sie ergänzten und ersetzten ihn durch die Forderung nach der Freiheit und Eingliederung jeder historisch gewordenen Menschengruppe. Suchte der Liberalismus die staatsfreie Sphäre sicherzustellen, so wollten die nationalen Erhebungen, wenn man das sagen darf, die nationsfreie Sphäre erkämpfen. Dieser Nationalismüs, der den Staat als gestaltende Lfcoensmacht anerkennt und in seinen Konsequenzen sich vielfach die Eigenstaatlichkeit zum Ziel setzte, glaubte, daß im Staat die'Gleichberechtigung der Menschengruppe garantiert werden müsse. Er stellt fest, daß Staatsgrenzen und Volksgrenzen nur in seltenen Fällen ganz oder fast ganz zusammen fallen, und daß die Mehrheitsnation, der gewiß das Recht zusteht, den Gesamtcharakter des Staats entscheidend zu bestimmen, immer Volksgenossen haben wirdj — oftmals handelt es sich um Millionen von Menschen -־, die m anderen Staaten leben und denen man nicht die Rolle von Parias zumuten dürfe, Einen ganz anderen Charakter tragen die beherrschenden nationalistischen Bewegungen unserer Zeit. Vor allem der als ״Nationalsozialismus“ auftretende neudeutsche Nationalismus. Es ist nicht Aufgabe dieses Referates, Gründe für diese Ent- Wicklung .zu suchen und aufzuzeigen, warum der Weltkrieg, die übersteigerte Industrialisierung, die rasche Zunahme der Bevölkerung Europas, die Deklassierung der früher herrsehenden und besitzenden Schichten, die ungeheuere Not der Massen, die Technisierung des Lebens, die Zurückdrängung aller geistigen und kulturellen Interessen, die Religionskrise, diese Wandlung herbeigeführt haben. Wir stellen fest, daß wir in einer Welt leben, in einer deutschen Welt, die einen grundlegenden Strukturwandel durchgemacht hat und in der heute eine neue Staats- und Nationsauffassung sich durchzusetzen versucht und großenteils schon durchgesetzt hat. Die Demokratie, die in der geschichtlichen Wirklichkeit niemals Gleichheit für alle, sondern immer nur Gleichheit für gleiche war und stets nur die Herrschaft einer bestimmten Oruppe begründete, führte in ihrer übersteigerten Konseauenz 2?u ihrer eigenen Aufhebung. Die nicht mehr durch politische Schulung in anscheinend übersehbaren politischen und wiitschaftlichen Verhältnissen erzogenen Massen, die mit einer nur allgemeinen Hoffnung auf Besserung eines auch seelisch unerträglichen Zustandes lebten, verlangten nach Führung und Autorität. Und so entstand paradoxerweise auf demokratischem Wege der Wunsch nach der Diktatur, getragen von einem Großteil des Volkes. Dieses Verlangen war um so stärker als die Nachkriegsgeneration immer weniger imstande war, ihr eigenes Leben zu gestalten und sich mit irgendeiner Wahrscheinlichkeit auf einen ihm einen gesicherten Platz bietenden Beruf vorbereiten zu können. Gerade in den entscheidenden Jahren für die Förderung des Lebens fehlte die sichere Linie, die Selbstverständlichkeit der Lebensbehauptung auf der Grundlage bestimmter Ideale, und so verlief das Leben gleitend. Man ließ sich treiben und wartete auf das erlösende Wort von außen. Die innere Umbildung ist daher in der Masse durch eine beispiellose Vereinfachung des Gedankens gekennzeichnet. Reflexionen und logische Argumentation wird abgelehnt. Man hat das Denken nicht gelernt und will es nicht haben. ״Gedanken zerstören Wirklichkeit und töten Leben“, sagt rin Theoretiker dieser Bewegung, Die emotionalen Kräfte, die dumpfen Triebe, deren Bändigung sonst oberstes Ziel jeder Erziehung und auch jeder Staatsordnung war, werden plötzlich nicht nur in ihrer Tatsächlichkeit erkannt, man hält sie sogar für das Beste und Wichtigste des menschlichen Wesens. Im Zusammenhang mit einer solchen, weit verbreiteten menschliehen Haltung werden die neuen Staatstheorien verfaßt, in denen der Staat nicht wegen der Menschen da ist, sondern die Menschen ausschließlich wegen des Staates. Die Meinung, daß das Leben keines Menschen sich in konzentrischen Kreisen abspielt, die von hervorragenden Theoretikern vertreten wird, und die heute in den angelsächsischen Ländern in der sogenannten ״pluralistischen“ Staatstheorie mit einem gewissen Erfolg verfochten wird, findet grundsätzliche schärfste Ablehnung. Man erblickt in der Behauptung, daß der einzelne Mensch in zahlreichen verschiedenen sozialen Bindungen und Verbindungen lebt, daß die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, einer Nation, einer Gewerkschaft, einer Familie ihn von Fall zu Fall in sehr unterschiedenen Formen bindet, eine Absage an die Erforderlichkeit der politischen Einheit des Staats. Man verlangt den ״totalen“ Staat, in dem es keinerlei dem Politischen entzogene Gebiete des Lebens geben darf. Religion, Kultur, Bildung, Gesellschaft — sie alle sollen aufhören, als nichtpolitische Bezirke betrachtet zu werden; sie alle sollen nur in einem Staat existieren können, der potentiell jedes dieser Gebiete ergreifen kann, weil in ihm die ״Identität von Staat und Gesellschaft“ besteht. In diesem Staat soll alles wenigstens der Möglichkeit nach politisch sein. Dieser Staat, den Othmar Spann den ״wahre n“ Staat nennt, soll die ganze geistige Wirklichkeit des Menschen in sich begreifen. Er ist das menschliehe Ziel schlechthin. Für diesen Menschen gibt es ebenso wie für die Bewegung, die ihn erstrebt, nur einen einzigen Lebensinhalt: Kampf und wieder Kampf. Kampf um die Macht so schlechthin, daß sogar die politischen Erwägungen, die einem Ausgleich unter den Völkern das Wort reden und eine Stabil!‘- sierung der Beziehungen innerhalb der Staaten und innerhalb der Völker erstreben, als verabscheuungswürdiger Pazifismus empfunden werden. Die Tatsächlichkeit der kriegerischen Auseinandersetzung wird zur höchsten Lust und zum obersten Ziel erhoben, die Stellung des Rechts im Staat wird entscheidend verschoben, die Rechtsstellung wird zum praktischen Behelf, sie. führt kein Eigenleben mehr, Recht wird im Grunde zum technischen Ausdruck für die Efurchsetzung der von einer nie genau bezeichneten, aber von allen scheinbar sehr deutlich empfundenen obersten Machtquelle des totalen Staats* Wir haben es heute nicht nur mit dem staatspolitischen Oberbau des neudeutschen Nationalismus zu tun. Die Bewegung, vor die sich die theoretischen Vertreter des totalen Staats gestellt haben, offenbart sich jeden Tag in eindeutigster Weise. Die Vernichtung des Judentums ist eins ihrer Hauptziele. In der offiziellen Programmschrift der nationalsozialistischen Partei heißt es: ״Antisemitismus ist gewissermaßen der gefühlsmäßige Unterbau unserer Bewegung.“ In der großen Masse der Anhänger finden alle Ausbrüche des Judenhasses die stärkste Resonanz. Es gibt keine Minderwertigkeit des öffentlichen Lebens und kein diesen Kreisen unsympathisches Ereignis, für die nicht die Juden verantwortlich gemacht werden und deretwegen man nicht an ihnen blutige Rache nehmen will. UeberaU ertönen Pogromdrohungen. Jede Aeußerung über Juden ist eine Verunglimpfung und MinderwertigkeitserKlärung des Judentums. Der Mord an dem Menschen anderer Rasse und besonders am Juden wird verherrlicht. Man glaubt, der nationalen Erneuerung dadurch am besten dienen zu können, daß Haßgefühle gegen Andersartige erzeugt und bis zur Siedehitze gesteigert werden. Es ist charakteristisch, daß diese Bewegung sich selbst häufig als eine messianische gebärdet, die ihrem VcHk eine Heilslehre verkündet. Es ist in der Tat die Ersatzreligion einer Welt, der echte religiöse Ideale verloren gegangen sind. Der Staat wird über Gott gestellt, die Idee der Religion dem politischen Kampf dienstbar gemacht. Es ist bezeichnend, daß zahlreiche Geistliche in dieser Bewegung stehen und daß die Exzesse der Bewegung von niemandem, auch nicht von den sogenannten besonnenen und gemäßigten Elementen des Nationalsozialismus jemals kritisiert werden. Soweit wir sehen können, sind die Geistigen des Nationalsozialismus bisher bereit gewesen, jede Scheußlichkeit zu rechtfertigen und bestenfalls einmal von den ״Kinderkrankheiten“ dieser herrlichen Bewegung zu sprechen, wenn es schon ganz und gar nicht mehr möglich war, barbarische Brutalitäten einfach zu decken. Im Innersten erschüttert über diese irre geleiteten Kräfte fragen wir uns: wie schwer muß der Druck sein, wenn man mit so großem Erfolg an die schlechten Instinkte der Menschen appellieren kann! Wir fragen uns auch: Glauben die Führer wirklich, daß man auf diese Weise erst richtig zur Nation wird und daß die Erneuerung der Nation solcher Behelfe bedarf? Der entscheidende Unterschied zwischen dem echten Nationalismüs und dem von Nationalsozialismus geführten neuen Nationalismus besteht in der Stellung gegenüber dem eigenen Volkstum. Ein starker, die Zeiten überdauernder Nationalismus kann der eigenen Volksart nicht nur freudig bejahend gegenüberstehen, sondern muß auch fähig zur Kritik am eigenen Wesen sein. Kritiklose Bejahung der eigenen Art ist immer der Begleiter schnellen Zusammenbruchs. II. Unsere Auseinandersetzung kann nur mit den außerhalb des Nationalsozialismus liegenden nationalen Erneuerungstendenzen erfolgen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in allen Schichten des deutschen Volkes und, was gerade wir Zionisten sehr genau wissen, auch der anderen Völker, der Gedanke der nationalen Selbstbehauptung stärker wirkt als in früheren Zeiten. Nach einer Periode einer äußerlichen Entnationalisierung gewisser Schichten, in der die ganze europäische und amerikanische Welt uniform zu werden schien, nach einer Zeit der Verflachung eines international gefärbten Gesellschaftslebens besinnt man sich auf den Wert des eigenen Lebensgefühls. Man findet die Kontinuität der geschichtlichen Existenz wieder, die nationalen Bindungen erstarken, aber das birgt in sich auch manche Gefahren, die wir in erschreckender Form beim N.S. festgestellt haben. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß ein solcher Versuch der Erneuerung nach innen sich ernsthaft vollzieht. Es kommt darauf an, ob diese weiten Schichten des Volkes für den Grundsatz der nationalen Toleranz genügend Verständnis aufbringen. Ein wirklicher deutscher Nationalismus kann mit dem Gedanken des totalen Staats allein seine nationalen Aufgaben nicht erfüllen. Deutschlands Bevölkerung ist nicht uniform. Ferner: Millionen Deutsche leben außerhalb Deutschlands. Die natio* nale Idee will mit Recht sie alle umfassen. Sie kann es nicht ertragen, daß Angehörige des eigenen Volkes in einem anderen Staat unterdrückt und zu Bürgern zweiter Klasse degradiert werden. Daher finden bei hervorragenden Führern der deutsehen Minderheiten, unzweifelhaft überzeugten Anhängern des deutschen Volksgedankens, die im Sinne der nationalen Idee erhobenen Forderungen auf Entrechtung von andersnationalcn deutschen Staatsbürgern in Deutschland keine Sympathie. Vor wenigen Monaten kamen hier in Frankfurt zum Sängertest Deutsche aus vielen Ländern zusammen, um eine Feier ihrer Einigung im deutschen Lied festlich zu begehen. Die Idee des Volkstums wurde bei diesem Fest so dargestellt, daß die Unmöglichkeit, Nation und Staat gleichzusetzen, in eindrucksvoller Weise offenbar wurde. Der Rcichsinnenminister Freiherr 011 ץ G a 1 ץ sprach von seinem Verantwortungsbewußtsein für die Einheit der Deutschen innerhalb und außerhalb des Reichs, Ein Deutsch-Amerikaner pries die Ein• heit der unter vielen Regierungen lebenden Deutschen durch das Lied, das die Brücke zu dem Geburtslande der Vorfahren bildet. Der frühere Reichswehrminister Geßler nannte den Begriff des Volk eine über die Staatsgrenzen herausgreifende Tatsache. Eine Entschließung feierte Deutschland als Kulturheimat aller Volksgenossen diesseits und jenseits der staatlichen Grenzen und gab ein Bekenntnis zum deutschen Schicksal. ״Schicksal ist uns die Zerstreuung über viele Länder hin. Aufgabe ist uns die deutsche Gemeinschaft.“ Uns Juden klingen solche Aeußerungen über das Wesen und die Forderung der Nation vertraut; sie können fast wörtlich aut den jüdischen Fall übertragen werden, auf die Lage des jiidisehen Volkes und auf die Bedeutung des Heimatlandes für das Volk. Sie zeigen aber auch die Berechtigung der grundsätzlichen Unterscheidung von Staat und Nation, die es verbietet, die Bewilligung des Staatsbürgerrechts von der Zugehörigkeit zu einer Nation abhängig zu machen. Eine solche Auffassung von Staat und Volkstum bedeutet, daß der nur äußerliche straffe Zusammenhang, in dem das Kommandowort an eine angeblich hundertprozentige Uniformmas*e alles bedeutet, gering geschätzt werden muß gegenüber den Leistungen des Geistes und den Kräften des Gemütes; sie muß daher zur Frage der Gleichberechtigung der im Staat lebenden andersartigen Volksgruppen eindeutig positiv Stellung nehmen. Angehörige nationaler Minderheiten können nicht Bürger minderen Rechts sein, die auf aktive Teilnahme am Staatsleben und auch auf Beamtenstellung verzichten müssen. Würde man diese Auffassung ablehnen, dann ist nichts näherliegend, als daß der Durchschnittsjude aus einem leicht verständlichen aber doch auch wieder von deutscher Seite nicht gebilligten Opportunitätsgefühl assimilatorische Deklarationen abgibt, wodurch jene Ver- Fälschung gefördert wird, über die man sich auf deutscher Seite so sehr beklagt. Das Verhalten der an nationaler Erneuerung interessierten deutschen Umwelt würde sonst eine Prämie aut das Assimilantentum, ja geradezu auf das Renegatentum setzen. Eine Regierung, die sich als legitime Repräsentantin des Nationalempfiridens fühlt, darf hier keine Politik mit doppeltem Boden treiben. Wir sind überzeugt und wir haben auch Grund zu der Annahme, daß die gegenwärtige Regierung nicht gewillt ist, dem Juden, der sich offen zu seiner nationalen Sonderart bekennt, deshalb in seiner Rechtsstellung zu beeinträchtigen. III. Wir sind überzeugt, daß gerade der Zionismus einen wesentlichen Beitrag zu dem Thema der Stellung der Juden im Staat liefern kann, weil er in voller Offenheit und unbelastet durch die Verstrickungen in einer früheren politischen Konstellation an diese Frage herangeht. Wir gehen davon aus, daß wir unsere Stellung im Staat nicht durch Verschleierung oder Verbergung unseres Judentums erkämpfen sollen, sondern gerade durch seine stolze Bejahung und offene Betätigung. Wir sind davon überzeugt, daß die Juden ihren Wert nur als Juden erweisen können. Wir wissen, daß das Urteil darüber, ob man mit einer Umwelt identisch ist, von dieser Umweit abhängig ist. Und wir wissen ganz genau, daß unabhängig davon, wie deutsch wir uns fühlen, die anderen uns dennoch immer als undeutsch fühlen. Was wir auch immer leisten, was wir auch als Individuen leisten, wie Vieles wir auch hervorbringen — viele von uns mögen es deutsch nennen und so emptinden,— die andern nennen cs jüdisch, und wenn wir große Leistungen des Geistes hervorbringen, so scheint es oft so, als ob andere wünschten, das wir weniger leisteten. Das Problem des deutsch-jüdischen Kulturkonf l i k t s ist von uns oft genug schon vor dem Kriege freimütig behandelt worden. Sicherlich ist unsere Erkenntnis mit einem tragischen Schicksal vieler deutscher Juden eng verknüpft. Sie baben seit der Zeit der Emanzipation allzu oft Emanzipation mit Assimilation gfeichgesetzt und man kann sie nicht einmal für so sehr schuldig erklären. Die nichtjüdische Welt erwartete ihr Aufgehen in die Umgebung und gerade hervorragende vieL bemerkte jüdische Persönlichkeiten hofften unerkannt im Dickicht des nationalen deutschen Bestandes verschwinden zu können. Man baute ihnen die Brücke in die nichtjüdische Welt und beklagte sich dann darüber, daß die Juden allzu sehr den geistigen Besitz des deutschen Volkes verwalteten, wozu ihnen nachträglich die Berechtigung und die Fähigkeit abgesprochen wurde. Die Stellung der einzelnen Juden ist in ihrer Problematik zu verstehen, aber die Entwicklung der Welt hat dem Zionismus Recht gegeben, der schon vor 50 Jahren, als Pinskers Autonomie erschien, mit voller Deutlichkeit erkannte, daß die vielen interessanten Einzelnen, die den U ebergang von ihrer Art zu einer anderen Art, oftmals sogar mit Erfolg, zu gehen versuchten, nicht charakteristisch für das Schicksal der Judenheit sind, Wir stellten die Juden vor die sicherlich häufig schwere Wahl der Entscheidung und wir verlangten, daß sie ihr Leben und ihre Zukunft mit der Zukunft des eigenen Volkes verbinden sollten, nicht nur um des Judentums willen, sondern auch um der Normalisierung willen der Beziehungen zwischen' Juden und Nichtjuden. Einmal kam es uns darauf an, den Irrtum zu zerstören, der in der Sicherung der jüdischen Existenz durch Assimilation zu liegen schien. Wir fühlten, daß gerade die Grenzüberschreitung auf kulturellem Gebiet die schärfste Gegenwirkung zur Folge haben müsse. Dann aber war uns klar, daß wir nicht das Recht und die Aufgabe haben, die deutsche Welt, die ihrer Eigeagesetzlichkeit gehorcht, zu gestalten. ln der vergangenen Weltperiode wähnten die Juden, daß die Welt so werden wird, wie es ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprach. Wir erkannten, daß es ausschließlich darauf ankommt, uns selbst so zu entwickeln, daß wir uns in der Welt zu behaupten vermögen. Die letzte Entwicklung hat sicherlich die Einsicht gefördert, daß wir nicht Wegweiser der deutschen Welt sein können. Wir können und müssen aber unsere Stimme erheben, wenn die uns unmittelbar beruh• rende Frage der Beziehung des Staats zu seinen Bürgern und zu den in ihm lebenden andersartigen Menschengruppen akut wird. Die uns vertrauten gewaltigen Leistungen des deutschen Geistes geben uns die Hoffnung, daß das deutsche Volk imstande sein wird, einen menschlichen Nationalismus zu entwickeln. Der deutschen Welt stehen die Leistungen größter schöpferischer Persönlichkeiten zur Seite, die den Beweis erbraent haben, daß geniale Schöpferkraft sich ausschließlich aus der Tiefe des eigenen Erlebens befruchten läßt und nicht die Verachtung des Andersartigen als Helfer braucht. Jener Natio• nalismüs, der das Eigene liebt und das Fremde achtet, ist Ja auch im Bannkreis der deutschen Nation erwachsen. Wir sind hier oft dankbare Schüler deutscher Ideen gewesen. Wir sind von ganzem Herzen bereit, mit Ehrfurcht die Besonderheit des deutschen Wesens zu respektieren. Wir müssen aber verlangen, daß unser Wesen in seiner besonderen Art, mit seinen Bedürfnissen und Forderungen von der anderen Seite respektiert wird. ״Diskriminationen“ kann keine Mciischengruppe sich gefallen lassen und keine Mehrheitsnation wird ohne Schaden für sich selbst die Verachtung anderen Wesens zur Norm machen. Unserer Situation entsprechend verlangen wir in Deutschland nicht die politischen Rechte einer ״nationalen Minderheit“. Die Forderung nach völliger nationaler Autonomie fiir die deutschen Juden naben wir auf unserem XV. Delegiertentag, der am 25. Dezember 1918 in Berlin stattfand, mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Wir haben auf diese Forderung nicht aus irgendwelchen opportunistischen Bedenken verzichtet,