Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 7 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10855476-10855472-2653362--057-2691709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Monaisamgabe JÜDISCHE RUNDSCHAU Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutsdiland Redaktion und Verlag: Berlin W15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 Oktober 1932 Nummer 7 Der Zionistische Delegiertentag Frankfurt a. M., 10• und 11• September 1932 V orbemerkung Die letzten Delegiertentage der Z. V. {. D. waren ausgefüllt mit Kämpfen um die Fragen unserer zionistischen Politik, unserer grundsätzlichen Haltung in Palästina und unserer praktischen Kolonisationsarbeit. Der Frankfurter Delegiertentag wird, wenn die Anzeichen nicht trügen, einen etwas anderen Charakter tragen. Denn in den nicht ganz drei Jahren, die uns vom letzten Delegiertentag trennen, hat sich das Gesicht der Welt verändert. Hatte man viele Jahre nach dem Kriege gemeint, daß die Weltkata- Strophe im Orunde spurlos an uns vorübergegangen ist und die Entwicklung den Faden, der 1914 abriß, wieder aufnimmt, so ist in den letzten wenigen Jahren mit unbarmherziger Deutlichkeit klar geworden, daß die Struktur der Welt aus den Fugen geraten ist. Vielleicht noch nie' mals in der Oeschichte vollzog sich eine derartige Erschütterung, die geographisch nicht begrenzt ist, sondern alle Räume der bewohnten Erde umfaßt. Vom Fernen Osten bis nach Südamerika sind alle Länder von politisehen und wirtschaftlichen Krisen und Fieberzuständen geschüttelt und wir sehen noch nicht, wie diese Erregung zur Ruhe kommen soll und welche neuen Formen des Völker- und Menschenlebens sich herausbilden werden. Die alten Grundlagen sind zusammengebrochen und das neue Fundament ist noch nicht vorhanden. Wir erleben das Ringen um eine Weltanschauung, um einen Glauben, der der Menschheit wieder einen Halt geben könnte, um eine Autorität, an der man sich aufrichten könnte, ln einer solchen Zeit ist auch das Judenproblem in seiner ganzen Schärfe wieder aufgebrochen. Nur in beruhigten und stabilen Zeiten konnte man wähnen, daß auch die Einordnung der Juden in das Leben der Völker stabil ist und — mit mehr oder weniger Reibungen — zu einem erträglichen Dauerzustand führen wird. Wir Zionisten haben das nie geglaubt, weil wir die wahren Wurzeln des Judenproblems sahen und weil wir fühlten, daß hier noch etwas zu bereinigen war, daß die Vorauss e t z u n g e n für ein ehrliches Zusammenleben von Juden und Nichtjuden noch nicht geschaffen waren. Noch war das Mißtrauen zu deutlich fühlbar, noch schien die nicht־ jüdische Welt das zwiespältige Phänomen des Judentums nicht begriffen zu haben, und wir wußten, daß ein solcher ungelöster Rest, dessen Behandlung man auszuweichen suchte, pathologische Erscheinungen hervorrufen muß. Da9 deutlichste Symptom dieser vorhandenen organischen Stö־ rung war der Antisemitismus, den schon vor nun genau fünfzig Jahren der Arzt Dr. Leo Pinsker in seiner berühmten, heute zu wenig bekannten Schrift ״Auto- Emanzipation“ als soziale Krankheit, die er Judophobie nannte, diagnostizierte. Diese Schrift, die jetzt ein halbes Jahrhundert alt ist und aus der Juden und Nichtjuden unserer Zeit noch sehr viel lernen können, zeigt uns, daß die Judenfrage im Grunde die gleiche geblieben ist und daß es sich rächt, wenn man in leichtsinnigem Optimismus auf die Worte des Arztes nicht hört. Heute ist es unmöglieh geworden, an dem Judenproblem gleichmütig oder interesselos vorüberzugehen. So kommt es, daß auch eine zionistische Tagung sich wieder mit den Problemen und Tatsachen beschäftigen muß, die gewissermaßen an der Wiege des Zionismus standen. Unsere grundsätzliche Erkenntnis, daß die Juden• frage vorhanden ist und einer Lösung bedarf, daß diese Lösung nur durch aktives Eingreifen der Juden selbst herbeigeführt werden kann, daß die passive Hai tung des Geschehenlassens und der gelegentlichen Apolo■ getik, die für die ersten Generationen der Emanzipation charakteristisch war, die Lage nur verschlimmert, — diese Erkenntnisse sind durch die Erfahrung bestätigt worden Aber durch die tiefgreifenden Veränderungen der Umwelt ist die Judenfrage in einem Grade intensiviert worden, den auch wir nicht voraussehen konnten. Es ist ganz falsch, wenn uns von manchen Juden aus dem nichtzionisti־ sehen Lager vorgehalten wird, wir trieben ״Katastrophen־ politik“ und wir empfänden ״Befriedigung“ darüber, daß die gegenwärtige Entwicklung unserer These von der Unrichtigkeit der assimilatorischen Vogel-Strauß-Politik recht gibt. Wir sind über das, was um uns vorgeht, genau so bestürzt und entrüstet wie alle Juden, wir leiden an den dem Judentum zugefügten Beleidigungen und Verun־ glimpfungen genau so, aber wir sind vielleicht nicht ebenso überrascht und haltlos, weil wir immer sorgenvoll empfunden haben, daß aus der abnormalen Situation, die der Zionismus erkannte, sich schwere Verwicklungen ergeben können, wenn nicht die Juden selbst rechtzeitig handeln, Als Herzl seinen Appell an das Judentum richtete, hat die Mehrheit der Juden die Gefolgschaft verweigert, weil sie Der diesjährige Delegiertentag der deutschen I Zionisten hat sidi an seinem ersten Tage vor allem mit der Situation der Juden in Deutsdiland beschäftigt. Auf dem Delegiertentag wurden folgende Hauptreferate gehalten t Dr, Nadtum Goldmann: ״Das jüdische Volk in der Weltkrise“ Kurt Blumenfeld: ,״Die zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland“ Prof.Dr. S, Brodctsky (London): Politischer Bericht Dr, Arthur Puppin (Jerusalem): ״Neue Entwichlungsphasen des Palästina -Auf baus“ Wir müssen uns damit begnügen, das Referat von Kurt Blumenfeld, Vorsitzenden der Zionistisehen Vereinigung für Deutschland, in der Monatsausgabe (auf der 2. Seite) wiederzugeben• Im Anschluß an Blumenfelds Referat wurde eine Resolution über die Lage der Juden in Deutschland angenommen, die wir gleichfalls veröffentlichen. Wir beginnen diesen gekürzten Bericht mit der teftwclscn Wiedergabe des Einleitungsartikels der ,Jüdischen Rundschau“ zum Delegiertentag. eine politische Maxime hatten, die man in Anlehnung ein Wort des Staatsrechtslehrers Carl Schmitt mit der Formel ״Status quo, was sonst“ bezeichnen könnte. Es ist die Haltung derjenigen Menschen, die anerzogene Grundansichten trotz aller gegenteiligen Erfahrungen nicht aufgeben wollen und die Veränderungen, die sich in der Umwelt und bei ihnen selbst vollziehen, nicht sehen wollen. Der Zionismus versuchte die Juden rechtzeitig für die Einsicht zu gewinnen, daß der ״Status quo“ unhaltbar war. Wenn wir nicht selbst handeln, so wird über unsere Köpfe weg gehandelt werden. In diesem Zusammenhänge darf vielleicht ein charakteristisches und für das deutsche Judentum tief beschämendes Wort zitiert werden, das im letzten Heft der ״Deutschen Rundschau“ (September-Heft) steht. Der ungenannte Verfasser (wahrscheinlich der Herausgeber Dr. Pechei?) bespricht dort eine Schrift über die Judenfrage und fügt dann hinzu: ״Wir haben keinen Zweifel daran gelassen, daß wir von allen diesen ־theoretischen Erörterungen nichts mehr erwarten. Wir unterstreichen noch einmal, daß wir die Gefahren, die sich in Bälde ergeben können, für sehr ernst halten, und deswegen ist eine vernünftige Inangriffnahme des ganzen Komplexes ohne Tinte durch klare Köpfe das Gebot der Stunde. Wir befürchten allerdings, daß eine Unterhaltung unter Hinzu- Ziehung der Vertreter des Judentums keinen Zweck mehr hat. (Von uns gesperrt. — Red. ״J. R.“) Das Judentum ist so vielfältig gespalten, daß eine einheitliche Linie nicht erzielt werden kann, und die sogenannte offizielle Vertretung des Judentums ist in einer so hoffnungslosen Verkennung der tatsächlichen Situation und gefährlichem Ressentiment befangen, daß gegenwärtig jede Erörterung vergeudete Zeit ist. Darum ist es Aufgabe der vernünftigen Köpfe der Gegenseite, im Interesse des deutschen Volkes von sich aus die praktischen Lösungsmöglichkeiten ohne jede theoretische Diskussion durchzusprechen, eine einheitliche Meinungs- und Willensbildung zu erzielen und die vielleicht sich ergebende, allerdings ungewöhnlich schwierig zu findende Lösung dann mit allen Mitteln durchzusetzen zu versuchen." Was der deutsche Schriftsteller hier androht, das ist es, was der Zionismus verhindern wollte. Die Juden sollen wieder Träger und Gestalter ihres eigenen Schicksals sein, nicht aber die Objekte von Verhandlungen und Maßnahmen anderer, die entweder die Juden gar nicht als gleichwertigen Verhandlungspartner anerkennen oder aber an der Möglichkeit einer Zusammenarbeit wegen der Schwäche und Richtungslosigkeit des Judentums verzweifeln. Die Judenfrage ist heute wieder in ihrem ganzen Umfange akut. Wir stehen sozusagen in der gedanklichen Ausgangssituation des Zionismus mitten drin. Ein zionistischer Delegiertentag muß diesem Sachverhalt Rechnung tragen. Der Zionismus fühlt sich für die jüdische Zukunft verantwortlich, er sieht das Judentum von schweren Gefahren bedroht, und er stellt sich die Frage: Werden die Juden reif und charakterstark genug sein, um jetzt wenigstens der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, liebgewordene Illusionen fahren zu lassen und alles an die Reparation einer verfahrenen geschichtlichen Situation zu setzen? Wir haben es heute viel schwerer. Wir leben in Deutschland in einer Atmosphäre des Hasses und Vernichtungswillens. Wir haben als deutsche Juden um unsere Positionen zu kämpfen und die deutschen Zionisten haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie zu diesem Kampf entschlossen sind. Wenn es so weit gekommen ist, daß eine Partei, die viele Millionen Anhänger zählt, die Entrechtung der Juden und ihre Deklassierung als Staatsbürger in ihr offizielles Programm aufgenommen hat, dann befinden sich die deutschen Juden in einem Zustand der. N 0 t \7 e h r. Die Gleichberechtigung aller Staatsbür״ ger ist ein Fundament des Rechtsstaates und eine Ver• letzung dieses Zustandes wäre ein Rückfall in barbarische Verhältnisse, ein Mißbrauch der Gewalt, dessen Folgen nicht nur für die Juden verhängnisvoll wären. Wir sind überzeugt, daß die Mehrheit des deutschen Volkes solche Gedanken auch heute ablehnt. Aber wie verworren sind im übrigen die Vorstellungen von dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden weit über das nationalsozialistische Lager hinaus! Die Idee des Nationalstaates wird vielfach dahin mißdeutet, daß von den Staatsangehörigen hundertprozentige Uniformität gefordert wird. Ist dips in Deutschland ohnedies aus vielen Gründen im Widerspruch mit der Realität, so kompliziert sich dieser Tatbestand weiter, wenn man überlegt, daß deutsche Minderheiten mit dem Anspruch auf Erhaltung ihres deutschen Wesens und zugleich auf ungeschmälertes Staatsbürgertum in vielen europäischen Staaten leben, und daß in maßgebenden Kreisen heute wieder die Idee des ״Reiches“ im Gegensatz zu der Enge des Nationalstaates propagiert wird. Manche deutschvölkische Fanatiker finden aus diesem Dilemma einen Ausweg, indem sie das Axiom der Superiorität der deutschen Rasse aufstellen, so daß z. B. Wilhelm Stapel schreiben kann, daß, wenn etwa in Polen nur zwei Deutsche lebten, diese zwei Deutschen mehr wären als die Millionen Polen im polnischen Raum. Wir nehmen an, daß von einer solchen Hybris, deren Konsequenzen für das deutsche Volk unabsehbar sein könnten, auch heute noch, trotz des nationalistischen Fiebers, die Mehrheit der Deutschen frei sind, aber ln der Judenfrage können sich auefi die besonnenen Eiemente von dem Grundsatz ״Zweierlei Maß“ augenscheinlieh nicht befreien. Man ist in der Frage der Einordnung des vorhandenen .Elementes der Juden,'desäen Andersartigkeit man ja selbst fortwährend betont, überaus hlkonsequent. Das Verhalten der deutschen Umwelt setzt eine Prämie auf Assimllantentum, ja geradezu auf Renegatentum, und wenn die Juden dieser Verlockung erliegen und sich im deutschen Leben als prononcierte Deutsche gebärden, dann wird dieses Verhalten als Motiv des Antisemitismus angegeben. Ja, es geht sogar noch weiter. Auch auf moralischem Gebiet begegnen wir dieser Kurzsichtigkeit. Anläßlich des bekannten Skandals des getauften Landger.-Dir. Soelling (ehemals Seligsohn) schrieb das ״Deutsche Volkstum“, angesichts solcher Fälle müsse man verstehen, es gäbe einen ״Antisemitismus aus Reinlichkeitsempfinden“. Hier hatte aber weniger das deutsehe Reinlichkeitsempfinden als das jüdische Anlaß, zu protestieren, denn Erscheinungen wie diese sind auf das Schuldkonto derer zu setzen, die Prämien auf Charakterlosigkeit setzen, und die ohne weiteres erklären, Juden, die sich zu ihrem jüdischen Volkstum bekennen, müßten auf ihre Staatsstellungen verzichten. Es ist Aufgabe des Delegiertentages, zur Klärung dieser Frage der Stellung der Juden im Staate beizutragen, und wir glauben, daß gerade von zionistischer Seite ein wesentlicher Beitrag zu diesem Thema geliefert werden kann, weil der Zionismus ohne Scheuklappen an die Frage herangeht. Wir gehen davon aus, daß wir uns unsere Position im Staate und in der Ge- Seilschaft nicht durch Verschleierung oder Verbergung unseres Judentums erkämpfen müssen, sondern gerade durch seine stolze Bejahung und offene Betätigung. Wir wissen auch, wie in zahlreichen zionistischen Reden, Publikationen und in den Spalten der ״Jüdischen Rundschau“ oft dargelegt worden ist, um die sich für uns aus dem Zusammenleben mit einem andersartigen Volkstum ergebende Notwendigkeit, die spezifischen Güter dieses Volkstums nicht für uns national zu reklamieren. Die Demarkationslinie, ihrer Natur nach die Angelegenheit eines natürlichen Kräftespieles und niemals der gesetzliehen Normierung, wird mit Erfolg und zur wirklichen Zufriedenheit nur dadurch gezogen werden können, daß die Juden ein selbstverständliches jüdisches Selbstgefühl erworben haben werden. Dies zu bewirken, daran setzt der Zionismus alle seine erzieherischen Kräfte. Er schwimmt dabei vielfach gegen den Strom, denn die Umweit, die eine hemmungslose Verächtlichmachung des Judentums duldet, fördert damit die jüdische ״Tarnung“, was sie nicht hindert, dann über ״Grenzübersch reitung“ zu klagen. Wenn es dem Delegiertentag gelingt, zu diesem Gegenstand, dem vor allem Blumenfelds Hauptreferat gewidmet ist, ein weithin hörbares, zum Denken zwingendes Wort zu sprechen, dann wird er eine gewaltige Aufgäbe ein Stück weiterbringen. B.TÜB,