Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 6, Juni 1932 fr Verwirrung der Gefühle Bel Nfchtfaden and Jaden Die Tatbestände: In einem westlichen Vorort Berlins wer• den zwei friedliche Passanten von Hakenkreuzlem verdroschen. Ueberfallkommando erscheint. Die Verprügelten, Nichtjuden, welche von den Hakenkreuzlern für Juden gehalten wurden, erklären, an einer Strafverfolgung gegen die Exzedenten kein Interesse zu haben. Ueberfallkommando zieht unverrichteter Dinge ab. — Eine obere Klasse eines Berliner Oymnasiums besichtigt auf einem Tagesausflug die Staßfurter Salzwerke. Nach getaner Arbeit findet abends eine solenne Kneipe statt. Unter den Teilnehmern vier jüdische Schüler. Bei Beda heißt es: ״Und der Jüngling, wenn er bierig, wird er gleich kulturkampfgierig.“ Die Jünglinge stimmen im bierigen Zustande Hitler- Lieder an. Drei jüdische Schüler verlassen die Kneipe, der vierte bleibt und grölt das schöne Lied mit: ״Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, gehtis uns nochmal so gut“. Beide Vorkommnisse sind an und für sich nicht besonders schwerwiegend. Der Vorfall im Berliner Westen ist noch für wert befunden worden, in den Zeitungen in kleiner Schrift erwähnt zu werden. Von der Staßfurter Affäre meldet weder Korrespondenz noch Zeitungsblatt. Trotzdem geben beide Vorkommnisse in höherem Maße ein Bild der tatsächlichen Verhältriisse, die jetzt in Deutschland herrschen, als es Vorgänge tun könnten, die sich in Parlamenten oder bei •großen Demonstrationen abspielen würden. Man analysiere den Fall der irrtümlicherweise für Juden gehaltenen und von Hakenkreuzlem verprügelten Passanten im irunewald. Beide gehören dem gebildeten deutschen Mittelstände an. Sie befanden sich gerade auf dem Nachhausewege aus einem Lokal, das von ״besserem Publikum“ besucht wird. Sie gingen so vor sich hin, nichts zu suchen lag in ihrem Sinn, plötzlich aber werden ihnen Schläge und Püffe versetzt. Man müßte annehmen, daß die natürliche Reaktion auf einen derartigen heimtückischen, unerwarteten Ueberfall gerechte Empörung sein wird und daß die unschuldigen Opfer eines verhetz* ten Rowdytums aus rein subjektiven Gründen, aus spontaner Entrüstung und aus natürlichem Empfinden für Gerechtigkeit, den Organen des Staates behilflich sein werden, die Uebeltäter zu fassen und der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Weit gefehlt Die Ueberfallenen sind keine Juden, die Voraussetzung des Ueberfalla war also falsch, im übrigen aber entspricht cs durchaus ihrer Gefühls« und Denkweise, daß man zu-Recht verprügelt wird, wenn man ein Jude ist. Es Ist zu vermuten, daß die einzige Gefühlsregung bei den Ueberfallenen eine gewisse Empörung darüber gewesen ist, daß sie für Juden angesehen wurden. Alles andere aber fanden sie in bester Ordnung. Ihr persönliches Mißgeschick war lediglich ein unangenehmer ״Betriebsunfall“, den man in Kauf nehmen muß im Interesse höherer Zwecke. Dieses Verhalten stellt eine Verwirrung der Gefühle dar, welche leider für weite Kreise der nicht jüdischen Bevölkerung in Deutschland charakteristisch ist. Der Vorfall in Staßfurt. Es ist nicht zu übersehen, daß sich das Oanze gelegentlich einer Kneiperei zugetragen hat. Mildernde Umstande sind also allen Beteiligten nicht abzusprechen. Trotzdem ist der Vorgang symptomatisch. Sobald me dünne Kruste der Hemmungen durch irgendeine Erregung zerstört ist, sei es durch Teilnahme an einer Versammlung, an einer Demonstration oder an einer Kneipe, bricht bei der gebildeten deutschen Jugend (oder zumindest bei der überwiegenden Mehrheit dieser Jugend) zunächst die antisemitische Orund- Stimmung durch. Man müßte doch meinen, daß an einem ' schönen Frühlingsabend Junge Leute anläßlich einer Kneiperei das Lied von der ״Lore am Tore“ oder das noch schönere Ued vom ״Feinsliebchen“ singen würden. Das ist nicht der Fall gewesen. Ausflugsabende und Kneipen im Freien sind in der heutigen Zeit willkommene Gelegenheiten zur Absingung antisemitischer Hetzlicder. Wie reagieren die nicht freiwillig mitgekommenen, sozusagen mitgelangeneci und mitgehängenen jüdischen Teilnehmer auf dieses Verhalten der erdrückenden nicbtiüdischen Mehrheit? Dreierlei war möglich gewesen. Empört aufstehen und protestieren; dieses wäre eine natürliche, verständliche, wenn auch in ihrem Nutzeffekt wenig aussichtsreiche Handlung gewesen. Aufstehen und Weggehen; dies setzt geistige Ueberlegenheit und die Erkenntnis voraus, daß kein Weg zur Verständigung mit der affektbestimmten antisemitieben Mehrheit vorhanden ist Bleiben und mit den Wölfen heulen; würdelos, pervertiert im Gefühl, periökenhaft. Die vier . jüdischen Teilnehmer haben sich in zwei Gruppen gespalten, drei verließen die Kneipstätte. Man schmähe sie nicht, sie haben es nicht aus Feigheit getan, sondern aus Ekelempfindüng. Diese Reaktion war von den drei genannten Möglichkeiten die beste. (Vielleicht wäre noch ein Protest einzuschieben gewesen, um, wie die Chinesen sagen, das Gesicht zu wahren.) Der vierte jüdische Teilnehmer blieb und grölte in jüdischem Selbsthaß die Hakenkreuzlieder mit. An diesem vierten manifestierte sich die Wirkung des Radau-Antisemitismus im heutigen Deutschland auf einen gewissen Teil der jüdisehen Gemeinschaft. Es wäre interessant festzustellen, wie die drei jüdischen Schüler auf das Verhalten ihres vierten Kämeraden reagiert haben. In allen Epochen hat es Männer gegeben, die sich zum Ausruf gedrängt fühlten: ״In welchen Zeiten leben wir?“ Man kann angesichts der jetzt in Deutschland herrschenden Verhältnisse nients anderes tun als diesen Ausruf wiederholen: ״In .welchen Zeiten leben wir?“ s. n. [V ff Ein JndeiiscUcksal Im ״Berliner Tageblatt“ vom 22. d. M. findet sich im Leitartikel Rudolf OWens ״Ostpreußischer Epilog“ nachstehender Bericht: ״Ein Bankvorsteher in einer Landstadt hatte sich auf ungewöhnliche Weise heraufgearbeitet. Als russischer Kriegsgefangener hatte er die Tochter des Be- 8itzers zur Frau gewonnen, war Deutscher geworden und in das Bankfach zurückgekehrt, das er als junger Mensch gelernt hatte. Man kannte ihn als solid, tüchtig, hilfsbereit. Seine Frau war katholisch, und so ließ er, der früher Jude fewe&en war, sich und die Kinder taufen. Als mit den iegen Hitlers auch die antisemitische Hetze einsetzte, wurde sein Name durch die Volksversammlungen gezerrt. Einen ,Orang-Utan’ nannten ihn die Hakenkreuz-Redner, in anonymen Zuschriften wurde ihm gedroht: ,Wir werden Sie mit Ihrer ganzen Brut vernichten’. Nach der Wahl griff er zur Pistole, in Abschiedsbriefen schrieb er: ,Es ist doch alles verloren. Vielleicht verzeiht man meiner Frau und meinen Kindern’. Der Haupthetzer brachte es über sich, öffentlich zu sagen: ,Einer ist so weit, die übrigen bringen wlir auch dahin’.״ Es ist ein tragischer Fall, aber nicht der einzige, der sich in den letzten Monaten in Deutschland abgespielt hat. Man versucht, ■Ueberlegungen anzustellen: Hätte der Bankvorsteher nicht restlos seine Beziehungen zu seiner eigenen Gemeinschaft gelöst — er tat es gründlich durch Mischehe und Taufe — 80 wäre für ihn nicht ״alles“ zusammengebrochen, und er hätte vielleicht den Weg zu seiner angestammten Gruppe wiederfinden können. Dieser Rückweg hatte ihn in die Lage versetzen können, trotz allem mit innerer Fassung die Ereignisse, die über ihn hereinbrachen, zu ertragen. Presseschau Rundfunk-Echo Ein Leser unseres Blattes übersendet uns ein Blatt der Zeitung ״Der Bauer“, Beilage zum Oeffentlichen Anzeiger für d-en Kreis Kreuznach, worin ein interessanter Leitartikel über das Rundfunkgespräch Stapel — Ho־llaender enthalten ist. Der Verfasser dieses Artikels erklärt, an diesem Rundfunkgespräch sei einzig der Umstand interessant gewesen, daß der Vertreter eines Volkes, das einen Moses, Jesajah, Jesus und andere Namen, die jedem Schulkind in der ganzen Welt geläufig sind, hervorgebracht hat, sich mit Eifer bemühte, sein Volk zu verleugnen und sich zu dem fremden Volk bekannte. Das deutsche Volk, so heißt es weiter, hat mehr Achtung vor dem völkischen Juden als vor dem Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der jüdische Glaube ohne Glaube an das jüdische Volkstum sei hohl und unwahrhaftig. Durch den Antisemitismus werde das Judentum allmählich zur Selbstbesinnung gezwungen und dies könne nach Meinung des Verfassers für das jüdische Volk selbst die nachhaltigsten Folgen haben. Es sei nicht ausgeschlossen, daß die Juden wie.T:r zu völkischem und später gar zu politischem Eigenleben gelangen. — Wir begnügen uns damit, diese nicht uninteressanten Randglossen eines stark rechts gerichteten Blattes, das aber mit großem Respekt und ohne Injurien über Judentum schreibt, kommen* tarlos wiederzugeben. * Da« Paradies Biro-Bidjan In der ״Nation“, gewissermaßen dem amerikanischen Gegenstück zur ״Weltbühne“, veröffentlicht ihr Moskauer Korrespondent Louis Fischer einen Aufsatz: ״Die Juden und der Fünf-Jahres-Plan“ der besonderes Interesse verdient, weil er trotz seiner durchaus sowjetfreundlichen Tendenz (die in der ״Nation“ selbstverständlich ist) höchst bezeichnende Geständnisse über den wahren Charakter Biro-Bidjans enthält, das in der gleichen Zeitschrift 14 Tage vorher von W. Zukermann verherrlicht worden war! (Vgl. f,J. R.״, Nr. 42.) Fischer schildert ausführlich, wie der Fünf-JaJires-Plan zum erstenmal jüdische Massen der Industrie zvgeführt und dadurch sowohl alte Ursachen des Antisemitismus beseitigt wie vor allem Hunderttausenden von wirtschaftlich entwurzelten und politisch rechtlosen ״Luftmenschen“ festen Boden unter die Füße gegeben habe Durch die Industrialisierung habe aber auch die Bedeutung der landwirtschaftlichen Kolonisation abgenommen, da die jüdischen Massen lieber in den Städten blieben — teils aus Gewohnheit, teils wegen der größeren Verdienst- und Bildungsmöglichkeiten. Nach offiziellen Angaben seien von den 2 853 000 Juden der Sowjetunion 1 300 000, die im enverbsfähigen Alter (15—50 Jahren) ständen, auch wirklich erwerbstätig, und zwar 480 000 als Arbeiter, 450 000 als Angestellte, 200000 als Handwerker, 170000 als Landwirte und nur 15000 als ״erwerbstätig, aber nicht produktiv“, d. h. als Kapitalisten. Unbeschäftigte Juden seien überhaupt nicht registriert. — Zur Zeit zögen zwar noch Juden aus kleinen Städten auf das Land, aber andererseits viele frühere Siedler wieder in die Stadt; in einem Teil der nördlichen Krim seien 80 Vo der Bewohner mancher jüdischen Kolonien über 50 oder unter 14 Jahren alt, da die mittleren Altersstufen in die Städte abgewandert seien. Eine Zeitlang habe man die jüdischen Kolonien in der Ukraine, der Krim und in Biro-Bidjan als Zellen eines künftigen jüdischen Staates betrachtet, ja man habe Biro-Bidjan als jüdisches Territorium ausgerufen. Trotzdem scheine ihm (Fischer) große Skepsis betreffs der Bildung rines unabhängigen Territoriums angebracht; denn Biro-Bidian sei mehrere tausend Meilen von den Zentren der jüdischen Massensiedelung entfernt und sei außerdem wild, unbewohnt und unerschlossen. Man erzähle sich, daß ein sibirischer Tiger den einzigen Polizisten der Gegend an dem Tage verschlungen habe, an dem Biro-Bidjan zum jüdisehen Territorium proklamiert worden sei. Vielleicht nabe man sich Biro-Bidjan als Kolonie für litauische, rumänische und polnische Juden gedacht, aber die Verwirklichung des Planes liege jedenfalls in weiter Ferne. Luthertum and Nationalsozialismus Einen sicherlich bedenklichen, aber schon durch die Problemstellung ungemein interessanten Aufsatz veröffentlicht ein französischer Gelehrter, J. Gaudefroy-Demombynes, in der ״Revue Politique et Parlementaire“ unter dem Titel ״L u t h e r - H111 e r“. Der Autor geht mit Recht davon aus, daß man die Wurzelndes Nationalsozialismus meist viel zu ausschließlich in den unmittelbaren wirtschaftlichen und außenpolitischen Ereignissen der letzten Zeit suche, während tatsächlieh wesentlich tiefer liegende geistige Ursachen mitwirkten. Diese sieht der Verfasser vor allem in dem zum großen Teil von Luther herrührenden mystischen deutschen Nationalgefühl, mit seiner bezeichnenden Gegnerschaft gegen alles Welsche und die ganze mittelländische Kulturtradition. So weit wir nun davon entfernt sind, uns irgendwie mit den tendenziösen, ja teilweise gehässigen Ausführungen des Autors über Luthers Wirken im allgemeinen und seine Verbindung mit dem späteren deutschen Nationalismus zu identifizieren, so bemerkenswert scheinen uns folgende Feststellungen zu sein. Schon bei Luther finden sich nicht nur drei sehr charakteristische Züge des heutigen National- Sozialismus, nämlich der große* Stolzauf das Germanen* tum, die wütende Ablehnung alles ״WeIs chen“ und ein heftiger Antisemitismus, — sondern selbst die F eindschaft gegen den Leihzins! Hutten und Luther, so hören wir, wollten die alten germanischen Zustände wiedererwecken, in denen es, laut Tacitus, weder Handel noch Zinsleihe gab! In der 1520 entstandenen ״Predigt von den guten Werken“ nennt Luther die Schlemmerei, den Kleiderprunk und die Zinsleihe drei Juden, die an den Brüsten der Welt saugten, und indem er sich mit besonderer Heftigkeit gegen die Zinsleihe wendet, bemerkt er, daß sie bei den Römern zur Zeit des Tacitus üblich gewesen sei. ״Diese Nebeneinander- Stellung (assimilation) von Welschen una Juden — ist das nicht richtiges Hitiertum?״, fragt der französische Verfasser, ״und sind aie Erklärungen gegen den damals erst entstehenden Kapitalismus nicht Vorläufer der heutigen nationalsozialistischen Wendungen?“ — Tatsächlich erscheinen die hier aufgedeckten Zusammenhänge geeignet, uns einige der auffälligsten und zunächst rätselhaften Erscheinungen des N. S. verständlich zu machen — so vor allem die starke Unterstützung, die der N. S. bei der protestantischen Geistlichkeit findet, und die ausgesprechen antikatholische Färbung, die der N. S. in großen Teilen des Reiches annimirrt, obwohl die bekanntesten Führer, wie Hitler, Goebbels, Strasser, selbst Katholiken sind. Wahrscheitilich bestehen aber noch andere wichtige Beziehungen zwisehen Luthertum und Nationalsozialismus, vor allem in der grundsätzlichen Auffassung des politischen Lebens überhaupt. (In diesem Zusammenhang wäre vor allem auf die Werke Wifheim Stapels und die Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ zu verweisen, aie den neuen deutschen Nationalismus bewußt aut das Luthertum gründen. — A. d. R.) A. P. * Me««e in Wien und Tel -Awiw In der Wiener Tageszeitung ״Der Tag“ zieht Dr. Israel Waldmann in einem Aufsatz ״Die Levante-Messe in Tel- Awiw 1032“ einen Vergleich zwischen der Levante-Messe und der Wiener Frühlings-Messe 1032. Es heißt darin: ״Bei der Wiener Frühjahrsmesse 1932 stellten insgesamt 1848 Firmen aus, hiervon 1662 inländische und 186 ausländische; diesen Zahlen stehen bei der Tef-Awiwer Messe 713 ausländische und 352 inländische Firmen gegenüber. Die Gegenüberstellung der für die beiden Messen in Betracht kommenden ausländischen Firmen — nach Staaten gezählt — ergibt folgendes Bild: Ausgestellt haben Firmen: Aus Deutschland in Wien 95, in Tel-Awiw 150, aus der Schweiz 12 bzw. 19, aus U. S. A. 17 bzw. 18, aus England 10 bzw. 135, aus Frankreich 8 bzw. 15, aus Italien 5 bzw. 23, aus der Tschechoslowafcei 10 bzw. 24, aus Luxemburg 1 bzw. 24, aus Ungarn 11 bzw. 3, aus Spanien 2 bzw. —, aus Dänemark 1 bzw. —, aus Belgien 1 bzw. 10, aus Schweden 2 bzw. 4, aus fugo* slawien 2 bzw. —, aus Polen 4 bzw. 41, aus Rumänien 2 bzw. 51, aus Cypern 1 bzw. 107, aus Palästina 1 bzw. 352, aus Oesterreich 1662 bzw. 20, aus Indien 1 bzw. —, aus Aegypten — bzw. 37, aus Holland — bzw. 8, aus Japan — bzw. T aus Lettland — bzw. 20, aus Syrien — bzw. 5, aus der Türkei — bzw. 7. Außerdem hat die Union der Sowjetrepubliken in beiden Städten ausgestellt. Diese im Vergleich geradezu überraschenden Ziffern bekunden, daß die Messe in Tel-Awiw ein viel größerer Anziehungspunkt für Aussteller als die Frühjahrsmesse in Wien war, und daß die Besucherzahl ■der Wiener Messe im Verhältnis zu jener in Tel-Awiw geradezu winzig erscheint. Dazu muß man bedenken daß Wien selbst eine Bevölkerungszahl von zirka 1,8 Millionen aufweist, im Zentrum Europas mit ausgezeichneten Bahn verbindüngen liegt, und daß die Bevölkerung Oesterreichs sich aut zirka 6,5 Millionen beläuft, während Palästina nur aus einem Reservoir von höchstens 250 000 Menschen, die Kul- ־turbedürfnisse haben, schöpfen kann, Tel-Awiw nur zirka 50000 Einwohner zählt und die Entfernungen und Verbin־ •dungsmöglichkeiten nach Palästina ganz andere sind und unvergleichtich höhere materielle Schwierigkeiten zu überwinden haben als die Metropole in Mitteleuropa.“ * Die geistige Kultur in Palästina Indier altangesehenen Pariser Halbmonatsschrift ״Revue B/eue“ (Revue Politique et Litteraire) berichtet Lily Jeanlaval voller Liebe und Bewunderung über ״Die geistige Kultur in Palästina“. In dem düsteren fudäa wie dem wunderbar anmutigen Galiläa offenbare sich dem Fremden ein neues Gemeinschaftsleben. Die ganze Lebensweise sei ׳ hier von einem starken Gefühl der Gleichheit durchdrungen, — einer Gleichheit der Rechte, die auch zur Gleichheit der Kultur führe. Ob diese Nivellierung nun vom Geiste des Orients oder mehr von dem der ostjüdischen Einwanderer herrühre, sei schwer zu sagen, — aber jedenfalls fühle sich der Fremde hier trotz aller Vorurteile, überrascht und hingerissen durch die Tatsache, daß diese Menschen, vom Chauffeur bis zum Ingenieur, gleichzeitig Arbeiter und Intellektu eile seien. Der Wert und Geist des Zionismus be- . stehe in der Umwandlung des Gedankens in die Tat, und so übe ein jeder seinen Beruf voller Ueberlegung und Bewußtsein und gerade deshalb um so wirkungsvoller aus. Um die Liebe zur Arbeit in jeder Form aufrecht zu erhalten, bedürfe es eines seltenen Idealismus, und di-eser stamme bei den Zionisten aus einer patriotischen Hingabe geistiger Art. Obwohl die meisten Zionisten nicht im eigentlichen Sinn des Wortes religiös seien, finde sich doch kaum einer, der nicht die Bibel und den Talmud verehre, und die großen Grundsätze, auf denen die Ethik des Abendlandes seit Jahrhunderten beruhe, hochhalte. — Ebenso begeistert preist die Verf. die Wiedererweckung und siegreiche Kraft der hebrä* ischen Sprache, der Literatur und des Theaters und die Ein* richtungen der Universität. Die Verf. rühmt dann, wie es in allen derartigen Beschreibungen geschieht, besonders das Schulwerk, wobei sie, als Französin, den Einfluß der Alliance lsra£lite verstärkt sehen möchte. ♦ Jerusalem, die Stadt des Friedens Im Maiheft der amerikanischen Zeitschrift ״World Unity“, die der Förderung der Weltfriedensbewegung und der internationalen geistigen Kooperation dient, steht ein Aufsatz Norman Bentwichs, des ersten Inhabers des Weiz* mann-Lehrstuhles für internationales Friedensrecht, über ״Je* rusalem, die Stadt des Friedens“ (wohl die Wiedergabe seiner Antrittsvorlesung). Bentwich geht von der einzigartigen historischen Doppel-Rolle aus, die Jerusalem ein* nimmt: einerseits als Stadt des Krieges, afs Ziel und Schau• platz vieler Kämpfe von der ältesten Zeit ati über die Kreuz* züge bis in unsere Tage, — andererseits aber als die Heilige Stadt, die Stadt der Gerechtigkeit und des Friedens, von der die größten ethischen und religiösen Bewegungen ausgehen. Von besonderem Interesse sind Bentwichs Ausführungen über die Kreuzzüge, die die ersten Vorstellungen von einer Christ* liehen Völkergemeinschaft und der Möglichkeit eines Völker* bundes hervorgerufen haben. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts entwarf der Franzose Dubois. vom Gedanken an eine Wiedereroberung des Heiligen Landes ausgehend, den ersten Plan für einen Völkerbund, und von Dubois bis zu Kant, also ein halbes Jahrtausend hindurch, beruhten alle Pläne zu einer europäischen Einheit oder einem Völkerbund auf der Vor- Stellung von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Aktion gegen die Ungläubigen zur Befreiung des Heiligen Landes. Auf die Rolle Jerusalems in jüngster Zeit eingehend, vertritt Bentwich einen bekannten Vorschlag, Jerusalem zum Sitz des Völkerbundes zu machen. Das furchtbarste Uebel der neuesten Zeit, die eigentliche Wurzel der Kriege, sei die Anbetung des Götzen Staat, die Verachtung der Menschheit una Menschlichkeit; wenn in den Reichen des Altertums Religionen zu Nationalitäten geworden seien, so werde heute die Nationalität zur Religion. Das über die Welt zerstreute jüdische Volk müse zum Bannerträger einer höheren, altruistischeren Form der Nationalität werden, die den Vorrang des Menschlichen (humanity) anerkenne. Gerade heute, wo die im Grient seit Jahrhunderten erloschene Flamme des Nationalismus plötzlich wieder um sich greife und sich mit dem westlichen Materialismus verbinde, sei diese Aufgabe besonders dringend. Im gleichen Heft der ״World Unity“ veröffentlicht Hans Kohn einen Aufsatz über das soziale Problem im Orient und Im Okzident (Kasten und Klassen). « In der Londoner Zeitschrift ״Headwiy“, die von der englischen Völkerbunds-Union herausgegeben wird, veröffentlient Winifred Paynter einen unpolitischen Aufsatz über das ״Palästina von heute“, in dem besonders das wunderbar malerische Durcheinander der verschiedenen Völkerschaften und Sekten mit ihren charakteristischen Trachten, sowie einige der schönsten heiligen Stätten beschrieben werden.