Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Monatsausgabe Kr. 6, Juni 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Um den Nationalsozialismus Und w*» geschieht mit den Juden? Die Literatur über Deutschland und insbesondere über den Nationalsozialismus ist in letzter Zeit stark angewachsen und findet um so größeres Interesse, je näher die Möglichkeit grundlegender Aenderungen der politischen und sozialen Struktur rückt. Was wird aus Deutschland? — eine Fra^e, die begreiflicherweise auch eine spezifisch ״jüdische“ Seite hat. ״Deutschland so (Hakenkreuz) oder so (Sowjetstern)?“ fragt H. R. Knickerbocker, der bekannte amerikanische Journalist und Reporter. Sein Buch (Vertag Rowohlt, Berlin W 50), läßt aber keinen Zweifel darüber, daß eine kommunistische Revolution nicht in Betracht kommt, und daß Deutschland im Zeichen der ״Aera Hitler“ steht. Diese Berichte aus den wichtigsten deutschen Zentren sind durch kühle Objektivität, gute Beobachtung und exaktes Material ausgezeichnet; er stützt sich auf Daten, Ziffern, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten, und läßt führende Persönlichkeiten selbst zu Worte kommen, mit Verständnis für ihre Position, aber auch mit einer Dosis Skepsis, die den Gegenstandpunkt stets vor Augen hat. Dabei spielt für den Verfasser das Interesse der amerikanischen Gläubiger, die in Deutschland Geld investiert haben, eine große Rolle. Dieses Interesse Amerikas an Deutschland stellt auch Hitler in sein Kalkül ein, der Knickerbocker gegenüber sein außenpolitisches Programm entwickelt. Aus den Aeußerungen der von K. interviewten Führer der Nationalsozialisten ergeben sich höchst bemerkenswerte Aspekte für Deutschlands und Europas nächste Zukunft. Die Judenfrage wird bei all diesen Erörterungen überhaupt nicht erwähnt. Die Persönlichkeiten, die heute schon durch die stärkste Partei indirekt den Kurs Deutschlands beeinflussen, werden uns vorgeführt in dem Buch ״Die Männemm Hitler“, von Edgar von Schmidt-Pauli (Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1932, 4,50 RM.). Es ist die Schilderung eines Enthusiasten, der nur Rühmliches über die fiihrenden Nationalsozialisten aussagt; es ist für jüdische Leser ganz interessant, die Dinge und Menschen einmal in dieser Beleuchtung zu sehen und Einblick in den natioualsozialistisehen ״Betrieb“ zu gewinnen. Der Verfasser klagt darüber, daß sich bei Beurteilung des N. S. viele ״Mißverständnisse“ eingeschlichen haben, was die Juden frage betrifft, so sagt er, wenn überängstliche Kreise von Pogromen u. ä. reden, ״so kann man diese Ausgeburten der Phantasie ernsthaft nicht beachten“. Aber er fährt gleich fort: ״Daß die Abwehrmafinahmen, wenn es notwendig ist, scharfe Formen annehmen werden, damit ist allerdings zu rechnen.“ Im Gegensatz zu Rosenberg hält der Autor ״es für u n c hr i s 11 i c h , eine ganze Rasse mit Haß zu verfolgen“. Aber er meint, die Abwehr der ״Ueberfremdung“ des Deutschtums sei sachlich berechtigt. Man merkt deutlich, wie schwer die Tatsache der antisemitischen Barbarei Schmidt-Pauli in seinen PanegyrÜcus hineinpaßt, aber auch dies wird verteidigt, wie überhaupt das Buch etwas apologetischen Charakter hat. Aber wer sich über die maßgebenden Figuren des N. S. informieren will, der findet hier die biographischen Daten. Der Aufstieg des Nationalsozialismus ist für viele ernste Deutsche ein aufwühlendes Phänomen, das tief in alle Bezirkc der Weltanschauung und der Lebensgestaltung eingreift. Man hat das Empfinden, daß in der kommenden Periode der Nationalsozialismus nicht nur politisch, sondern auch geistig das Schicksal der Nation bestimmen wird. Wir sehen in zahlreichen Schriften und Aufsätzen ein wachsendes Bestreben, die Elemente der neuen Bewegung zu erkennen, zu klären, von Schlacken zu reinigen und für den Aufbau eines neuen Lebens fruchtbar zu machen. In dieser Hinsicht verdient ein Buch erhöhte Beachtung, das unter dem Titel ״Was wir vom Nationalsozialismus erwarten“ im Verlag Eugen Salzer, Heilbronn, erschienen ist. Es ist eine Sammlung von 20 Antworten, herausge^eben von Albrecht Erich Günther, dem Schriftleiter der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“. Riehtunggebend ist der Aufsatz des ehemaligen Sozialdemokraten August W i n ח i g , der seine eigene Bekehrung zu einer ״nationalcn Arbeiterbewegung“ darstellt. Von den sonstigen Beiträgen des Buches interessieren uns vor allem die Auseinandersetzungen von religiöser Seite, und zwar von katholischer ebenso wie von protestantischer, die im allgemeinen den Nationalsozialismus bejahen, aber ihm Grenzen setzen möchten. Sie wenden sich gegen eine absolute Vergottung der Nation, gegen die Usurpation der Rolle der Religion. Der kathofische Autor Dr. Mirgeler bezeichnet den Sozialismus als ״verkappte jüdische Theologie“, während ein protestantischer Autor, Dr. Wilhelm Schreiber, es als ״Protestantenpflicht“ bezeichnet, die verhängnisvolle Herrschaft nicht nur der ״judenhörigen Fortschrittsparteien““, sondern auch der ״jesuitenhörigen Romparteien“ im deutschen Volksgebiet zu brechen. Einen Beitrag ״Versuch einer praktischen Lösung der Judenfrage“ steuert Dr. Wilhelm Stapel bei. Stapel ist in dem Buch doppelt vertreten, und sein Aufsatz ״Forderungeii zur Kulturpolitik“ bestärkt die auch sonst erheblichen Zweifel, ob Stapel als repräsentativ für den Nationalsozialismus betrachtet werden kann. Da findet sich z. B. die Forderung, alle Typen der höheren Schulen zu beseitigen und nur das humanistische Gymnasium bestehen zu lassen — ein Gedanke, der gewiß vielen von uns sehr sympathisch ist, aber es erscheint doch paradox, gerade vom Nationalsozialismus ein solches Kulturprogramm zu fordern. Im übrigen soll in den Schulen parifistischer Unterricht verboten, dagegen den Juden der Pazifismus erlaubt sein. ״Zeitungen dürfen pazifistische Ideen dann vertreten, wenn sie sich ausdrücklich als jüdische Zeitungen bekennen. Denn da das jüdische Volk ein internationales Volk Ist, ist der Pazifismus ein Bestandteil seiner nationalen Gesinnung, und cs soll niemand in seiner nationalen Gesinnug bedrängt werden. Aber diese Freiheit der nationalen Gesinnung darf nicht dazu führen, daß die deutsche nationale Gesinnung diffamiert wird. Pazifisten können sich also ihre öffentliche Wirksamkeit durch Uebertritt zum Judentum (!) ermöglichen.“ Ist in diesem Zusammenhang auch bei der ״Kulturpolitik“ schon von der Judenfrage die Rede, so gibt in dem speziell der Judenfrage gewidmeten Aufsatz Dr. Stapel eine Skizze von der Einordnung der Juden in den künftigen deutschen Staat. Die Juden, so heißt es da, seien ״intellektuelle Soldaten des französischen Imperiums in Deutschland“, da ihre Existenz mit den Ideen der französischen Revolution verbunden ist. Daher müßten die Juden streng von dem Deutschtum, das sein eigenes konservatives Volksideal hat, getrennt werden. Beide Gemeinschaften sollen unverwirrt bleiben. Denn das Gift der Zersetzung gehe nur von der Zwischen- Schicht des Assimilantcntums aus. Ohne daß wir von unserem Standpunkt natürlich alle Einzelheiten des Stapelschen Programms akzeptieren können, muß doch gesagt werden, daß der Gedanke, durch eine achtungsvolle Distanz der beiden Gruppen , als ״Stände“ würden alle Anlässe zur Diffamierung entfallen, einen richtigen Kern hat. Von den übrigen Vorschlägen Dr. Stapels erwähnen wir, daß die Juden von den Berufen des Richters und Erziehers für den Bereich des Deutschtums ausgeschlossen sein sollen, dagegen seien sie für Forschung una Lehre an der Universität, mit Ausnahme der Theologie una der deutschen Geschichte, zuzulassen. Bei Uebertritt zum Deutschtum — Stapel konstruiert auch hier stets eine Gegenseitigkeit — soll erst die dritte Generation wirklich von der anderen Gemeinschaft rezipiert werden, um opportunistische Sclieinübertritte zu verhüten. Der gegenseitige Verkehr von Angehörigen der beiden Gemeinschaften ist natürlich frei, Dr. Stapel faßt den Grundsatz in die Formel zusammen: ״Das Kommerzium bleibt, das Konnubium wird erschwert.״ Eine besondere Stellung innerhalb des Buches nimmt ein Aufsatz von Johann Wilhelm Mannhordt ״Was erwarten die Ausländsdeutschen vom Nationalsozialismus“ ein. Aus diesem Aufsatz, der yielen nationalistischen Lesern des Buches zu denken geben dürfte, zitieren wir folgenden auf das Verhältnis zu den Juden bezugliehen Abschnitt (Sperrungen von uns): ״Wenn von den Erwartungen der Ausländsdeutschen dem Nationalsozialismus gegenüber die Rede sein soll, kann eine sehr heikle Angelegenheit nicht übergangen werden, ln den Augen der Ausländsdeutschen sind die Juden überall in der gleichen Lage wie sie: eine völkische Minderheit. Nur haben sich die Juden in den meisten Wirtsstaaten aus dem Zustand der Unterdrückung emporgehoben in eine Stellung, von der aus sie Wirtschaft und Politik ihres Staates mehr oder weniger stark beeinflussen. Trotz weitgehender Anpassung, namentlich in der Sprache, hat der Kern das Erbe der Väter um so treulicher bewahrt. Wenn dabei die Lehre ausgcbildet wurde, daß man gleichzeitig zwei Völkern angehören könnte oder daß diejuden heute kein Volk mehr seien, so ist das letztlich nichts anderes als ein kluges Abwehrmittel der Mimikry gegen die Gefahr sowohl der Assimilierung wie der Verfolgung. Wenn auch die Ausländsdeutschen zur Erhaltung ihres Volkstums andere Wege gehen, so können sie doch nicht umhin, den Weg der Juden zu beobachten, von ihm zu lernen und ihn zu bewundern. Das ist die grundsätzliche Haltung der Ausländsdeutschen, die in ihre Aufgabe ein Denken und Wollen hineinschicken, Im übrigen wissen sie, daß das Verhältnis des Wirtsvolkcs zu den Juden und umgekehrt überall sehr verschieden ist, daß es in Deutschland besonders schwierig ist. In der Volksdeutschen Bewegung ist von neuem die Stimme des Blutes erwacht una fordernd neben die des Verstandes getreten, eine Kombination, die die Juden bisher als ihr Geheimnis gepflegt haben“. Das und die bevorzugte Lage der jüdischen Minderheit im heutigen Deutschland hat zu einer Verstärkung der Spannung zwischen Minderheit und Wirtsvolk in Deutschland geführt, die die Partei sich chaotisch entladen läßt. Die Ausländsdeutschen, zu denen die Deutsch- Österreicher selbstverständlich nicht 7.u rechnen sind, nehmen hierzu keine Stellung, sie erwarten aber, daß der Nationalsozialismus auch hier das gesamtdeutsche Interesse nicht außer acht läßt. In vielen Staaten, in denen es eine deutsche Minderheit gibt, kämpft neben ihr eine jüdische. So verschieden ihre Wege auch oft gehen, so oft sind beide doch aufeinander angewiesen; denn das Ziel ist gemeinsam, und oft genug kommt es zu verständnisvoller Zusammenarbeit, deren Störung auch den Deutschen schaden würde. Dazu tritt noch etwas anderes: Im europäischen Osten ist heute noch fast überall das Judentum Mitträger deutscher Zivilisation. Das Deutsche oder das von den Deutschen ohne weiteres zu verstehende Jiddisch ist die Sprache, in der sich die östlichen Juden untereinander und mit den Deutschen überall verständigen. Daraus erwächst sowohl den Juden wie auch den Deutschen ein großer Vorteil. Es bedeutet für die deutsche Wirtschaft und darüber hinaus für die deutsche Politik in Südosteuropa etwas Aehnliches wie die subsidiäre Herrschaft der französischen Sprache im Nahen Osten für Frankreich oder der englischen Sprache im Fernen Osten für England. Die Auslandsdeutsehen im Osten erwarten, daß dieser Zustand, der ebenso ihr wie ein gesamtdeutsches und ein g e s a m t j ü d i s c h e s Interesse ist, nicht gestört wir d.“ ״Der Jud ist schuld ...?“ Ein Sammelbuch, besprochen von Gustav Krojanker. Unter dem fragenden Titel ״Der Jud ist schuld...?״ ist (im Zinnen-Verlag Zürich) ein ״Diskussionsbuch über die Judenfrage“ erschienen. Etwa 40 Autoren diskutieren, und das heißt: jeder sagt seins. Dem Leser aber, nachdem ihm derart das Für und Wider beredt klargemacht wurde, ist der Gegenstand nun vollends unklar geworden; ihm ist, als hätte ihn einer mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. Jede Diskussion nämlich, um sinnvoll zu sein, setzt, bei aller Meinungsverschiedenheit über den Diskussionsgegenstand selbst, eine gewisse Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit des Denkens und Empfindens im allgemeinen voraus. Ohne diese Grundlage entsteht kein Diskussionsbuch, sondern eine Dokumentensammlung, ein Aktenstück für den Historiker, der einstmals allerdings aus diesem Buch für die Erkenntnis der deutschen Geistesverfassung um 1932 wertvolles Material gewinnen wird. Im ersten Teil des Buches tritt hintereinander die schwere Garde des Antisemitismus an: vierzehn Autoren, zweihundertdreißig Seiten lang. Wer das in einem Zuge liest, schwankt auf seinem Sessel; eine schwere Gleichgewichtsstörung stellt sich ein, die Elemente tanzen durcheinander, die Welt präsentiert sich verdreht und verzerrt, und nichts bleibt als Uebelkeit. Die Verwirrung ist um so größer, als nicht einmal in der Verzerrung selbst einige Methode herrscht. Die Herren sind untereinander höchst uneinig: sei es in ihrer Stellung zum Christentum, sei es in ihrer Beurteilung der Rassenfrage. Damit aber ist gesagt, daß bei ihnen auch keinerlei Einigkeit über das Bild jenes besseren Deutschtums besteht, das sie erstreben. Einig sind sie sich nur in ihrem Haß gegen das Fremde, als das der Jude sich so bequem und jedem von ihnen als Symbol dessen Mietet, was ihm besonders bekämpfenswert erscheint. Ich kann mir nicht versagen, einige der Argumente willkürlich herauszugreifen, mit denen dies Haßgefühl vor dem Forum des Verstandes und einer höheren Sittlichkeit gerechtfertigt werden soll. Dabei mag die Frage, ob jeweils nur grobe Unwissenheit oder auch Mangel an gutem Glauben vorliegt, unentschieden bleiben; bei den intellektuellen Wortführem einer Richtung, die mit dem höchsten sittlichen Pathos zu Felde zieht, besteht moralisch kein großer Unterschied zwischen diesen beiden möglichen Ursachen. Graf Reventlow behauptet, die Zionistische Weltorganisation habe ״durch ihre gewaltigen Geldmittel entscheidend zu Deutschlancls Niederlage beigetragen“. Gottfried Feder scheut sich nicht, die Ritualmordbeschuldigungen wieder aufzurühren. Nach ihm sind die Beschuldigten immer nur ״nach zumeist sehr fadenscheiniger Begründung“ wieder freigelasse/1 worden. Das Gesamtjudentum hat es verhindert, ״klares Licht verbreiten zu lassen“. Das ist um so einleuchtender, als es im jüdischen Schrifttum ein Wort gibt, ״das jeder Jude kennt, und zwar im hebräischen Wortlaut: Auch den Besten unter den Nichtjuden soll man totschlagen.“ Besonders gründlich hat sich Herr Werner, Professor und Doktor und Präsident des hessischen Landtages, über das Judentum informiert. Er hat herausgefunden, daß die Juden im Osten den Talmud studieren und daß es auch heute noch Talmudschulen gibt, ״so auch bei den Juden in Tripolis“ — und woher hat er diese erstaunlichen Kenntnisse? Aus der ״Berliner Morgenpost״ vom 1. Oktober 1912! Alfred R 01 h - Hamburg seinerseits meint, er dürfe wohl aussprechen, daß• ״die langdauernde Wirtschaftskrise den Juden wahrscheinlich nicht unerwünscht“ gekommen ist, jetzt können sie nämlich billig aufkaufen und später großen Qewinn machen. Der Literat Hans Hauptmann nennt den ״Zusammenbruch, von Hugo Stinnes ein erschütterndes Beispiel für die Bedenkenlosigkeit, ״mit der die Juden ihre wirtschaftliche Macht jeweils mißbrauchen“. ״Die Krönung dieses Verfahrens war die ganzliehe Auspowerung des deutschen Volkes durch den gigantischen Schwindel der Inflation.“ Und so fort: man könnte Seiten damit füllen, la diesem ganzen Kreis, zu dem übrigens auch Literaten wie Wolzogen und Richard Schaukal gehören, ist nur der eine Stapel, dessen Auffassung und Haltung wenigstens noch eine Diskussionsbasis abgibt. Im ganzen gesehen geht uns das alles nichts an. Es mag uns noch so schmerzhaft treffen — das ist nicht unser Problem. Hier liegt eine Krankheitserscheinung vor. Nicht als ab es nicht immer einen Antisemitismus auch dieser Art gegeben hätte, aber niemals noch hat er für solche Massen sprechen können. Er sagt nichts über uns aus, aber alles über den seelischen und geistigen Zustand eines Volkes, das nach Krieg, Niederlage und Inflation nun auch noch in das Unglück dieser Wirtschaftskrise geglitten ist. Und vergessen wir nicht, daß heute in diesem Lande eine deutsche Partei über die andere mit Methoden herfällt, die in nichts gelinder sind als die antisemitische. Wir dürfen das sagen, weil unsere Erkenntnis von dem Urgrund des Antisemitismus uns vor der Gefahr und dem Vorwurf schützt, ihn bagatellisieren zu wollen. Aber gerade weil wir ihn schon in den ruhigsten Zeiten erkannt und unsere Stellung dadurch haben bestimmen lassen, können wir gefaßter auf jene Flut sehen, über deren mögliches Heraufkommen uns auch der Ebbestand niemals getäuscht hat. Der antisemitischen Ouvertüre des Buches folgt eine merkwürdige Einteilung. Vor dem zweiten Teil nämlich, dem projüdischen, der infolgedessen auch — außer von Heinrich Mann, Graf Coudenhove-Kalergi und CL M. Graf — nur von jüdischen Autoren bestritten wird, ist eine Abteilung mit dem irreführenden Titel ״Für und Wider״ eingeschaltet. Tatsächlich aber ist es ebenso unmöglich, die (durchweg nichtjüdischen) Autoren dieses Abschnitts auf einen Nenner zu bringen, wie sie zu dem zweiten Teil in einen irgendwie gearteten Gegensatz zu setzen. Diese Einteilung hätte nur einen Sinn, wenn der zweite Teil reine Apologie enthielte, während der Zwischenteil das Problem in vernünftiger Erkenntnis behandelte. Tatsächlich geht beides durcheinander. Ich fasse hier zunächst die Gruppe der Apologeten zusammen, die als Nichtjuden sagen, es sei gar nicht so schlimm und es werde sich schon ein renken, und die als Juden entweder Angriffe zurückweisen oder dartun, was wir alles geleistet haben. Auch das sehr ungleich. Ich kann mir denken, daß ein warm und lebendig geschriebener Aufsatz wie der Von Ismar Elbogen, in dem die Unkenntnis der im jüdischen Schrifttum wühlenden Antisemiten angeprangert wird, so viel Wert hat, wie eine solche Apologie haben kann. Aber ich kann mir auch denken, daß ein Aufsatz wie der von Heinz L iepmann, der die (in der Tat mehr als fragwürdigen) Beziehungen zwischen! Marxismus und Judentum in der üblichen liberalen Manier ableugnet, genau das Gegenteil anrichtet. Ebenso־ dürfte es sehr fraglieh sein, ob die Aufzählung der jüdischen Leistungen in der deutschen Wirtschaft (Z i e 1 e n z i g e r) die antisemitische Auffassung nicht mehr bestärkt als entkräftet. Eher könnte schon Theilhabers Darstellung der jüdischen Mitwirkung in Natur- Wissenschaft und Technik einigen Eindruck machen. Die übrigen Autoren bieten jeder ihre Lösung; man kann sie nicht alle aufzählen. Da treten die Kommunisten, und zwar kollektiv als Zentralkomitee der KPD., auf und geben einen umfangreichen Auszug aus Otto Hellers Buch. Da erscheint Arthur Holitschcr und bietet auch seinerseits die kommunistische Lösung. Da ist Lion Feuchtw anger vertreten, und er präsentiert nochmals seine bereits bekannte Anschauung von dem leicht-fertigen jüdischen Nomaden, dem im Gegensatz zu dem schollegebundenen Bauern die — bekanntlich fortschrittliche — Zukunft gehört. Man ist doch einigermaßen erstaunt, dies sonderbare Stück Literatur, das der Druckerpresse schon mehrfach zur Verbreitung an vertraut wurde, nun auch und sogar in diesem Rahmen wiederzufinden. Schließlich kommen auch mehrere ,zionistische Autoren zu Worte. Neben einigen kurzen Bemerkungen von Max Brod ist hier vor allem der grundsätzliche Aufsatz von Robert W e 11 s c h zu nennen. Er fragt nach der Bedeutung der Judenfrage für den Juden, und indem er das in zionistischem Geiste tut, zeigt er tatsächlich auch den Deutschen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es ist eine sehr sachliche und konzentrierte Darstellung, und rührt an viele der Probleme, die das Buch sonst nur sporadisch, je nach Haltung des Autors, aufwirft. Diese Abteilung des Buches enthält ferner einen höchst wertvollen Beitrag von Adolf Böhm, der in vorbildlicher gedrängter Zusammenfassung zeigt, wie weit der zionistische Gedanke bereits seine Vervvirklichung gefunden hat. Alles in allem:• ein Chaos von Stimmen und Meinungen. Indes gehen die Dinge ihren Weg, unbeeinflußt von Druckerzeugnissen. Aber wenn das alles vorübergebraust ist und das Leben selbst neue Ordnungen geschaffen hat, mag ein beneidenswerter Enkel in einer schönen Bibliothek unter der Lampe sitzen und nicht zumindest auch aus diesem Buch feststellen, wie es eigentlich anno dunnemals in Deutschland ausgesehen hat. Zehn jüdische Konsuln in Palästina. Der Leiter des Palästinensisch-Bulgarischen Instituts, Moses Schelousch, wurde zum bulgarischen Konsul in Palästina mit dem Sitz in Tel- Awiw ernannt. Zehn Juden vertreten als Konsuln auswärtige Länder in Palästina: M. Dizengoff ist belgischer, Dr. Simon Rosenbaum litauischer, Rokach rumänischer, Tadros norwegischer, Litvinski estnischer und jetzrt Schelousch bulgarischer Konsul in Tel-Awiw. ferner ist Van Vriesland holländischer Konsul in Jerusalem und A. Rosenfcld belgischer Konsul in Haifa. Außerdem fungiert der frühere Sejmdeputierte Bernhard Hausner als polnischer Handelsattache für Palästina und den Nahen Osten.