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Jüdische Rundschau · 1932-06-01 · 6 (6.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
6 (6.1932)
Date
1932-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 6, Juni 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Erklärung zur Beruhigung Die Jüdische Telegraphen-Agentur verbreitet folgende Erklärung: ״Im Zusammenhänge mit den pessimistischen Betrachlungen einer Reihe jüdischer Zeitungen in Deutschland in bezug auf die Gestaltung der inneren Lage wird uns von einer gut informierten Persönlichkeit mitgeteilt, daß zu irgend• welchen Besorgnissen keinerlei Anlaß besteht. Alien bisherlgen Aeußerungen des neuen Reichskanzlers von Papen und den offiziellen Regierungserklärungen ist klar zu ent• nehmen, daß die neue Reichsregierung entschlossen ist, im Sinne der vom Reichspräsidenten von nindenburg ihr übertragenen Aufgabe die Verfassung strengstens zunandhaben und es nicht zuzulassen, daß die Gleichberechtigung des einen oder anderen Teils der Bürger angetastet oder daß sonst von Staats wegen einer Klasse oder Religion mit Voreingenommenheit begegnet wird. Auch die in den letzten Tagen vollzogenen Neuemennungen hoher Beamter bieten hierfür eine Gewähr.“ Die von einer anonymen Stelle der J. T. A. übergebene Erklärung bezeichnet als Anlaß, warum sie gegeben wurde, die .,,pessimistischen Betrachtungen einer Reihe jüdischer Zeitungen in Deutschland“. Man wird aber in der Annahme nicht fehlgehen, daß diese Erklärung mehr für den Export als für den Inlandsbedarf gedacht ist. Es wird in ihr strengste Handhabung der Verfassung unter Berufung auf den Reichspräsiclenten versprochen und eine staatliche Voreingenommenheit gegenüber einer Klasse oder Religion (gemeint ist die jüdische — A. d. R.) in Abrede gestellt. Zum Beweise beruft sich die Erklärung auf die bisherigen offiziellen Regierungsäußerungen und auf die Personalpolitik des neuen Kabinetts. Damit spielt man wohl auf die Ernennung des neuen Reichspressechefs, des Geheimrats Kaufmann an, der angeblich jüdischer Abstammung ist und gegen dessen Ernennung die nationalsozialistische Presse vorher energisch protestiert hatte. Die Erklärung soll zur Beruhigung der jüdischen Oeffentlichkeit im Auslande und im Inlande dienen und scheint für jüdischen Gebrauch einer jüdischen Agentur übergeben worden zu sein. Es ist in diesem Zusammenhänge zunächst höchst bezeichnend, daß man es überhaupt für notwendig erachtet, von der Gleichberechtigung und UnVoreingenommenheit gegenüber einer bestimmten Religion zu sprechen. Dieser Vorgang mutet wie Mittelalter an. Auch damals lugten die Juden ängstlieh und neugierig aus, wie der neue Landesherr, Duodezfürst oder Erzbischof persönlich sich zu den Juden stellen wird. Daß man auch im Zeitalter des Rechtsstaates solche Erkläruugen abgibt und daß viele Hörer solcher Worte daraus Beruhigung schöpfen, ist ein Beweis, daß die Frage der jüdischen Gleichberechtigung eigentlich noch als strittig betrachtet wird. Diese Feststellung beleuchtet die Situation, in der gegenwärtig die Juden in Deutschland leben. Die neue Regierung hat in ihrer Programmerklärung den Wunsch ausgedrückt, daß man sie, die keine Versprechungen geben will, nach ihren Taten beurteilen möge. Zu Taten speziell auf dem Gebiete wirklicher Beruhigung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gibt es sehr viele Gelegenheiten. Man ziehe nur die Ereignisse der letzten Tage in Betracht! Terror gegenüber jüdischen Menschen in allen Gegenden Deutschlands. Systematische, tagelang andauernde Ueberfälle auf harmlose jüdische Passanten in einzelnen Großstädten, Verunglimpfungen, Belästigungen und oft schwere Körper- Verletzungen, wie das Niedertrampeln einer jüdischen Studentin in Breslau, Einschlagen der Fensterscheiben in jüdischen Wohnungen, Demolierungen jüdischer Läden, Synagogen- und Fried* hofsschändungen a!s tägliches Vergnügen der Judenhasser, Rede-Exzesse nationalsozialistischer Agitatoren in Versamm- Jungen und in Parlamenten (man halte sich die Ausführungen des Abgeordneten K u b e im Preußischen Landtag vor Augen, der u. a. den jüdischen Beamten einen Auszug aus den Aemtern androht, gegen den der seinerzeitige Auszug der Juden aus Aegypten ein Kinderspiel gewesen sei) — all das sollte Anlaß genug sein, daß die Reichsregierung, wenn sie wirklich gewillt ist, die Gleichberechtigung aller Bürger zu wahren und die Voreingenommenheit gegenüber einer Religion weit von sich zu weisen, gegen diese Vorkommnisse ein energisches Wort spreche. Schon bisher haben wir auch unter der Regierung Brüning schmerzlich vermißt, daß die verantwortlichen Regierungsstellen im Reiche ein klares Wort gegen die antisemitischen Exzesse gefunden hätten. Bei aller Würdigung der guten Absichten und der staatsmännischen Leistungen des früheren Reichskanzlers Brüning haben wir mehrmals, u. a. anläßlich der Kurfürstendamm-Krawalle vom September 1931, darauf hinweisen müssen, daß die Reichsregierung es vorzog, sich in Schweigen zu hüllen und eine energische Zurückweisung derartiger Vorkommnisse der preußischen Regierung Braun- S e v e r i n g überließ. Hat es nun schon die Regierung Brü ning an energischen Worten und Taten gegenüber den von den Hakenkreuzlern als Gewohnheitsrecht betrachteten Exzessen gegenüber den Juden fehlen lassen, so kann man nur schwer hoffen, daß die neue Regierung, die sich auf die Duldung der Nationalsozialisten stützt, trotz der zur Beruhigung dienenden ״informierten Persönlichkeiten“ in dieser Hinsicht anders prozedieren werde. Wir haben wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß die Situation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland weniger von jeweiligen Kabinetten als von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tendenzen abhängig ist. Man halte sich nur die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen in Oldenburg und in Mecklenburg vor Augen. Wir ziehen hierbei nicht so sehr die politischen Rückwirkungen in Betracht, die sich aus dem bisher ungehemmten Ansteigen der nationalsozialistischen Stimmengewinne für die Länder- und Reichsregierung ergeben. Vielmehr interessiert uns in diesen Wahlergebnissen die schwere geistige, soziale und wirtschaftliche Krise, welche das Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmenflut erklärlich macht. Diese Krise gilt es genau zu beachten und zu erforschen und im Wege jüdischer Geschlossenheit die Wirkungen ihrer Ent- Wicklungen aufzufangen. Allerdings ist die Entfaltung der jüdischen Selbsthilfe und deren Betätigung in einem gewissen Grade von den politischen Voraussetzungen abhängig, die im Staate herrschen. Aber auch diese Zustände können in ihrer Rückwirkung auf die jüdische Gemeinschaft in einem gewissen Ausmaße durch die jüdische Gemeinschaft selbst beeinflußt werden. Dem in Entstehung begriffenen Reichsverband deutscher Juden können in dieser Hinsicht bedeutsame Aufgaben erwachsen. Wir sind durch die Erklärungen des neuen Kabinetts weder beruhigt noch beunruhigt. Mit dem Blick auf die jüdische Geschichte, in Erkenntnis des gesamtjüdischen Problems sind wir in bezug auf Tagesvorkommnisse einigermaßen gelassen. Von draußen gesehen Die indische Sifnaflon in Denisddand Für die Regierungskrise in Deutschland kann nur sehr schwer eine Lösung gefunden werden, denn die vom Reichs- Präsidenten empfohlene Regierung der ״nationalen Konzentration“, deren Bildung Franz von Papen anvertraut wurde, scheint nur einen Uebergangscharakter zu tragen. Nach allgemeiner Meinung soll der jetzige Zustand in Verbindung mit Reichstagsauflösung und neuen Wahlen zu einem Regime führen, das seine parlamentarische Stütze hauptsächlich in der nationalsozialistischen Partei finden soll. Es gibt viele Stimmen, die freimütig erklären, es wäre besser gewesen, auf die Regierung Brüning eine Regierung Hitler folgen zu lassen, denn dadurch würden, vom Standpunkt der Qegner des Nationalsozialismus gesehen, klare Verhältnisse geschaffen werden. Die so sprechen, machen ihre Rechnung ohne die National- Sozialisten, weiche im gegebenen Augenblick wenig Neigung zeigen, das Regierungssteuer zu ergreifen. De Uebergangsregierung der ״nationalen Konzentration“ wird sich, was vorauszusehen ist, vor allzu krassen Entscheidungen und vor scharf formulierten Erklärungen hüten. Ihre Taten aber werden sich, der Stellung ihrer Mitglieder entsprechend, merklich unterscheiden von den bisher geübten Regierungsakten. Uns interessiert in diesem Zusammenhänge in erster Linie die Rückwirkung der neuen Situation auf die Juden. Sofern die Judenfrage überhaupt eine Rolle spielen wird, ist zu vermuten, daß die Haltung der neuen Regierung in bezug auf die Juden, aller Voraussicht nach, korrekt und entsprechend den geltenden Gesetzen sein wird. Wäre die jüdische Situation und das prinzipielle Schicksal der Judenheit in Deutschland nur von jeweiligen Regierungen und deren Erklärungen abhängig, so würde das neue Regime keine merkliche Wende bedeuten. Aber diese Regierung ist im gegebenen Augenblick kein adäauater Ausdruck der wirklich miteinander ringenden wirtschaftlichen und sozialen Tendenzen, •und deren Bewegungsrichtungen kehren sich gegen die in Deutschland lebenden Juden. Der Eindruck der Ereignisse in Deutschland auf die uden im Ausland ist außerordentlich stark. Dieses hänomen mag auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, denn die deutschen Juden bilden kaum 3l/a Prozent der jüdisehen Gesamtheit in der Welt, und die einst überragende Bedeutung der deutschen Judenheit für die jüdische Gesamtheit besteht nicht mehr. Statisch gesehen ist die Wirtschaftliehe Situation der־ Juden in vielen Ländern trauriger als die der Juden in Deutschland. Weder der Zahl nach, noch wegen der bei ihnen herrschenden Notlage sollten also die Juden in Deutschland das Hauptinteresse der Juden in allen Ländern der Welt auf sich ziehen. Wäre die deutsche Judenheit der einzige kranke Teil am jüdischen Volkskörper, so könnte man begreifen, warum sich die Augen der Welt judenheit wie fasziniert nach Deutschland richten, um die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland mit Bezug auf die Juden zu verfolgen. Aber das jüdische Volk steht in den meisten Ländern der Welt unter einem starken politischen und wirtschaftlichen Duck, und das Interesse, welches es jetzt an der deutschen Judenheit nimmt, ist nicht nur aus dem Gefühle jüdischer Solidarität und aus dem Mitleid für die deutschen Juden zu erklären. Die eigentlichen Oründe für die geradezu fiebernde Anteilnahme an dem Schicksal der deutschen Juden sind irgendwo anders zu suchen. Wir erhalten von einem gelegentlichen Mitarbeiter im Auslande eine Betrachtung über die Ursachen, die die isn Auslande lebenden Juden veranlassen, ihre eigenen Nöte und Probleme zu vergessen und sich im Augenblick fast ausschließlich mit dem Schicksal der deutschen Juden zu beschäftigen. Nach der Auffassung des Auslandes und der Juden im Auslande ist Deutschland gegenwärtig der Prüfstein für Menschheitsbewegungen und Kampfarena grundlegender sozialer Prinzipien geworden. Auf die Juden bezogen, ist es der Schauplatz prinzipiell möglicher jüdischer Entscheidungen. In keinem Lande der Welt sind, jüdisch gesehen, und auch im Verhältnis der jüdischen Gemeinschaft zur Umwelt, die grundsätzlichen Linien so scharf hervortretend wie in Deutschland. Die polaren Bewegungen der Gegenwart, Faschismus und Kommunismus, sind theoretisch und politisch in Deutschland am schärfsten ausgeprägt. In Deutschland ist der Versuch einer Einfügung des jüdischen Elementes in das Staats- und Volksleben von *üdischer Seite am energischsten gemacht worden. De Ideoogie der Angleichung an die Umgebung, der Säkularisierung der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora ist in Deutschland am schärfsten herausgearbeitet worden. In keinem Kulturkreise haben jüdische Menschen an allen Leistungen der Volksgemeinschaft in so hohem Grade wie im deutschen Anteil genommen. In keinem Lande ist der kulturelle, zivilisatorisene und wirtschaftliche Aufstieg des jüdischen Elementes so bedeutend und auch so umfassend gewesen wie in Deutschland, und trotzdem ist in keinem Lande des Westens gegenwärtig das klägliche Ergebnis so klar und scharf zutage getreten, das Dasein als Jude und Mensch in der Daspora normalisieren zu wollen, obwohl die deutschen Juden kaum 10/0 der Gesamtbevölkerung bilden. 120 Jahre seit der Emanzigetragene Üeberzeugung,“ daß “das Judenproblem gelöst sei, Lockerung der Beziehungen zu der jüdischen Gemeinschaft in der übrigen Welt, der immer wieder geäußerte Olaube, man sei vom Ahasver-Fluch befreit — all das muß man sich vor Augen halten, um zu verstehen, wie furchtbar der Sturz der deutschen Judenheit aus allen ihren Himmeln von den Juden im Auslande empfunden wird und wie erschütternd dieses Geschehen auf alle Juden im Auslande zurückwirkt. Wenn, so schließt man draußen, das Experiment einer Normalisierung des jüdischen Seins in der Diaspora in Deutschland mißlungen ist, dann scheint damit der Beweis erbracht, daß der Weg der Judenheit in den letzten 150 Jahren, vielleicht ohne ihre Schuld und zwangsläufig, ein Irrweg gewesen ist. Wenn die kulturell hochstehenden Juden in Deutschland trotz der Rolle, die sie im Leben der Gesellschaft und im Aufbau der deutschen Gemeinschaft gespielt haben, jetzt aus dem Staats-, Wirtschafts• und Gesellschaftsleben als Fremdkörper hinausgedrängt werden, wenn sie nach hundertzwanzigjähriger Bemühung, sich restlos einzufügen, jetzt nackt und bloß wieder dahin zurückkehren müssen, woher sie vor 120 Jahren kamen, nämlich in die Isolierung, dann ist bewiesen, daß es ein Irrtum war, zu glauben, man könne individuell-isoliert als Jude und Mensch in der Diaspora sein Dasein normal gestalten. Das halten sich die Juden im Ausland vor Augen, und sie betrachten den Teil der jüdischen Gesamtheit in Deutschland als ein Paradigma für alle Teile der Diaspora-Judenheit. In Deutschland wird jetzt das Schicksal des Diaspora-Judentums entschieden. Man erkennt im ausländischen Judentum die prinzipielle Schicksalsgleichheit der jüdischen Gemeinschaften in allen Diaspora-Ländern. Uebergangsregierungen, Hitler-Regime mit allen Schwankunen im Empfindungsleben der deutschen luden, die Reaktion er jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auf die politischen Vorgänge, die Haltung der beherrschenden geistigen und weisende Symptome *für Entwicklungsmöglicükeiten, die früher oder später in gleichen, ähnlichen oder je nach Ländern und Zonen abgestuften Formen sich überall äußern, die Juden zwingen werden, ihre wahre Situation zu erkennen und endlieh zur wahren Emanzipation, der ״Auto-Emanzipation“, zu gelangen. IlllllUllllllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllliniltlllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllllllllllliniltllllinillllllllllllllllllllllllllinillllllllllllllinillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Hauptmann Goerings Judenprogramm Der nationalsozialistische Reich-stagsabgeordnete Hauptmann Goering, bekanntlich die ״rechte Hand“ Hitlers bei seinen innerand außenpolitischen* Aktionen, hat in einem Gespräch mit dem bekannten italienischen Publizisten Pietro Solari, Berliner Vertreter der Turiner ״Ga-, zetta dei Popo Io“, einer der einflußreichsten und ver-k verbreitetsten faschistischen Zeitungen, das Judenprogra'mm der Nationalsozialisten entwickelt. Er führte aus: Endziel der Hitler-Bewegung ist die Erneuerung des deutschen nationalen Lebens. Das nationalsozialistische Regime wird keine Ehen zwischen Deutschen und Individuen der schwarzen oder gelben Rasse erlauben, ebensowenig werden wir Ehen zwischen Deutschen und Juden dulden. Ein deutscher Bürger oder eine deutsche Bürgerin, der oder die sich mit einer Jüdin oder einem Juden verlobt, wird automatisch das Bürgerrecht im deutschen Staate verlieren. Für uns, fuhr Goering fort, ist die J u d e n f r a g e grundlegend nicht bloß vom Rassenstandpunkt aus. Der Nationalsozialismus verteidigt sich gegen die Juden, er verfolgt sie nicht. Wir verteidigen uns gegen das Judentum, nicht gegen die jüdische Religion. Im Dritten Reich wird die religiöse Freiheit ganz und vollständig sein für alle Bekenntnisse, die nicht gegen die Gewohnheiten und das moralische Empfinden der germanischen Rasse verstoßen. Es wäre töricht, uns zu unterschieben, daß wir speziell die mosaische Religion verfolgen wollen, die uns als solche gleichgültig läßt. Wir verteidigen uns gegen ein Element, das unserer Rasse fremd ist, gegen ein störendes und vergiftendes Element, das den Deutschen schon unberechenbaren Schaden zugefügt hat. Seit langem schon, speziell aber gegen Kriegsende und in der Nachkriegszeit, wurde Berlin der Hauptar.ziehungspunkt für alle galizischen und russischen Juden. Sie kamen in Scharen, mit ihren Kaftanen und ihren Läusen, ohne ein anderes Erbe als unersättliche Habsucht. Berlin wurde der Filter dieser Hefe. Nach einigen Monaten hatten sie schon gelernt, sich europäisch zu kleiden, deutsch zu sprechen und schließlich auch zu baden. Die meisten hatten verdient, viele sind reich geworden. Aus den Vierteln des Ostens übersiedelten sie in die des Westens, und mehr als einer, der am Schlesischen Bahnhof im Kaftan angekommen war, reiste nach einigen Monaten vom Bahnhof Zoo nach London, Paris oder Amerika ab, in einen nicht wiederzuerkennenden europäischen Gentleman verwandelt, rasiert und arfümiert. Immerhin, für einen, der abreiste, blieben und leiben zehn zurück. Es bleibt die Hefe der Hefe zurück, die nicht durch den Filter gegangen ist Das Dritte Reich, sagte Goering, wird kategorische Gesetze schaffen, um neue Einwanderung aus Polen, Rußland oder irgendwelchen anderen Ländern der Welt zu verhindern. Die Juden, die seit dem 2. August 1914 ins Reich eingewandert sind, werden ausgewiesen werden. Alle Juden, die in irgendeiner Beziehung die deutsche Nation beleidigt haben, werden an die Grenze gebracht oder aut gesetzlichem Wege, je nach dem begangenen Verbrechen, bestraft werden. Wir werden alle Juden, die nicht aus dem Auslande eingewandert sind, aus den leitenden Stellungen entfernen, ebenso aus der Presse, aus dem Theater, aus dem Film, aus der Schule und aus den Universitäten. Schließlich aus jedem Amt, aus jeder Würde, aus jeder Stellung, in der sie ihren zerstörenden antinationalen, internationalen oder bestenfalls anationalen Einfluß zum Schaden des deutschen Volkes ausüben könnten. Es ist gesagt worden, sagte Goering weiter, daß wir gegen die Juden die Todesstrafe anwenden werden. Das ist falsch. Der anständige israelitische Kaufmann, der in Deutschland als Fremder bleiben will, unter dem Schutz des Gesetzes, unter dem alle Fremden leben werden, wird ungestört seinen Geschäften nachgehen können und wird keinerlei Schaden erleiden. ״Gazetta del Popolo“ knüpft an die Ausführungen Goerings die Bemerkung, das faschistische Italien, welches den Juden als ausgezeichneten italienischen Bürger kennt, hat für einen solchen Ausbruch des Judenhasses kein Verständnis; dieser Haß und die Form seiner Aeußerung wirken auf den Italiener abstoßend. Gastvorlesungen ln Jerusalem In den letzten Monaten sind an der Universität Jerusalem eine ganze Anzahl von Gastvorlesungen gehalten worden. So hielt Prof. Franz Oppenheimer einen Vortrag über die Theorie der Konkurrenz. Prof. L. L. Silverman vom Dorihmouth College (U. S. A.) und Herr C. E. Winn, Dozent der Mathematik an der ägyptischen Universität in Kairo, sprachen über mathematische Themen. Ebenso behandelte ein Vortrag von Prof. Selig Brodetzky (Leeds) die Bedeutung der Mathematik im modernen Denken. Der bekannte Schriftsteller Arnold Zweig sprach über den Geist der Erzählungskunst und Dr. George Sarton über mittelalterliche Wissenschaft und Kultur mit besonderer Berücksichtigung der arabischen Literatur. Ganz besonderes Interesse fand schließlich ein Vortrag von Prof. Ephraim Speiser über seine Ausgrabungen in Babylonien. Schließlich sei erwähnt, daß Prof. L, Roth, der den Achad Haam-Lehrstuhl für Philosophie innehat, am Todestage Achad Haams die alljährlich stattfindende Gedächtnisvorlesung hielt. Das Thema der Vorlesung war diesmal: ״Verstand una Wille als religiöse Faktoren“.

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